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1. Kapitel

Mitten im Walde liegen die gräflich v. Herzfeldschen Hüttenwerke. – Kommt der Wanderer von Süden her durch das enge Tal, in dem ein klarer Bergquell lustig plätschert, so hemmt er gewiß unwillkürlich den Schritt, entrollt sich doch vor seinem Blick mit einem Male das Bild eines großartigen Fabrikbetriebes. Besonders zur Abendzeit ist die Ueberraschung vollständig. Der Eindruck, den man zur Zeit des Gießens empfängt, ist zauberhaft. Die Flammen der Cupolöfen leuchten weithin. Zuckende, farbige Funken, sprühende Feuergarben lodern gen Himmel. Elektrische Bogenlampen erhellen die Umgebung und lassen große Hallen, Werkstätten und Maschinenräume sichtbar werden. Dampfmaschinen sausen und fauchen, zischend entweicht der weiße Dampf. Eifriges Hämmern und Klopfen tönt aus den Montierwerkstätten. In den Gießereihallen aber herrscht eine geradezu fieberhafte Tätigkeit. Drinnen wimmelts von geschäftigen, dunklen Gestalten. Sie umringen den Behälter, dem der weißflüssige, glühende Guß entströmt. Eine drückende Hitze, den Atem beraubende Atmosphäre herrscht in den Räumen. Mit großen, langstieligen Pfannen schöpfen die Männer das flüssige Eisen, behutsam gießen sie die gefährliche, feurige Masse in die bereitstehenden Formkästen und Sandformen. Funken stieben, versengen die Kleider der Gießer oder verglimmen im Sande. Die Vorarbeiter und Werkmeister haben ihre Augen überall. Unaufhörlich mahnen sie zur Vorsicht. Ihre warnenden Rufe schallen durch den Raum. Ein gefährliches Handwerk ist das Gießen immer. Die Leute sind sich dessen voll bewußt. Vorsichtig und ohne viel zu reden, verrichten sie ihr Geschäft. Nur mit dem Nötigsten wegen der tropischen Temperatur bekleidet, laufen sie rasch hin und her. Schwarz von Ruß und Staub erscheinen die Gesichter, grell sticht das Weiße der Augen daraus hervor, helle Furchen zieht der ausbrechende Schweiß über die Wangen. Feucht klebt das Haar an den Schläfen. Die Arbeit aber ist in kurzer Zeit vollendet, der Guß ist bald in die Formen verteilt, zischend entströmt das letzte, weißglühende Eisen, schwelend und rauchend stehen die Oefen. – – Feierabend!!! – – Die Glocke ertönt, sie gibt ein weithin schallendes Zeichen zur Rast. Lachend und plaudernd drängt die Menge der Gießer, Former, Schlosser und Modelleure zu den Ausgängen. In dem von den elektrischen Glühlampen tageshell erleuchteten Fabrikhof zerstreuen sich die Leute und eilen ihren Behausungen zu. Unweit der Fabrikgebäude erstreckt sich eine lange Reihe von einstöckigen, regelmäßig gebauten Häuschen. Vor jedem derselben dehnt sich eine Parzelle Gartenlandes. So sorgte Graf von Herzfeld-Waldenberg für seine Arbeiter. Ein Jeder hat sein eigenes, kleines Reich – und Graf Herzfeld selbst. Vom Fabrikhof eng noch begrenzt, gegenüber den Maschinenhallen, liegt seine Residenz. Das Herrschaftshaus ist ein großer, schloßähnlicher Bau im alten Stile mit nach dem Walde zu auslaufenden großen Gartenanlagen. Es wurde vom Urgroßvater des jetzigen Besitzers, dem Grafen Udo, zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts erbaut. Derselbe Graf Udo legte den Grund zu den ausgedehnten und weit im Lande berühmten Eisenwerken, welche für die Bevölkerung zur Erwerbsquelle wurden. Graf Udos einziger Sohn konnte den Betrieb infolge der günstigen Geschäftslage und des gesteigerten Bedarfs immer noch vergrößern. Beim Bau der späteren Fabrikerweiterung zog Graf Udo der Zweite, der Enkel des Begründers, auch italienische Arbeiter heran. Später blieben einige derselben als Modellschreiner, Former und Gießer zurück. Graf Wilhelm, der jetzige Besitzer, hatte die Italiener vom Vater übernommen. Sie waren riesig fleißig und anspruchslos. Bisher lag nie eine Klage gegen sie vor. Da trat plötzlich ein Ereignis ein, welches den Grafen veranlaßte, sämtliche Italiener zu entlassen. –

Zu den Herzfeldschen Besitzungen gehörte nämlich auch ein Hofgut, das eine Viertelstunde Wegs vom Hüttenwerk entfernt war. Mit der Verwaltung desselben war ein erfahrener Landwirt betraut, Friedrich Brandt mit Namen. Glücklich und zufrieden lebte der im Gutshofe Waldenbach, zum Unterschiede von Waldenberg so genannt. Brandt war verheiratet und glücklicher Vater eines Sohnes namens Otto, der fünfzehn Jahre vor seinem Schwesterchen Else zur Welt gekommen war. Der Sohn war gleich dem Vater Landwirt geworden. Er hatte eine gediegene Schulbildung genossen und war im Besitz des Einjährigen-Zeugnisses. Sein Jahr diente er bei den roten Husaren. Ihm behagte das flotte, leichte Leben sehr und er hatte mit seinem offenen, hübschen Gesicht viel Erfolg bei den Mädchen. Als er auf Urlaub nach Hause kam, hoffte er denselben Eindruck hier auch auf weibliche Herzen zu machen. Die bildschöne Maria Landi, eine junge Italienerin, stach ihm in die Augen. Es genierte ihn weiter nicht, daß sie bereits mit einem Landsmann verlobt war. Der Bräutigam Marias, Guiseppe, war aber sehr eifersüchtiger Natur. Ihn verdroß es gewaltig, daß Otto Brandt seinem Mädchen nachstellte. Zwar wich Maria dem Husaren geflissentlich aus, aber gerade dies entfachte Ottos Neigung noch mehr. Eines Abends sprang er über den Zaun in Landis Gärtchen, wo Maria in der Laube auf Guiseppe wartend saß. Otto bestürmte die Ueberraschte mit seinen Liebesanträgen und wollte sie küssen. In demselben Augenblick kam Guiseppe. Er sah, wie Otto das Mädchen umarmte, zog den Dolch und erstach ihn. Ohne wieder das Bewußtsein zu erlangen, verschied Otto Brandt. Der Mörder aber entkam. – – Als der Graf Wilhelm Mitteilung von dem Geschehenen erhielt, geriet er außer sich. Er befahl, daß alle Italiener unverzüglich Waldenberg verlassen sollten. Diese Genugtuung glaubte er seinem treuen Gutsverwalter, der an der Leiche des Sohnes gebrochen vor Schmerz zusammengestürzt war, schuldig zu sein. Von den italienischen Arbeitern ward die Maßregelung hart empfunden. Sie mußten sich jedoch fügen bis auf einen Einzigen. Paolo Cartano, der geschickteste Modellschreiner, bat um Nachsicht. Sein einziges Kind, Carlo, lag an Lungenentzündung schwer krank darnieder. Der Graf hatte ein Einsehen, zumal die Frau Cartanos eine Deutsche war, deren Vater selbst in Herzfeldschen Diensten stand. Die Wiederherstellung des kleinen Patienten nahm so viel Zeit in Anspruch, daß der Winter darüber ins Land kam. Von einer Ausweisung Cartanos war aber fortan keine Rede mehr. Er blieb ungehindert in Herzfeld-Waldenberg.


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