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Erstes Buch.
Von den eingeborenen Ideen.

Kapitel I.
Ob es im menschlichen Geiste eingeborene Prinzipien gibt.

Philalethes. Nach Beendigung meiner Geschäfte in England und nach meiner Rückkehr von dort habe ich gleich daran gedacht, Sie, mein Herr, zu besuchen, um unsere alte Freundschaft fortzusetzen und um uns über die Dinge zu unterhalten, welche uns beiden so sehr am Herzen liegen und über die ich während meines Aufenthaltes in London neue Aufschlüsse erlangt zu haben glaube. Als wir einst zu Amsterdam ganz nahe beieinander wohnten, machte es uns allen beiden viel Vergnügen, Untersuchungen über die Grundsätze und Mittel anzustellen, um in das Wesen der Dinge einzudringen. Waren unsere Ansichten auch oft verschieden, so vermehrte diese Verschiedenheit doch nur unsere Befriedigung, wenn wir miteinander verhandelten, ohne daß der Gegensatz, der sich mitunter zeigte, irgend etwas Unangenehmes einmischte. Sie waren für Descartes und für die Meinungen des berühmten Verfassers der »Recherche de la vérité«, während ich für meinen Teil die durch Bernier erläuterten Ansichten Gassendis leichter faßlich und natürlicher fand Über Leibniz' Verhältnis zu Malebranche s. seine »Kritik der philosoph. Prinzipien des Malebranche« (Bd. I, S. 335 ff.). – Berniers »Abrégé de la philosophie de Gassendi« ist in 8 Bänden (Lyon 1678) erschienen.. Jetzt nun fühle ich mich hierin außerordentlich bestärkt durch das ausgezeichnete Werk, das ein berühmter Engländer, den ich persönlich zu kennen die Ehre habe, seitdem veröffentlicht hat, und das mehrmals in England unter dem bescheidenen Titel » Abhandlung über den menschlichen Verstand« wieder gedruckt worden ist. Ja, seit kurzem ist es sogar zu meiner großen Freude in lateinischer und französischer Sprache erschienen, so daß es nunmehr von noch ausgebreiteterem Nutzen sein kann. Ich habe aus der Lektüre dieses Werkes und selbst aus der Unterhaltung mit dem Verfasser großen Nutzen gezogen: oft bin ich mit ihm zu London und mitunter zu Oates bei Mylady Masham zusammengetroffen, der würdigen Tochter des berühmten Cudworth, eines großen englischen Philosophen und Theologen, – des Verfassers des Intellektualsystems, dessen spekulativen Geist und dessen Liebe zu höherer Erkenntnis sie, wie sich besonders in ihrer Freundschaft zu dem Verfasser der besagten Abhandlung erweist, geerbt hat Über Ralph Cudworth (1617-88), dessen Hauptwerk: The true intellectual System of the universe (1678) gegenüber Hobbes' materialistischer Lehre, eine systematische Erneuerung des Platonismus versucht, vgl. Leibniz' »Betrachtungen über die Lebensprinzipien« (Band. II, S. 70ff.). Mit seiner Tochter, Lady Masham, in deren Haus Locke sich während seiner letzten Lebensjahre aufhielt, stand Leibniz vom Jahre 1703-1705 in philosophischem Briefwechsel.. Auch habe ich, als der Verfasser von einigen verdienstvollen Gelehrten angegriffen worden ist, mit Vergnügen die Verteidigungsschrift gelesen, die eine sehr gescheite und geistreiche Dame für ihn verfaßt hat Catherine Cockburn, A Defence of Mr. Locke's Essay of Human Understanding 1702., außer denen, welche er selbst verfaßt hat. Im ganzen neigt er sich ziemlich dem System Gassendis zu, welches im Grunde das des Demokrit ist. Er ist für den leeren Raum und für die Atome; er glaubt, daß die Materie denken könne; daß es keine eingeborenen Ideen gebe; daß unser Geist eine Tabula rasa sei, und daß er nicht beständig denke; auch scheint er geneigt, die Einwürfe, welche Gassendi gegen Descartes erhoben, größtenteils zu billigen Vgl. Descartes »Meditationes de prima philosophia«, Objectiones quintae.. Er hat dies System mit zahlreichen vortrefflichen Bemerkungen bereichert und verstärkt, und ich zweifle nicht, daß nunmehr unsere Partei über ihre Gegner, die Peripatetiker und Cartesianer, den entschiedenen Sieg davonträgt. Aus diesem Grunde fordere ich Sie auf, das Buch zu lesen, falls Sie dies bisher noch nicht getan haben; haben Sie es aber getan, so bitte ich Sie, mir Ihre Ansicht darüber zu sagen.

Theophilus. Ich freue mich, Sie nach langer Abwesenheit wieder zurückgekehrt zu sehen, nach glücklichem Ablauf Ihres wichtigen Geschäftes, gesund, in Ihrer Freundschaft für mich beständig und immer mit gleichem Eifer auf die Erforschung der wichtigsten Wahrheiten gerichtet. Ich habe mein Nachdenken nicht minder in demselben Geiste fortgesetzt, und glaube (wenn ich mir darin nicht allzusehr schmeichle) hierin große Fortschritte, ja vielleicht größere als Sie selbst, gemacht zu haben. Es war auch für mich nötiger, als für Sie, denn Sie waren mir voraus. Sie waren mit den spekulativen Philosophen mehr vertraut, während ich mehr Neigung zur Moral hatte. Aber ich habe mehr und mehr gelernt, wieviel Stärke die Moral aus den gesicherten Grundsätzen der wahren Philosophie empfängt. Diese habe ich daher seitdem mit größerem Eifer studiert und bin hierbei auf ganz neue Gedanken gekommen. So können wir uns also ein gegenseitiges und langdauerndes Vergnügen verschaffen, indem wir einander mitteilen, was wir an neuen Einsichten gewonnen haben. Ich muß Ihnen aber als etwas Neues mitteilen, daß ich nicht mehr Cartesianer bin, gleichwohl aber mehr als jemals von Ihrem Gassendi entfernt bin, dessen Wissen und Verdienst ich übrigens anerkenne. Ich bin auf ein neues System gestoßen, von dem ich etwas in den gelehrten Zeitschriften von Paris, Leipzig und Holland und in dem bewundernswürdigen Wörterbuch Bayles (art. Rorarius) gelesen habe. Seitdem glaube ich das innere Wesen der Dinge in einem neuen Lichte zu sehen. Dieses System scheint Plato mit Demokritus, Aristoteles mit Descartes, die Scholastiker mit den Neueren, die Theologie und Moral mit der Vernunft zu versöhnen. Von allen Seiten scheint es das Beste zu nehmen und dann weiter fortzuschreiten, als man jemals gekommen ist. Ich habe in ihm eine verständliche Erklärung der Einheit von Seele und Leib gefunden, etwas, woran ich zuvor verzweifelt war. Die wahren Prinzipien der Dinge finde ich nunmehr in den substantiellen Einheiten, die dieses System einführt, und in ihrer durch die Ursubstanz vorherbestimmten Harmonie. Ich finde hierin eine erstaunliche Einfachheit und Gleichförmigkeit, so daß man sagen kann, es sei alles und immer nach verschiedenen Graden der Vollkommenheit dasselbe. Jetzt begreife ich, was Plato darunter verstand, wenn er die Materie für ein unvollkommenes und wandelbares Wesen ansah, was Aristoteles mit seiner Entelechie sagen wollte, was jenes Versprechen eines anderen Lebens sagen will, das nach Plinius selbst Demokritus machte Vgl. Plinius, Historia naturalis VII, 55, 189; Näheres bei Zeller, Philosophie der Griechen 5 I, 905., – wieweit die Skeptiker recht hatten, wenn sie gegen die Sinne eiferten, in welchem Sinne die Tiere wirklich, gemäß der Meinung Descartes', Automaten sind, während sie doch andererseits, in Übereinstimmung mit der allgemeinen Meinung der Menschen, Seelen und Empfindung besitzen. Ich sehe ferner jetzt, wie man der Lehre derjenigen einen vernünftigen Sinn geben kann, die allen Dingen Leben und Wahrnehmung verliehen haben; wie dies Cardan, Campanella und besser als sie die verstorbene Gräfin von Connaway, eine Anhängerin Platos, und unser verstorbener Freund Franz Mercurius van Helmont, der übrigens freilich durch viele unverständliche und paradoxe Meinungen dunkel bleibt, im Verein mit seinem verstorbenen Freund Heinrich Morus, getan haben Vgl. Cardanus, De subtilitate (1552); Campanella, De sensu rerum et magia libri IV, Francof. 1620; über Franz Mercurius von Helmont und Henry More s. Bd. II, S. 69; Bd. I, 114 f., 270f. – Die »Opuscula philosophica« der Gräfin Connaway sind 1690 erschienen.. Ich sehe, wie die Gesetze der Natur, die vor dem Auftreten dieses Systems zu einem guten Teil unbekannt waren, ihren Ursprung in Prinzipien haben, die über das Materielle hinausgehen, wenn sich gleich im Materiellen alles auf mechanische Weise vollzieht. Im letzteren Punkte haben die spiritualisierenden Schriftsteller, die ich eben genannt habe, mit ihren »Archeen«, und selbst die Cartesianer gefehlt, indem sie glaubten, daß die immateriellen Substanzen, wo nicht die Kraft, so doch wenigstens die Richtung oder Bestimmung der körperlichen Bewegungen zu ändern imstande seien. Nach dem neuen System hingegen befolgen Seele und Körper aufs vollkommenste die ihnen eigentümlichen Gesetze, während doch andererseits beide einander, soweit es nötig ist, gehorchen. Endlich habe ich, seitdem ich über dies System nachdenke, gefunden, inwiefern die Tatsache, daß auch die Tiere Seelen und sinnliche Empfindungen besitzen, in keiner Weise gegen die Unsterblichkeit der menschlichen Seele spricht: ja wie vielmehr nichts geeigneter ist, unsere natürliche Unsterblichkeit zu sichern, als die Annahme, daß alle Seelen unvergänglich sind ( morte carent animae), ohne daß wir deshalb doch die Seelenwanderungen zu fürchten hätten, da nicht allein die Seelen, sondern auch die Tiere lebend, empfindend, handelnd bleiben und bleiben werden. Es ist überall wie hier, und immer und überall, wie bei uns, – gemäß dem, was ich Ihnen schon gesagt habe; nur daß die Zustände der Tiere mehr oder weniger vollkommen und entwickelt sind, ohne daß man jedoch jemals ganz und gar vom Körper getrennte Seelen anzunehmen brauchte, während wir nichtsdestoweniger, soweit als möglich, reine Geister sind, unbeschadet unserer Organe, die durch ihren Einfluß nie die Gesetze unserer Spontaneität stören können S. ob. Anm. 11.. Ich halte den leeren Raum und die Atome für unmöglich: wenngleich nicht auf Grund des cartesianischen Trugschlusses, der sich auf die angebliche Identität der Idee des Körpers mit der Idee der Ausdehnung stützt. Ich erblicke alles in Ordnung und Harmonie, mehr als man es bis jetzt jemals begriffen hat; die Materie in durchgängiger Organisation, nichts Leeres, Unfruchtbares und Vernachlässigtes, nichts zu Einförmiges, alles mannigfaltig, aber in Ordnung, und, was alle Vorstellungskraft übertrifft, eine Zusammendrängung des gesamten Universums in jedem seiner Teile, ja in jeder einfachen substantiellen Einheit, deren jede es aber von einem verschiedenen Gesichtspunkt aus darstellt. Außer dieser neuen Analyse der Dinge habe ich die der Begriffe oder der Ideen und Wahrheiten besser begriffen. Ich verstehe nunmehr, was eine wahre, klare, distinkte und, wenn ich dies Wort gebrauchen darf, adäquate Idee ist S. die »Meditationes de cognitione, veritate et ideis« (1684); Band I, S. 22 ff.. Ich verstehe, welches die ursprünglichen Wahrheiten und die wahren Axiome sind, die Unterscheidung der notwendigen und der tatsächlichen Wahrheiten, des Vernunftgebrauchs der Menschen und der Folgerungen der Tiere, die nur ein Schatten von jenem sind. Kurz, Sie werden erstaunt sein, alles zu hören, was ich Ihnen zu sagen habe, und vor allen Dingen zu erkennen, wie die Erkenntnis der Größe und der Vollkommenheit Gottes dadurch erhöht wird. Denn ich kann Ihnen, vor dem ich kein Geheimnis habe, nicht verhehlen, wie sehr ich jetzt von Bewunderung und (wenn man wagen darf diesen Ausdruck zu brauchen) von Liebe für diese oberste Quelle aller Dinge und Schönheiten durchdrungen bin, nachdem ich gefunden habe, daß die Vollkommenheiten, welche dieses System enthüllt, alles übertreffen, was man sich jemals in Gedanken hat kommen lassen. Sie wissen, daß ich früher ein wenig zu weit gegangen bin und begonnen hatte, mich der Seite der Spinozisten zuzuneigen, die Gott nur eine unendliche Macht beilegen, ohne Vollkommenheiten und Weisheit bei ihm anzuerkennen und die, die Erforschung der Zweckursachen gering achtend, alles von einer blinden Notwendigkeit ableiten. Aber die neuen Einsichten, die ich seither gewonnen, haben mich davon geheilt, und seitdem nehme ich mitunter den Namen Theophilus an. Ich habe das Buch jenes berühmten Engländers gelesen, von dem Sie eben gesprochen haben. Ich schätze es sehr und habe Vortreffliches darin gefunden; ich glaube aber, daß man weitergehen, ja, daß man sich von seinen Ansichten entfernen muß, wenn diese uns mehr als nötig beschränken und wenn sie nicht allein die Stellung des Menschen, sondern auch die des Weltalls etwas zu tief herabsetzen.

Philal. Sie setzen mich in der Tat durch alle die Wunder in Erstaunen, von denen Sie mir Bericht abstatten; er klingt jedoch etwas zu günstig, als daß ich so leicht daran glauben könnte. Indessen will ich hoffen, daß unter so viel Neuem, mit dem Sie mich beschenken wollen, doch etwas Haltbares sein wird. In diesem Falle werden Sie mich ganz gelehrig finden. Sie wissen, daß ich stets dazu geneigt war, mich Vernunftgründen zu ergeben und daß ich mir mitunter den Namen Philalethes gab. Deswegen wollen wir uns jetzt, wenn es Ihnen recht ist, dieser beiden Namen, die so viel Beziehung haben, bedienen. Wir können sogleich eine Probe machen: denn da Sie das Buch des berühmten Engländers gelesen haben, welches mir so viel Befriedigung gewährt, und er darin die Gegenstände, wovon wir eben gesprochen haben, großenteils behandelt, und vor allem auf die Analyse unserer Ideen und Erkenntnisse eingeht, so wird es das kürzeste sein, dem Faden dieses Buches zu folgen und zuzusehen, was Sie dazu zu bemerken haben.

Theoph. Ich billige Ihren Vorschlag. Hier ist das Buch.

§ 1. Philal. Ich habe es so genau gelesen, daß ich sogar die Ausdrücke im Gedächtnis behalten habe, die ich sorgfältig wiedergeben will. So brauche ich also auf das Buch selbst nur bei besonderen Gelegenheiten, bei denen wir es für nötig halten sollten, zurückzugreifen. Zuerst wollen wir von dem Ursprung der Ideen oder Begriffe reden (erstes Buch); dann von den verschiedenen Arten der Ideen (zweites Buch); sowie der Worte, deren wir uns, um sie auszudrücken, bedienen (drittes Buch); endlich von den Erkenntnissen und Wahrheiten, die daraus folgen (viertes Buch); und zwar wird dieser letzte Teil uns am meisten beschäftigen.

Was den Ursprung der Ideen betrifft, so glaube ich mit diesem Schriftsteller und vielen anderen Gelehrten, daß es ebensowenig eingeborene Ideen als eingeborene Grundsätze gibt. Um den Irrtum dieser Annahme zu widerlegen, genügt es, wie in der Folge sich zeigen wird, nachzuweisen, daß man derselben gar nicht bedarf, und daß die Menschen alle ihre Erkenntnisse ohne die Hilfe irgendeines eingeborenen Eindruckes erlangen können.

Theoph. Sie wissen, Philalethes, daß ich seit langer Zeit anderer Meinung bin, daß ich stets für die eingeborene Idee Gottes, die Descartes behauptet hat, gewesen bin, wie ich es auch jetzt noch bin, und folglich auch für andere eingeborene Ideen, die nicht von den Sinnen stammen können. Gegenwärtig gehe ich im Anschluß an das neue System noch weiter und glaube sogar, daß alle Gedanken und Tätigkeiten unserer Seele aus ihrem eigenen Grunde stammen, und ihr, wie Sie in der Folge sehen werden, nicht durch die Sinne gegeben werden können. Gegenwärtig jedoch will ich diese Untersuchung beiseite setzen und mich den einmal angenommenen Ausdrücken anbequemen, da sie in der Tat gut und haltbar sind, und man in einem gewissen Sinne sagen kann, daß die äußeren Sinne zum Teil Ursache unserer Gedanken sind. Ich werde daher prüfen, inwiefern man selbst innerhalb des gewöhnlichen Systems (indem man also von der Einwirkung der Körper auf die Seele redet, wie die Anhänger des Copernicus mit den übrigen Menschen von der Bewegung der Sonne, und zwar mit Grund, reden) Ideen und Prinzipien behaupten muß, die nicht von den Sinnen stammen und die wir in uns, ohne sie zu bilden, vorfinden, wenngleich die Sinne uns Gelegenheit geben, uns ihrer bewußt zu werden. Wie ich mir denke, hat unser gelehrter Schriftsteller die Bemerkung gemacht, daß man unter dem Namen eingeborener Grundsätze häufig nur seine Vorurteile festhält und sich damit der Mühe der Untersuchung überheben will; und dieser Mißbrauch wird seinen Eifer gegen jene Voraussetzung entzündet haben. Er wird die Trägheit und oberflächliche Denkungsart derer haben bekämpfen wollen, die unter dem gleißenden Vorwand angeborener Ideen und dem Geiste von Natur eingeprägter Wahrheiten, denen wir ohne Schwierigkeit beistimmen, sich nicht die Mühe nehmen, die Quellen, die Zusammenhänge und die Gewißheit dieser Erkenntnisse zu erforschen und zu untersuchen. Darin bin ich ganz seiner Ansicht und gehe sogar noch weiter. Ich wünschte, daß man unsere Analyse in keiner Weise beschränkte, daß man von allen termini, die dessen fähig sind, die Begriffsbestimmungen gäbe, und alle Axiome, die nicht fundamental sind, bewiese oder einen Weg zu ihrem Beweis angäbe, ohne auf die Meinung der Menschen und ihre Zustimmung zu sehen. Damit würde mehr Nutzen verbunden sein, als man denkt. Mir scheint aber, daß der Verfasser durch seinen sonst sehr löblichen Eifer zu weit nach der anderen Seite geführt worden ist. Er hat meiner Ansicht nach den Ursprung der notwendigen Wahrheiten, deren Quelle im Verstande ist, nicht scharf genug von dem der tatsächlichen unterschieden, die man aus den Erfahrungen der Sinne, wie auch aus den in uns vorhandenen verworrenen Vorstellungen gewinnt. Sie sehen also, ich gebe nicht zu, was Sie als Tatsache hinstellen, daß wir alle unsere Erkenntnisse, ohne eingeborene Eindrücke nötig zu haben, erlangen können, und die Folge wird zeigen, wer von uns recht hat.

§2. Philal. Das werden wir in der Tat sehen. Ich gebe Ihnen zu, lieber Theophil, daß es keine allgemeiner angenommene Meinung gibt als die Ansicht, daß es gewisse Prinzipien der Wahrheit gibt, in welchen die Menschen allgemein übereinkommen; darum werden sie Gemeinbegriffe (κοιναὶ ἔννοιαι) genannt; man schließt daraus, daß diese Prinzipien Eindrücke sind, die unsere Seelen zugleich mit ihrem Dasein empfangen haben müssen.

§ 3. Aber selbst wenn die Tatsache sicher wäre, daß es von dem ganzen Menschengeschlecht angenommene Grundsätze gibt, so würde diese allgemeine Übereinstimmung doch nicht beweisen, daß sie angeboren sind, sofern man nämlich, wie ich glaube, einen anderen Weg zeigen kann, auf dem die Menschen zu dieser Gleichförmigkeit in ihrer Ansicht haben gelangen können.

§ 4. Was aber noch viel schlimmer ist, diese allgemeine Übereinstimmung findet gar nicht statt, selbst nicht in bezug auf jene beiden berühmten Grundsätze der Spekulation (denn von denen der Praxis werden wir nachher sprechen), daß alles, was ist, ist, und daß etwas zur selben Zeit unmöglich sein und nicht sein kann; denn einem großen Teil des Menschengeschlechts sind diese beiden Grundsätze, die Ihnen ohne Zweifel als notwendige Wahrheiten und Axiome gelten, nicht einmal bekannt.

Theoph. Ich gründe die Gewißheit der eingeborenen Grundsätze nicht auf die allgemeine Übereinstimmung, denn ich habe Ihnen schon gesagt, Philalethes, daß man meiner Meinung nach darauf hinarbeiten müsse, alle Axiome, die nicht fundamentale sind, beweisen zu können Zu dieser Forderung eines »Beweises der Axiome« vgl. bes. Leibniz' Animadversiones in partem generalem Principiorum Cartesianorum, Band I, S. 285 ff.. Auch gebe ich Ihnen zu, daß eine sehr allgemeine Übereinstimmung, die aber nicht ganz durchgängig ist, aus einer über das ganze Menschengeschlecht verbreiteten Überlieferung stammen könne, wie die Sitte des Tabakrauchens von fast allen Völkern in weniger als einem Jahrhundert angenommen worden ist, obgleich man einige Inselbewohner gefunden hat, die, da sie nicht einmal das Feuer kannten, auch nicht rauchen konnten. So haben einige Gelehrte, selbst unter den Theologen von der Sekte des Arminius geglaubt, daß die Gotteserkenntnis aus einer sehr alten und sehr allgemeinen Überlieferung stamme Hiermit sind spätere Arminianer gemeint, da die Häupter dieser Religionspartei, wie Episcopius, Limborch, J. Clericus, ähnlich wie Descartes und Leibniz selbst, eine Gotteserkenntnis aus natürlicher Vernunft annehmen. (Sch.)., und ich bin in der Tat zu glauben geneigt, daß diese Erkenntnis durch Unterricht befestigt und berichtigt worden ist. Gleichwohl scheint es, daß die Natur auch ohne Lehre dazu anleite; die Wunder des Weltalls sind die Ursache gewesen, an eine höhere Macht zu denken. Man hat ein taubstumm geborenes Kind dem Vollmond seine Anbetung bezeugen sehen und Völker gefunden, die unsichtbare Mächte fürchteten, ohne daß sie, soviel man sehen konnte, irgend etwas von anderen Völkern gelernt hatten. Ich gebe Ihnen zu, lieber Philalethes, daß dies noch nicht die Idee Gottes ist, wie wir sie haben und fordern; nichtsdestoweniger ist jedoch diese Idee im Grunde unserer Seele, ohne, wie wir sehen werden, von außen in sie hineingebracht worden zu sein, und die ewigen Gesetze Gottes sind ihr zum Teil auf eine noch lesbarere Art und durch eine Art von Instinkt eingeprägt. Aber dies sind praktische Grundsätze, von denen wir noch zu reden Gelegenheit haben werden. Man muß indessen gestehen, daß die Neigung zur Anerkennung der Idee Gottes in der menschlichen Natur liegt. Ja selbst wenn wir den ersten Unterricht hierin auch der Offenbarung zuschreiben wollten, so stammt doch immer die Leichtigkeit, mit der die Menschen diese Lehre angenommen haben, aus der Naturanlage ihrer Seele. Aber wir werden in der Folge zu dem Urteil gelangen, daß die äußere Lehre hierbei nur das, was bereits in uns ist, erwecke An dieser Stelle findet sich in der Gerhardt'schen Ausgabe der »Nouveaux Essais« (Philosoph. Schriften, Band V) eine völlige Verwirrung des Textes, die auf eine »Blattversetzung« beim Druck der Gerhardt'schen Ausgabe zurückzugehen scheint. Denn daß – wie Schaarschmidt annimmt – die Umstellung von Gerhardt selbst herrührt, scheint ausgeschlossen, da durch sie die Ordnung und der Zusammenhang der Leibniz'schen Gedanken vollständig aufgehoben wird. An die Worte »Mais nous jugerons« (Gerh.V, 69, Zeile 4) sind die Worte »dans la suite …« (V, 72, Zeile 21) bis »dès qu'on s'apperçoit« (V, 79, Z. 12 v. unten) anzuschließen, auf die sodann erst die Stelle: »que ces idees, qui sont innées – s'il y a des vérités innées, ne faut il pas qu'il y ait des pensées innées«, (Gerh. V, 69, Z. 4 bis V, 72, Z. 21; anschließend: V, 79, Z. 12 v. unten) folgt. . Ich schließe also, daß eine allgemeine Übereinstimmung unter den Menschen ein Zeichen, nicht aber ein Beweis für ein eingeborenes Prinzip ist, der strikte und entscheidende Beweis dieser Prinzipien aber in dem Nachweis besteht, daß ihre Gewißheit lediglich aus dem stammt, was in uns selbst liegt. Um noch auf das zu antworten, was Sie gegen die allgemeine Zustimmung zu den beiden großen Grundsätzen der Spekulation geltend machen, die doch aufs beste festgestellt sind, so kann ich Ihnen sagen, daß sie, selbst wenn sie nicht bekannt wären, doch eingeboren wären, weil man sie anerkennt, sobald man sie vernommen hat. Aber ich will noch hinzufügen, daß im Grunde genommen jedermann sie kennt, und daß man sich z. B. jeden Augenblick des Satzes des Widerspruchs bedient, ohne besonders darauf acht zu haben. Kein Mensch ist so roh, daß er nicht in einer ernsten Sache von dem Betragen eines Lügners, der sich selbst widerspricht, verletzt werden sollte. So wendet man diese Grundsätze an, ohne sie ausdrücklich ins Auge zu fassen, ungefähr, wie man in den Enthymemen die nicht besonders formulierten Vordersätze potentiell im Geiste besitzt, während man sie nicht nur der äußeren Bezeichnung nach, sondern im Denken selbst beiseite setzt Unter einem »Enthymem« versteht man in der Rhetorik – in einem allgemeineren Sinne, als bei Aristoteles – jeden Schluß, dessen Prämissen nicht vollständig und ausdrücklich formuliert, sondern aus dem Zusammenhang des Gedankens zu ergänzen sind..

§5. Philal. Was Sie von diesen potentiellen Kenntnissen und dem inneren Unterdrücken derselben sagen, überrascht mich; denn zu behaupten, daß es in die Seele eingeprägte Wahrheiten gibt, die sie nicht bemerkt, scheint mir wahrlich ein Widerspruch.

Theoph. Wenn Sie in diesem Vorurteil befangen sind, so wundere ich mich nicht, daß Sie die eingeborenen Erkenntnisse verwerfen. Aber ich bin erstaunt, daß es Ihnen noch nicht eingefallen ist, daß wir doch unendlich viele Erkenntnisse haben, ohne daß wir sie uns, selbst dann, wenn wir sie brauchen, zu deutlichem Bewußtsein zu bringen vermögen. Das Gedächtnis muß sie aufbewahren und die Wiedererinnerung sie uns darbieten, wie sie es, wenn wir ihrer bedürfen, oft aber nicht immer tut. Man drückt dies im Französischen sehr gut durch das Wort souvenir (vom lateinischen subvenire, zu Hilfe kommen) aus: denn die Wiedererinnerung verlangt immer einen gewissen Beistand. In der Tat müssen wir bei der großen Menge unserer Kenntnisse doch durch irgendeinen Anlaß dazu bestimmt werden, daß wir gewisse Kenntnisse, im Unterschiede von anderen, erneuern: denn an alles, was wir wissen, auf einmal zu denken, ist unmöglich.

Philal. Darin, glaube ich, haben Sie recht, und die zu allgemeine Behauptung, daß wir immer alle Wahrheiten, die in unserer Seele sind, bemerken, ist mir nur entschlüpft, ohne daß ich genauer auf sie geachtet hätte. Etwas mehr Mühe werden Sie jedoch haben, auf das, was ich Ihnen jetzt vorlegen will, zu erwidern. Wenn man nämlich von irgendeinem einzelnen Satz sagen kann, daß er eingeboren ist, so wird man mit demselben Grunde behaupten können, daß alle Sätze, welche vernunftgemäß sind und die der Geist jemals als solche wird betrachten können, der Seele bereits einprägt sind.

Theoph. Ich gebe Ihnen dies hinsichtlich der reinen Ideen zu, die ich den flüchtigen sinnlichen Erscheinungen, sowie hinsichtlich der notwendigen oder Vernunftwahrheiten, die ich den tatsächlichen Wahrheiten entgegensetze. In diesem Sinne muß man sagen, daß die ganze Arithmetik und die ganze Geometrie eingeboren und auf eine potentielle Weise in uns sind, dergestalt, daß man sie, wenn man aufmerksam das im Geiste schon Vorhandene betrachtet und ordnet, darin auffinden kann, ohne sich irgendeiner Wahrheit zu bedienen, die wir durch Erfahrung oder Überlieferung kennen gelernt haben, – wie Plato dies in einem Gespräch gezeigt hat, wo er den Sokrates ein Kind durch bloße Fragen, ohne es etwas zu lehren, zu fernliegenden Wahrheiten führen läßtS. Platons Menon 82. C.ff. (vgl. Bd. II, S.171 f.). . Man kann also diese Wissenschaften in seinem Zimmer, ja sogar mit geschlossenen Augen sich bilden, ohne die Wahrheiten, die man hierzu braucht, durch Sehen oder Tasten lernen zu müssen, wenngleich man allerdings niemals zur Betrachtung der Ideen, um die es sich hier handelt, gelangen würde, wenn man niemals etwas gesehen oder getastet hätte. Denn kraft einer bewunderungswürdigen Ökonomie der Natur können wir keinen abstrakten Gedanken haben, der nicht irgend etwas Sinnliches – und wären es auch nur sinnliche Zeichen, wie Buchstaben und Laute – bedürfte; wenngleich zwischen bestimmten willkürlichen Zeichen und bestimmten Gedanken keine notwendige Verknüpfung besteht S. Leibniz Erwiderung auf die Einwände Bayles (Band II, 388, 394) und den Dialog über die Verknüpfung zwischen Dingen und Worten (Bd. I, 15 ff.).. Wären die sinnlichen Spuren nicht erforderlich, so würde die vorherbestimmte Harmonie zwischen Seele und Körper, womit ich Sie noch ausführlicher zu unterhalten Gelegenheit haben werde, nicht stattfinden Denn kraft ihrer sinnlichen (»verworrenen«) Vorstellungen steht jede Einzelmonade im Zusammenhang mit allen übrigen und mit der Gesamtheit des Universums. »Hätte ein intelligentes Wesen keine anderen als distinkte Ideen, so wäre es ein Gott und sein Wissen wäre ohne Grenzen. Sobald dagegen eine Mischung verworrener Gedanken besteht, sind die Sinne, ist die Materie da. Denn diese Gedanken stammen aus der Beziehung aller Dinge untereinander gemäß der Dauer und Ausdehnung. Daher gibt es in meiner Philosophie kein vernünftiges Wesen ohne einen organischen Körper und keinen erschaffenen Geist, der von der Materie ganz losgelöst wäre.« (Theodicee, Teil II, § 124.). Dies hindert aber keineswegs, daß der Geist die notwendigen Wahrheiten aus sich selbst schöpfe. Auch sieht man mitunter, wie weit er ohne irgendeine Hilfe durch eine rein natürliche Logik und Arithmetik kommen kann, wie jener schwedische Knabe durch Ausbildung der seinigen dazu gelangt ist, große Rechnungen auf der Stelle im Kopf auszuführen, ohne daß er, wenn ich mich dessen, was man mir davon erzählt hat, recht erinnere, die gewöhnliche Rechenkunst, noch selbst Lesen und Schreiben gelernt hätte. Allerdings kann er mit den umgekehrten Problemen, die das Ausziehen von Wurzeln erfordern, nicht zu Rande kommen; aber nichts steht im Wege, daß er nicht auch diese rein aus sich selbst durch Anwendung eines neuen Kunstgriffs hätte lösen können. Dies beweist also nur, daß es in der Schwierigkeit, sich dessen, was in uns ist, bewußt zu werden, verschiedene Grade gibt. Es gibt eingeborene Prinzipien, die allen bekannt und sehr leicht faßlich sind; es gibt Lehrsätze, die man gleichfalls auf den ersten Blick entdeckt, und aus denen ein natürliches Wissen sich bildet, das bei dem einen ausgebreiteter ist als bei dem anderen. Endlich können in einem noch weiteren Sinne, dessen Anwendung sich empfiehlt, um umfassendere und bestimmtere Begriffe zu haben, alle diejenigen Wahrheiten eingeborene genannt werden, die man aus ursprünglichen eingeborenen Erkenntnissen ableiten kann, weil der Geist auch sie aus seinem eigenen Innern zu schöpfen vermag, was freilich oft keine leichte Sache ist. Wenn aber jemand den Ausdrücken einen anderen Sinn beilegt, so will ich nicht mit ihm über Worte streiten.

Philal. Ich habe Ihnen zugegeben, daß man manches, ohne es deutlich zu bemerken, in der Seele haben kann, denn man erinnert sich nicht immer, gerade im Augenblick, alles dessen, was man weiß. Aber man muß es doch einmal gelernt und vordem ausdrücklich gekannt haben. Wenn man also von irgend etwas sagen kann, daß die Seele es in sich trägt, obwohl es noch nicht zu ihrer Kenntnis gelangt ist, so könnte dies nur heißen, daß sie die Fähigkeit oder das Vermögen, es zu erkennen, besitzt.

Theoph. Warum könnte dies nicht noch eine andere Ursache haben, nämlich die, daß die Seele etwas in sich haben kann, ohne es deutlich gewahr zu werden? Denn da, wie Sie zugeben, eine erworbene Erkenntnis mittels des Gedächtnisses in ihr verborgen sein kann, warum könnte nicht auch die Natur eine ursprüngliche Erkenntnis in ihr verborgen haben? Muß denn alles, was einer Substanz, die sich selbst erkennt, natürlich ist, auch von Anfang an ihr bekannt sein? Oder kann und muß nicht vielmehr eine derartige Substanz (wie unsere Seele) mancherlei Eigenschaften und Regungen haben, welche alle sofort und alle auf einmal gewahr zu werden unmöglich ist? Die Platoniker meinten, daß alle unsere Erkenntnisse Erinnerungen seien und daß daher die Wahrheiten, die die Seele mit der Geburt des Menschen auf die Welt gebracht hat und die man eingeborene nennt, Spuren einer ausdrücklichen vorhergegangenen Erkenntnis sein müssen. Aber diese Meinung ist ohne Grund, und es ist leicht einzusehen, daß die Seele (ihre Präexistenz einmal vorausgesetzt) schon in ihrem früheren Zustand, so weit er auch zurückliegen möge, ganz wie jetzt eingeborene Erkenntnisse besessen haben muß, die sich also selbst wieder aus einem noch früheren Zustand herschreiben müßten, dem sie schließlich eingeboren oder wenigstens mit anerschaffen sein würden. Oder aber man müßte bis ins Unendliche gehen und die Ewigkeit der Seelen behaupten, in welchem Falle diese Erkenntnisse in der Tat eingeboren sein würden, weil sie in der Seele niemals einen Anfang gehabt hätten. Wollte hingegen jemand behaupten, daß jeder frühere Zustand etwas von einem noch früheren gehabt habe, was er auf die folgenden nicht übertragen hat, so würde man ihm antworten, daß offenbar gewisse evidente Wahrheiten allen diesen Zuständen gemeinsam sein mußten. Wie immer man also die Sache auch nehme, so gilt doch für alle Phasen der Seele, daß die notwendigen Wahrheiten eingeboren und aus dem, was in uns selbst liegt, zu beweisen sind, da sie nicht, wie die tatsächlichen Wahrheiten, durch Erfahrungen sich begründen lassen. Warum sollte man denn auch in der Seele nichts besitzen können, wovon man niemals Gebrauch gemacht hat? Ist es denn einerlei, etwas zu besitzen, ohne es zu gebrauchen, und nur die Fähigkeit haben, es zu erwerben? Wäre dies der Fall, so besäßen wir immer nur das, wovon wir gerade Gebrauch machen, während doch, wie bekannt, außer der bloßen Fähigkeit und dem ihr entsprechenden Gegenstand, oft ein bestimmter Anreiz, der in der Fähigkeit oder im Gegenstand oder in beiden zugleich liegt, erforderlich ist, damit die Fähigkeit an dem Gegenstand zur Ausübung gelangt.

Philal. Wenn man es auf diese Art nimmt, wird man behaupten können, es seien der Seele gewisse Wahrheiten eingeprägt, die sie gleichwohl niemals gekannt hat, ja niemals erkennen wird; das aber erscheint mir doch seltsam.

Theoph. Ich sehe darin nichts Widersinniges, obgleich man auch nicht geradezu behaupten kann, daß es solche Wahrheiten gibt. Denn es möchten sich dereinst noch erhabenere Dinge, als wir im gegenwärtigen Lebenslauf erkennen können, in unseren Seelen entwickeln, wenn sie in einem anderen Zustande sein werden.

Philal. Gesetzt nun, es gebe Wahrheiten, welche dem Verstande, ohne daß er sie bemerkt, eingeprägt sein können, so sehe ich nicht ein, wie sie hinsichtlich ihrer Entstehung von den übrigen Wahrheiten, welche zu erkennen er allein fähig ist, verschieden sein können.

Theoph. Der Geist ist nicht allein fähig, diese Wahrheiten zu erkennen, sondern auch, sie in sich selbst zu entdecken. Hätte er bloß die Fähigkeit oder das rein passive Vermögen, die Erkenntnis in sich aufzunehmen, die so unbestimmt wäre, als die Fähigkeit des Wachses, Formen, und die der leeren Tafel, Buchstaben aufzunehmen, so würde er nicht die Quelle der notwendigen Wahrheiten sein, wie er dies doch nach meinem eben gelieferten Beweis ist; denn es ist unbestreitbar, daß die Sinne nicht ausreichen, um deren Notwendigkeit einzusehen, und daß also der Geist eine nicht nur passive, sondern aktive Anlage hat, sie aus seinem eigenen Inneren selbst zu schöpfen, wenn auch die Sinne notwendig sind, um ihm die Gelegenheit und Aufmerksamkeit hierfür zu geben, und um ihn zu veranlassen, sich eher den einen als den anderen zuzuwenden. Sie sehen also, daß diejenigen, die hierin anderer Ansicht sind, wenngleich sonst treffliche Gelehrte, doch nicht genügend über die Tragweite des Unterschiedes nachgedacht zu haben scheinen, der, wie ich schon bemerkt habe, und wie unsere ganze Erörterung zeigt, zwischen den notwendigen oder ewigen Wahrheiten und den Erfahrungs-Wahrheiten obwaltet Die prägnanteste und methodisch schärfste Unterscheidung zwischen notwendigen und zufälligen Wahrheiten hat Leibniz in seiner Abhandlung »über die Freiheit« gegeben (siehe Band II, S. 500 ff.; vgl. bes. Bd. II, 416 ff.).. Der ursprüngliche Beweis der notwendigen Wahrheiten stammt allein aus dem Verstande, während die Wahrheiten der anderen Art aus den Erfahrungen oder Beobachtungen der Sinne stammen. Unser Geist ist fähig, die einen wie die anderen zu erkennen; aber er ist die Quelle der ersteren, und so zahlreiche einzelne Erfahrungen man von einer allgemeinen Wahrheit haben mag, so kann man sich doch derselben durch Induktion nicht für immer versichern, wenn man nicht ihre Notwendigkeit durch die Vernunft erkennt.

Philal. Wenn aber diese Worte » im Verstande sein« etwas Positives in sich schließen, müssen sie dann nicht so viel bedeuten, als vom Verstande bemerkt und begriffen werden?

Theoph. Sie bedeuten uns etwas ganz anderes; damit etwas im Verstande ist, genügt es, daß es darin gefunden werden kann, und daß die Quellen, d. h. die ursprünglichen Beweise der Wahrheiten, um die es sich handelt, nur im Verstande seien; die Sinne können diese Wahrheiten anregen, rechtfertigen und bestätigen, aber nicht ihre unfehlbare und immerwährende Gewißheit beweisen.

Philal. Gleichwohl wird jeder, der sich die Mühe nimmt, mit einiger Aufmerksamkeit auf das Verfahren des Verstandes zu achten, finden, daß diese Zustimmung, die der Geist ohne weiteres gewissen Wahrheiten erteilt, von dem Vermögen des menschlichen Geistes abhängt.

Theoph. Ganz recht; aber eben das besondere Verhältnis, in dem der menschliche Geist zu diesen Wahrheiten steht, macht die Ausübung des Vermögens im Hinblick auf sie leicht und natürlich, und aus diesem Grunde nennt man sie eingeboren. Hier liegt also kein nacktes Vermögen, keine bloße Möglichkeit, sie zu begreifen, vor, sondern eine Anlage, eine Fertigkeit, eine Präformation, die unsere Seele bestimmt und bewirkt, daß sie aus ihr gewonnen werden können. Ein Unterschied, wie der zwischen den Gestalten, welche man dem Stein oder dem Marmor willkürlich gibt, und zwischen denen, die in seinen Adern schon bezeichnet, oder für den Künstler, wenn er davon Gebrauch machen will, der Anlage nach vorgezeichnet sind.

Philal. Ist es aber nicht wahr, daß die Wahrheiten den Ideen, aus denen sie herstammen, nachfolgen? Nun rühren aber die Ideen von den Sinnen her.

Theoph. Die intellektuellen Ideen, die die Quelle der notwendigen Wahrheiten sind, stammen nicht von den Sinnen ab, und Sie selbst erkennen an, daß es Ideen gibt, welche der Reflexion des Geistes, wenn er über sich selbst nachdenkt, verdankt werden. Im übrigen ist es richtig, daß die deutliche Erkenntnis der Wahrheiten ( tempore vel natura, nach Zeit und Wesen) später ist als die deutliche Erkenntnis der Ideen, da die Natur der Wahrheiten von der der Ideen, noch ehe man sich die einen wie die anderen ausdrücklich zum Bewußtsein gebracht hat, abhängig ist und die Wahrheiten, in welche von den Sinnen herstammende Ideen eingehen, selbst wenigstens zum Teil von den Sinnen abhängen. Die Ideen aber, die aus den Sinnen stammen, sind verworren und das gleiche gilt, wenigstens zum Teil, von den Wahrheiten, die von ihnen abhängig sind, während die intellektuellen Ideen und die von ihnen abhängenden Wahrheiten deutlich sind, und weder die einen, noch die anderen ihren Ursprung aus den Sinnen haben, obgleich wir allerdings ohne die Sinne niemals an sie denken würden.

Philal. Nach Ihrer Meinung sind jedoch die Zahlen intellektuelle Ideen, und dennoch hängt die Schwierigkeit beim Rechnen mit der Schwierigkeit zusammen, sich die einzelnen Ideen ausdrücklich zum Bewußtsein zu bringen. Ein Erwachsener z. B. weiß, daß 18 und 19 zusammen gleich 37 sind, mit derselben Evidenz, wie er weiß, daß 1 und 2 zusammen 3 machen; gleichwohl erkennt aber ein Kind den ersteren Satz nicht so leicht als den zweiten, weil es die Ideen nicht so schnell wie die Worte zu bilden vermag.

Theoph. Ich kann Ihnen zugeben, daß die Schwierigkeit, sich die Wahrheiten ausdrücklich zum Bewußtsein zu bringen, oft mit der Schwierigkeit zusammenhängt, sich der Ideen deutlich bewußt zu werden. Gleichwohl glaube ich, daß es in Ihrem Beispiel sich darum handelt, Ideen, die man bereits besitzt, anzuwenden, denn die, welche gelernt haben bis 10 zu zählen und durch eine bestimmte Wiederholung der Zehner weiterzugehen, verstehen ohne Mühe, was 18, 19 und 37 bedeuten (nämlich ein-, zwei oder dreimal zehn, vereint mit 8, 9 oder 7); aber um hieraus den Schluß zu ziehen, daß 18 + 19 = 37 macht, bedarf es weit mehr Aufmerksamkeit, als um zu wissen, daß 1 + 2 = 3 sind, was im Grunde nur die Definition von 3 ist.

§ 18. Philal. Es ist kein eigentümliches Vorrecht der Zahlen oder der Ideen, die Sie »intellektuelle« nennen, Sätze zu liefern, denen man, sobald man sie hört, unfehlbar beistimmt. Es gibt deren auch in der Physik und in allen anderen Wissenschaften, ja die Sinne selbst liefern uns solche. So z. B. ist der Satz: Zwei Körper können nicht zugleich an demselben Orte sein, eine Wahrheit, von der man auf ganz dieselbe Weise überzeugt ist, wie von folgenden Grundsätzen: Unmöglich kann etwas zu der nämlichen Zeit sein und nicht sein; Weiß ist nicht Rot; ein Viereck ist kein Kreis; die gelbe Farbe ist nicht die Süßigkeit.

Theoph. Diese Sätze enthalten doch Unterschiede. Der erste, welcher die Unmöglichkeit der Durchdringlichkeit der Körper ausspricht, bedarf eines Beweises. In der Tat verwerfen ihn alle die, welche, wie die Peripatetiker und der verstorbene Ritter Digby, an wirkliche Verdichtungen und Verdünnungen in strengem Sinne glauben Über die Physik Sir Knelm Digbys (1603-65), insbesondere über seine Theorie der Verdichtung und Verdünnung s. Laßwitz, Geschichte der Atomistik, II, 188ff. Das Hauptwerk Digbys »A treatise of the nature of bodies« ist 1644 in Paris und in lateinischer Übersetzung (unter dem Titel »Demonstratio immortalitatis animae rationalis«) Frankfurt 1664 erschienen., ganz abgesehen von den Christen, die zumeist der Ansicht sind, daß das Gegenteil, nämlich die Durchdringung des Ausgedehnten, für Gott möglich sei. Die anderen Sätze aber sind identische oder doch beinahe identische Sätze und die identischen oder unmittelbaren Sätze bedürfen keines Beweises. Die Sätze dagegen, die uns von den Sinnen geliefert werden – wie das Urteil, daß Gelb und Süß nicht dasselbe sind –, sind lediglich Anwendungen des allgemeinen identischen Satzes auf besondere Fälle.

Philal. Jeder Satz, der sich aus zwei Ideen zusammensetzt, deren eine die andere aufhebt, wie z. B. daß das Viereck kein Kreis ist, daß Gelb nicht Süß ist, wird, sobald man die Ausdrücke darin versteht, ebenso sicher als unzweifelhaft angenommen werden, wie jener allgemeine Grundsatz: » Unmöglich kann etwas zur nämlichen Zeit sein und nicht sein

Theoph. Dies kommt daher, daß der eine (nämlich der allgemeine Grundsatz) das Prinzip und der andere (in dem wir die Unvereinbarkeit einer Idee mit einer anderen ihr entgegengesetzten aussprechen) die Anwendung des Prinzips bildet.

Philal. Mir scheint vielmehr, daß der allgemeine Grundsatz die besondere Verneinung voraussetzt und daß diese letztere für jenen die Grundlage bildet. Denn der Satz: »Was dasselbe ist, ist nicht verschieden«, ist noch leichter zu verstehen, als der allgemeine Satz des Widerspruchs. Auf diese Weise aber würde man ja eine zahllose Menge von Sätzen dieser Art, die die Unvereinbarkeit irgendwelcher Ideen untereinander behaupten, für eingeboren ansehen müssen, ohne von den übrigen Wahrheiten zu reden. Dazu kommt, daß, weil kein Satz eingeboren sein kann, wenn nicht die ihn bildenden Ideen eingeboren sind, man voraussetzen müßte, daß alle Vorstellungen, welche wir von Farben, Tönen, Geschmäcken, Gestalten usw. haben, angeboren sind.

Theoph. Ich sehe gar nicht ein, wie der Satz: » Einerlei ist nicht verschieden« der Ursprung des Satzes des Widerspruches und leichter begreiflich, als er, sein sollte; denn mir scheint, man nimmt sich mehr Freiheit, wenn man behauptet, daß A nicht B ist, als wenn man sagt, daß A nicht non-A ist. Und der Grund dafür, daß A nicht B ist, liegt eben darin, daß B das Merkmal non-A in sich schließt. Übrigens ist nach dem Sinne, welchen wir dem Ausdruck »eingeborene Wahrheit« gegeben haben, der Satz: » Das Süße ist nicht das Bittere« nicht eingeboren. Denn die Empfindungen des Süßen und des Bitteren stammen von den äußeren Sinnen. Also liegt hier ein gemischter Schluß ( hybrida conclusio) vor, in welchem der Grundsatz auf eine sinnliche Wahrheit angewendet wird. Was aber den Satz anbetrifft: »Das Viereck ist kein Kreis«, so kann man sagen, daß er eingeboren ist; denn indem man ihn ins Auge faßt, macht man eine Subsumtion oder Anwendung des Satzes des Widerspruchs auf einen Inhalt des Verstandes selbst, indem man sich zum Bewußtsein bringt, daß diese beiden eingeborenen Ideen Begriffe in sich schließen, die miteinander unverträglich sind.

§ 19. Philal. Wenn Sie behaupten, daß die besonderen und durch sich selbst evidenten Sätze, deren Wahrheit man erkennt, sobald man sie aussprechen hört, wie z. B. daß das Grüne nicht das Rote ist, als Folgerungen anderer allgemeinerer Sätze, die als ebenso viele eingeborene Grundsätze zu betrachten sind, angenommen werden, so scheinen Sie nicht in Erwägung zu ziehen, daß diese besonderen Sätze von denen, welche keine Erkenntnis jener allgemeineren Grundsätze haben, nichtsdestoweniger als unzweifelhafte Wahrheiten angenommen werden.

Theoph. Darauf habe ich bereits vorhin geantwortet: man stützt sich auf diese allgemeinen Grundsätze, wie man sich beim Schließen durch Enthymeme auf Obersätze stützt, die man unterdrückt: denn obgleich man gar häufig beim Schließen nicht deutlich an das, was man tut, denkt, ebensowenig wie an das, was man beim Gehen und beim Springen tut, so besteht doch immer die Kraft des Schlusses zum Teil in dem, was man unterdrückt, und was nirgends sonst her gewonnen werden kann, – wie man finden wird, wenn man ihn zu rechtfertigen sucht.

§20. Philal. Es scheint aber, daß die allgemeinen und abstrakten Ideen unserem Geiste fremder sind als die besonderen Begriffe und Wahrheiten; also müssen diese besonderen Wahrheiten dem Geiste natürlicher sein als der Satz des Widerspruchs, von dem sie Ihrer Meinung nach nur die Anwendung sein sollen.

Theoph. Allerdings beginnen wir damit, uns zunächst der besonderen Wahrheiten bewußt zu werden, wie wir auch mit den zusammengesetzten und gröberen Ideen beginnen; aber nichtsdestoweniger beginnt die Ordnung der Natur mit dem Einfachsten und die Begründung der speziellen Wahrheiten hängt von den allgemeineren ab, für welche sie nur die Beispiele sind. Will man daher dasjenige in Betracht ziehen, was der Anlage nach und noch vor dem deutlichen Bemerken in uns liegt, so muß man mit dem Einfachsten anfangen. Denn die allgemeinen Prinzipien gehen in unser Denken ein und bilden dessen Seele und Zusammenhalt. Sie sind hierfür so notwendig, wie es die Muskeln und Sehnen zum Gehen sind, wenn man auch nicht daran denkt. Der Geist stützt sich jeden Augenblick auf diese Prinzipien; aber es gelingt ihm nicht so leicht, sie sich klar zu machen und sie sich deutlich und gesondert vorzustellen, weil dies eine große Aufmerksamkeit auf sein Tun erfordert, die die meisten Menschen, da sie an Nachdenken wenig gewöhnt sind, nicht besitzen. Haben nicht die Chinesen artikulierte Laute wie wir? Und dennoch sind sie bei ihrer Gewöhnung an eine andere Schreibweise noch nicht darauf gekommen, von diesen Lauten ein Alphabet zu machen. So haben wir vieles in unserem Besitz, ohne es zu wissen.

§ 21. Philal. Wenn der Geist gewissen Wahrheiten so schnell zustimmt, könnte das nicht eher von der Betrachtung der Natur der Dinge selbst herkommen, die ihm anders zu urteilen nicht erlaubt, als daher, daß diese Sätze von Natur unserem Geist eingepflanzt sind?

Theoph. Eines wie das andere ist richtig. Die Natur der Dinge und die Natur des Geistes wirken hier zusammen. Wenn Sie die Betrachtung der Sache dem Gewahrwerden dessen, was unserem Geiste eingepflanzt ist, entgegensetzen, so zeigt eben dieser Einwand, daß die, deren Partei Sie ergreifen, unter den eingeborenen Wahrheiten nur das verstehen, dem man durch eine Art natürlichen Instinkt zustimmt, selbst dann, wenn man es nur verworren erkennt. Es gibt Wahrheiten dieser Art, und wir werden davon zu sprechen noch Gelegenheit haben; was man jedoch das natürliche Licht nennt, setzt eine deutliche Erkenntnis voraus, und sehr oft ist die Betrachtung des Wesens der Dinge nichts anderes, als die Betrachtung des Wesens unseres Geistes und jener eingeborenen Ideen, die man nicht draußen zu suchen braucht. Also nenne ich diejenigen Wahrheiten eingeboren, die, um als wahr anerkannt zu werden, nur einer solchen Betrachtung bedürfen. Auf den Einwurf des § 22, daß die Behauptung, die eingeborenen Ideen lägen implizit im Geiste, nichts anderes besagen könne, als daß der Geist die Fähigkeit, sie zu erkennen, besitzt, habe ich bereits im § 5 geantwortet: ich habe bemerkt, daß der Geist außerdem die Fähigkeit besitzt, sie in sich zu entdecken und die natürliche Anlage, sie anzuerkennen, wenn er in der richtigen Weise denkt.

§23. Philal. Wie es scheint, nehmen Sie also an, daß die, denen man jene allgemeinen Grundsätze zuerst vorträgt, nichts erfahren, was ihnen völlig neu wäre. Es ist aber klar, daß sie zuerst die Bezeichnungen und darauf die Wahrheiten und selbst die Ideen, von denen diese Wahrheiten abhängen, lernen.

Theoph. Es handelt sich hier nicht um die Bezeichnungen, die gewissermaßen willkürlich sind, während die Ideen und die Wahrheiten natürlich sind. Was aber die Ideen und Wahrheiten anbetrifft, so messen Sie uns eine Lehre bei, von der wir weit entfernt sind; denn ich gebe zu, daß wir die eingeborenen Ideen und Wahrheiten, sei es durch Aufmerken auf ihre Quelle, sei es durch Bestätigung aus der Erfahrung, kennen lernen. Ich mache also gar nicht die von Ihnen erwähnte Voraussetzung, als ob wir in dem von Ihnen besprochenen Fall nichts Neues lernten. Den Satz: » Alles, was man lernt, ist nicht eingeboren« kann ich nicht zugeben. Die arithmetischen Wahrheiten sind in uns, und dennoch lernt man sie, indem man sie entweder aus ihrer Quelle auf dem Wege demonstrativen Nachweises herleitet (was ihr Eingeborensein zeigt) oder durch Beispiele erhärtet, wie die gewöhnlichen Rechner es tun, die ihre Regeln, weil sie deren Gründe nicht kennen, nur durch Überlieferung lernen und höchstens, ehe sie sie lehren, durch die Erfahrung rechtfertigen, welche sie so weit treiben, als sie für angemessen erachten. Ja mitunter ist selbst ein sehr geschickter Mathematiker, wenn er die Quelle der Entdeckung eines anderen nicht kennt, gezwungen, sich zu ihrer Prüfung mit dieser Induktionsmethode zu begnügen. So verfuhr ein berühmter Schriftsteller zu Paris, als ich dort war, der die Probe meines arithmetischen Tetragonismus durch Vergleichung mit den Ludolphschen Zahlen sehr weit trieb, in dem Glauben, einen Fehler darin zu finden; und er hatte auch Grund zu zweifeln, bis ihm der Beweis davon mitgeteilt wurde, der uns all solcher Proben, die man beständig fortsetzen könnte, ohne jemals zu vollkommener Gewißheit zu gelangen, überhebt Leibniz hatte seine »arithmetische Quadratur« des Kreises d. h. den Ausdruck:
π/4=1 - ⅓ + ⅕ - 1/7 + …
in Paris im Jahre 1674 gefunden und sie zunächst an Huyghens gesandt, der ihm in einem Brief vom 6. November 1674 seinen Dank für die Mitteilung ausspricht. (Vgl. Leibniz, Mathematische Schriften, II, 16f.).
. Ja gerade für diesen letzteren Umstand, nämlich die Unvollkommenheit der Induktionen, liefert ebenfalls die Erfahrung Belege; denn es gibt Progressionen, in denen man sehr weit vorwärts gehen kann, ehe man die Art der Veränderung in ihnen und deren Gesetze bemerkt.

Philal. Wäre es aber nicht möglich, daß nicht allein die Ausdrücke oder Worte, deren man sich bedient, sondern auch die Ideen uns von außen kommen?

Theoph. Dann müßten wir ja selbst außer uns sein, denn die intellektuellen Ideen oder die Ideen der Reflexion sind aus unserem Geiste hergeleitet; und ich möchte wohl wissen, wie wir die Idee des Seins haben könnten, wenn wir nicht selbst Seiendes wären und so das Sein in uns fänden.

Philal. Was sagen Sie aber zu dieser Herausforderung eines meiner Freunde? Wenn jemand, so sagt er, einen Satz finden kann, in welchem die Ideen eingeborene sind, so nenne er ihn mir; er könnte mir keinen größeren Gefallen tun.

Theoph. Ich würde ihm die Sätze der Arithmetik und Geometrie nennen, welche alle von dieser Art sind, und auf dem Gebiet der notwendigen Wahrheiten würde man gar keine anderen finden.

§25. Philal. Das wird vielen Leuten sonderbar vorkommen. Kann man sagen, daß die schwierigsten und tiefsten Wissenschaften eingeboren sind?

Theoph. Ihre wirkliche Kenntnis ist es nicht, wohl aber das, was man die mögliche Kenntnis nennen kann, wie die Gestalt, die durch die Adern des Marmors vorgezeichnet, im Marmor ist, noch ehe man sie beim Arbeiten entdeckt.

Philal. Aber ist es möglich, daß Kinder, wenn sie Vorstellungen in sich aufnehmen, die von außen kommen und ihnen ihre Zustimmung geben, keine Kenntnis von jenen Vorstellungen haben, von denen man annimmt, daß sie ihnen eingeboren sind und gleichsam einen Teil ihres Geistes bilden, dem sie – so sagt man – in unauslöschlichen Zügen als Grundlage eingeprägt sind? Wäre das der Fall, so hätte sich die Natur unnütze Mühe gegeben oder hätte doch diese Züge schlecht eingeprägt, da sie von Augen, die anderes doch sehr gut sehen, nicht bemerkt werden können.

Theoph. Das deutliche Gewahrwerden dessen, was in uns liegt, hängt von einer bestimmten Aufmerksamkeit und Ordnung ab. Nun ist es nicht allein möglich, sondern natürlich und angemessen, daß die Kinder den Vorstellungen der Sinne mehr Aufmerksamkeit schenken, denn die Aufmerksamkeit wird durch das Bedürfnis geleitet. In der Folge jedoch zeigt die Erfahrung, daß die Natur sich nicht unnütz die Mühe gegeben hat, eingeborene Erkenntnisse in uns zu legen; denn ohne solche gäbe es kein Mittel zur wirklichen Erkenntnis der notwendigen Wahrheiten in den demonstrativen Wissenschaften und zu den Gründen der Tatsachen zu gelangen; und wir würden nichts vor den Tieren voraushaben.

§26. Philal. Wenn es eingeborene Wahrheiten gibt, muß es dann nicht auch eingeborene Gedanken geben?

Theoph. Durchaus nicht, denn Gedanken sind Tätigkeiten, während Erkenntnisse und Wahrheiten, sofern sie in uns liegen, auch ohne daß wir ausdrücklich an sie denken, nur Fertigkeiten oder Anlagen sind; und wir wissen gar viele Dinge, an die wir nicht denken.

Philal. Es ist schwer zu begreifen, daß im Geiste eine Wahrheit sei, wenn er an diese Wahrheit niemals gedacht hat.

Theoph. Das ist so, wie wenn man sagen wollte, es sei schwer zu begreifen, daß es im Marmor Adern gibt, bevor man sie entdeckt. Auch scheint dieser Einwurf einer petitio principii nur zu ähnlich: denn alle die, welche eingeborene Wahrheiten annehmen, ohne sie auf die Platonische Wiedererinnerung zu stützen, nehmen solche an, an die man noch nicht gedacht hat. Übrigens beweist dieser Schluß zu viel; denn wenn alle Wahrheiten aktuelle Gedanken sein müßten, so gingen uns nicht nur alle die Wahrheiten verloren, an die man niemals gedacht hat, sondern auch alle diejenigen, an die man zwar gedacht hat, aber an die man gegenwärtig nicht mehr denkt. Sind dagegen die Wahrheiten keine aktuellen Gedanken, sondern natürliche oder erworbene Fertigkeiten und Anlagen, so kann es solche in uns geben, an die man niemals gedacht hat, noch jemals denken wird.

Philal. Wenn die allgemeinen Grundsätze eingeboren wären, so müßten sie im Geiste vieler Menschen, in dem wir doch keine Spur von ihnen entdecken können, mit größerer Helligkeit erscheinen, – ich meine die Kinder, die Blödsinnigen und Wilden – denn diese Menschen sind es doch, bei denen der Geist am wenigsten durch die Gewohnheit und den Eindruck fremder Meinungen verfälscht und verderbt ist.

Theoph. Man muß, glaube ich, hier ganz anders urteilen. Die eingeborenen Grundsätze treten nur durch die Aufmerksamkeit, welche man ihnen schenkt, ans Licht, aber die haben jene Menschenklassen nicht, oder haben sie nur für ganz andere Dinge. Sie denken fast nur an die körperlichen Bedürfnisse, während die reinen und vom Sinnlichen losgelösten Gedanken, wie es der Vernunft entspricht, nur um den Preis edlerer Bemühungen zu erwerben sind. Allerdings ist in Kindern und Wilden der Geist weniger durch Gewohnheiten verderbt, aber dafür auch durch die geistige Bildung, welche Aufmerksamkeit verleiht, weniger vervollkommnet. Es wäre sehr ungerecht, wenn das hellste Licht in denjenigen Geistern mehr glänzen sollte, die es weniger verdienen und die in den dichtesten Nebel gehüllt sind. Man sollte also der Unwissenheit und Roheit nicht so viel Ehre antun, wenn man so gescheit und kenntnisreich ist, wie Sie, Philaleth, und wie Ihr trefflicher Autor: denn dies hieße die Gaben Gottes erniedrigen. Freilich könnte man sagen, daß einer, je unwissender er ist, um so mehr den Vorzügen eines Marmorblocks oder eines Stückes Holz nahe kommt, die ja unfehlbar und sündlos sind. Aber unglücklicherweise ist das nicht der Punkt, in dem man ihnen nahe kommt: man tut daher, sofern man der Erkenntnis fähig ist, unrecht, wenn man versäumt, sie zu erwerben, und man wird es hierin um so leichter fehlen lassen, je geringere Bildung man besitzt.


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