Selma Lagerlöf
Die Prinzessin von Babylonien und andere Erzählungen
Selma Lagerlöf

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Der Scheiterhaufen

(Brief eines dänischen Kriegsgefangenen)

Früher im Leben habe ich kaum je eine gereimte Zeile verfaßt, aber jetzt tue ich nichts anderes als Verse schreiben. Ich will die Kunst lernen, meine Gedanken zu unvergeßlicher Dichtung zu formen. Ich will lernen, den mächtigen Zauberstab zu schwingen, der die ganze Welt zum Gehorsam zwingt.

Es kommt mir selbst merkwürdig vor, daß ich so schreiben kann, denn ich habe gerade keinen geeigneten Arbeitsraum. Es herrscht keine Stille um mich und was man Dichterruhe nennt, davon kann ich nicht viel genießen. Ich sitze in einer Gefangenenbaracke in Irkutsk, in dem verdammten Lande Sibirien, und ich habe neunundneunzig Kameraden um mich hier im Zimmer.

Sie lärmen und tosen beständig, und ich glaube, sie tun alles, was sie können, um mich zu stören. Sie setzen sich neben mich und singen Lieder, und sie heulen mir gerade in die Ohren. Es ist, als ob sie es nicht ertragen könnten, daß ich da sitze und Verse schreibe. Es ist, als wäre es verboten, in der Gefängnisbaracke Verse zu schreiben, wie ich mir denke, daß es verboten ist, in der Hölle Psalmen zu singen.

Aber ich schreibe doch auf jeden Fall, weil ich mir Waffen schmieden will. Ich will mich üben, damit ich den Krieg niederschlagen kann. Ich will ihn zu Boden werfen, ich will meinen Fuß auf seinen Nacken setzen. Er soll das Unrecht bereuen, das er gegen mich begangen hat.

Ich gebe es ja zu, sie sind unglücklich, all diese, die in der Gefangenenbaracke eingesperrt sind. Ich weiß, ein paar von ihnen sind vor Heimweh wahnsinnig geworden und die anderen gehen nur herum und warten, daß sie an Typhus oder Cholera erkranken. Aber sie sind alle Soldaten, sie sind ausgezogen, um zu kämpfen und zu töten, und es widerfuhr ihnen kein Unrecht, als sie gefangengenommen und nach Sibirien geschickt wurden.

An mir hingegen, an mir beging man eine große Sünde, als man mich herbrachte, denn ich bin ein friedlicher Däne. Ich habe nie ein Gewehr ans Auge gehoben und mein Land ist nicht mit im Weltkrieg. Ich weiß noch heute nicht, warum das große Rußland seine Hand auf mich legte, in dem kleinen Städtchen in Westpreußen, wo ich mich bei meinen Anverwandten aufhielt. Ich war kein Spion, ich war kein Verräter, ich weiß nicht, warum ich in die Gefangenschaft geschleppt wurde.

Ich weiß nicht, warum man sich weigert, mich frei zu geben. Warum darf ich nicht heim nach Dänemark und für die Meinen arbeiten? Warum muß ich meine besten Jahre in Grübeleien und Müßiggang vergeuden?

All dies kann nur einen Sinn haben. Ich bin hieher gebracht worden, um das tiefste Elend des Krieges zu kosten. Ich bin hieher gebracht, damit dem Kriege ein Feind erwächst, der nie Frieden schließen, nie auf einen Vergleich eingehen wird.

Ich schreibe und schreibe, ich will die schöne Kunst lernen, Gedanken in Verse zu bringen. Ich will, daß meine Gedichte harte Zangen werden, die die Kriegslust der Menschen umklammern und sie mit den Wurzeln ausreißen. Ich will, daß sie siebzehnjährige Mägdlein werden, denen kein Mann zu widerstehen vermag. Ich will, daß sie summende Mückenschwärme werden, die den Schlaf aller Schlummernden stören. Aber ich bin ein Anfänger, und ich sehe es, noch sind meine Gesänge machtlos. Sie fallen zu Boden wie trockenes Laub. Es raschelt, wenn sie fallen, aber niemand dreht sich um und sieht nach, was da fiel.

Wenn jemand wüßte, wenn jemand wüßte, was es heißen will, in der Gefangenenbaracke zu sitzen und zu dichten. Manchmal kann ich nicht schreiben, weil ich meinen alten Rock flicken muß. Wir haben dieselben Kleider an wie vor drei Jahren, und sie sind so zerlumpt, daß sie in Stücke zerfallen. Manchmal ist es hier beim Fenster so kalt, daß die Finger erstarren wollen, und manchmal kann ich mich nicht zur Lampe durchdrängen. Aber ich schreibe und schreibe: ich suche nach dem gefährlichen Wort, das sich um den Krieg schlingen kann wie eine mächtige Schlange und ihn erwürgen. Ich will ihn in einen Schmutzpfuhl stoßen. Ich will ihn in einer Gefangenenbaracke sterben lassen, in dem verfluchten Lande Sibirien.

Ich schreibe und schreibe. Es ist nicht zu verwundern, daß die russischen Wächter sich über mich lustig machen und glauben, daß ich verrückt bin. Es gibt viele im Gefangenenlager, die sich sonderbar betragen, aber noch haben sie keinen gesehen, der einen so wunderlichen Einfall gehabt hätte wie ich.

Aber ich weiß, daß nie Friede wird, bevor ich nicht in die Welt hinausziehen darf mit meinen kleinen Liedern, bevor ich nicht loskomme und sie Fischern und Bauern vorlesen kann, Frauen und Kindern, all denen, die in den Schützengräben kämpfen, und den Gefangenen und den im Kriege Verstümmelten. Es wird nie Friede, bevor nicht meine Verse umherfliegen und die Herzen entzünden können, so wie Feuerfunken Heuschober entzünden.

Wenn ich dann in eine Stadt komme, dann werde ich mich auf den Marktplatz stellen, auf die Rathaustreppe, und Männer und Frauen werden sich um mich versammeln. Und wenn sie meine Worte hören, dann wird in ihnen ein furchtbarer Zorn gegen den Krieg entstehen. Sie werden auf dem Markte Stroh und Holz aufsammeln und einen großen Scheiterhaufen entzünden, und sie werden nach Hause eilen und zurückkommen mit allen Vernichtungswaffen, mit allen Kriegsbüchern und Kriegsbildern. Sie werden kommen mit Uniformen und Trommeln, mit den schmetternden Trompeten und den flatternden Fahnen. Und all dies werden sie in den Scheiterhaufen werfen, auf daß es verbrenne.

Ja, das Friedensfeuer wird brennen. Alte Verse von blutigen Heldentaten werden brennen und Kinder werden ihre Spielzeughelme und Holzschwerter in den Scheiterhaufen werfen. Rostige Ritterrüstungen wird man aus den Museen tragen und mit Säbeln und Maschinengewehren einschmelzen. Alle Ehrenzeichen des Krieges, all seine Proklamationen, all sein Eigentum wird von den Flammen verzehrt werden.

Und die Kasernen wird man niederreißen, um dem großen Friedensfeuer Nahrung zu geben, Mauern und Festungswerke werden in seinem Scheine zusammenstürzen und die Schützengräben werden vernichtet werden und Kanonen und Mörser zu Schrotthaufen.

Lasset das Friedensfeuer brennen! Lasset es brennen zur Freude für die Menschen! Lasset es knallen von Granaten und Kartätschen! Werfet die Kriegsschiffe hinein, werft die Unterseeboote hinein, werft die Flugmaschinen hinein! Lasset es flammen und prasseln, Gott und den Menschen ein Wohlgefallen! Lasset das Friedensfeuer brennen! Werft den Haß hinein, werft die Arglist des Menschenherzens hinein, werft den Übermut hinein, werft die Grausamkeit hinein! Dann wird der Krieg sich fürchten und die Menschheit sich frei machen aus ihres Bedrückers Hand.

Ich schreibe und schreibe. Ich suche nach der flammenden Kraft, die meine Worte zu zündenden Feuerfunken machen soll.

*

Ich habe aufgehört zu schreiben. Es kam nicht dazu, das Friedensfeuer zu entzünden. Die russischen Wächter legten ihre Hand auf mich. Während ich dies schreibe, liege ich im Krankenhaus.

Aber ich habe keinen Typhus, ich nicht, wie die Menschen um mich. Ich werde nicht sterben wie die andern. Ich fiebere nur danach, zu schreiben, den Krieg zu Asche zu verbrennen auf dem großen Friedensscheiterhaufen.

*

Ich habe gehört, daß eine schwedische Gesandtschaft nach Irkutsk gekommen ist, und heute habe ich eine Rote-Kreuz-Schwester im Krankenhause gesehen. Ich will sie bitten, sich meiner Verse anzunehmen, meiner armen kleinen Lieder. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß sie hier im Krankenhaus liegen bleiben und als Kehricht verbrannt werden.

Ich werde sie bitten, daß sie sie mitnimmt in die Heimat. Wie wird es meinen Versen ergehen, wenn sie heimkommen? Wird sie jemand aufnehmen und weitergehen lassen? Ich weiß, daß sie schwach und schlecht sind, aber sie sind das Vermächtnis eines Kriegsgefangenen, der in Sibirien gestorben ist.

Wird jemand sie drucken? Wird jemand sich um sie kümmern? Werden die Menschen nur ihren Fuß auf sie setzen und sie verachten? Werden sie auf den Märkten verlesen werden? Werden sie imstande sein, das Friedensfeuer zu entzünden?

Ich liege im Lazarett in Irkutsk, in dem verfluchten Lande Sibirien. Es handelt sich um Typhus. Niemand pflegt lebend von hier davonzukommen.

Meine dürftigen, armen Verse, werden sie leben, werden sie leben, wenn ich aus dem Leben gegangen bin?

 


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