Selma Lagerlöf
Liljecronas Heimat
Selma Lagerlöf

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Am Werktage

Ja, nun war die Arbeit auf Lövdala in vollem Gang, und morgens und abends ertönte das Schnurren der neun Spinnrädchen so laut wie das Klappern einer Mühle. Und während der Stunden, wo heller Tag war, durfte man auch dem lieben Gott die Zeit nicht stehlen, sondern mußte jede Minute aufs Nähen und Weben verwenden.

Eine Zeitlang hatte es ausgesehen, als hätte die Pfarrfrau die Anwesenheit der Kleinen ganz vergessen. Sie hatte ihr keine Arbeit aufgetragen und ihr nichts weiter befohlen, als in der Küchenkammer rein zu machen und das Feuer zu unterhalten. Aber an demselben Tag, an dem der Fähnrich abreiste, erschien sie an der Küchenkammertür, winkte der Kleinen und sagte, sie solle eine Weile mit ihr in den Saal kommen.

Die Kleine stand sogleich auf, aber sie fürchtete sich unbeschreiblich vor einem Alleinsein mit der Pfarrfrau. Sie mochte sie nicht nur so im allgemeinen nicht, wie man eben einmal jemand nicht gut leiden kann; nein, wenn die Kleine sie nur sah, lief ihr ein kalter Schauer um den andern über den Rücken.

Noch nie in ihrem Leben hatte sich die Kleine vor irgendeinem Menschen so gefürchtet, und sie hatte auch ihre eigenen Gedanken darüber, womit das wohl zusammenhängen konnte. Denn so viel war sicher, etwas war mit der Pfarrfrau nicht recht geheuer. Kein anderer Mensch hatte so weißes Haar und ein so junges Gesicht dazu, und es war doch auch gar nicht natürlich, daß eine Frauensperson mit einer Stimme sprach, die wie ein Wasserfall donnerte. Und ebensowenig hätte ein einziges gewöhnliches Menschenkind so viel Widerwärtiges und Unangenehmes anrichten können.

Immerfort mußte sie an etwas denken, was Mutter ihr einmal von dem Svartsjö und den Dreien gesagt hatte, die zurückgeblieben seien, als der See ausgetrocknet war. Mamsell Maja Lisa wollte nichts davon hören; aber die Kleine wußte wohl, wer diese Dritte war, und daß man auf Lövdala mehr als einmal ein Abenteuer mit ihr zu bestehen gehabt hatte.

Und wenn die Pfarrerstochter von so etwas nicht reden wollte, dann gab es andere Leute auf dem Hof, die es gerne wollten und es auch konnten. Die Kleine brauchte sich nur am Abend einmal ins Gesindehaus hinüberzuschleichen, wo der lange Bengt und seine Mutter, die alte Bengta, sowie seine Frau, die muntere Maja, um den Herd saßen und miteinander schwatzten.

Da pflegte dann der lange Bengt zu erzählen, daß die alte Wasserfrau, die im Svartsjö gewohnt hatte, sich heimatlos fühle, seit dieser ausgetrocknet sei – denn das könne doch kein Mensch verlangen, daß so eine vornehme Frau in dem ärmlichen Svartsjöbache, der jetzt noch durch den früheren Seegrund ziehe, befriedigt sein könne –, und daß sie immer wieder versuche, sich in einen Hof einzuschleichen. Sie habe sich schon da und dort eingenistet; aber an den anderen Orten habe man beizeiten herausgebracht, wer sie war, und so habe man sie fortgejagt, ehe sie etwas Böses anstellen konnte.

Die muntere Maja wußte auch eine Geschichte von dem Sohn des Herrn Olavus, dem früheren Svartsjöer Pfarrer, der in einer Frühlingsnacht an den Svartsjöbach hinuntergegangen und dort ertrunken war. Daraus gehe doch etwas deutlich hervor: die Wasserfrau, die hatte ihn bezaubert gehabt, sonst wäre es ihm ja gar nicht möglich gewesen, in so einem Bach zu ertrinken.

Der lange Bengt sprach von jenem Morgen, wo er und die Vettersbuben auf dem südlichen Anger das Heu gemäht hatten. Die beiden Buben und er hätten auch sofort gesehen, wer da durchs Gras daherkam. Sie sei ja so naß gewesen, daß ihre Kleider trieften. Das sei doch wohl ein genügend, deutliches Zeichen dafür, was für eine sie war. Und wie irr und wirr ihre Augen ausgesehen hatten, wahrhaftig nicht wie bei einem Christenmenschen!

Keines von den dreien hegte den geringsten Zweifel, wer die jetzige Pfarrfrau in Svartsjö war, und darüber waren auch alle miteinander einig, daß sie nicht wieder fortgehe, ehe sie den ganzen Hof ins Verderben gebracht habe.

Die Kleine glaubte ganz dasselbe, besonders abends und in der Dunkelheit. Bei Tag fiel es ihr schwer, zu glauben, daß die heimatlose Wasserfrau aus dem Svartsjö auf Lövdala umhergehe und spinne und webe. Aber auch da war das Mißtrauen in der Kleinen noch so lebendig, daß sie zusammenfuhr, wenn sie die Pfarrfrau nur sah.

Als aber die Pfarrfrau nun an der Küchentür erschien und ihr winkte, blieb ihr jedenfalls nichts anderes übrig, als mit ihr durch die Küchenkammer zu gehen, wo Mamsell Maja Lisa einen Hohlsaum an einem Laken nähte, und in den Saal hinein, einem schönen großen Zimmer mit Möbeln aus gelbgebeiztem Birkenholz und blaugewürfelten Bodenläufern. Das Zimmer hatte zwei Fenster. An dem einen stand eine hohe grüne Kallapflanze, vor dem andern ein kleiner Nähtisch. Die Platte war zurückgeschlagen, und man konnte die vielen kleinen Fächer sehen, die mit Zwirnsträngen und Seidenknäueln, Wachs und Nadelbüchern, Namentüchern und Bandrollen, Haken und Ösen und vielem andern, was sinnreich und bequem war, gefüllt waren.

Die Pfarrfrau zeigte der Kleinen alles, was in den Fächern war, und ließ sie erraten, wozu die einzelnen Gegenstände gebraucht wurden. Sie war so freundlich gegen das Kind, daß sie sogar zu lachen versuchte, wenn die Kleine falsch riet, obgleich ihr das so ungewohnt war, daß sich ihre Mundwinkel förmlich dagegen sträubten.

Je freundlicher sie wurde, desto fester preßte die Kleine den Mund zusammen, und desto aufmerksamer wurde der Blick ihrer glänzenden Augen. Wenn nur die Pfarrfrau sie nicht verführen wollte, etwas zu sagen, was der Pfarrerstochter Schaden bringen konnte!

Aber diesmal schien von einem Hinterhalt nicht die Rede zu sein. Die Pfarrfrau setzte sich an den Nähtisch, die Kleine mußte neben ihr Platz nehmen; nun sollte sie nähen lernen, denn die Pfarrfrau hätte ihrer Mutter versprochen, ihr eine gute Erziehung zuteil werden zu lassen.

Zuerst zeigte ihr die Pfarrfrau, wie man eine Nadel einfädelte.

Dies pflegt ja eine schwere Aufgabe für kleine Leute zu sein; aber die Kleine zog den Faden gleich beim ersten Versuch durchs Nadelöhr.

Die Pfarrfrau verwunderte sich höchlich. Sie sagte, das habe sie sehr gut gemacht. Wenn ihr alles ebenso leicht von der Hand gehe, könne eine Meisterin im Nähen aus ihr werden.

Dann gab ihr die Pfarrfrau ein kleines Stück Leinwand, an dem sie sich üben könnte. Sie zeigte ihr, wie man einen Knoten macht, wie man die Nadel in den Stoff hineinsteckt und wieder herauszieht.

Schweigend ließ sich die Kleine belehren. Dann nahm sie den Leinwandfleck in die Hand, legte ihn über den linken Zeigefinger und machte Stich um Stich, als sei das absolut nichts Schwieriges.

Ei du lieber Himmel! Wie sehr verwunderte sich doch die Pfarrfrau. Das sei das Merkwürdigste, das ihr je vorgekommen war!

Da konnte die Kleine nicht länger ernsthaft bleiben, sie fing an zu lachen.

Nun glaubte die Pfarrfrau endlich zu merken, wie die Sache zusammenhing, und sie fragte, ob die Kleine denn schon, ehe sie nach Lövdala gekommen sei, das Nähen versucht habe.

»Nein,« antwortete diese. »Ich habe noch nie einen Stich gemacht, ehe ich hierher gekommen bin.«

Ei so! Nun dann habe sie vielleicht hier jemand das Nähen gelehrt? Vielleicht Mamsell Maja Lisa?

Die Kleine erschrak, sobald die Pfarrfrau die Stieftochter nur erwähnte, und sie antwortete rasch, nein, aber die alte Frau Beata im Waschhaus drüben habe ihr Unterricht gegeben.

»Das zu hören freut mich sehr,« sagte da die Pfarrfrau. »Wie merkwürdig, daß Frau Beata mit ihren gichtischen Händen nähen kann!«

»Und ob sie nähen kann!« rief die Kleine. »Auf dem ganzen Hofe kann gewiß niemand so schön nähen wie Frau Beata.«

»Dann will ich dir sagen, was wir jetzt tun wollen,« sagte die Pfarrfrau. »Gleich jetzt gehen wir hinüber zu Frau Beata und bedanken uns bei ihr, daß sie dir einen so guten Unterricht gegeben hat.«

Damit nahm sie die Kleine mit sich; aber sie ging nicht den geraden Weg nach dem Waschhausflügel, sondern machte einen weiten Bogen um den Stall und die Scheunen herum. Frau Beata pflegte den ganzen Tag an einem Fenster zu sitzen, von wo sie alle Leute, die vom Wohnhaus zu ihr herüber kamen, sehen konnte, aber sie hatte keine Aussicht nach der Seite, wo die Wirtschaftsgebäude lagen.

Als die Pfarrfrau und die Kleine vor der schwierigen Treppe standen, die im Zickzack zum Giebel hinaufführte, sagte die Pfarrfrau, die Kleine solle vorausgehen. Wer jung sei, laufe rasch und leicht hinauf, sie würde dann nachkommen, so gut es eben gehe. Nun, die Kleine lief laut polternd die Treppe hinauf, und da konnte niemand merken, daß jemand hinter ihr herschlich.

Frau Beata saß immer mit den gefalteten Händen im Schoß da, wenn die Pfarrfrau zu ihr kam. Und immer sprach sie davon, wie schwer es ihr werde, daß sie nichts mehr nutz sei. Auch sie sei früher ein sehr tätiger Mensch gewesen, obgleich nicht ganz so tüchtig wie Anna Maria Raclitz.

Die Pfarrfrau hatte die Ärmste wirklich bedauert. Wie schrecklich, wenn man den ganzen Tag hindurch immer stillsitzen mußte und kein bißchen etwas tun konnte!

Aber als die Pfarrfrau an diesem Tag bei ihr eintrat, hatte Großmutter ein Laken in der Hand und stickte an einem Hohlsaum, und ihr Arm ging dabei so schnell auf und ab wie die Flügel einer Lerche.

Als Frau Beata die Pfarrfrau erblickte, machte sie eine Bewegung, wie wenn sie die Arbeit verstecken wollte. Aber als sie merkte, daß die andere sie schon gesehen hatte, nähte sie ruhig weiter.

Die Pfarrfrau trat zu ihr und sprach ihre große Freude darüber aus, Frau Beata am Nähtisch zu finden. Das sei doch sehr schön, daß die Gicht sich so gebessert habe und sie nun etwas arbeiten könne. Sie solle ihr doch zeigen, woran sie eben sei, denn sie habe gehört, Frau Beata Spaak könne wunderschön nähen, und ihre Stiche lägen wie Perlen einer neben dem andern.

»Aber das ist sonderbar,« fuhr die Pfarrfrau fort, indem sie sich immer tiefer über Frau Beatas Arbeit beugte, »dieses Laken meine ich doch zu kennen. Es ist eines von dem Paar, das ich Maja Lisa für diesen Morgen zum Nähen gegeben habe. Vielleicht helft Ihr ihr bei dem einen. Ja, ich habe nichts dagegen, nein, nicht das geringste; aber ich meine, Ihr hättet es mir sagen sollen, damit ich Maja Lisa genügend mit Arbeit versehe. Denn wenn sie nur ein Laken vom Paar näht, so ist es ja die reine Faulenzerei.«

Frau Beata hielt die Arbeit noch in der Hand. Sie konnte nichts erwidern, denn ihr Unterkiefer und ihr ganzer Kopf zitterte, wie wenn jemand hinter ihr stünde und sie schüttelte.

Nun wendete sich die Pfarrfrau wieder der Tür zu, um zu gehen. Sie sehe ja, wie eilig es die Großmutter habe, deshalb wolle sie nicht länger stören. Frau Beata brauche jetzt gewiß auch nicht mehr so viel Gesellschaft, da sie wieder arbeiten könne.

Frau Beata stotterte etwas hervor, das wie »übermenschliche Arbeit für die Jugend« klang, und es könne »Leben und Gesundheit« kosten.

Aber die Pfarrfrau erwiderte: »O Ihr wißt wohl, daß es Maja Lisa nicht schlimm geht, da sie noch imstand ist, die halbe Nacht aufzusitzen und zu lesen. Ich glaube auch nicht, daß Arbeit einem jungen Menschen schadet. Nein, aber lügen und heucheln und krumme Wege gehen, das ist schädlich.«

Damit ging sie, und Frau Beata hatte noch nicht ein verständliches Wort zu ihrer Verteidigung herausbringen können, als die Tür auch schon hinter ihr ins Schloß fiel. Aber die Treppe, die die Pfarrfrau nun hinunter gehen mußte, war schmal und steil, und so kam sie nur langsam vorwärts. Indessen konnte sich Frau Beata aufraffen, und gerade, als die Pfarrfrau die unterste Stufe erreicht hatte, riß die alte Frau oben ihre Tür auf.

»Stiefmutter!« rief sie ihr nach, und zwar so laut, daß man es auf dem ganzen Hofe hörte. Eine Antwort wartete sie nicht ab, sondern sie ging rasch wieder hinein und schob den Riegel vor, damit sie nicht aufs neue überrascht würde.

Man konnte der Pfarrfrau nicht anmerken, ob sie sich etwas aus Frau Beatas Rede machte. Sie war noch immer in ausgezeichneter Laune, und während sie mit der Kleinen ins Wohnhaus zurückging, sagte sie ganz ruhig zu ihr, sie solle jetzt in den Saal gehen und ein wenig nähen, sie werde gleich selbst nachkommen, sie wolle nur vorher noch ein paar Worte mit Mamsell Maja Lisa sprechen.

Die Kleine kniff die Lippen zusammen und erwiderte nichts; aber ihr Gesicht hatte ungefähr denselben Ausdruck wie an dem Weihnachtsfeiertag, wo sie mit dem Sturm kämpfte.

Als sie in dem Flur angekommen waren, ging sie nicht in den Saal, wie ihr befohlen war, sondern wendete sich der Küchentür zu.

Die Pfarrfrau fragte sofort, wohin sie wolle. Ob sie nicht gehört habe, daß sie in den Saal gehen und nähen solle?

Da antwortete die Kleine mit leiser Stimme, sie meine, das sei jetzt unnötig.

»Warum denn unnötig? Meinst du, du könnest jetzt schon ausgezeichnet nähen und brauchest nichts mehr zu lernen?«

Nein, das meine sie durchaus nicht. Aber sie brauche nicht mehr zu lernen, als sie schon könne, weil sie jetzt wieder heim nach Koltorp gehe.

Zugleich trat sie auf die Pfarrfrau zu, reichte ihr die Hand und sagte, sie könne sich auch ebensogut gleich verabschieden.

»Aber liebes Kind!« rief die Pfarrfrau. »Ich verstehe dich absolut nicht. Warum willst du denn auf und davon gehen?«

Die Kleine trat ein paar Schritte zurück, wie um außerhalb greifbarer Nähe zu sein, ehe sie ihre Erklärung gab.

»Mutter ist Kindermädchen hier auf Lövdala gewesen, und Mutter hat die Pfarrerstochter lieb. Und als Mutter an Weihnachten hier war, hat sie zu mir gesagt, wenn Mamsell Maja Lisa meinetwegen noch weitere Unannehmlichkeiten bekomme, solle ich nicht hierbleiben, sondern heimkommen.«

Als die Kleine das gesagt hatte, schob sie sich an der Wand weiter, bis sie die Ecke neben der Küchentür erreicht hatte. Da blieb sie stehen und wartete auf das, was kommen würde.

Die roten Flecken brannten auf Frau Raclitzas Wangen, und sie ging mit erhobener Hand auf die Kleine zu. Diese aber duckte sich nicht, und ihre Augen sahen die Pfarrfrau kalt an. Sie wußte, daß sie jetzt Schläge bekommen würde; aber sie war so von Haß erfüllt, daß sie keine Angst fühlte, sondern eher froh darüber war, daß es jetzt zum offenen Streit kam.

Aber nun geschah etwas, was sich die Kleine nie und nimmer hätte träumen lassen. Die Pfarrfrau gab ihr nicht einmal eine Ohrfeige, sie bezwang sich vielmehr im letzten Augenblick und versuchte zu lächeln.

»Liebes Kind, du siehst ja aus wie eine Katze, die auf einen Hund losfauchen will. Aber sei ganz ruhig, ich werde dich gewiß nicht schlagen, weil du gegen die, der du dienst, treu bist. Gerade das gefällt mir, und deshalb verspreche ich dir, Maja Lisa soll nicht ein einziges Wort von mir über das hören, was ich heute entdeckt habe. Und jetzt gehen wir miteinander in den Saal und denken nie wieder an diese Sache.«

Die, Kleine fühlte sich ganz verwirrt. Hinter diesem allem lag etwas, was sie nicht verstand. Aber sie war nur zu froh, daß sie im Pfarrhaus bleiben durfte, und so gab sie sich keine weitere Mühe, das Rätsel zu lösen.

Als sie nun wieder an dem Nähtisch saßen, war indes vom Nähen keine Rede mehr, sondern die Pfarrfrau öffnete ein Fach, das unter den andern verborgen war. Diesem entnahm sie zuerst ein Abc-Buch, dann Papier und einen Gänsekiel, sowie ein Fläschchen Tinte.

Die Kleine glaubte, die Pfarrfrau wolle sie nun im Lesen und Schreiben prüfen; aber das war nicht deren Absicht, sondern sie sagte, sie habe als Kind ihrer Mutter immer bei der Pflege der kleinen Geschwister helfen müssen, und so habe sie nie lesen und schreiben gelernt. Aber seit sie Pfarrfrau geworden sei, sei es ihr äußerst unangenehm, daß sie es nicht könne. Nun solle die Kleine ihr Lehrmeister werden. Sie habe gleich daran gedacht, als sie sie an Weihnachten nach Lövdala kommen ließ, aber bis jetzt nur keine Zeit dazu gehabt.

Die Kleine war höchlich erfreut und sagte sofort, sie wolle der Pfarrfrau gerne helfen, so gut sie es vermöge.

Nun das sei also ausgemacht, sagte die Pfarrfrau. Aber, fuhr sie fort, die Kleine solle niemand sagen, daß sie lesen lerne. Sie habe Angst, die Leute würden sie auslachen. Es solle so aussehen, als lehrte die Pfarrfrau sie nähen und verbringe deshalb jeden Vormittag eine Stunde mit ihr im Saal.

Ja, da könne ja nichts Böses dabei sein, meinte die Kleine.

Die Pfarrfrau sagte, sie freue sich aufrichtig über dieses Übereinkommen. Die Kleine werde wohl begreifen, wie schwer es für eine Pfarrfrau sei, wenn sie nicht schreiben könne. Heute zum Beispiel hätte sie so gerne einen Brief abgeschickt, wenn sie ihn nur zustande brächte. Sie habe sich schon wiederholt gefragt . . . ob die Kleine wohl so gewandt im Schreiben sei, daß sie die Worte aufs Papier setzen könne, wenn sie ihr diktiere?

O ja, das getraue sie sich gut, rief die Kleine. Sie schlug auch gleich eine Klappe an einem der Tische auf, legte das Papier zurecht, zog den Stöpsel aus dem Tintenfläschchen und begann zu schreiben, was ihr die Pfarrfrau diktierte.

 


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