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Zweites Kapitel

Der liebe Gott, nähme er wieder einmal Menschengestalt an, um unter seinen Erdenkindern zu wandeln, und versetzte er sich zu diesem Zweck plötzlich in ein Hotelzimmer im Westen irgend einer Großstadt, auch der liebe Gott hätte hier nur zwischen zwei Dingen die Wahl: entweder auf die Straße rennen, um sich mit irgendeiner Predigt lächerlich zu machen, oder telefonieren. Lea Herse telefonierte.

Nach dem Auspacken der Koffer war sie allmählich in den kleinen Champagnerschwips der Ankunft hineingeschliddert. Der Chauffeur hatte vor Freude über ihr Trinkgeld fast geheult und der Portier hatte sie begrüßt wie ein Ehrenmitglied des Geheimbundes »Ging-Gang-Genkerlein and Company«. Die Liftjungen waren wie die Ziegenböckchen vom letzten Aprilwurf um sie herumgesprungen und die Zimmerzofe, als sie versicherte: »Die Toilette ist im Gang schräg vis-a-vis ganz hinten links um die Ecke«, hatte deutlich gelächelt: »Das kommt für Dich Reh aus der Glonn natürlich gar nicht in Frage!« Jetzt trug sie ihr Lichtgrünes und telefonierte. Des Jahrhunderts dicke Bibel lag aufgeschlagen von Par bis Paw vor ihr, die Nummer war schnell gefunden.

Zentrale Hotel, Amt, Zentrale Pasternak, Herr Professor ist noch nicht im Haus, tüt – tüt – tüt.

Gottseidank. Das war ein Fingerzeig des Himmels. Was hätte sie sagen sollen, wenn sie jetzt plötzlich seine Stimme gehört hätte? Erst in der Sekunde, da die kühle Muschel an ihrem Ohr gelegen war, hatte sie die Gefahr erkannt. Sie war eine Träumerin, jawohl, noch immer viel zu tief im Traum der Glonn versunken. Viele Träume der letzten zwei Wochen waren ausgeträumt und abgestoßen, doch auch die kühlsten Pläne der Glonn erwiesen sich jetzt plötzlich immer noch als trübe Träumerei – wo steckte die kalte Wirklichkeit, nach der diese kalte Muschel verlangte?

Ein gewaltiger Garten, Pflanzen und Tiere und ein paar Menschen, so rollte die große Kugel um die Sonne. Aus dem Wald trat ein Mann und schaute über die Ebene. Wer bist Du, sprach er zu dem Kind am geschlängelten Bach, bist Du nicht von meinem Stoff, damit wir Hand in Hand marschieren können über dieses herrliche sonnenbestrahlte Reich … Oder eine Landstraße, weithin zwischen den Dörfern und Märkten, die Handwerker zu Fuß, auf Schimmeln und Rappen die Grandseigneurs und ihre Damen. Wohin so allein, mein Kind? Meinen Vater suchen, den Herrn vom Pommeranzenland! Ich bin der Herr vom Pommeranzenland, mein Kind, doch hast Du auch ein kleines Muttermal unter der rechten Brust? Hier ist es, mein Vater, in der Form einer kauernden Taube … Oder eine Weltstadt, jeder Tag eine dröhnende Schlacht, jede Nacht ein Siegesfest mit Feuerwerk, gesegnet, wer dem stolzen Wachstum dient. Dort sitzt der Mann, der Brot aus Luft zu machen versteht, die Kellner am Bufett flüstern sich den Namen zu und die Gäste ringsum starren mit blanken Augen auf ihn, aber einsam sitzt der große Chemiker vor seinem Schweinsbraten mit Kartoffelsalat, bis endlich ein Ding in Lichtgrün zu ihm tritt. Erinnern Sie sich noch an Botzong-Kamin und Gruttenhütte und Daniela Oldenkott, Professor Pasternak? Jeden Tag meines Lebens denke ich daran, mein Fräulein. So lassen Sie sich, aber bitte nicht sentimental zu werden, eine kleine Geschichte erzählen, Professor. Kein Wort mehr, meine einzige kleine Tochter, ich wartete auf diese Stunde … Pfui über dies Geträum, gut für die Glonn, gut für Dichter und Dienstmädchen, wo steckte die kalte Wirklichkeit, nach der diese kalte Muschel verlangte? »Mein Name ist Lea Herse, ich muß Sie dringend sprechen, Professor.« »Worum handelt es sich?« »Nicht um Geld und nicht um Chemie, sondern um eine seltsame familiäre Sache, ich kann es am Telefon nicht sagen.« Dann kam er an die Reihe und gab ihr eine Stunde. Dann traf sie ihn und überließ sich dem Schicksal. Dann rollte das Schicksal im Zwiegespräch dahin … Und hier steckte der Rechenfehler der Glonn: im Zwiegespräch. In der Glonn vertraute man noch auf Zwiegespräche, in der Großstadt fühlte man plötzlich, daß es nur noch Geschäfte und Monologe gab. Würde sie nicht einen höchst blamablen Monolog in diese kalte Muschel sprechen, wenn der Mensch am andern Ende der Welt nicht die richtige Antwort gab?

Ach was! Selbstverständlich mußte sie ihren Vater noch heute Aug in Aug sehn! Selbstverständlich mußte sich alles andere von selbst ergeben! Wer seine Fahrt vor Beginn zu Ende denken will, versagt schon beim ersten Schritt. Wie gehst Du so fröhlich mit tausend Füßen dahin, frug die Heuschrecke den Tausendfüßler, wie machst Du das? Und der Tausendfüßler stoppte und überlegte und kam bis an sein Ende keinen Schritt mehr voran.

Zentrale Hotel, Amt, Zentrale Pasternak, jawohl, Herr Professor ist im Haus, er hat eine dringende Sitzung, wird aber nicht mehr lange dauern, tüt – tüt – tüt. Eine Sitzung hatte Papi, ei ei? Vermutlich im Zimmer neben dem freundlichen Telefonisten? War man sich also doch schon bis auf zehn Schritt nahgekommen im unendlichen All? Selbstverständlich war es die Einfalt der Glonn, diese plötzliche Angst, daß es in der Stadt nur noch Monologe und Geschäfte gäbe. Selbstverständlich gab es auch noch Zwiegespräche. Reizende Zwiegespräche gab es noch, hin und her und her und hin, der eine Mensch sagte Bims, da sagte der andere Mensch Bams, mit Bims-Bams aus einem einzigen Munde kam keine Menschenseele vom Fleck. Immer hübsch hin und her im Zwiegespräch, so würde sich auch dieser große Fall ganz von selbst entwickeln, was konnte viel passieren!

Zentrale Hotel, Amt, Zentrale Pasternak, jawohl, eine Minute, sofort –

»Ja?«

Das war eine weibliche Stimme. Der böse Wolf hatte Kreide gefressen, um die sieben Zicklein zu täuschen.

»Sie wünschen Herrn Professor selbst?«

»Ja natürlich …«

»Wer ist am Apparat?«

»Lea Herse …«

»Einen Augenblick.«

Dies also war ein Augenblick. Wer war doch der Mann, vor dessen Sinn tausend Jahre waren wie ein Augenblick?

»Sind Sie noch da?« Es war immer noch der Wolf aus dem Vorzimmer. »Um was handelt es sich?«

»Ich will Herrn Professor Pasternak sprechen …«

»Ja in welcher Sache denn?«

»Eine ganz persönliche Sache …«

»Moment.«

Unsinn. Persönliche Sache war Unsinn gewesen. Geschäftliche Sache hätte er heißen müssen. Es handelte sich um etwas Chemisches, um irgendein Patent, um die Erfindung, Kaviar aus Kuhmist zu fabrizieren –

»Pasternak.«

»Professor Pasternak selbst?«

»Ja, wer ist dort?«

Sie schwieg. Kein Wort fiel ihr durch den Sinn.

»Bist Du es, Zilly?«

Zilly? Wer war Zilly?

»Halloh? Was los?«

»Hier ist Miß Dsching-Dschang-Dschenkerlein aus New York«, sagte sie mit starkem amerikanischem Mauschel-Akzent. »Ich bin von die New York-Times befohlen, Herrn Professor Pasternak um eine kleine Interview zu bitten –«

»Wer ist das?«

»Dschenkerlein, New York, Times, photographer and interviewer –«

»Ja und?«

»Ich interessieren mich for Ihnen, Professor, weil Sie so chemisch sind –«

»Das ist irgend eine Mystifikation, wer ist denn dort?«

»Dschenkerlein, New York, ich haben eine ähnliche Patent wie der Herr Professor, ich machen diamants aus Kuhmist –«

»Ich verbitte mir Ihre dummen Witze!«

Tüt – tüt – tüt.

Der junge Mann hieß Bechterew, Dr. Fritz Bechterew, wissenschaftlicher Mitarbeiter einer großen Tageszeitung. Das Abendessen in dem kleinen russischen Restaurant bestand aus Borschtsch, Beefsteak, Obstsalat, Wodka. Die Kapelle spielte argentinische Tangos, Wiener Walzer, Urwald-Krach, Beethoven, I am lonely without you, Lieder vom Rhein.

»Bitte, sehn Sie mal möglichst unauffällig nach dem dritten Tisch hinter Ihrem Rücken«, sagte Bechterew zu Lea. Er sprach eine Spur Sächsisch, denn er stammte aus Chemnitz, doch das war nur für geographisch geschulte Ohren zu hören. Lea Herse nahm ihn für einen amüsanten und gerissenen Berliner Juden, obwohl er als dumpfer Antisemit und als englisches Halbblut gelten wollte. Seit einer halben Stunde analysierte er ihr die Gäste ringsum, ihre Berufe und ihre Laster, ihre Lächerlichkeit und ihre Tricks, die meisten waren Freunde oder Bekannte von ihm.

»Der dritte Tisch hinter Ihnen, der fette kleine Kerl mit der hübschen blonden Leiche in Schwarz. Was, glauben Sie, ist der Mann?«

»Ach, ich will es gar nicht wissen«, sagte Lea, ohne sich zu wenden. »Ich hab schon genug. Halte ich ihn für einen Dichter, dann ist er gewiß ein Lustmörder, und umgekehrt!«

Bechterew lachte. »Erraten. Er ist nämlich beides, Dichter und Lustmörder in einer Person: berühmter Kritiker. Martin Frogge, guter Freund von mir, an den gleichen Zeitungstrust versklavt wie ich. Wollen Sie ihn kennenlernen?«

»Nein, danke.«

»Verzeihn Sie, wenn ich ihn begrüße, eine Minute nur?«

»Bittebittebitte –«

Sie war froh, eine kleine Weile allein zu sein. Der erste Tag der Expedition ging zu Ende, der erste Ansturm war abgeschlagen, doch der Tag war nicht verloren, morgen würde ihr das Leben in der Großstadt sicherer von der Hand gehn als heut. Sehr gut, daß sie unter Führung des Herrn Bechterew ein paar Stunden auf dem Asphalt herumgerutscht war, ehe sie den Kampf mit ihrem Vater antrat. Sehr gut, daß sie sich von einem Fremden auf der Straße hatte ansprechen lassen, zu einem kleinen Bummel durch die große Welt, die sie nur aus Büchern und Zeitungen kannte, Straße, Kaufhaus, Kino, Restaurant. Bei dem Blinden mit dem Hund war sie von Herrn Bechterew angesprochen worden. Er hatte behauptet, schon eine ganze Stunde hinter ihr hergetrabt zu sein, verliebt in ihren Gang, und verlegen, weil er sich noch niemals einer Dame auf der Straße angehängt hätte, erst die gemeinsame Ergriffenheit vor dem blinden Bettler mit dem Hund hätte den Bann gebrochen: doch das war sicher Lüge gewesen. Alles war Lüge ringsum. Aber man mußte diese Lüge fest ins Auge fassen, um die Wahrheit, die dahinter steckte, zu packen.

Die Musik spielte einen amerikanischen Marsch. Der Refrain wurde von allen Nichtbläsern der Kapelle mitgesungen. Lea geriet in eine heroische Stimmung bei diesen ungewohnten schrillen Klängen. Wunderbar war das Leben.

Wunderbar war das Leben, wenn man Augen hatte zu schauen und Ohren zu hören und ein Herz sich zu entscheiden. Am Rand der steilsten Glonner Wiese lag Frau Herse begraben, nach einem blutigen Kampf mit den Behörden war es gelungen, ein Grab außerhalb des Kirchhofs graben zu dürfen, ein Grab auf eigenem Boden. Fast hätte Lea in letzter Stunde den Kampf aufgegeben und den Leichnam an Staat und Kirche ausgeliefert, schließlich war dieser heidnische Wunsch ihrer Mutter nur eine Sentimentalität gewesen und im Tod war alles so gleichgültig. Jetzt kam eine tiefe Freude über sie, daß sie den Kampf gegen die Beamten siegreich durchgefochten und die Mutter in der Erde der Glonn eingebettet hatte.

Ihr verdankte sie es, daß sie ein Herz hatte, sich zu entscheiden. Nicht aus Weltangst hatte sich Frau Daniela in die Glonn zurückgezogen, sondern in blanker Entschiedenheit. Sie hatte sich entschieden, entschieden, entschieden, das war es. Leicht möglich, daß sie sich für die falsche Seite des Lebens entschieden hatte, vielleicht mußte man sich in das Chaos stürzen, mittenhinein, um eingetragen zu werden in das Gästebuch des Weltgeists: aber sie hatte sich wenigstens entschieden, sie hatte nicht geflunkert wie diese Zeitgenossen ringsum, wie diese Hin-und-her-Pendler zwischen Gut und Bös. Frau Daniela hatte sich entschieden, das war die große Erinnerung, die ihre Tochter ihr an diesem Abend weihte. So oder so, Glonn oder Weltstadt, tierischer Dünger oder Chemie, es gab keinen Mittelweg, das war die Erkenntnis ihres ersten Großstadt-Tags, das war das heroische Gefühl bei diesen schrillen amerikanischen Synkopen. Man mußte sich zwischen zwei Welten entscheiden und es war heroisch, sich entscheiden zu müssen. Wunderbar war das Leben, wie auch die Entscheidung in den nächsten Tagen fiel, wenn sie nur fiel.

»Bitte, Frogge, gehn Sie doch mal möglichst unauffällig an meiner Lady vorbei«, sagte unterdessen Bechterew zu dem kleinen fetten Herrn am dritten Tisch hinter Leas Tisch. »Ein toller Fall! Möchte furchtbar gern wissen, was Sie von ihr halten.«

»Mensch, löchern Sie mich nicht mit Ihren ewigen Weibergeschichten – na, was ist denn, Ober, wo sind denn meine Muscheln, eine halbe Stunde warte ich schon, bei Euch geht das Geschäft wieder mal viel zu gut –«

»Nein wirklich, Frogge, ein toller Fall. Das Mädchen ist heute zum ersten mal in ihrem Leben in der Großstadt, die richtige Unschuld vom Lande, aber klüger als wir alle zusammen.«

»Das muß ich mir begucken«, sagte Martin Frogges Freundin. Sie hieß Lizzy von Save und war aus Düsseldorf importiert, um rhythmische Tanzkunst zu studieren.

»Guck sie Dir an, die Unschuld aus der Dragonerstraße«, sagte Frogge und ballte wütend die Faust gegen den Kellner, der am Nachbartisch servierte.

»Kostet zehn Pfennig«, sagte die rhythmische Tänzerin und hielt Bechterew die offene Hand hin.

Bechterew gab ihr ein Markstück. Sie schritt mit einem scharfen Seitenblick auf Lea rhythmisch zur Toilette.

»Hören Sie mal, Bechterew«, sagte Martin Frogge, »Ihr gestriger Artikel über die Lehre vom Yoga war aber richtiger Schmus. Glauben Sie wirklich an dieses Zeug?«

»Ich schwöre Ihnen, Frogge, es ist die einzige Religion, an die ich noch glauben kann.«

Martin Frogge bekam seine Muscheln und stürzte sich wie ein trojanischer Held darüber her.

»Tatsächlich, Frogge! Der Mensch lebt zwischen dem Zentrum der Erdkugel und dem Zentrum der Sonnenkugel. Wenn der Mensch in dem Gefühl lebt, die Verbindung zwischen dem Erdmittelpunkt und dem Sonnenball zu sein, dann hat er sein wahres Lebensgefühl gefunden.«

»Und wenn er es nicht hat?«

»Dann ist er tot, geistig und seelisch tot, der körperliche Tod spielt dabei gar keine Rolle.«

»Und was bekommen Sie für so einen Aufsatz gezahlt?«

»Das ist Geschäftsgeheimnis.«

»Auf jeden Fall viel zu viel.«

»Auf jeden Fall viel zu wenig, Sie kennen ja unsere Blutsauger. Aber das Tolle ist, daß ich gerade heute dieses Mädchen dort treffe, sie hat nämlich wirklich jenes uralte und doch so moderne Lebensgefühl, von dem ich in meinem Aufsatz schrieb. Ehrenwort, Frogge, ich spüre es bei ihr ganz genau.«

»Toller Fall«, sagte Martin Frogge und legte sich lachend eine neue Portion Muscheln vor. »Na was ist, Lizzy? Ist sie Yoga oder ist sie Yogurt?«

Die rhythmische Tänzerin zählte schweigend neun Zehnpfennigstücke auf den Tisch.

»Na, was ist?« frug Bechterew gespannt und schob das Kleingeld in die Hosentasche.

»Schlagen Sie sich diese Dame aus dem Kopf, Bechterewchen!«

»Ist sie nicht hübsch?«

»Hübsch ist sie, sehr hübsch, aber –« Sie winkte Bechterews gekräuseltes Haupt zu sich und flüsterte ihm mit gespitztem, aristokratischem Mäulchen ihre Diagnose ins Ohr.

Martin Frogge brach in Gelächter aus, ohne hinzuhören. »Na eben, na was denn, na selbstverständlich! Das seh ich doch von hier aus an ihrem knabenhaften Schultergeblätter!«

Er trank strahlend dem zusammengeknickten, wissenschaftlichen Mitarbeiter seiner Zeitung zu. »Hoch Yoga, Bechterew! Hoch Yoga, Berlin, Chemnitz und Lesbos!«

 

Die Uhr auf dem Nachttisch war stehn geblieben. In der Glonn wußte man beim Erwachen, wie spät es war, vor allem im Juni. Dort brauchte man nicht erst die Augen zu öffnen, um nach dem Licht des Tags zu sehn. Drei Uhr und es piepsten die ersten Vögel, vier Uhr und der Krallenpeter begann die Sense zu dengeln, fünf Uhr und die alte Nana wälzte sich mit Krach aus ihrer geblümten Kiste, sechs Uhr und das Konzert des Tags stand auf fortissimo. Hier wußte man nichts. Totenstille ringsum. Besaß man Geld, so konnte man sich mitten in der Weltstadt eine Portion Totenstille kaufen. Totenstille mit Luxussteuer. Und prunkvoll sanken die samtenen Vorhänge des Fensters zum Parkett herab und garantierten das Dunkel, das Totendunkel mit Luxussteuer.

Um elf Uhr wollte Herr Bechterew anrufen. Es handelte sich um eine chinesische Ausstellung, die man unbedingt gesehn haben mußte. Aber Herr Bechterew war zum Schluß etwas abgekühlt gewesen, das liebe Halbblut. War er eifersüchtig gewesen, weil sie sich von Herrn Martin Frogge Theaterkarten für heute Abend besorgen lassen wollte? Nun hatte sie sich doch noch in Herrn Martin Frogges Gesellschaft ziehn lassen! Um zwei Uhr sollte sie Fräulein Lizzy von Save treffen, der Name des Lunch-rooms stand auf dem kleinen Notizblock, viele interessante und rhythmische Menschen und sehr billige Knödel mit Kraut gab es in jenem Lunch-room. Dann mußte endlich das Telegramm mit der Adresse und der guten Ankunft an Terese Nüll und Nana abgesandt werden. Dann mußte anstandshalber eine alte Tante Oldenkott besucht werden, die in Berlin wohnte. Bechterew schätzte die Fahrt bis zur Wohnung dieser alten Tante auf mindestens eine Stunde, mit der besten Verbindung eine geschlagene Stunde, alle alten Tanten wohnten an der Peripherie.

Sie sprang aus dem Bett und beschloß, nach allen Seiten wortbrüchig zu werden. Nach dem Stand der Sonne war es schon elf Uhr, sie telefonierte in die Zentrale des Hotels, daß sie nicht zu sprechen wäre. Herr Bechterew sollte sich bei dem Blinden mit dem Hund eine andere Ergriffene aufgabeln, Fräulein von Save sollte ihre Lunch-room-Knödel allein verzehren, Herr Frogge sollte die Theaterkarten für das Nacktballett an Tante Oldenkott schicken, die Arme war siebzig und hatte gewiß schon lange nichts Nacktes mehr gesehn. Neun Telefon-Nummern standen schon auf dem kleinen Notizblock: morgen waren es neunzig, wenn sich pro Kopf zehn neue Beziehungen auftaten. In einem Monat ging es ihr wie Mister Dschenkerlein aus New York: der hatte zehn Jahre lang ununterbrochen telefoniert, und als man ihm dann den Kopfhörer mit Gewalt abriß, krochen ihm große bleiche Würmer aus den Ohren, unzählige Würmer, immerzu Würmer, bis er endlich den letzten Wurm von sich gab und starb.

Aber gesegnet sei das Klima dieser Stadt! Eine herrliche Luft drang durch das offene Fenster, als die Vorhänge zurückgewürgt waren. Wie ein Nichts wurde der schlechte Atem der Millionen Lungen vom Himmel aufgeschluckt und in reine Ware umgetauscht, von Herzschlag zu Herzschlag ein ewiger Vorrat an Reinheit und Macht.

Gesegnet diese Luft und gesegnet dieses Badezimmer! Bei Kalt allein konnte man die Brause nicht sehr lange ertragen, aber bei einer winzigen Mischung mit Warm konnte man verweilen. Fing man den Strahl im Nacken auf, so stob der Wassergott in dunklem Zorn das harte Flußbett der Wirbelsäule hinunter. Doch bog man sich zurück, so glitt er sanft und hell über das kleine weiche Vordach der Brüste und umspielte mit zarten Rinnsalen den Bauch und seine Säulen.

Schluß, Frottage, Wäsche, Kleid, Schuhlitzen-Abreißen, Hut, Frühstück, Taxi, helle Straßen, schnelle Menschen, Portier, Vorhalle, Lift, zweiter Stock, Anmeldung.

Auf dem Zettel, den der kleine uniformierte Bengel ihr vorlegte, stand gedruckt: »Frau oder Herr....... wünscht Frau oder Herrn..... in Angelegenheit..... zu sprechen.« Natürlich wünschte Frau Herse Herrn Pasternak zu sprechen, doch in welcher Angelegenheit? Angelegenheit Gruttenhütte? Angelegenheit 29. September 1901? Angelegenheit »Eine-Waise-im-Sturm-der-Zeit-sucht-ihren-väterlichen-Felsen?«

Warum hatte sie den schönen Brief zerrissen, den sie ihm gestern geschrieben hatte? Warum wollte sie ihn durchaus Aug in Aug sehn, bevor sie ihr Geheimnis preisgab? Wozu all diese Schwierigkeiten?

Neben ihr stand ein blutarmer Familienvater und schrieb ohne Besinnen seine Angelegenheit auf seinen Zettel: »Herr Meier 1 wünscht Herrn Maier 2 in Angelegenheit Habe-nichts-zu-fressen zu sprechen.« Der uniformierte Bengel begann sie bereits mißtrauisch abzuschätzen, weil sie ihre Angelegenheit nicht wußte. Ja, mein Junge, Deine Angelegenheit ist klar. Du bist ein kleiner Maulaufreißer und wirst mal ein großer Maulaufreißer werden, bei mir liegt die Angelegenheit etwas schwieriger, mein süßer Gockel mit den engen Hosen.

Sie zerriß ihren Zettel und gab dem Anmelde-Gockel einen Fünfziger. Sie ging wieder. Hinab das große Treppenhaus »Wir-sind-wir«, hindurch durch die große Vorhalle »Eine-feste-Burg-ist-unser-Geld«, vorbei an dem Portier »Alle-Menschen-gehören-ins-Zuchthaus«, auf die Straße.

 

Tags zuvor, beim Bummel über den Bummel, hatte Bechterew von einer schrecklichen Großstadt-Krankheit erzählt, die er Buden-Angst nannte. Nach Bechterew war die Buden-Angst eine chronische seelische Erkrankung, epidemisch auftretend wie die Beulenpest und wie die schwarzen Pocken, aber weit gefährlicher als diese Kinderkrankheiten der Menschheit, weil der Bazillus noch nicht entdeckt war.

Im Gegensatz zur Beulenpest, die mit hohem Fieber und geschwollenen Lymphdrüsen einsetzte, begann die Buden-Angst schleichend und unbemerkbar. Bei männlichen Patienten konnte man am Anfang der Erkrankung leichte Zerstreutheit und leichte Verstopfung feststellen, bei weiblichen Patienten ziehende Schmerzen in den Hüften, verstärkte Schönheitspflege, verstärktes Wippen beim Gang: doch dieses erste Stadium der Krankheit wurde meistens übersehn, weil es als normal galt. Erst wenn die Buden-Angst in voller Blüte stand, merkten die Patienten, daß sie vor ihrem eigenen Selbst und vor ihrer leeren Bude entsetzliche Angst empfanden. Dann griffen sie ohne Wahl nach den zahlreichen Medikamenten, die von der Großstadt zur Linderung der Buden-Angst geboten wurden. Gesteigertes Arbeitstempo war bei allen Buden-Ängstlern als Linderung ihrer Seuche sehr beliebt. Für Kassenpatienten wurde außerdem empfohlen Theater-Kino-Radio-Sport. Bessere Patienten nahmen Religion-Literatur-Psychoanalyse-Auto-Verjüngung. Allen sozialen Klassen gemeinsam war der große Verbrauch an Zeitung, der billigsten Droge gegen Buden-Angst. Niemals jedoch hatte man gehört, daß ein richtiger Buden-Ängstler durch alle diese Drogen der großstädtischen Buden-Angst-Industrie geheilt worden war.

Schon am zweiten Tag ihres neuen Lebens lernte Lea Herse diese Krankheit kennen. Nach einem sinnlosen Trottoirmarsch vom Zentrum der Stadt zum Westen der Stadt, kehrte sie mit müden Füßen und müden Augen in ihr Hotelzimmer zurück. Aber fünf Minuten später trieb sie die Angst vor der leeren Bude wieder auf den Asphalt. Nun mußte sie doch in den neuen Lunch-room wallen, zu dem preiswerten Sauerkraut der rhythmischen Tänzerin, sie wußte nichts anderes zu tun.

Zum zweitenmal in ihrem Leben ein Bummel über den Bummel. Beim Passieren eines Blumenladens fiel ihr ein, daß jetzt in der Glonn ihr »Delphinium Berghimmel« seine erste Blüte trieb. Zwei Meter hoch, der Stolz ihres Staudengartens, der hellblaue Rittersporn »Delphinium Berghimmel«, daneben die lichte » Sancy de Parabère«, die Kletterrose des Hersehofs, jetzt blühten sie. Hier blühte die Buden-Angst.

»Ich dachte schon, Sie versetzen mich«, rief Fräulein Lizzy von Save durch den überfüllten Kohl-room. »Da wären Sie aber schwer reingefallen, mein Kind. Erstens gibt es hier eine Gemüseplatte, wie sie in der ganzen Stadt nicht mehr zu finden ist – Sie sind doch als Landmensch gewiß ein richtiger Gemüse-Mensch? Und zweitens habe ich Ihnen hier die klügste Frau von Berlin mitgebracht, sie ist schon ganz verzweifelt, weil Sie nicht kommen. Fräulein Lea Herse aus den Alpen – Frau Johanna Duske aus – woher stammst Du eigentlich, Johanna?«

»Aus dem Nichts«, sagte die klügste Frau von Berlin und reichte Lea die Hand. Sie trug eine Hornbrille und war stark gepudert. Aber hinter den großen Gläsern steckten ein paar wirklich kluge Augen, ein ähnliches Eisblau wie Leas Augen, und unter dem Puder steckte eine frische junge Haut. Im Gegensatz zu der Rhythmischen schien sie ruhig und selbstsicher zu sein.

»Sagen Sie offen, Sie wollten mich versetzen?«, maulte Fräulein von Save, nachdem sie für Lea eine Gemüseplatte bestellt hatte. »Mein Kind, Sie wollten mich versetzen, obwohl Sie mir gestern in die Hand versprochen haben, zu kommen?«

»Offengestanden ja«, sagte Lea, »ich wollte nicht kommen.«

»Und dann hat eine geheimnisvolle innere Stimme Sie doch noch hierhergetrieben?«

»Ach nein«, sagte Lea, »es war nur Buden-Angst, gar nichts anderes.«

»Na so was Entzückendes«, rief Fräulein von Save begeistert. »Was sagst Du zu dieser frechen Beleidigung, Johanna?«

»Ganz in Ordnung«, sagte Frau Duske mit ihrem wunderhübschen tiefen Alt und griff nach der Mittagszeitung. Sie begann zu lesen und schien Leas Ankunft schon wieder vergessen zu haben. Das war ein wenig kränkend, dennoch fand Lea dieses freiheitliche Gebaren sehr sympathisch.

Eine Viertelstunde lang war über dem Zeitungsrand nur eine glatte Stirn und eine glatte helle Haartafel zu sehn. Frau Duske schien sich nicht im geringsten für ihre Umgebung zu interessieren, weder für den dicken Herrn, der seinen Hut über ihren Kopf hinweg vom Kleiderständer schwang, noch für Fräulein Herse aus den Alpen, am wenigsten für Fräulein von Saves soziale Ideen, die Lea mit der Gemüseplatte vorgesetzt bekam.

»Mensch, ich muß gehn«, sagte die Düsseldorferin endlich und brach mit dem amerikanischen Armbanduhr-Blick ihr Geschwätz ab. »Theoretischer Unterricht, Muskellehre, mag ich gar nicht –«

Lea geriet in Verlegenheit, während Fräulein von Save zahlte. Sie wartete noch auf ihre Mehlspeise und Frau Duske saß hinter ihrer Zeitung, als gäbe es nichts andres auf der Welt wie Eisenbahnkatastrophen, möblierte Zimmer, Völkerbundssitzungen, Theaterklatsch, fast fabrikneue Markenwagen, Schwergewichtler.

Sollte sie auf den Apfelstrudel nach Wiener Art verzichten und mit Fräulein von Save zahlen und gehn? Hatte sie auf die klügste Frau Berlins einen so üblen Eindruck gemacht, daß die sich ihretwegen hinter der Zeitung vergrub? Sie rief den Kellner zu sich, zu zahlen und zu gehn.

»Aber wieso denn?« Frau Duske lächelte freundlich über die Zeitungswand hinüber. »Bleiben wir nicht noch ein wenig?«

»Ja?«, frug Lea verdutzt, »meinen Sie?«

»Natürlich bleiben Sie«, sagte Fräulein von Save schnell und verabschiedete sich. »Sie sind doch ein freier Mensch, Sie stecken doch nicht in der Tretmühle wie ich – djüs djüs djüs –«

Sie rannte zur Muskellehre und ließ Lea mit der klügsten Frau Berlins allein.

»Ich kann nämlich diesen sozialen Quatsch nicht mehr hören«, sagte Frau Duske und legte die Zeitung beiseite, während ihre Freundin noch in der Drehtür steckte. »Lizzy ist bürgerlich bis in die Knochen, sie soll die Hände von diesen Dingen lassen – aber sie ist reizend, nicht wahr?« Dabei blinzelte sie Lea zu, als wollte sie sagen: »Die blödeste Kuh der Welt, nicht wahr?«

Lea lachte.

»Wir verstehn uns«, sagte Frau Duske mit bezauberndem Lächeln. »Sind Sie Kommunistin oder sind Sie Nihilistin? Eins von beiden muß man ja schließlich sein?«

»Ich bin gar nix«, sagte Lea trocken.

»Wunderbar! Ich bin auch nur beruflich an diesen Dingen interessiert, nicht substantiell. Ich bin Photographin und entwerfe nebenbei Dekorationen für die kommunistischen Theater, ganz interessante Arbeit, jedenfalls besser als bürgerliche Kunst, aber im Grunde der gleiche Schwindel. Interessieren Sie sich für photographische Kunst?«

»O ja«, sagte Lea, »was photographieren Sie denn?«

»Was mir über den Weg läuft! Katzen, Menschen, Blumen, alles. Darf ich Sie auch photographieren?«

Lea empfand diese Frage unangenehm und sagte schnell: »Haben Sie schon mal ein ›Delphinium Berghimmel‹ photographiert?«

»Was ist das?«

»Eine hellblaue Sorte Rittersporn.«

»Möglich, ich kann mich nicht erinnern.«

»Haben Sie schon mal einen Herrn Pasternak photographiert?«

»Was ist das?«

»Professor Pasternak, ich kenn ihn nicht, aber ich sah mal ein glänzendes Photo von ihm.«

»Pasternak? Cellist?«

»Nein, berühmter Chemiker.«

»Chemiker? Nein. Ich glaube, ich hab in meinem ganzen Leben überhaupt noch keinen Chemiker gesehn. Aber trinken Sie doch eine Tasse Kaffee bei mir, wenn Sie sich für schöne Aufnahmen interessieren, ich zeige Ihnen ein paar gute Studien. Oder sind Sie heute nachmittag besetzt?«

»Nein, ich bin frei«, sagte Lea.

Sie fuhren in Frau Duskes Atelier für moderne Bildkunst und tranken in einer Ecke mit vielen bunten Kissen bittern Mokka und süßen Schnaps.

»Später mache ich ein paar Bilder von Ihnen«, sagte Frau Duske, »aber zuvor will ich Ihnen ein paar interessante Dinge aus meinem Archiv zeigen. Was wollen Sie sehn? Kinder, Hunde, Männer, Weiber?« Sie nahm Leas Arm und schlenkerte mit ihr in das kleine Archiv-Zimmer. »Männer interessieren Sie wohl nicht?«

»Nicht im geringsten«, plapperte Lea ohne Nachdenken. Doch das schien ein glänzender Spaß gewesen zu sein, denn Frau Duske gluckste zur Antwort wie eine Lachtaube. »Aber wirklich nicht im geringsten«, wiederholte Lea, um den verborgenen Witz dieses Ausspruchs für ihre liebenswürdige Wirtin noch ein wenig auszutreten. »Ich will gar nichts von Männern wissen, Katzen sind mir lieber.«

»Wir verstehn uns, mein süßes kleines Alpenveilchen«, sagte Frau Duske und legte zuerst ein paar Katzenporträts vor, die Lea entzückend fand. Dann kamen ein paar farbige Blumenstudien, Astern und Phlox und Dahlien, aber »Delphinium Berghimmel« war nicht dabei. Ein paar Damen und Hunde aus der Gesellschaft fand Lea langweilig, doch sie blieb bei ihrem freundlichen »Entzückend«. Es kam eine Mappe mit Dekorations-Entwürfen für ein modernes Theaterstück; zu jedem Blatt gab es eine langatmige Erklärung über die beabsichtigte Wirkung; sie verspürte keinen Hauch von dieser Wirkung und dachte nur noch krampfhaft daran, nicht gähnen zu müssen. Es kamen ein paar Aktstudien, Freilicht-Aufnahmen; sie kannte dieses Zeug bereits aus den illustrierten Zeitungen und Magazinen, die sich hie und da in die Glonn verirrt hatten; sie kannte diese verzückten Stellungen ihrer berühmten Geschlechtsgenossinnen und diese unappetitliche Manier, dem begeisterten Beschauer den Steiß entgegenzustrecken: entzückend. Dann kamen doch noch ein paar Männerköpfe, berühmte Künstler und berühmte Kaufleute; die Kaufleute versuchten künstlerisch zu glotzen und die Künstler glotzten möglichst kaufmännisch; eitle Tröpfe die und die: entzückend. Sie war froh, als bei ihrem hundertsten »Entzückend« eine Assistentin im weißen Operationsmantel in das Archiv trat und Besuch meldete.

»Na so was«, rief Frau Duske und schlug sich mit der Hand an die Stirn, »wie konnte ich das vergessen! Ists schon vier Uhr? Für vier Uhr ist nämlich Major Ellen Wladden angesagt, mein liebes Kind, kommen Sie, kommen Sie, Sie werden etwas sehr Interessantes sehn, Major Ellen Wladden aus New York, eine Heilige, eine führende Persönlichkeit in der Heilsarmee, setzen Sie sich während der Aufnahme ganz still in die Ecke, ich werde Sie als meine Schülerin vorstellen, sonst wird mir dieser Engel scheu und verpatzt mir die Aufnahme, kommen Sie –«

Lea wurde von trüben Gefühlen beschlichen, als sie wieder in der Ecke mit den vielen bunten Kissen hockte und guckte, wie der Engel von der Heilsarmee für ein literarisches Magazin photographiert wurde. Zuerst war sie von der klügsten Frau Berlins bezaubert gewesen. Aber die Atmosphäre im Archiv war ihr aufs Herz gefallen wie Mehltau auf eine junge Staude. Sie wußte selbst nicht, wieso es kam. Vielleicht war sie nur matt von dem ewigen Bewundern-Müssen? War Frau Duske nicht reizend? Hatte sie sich nicht wie eine Schwester an sie gepreßt, als sie bei einem roten Phlox-Photo in wirkliche Begeisterung ausgebrochen war?

Major Ellen Wladden trug den langen Rock der Heilsarmee, am Kittel das bescheidene Abzeichen ihres Ranges, dazu die große Schute mit den zwei Bändern. Sie sprach wenig und ließ sich geduldig von Frau Duske hin und her schieben, eine halbe Stunde lang, bis Stellung und Licht paßten. Sie sah tatsächlich wie eine Heilige aus, ein süßes rundes Gesichtchen, sanfte dunkle Augen, frische rote Bäckchen, ein wenig säuerlich der Mund vom vielen Hallelujah und Gebettel um die Gnade des Herrn.

Aber je länger Lea hinsah, umso nervöser wurde sie. Die Heilige aus New York wurde ihr von Minute zu Minute peinlicher. Warum stand sie vor dem Apparat und vor den grellen Lampen mit dem gleichen Sanftmut wie in den Kaschemmen vor den Sündern der Welt, ihren frommen Song zu plärren und ihre Cents zu sammeln? Warum streckte sie nicht, während ihr Frau Duske die blöden Schutenbänder wirkungsvoll drapierte, ihre Zunge aus dem Engelsmäulchen raus? Warum sprach sie kein Wort?

Immer kribbliger wurde Lea, als die Prozedur nicht zu Ende kam. Die nervösen Ameisen liefen ihr über die Arme und über die Oberschenkel. Die Wut auf die Heilige wuchs von Minute zu Minute in ganz sinnloser Weise. Ein richtiger Krach mit dem sanften Geschöpf wäre eine wahre Erlösung gewesen. Nur aus Rücksicht auf die liebe Frau Duske hielt sie an sich. Und es war ja auch wahrhaftig kein Wort gegen Major Ellen Wladden vorzubringen! Ein leibhaftiger Engel, was sollte dieser schwere heidnische Zorn?

Wenigstens beantwortete sie den schwesterlichen Abschiedsgruß, als dann der Engel endlich ging, mit einem starren und gehässigen Blick und übersah die zarte Patschhand, die sich ihr entgegenstreckte. Sollte der Engel doch fühlen, daß hier ein Feind gesessen war! Vermutlich aber war der Engel viel zu dumm, um überhaupt etwas zu fühlen, was nicht nach Elend oder Hallelujah roch? Hauptsache, es war vorüber und die neurasthenischen Kribbel-Ameisen verzogen sich.

Frau Duske kam strahlend aus dem Entree zurück. »Ist sie nicht himmlisch? Einer unserer up-to-datesten jungen Lyriker hat eine brillante Schauerballade auf sie geschrieben, guter Freund von mir, wissen Sie, so eine Ballade in primitivem Stil, dazu brauchen wir ihr Bild – ist sie nicht wunderbar?«

»Die?« sagte Lea. »In meinem Leben noch kein so blödes Weib gesehn.«

»Was sagen Sie da?«

»Na, fühlen Sie denn nicht, daß das alles Schwindel ist?«

»Aber hören Sie, Kind! Sie täuschen sich wirklich! Ellen Wladden opfert sich für ihre Idee.«

»Was geht das mich an!«

»Man kann sich ja zu jeder Idee stellen, wie man will, aber man muß doch den heiligen Willen achten!«

»Das wär ja noch schöner,« rief Lea, »ich achte gar nichts.«

»Sie wissen nichts von dieser Frau, mein Kindchen. Die geht in die finstersten Spelunken, um den Menschen Hilfe zu bringen, aber wirkliche Hilfe. Die reist in der ganzen Welt herum und organisiert ihre einzelnen Stationen. Die ist über jede menschliche Eitelkeit erhaben. Wirklich ein Engel, glauben Sie mir.«

»Glaube ich gern, daß sie ein Engel ist, glaube ich, glaube ich!«

»Aber gegen einen Engel läßt sich doch nichts Böses sagen?« rief Frau Duske lachend.

»Nein? Läßt sich nichts Böses sagen?«, schrie Lea in heller Wut. »Dieser Engel ist ein Schwein! Jawohl! Ein Engel und ein Schwein in einer Person, jawohl! Daß sie in die Hölle kommt, wenn sie gestorben ist, will ich gar nicht behaupten – wir andern kommen natürlich in die Hölle und diese Dame schwebt zum Himmel auf, das glaube ich gern – als Schwein mit Flügeln nämlich, als Schwein mit Flügeln wird sie in den Himmel aufsteigen.«

Frau Duske brach in ein Gelächter aus und war hingerissen von diesem unbegründeten und ungerechten Ausbruch.

»So ist die Sache!«, schrie Lea. »Jawohl! Ganz einsam wird dieser Engel als Flügelschwein auf seiner nassen Wolke hocken und Halleluja plärren! Ich möchte nicht mit ihr tauschen, tatsächlich nicht! Lieber als das, was ich bin, in der tiefsten Hölle rösten! Immer noch besser als solch Flügelschwein im Himmel!«

Hingerissen war Frau Duske. Sie umarmte Lea. Die war froh, daß ihr Groll entleert war und daß die klügste Frau Berlins sie verstand. Es schien nicht schwer zu sein, gute Freunde in der Großstadt zu finden und verstanden zu werden. Zwar verstand sie selbst nicht recht, warum diese schlimme Wut auf die sanfte Heilige über sie gekommen war, aber ihre neue Freundin schien es zu verstehn. Immer wieder wurde sie von ihr umschlungen. Mit geheimnisvoller Begeisterung wurde jedes böse Wort aufgenommen, das sie der Amerikanerin nachrief. Als sie merkte, welches Vergnügen ihr Zorn auslöste, geriet sie ins Kälbern und kälberte immer weiter hinter dem Engel her. »Überhaupt hasse ich alle Amerikanerinnen! Ob sie mit dem lieben Gott flirten oder mit einem Filmstar, ist ganz egal! Das ist zwar die erste Amerikanerin, die ich in meinem Leben sah, aber das genügt für alle.« Und das schien nun wieder ein viel größerer Spaß zu sein, als sie selber ahnte. Frau Duske wälzte sich vor Lachen, riß sie keuchend an sich, gab ihr einen Kuß auf den Mund.

Zuerst war es ein fader Lippenstift-Geschmack. Sie ließ sich gutmütig noch ein paarmal küssen. Plötzlich fühlte sie, daß ihr Mund nicht mehr freigegeben wurde. Eine feuchte fremde Zunge versuchte zwischen ihren Lippen vorzudringen. Wie eine Qualle hing es plötzlich an ihr. Ein blutloser Leichnam trotz diesem wüsten Drängen, eine lustlose Gehirnblase trotz diesen wirren Trieben, so hing plötzlich die klügste Frau Berlins an ihr. In vollem Entsetzen stieß sie die Qualle zurück und schlug ihr mit ganzer Kraft zweimal mitten ins Gesicht.

Die Brille flog zu Boden und zerklirrte. Die klügste Frau von Berlin hielt sich stöhnend die Hände vors Gesicht und schrie: »Hinaus, Du Hure!« Lea wollte noch irgend etwas rufen, Du Qualle, Du Bestie, Du Buden-Angst, Du Irgendetwas, aber sie preßte die Lippen aufeinander und lief stumm aus dem Atelier. Das Dienstmädchen, das ihr die Gangtür öffnete, grinste ihr verständnisvoll nach.

Vor dem Haus fand sie ein leeres Taxi. Ohne Besinnen gab sie dem Chauffeur die Adresse ihres Vaters. Erst als sie schon zehn Minuten gefahren war, fiel ihr ein, daß Samstag war, Samstag und fünf Uhr nachmittags, sämtliche Bureaus der Stadt waren längst geschlossen, ganz gewiß, auch das Geschäftshaus ihres Vaters war geschlossen. Aber sie ließ den Chauffeur die ganze Strecke zu Ende fahren, vom Westen der Stadt zum Zentrum der Stadt, ohne sich zu rühren.

 

Die Vorhalle des Hauses Pasternak war leer. Auch der Portier »Alle-Menschen-gehören-ins-Zuchthaus« war nirgends zu sehn. Natürlich war längst Schluß.

Sinnlos, hier noch irgend etwas zu hoffen. Aber durch diesen Raum war vor kurzer Zeit ihr leibhaftiger Vater geschritten, vielleicht schwebte noch ein Stückchen Unsichtbares von ihm in der Luft, um ihre anwachsende Melancholie zu umspielen und zu lindern?

Sie lief vor der Marmortreppe ein bißchen auf und ab, als erwarte sie noch einen säumigen Liebhaber aus einem der Bureaus. Während zwei uniformierte Bengelchen die Treppe herunterschlaksten, warf sie ungeduldige Blicke auf die Uhr überm Portal, um zu zeigen, daß sie bestellt war. Die Bengelchen liefen an ihr vorbei auf die Straße, ohne sie zu beachten. Die Halle war wieder still und tot.

Nichts. Sie mußte wieder gehn. Sie mußte wieder ins Hotel gehn, zurück in die leere Bude. Sie mußte ihm einen neuen Brief schreiben.

Als sie vom Portal aus einen letzten Blick in die Halle warf, sah sie noch einen verspäteten Angestellten des Werkes Pasternak die Treppe herunterkommen. Ein subalterner älterer Herr, ein abgekämpfter Beamter mit Spitzbauch und Aktenmappe, müde und überarbeitet stapfte er die Marmortreppe herab und auf sie zu. Da er zwischen den Türen des Portals einen verwunderten Blick auf sie warf, was sie wohl hier zu suchen hätte, wollte sie ihn wissen lassen, daß sie keine Einbrecherin war, sondern eine Freundin seines großen Chefs, und sprach ihn an. »Verzeihung – Professor Pasternak noch im Haus?« Der Spitzbauch blieb vor ihr stehen. »Professor Pasternak? Ich glaube, ja, er ist noch im Haus.«

Sie fühlte, daß sie knallrot wurde. »So?«, sagte sie kühl. »Besten Dank.«

Er wollte sich offenbar in ein Gespräch mit ihr einlassen. Er blieb stehn, zog eine hölzerne Dose aus der Tasche, rauchte sich mit Pedanterie eine Zigarette an und musterte sie dabei mit gutmütigen, dunklen Augen. »Sie wünschen Professor Pasternak zu sprechen?«

»Jawohl – er ist ganz bestimmt noch da?«

»Ich glaube ja – fragen Sie doch bitte mal im ersten Stock bei der Anmeldung nach – wenn ich mich nicht irre, ist er noch oben –«

»Danke –«

Sie schritt in die Halle zurück und flog die Treppe empor. An der Ecke vor dem ersten Stockwerk stoppte sie und wartete fünf Minuten. Sie wollte nicht noch mal vor einem leeren Zettel mit ›Angelegenheit‹ stehn, für heute war ihr Mut dahin: aber sie wollte sich auch nicht vor dem Herrn im Portal lächerlich machen. Als er nach ihrer Schätzung verschwunden sein mußte, schlenkerte sie wieder die Treppe hinab.

Er stand noch zwischen den Flügeltüren des Portals. Er hatte auf sie gewartet. »Na, haben Sie Professor Pasternak getroffen?«

»Nein, er ist schon weg.«

»Er ist schon weg? So, so, er ist schon weg? Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Der Boy in der Anmeldung.«

»Der Boy in der Anmeldung? So, so? Ich glaube, der Boy hat Sie angelogen. Soll ich mal selber nachsehn?«

»Sehr liebenswürdig, besten Dank, es ist nicht nötig, nicht so wichtig.«

»Darf ich fragen, um was es sich handelt?«

Sie ärgerte sich über die zudringliche Art, mit der er sie anquatschte und ihr in die Augen stierte. »Nichts Geschäftliches,« sagte sie hochmütig, »besten Dank, guten Tag.« Sie lief schnell auf das Trottoir hinaus, das von den Menschen des Geschäftsschlusses überfüllt war.

»Eine Sekunde bitte«, sagte der Spitzbauch und schritt hastig an ihre Seite.

»Ja?« Sie blieb mitten im Gedränge stehn, um zu zeigen, daß sie keine Begleitung wünschte.

»Sagen Sie mir doch, um was es sich handelt, ich bin nämlich Professor Pasternak.«

»Was?«

Fast hätte sie gesagt: »Machen Sie keinen Blödsinn«, da erkannte sie plötzlich, daß wirklich ihr Vater vor ihr stand. Auf jenem Bild in der illustrierten Zeitung hatte sie ihn im Profil gesehn, ohne Hut, es war ein schmeichelhaftes Photo gewesen und ihre Phantasie hatte die fehlenden Lichter eingesetzt. Jetzt erkannte sie ihn tatsächlich. »Ach, Sie sind es selbst?«, sagte sie kühl. Die große Sekunde war vorüber, sie spürte keinerlei Erschütterung. Statt der unsterblichen Um-den-Hals-Fallerei nur eine kleine Schulmädchen-Neugier, wie der Streich zu Ende gehn würde.

»Ja, ich bin es«, hörte sie ihn. »Ich bin sehr gespannt, was Sie mir zu sagen haben, gnädiges Fräulein.«

Das sollte freundlich klingen und kroch ihr kalt und fremd übers Herz. »Nicht so einfach«, sagte sie, um Zeit zu gewinnen.

»Schwierige Sache.«

»Schwierige Sache?« Er lächelte ihr ein wenig zweideutig zu. »Vielleicht begleiten Sie mich ein Stück? Ich habe meinen Wagen weggeschickt, weil ich noch ein bißchen Bewegung haben muß. Nach welcher Richtung führt Ihr Weg?«

»Ganz egal.«

»Dann erstmal raus aus diesem Irrsinn – halt, so geht das nicht –« Er riß sie am Arm auf den Fußsteig zurück und hielt sie fest, bis der Fahrdamm überschritten werden durfte. Erst auf dem nächsten Fußsteig ließ er ihren Arm wieder los. »Noch keine Woche in Berlin, schätze ich?«

»Stimmt«, sagte sie und lachte.

»Und direkt aus den Alpen importiert?«

»Woher wissen Sie –«

»Das ist kein Kunststück bei Ihrem Tonfall, gehn wir hier rechts –«

Sie lief eine Weile schweigend neben ihm her, ohne zu ahnen, wohin der Weg führte. Endlich kamen sie in eine menschenleere Straße.

»Na, legen Sie los, gnädiges Fräulein, mit unserer schwierigen Sache –«

Sie hatte sich schon in der Glonn einen kleinen Trick zurechtgelegt, um sich aus der Klemme zu ziehn, wenn die große Um-den-Hals-Fallerei nicht klappte. »Sie sind doch der erste Besteiger des Botzong-Kamins«, frug sie in trockenem Ton.

»Was bin ich?«

»Kennen Sie nicht den Botzong?«

»Nein.«

»Was?«, rief sie entsetzt.

»Wer soll das sein?«

»Botzong, Botzong-Kamin, Kaisergebirg, Predigtstuhl, Botzong-Kamin, erinnern Sie sich nicht?«

Er blieb stehn und starrte sie an. Wie ein Auferstandener, der auf sein eigenes Grab starrt, starrte er sie an. »Natürlich, selbstverständlich erinnere ich mich, Predigtstuhl, Botzong-Kamin – ja um Gottes willen, wie kommen Sie denn darauf, gnädige Frau, daran hab ich mindestens zwanzig Jahre nicht mehr gedacht – Botzong, selbstverständlich, Botzong-Kamin, was soll denn das –«

»Das ist sehr einfach«. Sie versuchte sich wieder in Marsch zu setzen. Aber er ging keinen Schritt vorwärts. Sie mußte vor ihm stehn bleiben und ihm ins Gesicht sehn. »Sehr einfach, ich bin Alpinistin, ziemlich bekannt als Alpinistin, ich schreibe ein Buch über das Kaisergebirg, eine Geschichte sämtlicher Erstbesteigungen im Kaisergebirg, so wollte ich doch den ersten Bezwinger des Predigtstuhls sehn, da ich zufällig in Berlin bin, das ist die ganze Geschichte.«

»Das ist wirklich wunderbar«, rief Professor Pasternak begeistert und man konnte deutlich hören, daß ihr Trick keine Sekunde lang angezweifelt wurde. »Das ist wunderbar, Sie ahnen nicht, wie wunderbar das ist!« Er setzte sich endlich wieder in Bewegung. »Können Sie mich nicht noch ein Stück begleiten, gnädiges Fräulein? Bitte sehr! Das ist nämlich wirklich eine ganz wunderbare Erinnerung für mich.«

»Das freut mich.«

»Darf ich Sie nicht um Ihren Namen bitten?«

»Lea Herse.«

»Frau oder Fräulein?«

»Fräulein.«

»Fräulein Lea Herse! Und schon so eine große Alpinistin? Verzeihn Sie, wenn ich Ihren Namen nicht kenne, ich habe mich seit Ewigkeit nicht mehr um alpine Literatur gekümmert.«

»Ach es ist nicht so schlimm mit meinem alpinen Ruhm.«

»Doch, ganz gewiß – übrigens täuschen Sie sich, fällt mir soeben ein: nicht ich habe die Erstbesteigung des Botzong-Kamins gemacht, sondern Botzong selbst, das ist der Mann, nach dem der Kamin benannt ist, Botzong hat ihn zuerst durchstiegen –«

»Natürlich«, sagte sie schnell, »das weiß ich.«

»Ich habe nur ein paar Jahre später die erste völlige Durchsteigung bis zum Hauptgipfel gemacht –«

»Ich weiß, ich weiß, genau so wird es in meinem Buch stehn.«

»Und zwar allein, ich war Alleingänger.« Er zog seinen Bauch ein und marschierte straff neben ihr her. »Bitte schreiben Sie das doch auch in Ihr Buch, daß ich allein war, als ich diese Sache schmiß.«

»Selbstverständlich.«

Er war hingerissen von dieser plötzlichen Erinnerung an die Kletterfahrten seines früheren Lebens. Ach das Leben inmitten jener heidnischen Felswände! Beim nächsten Straßenübergang packte er wieder ihren Arm und führte sie mit einem festen, freundschaftlichen Griff. »Wollen Sie einem alten alpinen Kameraden, der mit Haut und Haar von der Großstadt aufgefressen worden ist, eine große Freude bereiten, gnädiges Fräulein?«

Sie schwieg. Er hielt noch immer ihren Oberarm umspannt, obwohl der Fahrdamm längst passiert war.

»Wollen Sie mir nicht diesen kleinen Samstagabend schenken? Oder sind Sie besetzt?«

»Besetzt bin ich nicht –«

»Aber?«

Sie verschluckte ihre Antwort.

»Fahren Sie doch zum Abendessen mit mir in mein Landhaus, ja? Auch meine Frau wird sich sehr freun, ja?«

»Ja?«

»Es ist zwar ziemlich weit außerhalb der Stadt, aber ich bringe Sie selbst in meinem Wagen zurück. Ja?«

»Ja?«

»Bitte sehr!«

»Gut.«

»Besten Dank.«

Endlich gab er ihren Arm frei.

»Im nächsten Zigarrenladen telephoniere ich meinem Chauffeur.«

Sie mußten noch durch eine endlose, öde Straße wandern, bevor er seinen Wagen bestellen konnte. Dann standen sie vor dem Zigarrenladen und warteten, schweigend. Der Feierabend lastete schwer auf den Häuserfronten und Menschengesichtern ringsum. Die Arbeitswoche war zu Ende. Die Großstadt rüstete sich, den toten Sabbat und den toten Sonntag zu begehen und ihre große Buden-Angst zu übertosen.

 

»Fahren Sie langsam, Jünemann,« sagte Professor Pasternak zu dem Chauffeur des offenen Sechssitzers, »nur immer langsam voran, Jünemann, ich bin ein alter Mann und im neunten Monat.« Das war ein Witz, den er von einem befreundeten Schauspieler hatte, aber der Witz tat, was solche Großstadtwitze schon am zweiten Tag nach ihrer Geburt zu tun pflegen: er fiel tot zu Boden. Der Schauspieler hatte ihn schon lange im Gebrauch gehabt, ehe er ihn an Professor Pasternak weitergegeben hatte, und der hatte ihn auch schon ziemlich oft benutzt, das fühlte Lea und das verstimmte sie.

Mit leeren Augen schaute sie auf die vorübergleitende Mondkraterlandschaft aus Beton-Asphalt-Blech-Gummi-Menschenfleisch. Einige Plätze und Straßen, durch die sie vorhin gefahren war, auf der Fahrt von der klügsten Frau Berlins zu ihrem Vater, erkannte sie wieder. Es schien wieder nach Westen zu gehen.

Professor Pasternak sah sie von der Seite an und schien ihre Trauer zu spüren, denn plötzlich streckte er ihr die Hand hin und sagte: »Wir haben uns noch nicht mal die Hand gegeben, Fräulein Herse.«

Sie nahm die Hand und drückte sie scheu. Aber er hielt sie fest, sie mußte eine Zeitlang Hand in Hand mit ihm fahren. Erst beim Stop an der nächsten Kreuzung ließ er los.

»Ja, ja, wenn ich an den Botzong-Kamin denke, kommt mir dies alles hier wie Irrsinn vor.« Er deutete auf die überfüllten Kanäle der Mondkraterlandschaft. »Sie sind zum erstenmal in Berlin?«

»Zum ersten Mal in meinem Leben in der Stadt!«

»Was?«

»Wirklich.«

»Na so was! Immer auf dem Land? Immer in den Alpen? Dann drückt Ihnen dieser Betrieb natürlich aufs Herz. Aber sie dürfen die Stadt nicht nach ihrem äußeren Antlitz beurteilen.«

»Nein?«

»Nein, gewiß nicht! Obwohl auch die Fassade schön ist. Ist das zum Beispiel nicht toll?« Der Stop war zu Ende, von beiden Seiten schossen die Wagen wieder los, weiter, weiter, immer weiter, wie freigelassene Tiger aus dem Käfig stürzte es ringsum aus dem Stop. »Finden Sie das nicht wunderbar?«

»O ja, ganz schön.« Es klang nicht sehr überzeugt.

»Man muß das Leben in dieser Stadt lieben, sonst geht man zu Grund. Dies alles muß genau so sein, wie es ist.«

»Nein, es muß nicht so sein! Man muß sich entscheiden!«

»Was heißt das? Entscheiden wozu? Raus aus der Stadt oder rin in die Stadt? Raus aus dem Betrieb oder rin in den Betrieb? Aber wer hat denn hier noch die Freiheit zum freien Entscheid?«

»Alle Menschen.«

»Irrtum.«

»Ich jedenfalls.«

»Möglich.«

Sie schwieg hochmütig.

»Und wozu haben Sie sich entschieden? Natürlich bald wieder in Ihre Alpen zurück?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe meine Entscheidung noch nicht getroffen. Aber ich werde es tun. Wenn ich in der Stadt bleibe, werde ich jedenfalls komplett hierbleiben.«

»Was heißt das? Komplett?«

»Ganz und gar! Nicht mit dem einen Auge in die Stadt schielen und mit dem andern Auge in die Natur schielen! Nicht halb und halb wie Ihr hier!«

»Wer Ihr?« Er schien sich über ihren zornigen Ton zu mokieren.

»Keinesfalls werde ich es so machen wie Sie, Herr Professor Pasternak.«

»Aber was mache ich denn?«, frug er bestürzt. »Was wissen Sie denn von mir?«

»Sie haben selbst gesagt, daß Sie sich mit Haut und Haar auffressen lassen von dieser Stadt. Das genügt.«

Er lachte. »Das dürfen Sie doch nicht wörtlich nehmen, gnädiges Fräulein. Sagen wir nur ›mit Haut‹. Die Haare sind noch da, wie Sie sehn.« Er nahm den Hut ab und strich durch sein dichtes kastanienrotes Haar. Ohne Hut sah er frischer und männlicher aus. Die Haare waren nur wenig angegraut.

»Nein, mit Haut und Haar,« sagte sie mit bösem Lachen, »die Haare sind auch weg.«

»Na, hören Sie!«

»Weg!« Sie war froh, das Gespräch in Spaß überleiten zu können. »Das ist nur Schein, die Haare sind weg, aufgefressen von der Stadt, weg, ganz weg!«

»Bitte, überzeugen Sie sich!« Er hielt ihr den Kopf hin.

Sie tippte vorsichtig mit der Fingerkuppe an sein Haar. »Weg, ganz weg, die Haare sind weg, ich spüre nichts mehr davon, es hat schon gestimmt, aufgefressen mit Haut und Haar.«

»Sehr traurig«, sagte er und drückte sich den Hut schief ins Gesicht.

Sie fuhren durch die letzten Straßenzeilen und gelangten ins Freie. Lea streckte sich begeistert der offenen Landschaft entgegen. Die Luftmassage und das schöne kapitalistische Polstergefühl am Hinterteil hoben ihre Stimmung. Es war ja albern, nach zwei Tagen Stadt und nach zwei Stunden Papa irgendwelche großen Entscheidungen treffen zu wollen. Bei dem großen Stop im Zentrum der Stadt hatte sie beschlossen, mit einem der nächsten Züge in die Glonn zurückzufliehen und ihre Expedition als gescheitert zu betrachten. Aber das war irgendeine Überreizung gewesen, ganz gewiß. So einfach lagen die Dinge nicht, die Entscheidung zwischen Stadt und Land war schwierig, ganz gewiß.

Ganz gewiß fühlten alle diese Menschen ringsum, arm und reich, die gleiche Sehnsucht, aus der Stadt zu fliehn, zurück zur Natur, wie sie. Aber die Armen verhungerten auf dem flachen Land, die waren mit den Ketten des Hungers an die Stadt gekettet; und die Reichen wollten ihre städterne Macht nicht fahren lassen, die waren an den Ketten des Geizes festgelegt. So sanken sie immer tiefer in den Sumpf, arm und reich, wie ein Denker versumpft, der einen halben Gedanken gedacht hat, sich darin verbohrt, ihn nicht mehr lassen kann.

In eine halbe Idee hatten sie sich verbohrt, die Städter, und waren zu geizig, diese halbe Idee über Bord zu werfen und von vorn zu beginnen! In eine halbe Idee verbohrt, die ganze menschliche Rasse! Die eine Hälfte ihres Lebens war verkörpert in den Städten, in der Technik, in der Wissenschaft, entsprossen aus der christlichen Gemeinschaft, vernietet und gehalten durch deren kümmerlichen Rest – die andre Hälfte lag weit weg davon, im heidnischen Wurzelsaft der Pflanze Mensch, die war auf diesem Wege niemals zu verkörpern: was flohn sie nicht heraus aus diesen christlich-technischen Städten? Was flohn sie nicht in heidnischen Massen über den geräumigen Ball, Ausschau nach einem neuen Leben zu halten? Und hast du dich in einen wirren Wald verirrt, mein Mensch, so lauf doch schnell den falschen Weg zurück und hoffe nicht, daß dich ein Zufall oder irgendeine höhere Macht zum Ziel geleitet, sonst tappst du in den Sumpf, Sumpf, Sumpf, Sumpf, Sumpf.

Zu schnell, zu schnell! Entscheidungen rasten nicht so schnell wie dieser hübsche blecherne Kasten! Weil ihr Papa sie in der ersten Stunde schwer enttäuschte, vielleicht durch ihre eigene Blödigkeit, deswegen mußte nicht die ganze Menschheit blöde und sie allein bei wachen Sinnen sein!

»Nein, die Haare sind noch da«, sagte sie plötzlich zu ihrem Vater, der vor sich hingebrütet hatte. »Alles noch da, Herr Kamerad vom Botzong-Kamin, zeigen Sie mal –« Sie nahm ihm den Hut ab und beguckte mit einem eisblauen Blick sein Haupthaar, sein Gesicht. Sie tippte an seine Wange, sie tippte an seinen Hinterkopf. »Tadellos, Haut und Haar noch da, alles noch da, nichts aufgefressen.« Sie drückte ihm den Hut wieder fest in die Stirn.

Er strahlte und ließ den Hut sitzen, wie er saß, äußerst schief. Plötzlich sah er wie ein angetrunkener alter Stromer aus. Und da begann er auch schon zu dudeln, ein kleines Stromerlied dudelte er leis vor sich hin, während der Wagen kurz nach dem Wannsee in eine Seitenstraße einbog. Zum erstenmal seit Jahren hörte der alte Jünemann seinen Chef vor sich hin dudeln.

 

Das Gedudel des Herrn Professor Pasternak entstammte nicht etwa irgendeinem unbewußten Vatergefühl. Es kam nicht aus einem dunklen Instinkt, daß sein Fleisch und Blut neben ihm saß. Es kam auch nicht von der freudigen Erinnerung an den Botzong-Kamin. Was er in Leas Nähe spürte, war jene lebendige Urhülle der Natur, darin der Mensch noch atmen kann ohne das Asthma der Gedanken, atmen kann ohne das Asthma von Gut und Bös, atmen kann als frommer Heide und dudeln. Es war ein Rest jener lebenspendenden Urhülle der Natur, die einst den ganzen Ball umspannte und ihn bewahrte vor der Nacktheit im All.

Pauvre reste! Schon im Garten Eden begann diese körperliche Urhülle der Natur vom Menschen zurückzuweichen. Adam spürte es mit Schrecken und griff zum Apfel der Erkenntnis, den Eva ihm bot, das findige Weib – aber was nutzte es, daß er mit diesem jämmerlichen Ersatz-Organ die Stimme eines Gottes hörte? Er schämte sich seiner neuen Nacktheit im Raum, immer weiter wich die Urhülle der Natur vom Menschen zurück. Moses fühlte sich noch von ihr umhüllt auf Sinai, doch er mußte schon schlimme Märchen lügen, der findige Dichter, um sich mit seinen Goldenen-Kalb-Tänzern zu verständigen. Bis endlich Christus kam, der findige Nihilist, und ihnen als Ersatz für ihr erkranktes Diesseits das tote Jenseits anbot. Und sie griffen zu, sie klammerten sich an diesen letzten Diesseits-Ersatz, sie klammerten sich in ihrer Todesangst zwei Jahrtausende lang daran. Bis ihnen auch Christus und sein heiliger Geist entschwunden war, nachdem sie sein gewaltiges Wort in kleine Münze umgemünzt hatten: in das falsche Gold der Kirche und in das schäbige Kupfer des Staates, in ungedeckte russische Schecks und in gefälschte amerikanische Wechsel. Dann war es zu Ende. Dann sind sie verzweifelt, verzweifelt und verkommen, verkommen und verkrüppelt, verkrüppelt und verstorben, tot, wahrhaftig tot ohne es zu wissen, denn nur innerhalb jener Urhülle der Natur ist Leben.

Um die Tiere, in einzelnen Seitentälern, um einzelne Menschen lagert sie noch. Dort lagert sie noch, geheimnisvoll-heidnischer Rest, hoffnungsvoll dahinkeimend, lebendiger Raum um einzelne Menschen, dort ist es noch zu spüren. Und spürt es dann ein andrer Mensch, ein alter abgekämpfter Mensch der Stadt, dann lebt er auf, dann keimt es auch in ihm, dann fängt er an und dudelt für ein paar Minuten selig vor sich hin.


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