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Ist sie's?

Zuerst erschienen in »Ein Verbrechen und andere Geschichten«, Verlag von Robert Baum, Leipzig 1898

Textquelle: Aufbau-Verlag, Berlin, 1953. Heinrich Mann, Novellen, I. Band

 

Warum gibt es Menschen, die sehr viel langsamer alt werden als alle anderen, und warum gehöre ich zu ihnen?

Ich denke mir, daß das Altern besonders dadurch fühlbar wird, daß wir unsere Umgebung älter werden sehen. Ein Mann, der seit vielen Jahren in der gleichen Häuslichkeit gelebt hat, wird von seinem ersten Hausrat im Laufe der Zeit ein Stück nach dem andern durch ein neues ersetzt haben, bis ihn an die Jugend kaum noch etwas, und nur das Verschlissene, Beschädigte erinnern kann. Wie die Gegenstände, so werden auch die Menschen seiner Umgebung nach und nach verändert oder ganz verschwunden sein.

Wenn man indessen, wie ich, seit früher Jugend ohne Familie, ja ohne eigentliche Heimat ist? Ich bin gewohnt, allein in der Welt umherzuziehen, und die Natur, die ich immer wieder in jedem Lande zu der Zeit aufsuche, wo sie mir ihre eigentümlichsten Reize bietet, bleibt jung, und so erhält sie mich jung. Zuweilen, wenn ich vor einer Landschaft in dem gleichen Zauber befangen stehe, wie schon so oft, will es mir unwahrscheinlich vorkommen, daß von dieser unvergänglichen Jugend ringsumher nur ich selbst ausgeschlossen sein sollte. Ich vergesse dann leicht, daß meine Schläfen schon recht grau geworden sind und daß meine lange Gestalt, obwohl von den fünfundvierzig Jahren noch nicht gebeugt, doch schon ein wenig zu hager ist.

Wie meine eigenen, so vergesse ich häufig genug auch die Jahre der andern. Es geschieht mir etwa, daß ich in einem Gesicht, von fern erblickt, das eines ehemaligen Reisekameraden zu erkennen meine. »Da ist er!« sage ich mir sogar ohne Überraschung, an die Zufälligkeiten des Findens und Verlierens auf Reisen gewöhnt. Bis ich dann, näher gekommen, mich erinnere, daß das Gesicht zwar dem ähnelt, das ich damals kannte – dessen jugendfrisches Lächeln nun aber längst durch Züge und Falten verunziert sein muß. Das sind meine traurigsten Stimmungen. Doch ist es anderer Art und mehr als solch eine törichte Verwechslung, das Abenteuer vom vorigen Frühjahr, dessen ich noch immer mit der gleichen ziellosen Unruhe, mit der gleichen gegenstandslosen Reue und Sehnsucht gedenke.

Gegen Abend in Montreux angekommen, saß ich, während es schon stark dämmerte, hinter dem Kursaal im Garten, der zum See hinabführt. Das Nachmittagskonzert war beendet, der Garten leer und still; ich glaubte allein zu sein, als ich plötzlich in einer der Lauben, die keine der spärlichen Gasflammen mit ihrem Licht erreichte, ein schattenhaftes Profil erblickte, das mich heftig zusammenschrecken machte. Halblaut entfuhr meinen Lippen der Name Jeanne. Dann faßte ich mich zwar, um mich zu erinnern, daß die Begegnung, die sich hier zu wiederholen schien, um zwanzig Jahre zurücklag.

Damals war ich in Montreux mit zwei jungen Ehepaaren dadurch in Verkehr gekommen, daß einer der Gatten zu meinen älteren Reisebekanntschaften gehörte. Seine Frau war eine Cousine Jeannes. Diese war an einen Mann in den Fünfzigern verheiratet, eine hohe vornehme Erscheinung, doch bereits stark verfallen. Man befand sich wegen seines Lungenleidens dort, allein es schien mir, daß auch die Frau ausdrücklicher Pflege bedurft hätte. Groß und schlank, in der Taille leicht nach vorn geneigt, trug sie auf schmalen Schultern und zartem Halse die überschwere Fülle ihres mattgoldnen Haares. Ihr Gesicht, mit der ganz leise aufgeworfenen Nase, den schmalen sanften Lippen und dem ungewissen, schimmernden Blick ihrer meerblauen Augen, war bleich. Man gewahrte die bläulichen Adern auf ihrer weißen Stirn neben dem gelben Mal, das dicht an der rechten Schläfe von einer vereinzelten Locke leicht verdeckt ward.

Die respektvolle Neigung ihres Gatten schien sie voll zu erwidern und nur für die Pflege zu leben, mit der sie den Kranken umgab. Sie führte ihn jeden Morgen die wenigen Schritte zu einer Bank am Strande, und während sie das Plaid um seine Schultern legte, sah man, wie sie ihn gleichzeitig mit ihrem sorglichen Blick einhüllte, der in solchem Augenblick seine gewöhnliche Vagheit verlor. Er wurde fester und stützte sich auf den Mann, der wirklich ihr Halt sein mußte und der ihr vielleicht den Glauben an das Leben und an alles Gute gegeben hatte. Denn sie war, eine Waise aus verarmter vornehmer Familie, in ihrer ersten Jugend mancher Unbill ausgesetzt gewesen und erst durch den Mann zu dem ihr gebührenden Range wieder erhoben worden. Eine unendliche Dankbarkeit beherrschte ihr ganzes Wesen.

Ich lebte gern in der Nähe der jungen Frau, ohne daß ich ihr zutraute, andere Gefühle zu erwecken als die eines wohltätigen, zarten Mitleids. Ich fand sie rührend in ihrer bescheidnen weißen Tracht, und da ich in romantischen Jahren stand, liebte ich es, sie mir als die Heldin eines alten Gobelin vorzustellen, die inmitten einer verblichenen Staffage ihren Gebieter erwartet. Die matten verwischten Farben, von denen ich ihre helle Gestalt umgeben dachte, hatte ich deutlich vor dem geistigen Auge. Und einmal fügte es sich, daß ich in der Wirklichkeit das Bild vollendet sah.

Es war im Schlosse Chillon, wo das befreundete Ehepaar, heiter die Säle durcheilend, uns einige Minuten in der Kemenate der Schloßherrin allein gelassen hatte. Jeanne saß auf der niedrigen Truhe, die einsam in der Fensternische des leeren Gemaches steht. Ein wenig müde gegen die dunkle Wandtäfelung gelehnt, blickte sie hinaus auf den See, der in abendlichen mattblauen Schleiern lag. Von drüben, wo man die Berge ahnte, rann ein bleiches, rotgelbes Licht herein, das um ihr Haar ein glanzloses Diadem wand. Sie hatte unwillkürlich durch die Macht der Umgebung die Haltung des Wartens angenommen. Da ward ich, zum erstenmal in ihrer Nähe, von einer nervösen Regung erfaßt. ›Sie wartet‹, flüsterte es in mir, ›und ich stehe hinter ihr. Ich stehe schon hinter ihr‹, wiederholte ich mit einer unbestimmten Frage.

Durch die Zufälligkeiten des täglichen Verkehrs wurden wir zuweilen allein aufeinander angewiesen. Ihr Gatte entfernte sich wenig vom Hause, die Freundin fürchtete das Wasser, das Jeanne leidenschaftlich liebte. So ruderte ich sie häufig, am liebsten der sinkenden Sonne entgegen, deren Widerschein in ihren großen stillen Augen ein Spiel mildgoldener Lichter hervorrief, indes ihre liebliche Gestalt von dem zarten Violett des jenseitigen Horizontes schmeichlerisch umgeben war.

Ein einziges Mal habe ich sie lustig, fast ausgelassen gesehen. Wir feierten das Geburtsfest ihres Gatten, abends in einem kleinen Gartensalon des Hotels. Der Mann ihrer Freundin erzählte drollige Geschichten, und Jeanne, die, in ihren Sessel zurückgelehnt, sich vor Lachen schüttelte, brachte ihn durch dazwischengeworfene Bemerkungen von einem aufs andere. Dann wieder suchte sie durch plötzliche Liebkosungen ihren Mann in ihrer Fröhlichkeit mit fortzureißen. Sie hatte nur zur Suppe ein wenig Sekt genippt, doch zeigten ihre blassen Wangen eine flüchtige Röte. Sie drückte das Spitzentuch kühlend darauf, dann sprang sie, mitten in der Unterhaltung, auf und trat auf die Terrasse hinaus.

Einen Augenblick später hörte ich sie hereinrufen:

»Seht, das ist ein Sternschnuppenregen!«

Da weiter niemand darauf achtete, erhob ich mich und trat zu ihr.

Die Lichtpunkte schossen über den Himmel, der auch noch in nächtlicher Färbung etwas von seiner weichen Schönheit bewahrt hatte, und sprühten drüben zwischen dem Gebüsch hernieder. Der Mond, in einer blauen Bucht schwimmend, milderte mit seinem Licht die grellbunten Reflexe, die zahlreiche Lampions, phantastisch an den Baumstämmen hangend, über das Laub warfen. Der silberne Strahl eines in der Weite plätschernden Brunnens schien im Stehen eingeschlafen.

Von der jungen Frau war die Lustigkeit abgefallen. Sie stand, gegen das Geländer gelehnt, doch so zart, als berührte sie es nicht, luftig wie eine Erscheinung, durch die der Mondstrahl hindurchfließen zu können schien. Das kleine Haupt war leicht rückwärts geneigt, wie von dem Gewicht des Haares hinübergezogen.

»Wie schön!« flüsterten ihre Lippen.

»Wie schön!« wiederholte ich, und aufatmend, fast ohne zu wollen, fügte ich hinzu: »Wie schön, dies in Ihrer Nähe zu genießen – Jeanne.«

Sie hatte sich aus ihrer träumerischen Haltung aufgerichtet, mit einer leichten doch bestimmten Wendung deutete sie ins Zimmer, wo ihr Gatte saß.

»Sie wissen, wem ich all dies Genießen danke«, sagte sie leise, so leise und doch so eindringlich, daß ich schweigend den Kopf senkte.

Es ward stille zwischen uns, und dann war ich froh, drinnen unsere Namen rufen zu hören.

Als wir hineinkamen, war von einer Bergpartie die Rede, die für den folgenden Tag geplant wurde. Sie war nur von uns beiden Männern beabsichtigt, aber mein Begleiter schlug vor, auch die Damen daran zu beteiligen.

»Sie sind nicht größere Dilettanten als wir im Steigen«, sagte er. »Warum wollen Sie uns allein lassen?«

Seine Gattin sagte für ihre Person zu, riet aber ihrer Freundin von der Teilnahme ab.

»Aber was hindert mich denn, mit euch zu gehen!« rief Jeanne, die auch diesmal ihrer Sorge nachgab, den pflegebedürftigen Gatten des Standes ihrer eigenen Gesundheit nicht gewahr werden zu lassen.

Wirklich fand am folgenden Tage die Partie statt, die ich mir zum voraus nicht als ganz ungefährlich vorstellen konnte. Denn wenn es auch keineswegs die Dent du Midi war, deren Ersteigung wir uns vorgenommen hatten, so konnte doch in dieser ersten Frühlingszeit auch auf dem Wege zu dem bescheideneren Gipfel, den wir erstrebten, der Schnee noch tief genug liegen. In der Tat befanden wir uns bald mitten darin, ohne unsere Unternehmungslust dadurch stören zu lassen. Nach einer Stunde munteren Aufstiegs bemerkte ich ein leichtes Gleiten unter meinem Fuß. Dadurch aufmerksam gemacht, hielt ich mich fortan im Nachtrab. Blieb ich doch so auch Jeanne am nächsten, die mir in der ungewohnten Tracht doppelt reizend erschien. Der Keckheit des fußfreien Kleides, des kühn auf das Hinterhaupt gedrückten grünen Lodenhutes widersprach auf das anmutigste die fast kindliche Zartheit ihrer Bewegungen.

Allmählich schien sie mir ein wenig teilnahmslos geworden, obwohl sie jede Müdigkeit leugnete. Glücklich am Ziel angelangt, verzehrten wir in Eile das mitgebrachte Frühstück, indes wir uns mittels Kognaks warm hielten. Dann ging es in gehobener Stimmung an den Abstieg, den ich eröffnete. Eine Strecke hinter mir hörte ich die Cousine, deren Lustigkeit durch das Gelingen des Unternehmens ganz entfesselt war, Jodler anstimmen, und hier und da eine kleine Galoppade wagen. Plötzlich vernahm ich zwei Schreie. Mich umwendend, sah ich die Freundinnen aneinander geklammert den Abhang herablaufen. Erst geschah es unter Lachen, dann folgten krampfhafte Versuche, den Schritt anzuhalten, und gleich darauf, als dies nicht gelang, von neuem kleine Schreie.

Alles ging in zwei Augenblicken vor sich. Ich hatte mich noch einmal kurz umgewandt. Der Weg war weder sehr steil, noch mit Hindernissen bedeckt, aber wenige Schritte unterhalb meines Standpunktes, auf den sie zuliefen, wandte er sich scharf nach links, gradaus gab es nichts als die noch immer beträchtliche Tiefe der senkrechten Wand. Ich rammte die Spitze meines Stockes in den Boden und stützte einen meiner ausgebreiteten Arme darauf, ganz mechanisch, und doch muß ich sagen, daß es die linke Seite, an der ich die Ankunft Jeannes erwartete, war, die ich so stützte. Es hätte sein können, daß ich nur eine von ihnen aufzuhalten vermocht hätte.

Doch der Anprall der beiden jungen Frauen war so leicht, es war kein Kunststück, ihm standzuhalten. Einen Augenblick fühlte ich sie beide gleich Bewußtlosen an meiner Brust ruhen. Dann richtete die Stärkere von ihnen sich mit Hilfe ihres herbeigeeilten Mannes auf. Ich blickte unwillkürlich um mich: Nein, es war niemand für Jeanne da als ich selbst, und so sah ich wieder auf ihr liebes, gegen meine Schulter gelehntes Haupt. Sie hob es halb empor, und mit Entzücken bemerkte ich ihren Blick, der anfänglich unbestimmt schimmerte, allgemach Festigkeit erlangte, wie er sich auf den meinen stützte. Nein, nicht nur ihr Gatte, auch ich konnte ihr Halt sein. Dann schien sie sich zu besinnen; reute sie der zu ausdrucksvolle Dank, den sie mir geschenkt hatte? Ich erschrak und löste meinen Arm von dem ihren. Allein, sie sank an ihren Platz zurück, und es war wie ein »Gleichviel!« Wieder fand ich ihren Blick, und was nun darin lag, war viel mehr als Halt suchende Dankbarkeit, war ganz etwas anderes als alles, was ihr Auge je dem Gatten auszudrücken vermocht hatte. Ich hielt den Atem an, dann, während ich es heiß in mir aufsteigen fühlte, flüsterte ich zum zweitenmal ihren Namen: »Jeanne.«

Daß solche Augenblicke, in denen wir die Unendlichkeit durchkosten, vorübergehen müssen wie andere! Dennoch war dieser kaum kürzer als alles, was folgte; Heimkehr und Abschied nach zwei Tagen, als die befreundeten Familien vorzeitig abreisten. Aber so kurz er war, jener Augenblick, so enthielt er noch immer Stoff genug für die endlosen Träumereien, denen ich mich nun wieder einmal hingab in diesem selben Montreux, im Kurgarten, in tiefer Dämmerung.

Plötzlich blitzte das Licht einer der Bogenlampen vor dem Kursaalgebäude auf. Emporgeschreckt gradaus starrend, ward ich an jenes schattenhafte Profil erinnert, das all meine Träumereien eigentlich veranlaßt und an dessen Gegenwart ich kaum noch gedacht hatte. Aber was sah ich? Das war ja sie, das war Jeanne!

Sie hatte, gleichfalls vom Lichte überrascht, den Kopf gewandt, so daß ich ihr gerade in das im weißen grellen Schein liegende Gesicht blickte. Das war das zarte Oval, dessen Konturen, mit den feinen Senkungen, die die Grübchen andeuteten, sich mir so oft, in mancher Nacht vor den geschlossenen Augen abgezeichnet hatte, das waren die sanften Linien des Mundes, der Nase, der Stirn, das waren auch ihre Augen, zu denen sie nun, mit dieser unvergeßlichen Bewegung, das langgestielte Lorgnon erhob.

Ich stand auf und ging langsamen Schrittes der Dame entgegen. Sie hatte einen Arm auf die Rückenlehne des Sessels gestützt, so daß ihre zarten Formen, daß die leichte Neigung ihrer Taille deutlich hervortrat. Weiß wie ihr Kleid umrahmte ein breiter Spitzenhut die Fülle des schlicht aufgenommenen mattgoldenen Haares, wovon eine vereinzelte Locke, o nun sah ich es, über das gelbe Mal nahe der rechten Schläfe fiel.

Wie unter dem Bann ihres Blickes ging ich auf sie zu, als sich ihr im Rücken aus dem Schatten der Laube eine kleine schwarzgekleidete Dame loslöste, um mir beweglich entgegenzukommen.

»Sie sind es also doch!« rief sie mir zu. »Und Sie Schlimmer geben sich erst jetzt zu erkennen!«

Es war die Cousine, und sie wenigstens fand ich verändert. Ihre rundliche kleine Erscheinung, die mich daran erinnerte, daß zwanzig Jahre vergangen seien, rief mich in die Wirklichkeit zurück. Ich begrüßte die Dame, die mich der Laube näher zu kommen hinderte. Mich einige Schritte fortziehend, erklärte sie mit gemäßigter Stimme:

»Das ist Jeanne's Tochter. Sprechen Sie ihr nicht von der Mutter, sie ist so namenlos empfindlich. Ach, Sie wissen wohl gar nicht, daß unsere arme Jeanne tot ist. Unser Erlebnis hat damals doch schlimmen Einfluß geübt. Bald darauf kam das Kind zur Welt, und es hat der Mutter das Leben gekostet. Sie haben auch nicht das Ableben meines Mannes erfahren. Wohin sollten wir die Mitteilung richten? Welch Glück, daß wir nun doch einmal wieder zusammentreffen!«

Halb betäubt hörte ich sie an und wartete ab, daß sie geendet hatte und mich dem jungen Mädchen zuführte.

So förmlich die Worte waren, die ich an dieses richtete und die sie mir erwiderte, so waren, was ich sah, dennoch dieselben Bewegungen, die mir aus den Stunden der holdesten Vergessenheit, der trautesten Träume im Gedächtnis geblieben waren; das machte mich unfähig, auf die Unterhaltung der Tante einzugehen. Nur zum Schlusse ward ich wieder aufmerksam.

»Wie schade«, rief sie aus, »daß Sie erst heute abend anlangen mußten. Wir beide, Jeanne und ich, wären froh gewesen, hier einen so guten Bekannten in der Nähe zu haben. Aber wir müssen morgen früh abreisen. Wenn es nur nicht so dringliche Abmachungen wären, die uns zwingen!«

Ich versprach, am nächsten Morgen zur Stelle zu sein und geleitete die Damen in ihr Hotel.

Gegen morgen erwachte ich aus fühllosem Schlaf, um allsogleich halbwachen Einbildungen zu verfallen, die mir bald Jeanne in meiner Nähe am gleichen Platze gegenwärtig zeigten, mich bald mit ihr in ein uferloses Traumland entführten, an das ich keine Erinnerung bewahrte. Mit dumpfen Gedanken erhob ich mich und eilte, die Damen abzuholen.

Sie waren bereit und bestanden darauf, in der Morgenfrische den Weg an den Bahnhof zu Fuß zu machen.

Unter kargem Gespräch waren wir bis an den steil zur Bahn aufsteigenden Weg gekommen, der See und Berge in weiter Aussicht beherrscht. Die Tante war, trotz meiner Versicherung, daß ihre Sorge um das Gepäck unnötig sei, einige Schritte zurückgeblieben. Mein Blick suchte heimlich das Profil des jungen Mädchens, das sich gegen den lichtweißen Himmel abzeichnete, und erspähte ihre Augen. Ja, das waren die Augen der Mutter, in ihrer unweltlichen, rätselhaften Vagheit gemacht, in den schimmernden, webenden Sonnendunst dieses Sees zu blicken. Das war, wovon ich nun mein Leben lang geträumt zu haben meinte. Ich fühlte es heiß in mir aufsteigen, und wenn ich nicht in Tränen ausbrechen wollte, so mußte ich sprechen, mußte aussprechen, was geheimnisvoll und unverstanden vielleicht von den Phantasien dieses Morgens in mir zurückgeblieben war? Zum drittenmal ließ mich ein bedeutsamer Augenblick den einzigen Namen nennen.

»Jeanne!« begann ich flüsternd, und als sie keine Miene bewegte: »Jeanne!« wiederholte ich, »gedenken Sie jenes Augenblicks?«

Atemlos wartete ich, bis ich ihre Lippen sich bewegen sah. Sie bewegten sich, aber die Worte, die sie sprach, schienen dennoch nicht aus ihrem Munde zu kommen. Es war wie wenn sie sich aus einer geisterhaften Luft, die um ihr Gesicht spielte, eines nach dem andern, gleich unsichtbaren Perlen lösten.

Sie sprach aber diese Worte:

»Ja, ich denke daran.«

Mir ward es darauf, als verdichtete sich der frische Wind zu einem eiskalten Mantel, der sich auf meine Schultern legte. Ich wunderte mich, daß ich unter seinem drückenden Gewicht weiterschritt. Wir gelangten aber ruhig an den Bahnhof, mechanisch besorgte ich die Angelegenheiten der Damen und drückte meine Lippen auf die dargebotenen Hände.

Erst auf dem Heimwege, langsam und unsicher, begannen Fragen sich in meinem Geiste zu ordnen.

Waren jene bedeutungsvollen Worte von dem jungen Mädchen, das mir das erste Mal im Leben begegnete, unter dem Einflusse meines eigenen Willens gesprochen, der den dieses zarten, empfindlichen Geschöpfes gebeugt hatte? Waren sie durch eine jener seltsamen »Wirkungen in die Ferne« vorbereitet, indem sich meine morgendlichen Phantasien auf ihren Geist erstreckt hatten? So wäre sie innerlich ohne Anteil an dem gewesen, was sie sagte. Ich fühle mich mehr zu der andern Frage hingezogen.

Hat Jeanne, in deren Seele eine so große Dankbarkeit lebte, in ihrer schweren Stunde meiner als dessen gedacht, der, wenn er ihr eigenes Leben nicht mehr retten konnte, dennoch das ihres Kindes bewahrt hatte? Hat sie, bevor ihr letzter Atem von ihr ging, diese Dankbarkeit, die in ihrer edlen Seele das vornehmste war, dem Kinde zugleich mit ihrem Leben vererbt und ihm so eine geheimnisvolle, verborgene Ahnung und wie eine Erinnerung an jenen einzigen Augenblick hinterlassen? Ist, was aus ihrer Tochter gesprochen hat, Jeannes Seele? Ist sie's?


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