Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Drittes Kapitel

Professor Pasternak war schon seit vielen Jahren nicht mehr Chemiker, wie man in der Glonn glaubte. Er war Wirtschaftsführer, Organisator, Industrieller. Mit Fünfunddreißig hatte er sich einen Namen in der Stickstoff-Chemie gemacht, da hatte das Kapital den Mann gekauft, um ihn der Wissenschaft zu entziehen und dem wirtschaftlich-technischen Großbetrieb zuzuführen. Alle Menschen, denen der Erfolg treu ist, geraten in den Großbetrieb, in den politischen oder künstlerischen oder wirtschaftlich-technischen Großbetrieb. Und stecken sie erst im Großbetrieb, so bleibt ihnen der Erfolg meist bis an ihr Lebensende treu. Aber diese Treue des Erfolgs gleicht der Treue einer läufigen Hündin, die nicht auf die Straße gelassen wird. Draußen bellen die herrlichsten Straßenköter, heroisch klingt und berauschend der Ruf der Natur durch die Nacht, doch die Rassehündin liegt treu und erfolgreich auf ihrem Seidenkissen im Salon, wohin ihr großer Aufstieg sie verpflanzt hat. Sie versucht nicht einmal mehr an die Tür zu kratzen oder ans Fensterkreuz. Sie weiß, es hat keinen Sinn, alle Notausgänge sind verrammelt an diesem hervorragenden Platz. Verächtlich horcht sie auf die Straße hinaus, auf das Geheul der schmutzigen fremden Rüden, dann schläft sie gottergeben ein. Nur im Traum näßt sie ein wenig unter sich, auf das lila Seidenkissen des Erfolgs. So auch die Menschenwesen im Großbetrieb.

Frau Zilly Pasternak nahm seit zwanzig Jahren an diesen Erfolgen ihres Gatten teil. Dazu kamen noch ihre weiblichen Spezialerfolge. Sie hatte zwei gesunde Kinder geboren, und sie hatte ihr Hauswesen von Jahr zu Jahr modernisiert. Außerdem hatte sie erreicht, daß die Pasternaksche Ehe nicht ein einziges Mal gebrochen worden war. Von ihrer Seite aus war das kein Kunststück gewesen: sie war eine fette Schwarze mit Feueraugen, und das Feuer ihrer Augen war das einzige Feuer, das ihr Leib besaß. Aber auch ihren Gatten hatte sie rein gehalten, tadellos stubenrein. Selbst während der Epoche, da die Röcke immer kürzer wurden und das Straßenbild für einen alten Ehemann immer verwirrendere Formen annahm, hatte sie über alle Konkurrenz gesiegt.

Fräulein Julia Pasternak, neunzehn, hatte die Feueraugen der Mama geerbt und malte. Schon seit ihrem zehnten Lebensjahr war sie stolz auf das Entsetzen, das ihre freiheitliche Manier im Elternhaus auslöste. Aber auch die Eltern waren stolz auf ihr Entsetzen über diese neue Jugend. Ein hübsches verzwicktes Geschöpf, und man erwartete große Dinge von ihrer Malerei. Sie kam gerade von einer Studienreise zurück, vierzehn Tage Paris, sie hatte das Café du Dôme gesehn, zwei Revuen, fünf betrunkene russische Großfürsten, dazu in einigen geheimen Nepplokalen jene graziösen tuberkulösen Dirnen, davon die Dichter dichten und auch die Maler gut verkaufen. Sie sprach von der Liebe wie vom Wetter und von Petersilie, als hätte sie schon mindestens sieben interessante Liebhaber gehabt. Aber das war Lüge, sie war eine amerikanische Jungfrau: unberührt und rein und immerzu-darum-herum.

Robert Pasternak, siebzehn, kastanienbraun wie sein Vater und wie die fremde Dame aus den Alpen. Ein lustiger kleiner Sportsmann, der sämtliche Rekordzahlen der letzten Saison auswendig wußte. Nachts träumte er nicht von blauen Wasserfällen, grünen Weingewächsen, rotem Blut, sondern von den Schwarz-Weiß-Annoncen berühmter Rennwagen. Er verliebte sich sofort in die fremde Dame aus den Alpen, weil sie noch vor dem Abendessen ein paar Bälle mit ihm schlug, auf dem Tennisplatz hinter dem Ziergarten, und dabei einen großartig freien Schlag zeigte: Vorhand und Rückhand ausgezeichnet, Netzspiel prima, aber ihren volley fand er besonders gute Klasse.

Frank Medes war ein Mitschüler Roberts, übern Sonntag in der Villa Pasternak zu Gast. Ein eleganter schlanker Jude, auf der Suche nach einem Gott, an dem man mit dem Verstand glauben konnte, auf der Suche nach einem Weib, dem man als Knecht hörig sein durfte, auf der Suche nach einem Beruf, der garantiert ideal war und dennoch gute Zinsen warf. Trotzdem er Leas starke Atmosphäre vor allen andern Anwesenden spürte, verknallte er sich nicht in sie, denn er war zur Zeit bis über die Ohren, die etwas abstanden, in Julia Pasternak verknallt. Er wußte, daß die amerikanische Jungfrau ihn nur zum Narren hielt, doch da er schon sechzehn Jahre alt war, verlangte er vom Leben gar nichts Besseres mehr, als zum Narren gehalten zu werden.

Zwischen diesen fünf Menschen saß Lea auf der schneeweißen Terrasse der Villa Pasternak beim Abendessen. Sie aß kleine panierte Kotelettes mit Rollerbsen und Tomatensalat. Sie aß gekühlten Reis mit eingemachten Früchten. Sie unterhielt sich nach allen Seiten hin wie eine alte Eingeborene des Hauses. Und sie kam sich dabei vor wie Mevrouw Genkerlein aus dem hohen Norden: die hatte sechsundzwanzig Jahre lang geschlafen und als sie erwachte, war es eine fremde Welt.

 

Um zehn Uhr wollte sie sich verabschieden, obwohl sie bereits in den sanften grauen Familien-Nebel hineingeschwatzt worden war. Es gab allgemeinen Protest. Man wollte sie überreden, in dem freien Fremdenzimmer zu übernachten. Sie sollte den ganzen Sonntag in der Villa Pasternak verbringen. Papa Pasternak wollte ihr unbedingt noch einige wichtige Daten für ihre Erstbesteigungs-Geschichte des Kaisergebirgs geben, aus seinen alten Tagebüchern, die konnte er aber erst morgen finden, morgen früh wollte er das Material zusammensuchen und eine alpine Konferenz mit ihr abhalten. Robert Pasternak wollte mit ihr Tennis spielen, ein richtiges Turnier mit Schiedsrichtern und Linienrichtern, sie war die einzige würdige Partnerin für ihn, seine Schwester gab ihm nur zwanzig Meter hohe Ballonbälle, sein Freund Frank hatte es noch nicht ein einziges Mal auf Einstand mit ihm gebracht. Julia Pasternak erklärte, daß der Sonntag in der Großstadt melancholischer wäre, als Lea ahnen könnte; glatt zum Verzweifeln ohne Anschluß an irgendeine Sippe; der einzige Tag, wo selbst ein Genie im Familien-Klimbim untertauchen müßte; selbst in Paris könnte man an einem Sonntag nichts anderes tun wie im Bett liegen zu bleiben, allein oder zu zweit. »Schweig still«, fuhr ihre Mutter an dieser Stelle dazwischen, aber Lea hatte die amerikanische Jungfrau bereits durchschaut und murmelte ihr zu: »Dann schon wenigstens zu dritt oder viert, Sie Anfängerin.« Frank Medes sagte nichts weiter wie: »Bitte ja, bleiben Sie!«, das allerdings mit einem Blick, der sich gewaschen hatte, gewaschen in dem uralten schwarzen Gewässer von Babylon. Nur Frau Zilly Pasternaks Einladung klang ziemlich kühl – und das gab, da Lea ein Weib war, den Ausschlag: sie blieb.

Um elf Uhr ging man zu Bett, um für den Festtag mit der fremden Königstochter aus den Alpen frisch zu sein. Julia Pasternak führte Lea in das Fremdenzimmer, das ursprünglich für Frank Medes bestimmt gewesen war. Frank Medes bekam ein Reservebett in Roberts Zimmer aufgeschlagen; das war sehr gemütlich für die beiden Jungen, Lea brauchte sich keine Gedanken zu machen. Die Toilette und das Bad waren vis-à-vis, das Nachthemd war von Printemps, frisch gewaschen und noch kein einziges Mal getragen, da war ein Schreibtisch, wenn sie noch schnell ein Gedicht fabrizieren wollte, da war eine Abendzeitung, wenn sie sich gern von den Politikern mit den fetten Glatzköpfen und von den Boxern mit den Zwei-Zentimeter-Stirnen in den Schlaf wiegen lassen wollte, und bonne nuit, ma chérie.

Gute Nacht, amerikanische Jungfrau, gute Nacht, gute Nacht.

 

Mechanisch entkleidete sie sich. Mit dem gleichen Knick und in der gleichen Reihenfolge wie in der Glonn legte sie ihr Zeug über den Stuhl: Kleid, Wäsche, Strümpfe, Strapsen. Dann beguckte sie das feine Nachtgewand aus Paris. Es war tief ausgeschnitten und mit imitierten gelben Kirchenspitzen besetzt. Obgleich es garantiert jungfräulich war, sah es aus, als hätten schon Generationen von eleganten Charkutiersgattinnen darin geschlummert und schlimme Träume hineingeträumt. Besser nackt zwischen den frischen Leintüchern ruhn! Sie nahm das kostbare Stück zwischen zwei Fingerspitzen und ließ es hinter dem Kopfend des Betts zu Boden fallen. Dort klappte es zusammen und blieb liegen und sann auf Rache.

Sie trat vor den Wandspiegel, um sich Gutnacht zu sagen. Grüß Gott, wie gehts, na, was sagst du zu dieser Geschichte, Mevrouw Genkerlein? Mevrouw Genkerlein sagte: »Die Füchse haben Gruben und die Vögel im Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege«. Sie streckte ihr die Zunge raus und schlüpfte ins Bett.

Schlafen. Sich wie Maffa in sein eigenes Selbst einrollen und schlafen. Es war gar nichts Schlimmes passiert. Woher kam plötzlich dieser Todesengel über sie? Nachdem der sanfte graue Familien-Nebel zerronnen war, rauschte plötzlich ein schwarzer Todesengel durch die Welt, warum, warum? Nichts wie Nervosität in der fremden Umgebung! Erstmal schlafen und morgen war ein andrer Tag. Laß mich die Arme um dich schlingen, mein Gemahl, laß mich das Knie noch ein wenig an mich ziehn, so ist es gut, so ist die Lage wundervoll, nun rühr dich nicht mehr, mein geliebtes Wesen.

Eine Affenhitze! Die Fenster geschlossen, drückende Schwüle im Zimmer, daher der Todesengel! Sie sprang aus dem Bett und öffnete das Fenster und kühlte ihren Leib im Wind der Nacht.

Iris und Rosen im Garten, leuchtend durch die Nacht, der ganze Garten voll Iris und Rosen. Keine andere Pflanze wie Iris und Rosen in dem großen Garten, eine blödsinnige Anlage, sie hatte sich schon bei der Einfahrt darüber geärgert. Um alle Beete ein schnurgerader Iris-Saum, dazwischen wie eine Kompagnie Soldaten in Reih und Glied die Rosenstöcke. Das war sachlich, hatte Robert Pasternak behauptet. Ach, mein kleiner Halbbruder, das war nicht sachlich, das war tot, dieser Garten war tot.

Und was hätte man nicht alles aus diesem herrlichen Humus machen können, man roch bis zum zweiten Stock herauf, wie gut der Boden war. In der Glonn stieß man nach einem halben Spatenstich auf Fels, für jede einzelne Pflanze gabs dort jahrzehntelangen Kampf mit dem Gestein, hier aber konnten tausend Blütenstauden wachsen, die weichen und die harten Sorten, chinesisches Gelb, sibirisches Grün, dazwischen rote Tränende Herzen, die alte deutsche Staude aus der Minnezeit. Und wo war der hellblaue Rittersporn, und wo war der Mohn mit allem Zinnober und Purpur der Welt, wirr durcheinanderblühend wie die Schöpfung selbst? Sachlich! Sachlich und leer, leer und tot.

Das ganze Haus leer und tot! Aus Angst vor dem üppigen Diesseits ein sachliches Beinhaus! Und mach dir nur nichts vor, Königstochter, dein Vater ist gestorben, dein Reich ist dahin, es stinkt gen Himmel hier, bewahre dein Geheimnis, hüte dich, bewahre dich, lauf auf und lauf davon!

Sie öffnete leis die Tür und lauschte auf den dunklen Gang hinaus. Alles still. Alles zu Bett. Man konnte nackt über den Gang huschen, ins Bad, Gesicht und Brust und Beine waschen, vielleicht gab das ein bißchen Schlaf.

Als sie schon die Klinke zum Badezimmer in der Hand hielt, hörte sie durch das offene Treppenhaus Stimmen aus dem ersten Stock heraufklingen. Sie tastete sich zum Geländer, es waren nur drei Schritte nach rechts, und horchte in den ersten Stock hinab. Das eintönige Hin und Her einer Bettunterhaltung vor dem Einschlafen. Man konnte kein Wort verstehn. Man hörte nur, daß es eine männliche und eine weibliche Stimme war. Ihr Vater und seine Madame? War es nicht unanständig, in einem fremden Haus nackt auf dem Flur zu stehn und zu lauschen? Äußerst unanständig, ganz gewiß.

Und so mochte es doch unanständig sein! Die ganze Menschheit war so anständig und brav geworden, je weiter der Fortschritt fortschritt, desto anständiger und braver wurden sie, bald war die ganze Menschenwelt eine einzige brave Musterklasse, es war ganz gut, wenn kurz vor diesem Idealzustand noch schnell etwas Unanständiges und Böses vor sich ging. Ach, diese braven Schweinehunde! Die einen waren brav, um nach dem Tod in den Himmel zu kommen, und die andern waren brav, um schon auf Erden belobt zu werden, von ihrem Büro-Vorstand, von ihrem Partei-Vorstand, und viele andere waren brav vor ihrem eigenen Wauwau-Gewissen und Bebe-Ideal, ach diese braven Schweinehunde! Selbst die Tiere hatten sie schon brav gemacht, die Wölfe zu braven Hunde-Polizisten, die Büffel zu braven Milch-Maschinen, und was nicht brav war, wurde abgeknallt und ausgetilgt, ach diese fortschrittlichen braven Schweinehunde! Nur die Katzen waren noch ein wenig bös geblieben, Gottseidank, wenigstens einzelne Katzen, wenigstens die Katzen aus der Glonn.

Im Hersehof war eine alte Katze, eine üble Vagabundin. Oft ließ sie sich wochenlang nicht sehen, da war sie auf Jagd im Berg. Bei der Heimkehr sprang sie durchs Fenster in die Stube, als wäre nichts gewesen. Zerschunden und zerfetzt kam sie von ihren Streunereien zurück und trank fünf Schalen Milch auf einen Sitz. Die wollte nicht gestreichelt werden. Die pfiff auf das Lob des Himmels und pfiff auf das Lob der Erde, danach die Menschen und die Hunde lechzen. Die war nicht brav, die war bös geblieben, Gottseidank. Wie diese Bergkatze mußte man sein, wollte man sich nicht in die Musterklasse der städtischen Menschheit fügen. Wie die Minni-Minni von der Glonn mußte man sein, ohne Lob und sich selber genug, böse und einsam, weich im Rückgrat und voller Spaß an allen Dingen.

Sie tastete sich am Geländer entlang zur Treppe. Sie schlich auf den Zehenspitzen ein paar Stufen hinab. Nichts zu befürchten, alle Leute lagen in der Klappe, keinerlei Gefahr. War es nicht lustig, den leibhaftigen Vater zu belauschen, wenn er den Stehkragen und die Weste und die Königskrone abgelegt hatte? Sie stieg die ganze Treppe bis zum ersten Stock hinunter.

Wenn eine Stufe knarrte, stoppte sie ein paar Sekunden. Den Atem angehalten, eingezogen den gewölbten Leib. Dann ging es wieder weiter. Bis vor die Tür des Zimmers, aus welchem das verschlafene Duett erklang. Keine Pasternaksche, wie sie so dahinschlich! Eine Minni-Minni aus der Glonn! Einsam und böse, leise, weich im Rückgrat, ein richtiger Katzenspaß.

 

Tausendmal hatte Professor Pasternak einen Menschen welcher Ruschkewitz hieß, gewarnt –

Frau Zilly Pasternak hielt diesen Menschen, welcher Ruschkewitz hieß, für einen ausgemachten Trottel –

Ach, tausendmal reichte gar nicht. Noch vor einer Woche hatte er dem Menschen, welcher Ruschkewitz hieß, mit krassen Worten die Wahrheit gesagt –

Unverständlich, wie solche Kerle auf solche Posten kamen! Durch dicke Aktienpakete natürlich –

Tatsächlich war diesmal der Mensch Ruschkewitz richtig hineingetapst –

Aber richtig –

Richtig hineingetapst –

In den Augen der Frau Zilly Pasternak war der Mensch Ruschkewitz schon seit Jahren ein Hemmschuh für seine ganze Umgebung –

Nicht das Kind mit dem Bad ausschütten, Zilly! Trotz dieser üblen Blamage hatte der Mensch Ruschkewitz auch seine guten Seiten –

Möchte wissen, wo! Der Mensch Ruschkewitz war ein ausgesprochener Hemmschuh für seine ganze Umgebung –

Nein, es hatte auch andere Zeitläufte gegeben –

Ein Hemmschuh in allen Zeitläuften, aber ja –

Nein, in manchen Zeitläuften war er sehr brauchbar gewesen, das mußte man zugeben –

Nichts mußte man zugeben! Ein richtiger Hemmschuh in allen Zeitläuften –

Nein, das war ungerecht –

Ein Hemmschuh –

Und seine Stellung im Kohle-Öl-Krach –

Ein Hemmschuh –

Glänzend war er gewesen im Kohle-Öl-Krach –

Ein Hemmschuh, ein Hemmschuh, ein Hemmschuh, der Mensch Ruschkewitz war ein Hemmschuh, in allen Zeitläuften, trotz allem Kohle-Öl – Kohle-Öl – Kohle-Öl – bara – bara – bam – bam – bam – serifugi – kech – kich – kuch – kech – kech – und – immer – auf – der – rechten – Bauchseite – dieser – dumpfe – Schmerz – vielleicht – war – es – doch – der – Blinddarm – hier – immer – hier – weiter – unten – da – ja – da – sitzt – da – der – Blinddarm – Anton – sag –

Lea hob vorsichtig den Arm, um sich ein wenig an der Türfassung zu lehnen. Kühl die Wand am nackten Unterarm und fest die blanke Stirn dagegen gepreßt. Leise hin und her der Odem der Minni-Minni aus der Glonn. Dunkel das Haus, der Gang, das ganze fremde Jagdgebiet. Der Mensch Ruschkewitz war ein Hemmschuh und bald auch würde bekannt sein, obs der Blinddarm oder der Mastdarm war. Und so besah sich der Mensch, welcher Anton Pasternak hieß, den Bauch seiner rechtmäßigen Gattin und so hatte der Mensch, welcher Anton Pasternak hieß, dereinst einen andern Bauch besehn, und das war vor vielen Jahren Daniela Oldenkotts lieblicher junger Mädchenbauch gewesen im Damenraum der Gruttenhütte im Kaisergebirg. Ach nein, dunkel wars in jener Nacht gewesen im Damenraum der Gruttenhütte im Kaisergebirg, nichts zu sehn, geschlossen die Augensterne, geschlossen alle Sinne außer dem Sinn der blühenden Dolde. Aber wo war er gewesen, der Mensch, welcher Anton Pasternak hieß, als dann jener liebliche junge Mädchenbauch angeschwollen war und sich aufgeworfen hatte zur Trommel des Lebens, um zu zerbersten im Hersehof in der Glonn? Fort war der Jüngling gewesen und allein war die Jungfrau gewesen. Fort war der Kater gewesen und allein war die Kätzin gewesen mit ihrer kleinen Minni-Minni aus jener Nacht. Ach du mein Vater und hast du meine beiden kleinen roten Fußballen in deine harte breite Riesenhand genommen, als ich vor dir in der Wiege lag, um mich daran emporzuzerren und mir mein Leintuch unterm Rücken glatt zu ziehn? Ach du mein Vater und hast du meine zehn ersten Worte vernommen: Mama, Nana, Happi-Happi, Bebe, Bischa-Blumi, Mondi, Balli, Minni, Wauwau, Hotti; hast Du's mit Entzücken vernommen, du, he, hast du danach gelauscht? Warst du's, was mich gelehrt hat, stolz zu sein vor den Menschen der Straße und klein zu sein vor dem Wind des Waldes? Nein, das warst du nicht, Mensch Pasternak, du nicht, abgerückt bist du von deinem lebendigen Samen, und es ist ganz gut, daß du abgerückt bist davon. Wahrhaftig, gut so, besten Dank, meinen allerverbindlichsten Dank, daß du aus dem Spiel geblieben bist, Mensch Pasternak! Zu einer amerikanischen Jungfrau hast du meine Halbschwester erzogen, dein anerkanntes geliebtes Stadtkind Julia Pasternak, ach, die amerikanische Jungfrau, ich möchte nicht mit ihr tauschen. Ach diese armen amerikanischen Jungfrauen, es sind ihrer soviel in diesen Zeitläuften! Ach, diese Zeitläufte der armen amerikanischen Jungfrauen, es sind schlimme Zeitläufte. Ach, der heilige Schoß der Familie, er ist tot in diesen schlimmen Zeitläuften der armen amerikanischen Jungfrauen! Daher meinen verbindlichsten Dank, Mensch Pasternak, daß du aus dem Spiel geblieben bist, daß du nichts mehr weißt von jenem andern Bauch im Damenraum der Gruttenhütte im Kaisergebirg, daß du nichts ahnst von deiner kleinen Minni-Minni aus der Glonn! Schluß mit dem heiligen und toten Schoß der Familie, du meine kleine Minni-Minni aus der Glonn, Schluß mit der heiligen und toten Expedition, entscheide dich, lös dich los, lös dich los von diesem kalten, sachlichen Beinhaus deiner Familie, lös dich los von dieser ganzen Musterklasse der städternen Leichenwelt, lös dich los und sei dir selbst genug, du meine kleine Minni-Minni, meine Minni-Minni aus der Glonn.

Es war nicht der Blinddarm, Gott sei dank, es war nur eine kleine Einbildung, Madame Pasternak –

Wahrhaftig, wirklich, ganz gewiß –

Von Blinddarm keine Rede, klatsch klapps klatsch –

Jetzt ist es weg, doch wenn es wiederkommt –

Es kommt nicht wieder, klatsch klapps klatsch, wir kennen ja diese kleinen Samstag-Abend-Phantasien –

Laß doch –

Du weiß doch, daß heute Samstag ist –

Du hast dich wohl in die freche kleine Alpenkröte verliebt –

Mensch, die ist ja viel zu jung für mich, die könnte ja meine Tochter sein, ich liebe nicht die schwierigen harten Knospen vom April –

Laß –

Ich liebe die reifen und erschlossenen Blüten –

Du bist ja verrückt –

Samstag ist –

Lea floh, ohne Vorsicht, zur Treppe, die Stufen hinauf, zum zweiten Stock zurück, ins Fremdenzimmer zurück, ohne Vorsicht, einmal fluchte sie laut auf, die Zehe verprellt, an einer messingnen Teppichstange, ohne alle Vorsicht, aber sie wurde nicht gehört, und da stand sie wieder am offenen Fenster ihres Zimmers, und da schaute sie wieder hinab auf den Iris-Rosen-Garten, Montag-Dienstag-Mittwoch-Donnerstag-Freitag-Samstag, Samstag-Samstag-Samstag-Samstag, die große Expedition war nicht sehr ertragreich gewesen, ein dürrer alter Samstag war die ganze Beute … Sie drehte das Licht an und kleidete sich wieder an. Mechanisch, wie sie sich vor ein paar Stunden ausgekleidet hatte, kleidete sie sich wieder an … Wäsche, Strümpfe, Strapsen, Schuhe, Kleid.

 

Der Einzug in das Haus des Erfolgs war leichter als der Auszug aus dem Haus des Erfolgs. Eine kleine Streunerei durch die fremden Stockwerke war leichter als eine todernste Flucht auf Nimmerwiedersehn. Die Schwierigkeiten begannen schon mit dem Brief an die liebenswürdigen Wirte.

Der Brief an die liebenswürdigen Wirte sollte im leeren Fremdenzimmer des Hauses Pasternak gefunden werden, um zu erklären, warum der fremde Vogel aus den Alpen so schnell wieder davongeflogen war. Und warum war er so schnell wieder davongeflogen? Fünfmal wurde zu einer gebührenden Erklärung angesetzt und fünfmal gerieten auf das Briefpapier, das Julia Pasternak zur Fabrikation eines Nachtgedichts überreicht hatte, nur lauter kleine Männchen und Mondgesichter, heulende Frätzchen und grinsende Frätzchen, aber keine gebührende Erklärung.

Und so mußten eben die liebenswürdigen Wirte das Nest ohne gebührende Erklärung leer finden, Schluß! Adieu Papa, adieu Mama, adieu geschwisterliche Brut, adieu ohne gebührende Erklärung, Schluß!

Eine Ewigkeit bis zum Parterre hinunter. Zuweilen mit der tastenden Hand an den elektrischen Knipsern für Treppe und Flur vorbei, aber es wurde nicht geknipst. Dunkel der Weg, und es ging auch so. Dies war die Diele, geradeaus mußte es zur Haustür gehn, rechts von der Haustür war die Garderobe. In der Garderobe hing noch Hut und Mantel, dorthin zuerst. Im Notfall gings auch ohne Hut und Mantel, jedoch das gab den liebenswürdigen Wirten einen Anlaß zur Verfolgung – besser war, es blieb nichts zurück im Haushalt des Erfolgs. Mantel und Hut und dann ins Freie, und gings nicht durch die Tür, so mußte es eben durch ein Fenster gehn.

Doch vor dieser letzten Etappe der Flucht konnte man noch ein wenig verschnaufen, wozu denn sonst standen diese dicken Ledersessel in der Pasternakschen Diele herum, ganz gewiß nicht nur, damit man sich ans Schienbein blaue Flecken stieß. Jawohl, man konnte noch ein paar Minuten in den Sessel sinken, den Kopf zur Seite fallen lassen wie ein Baby, die Beine anziehn wie die Lieblingsfrau des Maharadschas, ein wenig duseln, drei vier fünf Minuten nur.

Aber es wurde eine ganze Stunde draus und das erste Licht des Tags drang schon in die Pasternaksche Diele, als sie mit einem kleinen Ruck und Wehlaut wieder zu sich kam. Was los? Schnell wieder ins weißlackierte Fremdenzimmer zurück? Ins Bett, den Todesengel vergessen, schlafen, schlafen, schlafen? Was los, warum dieser plötzliche Abbruch der großen Wallfahrt, warum diese katzenmäßige Flucht aus dem freundlichen Haus des Erfolgs? Gabs im Menschenleben nur diese heidnische Lösung der Dinge, gabs nicht auch noch andre Lösungen der Dinge?

Gewiß gab es außer der heidnischen Lösung der Dinge noch andere Lösungen der Dinge. Zwei andre Lösungen der Dinge gab es noch außer der heidnischen Lösung der Dinge nach Art der Glonner Bergkatze. Es gab noch die amerikanische Lösung der Dinge nach Art der amerikanischen Jungfrau und die asiatische Lösung der Dinge nach Art des Rabbi von Nazareth, die gab es noch.

Wie einfach war die Lösung der Dinge nach Art der amerikanischen Jungfraun! Keine Nachtgedanken: Mit der letzten Zigarette ins Bett, mit dem letzten Lächeln in den Schlaf! Keine Taggedanken: Mit gutem Stuhlgang wieder ins Leben zurück; im Sonnenschein an den Dingen des Lebens vorüber! Keine Berührung mit den Dingen selber: nur immer daran vorüber und dazwischen dahin und darum herum! Die einfachste Lösung der Dinge, ganz gewiß, aber man mußte dazu geboren sein. Nicht in Amerika mußte man geboren sein: die Immer-nur-darum-herum-Gespenster wurden in allen Erdteilen geboren. Nicht in einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht mußte man geboren sein: die Immer-nur-darum-herum-Gespenster wurden in allen Gesellschaftsschichten geboren. Aber totgeboren mußte man sein, um diesen gespenstigen Immer-nur-darum-herum-Tanz mitmachen zu können, von sterbenden Vätern gezeugt und totgeboren von abgestorbnen Müttern – nein, die amerikanische Lösung der Dinge kam nicht in Frage.

Und auch die asiatische Lösung der Dinge nach Art des Rabbi von Nazareth kam nicht in Frage für die Heidin aus der Glonn. Es war ja klar, was jene Lehre befahl, wenn die Wallfahrt nach der Stadt des Lebens auf eine Stadt des Todes stieß, wenn die Wallfahrt zum lebendigen Vater auf einen Leichnam stieß im sachlichen Beinhaus des Erfolgs. »Es war aber eine Kluft und ein Stein daraufgesetzt und Er sprach: Hebt den Stein.

Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinket schon, denn er ist vier Tage gelegen. Rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Gesicht verhüllet mit einem Schweißtuch!« Und so mußte die Pilgerin aus der Glonn verharren und dienen, verharren bei ihrem verstorbnen Vater, dienen in Glaube und Liebe und Hoffnung, verharren und dienen wie Major Ellen Wladden von der Heilsarmee, krank mit den Kranken und tot mit den Toten, und mit lauter Stimme rufen: Lazarus, komm heraus!, und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Händen und Füßen und sein Gesicht verhüllet mit einem Schweißtuch … Und warum sollte sie nicht ihrem gesunden Gefühl folgen und davonlaufen, wenn es hieß: Er stinket schon und er hat schon lange gelegen? Und warum sollte sie den Kadaver nicht liegen lassen und einen weiten Bogen um seinen Gestank machen, wie jedes Tier es tat außer dem Aasgeier und dem Leichenwurm? Lange genug ruhte der milde Blick des Rabbi von Nazareth auf dieser Welt, abgewandt hatte er sich schon davon, Er selbst, und wollte von den neuen Wandlungen seiner Lehre nichts mehr wissen: was also hatte eine Heidin aus der Glonn noch damit zu tun? Warum sollte sie ihr Gesicht verhüllen mit dem Schweißtuch Asiens und sich binden lassen mit Grabtüchern an Händen und Füßen?

Auf, los, raus aus dem Sessel, fort, höchste Zeit, schon bald heller Tag, keine amerikanischen und keine asiatischen Lösungen der Dinge, dort war der Mantel, dort war der Hut, dort war die Tür.

Natürlich ein Patentschloß mit einem unerforschlichen Mechanismus. Sicherheit gegen verbrecherisches Gesindel aus der Glonn, das mußte sein. Rapp-Schnapp, aber nichts ging auf. Eine patente Sicherheit gegen Heiden, die davonlaufen wollten, wenn es stank.

Rapp-Schnapp, nichts. Die amerikanische Technik arbeitete Hand in Hand mit der asiatischen Grabesmilde, ein mächtiger Bund. Rapp-Schnapp, hoffnungslos.

Und so mußte es eben durchs Fenster gehen. Nach dem Garten zu, nicht nach der Straßenfront zu, sonst knallte vielleicht von der Straße her ein amerikanisch-asiatischer Nachtwächter die Verbrecherin nieder, weil sie floh, wenn es stank.

Hier war die Küche, hier mußte es gehn. Noch einmal roch es in der hygienischen gekachelten weißen sauberen Küche nach Schweißtüchern, dann war das Fenster offen. Frische Luft, ein Sprung, ein Bums auf die Hände, und wieder auf, sie war im Freien, sie war im Garten, es war vollbracht.

 

Der junge Tag war da, heller als im Haus zu ahnen gewesen war. Doch die Sonne war noch drunten, es war die kühle Stunde. Lea trat an die Hausmauer zurück und stand ein paar Minuten still. Der Aufsprung auf dem Kies war laut gewesen, war sie gehört worden?

Nichts. Niemand war wach. Die Route war frei.

Blödsinnig knirschte der Kies. Aber es schadete nichts, man schlief ringsum. Die Villa Pasternak schlief, die Straße schlief, die Villa gegenüber schlief, ganz Europa schlief, es war die kühle Stunde. Madame Europa lag in der Muffkiste, am Nachtgewand die imitierte Kirchenspitze, auf dem Nachtkasten die Abendzeitung und das künstliche Gebiß, so schlief Madame Europa und kümmerte sich nicht um Lea, die Krachmacherin auf dem Kies zwischen Iris und Rosen.

Häßlich waren die Iris, gelb und lila, eine perverse Sorte. Auch die hochstämmigen Rosen waren mit dem Gehirn gezüchtet statt mit den Augen. Jetzt wäre es gut gewesen, eine vertraute Staude zu finden, einen kleinen Steinbrech oder eine junge Jelängerjelieber, irgend etwas Vertrautes aus dem millionengearteten Pflanzenreich, das wäre ein kleiner Trost gewesen, da die Pilgerfahrt zu Ende ging und der junge Tag noch in der kühlen Stunde steckte.

Kaiserkron und Päonien rot,
die müssen verzaubert sein,
denn Vater und Mutter sind lange tot,
was blühn sie hier so allein?

Nein, an diesen überzüchteten Iris und Rosen war nichts Pflanzliches zu spüren. Gesindel, Snobs. Und so mußte es eben ohne Trost gehn und das war ganz in Ordnung so. Noch das Eisengitter mit dem gotischen Gestänge, dann war's zu Ende, dann lag die Straße frei, dann war Schluß mit Familie und Eiapopeia, dann wurde losmarschiert in Selbstverantwortung und Selbstherrlichkeit. Es konnte wohl nicht sehr schwierig sein für eine Glonner Bergkatze, dieses eiserne Gestänge zu überklettern?

Ein Meter hoch der Sockel, betoniert. Dann kam es, das Gestänge, mannshoch. Mit drei Klimmzügen war man oben. Dann vorsichtig hoch und Stand gefaßt auf der letzten Querstange zwischen den Spitzen. Jetzt die Hände weg von den Spitzen und eine Sekunde lang Balance mit den Hinterbacken nach rechts und nach links. Dann gradaus den Abstoß und der tiefe Satz auf die Straße. Und dann dieser Hundesohn von Mantel, dieser Hundesohn Burberry, mit dem Saum an der Eisenspitze verhängt! Vornüber aufs Trottoir, Blitz und Krach, Knall und Schrei, Risse im Fleisch, im Gelenk, im Tuch, in der Seide, alles kaputt!

Was war geschehn?

Es war geschehn, daß Madame Europa doch noch aufgewacht war, um in letzter Minute dem unfolgsamen Kind einen Tritt zu versetzen. Vielleicht war's auch nicht Madame Europa gewesen, sondern die amerikanische Jungfrau, wer konnte es wissen, oder das Lamm Gottes selbst, wer weiß, sie hatten ja alle eine geheime Abrechnung mit der selbstherrlichen Heidin aus ihrer Klasse. Da lag sie, zerrissen der Mantel, zerfetzt die Strümpfe, am linken Bein lief das Blut in drei geschlängelten Bächen zum Knöchel hinab, im Haus gegenüber begann ein übles Gekläff, ein gefährlicher großer Baß-Köter und ein giftiger kleiner Tenor-Köter – sie sprang auf und humpelte, so gut es ging, zur nächsten Straßenecke, um erstmal außer Sicht zu gelangen.

Fünf Minuten Humpel-Trab und die gefährliche Zone lag hinter ihr. No-mans-land, eine offne Baustelle, Stop. Sie setzte sich hinter einer kümmerlichen Weißdornhecke auf eine halbgestürzte Kalkkarre und besah den Schaden.

Nicht so schlimm, wie's zuerst geschienen hatte. Schwer verschürft war nur der linke Unterschenkel. Sie zog den linken Schuh ab und entblätterte den zerfetzten Strumpf. Sie warf die Reste dieses Strumpfes auf die verkümmerte Weißdornhecke, dort blieb er hängen. Wie sie's als Glonner Kind bei ihren Katzen und bei ihren Hunden abgeguckt, so schleckte sie die Wunde aus. Mit beiden Händen drückte sie das Bein empor und schleckte die verschmutzte Wunde aus. Dann band sie um die tiefste Stelle ihr Taschentuch. Der andre Strumpf konnte dranbleiben, halb zerfetzt. Der Mantel war kaputt, der schöne neue Burberry von Mama, ein Riß vom Saum zum Gürtel, dieser Hundesohn war Schuld an dem Sturz. Sie warf ihn zu dem Strumpf auf die verkümmerte Weißdornhecke. Die Hände und's Gesicht beschmutzt und leicht verschürft, im Rock ein kleiner Riß, doch das war nur die Naht, und das war alles. Gut abgelaufen.

Gut abgelaufen. Die Hinterlist der Menschheit hätte schlimmeres anstellen können. Gut abgelaufen. Trotzdem fing sie jetzt plötzlich, Lea Herse auf der Kalkkarre hinter der Weißdornhecke, fing sie jetzt plötzlich ohne Grund und wie ein kleines Kind, und es hat's schon lang genug mit zuckendem mou-Mäulchen zurückgehalten und legt nun hemmungslos los, fing sie jetzt plötzlich zu heulen an, die stolze Heidin, und heulte los und heulte los und heulte los.

 

»Mensch, sieh Dir das Weib an!«

»Ha?«

»Das Weib sieh Dir an, Mensch!«

»Hah?«

»Dort, das Weib, Mensch!«

Der Maschinist auf der Schüttermaschine vom Straßenbau deutete mit seinem schwarzen Daumen. Der Heizer auf der Schüttermaschine vom Straßenbau folgte dem schwarzen Daumen. Endlich sah er. An dem Straßenbau vorüber, zum Vorortsbahnhof hinüber, zum ersten Zug in die Stadt, langsam und humpelnd ein Mädchen, voll Blut und Schmutz, ein Taschentuch um's Bein.

»Sieh mal die Beine an, Mensch!«

»Hah?«

»Die Beine sollste begucken!«

»Hah?«

»Ihre Beine, Mensch, hörste nicht!«

Der Heizer grinste, ohne ein Wort zu verstehn. Die Maschine, auf der sie standen, machte einen Riesenkrach. Letzte Stunde der Nachtschicht, Samstag auf Sonntag, Nachtschicht, letzte Stunde, Riesenkrach.

»Die is schwer reinjefallen, Mensch!«

»Hah?«

»Die hat den Biß der Wollust abjekriegt!«

»Hah?«

»Am Bein, Biß der Wollust, kenn ick.«

»Hah?«

»Biß der Wollust und rausjeflogen.«

»Hah?«

»Kannst Gift drauf nehmen, so ist das.«

Der Heizer grinste, ohne ein Wort zu verstehen. Langsam schritt das Mädchen mit dem Biß der Wollust zum Bahnhof hinüber. Mit aufgerissenen Augen schauten die Zwei von der Maschine nach. Mit aufgerissenen Mäulern unterhielten sie sich. Es war kein Wort zu verstehn, aber sie verstanden sich, alte Freunde auf der donnernden Schüttermaschine.

»Aber schön gebaut, gute Ware, Mensch!«

»Hah?«

»Det wärn Bissen for mich, Mensch!«

»Hah?«

»Ein feiner Bissen for mich wär det, Mensch.«

»Hah?«

Der Maschinist spannte sein Ellenbogengelenk und zuckte dreimal mit dem Unterarm auf und nieder. Der Heizer lachte, er hatte verstanden.

»Mensch, Mensch, Mensch.«


 << zurück weiter >>