Selma Lagerlöf
Die Prinzessin von Babylonien und andere Erzählungen
Selma Lagerlöf

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Die verschollene Kirche

Als ich noch ein Kind war, hörte ich oft alte Leute sagen, daß es in dem großen Walde, der sich östlich von meinem alten Heim ausbreitete, drei große Merkwürdigkeiten gäbe.

Da sollte fürs erste eine schöne weiße Blume wachsen, so selten, daß ihresgleichen im ganzen Lande nicht aufzufinden war. Heute wußte niemand so recht, wo im Walde man sie suchen sollte, aber daß sie da war, das war ganz ausgemacht. Sie stand in einem tiefen Tannendickicht, am Rande eines dunklen Moors, soviel wußte man. Und wenn jemand nur imstande wäre, sie zu finden und zu den Menschen hinunterzubringen, so daß sie den Wohlgeruch atmen und den Silberschimmer der Blätter sehen könnten, dann würden sie sie mehr lieben als Lilien und Rosen.

Die zweite große Merkwürdigkeit, die sich in der Tiefe des Waldes verbarg, war eine Heilquelle.

Die kam mit dunklem, perlendem Wasser unter der Wurzel einer großen Birke hervorgerieselt, und früher einmal waren große Volksmassen zu ihr gepilgert. Da hatten die Blinden ihr Gesicht wiederbekommen, und die Lahmen waren mit gesunden Gliedern von ihrem Schmerzenslager aufgestanden. Es war ein unermeßlicher Schaden, daß heutzutage niemand den Weg zur Quelle finden konnte oder zu der großen Birke, die sie beschattete. Ach, gab es doch so viele Kranke, die sich nach dem gesundheitspendenden Wasser sehnten, und wenn jemand so glücklich wäre, es zu finden, er würde geliebt werden wie ein Engel Bethesdas.

Das dritte Merkwürdige, das es im Walde gab, war eine alte verlassene Kirche, die seit der Zeit der großen Pest dastand und ebenso unmöglich aufzufinden war wie all das andere.

Sie stand tief drinnen zwischen hohen alten Föhren, ganz einsam und verlassen. Die gewaltigen Balken der Wände waren von Würmern durchnagt, die ungestört Jahrhunderte hindurch gearbeitet hatten, ohne daß ihre gierigen Kiefer es vermocht hätten, das mächtige Holz zu Staub zu zermahlen.

Sie hatte keine hochgespannten Wölbungen, keine schönen Säulenreihen aufzuweisen. Sie war ärmlich und klein, kaum größer als eine gewöhnliche Hütte, und sie ruhte auf einem Grunde von locker ausgestreuten Steinen. Sie war so niedrig, daß ein erwachsener Mann kaum den Arm der ganzen Länge nach auszustrecken brauchte, um das Dachgebälk zu berühren.

Das Schindeldach und die Holzwände waren mit einem Fell aus Moos bekleidet, das hier dichter und länger wuchs als auf irgendeiner Felsplatte. So mancher Jäger und Holzhauer war an der Kirche vorbeigegangen, in dem Glauben, sie sei nur ein Block, ein riesiges Wurfgeschoß, das irgendein Riese der Vorzeit gegen die alte Kirche geschleudert hatte, die einmal hier in der Gegend gestanden haben sollte.

Sie hatte nie Fenster mit bleigefaßten Scheiben gehabt, sondern das Licht war durch schmale Luken hereingerieselt, deren Klappen verschlossen standen, seit ein Pfarrer, den seine Gemeinde verlassen hatte, dort seine letzte Messe las. Aber die Luken waren mit großen Büscheln von Farrenkraut ausgefüllt, und lange Streifen von Moosflechten hingen darüber und verrieten dem Vorbeigehenden nicht, daß dies ein von Menschenhand errichtetes Bauwerk war und kein Steinblock.

Rings um die Kirche stand uralter Wald. Der Boden war von lichtem Moos und Heidekraut bedeckt. Die Auerhenne schlich mit ihrer Küchleinschar herum. Die Natter sonnte sich auf der Türschwelle, die seit der Zeit des schwarzen Todes kein menschlicher Fuß betreten hatte.

Von der großen Ortschaft, die sie einmal umgeben hatte, war nunmehr keine Spur zu sehen. Die Kirche allein stand da und legte Zeugnis ab, daß in ihrer Nähe, auf der Waldebene zwischen den schützenden Bergen, Menschen einmal ihre Herden geweidet und ihre Felder zur Ernte bestellt hatten, daß sie hier getanzt und gespielt, geheiratet und Kinder gezeugt hatten, daß sie hier getrost einhergegangen waren und geglaubt hatten, daß ihre Nachkommen bis ans Ende aller Zeiten hier leben und hausen würden.

Das war alles dahin. Nur die alte Kirche stand noch da und erzählte von Krankheit und Tod, von Kindern, die elternlos durch verlassene Heime geirrt waren, von Liebenden, die schreckensbleich auseinanderstoben, von Feldern, die kein Sämann mehr aufsuchte, von fallenden Häusern, von Herden, die in versperrten Hürden verhungert waren, von allen Greueln der Vernichtung, die sie umgeben hatten, bis Tannen und Moos und Heidekraut herangekommen waren und eine schützende Decke über die Verwüstungen des großen Sterbens gebreitet hatten.

Früher einmal konnte es an schönen Sommertagen vorkommen, daß fröhliche Jugendscharen in den Wald hinaufzogen, um nach diesen drei merkwürdigen Dingen zu suchen, von denen die Alten soviel zu erzählen wußten. Da wurde hinter Steinblöcken gesucht, und unten in Schluchten, da watete man mit ängstlichen Schritten weit ins Moor hinaus und kletterte bis zur Spitze des Bergfirstes, aber wenn der Abend anbrach und man heimkehren mußte, hatte man nie etwas gefunden.

Wenn dann die Jungen in den Hof zurückkamen, waren sie sehr mißmutig und zweifelnd, aber die Alten beteuerten alle, daß es irgendwo im tiefen Walde diese drei Dinge geben müsse. Sie hatten es in ihrer Jugend gehört, von jenen gehört, die damals alt waren, und es gewiß nicht übers Herz brachten, eine Unwahrheit zu sagen.

Und heute noch kann ich nie über den hügeligen Weg gehen, der zur Waldeshöhe führt, ohne zu hoffen, daß ich ganz unvermutet sehen werde, wie die weiße Blume in dem Tannendickicht ihre Blütenkrone entfaltet, oder hören, wie das heilspendende Wasser unter einer Birkenwurzel hervorrieselt.

Die alte Kirche jedoch habe ich niemals zu entdecken gewünscht. Ich habe dieses alte Haus gefürchtet, wo einmal so viel angstvolles Beten und klagender Jammer und rufende Verzweiflung ungehört verklingen mußte. Sicher, dachte ich, versteckt sie sich so gut unter ihrer Moosdecke, damit niemand den Raum betreten muß, wo ein ganzes Volk vor seinem Untergang in fruchtlosem Flehen auf den Knien lag.

Aber nun, in diesen Tagen, seit der große Krieg ausbrach, möchte ich sie gerne finden. Jetzt suche ich nicht mehr nach Blumen und Heilquellen, jetzt möchte ich diese alte Kirche wiederfinden, die Zeuge der Verwüstung und des Untergangs von Dörfern und Landesteilen war.

»Verlassene Kirche,« möchte ich zu ihr sagen. »Die Zeit der Zerstörung ist wiedergekommen. Der Tod zieht durch die Lande und türmt Leichenhaufen auf. Wieder irren Kinder elternlos durch verlassene Heimstätten. Der Sämann wird von seinen Feldern vertrieben, Häuser und Städte werden dem Erdboden gleichgemacht, und die Gotteshäuser widerhallen von angstvollen Gebeten. Die Welt, die mein war, sie wird nun ebenso in Trümmer geschlagen wie die, die einstmals dein war.

Du altes Haus, ich weiß keinen Ort, wohin es mir besser anstünde zu kommen, mit meinem Kummer.

Ich bin eine Spielerin und Gauklerin gewesen, aber aus meiner Seele will weder Spiel noch Gaukeln mehr kommen.

Meine Seele ist geworden wie du, stumm, ohne Glocken, ohne Sang.

Meine Seele ist arm und dunkel und verwildert geworden, sie ist voll von Bildern des Schreckens und Grauens, sie ist geplündert und scheu und heimatlos, sie weiß weder Rat noch Ausweg, sie möchte sich nur verbergen und verschwinden vor aller Angesicht, so wie du, du arme alte Kirche in der Einöde.«

 


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