Selma Lagerlöf
Liljecronas Heimat
Selma Lagerlöf

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Die Erdgeister auf Lövdala

Phylax stand auf der Freitreppe und bellte und heulte die ganze Nacht. Die Kleine hatte ihn noch nie so fürchterlich heulen hören, sie konnte unmöglich einschlafen. Mamsell Maja Lisa wachte sicher auch und konnte kein Auge schließen, und sie hätte doch den Schlaf in ihrem angegriffenen Zustand so nötig gehabt. Nein, es ging nicht anders, die Kleine mußte einen Versuch machen, den Hund zum Schweigen zu bringen.

Sie warf sich Rock und Jacke über und schlich durch die Küche in den Flur hinaus. Ehe sie indes die vielen Schlösser und Riegel an der Haustür aufgebracht hatte, war der Hund still geworden; aber sie ging doch für alle Fälle auf die Veranda hinaus, um ihn hereinzulocken.

Aber wie merkwürdig! Sie konnte ihn nirgends sehen. Sie wußte bestimmt, daß er die ganze Nacht auf der Veranda gestanden hatte; jetzt aber, wo sie sich die Mühe gemacht hatte aufzustehen, war er natürlich verschwunden. Sie ging sogar bis auf die Freitreppe vor und rief und lockte ihn; aber der Hund war nirgends zu sehen.

Es war eine herrliche Nacht. Der Himmel war mit kleinen weißen Wolken bedeckt, die sich zu Kränzen und Ringen ineinandergeschoben hatten, als wollten sie nun, wo sie niemand sah, allerlei künstliche Spiele vornehmen. Die Sonne war noch nicht hinter dem Berge aufgegangen, aber trotzdem war es taghell. Dabei war es nicht im geringsten kalt, sondern so lau und mild, daß die Kleine kein bißchen fror, obwohl sie mit bloßen Füßen herausgetrippelt war.

Die sechs großen Ebereschen, die in einer Reihe vor der Scheune standen und mit ihren breiten Wipfeln wie eine grüne Mauer aussahen, entfalteten schon ihre Blüten. Die großen weißen Blütendolden leuchteten hell aus dem dunklen Grün hervor. Das war ebenso schön wie die glänzenden Sternenlichter an einem dunklen Nachthimmel.

Ob es nun der Gegensatz zwischen dem frischen Grün war, das jetzt im Frühling überall hervorleuchtete – der Kleinen kamen alle die Gebäude, die rings um den Hof herstanden, plötzlich so alt und so baufällig vor. Sie betrachtete den Altan über dem Stall und die halbrunden Scheunenfenster, die unter dem schwarzgewordenen Strohdach hervorschauten, sowie die schiefe Tür des Brauhauses – alles sah in dieser Frühlingsnacht gar so betrübt aus und seufzte über sein Alter. Sie betrachtete auch das Gesindehaus, das ein steinernes Erdgeschoß hatte, sowie das Vorratshaus, das auf Pfosten stand. Dann schweifte ihr Blick über die vielen Gattertüren hin, die jetzt im Frühjahr wieder in die Zäune eingesetzt waren, sowie über die langen Reihen von Pfählen, die die Zäune bildeten. Alles war so alt, daß es krumm, schief und verfallen aussah. Die Dachfirste waren eingesunken, die Wände waren grau geworden, und zwischen dem Gebälk wucherte grünes Moos hervor.

Dies war das erstemal, daß der Kleinen der Gedanke kam, der ganze Hof sei allmählich zu alt geworden und bedürfe überall der Erneuerung. Aber so etwas denkt man auch nur im Frühling, wenn man sieht, wie sich die Bäume, die Sträucher und die Felder schmücken und in ihren schönsten Staat kleiden.

Vielleicht, dachte die Kleine, gibt es auch für die Höfe etwas Ähnliches wie Sommer und Winter, obgleich für sie wohl längere Zeiten dazwischen liegen als für Bäume und Sträucher.

Frühling war es auf einem Hofe, wenn ein junges Paar hinkam, das Neues aufbaute und das, was zu alt war, wegriß. Und Winter war es, wenn diese jungen Leute alt geworden waren, wenn das, was sie aufgebaut hatten, dem Einsturz nahe war und sich nach frischen Kräften sehnte, die wiederum neu bauen und Ordnung schaffen sollten.

Der Kleinen dünkte es ganz sonderbar, daß sie auf solche Gedanken gekommen war. Aber das war auch eine ganz merkwürdige Nacht, so warm und schwül und geheimnisvoll! Das Kind wurde ängstlich und wollte rasch ins Haus zurück; aber da fiel ihr der Hund wieder ein.

Als sie sich jetzt nach allen Seiten umsah, um herauszufinden, wohin der Hund wohl gegangen war, schien es ihr, als rühre sich etwas auf dem Rasen unter den Ebereschen.

Die Kleine hatte weit drinnen im dunklen Wald gewohnt, und sie hatte früh und spät für die Mutter Botengänge machen müssen; aber niemals hatte sie etwas Übernatürliches gesehen, und sie hatte auch niemals geglaubt, daß sie so etwas sehen werde. Mutter hatte immer gesagt, sie brauche sich nicht zu fürchten; sie habe keine Anlage dazu, Wichtelmännchen oder Hexen zu begegnen.

Aber dort drüben sah sie jetzt wirklich etwas höchst Merkwürdiges, darüber bestand kein Zweifel. Sie war ein wenig bestürzt; aber eigentliche Angst bekam sie nicht so leicht. Und es war auch nicht zum Erschrecken – dort drüben tanzten nur ein paar Wichtelchen.

Ja, zwei waren es, ein Herr und eine Dame, die so groß waren wie sechsjährige Kinder, aber viel schlanker und feiner gebaut. Beide waren wie die vornehmsten Edelleute gekleidet, in schwarzen Samt mit Spitzen und Tressen. Der Herr hatte einen Dreispitz auf dem Kopf, einen Degen an der Seite, einen mit seidenen Blumen gestickten Leibrock und Schnallen auf den Schuhen. Die Dame trug kurze, sehr weite Röcke, rote Strümpfe, einen großen Federhut und in der Hand einen Fächer.

Sie tanzten ununterbrochen. Er faßte sie bei der Hand, und mit erhobenen Armen trippelten sie eine Strecke vorwärts, dann wechselten sie und trippelten wieder zurück. Sie trennten sich, gingen aufeinander zu, verbeugten sich, schließlich umschlangen sie einander um die Mitte und schwangen sich im Kreise.

Nein, in ihrem ganzen Leben hatte die Kleine noch nie etwas so Schönes gesehen, das war sicher und gewiß! Die Bewegungen der beiden waren leicht und anmutig, sie flogen nur so übers Gras hin. So konnten keine Menschen tanzen, diese beiden dort waren wie aus Luft gemacht. Sie hatten Gesichter wie das allerfeinste Porzellan und sehr kleine Hände und Füße. Ach, du lieber Gott, wer doch auch so klein und niedlich wäre!

Die Kleine konnte sich nicht losreißen, so lange die dort drüben tanzten. Sie stand unbeweglich und fragte sich, warum die beiden wohl so froh und vergnügt waren und gerade in dieser Nacht tanzten? Na, das war nicht schwer zu verstehen. Die beiden dort waren gewiß die echten Hausgeister von Lövdala, und sie waren wohl glücklich, daß jetzt, wo die Raclitza verschwunden war, wieder alles ins rechte Geleise kam.

Während die Kleine so dem Tanze zusah, fühlte sie sich noch geneigter als bisher, das zu glauben, was der lange Bengt behauptete. Er war der letzte, der die Raclitza gesehen hatte, und er war ihr am Samstagabend ganz spät drunten auf den Svartsjöer Wiesen begegnet. Sie habe ganz irr und wirr ausgesehen, genau wie an jenem Tage, wo sie sich zum erstenmal gezeigt hatte, und er behauptete aufs bestimmteste, ja, er wollte gleich darauf schwören, er habe sie in den Svartsjöbach hineinsteigen sehen.

Vielleicht, dachte die Kleine, waren nun die richtigen Hausgeister froh, daß die kalte, falsche Wasserfrau keine Macht mehr über Lövdala hatte.

Nein, wie wundervoll sie tanzten! Warum lag man nur drinnen in den Stuben und verschlief die hellen Nächte? Warum tanzte man nicht auch auf dem grünen Rasen? Warum war man nicht selbst so leicht und lustig, warum hatte man so viel Kummer, den man nie abwerfen konnte?

Da plötzlich hörte die Kleine im Hause drinnen ein dumpfes Geräusch wie von einem schweren Fall, und eilig lief sie in den Flur zurück.

Sie lauschte, vernahm aber nichts mehr. Doch war sie ganz sicher, daß das Geräusch aus dem westlichen Zimmer, dem Zimmer des Pfarrers gekommen war.

So rasch sie konnte, lief sie zu Mamsell Maja Lisa hinein und sagte, sie solle doch aufstehen, dem Herrn Pfarrer müsse etwas geschehen sein.

Die Pfarrerstochter warf hastig ein paar Kleidungsstücke über und fragte währenddessen, was denn geschehen sei. Die Kleine berichtete mit fliegendem Atem, sie habe von der Freitreppe aus zwei kleine Gestalten tanzen sehen, und dann habe sie plötzlich droben im Zimmer des Herrn Pfarrers einen dumpfen Fall gehört.

Da wurde die Pfarrerstochter todesblaß.

»Diese beiden zeigen sich nur, wenn Lövdala einen neuen Herrn bekommen soll,« fügte sie; »aber ich glaube, bis jetzt hat sie noch kein Mensch jemals tanzen sehen.«

Sie hatte erst einen Schuh angezogen; aber sie dachte jetzt nicht an ihre Kleidung, sondern eilte hinauf in die westliche Stube.

Hier lag der Pfarrer auf dem Boden ausgestreckt und rührte sich nicht.

»Was ist Euch, Herr Vater, was ist Euch?« rief Maja Lisa, indem sie sich über ihn beugte.

Gleich darauf hob sie den Kopf wieder und sah die Kleine an, die ihr gefolgt war.

»Der Herr Vater ist tot,« sagte sie. »Komm, wir wollen ihm noch für alles danken; er ist uns vielleicht noch so nahe, daß er uns noch hören kann.«

Sie nahm seine Hand, küßte sie innig und zärtlich und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr. Dann durfte ihm auch die Kleine noch die Hand küssen.

Alsdann stand die Pfarrerstochter auf und sah sich im Zimmer um, wie um zu erfahren, wie es zuletzt gewesen war. Der Vater hatte am Schreibtisch gesessen und geschrieben, in seinem Federkiel war die Tinte noch naß. Während er schrieb, hatte er sich wohl plötzlich unwohl gefühlt; da war er aufgestanden, um mit seiner Glocke zu läuten und Hilfe herbeizurufen, und da war er zu Boden gesunken.

Auf dem Tisch lag die halbfertige Predigt. Die letzten Zeilen liefen mit kritzeligen ungleichen Buchstaben schräg über die Seite herab. »Der Arbeiter, der sein Werk vollendet hat, sehnt sich nach Ruhe und freut sich, daß ein besserer an seine Stelle tritt.«

Da stürzten Maja Lisa die Tränen aus den Augen. »Jetzt verstehe ich, warum die beiden gerade für Vater tanzten. Sie wußten, daß er fort wollte. Sie wußten, daß er frei werden würde.«

 


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