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Seide aus Lyon

»Ich spucke auf die Welt«, so äußerte die Seidenraupe. Gesagt, getan. Sie spuckt auf die Welt und bildet aus der Spucke langsam ein Häuschen, hermetisch abgeschlossen, eirund und glatt. Denn aus einem Ei weiß sich die Raupe geboren, und aus einem Ei will sie, die der Welt Überdrüssige, ihre Wiedergeburt feiern als Schmetterling.

Aber der Wurm denkt, und der Mensch lenkt. Der wartet nur darauf, daß die Raupe ihre Einsiedelei zu Ende gebaut hat, und dann erklärt er sie für gute Prise.

Er sammelt die Kokons und stellt sie in einen Schwitzkasten, es macht ihm nichts aus, daß er dadurch den Erbauer und Insassen tötet. Nach vollbrachtem Raubmord wird der »Grieß« erweicht, der Mörtel der seidenen Rundhäuschen, und das Baumaterial abgetragen, das ein Faden von achthundert Meter Länge ist, gespuckt und gesponnen von einem acht Zentimeter langen Würmchen. War die Geduld der Raupe größer als ihre Spucke, so daß ihr die letztere manchmal ausging und der Faden mit Hilfe der ersteren wieder geknüpft werden mußte, dann kann ihn der Mensch nicht als Ganzes abwickeln, sondern zwirnt die zu kurz geratenen Speichelfäden aneinander.

Manche Kokons bleiben ungetötet, denn der entfaltete Falter soll Eier legen, neue Würmer sollen entstehen und wiederum kleine Seidenhäuser erbauen für die großen Seidenhäuser in Lyon.

Was in China oder in Italien der Wurm gesponnen und der Mensch abgerollt hat, geht nach Lyon als Rohseidengarn von gelblichgrauer Farblosigkeit und wird in Lyon gewebt, dann bemalt oder bedruckt und appretiert, bevor Damen aller Welt sehnsüchtig die Spucke des Wurms streicheln und an ihre Haut schmiegen, damit es ihnen von seiten der Herren ebenso ergehe.

Es ist nur ein Stadtteil von Lyon, der diese Libido für die ganze Welt und für die halbe verarbeitet, und diesen Stadtteil, die Croix-Rousse meint man, wenn man von Lyon spricht, totum pro parte.

Freilich, die Geschäftsbriefe der Fabrikanten kommen nicht aus der Croix-Rousse, sondern aus der City, dem Gäßchengespinst rings um das Große Theater. Dort sieht man die großen Firmenschilder der kleinen Seidenfabrikanten und die kleinen der großen. Geradezu tapeziert sind die Flurwände der Bürohäuser mit Briefkästen, so viele Fabrikanten hausen fabriklos unter einem Dach. Die Briefkästen sind die Kontore, die Kontore sind die Fabriken. In die Briefkästen kommen die Bestellungen (oder Abbestellungen) von auswärts, in den Kontoren werden die Dessins ausgewählt, das Garn an die Heimarbeiter von der Croix-Rousse ausgegeben und die Fertigware verschickt. Der Lyoner Seidenfabrikant gleicht dem Buchverleger, auch dieser hat keine Druckerei, keine Papierfabrik, produziert dennoch, überschwemmt mit seinen Produkten das Land und macht nur dann ein Geschäft, wenn ihm die Mode hilft und die Ware recht glatt, neuartig und griffig ist.

Die Fabrikanten von Lyon haben also zumeist keine Fabriken. Die Weber von Lyon sind wiederum keine Fabrikanten, obwohl eine Reihe von ihnen Fabriken hat. Merkwürdige Fabriken. Man hört sie von der Straße aus, nicht aber kann man sie von der Straße aus sehen. Alle Höfe der Croix-Rousse sind verbaut mit Werkstätten. Ein hölzerner Akkord dringt von überall: klik-klaklak-klik.

Von zwei Anhöhen öffnet sich der Blick auf Lyon, auf die Rhône-Brücken und auf die Saône-Brücken, auf die vier Längsstreifen der Kais und den Ozean der Häuser. Der eine dieser beiden Stadtberge heißt Fourvière, trägt die mit Gold und Marmor überladene Kathedrale und sagt: bete! Die andere Anhöhe aber, die wir über dreihundert hohe Steinstufen hinansteigen, trägt nirgends Gold und Marmorschmuck, sie eben ist die Croix-Rousse und sagt: arbeite!

Wir sind auf »Arbeite«. Um nach einer uns angegebenen Werkstätte zu fragen, kommen wir in eine Hausbesorgerwohnung. Da sitzt eine Greisin an einem riesigen runden Tisch, der eine Maschine ist, betrieben vom kläglichsten Dynamo: den Beinen der alten Frau.

Der Apparat ist zwar nicht mehr das Spulrad, das bei Kienspanlicht gedreht wurde, aber er ist auch noch nicht die elektrisch arbeitende Kettenspulmaschine. Er ist eine Zwischenstufe; sie blieb erhalten nach dem Gesetz der Arten, demzufolge elektrische Arbeitskraft billiger ist als menschliche – für den, der beide bezahlen kann, nicht aber für den, der nichts als seine eigene Arbeitskraft besitzt.

Die Beine der Alten, auf deren Rüstigkeit sie sicherlich nichts kommen läßt, bringen Trommeln zum Rotieren, dadurch drehen sich die horizontal liegenden Spulen, und die Garnsträhne wird auf sie aufgerollt. Das ist die Vorarbeit für die Kette, das längsseits durch das Gewebe gehende Fadensystem (die andere Fadengruppe, der Schuß, verläuft in der Querrichtung, und beide werden sich später am Webstuhl durch gegenseitige Verschränkung vereinigen).

Was mit den Spulen geschieht, können wir beim Nachbar sehen, dem Schwiegersohn unserer Zufallswirtin. Der ist zwar nicht zu Hause, aber die Maschine ist zu Hause, eine mit der Hand drehbare Haspel, die die Fäden von den Spulen sammelt und in Hunderten von Parallelen auf den Scherbaum lagert.

Wir kehren noch in mehreren Werkstätten ein, »um nach der Adresse zu fragen«. Überall tönt es klik-klaklak-klik, überall ist ein »bistanclaque« am Werk, wie der Seidenweber in Lyon heißt. Am Webstuhl, den er ererbt von seinen Vätern hat und durch Arbeit erworben, um ihn wieder zu besitzen, verbringt er sein Leben.

Er spinnt Seide, wobei ihm seine Söhne, Töchter und Enkel behilflich sind, so wie er seinerseits von Kindesbeinen an seinem Vater behilflich war und seinem Großvater. Denn sein Großvater hat auch schon Seide gesponnen und am Lyoner Hungeraufstand von 1831 teilgenommen, den Casimir Périer als »unpolitisch« bezeichnete, nämlich als einen Kampf zwischen Armen und Reichen, derjenigen, die nichts zu verlieren haben, gegen diejenigen, die etwas besitzen. »Und diese fürchterliche Wahrheit«, ruft Ludwig Börne erschrocken aus, »die, weil sie eine ist, man in den tiefsten Brunnen versenken müßte, hielt der wahnsinnige Mensch Périer hoch empor und zeigte sie aller Welt.« Nun, diese fürchterliche Wahrheit vom Vorhandensein der Klassengegensätze hat aufgehört, ein Geheimnis zu sein, sie dämmerte schon damals vielen auf, aber die Seidenweber von Lyon sind nicht die Herren der Stadt geblieben, die sie sich in den Novembertagen von 1831 unterworfen hatten. Sie haben wieder nichts zu verlieren, mit Kindern und Kindeskindern hocken sie auf der Croix-Rousse und erzeugen während eines eintönigen Lebenslaufs einfarbige Gewebe und einfache Dessins.

Den mechanischen Webstuhl hat ein Lyoner Seidenweber erfunden, hier oben auf der Croix-Rousse. Seine Maschine von 1808 (sie steht im Museum Gadagne) war nicht viel anders als die, deren Kunststücke uns eben, klik-klaklakklik, ihr Besitzer mit Besitzerstolz vorführt. Abwechselnd werden die Schäfte mit der Kette und die Schäfte mit dem Schuß gehoben, teils von den Tritten des Webers, teils mit motorischer Kraft. An Haken hängen leicht die Fäden und rücken gegen ein durchlöchertes Blatt aus Pappe vor. Wie bei einem Musikautomaten die Blasebälge dort durchpfeifen, wo ihnen in der Kartonrolle ein Loch gelassen ist, so huschen hier die Fäden durch die Löcher. Es entsteht ein Musikstück, beziehungsweise ein Seidenmuster.

In den Großwerkstätten rattern und stoßen sechzehn motorisch betriebene Webstühle in einem Saal, klik-klaklakklik. Zwischen ihnen schlängeln sich Arbeiter mit Ölkännchen und Werkzeugen, und Mädchen kontrollieren das Gewebe, das den Rollen unaufhörlich entquillt, unaufhörlich, während sechzehn Schattenstriche und hunderttausend Haarstriche – die ledernen Treibriemen und die dünnen Seidenfäden –, auf und ab, den Raum diagonal durchschneiden.

Als die Seidenraupe ihren Entschluß, auf die Welt zu spucken, wahr machte, tat sie dies mit vier bis acht Speichelfäden. Der Seidenindustrie, die keineswegs auf die Welt spuckt, sondern im Gegenteil ihren subtilsten Bedürfnissen Rechnung trägt (Bedürfnisse, die sie selbst der Welt eingeredet hat), genügt auch eine achtfache Spucke des Insekts nicht. Man dreht manchmal drei und manchmal acht der Kokonfäden zusammen, es gibt »fil de trois bouts«, »fil de huits bouts« und andere. Je nach seiner Behandlung nimmt der Faden verschiedene Namen an: Crepe, Toile, Organdy, Grenadine …

Für die Kette werden die Fäden so angeordnet, daß sie auf eine Haspel und von dort parallel auf den Webstuhl abrollen; das besorgt die Zettelmaschine, und sie besorgt es genau. Der Handweber muß alle Sorgfalt auf das Zetteln verwenden und schärft seiner Familie ein: »Frisch gewagt ist halb gewonnen, gut gezettelt halb gesponnen« – ein Sprichwort der deutschen Leinenweber, das auch die Lyoner Seidenweber kennen, wenn es sich auch bei ihnen nicht reimen will: »Une chaîne bien ourdie est à moitié tissée.«

Auf ihrem Weg von der Spule zum Scherbaum passieren die Fäden zwei Kämme; der eine gibt der Kette die genaue Stoffbreite, der andere ermöglicht es, von Zeit zu Zeit einen Seidenfaden durch den Stoff gleiten zu lassen, damit er im Fall eines Defekts das Gewebe eindämme und verhindere, daß der ganze Stoff zerreiße.

Auch der Kurzschluß steht im Dienst der Industrie: Jeder Webstuhl wird von einem selbständigen Dynamo betrieben, und das Abreißen eines einzigen Fädchens hat den augenblicklichen Stillstand der Maschine zur Folge. Wieso? So: jeder Faden durchläuft einen winzigen Metallring, der nirgends festgehalten ist, nur auf diesem laufenden Faden schwebt. Reißt nun der Faden ab, so fällt das Ringlein herab und erzeugt eine Unterbrechung des Stroms. Dann haben die Weberinnen zu tun, wenn's ein Fehler im Gewebe ist, oder die Mechaniker, wenn sich ein Defekt in der Apparatur herausstellt.

Lautlos huscht das Weberschiffchen von der Flanke über und unter die Fäden der Kette. Arbeiterinnen füllen das Garn nach, während sich die abgerollten Spulen für die Kette von selbst erneuern.

Eine Tafel in den großen Werkstätten untersagt das Ausspucken, obschon der Unternehmer sein ganzes Unternehmen dieser Unart der Seidenraupen verdankt. Wo wäret ihr, wenn auf den Maulbeerbäumen der chinesischen Züchter »Défense de cracher« stünde und von den armen Würmern befolgt würde.

Klik-klaklak-klik klingt es und klappert es aus allen Häusern, aus allen Stockwerken aller Häuser, aus allen Zimmern aller Stockwerke aller Häuser des Hügels Croix-Rousse, dem Wahlbezirk des Herrn Herriot. Anfangs ist dieser Gesang der Webstühle ein eintöniges Gekliker und Geklaker, aber nach einigen Lektionen glaubt man schon unterscheiden zu können, ob hier Seide und Moiré geklakt wird oder Taft und Tüll geklikt oder Crêpe geklik-klaklakklikt oder Velour und Plüsch geklik-klaklaklak-kliklikt wird.

Auch andere Sorten sehen und hören wir entstehen: Schirmseiden – Schals – Müllergaze für Mehlsiebe – Ballonseide – Fransentücher – Vorhänge – klik-klaklak-klik oder klaklak-kliklik, nein, wir kennen uns doch nicht aus, je mehr, desto weniger.

Altartücher und Ornate werden mit fünfzigfarbigen Schüssen gewebt, Arbeitslohn bis zu vierhundert Francs für einen Meter, der entsprechend viele Arbeitsstunden erfordert. Alte Möbelbrokate kann man mit ähnlichen Kosten neu herstellen.

Krawattenstoff, darin die Kette aus echter Seide und der Schuß aus Kunstseide ist, wird durch ein einziges Bad zwiefach gefärbt, weil Kunstseide anders annimmt als natürliche. Der vor dem Weben gefärbte Faden heißt »teint en fil«, andere Seide bleibt im Lager, bis sich die Modefarbe und das Modemuster herausstellen. Die Glattware (unis) kennt klassische Sorten: Musselin, auf deutsch seltsamerweise »Chiffon« genannt, den durchsichtigen Crêpe Georgette und den undurchsichtigen Crêpe de Chine und den glänzenden Crêpe Satin.

Die Säckchen für das Pulver in den Kanonengeschossen müssen aus besonderer, nicht imprägnierter Seide sein, die starken Zug aushält und ohne Zunderrückstand verbrennt. So trägt die Lyoner Seide zur Explosion von Millionen Artilleriegeschossen bei, bemüht sich aber, das ist die Manier der Welt, die verübten Wunden zu lindern, indem sie sich gleichzeitig zur Herstellung von Englischpflaster hergibt.

Wer das Gewicht der Garne zu erhöhen versucht, wird von den strengen Lyoner Fabrikanten als »piqueur d'once« verächtlich gemacht, ein Schimpfname, brennender als das Nessushemd und dauerhafter als ein Seidenhemd. Dagegen beschwert man fertige Seide von altersher, ohne daß sich jemand darüber beschwert; viele Frauen schätzen die Seide nur nach der Schwere. Deshalb hängt man der für Deutschland bestimmten Seide bis zu neunundsechzig Prozent unsichtbarer Gewichte an – zur Zeit, da Großvater der Großmutter das Schwarzseidene kaufte, hatte dieses nicht weniger als vierhundert Prozent Blei in sich, die Frau wollte nicht zu leicht erscheinen. Heute ist man nur ein Sechstel so gewichtig, und Seide für Höschen und Hemdchen und Hemdhöschen bleibt überhaupt unbeschwert.

Wir steigen hinab von der Croix-Rousse, dreihundert tiefe Steinstufen, klik-klaklak-klik, und gehen in den City-Teil Ainay zu den Fabrikanten, die reich sind, obwohl oder weil sie keine Fabriken haben. Eben stellen sie die Musterkollektionen zusammen für China, wo alle Stücke 75 cm breit sein müssen, um sich für Kimonos zu eignen, für Indien, wo die Seide 110 cm breit ist und man sechs Yards für ein wallendes Gewand braucht, für Deutschland, wo man zu einem Kleid 3,60 m der Seide braucht, die zweimal 55 cm breit ist.

Die Musterkollektionen für die Reisenden sind ein Köder, der eine große Lyoner Firma jährlich bis zu zwei Millionen Schweizer Franken kostet. Denn man muß zeichnen und weben lassen, färben, bedrucken und appretieren, ohne zu wissen, ob der Käufer auf diese Haute-Nouveauté anbeißen wird. Vorläufig hängt sie in allen Farben an einem Hosenspanner, der selbstverständlich kein Hosenspanner ist, sondern der Halter für die Musterkollektion.

Zwar sind es die Lyoner Seidenfabrikanten selbst, die gemeinsam mit den Pariser Modehäusern die Mode dekretieren, aber Nebenströmungen sind oft imstande, die einträglichsten Beschlüsse der Gewalthaber zunichte zu machen. Man muß, ähnlich wie beim Film, auch die Meinung des Volkes hören, wobei natürlich das Wort »Volk« nicht so schlimm gemeint ist. Es ist nicht geradezu das Volk, sondern das Publikum, und zwar ein gesiebtes.

Beim großen Hindernisrennen von Auteuil, an der Journée des drags, zeigen die Lyoner Häuser ihre Neuschöpfungen. Sie haben ihren Generalstab da und ihre Spione und Lockspitzel und ihre Patrouillen. Auf dem Sattelplatz, von wo man die Pferde am besten laufen sehen kann, erscheinen sie, um die Frauen in ihren neuen Modellen am besten laufen zu sehen.

Der Mode- und Gesellschaftstag von Paris hat seinen Namen von den Drags, vierspännigen Galakarossen. In früherer Zeit wetteiferten an jedem letzten Junifreitag die Pariser Feudalherren und andere Millionäre miteinander um den Glanz ihrer Kaleschen, um die Rasse ihrer Wagenpferde, um die Livreen ihrer Lakaien und um den Reichtum ihres Zaumzeugs. Gleichzeitig führten sie dem Volk ihre Unnahbarkeit und Unnachahmlichkeit und Unerreichbarkeit vor Augen. So kutschierten sie, in hellgrauem Zylinder, dunklem Jackett, perlgrauen Hosen und weißen Gamaschen, begleitet von spitzenübersäten Damen, unter den Tuba-Klängen scharlachrot gekleideter, goldbetreßter Büchsenspanner, von der Place de la Concorde auf den Rennplatz. Vor der Tribüne wurden die Pferde zurückgerissen, und man stieg aus. Der Prinz von Wales und der Herzog von Sagan nahmen die Defilierung der Viererzüge ab, und das Kopfnicken der beiden Fürsten galt denen, denen es galt, soviel wie eine Erhebung in den Fürstenstand …

Heute sprengt man nicht mehr mit vier Pferdekräften, sondern mit achtzig durch die Champs-Élysées, über den Unbekannten Soldaten hinweg zum Rennen. Das Komitee, bemüht, die Tradition nicht zu unterbrechen und zu zeigen, wie schön der Konservativismus ist, kann kaum drei alte Prunkwagen auftreiben. Damit das Rüpelspiel nicht fehle, die Verhöhnung des Nicht-Noblen, humpelt alljährlich auch die olivengrüne Diligence der »Freien Montmartre-Kommune« – eine Windmühle ist als Wappen auf den Kutschenschlag gemalt – mit ihren Lastgäulen heran, um das Hallo der Menge zu erwecken.

Für die Pariserinnen, das heißt für die »Pariserinnen« aus aller Welt, hat der Tag der Drags eine andere Bedeutung als die eines Pferderennens. Das Schicksal derer, die in der Kleidung ihr Schicksal sehen, entscheidet sich. Alle Pariser Modedamen kommen selbst, die ausländischen haben ihre Gesandten da, ihre Agenten, ihre Kundschafter mit Notizbüchern und Zeichenblocks.

Die oberen Logen der Tribüne bleiben ziemlich leer. Unten dagegen, auf des Theaters Stufen, ist kein Plätzchen frei, da sitzen auf dem kalten Quader aneinandergedrängt die Repräsentantinnen der Gesellschaft mit ihren Töchtern und ihren Lorgnons; andere stellen ihre Stühle auf den Rasen und kehren der Rennbahn den Rücken zu. Denn zwischen Tribüne und Rennbahn ist die asphaltierte Auffahrtstraße der Mode. Der Fachmann mustert diesen asphaltnen Streif, er verwandelt sich ihm in den Webstuhl, wie vom Scherbaum über die Rollen bewegen sich die Seidenmuster an ihm vorbei, gegenseitig verschränken sich Kette und Schuß, alles ergänzt sich und vereinigt sich nach Strich und Faden, Eitelkeit und Lockung, Kampf und Verrat, Geld und Geltung, Spiel und Spekulation, Erwerb und Erotik.

Die Schauspielerinnen von Theater und Film machen mit den Modellkleidern für die Firmen und für sich Reklame. Die Mannequins machen sie nur ihren Firmen. Die Operateure kurbeln im Dienst der Filmgesellschaften, die schon heute abend die Kreationen vorführen wollen. Die Spiegelreflexkameras lassen heute die Pferde Pferde sein und knipsen nur Toiletten. Die Meuchelmaler der kleineren Modesalons zeichnen, sozusagen in der Tasche, die Stoffmuster und die Hüte und die Kleiderschnitte ab.

Devotest nähert sich eine Zeichnerin der Trägerin einer Sensationsrobe und weist die Pressekarte vor; die Trägerin der Sensationsrobe prüft mit geradezu amtlicher Miene das Legitimationspapier, stellt fest, daß die Zeichnerin wirklich für ein Modenblatt und nicht für ein Modenhaus arbeitet, schraubt sich in Positur, und ringsumher sammelt sich die Menge, das in doppeltem Sinn zum Modell gewordene Modeprodukt musternd. Jeder Photographenlinse räkeln sich die Objekte entgegen, und wenn ein Filmoperateur eine Gruppe von Mannequins dreht und drehen läßt, so versucht eine ehrgeizige Außenseiterin möglichst majestätisch ins Bild zu huschen.

Es schielen und lauschen die Kleiderkönige der Rue de la Paix und die Seidenkönige von Lyon. Was bringt die Konkurrenz, was sagen die lorgnettierenden Damen? All das, was erschielt und erlauscht ward, telegrafieren diese Harun al Raschide und ihre Späher, klik-klaklak-klik, ihren Seidenhäusern nach Lyon und fahren dann, so schnell wie möglich, ihren Telegrammen nach zur persönlichen Berichterstattung. Konferenzen treten zusammen, Chemiker tönen die Vorräte auf die telegrafierte Modefarbe um, Zeichner entwerfen alle gestern in Auteuil zustimmend lorgnettierten Muster der Konkurrenz neu. Die Weber müssen den Webstuhl umstellen, eine neue Kartonrolle einsetzen und mit verdoppelter Hast zum gleichen Lohn arbeiten, klik-klaklak-klik, klak-klik-klak, und aus den Musterkollektionen fliegt das, was gestern noch als höchstes Schönheitsideal normiert war, auf den Misthaufen.

Wie sagte doch die Seidenraupe? »Ich spucke auf die Welt.«


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