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Gesprächbüchlein Herrn Ulrichs von Hutten.
Das andre Fieber genannt.

 

Ulrich von Hutten.

Da ich das Fieber hätt gemacht,
        Von Pfaffen ward ich bald veracht.
Die warfen großen Zorn auf mich,
        Schalten mich ungestümiglich,
Ich sprach: Ihr Herren, fahrt nun schon.
        So übel ist noch nit getan,
Wenn einer liegt am Fieber krank;
        Ich meint: um euch verdient ich Dank
Kein Antwort mir da helfen mocht,
        Mein Wort man zu vernichten dacht.
Darum mich dünkt der beste Rat,
        Dem Fieber geb ich andre Statt.
Ein jeder Pfaff sein Fieber hat,
        Des pfleg er nach dem Willen sein.
Oft heutge Freud ist morgen Pein,
        Also hab ich sie absolvirt.
Ein jeder des wohl inne wird,
        Ob jetzt er besser sei geziert.
                                Ich habs gewagt!

 

Gesprächbüchlein Herrn Ulrichs von Hutten.

Das andre Fieber.

Unterreder: Hutten – das Fieber, und Huttens Knabe.

 

Hutten. Hörst du nicht das Klopfen? Hörst du nicht, wie es an der Tür donnert? Willst du uns die Tür zerschlagen lassen? Aber hör eins: sieh zu dem Fenster hinaus und wirst du etwas Lästiges gewahr, so sag, ich sei nicht daheim.

Fieber. Du seist nicht daheim, den ich doch dies reden höre? Laß aufmachen und mich eintreten aus dieser Kälte, diesem Wind und Regen.

Knabe. Es ist das Fieber. Hilf Gott! Hilf du ewiges Heil! Wie wollen wir uns vor dem Übel schützen? Willst du, daß ich es mit Steinen, mit Pfeilen und allerhand Waffen hinweg treibe?

Hutten. Zuerst verschließ das Fenster, daß es uns nicht etwa einen giftigen Wind hineinblase. Schließ zu mit aller Vorsicht!

Fieber. Mach auf!

Hutten. Mit nichten.

Fieber. Diese Tür pflegte sich mir sonst unaufgefordert zu öffnen.

Hutten. Aber jetzt ist sie zugeschlossen.

Fieber. Darüber bin ich verwundert. Und nun, mach auf, Wirt, mach auf!

Hutten. Das ist ebenso, wie wenn du sagtest: Wirt, hänge dich! hänge dich!

Fieber. So willst du dem Fieber nicht aufmachen?

Hutten. Wenn anders ich zuschließen kann.

Fieber. Du allergastmildester Wirt, bei der Freundschaft und Gemeinschaft von vormals, schließ auf!

Hutten. Um eben dieser verhaßten Gemeinschaft willen schließ ich dich vielmehr aus.

Fieber. Allerfreundlichster, allergütigster Wirt, willst du mir nicht die Gunst erweisen, die Tür aufzutun?

Hutten. Ganz und gar nicht.

Fieber. Du Freund aller Künste, mach auf!

Hutten. Du Störenfried alles Studirens, geh weg!

Fieber. Mach auf, mach auf, Hutten, ich bin das Fieber.

Hutten. Das bleibe draußen!

Knabe. Sprich ihm härter zu, sonst wirds die Tür zerbrechen und das Haus stürmen. Wie zittern die Balken! Treib es fort, schilt und fluch!

Hutten. Schieb flugs diesen Doppelriegel vor! – Was willst du von uns? Du pflegst die großen Herren und die Genußsüchtigen zu besuchen; sind denn gar keine Pfaffen oder Kaufleute mehr vorhanden?

Fieber. Dich vor allen such ich.

Hutten. Dich vor allen verfluch ich.

Fieber. Hast du Ursach?

Hutten. Die hab ich.

Fieber. Darum such ich dich.

Hutten. Darum fluch ich dir.

Fieber. Ich will dir etwas verkündigen.

Hutten. Ich höre nicht.

Fieber. Ich muß mit dir reden.

Hutten. Ich aber nicht.

Fieber. Sonst warst du ein andrer Mann.

Hutten. Mir recht, ich sehe mich gern besser.

Fieber. Laß mich zu dir aus der Kälte, aus dem Regen.

Hutten. Wie oft muß ich dir sagen, ich tu das nicht!

Fieber. So wird mit Unrecht von dir gesagt, du seist gütig, freundlich und beherbergest gern.

Hutten. Gegen andre bin ich so, wie du sagst.

Fieber. Und mich schließt du aus?

Hutten. Wie du siehst.

Fieber. Unverdientermaßen?

Hutten. Verdientermaßen.

Fieber. Aus Argwohn; du haßt mich ohne Grund.

Hutten. Mich dünkts anders.

Fieber. Ich habe dir nie ein Leids getan.

Hutten. Um so weniger passen wir zu einander, da wir geteilter Ansicht sind.

Fieber. Dann will ich dir zustimmen und sagen: es mag wohl sein, daß ich dir einmal ein Leids angetan habe, aber nun will ich dir Liebes antun.

Hutten. Wirst keinen Dank verdienen.

Fieber. Wie weißt du das?

Hutten. Ich? Ein alter Wirt des Fiebers? Ich kenne aus langwieriger Erfahrung viele Weisen des Fiebers, das viertägige, das tägliche, das dreitägige, das scharfe, das gewöhnliche und andre, deren Namen ich vergessen habe.

Fieber. Ich habe eine andre Weise an mich genommen.

Hutten. Das will ich zugeben.

Fieber. Und läßt mich nun ein?

Hutten. Nimmermehr! ich lasse dich draußen.

Fieber. Nur zu einem Gespräch.

Knabe. Schrecke es ab.

Hutten. Ich will dich nicht einmal sehen.

Knabe. Willst du, daß ich eine Büchse losschieße?

Hutten. Eher wirf ihm Linsen entgegen aus Mitleid. Wisse, Fieber, damit du nicht Hunger leiden sollst, schließe ich dich aus und sende dich zurück zu den Wollüstigen, und damit du auch nicht klagst, ich habe dich schlecht gehalten.

Fieber. Bei dir zu sein beliebt mir, wie du mich auch hältst.

Hutten. Aber mir beliebt es, weit weg von dir zu sein, wie du dich auch erzeigst.

Fieber. Fliehst du auch ein wenig Unterredung?

Hutten. Mit dir vor allem.

Fieber. Wie sehr hast du dich verändert! Nicht mehr als drei Worte will ich dir sagen.

Hutten. Ich höre nicht darauf.

Knabe. Du, das du Wollust, Bankette, Üppigkeit und Roheit suchst, sieh, dies hier ist unsre Speise am liebsten gewesen.

Fieber. Linsen sehe ich da.

Knabe. Das ist unsre Kost, denn wir sind jetzt Pythagoräer. Nach der Lehre des Pythagoras wandern die Seelen der Verstorbenen auf Tiere über. Die asketische Lebensweise, die seine Schüler führten, verbot es, Fleisch zu essen, es bildeten aber Hülsenfrüchte, z.B. Linsen, ihre Lieblingsspeise. Lucian scherzt in seinem Gespräch: »Der Traum oder der Hahn« sehr hübsch darüber: der Hahn berichtet dem Schuster Micyllus von den Wanderungen, die er schon durchgemacht habe; sogar der Pythagoras selbst sei er bereits einmal gewesen!

Fieber. Aber gestern aßet ihr den Pythagoras selbst, wenn anders, der Sage nach, die Seele des Pythagoras in einem Hahn war.

Knabe. Wir sind verloren, denn das Fieber hat uns Hühner essen sehen!

Hutten. Den Hahn, Fieber, haben wir getötet, weil er auch Linsen fraß.

Fieber. Das ist gleich, ob der Hahn in Linsen, oder die Linsen in den Hahn verwandelt sind – ihr habt ihn gegessen.

Hutten. Nun, was schadets?

Fieber. Und behaglich Most dazu getrunken?

Knabe. Wir tranken Wasser.

Hutten. Gekochtes Wasser.

Fieber. Es sei so; aber ich vermeide auch nicht die Wassertrinker und habe jetzt gelernt, bei ihnen zu sein.

Hutten. Dann geh zur nächsten Hütte, deren Wirt hat seit zwanzig Jahren keinen Wein versucht.

Fieber. Wenn ich dir vorher die drei Worte gesagt habe.

Hutten. Hast bereits wohl sechshundert gesprochen. Doch sag die drei und geh dann fort.

Fieber. Wenn ich hineingelassen bin.

Hutten. Geschieht nicht, sag mirs draußen.

Fieber. So sieh heraus.

Hutten. Ich höre nicht mit den Augen.

Fieber. Ich werde dich aber im Anschauen mehr bewegen.

Hutten. Ich begehre doch von dir nicht bewegt zu werden.

Fieber. Ich will dir Bericht erstatten, wie ich den Höfling gehalten, und wie er mich traktirt hat.

Hutten. Danach frag ich nicht viel.

Fieber. Früher fragtest du wohl danach.

Hutten. Um dich los zu werden. Wolltest du meinem Rat folgen, so bliebst du noch bei dem Höfling.

Fieber. Ich hab ihn schon verlassen.

Hutten. Such ihn wieder auf.

Fieber. Das kann nicht geschehn, denn er hat jetzt eine andre Krankheit bei sich aufgenommen. Zunächst die Franzosen, mit denen er elendiglich behaftet ist. So hatte ihn auch kürzlich der reißende Stein und die Gicht befallen. Außerdem ist Not im Hause.

Hutten. Hat er denn keine Schalksnarren, Hunde und Pferde mehr?

Fieber. Nicht eine Maus.

Hutten. Und hat auch seine Freundin, die hübsche Dirne, verlassen?

Fieber. Nicht er, sondern sie hat ihn verlassen, weil nichts mehr da war.

Hutten. Aber warum hast du dich von den andern Krankheiten vertreiben lassen?

Fieber. Weil ich nicht bei der Armut sein will; ich suche gute Küchen.

Hutten. Worin Rauch ist?

Fieber. Und lustiges Brodeln und guter Geruch.

Hutten. Das ist doch bei mir nicht.

Fieber. Es wird aber sein, wenn du (wie man sagt) ein Weib nimmst.

Hutten. Ei was, Weib! Hab lieber darauf acht, wo des Höflings Dirne bleibt; ich glaube, sie wird sich in eine üppige Herberge begeben.

Fieber. Sie hat sich zu einem alten Domherrn gewandt, der das Zipperlein hat und gebrochen ist; der ist abgelebt, stinkend, langweilig, verdrießlich, unflätig und unter seinesgleichen eine Sau.

Hutten. Und den will sie lieb haben?

Fieber. Das Geld hat sie lieb.

Hutten. Um so bequemer wirst du bei ihm wohnen, denn während das Dirnlein des Geldes wartet, wartest du seiner.

Fieber. Es jammert mich seiner, denn er leidet von ihr so viel Pein, daß er des Fiebers nicht achtet.

Hutten. Meiner hat dich nie gejammert!

Fieber. Da warst du auch mit dem Übel nicht beladen, denn du weißt nicht, welch ein großes Übel eine Zuhälterin ist.

Hutten. Ein Übel? Und die Pfaffen sehnen sich doch nach ihnen mit allem Eifer, selbst unter Zank und Streit! Sie bekriegen sich ihretwillen ebenso, wie zu Rom um die geistlichen Lehen.

Fieber. Darum eben ist auch das Übel größer, weil sie es wollen und begehren.

Hutten. Kann man denn ein Übel auf seinen Wunsch haben wollen?

Fieber. Ob das andre Leute wollen, weiß ich nicht, aber die Pfaffen wollen es.

Hutten. Ich weiß wohl, daß sie auf ihre Zuhälterinnen freundlichen Fleiß wenden und ihretwegen auch von Sinnen kommen; daß ihnen dies aber übel gedeihe, das geht über mein Verständnis. Denn ich kann nicht begreifen, wie sie trotz dieser Erfahrung noch mit Wissen und Willen danach trachten können.

Fieber. Ich versteh es aber, ich hab es aus langer Erfahrung gelernt. Erstlich haben sie eine inbrünstigere Liebe zu ihnen, als die Ehemänner zu ihren Hausfrauen.

Hutten. Das weiß ich wohl.

Fieber. Sie hingegen haben entweder gar keine oder aber eine sehr kalte Liebe zu den Pfaffen, aus dem Grunde, weil solche Weiber viele zu gleicher Zeit lieb haben, teils ihrer freundlichen Zuneigung, teils ihres Reichtums, teils ihres Ansehens halber.

Hutten. Wenn man nun eine fände, die ihre Liebe nicht zerteilte, sondern beständig einen lieb hätte, wäre sie auch ein Übel?

Fieber. Mitnichten – wenn man eine fände. Aber eine solche unter den Pfaffenkellnerinnen ist seltener als der Vogel Phönix. Wie kann eine, die einmal ihre Ehre, ein unwiederbringlich Ding, verloren hat, ferner vor der Schande Abscheu haben?

Hutten. Du willst sagen: diese Frauen achten auf das, was sie auf diese Weise verloren haben, fernerhin gar nicht mehr, so daß es nimmermehr wiedergewonnen werden kann?

Fieber. Gewiß! Die sich einmal auf den Platz begeben hat, will sich hinfort immer auf diesem bewegen. Sobald sie einmal weiß, daß niemand sie achtet, so schätzt sie Gerücht und Leumund gering. Sie wendet sich der Schande zu, und wenn es ihr vorteilhaft scheint, so schafft sie sich Lust durch Abwechselung, denn der Verlust der Ehre, mit dem die Lust verknüpft ist, ist nicht wie andre Dinge.

Hutten. Das ist aber ein böses Wesen.

Fieber. Darüber disputir ich nicht. Aber die Frau, die nicht viel Männer sucht, meint ihre Ehre zu ihrem Schaden verloren zu haben; denn zum Nutzen der verlorenen Ehre gehört es, daß sie an vielen Orten ihr Gelüst erfüllt. Einige fangen auch ein böses Leben an, weil ihnen ein Mann nicht genügt. Männer, die solche Zuhälterinnen nehmen, leiden viel Marter durch die Eifersucht.

Hutten. Ist das nicht auch in der Ehe so?

Fieber. Zu Zeiten gewiß. Es gibt wohl Eheweiber, die darin ebenfalls sündigen; sie gehören aber zur Sorte der losen Frauen und bleiben der ehelichen Würdigkeit nicht teilhaftig. Die Frommen hält erstlich die Scham ab, dann hindert sie das Gewissen der ehelichen Pflicht und die Rücksicht auf ihre Kinder, sowie die Ehrbarkeit. Aller dieser Dinge haben die Losen nicht acht; sie belustigen sich ohne Sorge und geben sich willig auch dem Feinde hin. Je wohler ihre Liebhaber bei ihnen leben, um so unbarmherziger werden sie gepeinigt, weil sie sehen müssen, wie sie samt ihrem Schaden auch verachtet werden.

Hutten. Was für einen Schaden haben sie denn?

Fieber. Vielfältigen. Denn abgesehen davon, daß die, die in dem Wehe sitzen und ihren Zuhälterinnen zu Willen sind, ihre Seelen, den edelsten Teil ihres Seins, verderben, so sind sie auch gehalten, für Essen und Trinken und kostbare Kleidung viel aufzuwenden; durch all diese Dinge schwächen sie die Kräfte ihres Leibes. Zudem achtets ein jeder von ihnen für gering, seinen guten Ruf in Gefahr zu setzen, nur weil er ihnen möchte zu Gefallen leben.

Hutten. Daraus zieh ich den Schluß, daß die Pfaffen, die Zuhälterinnen haben, all das Ihre, Leib, Seele, Ehre und Gut verlieren.

Fieber. Wenn sie sich auf die angeführte Art ergeben, so kann ich nicht einsehn, daß sie es behalten.

Hutten. Bald würdest du mich überreden, daß ich spräche, sie wären unselig.

Fieber. Daß du sprächest: wer ist unseliger, als sie, die also leben, daß sie bei dem Verlust solcher Güter nimmer Ruhe und Frieden haben, weil sie keine Treue um sich sehen.

Hutten. Daß unter dem großen Hausgesinde der Pfaffen selten jemand gefunden wird, der es treu mit ihnen meint, das weiß ich sehr wohl; welcher Art ist aber die Unruhe, mit der sie beladen sind?

Fieber. Vielerlei Art. Um es dir kurz zu sagen: sie besteht in der Pein, davon der Poet Plautus M. Plautus, der berühmte römische Lustspieldichter (227 bis 184 v. Chr.) läßt in der Cistellaria II, 1, 3 ff. diese Worte den Aclesimarchus sagen spricht, wenn er den Buhler also redend einführt:

Wohl keiner leidet so im Herzen
        Gleich mir an Martern, Pein und Schmerzen!
Mein Sinn wird hin und her gerückt,
        Er wird gekreuzigt und geknickt,
Die Liebe treibt mich hie und da
        Und bringt den Leib dem Tode nah.
Ich werd gezogen und gezerrt,
        Gedörrt, zerrissen und gesperrt;
Getrennt hat sich von mir mein Sinn,
        Vom Witz ich gar verlassen bin.
Ich bin nicht da, wo ich jetzt bin,
        Wo ich nicht bin, wills Herz mir hin;
Veränderlich sind die Gedanken
        Und machen jeden Vorsatz wanken.
Die Lieb bald dies, bald jenes will,
        Und treibt mit mir ihr Affenspiel,
Wiegt, zwingt, stößt, jagt mich hin und her.
        Daß ich jetzt dies, dann das begehr.

Mag dies in der Regel von allen Buhlern, die in der Liebe rasen, gesagt sein, so gilt es zumeist von den unsrigen. Denn erstlich verzehren sie sich in ihrem Herzen darüber, daß sie von ihren Frauen keine Gegenliebe empfangen, auch wenn sie sie auf das allerinbrünstigste lieb haben. Wenn die Frauen sie schon liebten, so müßten sie diese Liebe doch mit vielen andern teilen. Weil eben die Liebe ein Ding ist, das keinen neben sich leidet, so ist der Eifer dieser Leute sehr groß; aber ihre Sorgfalt ist übel angebracht, da den Weibern die Liebe zu einem gar nicht angenehm ist. Wendet einer seine Liebe einer Buhlerin zu, die von Natur unfreundlich und hadersüchtig ist, so wird er keine guten Worte, geschweige gute Taten von ihr erwarten dürfen; ist sie dagegen freundlich und zeigt sich holdselig, so erweckt sie den Verdacht und Argwohn, daß es nicht aus dem Herzen komme, und sie es vielleicht mit andern ebenso mache. Wenn das Mägdlein ihn freundlich anlachte, ihn liebevoll umfing, ihm ihren Mund bot, so sprach mein Wirt mit einem Seufzer: »O mein liebes Elschen, wollte Gott, du liebtest mich in Treuen und deine Liebe säße dir im Herzen!« Und sie antwortete dann: »Wie denn anders? Lieb ich dich nicht treu? Oder kommt meine Liebe nicht aus dem Herzen? Kennst du mich anders?« Dann warf er ihr vor, daß einer der Jünglinge, die täglich in sein Haus zu kommen pflegten, und die er das Mägdlein hatte neulich küssen sehen, freundlicher mit ihr tue, als ihm lieb sei; und dann erhob sich ein Zanken, Hadern, Schelten und Zwietracht: Elschen rief, sie habe für ihr langjähriges Beisammenwohnen solch bösen Verdacht nicht verdient, die Pfaffen seien ein treuloses, argwöhnisches Volk: »Wo sind nun die lockenden Verheißungen, die großen Hoffnungen, die du mir gemacht hast? Ist das der Dank dafür, daß ich, die ich fürstlicher Liebe teilhaftig und von vielen Reichen umworben war, dich allen vorgezogen, dir meine Lust, meinen Ruf, mein junges Leben geopfert habe? Hab ich dich nicht so lieb gehabt, daß ich den reichen Jüngling darum verschmäht habe, der mich zur Frau genommen und mich zu Ehren gebracht hätte? In dieser ganzen Stadt wird keine sein, die so ihre Treue hält, so verständig haushält mit dem Gut; ich habe, was andre zerstreuen, gesammelt, was andre verwüsten, erhalten.« Und sie fing an zu weinen und trieb dem Armen auch Tränen aus den Augen – so wenig verstand er, wie sehr sie ihn betrog.

Hutten. War sie denn nicht in Wirklichkeit so?

Fieber. Ich will dir sagen, wie sie war. Zehn andre Liebhaber hatte sie so heimlich, daß sie oft alle zu derselben Mahlzeit lud; denn sie zwang den Pfaffen, so oft sie wollte, sie einzuladen, indem sie an dem einen dies, an dem andern jenes lobte; einige könnten die Laute spielen, Sprüche dichten, einige tanzen, andere kurzweilige Gespräche führen, andere verstünden sich auf irgend etwas Gutes. Wenn auch einer nichts verstand, so rühmte sie ihn doch, und oft überredete sie den Pfaffen, einer könnte, was er gar nicht gelernt hatte; denn nützlich war ein jeder, der ihr gefiel. Sie hielt aber ihre Liebhaber nicht in gleicher Weise: von einigen nahm sie, andern gab sie, aber immer leerte sie das Haus.

Hutten. Das war, so scheint mir, der andre Grund seiner Unseligkeit.

Fieber. Ists eine Unseligkeit, die äußern Güter zu verlieren? Wein und Getreide trug sie fort oder verteilte es nach Belieben; in der Vorstadt hatte sie ein Häuschen, darin barg sie, was sie behalten wollte, und befahl es einem alten Fräulein, das sich meisterlich auf die Buhlerei verstand. Deren Geschäft bestand darin, neue Liebesbekanntschaften auszumitteln, irgendwo einen schönen oder wohlhabenden Jüngling ausfindig zu machen, es sei ein Fremder oder Landsmann.

Hutten. Wie ich sehe, ist er deshalb viel unglücklicher gewesen, weil er Schaden erlitt, als weil er ihre Liebe nicht erwerben konnte; denn was die Liebe angeht, so hat er sich an dem Glauben begnügt, daß er von ihr geliebt werde, weil in vieler Hinsicht der Glaube in der Liebe große Macht hat.

Fieber. Es ist, wie du sagst. Aber mit dem Glauben hat es diese Bewandtnis: je mehr es einem nach seinem Willen geht, desto mehr fürchtet er die Zufälle, die ihm die eingebildete Liebe nehmen. So erstlich als der Römling krank wurde durch mein Anstiften ...

Hutten. Also verdirbst du den Frauen ihre Männer?

Fieber. Störe mich nicht durch deine Einreden. Erstlich also, als ihn der Stein und nacheinander mancherlei Krankheiten befielen, und er sich zu gebrechlich fühlte, ihre Gelüste zu stillen, da zitterte er, so oft er sah einen in sein Haus gehen, Elschen grüßen, umfassen oder freundlich zuwinken, aus Furcht, daß er es ihm während seiner Krankheit abspenstig mache.

Hutten. Ich glaube, er hat sich den Turm der Danae Acrisius schloß seine Tochter Danas in einen ehernen Turm ein, weil ihm das Orakel verkündet hatte, daß er durch den Sohn, den sie gebären würde, seinen Tod finden sollte. Aber Jupiter nahte sich ihr in einem goldenen Regen, worauf sie den Perseus gebar, der den Acrisius beim Diskuswerfen tötete. gewünscht, sie darin einzuschließen.

Fieber. O nein, er war ihr im Gegenteil zu Willen. Elschen wollte nicht eingeschlossen sein, sie war gern in vieler Gesellschaft, so daß sie meinte, sie wäre allein, wenn sie nur zwischen drei oder vier starken Jünglingen zu Tische saß. Als nun der Pfaffe dies merkte (denn er mußte aufmerksam acht haben auf ihre Wünsche), veranstaltete er oftmals Bankette und lud dazu von allen Orten, wer Freude und Kurzweil machen konnte, damit er sie durch Zerstreuung über seine eigenen Gebrechen täuschte. »Mein Elschen,« sagte er, »schaffe dir einen guten Mut, genieße das Leben, bis es besser mit mir wird.« Er verhieß ihr auch nach der Wiederherstellung seiner Gesundheit ein seliges Leben.

Hutten. Sah er denn nicht, daß ihm dadurch sein Haus geleert wurde?

Fieber. Die Buhler sehen nichts, denn die Liebe ist blind.

Hutten. Merkte er das auch nicht?

Fieber. Weniger als ein Kind.

Hutten. Da sollte man ihn gewarnt haben.

Fieber. Er hörte nicht darauf, wie schon der griechische Dichter Menander Menander, aus Athen, der Vater der neuen griechischen Komödie, starb 290 v.Chr. (Aus der Sammlung des Stobäus.) sagt: »Von Natur hat jeder Buhler die Ohren gegen weisen Rat verstopft.«

Hutten. Darum sind die Thespier Thespiä, Stadt in Böotien. töricht gewesen, daß sie wie dem Jupiter auch dem Amor zu Ehren Spiele veranstalteten, denn Torheit kommt von der Liebe.

Fieber. Ja denen, die ihre Liebe falsch anlegen, die allein des Leibes Gestalt vor Augen haben. Anders ist es mit den Liebhabern der Tugend.

Hutten. Das sind die, die ihre ehelichen Weiber lieb haben?

Fieber. Ihrer einige.

Hutten. Ich verstehe, daß es eine große Pein ist, lieben zu müssen, was nicht lieblich ist.

Fieber. Und so dazu gezwungen zu werden, daß man seinen Verstand darüber verliert.

Hutten. Wie werden sie seiner verlustig, daß sie solche Torheiten verüben können?

Fieber. Weil Amor ein Kind ist und alle Buhler Kinder, und weil die Liebe leicht ist, so fliehen die Buhler alle Tapferkeit und fallen der Schwachheit an- Heim.

Hutten. Gleichwie die Kinder lieber mit Nüssen, als mit Geld spielen. Die Buhler gehen ihrer Narrheit nach und versäumen ihre Gesundheit, ihr Heil, Freundschaft und Hauswesen, während doch all das durch Schweiß und Arbeit zu erwerben ist.

Fieber. Um eine Nadelspitze hast du das Richtige getroffen. Was ehrbar und nützlich ist, schlagen sie sich aus dem Sinn, wenn ihnen eine gute Nacht, ein fröhliches Bankett, Tanz oder Kurzweil winken.

Hutten. Wie mich aber dünkt, haben sie dafür den Nutzen, daß sie sich bei der Buhlerei verjüngen und allerwegs einen leichten fröhlichen Mut behalten?

Fieber. Du willst sagen, daß sie allerwegs Narren sind, in Irrtum hinleben und ihre Sache auf keinen festen Grund setzen, sondern wie Seneca L. Annäus Seneca, Lehrer des Nero, verfaßte viele philosophische Schriften, wurde 65 n.Chr. ermordet; die angeführte Stelle findet sich in Brief 23, 9. sagt, immerfort anfangen, sich von neuem zu ergötzen, denn solche Leute vertreiben ihre Zeit mit Müßiggang.

Hutten. Meinst du denn, daß nur der den Grund seines Lebens festigt, der ein Eheweib hat?

Fieber. Fürwahr, der hat sein Leben gut eingerichtet.

Hutten. Willst du denn, daß ich ehelich werde?

Fieber. Das will ich nicht.

Hutten. So willst du auch nicht, daß ich mein Leben sicher begründe?

Fieber. Das will ich wohl, aber auf eine andre Weise.

Hutten. Daß ich mit einer Zuhälterin Haus halte?

Fieber. Mit nichten, sondern daß du ohne ein Weib lebest.

Hutten. Das bin ich nicht gewillt. – Sag mir aber, warum verbietest du mir, ein Weib zu nehmen?

Fieber. Erstlich deinethalben; es würde dir Mühe machen, dir keine Ruhe lassen und dich an deinem Studiren hindern. Ferner rate ich es meinethalben nicht, denn die Eheweiber leiden das Fieber nicht, halten es mit Sorgfalt von ihren Männern fern, die sie besser Pflegen, als nötig ist.

Hutten. Mit dieser Erklärung machst du mich noch begehrlicher nach einem Weibe als zuvor. – Aber vergiß die Rede von den Buhlern nicht.

Fieber. Auf nichts, was notwendig ist, achten sie, sondern haben allen Fleiß auf ihre Lust gerichtet, die sie doch nimmer vollkommen befriedigen können. Denn wenn es ihnen auch auf der Buhlschaft glückt, so ist es doch nur eine kurze Freude, und es sei wie es will, sie Habens nicht zu eigen. Während solche Frauen einen umfassen, denken sie an den andern, haben zu keinem rechte Liebe, sondern sinnen nur, wie sie vieler Männer teilhaftig werden. Dann denken sie etwa auch an die verschwindende Zeit, zählen ihre Jahre, strafen sich auch selbst, daß sie sich mit so viel Männern als möglich Lust verschafft haben; vor allen Dingen nehmen sie der Zeit wahr, wo Gewinn in Aussicht steht, denn um des Geldes willen werden sie unterwürfig und lassen sich dadurch bewegen.

Hutten. Sage mir eins: werden sie mehr durch Geld, als durch Wohlgestalt beeinflußt?

Fieber. Die Klügeren lassen sich mehr durch Geld bewegen. Die aber ihre Liebe unklug anlegen, sind den Hübschen so geneigt, daß sie ihnen oft Geld zugeben.

Hutten Aus deinen Reden folgt, daß es zwei Sorten Buhlerinnen gibt: die eine buhlt nützlich, die andere lüstlich.

Fieber. Noch eine dritte gibt es, die aus beiden Gründen buhlt.

Hutten Wie das Elschen, das dem einen gab und vom andern nahm; jenen um des Geldes, diesen um seiner Gestalt willen liebte.

Fieber. Was noch viele andre tun. Darum hab ich oft die Pfaffen vor Furcht zittern sehen, wenn man ihnen von einem sagte, der viel Geld hätte, oder von besonders schöner Gestalt wäre.

Hutten Das hab ich auch gesehen, obwohl ich noch nicht alle Dinge gesehn habe.

Fieber. Gefährlicher ists noch, wenn ein reicher oder schön gestalteter Jüngling zu ihnen ins Haus kommt.

Hutten Nicht ohne Grund, weil das Glück in der Liebe viel vermag.

Fieber. Soll man den Leuten von Ägyra Griechische Kolonie auf Sicilien. glauben, so vermag es mehr als Schönheit; darum hatten bei ihnen die beiden Götter, Amor und Fortuna, einen Tempel.

Hutten Warum hielt denn der Pfaffe die, die zur Liebe besonders geschickt waren, nicht fern von seinem Hause?

Fieber. Er hätte es wohl getan, hätte er gedurft.

Hutten Wie ich sehe, müssen die Pfaffen ihre Zuhälterinnen fürchten.

Fieber. Mehr als die Untertanen ihren Tyrannen.

Hutten Warum verstoßen sie denn die Pfaffen nicht, wenn sie nicht nach ihrem Gefallen leben?

Fieber. Sie täten es wohl, wenn sie sie nicht lieb hätten.

Hutten. Ein jämmerlich Wesen zeigst du mir an, daß sie nicht zu ihrem Nutzen und Besten handeln dürfen, sondern zu ihrem Schaden gezwungen werden. – Was aber haben die Fräulein an sich, das so sehr zu fürchten wäre?

Fieber. Den Zorn, in dem sie schelten, fluchen, lästern, hadern und zeitweise sich ganz von den Pfaffen abwenden.

Hutten. Daher entsteht die Furcht?

Fieber. Daher. Denn in ihrem Zorn sagen sie alle Heimlichkeiten und offenbaren all den Scherz und Ernst, den sie mit den Pfaffen getrieben haben; und wenn die Pfaffen etwas reden oder tun, das sie verschweigen sollten, so verraten sies.

Hutten. Belehre mich; fürchten denn nicht auch die Ehemänner ihre Weiber?

Fieber. Damit hat es eine andre Bewandtnis; die Furcht, von der ich spreche, besteht gewöhnlich in der verbotenen Liebe. So fürchtete Herkules Herkules hielt sich, der Sage nach, bei Omphale, der Witwe des lydischen Königs Tmolus, als Sklave auf. Dejanira, sein Eheweib, wurde nachher durch das ihr vom Centauern Nessus geschenkte Hemd unschuldigerweise die Ursache seines Todes und erhängte sich aus Schmerz über ihres Gatten Tod. seine Buhlerin, das Mägdlein Omphale, und war ihr zu allerlei Diensten bereit, sein Eheweib Dejanira dagegen fürchtete er nicht, und ward von ihr nicht zu Rocken und Spindel getrieben.

Hutten. Demokritos Demokritos, eleatischer Philosoph aus Abdera, lebte um 460 v. Chr. (genannt der lachende Philosoph im Gegensatz zu Heraklitos, dem weinenden).sagt: »Einem Manne kann kein größrer Schimpf widerfahren, als wenn er sich von einem Weibe zwingen läßt.« Hat er das in der Ehe für eine Schande empfunden, wie lasterhaft ist es alsdann in der Buhlschaft! Die eheliche Liebe hat darum eine große Festigkeit, weil Bande da sind, durch die zwei so verstrickt werden, daß von jener Furcht nichts darin zu finden ist.

Fieber. Du sollst aber trotzdem kein Weib nehmen.

Hutten. Ich will darüber nachdenken; fahre nun fort.

Fieber. Durch diese Drohungen dringen sie den Pfaffen Geld, Kleider, Kleinode, Dienstmägde und dergleichen ab, und schicken sich an, fortzuziehen, wenn sie ihnen das Verlangte nicht beschaffen. Ist dann einer ungeduldiger, als er sein sollte, will sich ihnen widersetzen oder sie gar schlagen, so heißt es: »Weißt du nicht, Pfaff, daß ich so manches weiß? Jetzt will ich es aussprengen;« sie läuft damit aus dem Haus, und er gerät in große Furcht, denn er weiß, daß sies kann, wenn sie will. Wahrlich, unser Elschen hob jeden Tag einen neuen Krieg an: jetzt hatten andre Weiber bessere Kleider als sie; dann hatte sie Ringe oder Gestein bei einer gesehen; der andern gingen fünfundzwanzig Mägde nach, sie aber müsse allzeit allein und ungeschmückt gehen. Darüber fing sie ein lautes Klagen an, und er ließ sich bewegen, wenn kein Geld da war, Wein und Korn zu verkaufen, oder aber bei den Juden auf Wucher zu entleihen.

Hutten. Das hat er zu seinem Schaden getan.

Fieber. Andre hab ich aus der Kirche und anderswoher stehlen sehen, damit sie zu geben hätten, so namentlich einen Mönch, der buhlte mit einer verschwenderischen Dirne, der er Gold und Silber aus der Sakristei brachte.

Hutten. O du heilige Geistlichkeit, tun das auch die Mönche!

Fieber. Die Mönche? Als ob es was gäbe, was nicht auch die Mönche täten, so gut wie andre Leute! Ja noch mehr; ich habe sie gesehen meineidig und treulos werden, mit Gift morden, Verrat anstiften, wider alle gute Sitte und Glauben handeln.

Hutten. Fürwahr, die sich solcher Dinge schuldig wissen, buhlen mit Furcht und großen Sorgen. Warum verhehlen sie aber den Weibern ihre Geheimnisse nicht?

Fieber. Weil sie verliebt sind, und kein Buhler schweigen kann, denn Cupido geht nackt und bloß.

Hutten. Deshalb entblößen sich die Buhler auch und halten nichts verdeckt?

Fieber. Ja, die so buhlen, wie diese.

Hutten. Zu ihrem großen Verderben; darum ist das eine gefährliche Buhlschaft.

Fieber. Ganz recht. Die Liebe zu den Zuhälterinnen ist unstät; sie haben kein Gewissen und scheuen nicht Zucht noch Ehre, denn sie haben sie schon verloren; darum offenbaren sie dem Nächsten, was sie von andern gesehen oder gehört haben, einige aus Schwachheit der weiblichen Natur, die nichts verschweigen kann; andre um Dank und Gunst derer zu erwerben, denen sie es verraten; andre denen, die sie halten, zuwider, wenn sie sich mit ihnen erzürnt haben. Und sehr leicht tun sie das, wenn sie fortgejagt werden.

Hutten. Nun du mir erklärt hast, warum die Zuhälterinnen nicht so leicht fortgejagt werden können, bin ich überzeugt, daß die ein armseliges Leben führen, die in ihren eigenen Häusern in diesem Zwang verstrickt sind. Denn nun dünkt mich, daß sie alles reden und tun, um der Weiber willen.

Fieber. Ihnen zu Gefallen sich Freunde und Feinde machen und behalten!

Hutten. Ihr Nutz und Frommen hintansetzen, nur um ihnen zu Willen zu sein.

Fieber. Sich der Leichtfertigkeit befleißigen und nichts Tüchtiges ergreifen.

Hutten. Und was das Geistliche betrifft, keine Bohne wert achten.

Fieber. Billigkeit und Unbilligkeit für gleich halten. Hier folgen in der lateinischen Ausgabe folgende Sätze:
Hutten: Einige nehmen gar ihre Zuhälterinnen zu Ehefrauen.
Fieber: Oder ändern sonst auf anstößige Art ihren Stand.
Hutten: Scheuen vor keinem Frevel zurück.
Fieber: Stürzen sich vielmehr besinnungslos in allerlei Schande.
Hutten ließ diese tadelnde Stelle in seiner Übersetzung fort, um nicht bei Luther anzustoßen, der ja inzwischen den Geistlichen anempfohlen hatte, ihre Zuhälterinnen unter der Bedingung künftiger ehelicher Treue lieber zu heiraten. Er selbst ging ja nachher in der Praxis damit voran, als er Katharina Bora heiratete; viele andre Prediger folgten diesem Beispiel, das allerdings dem Luthertum zum unberechtigten Vorwurf zu gereichen anfing.

Hutten. Ganz und gar geziemt den Geistlichen ein solches Leben nicht; da ihnen die geistlichen Dinge so heilig befohlen sind, daß sie derhalben alles Weltliche zurücksetzen sollen, so ists eine große Entartung von ihnen, so viel Fleiß auf eitle, unnütze Dinge zu verwenden, daß sie des Geistlichen darüber vergessen. Zwar vergessen sie es nicht ganz, denn ich sehe, wie sie, um geistlich zu werden, gen Rom laufen und dort schwere und niedrige Dienste verrichten. Hutten hat dabei die Kurtisanen im Auge.

Fieber. Das tun sie nicht um des Geistlichen willen, damit sie besser, sondern um der Pfründen willen, damit sie reicher werden.

Hutten. So geht all ihr Sorgen dahin, reich zu werden, aber geistlich zu sein, darauf achten sie nicht.

Fieber. An dem Geistlichen an sich ist ihnen nichts gelegen, sondern nur an dem Namen um des Gewinnes willen, den er mit sich bringt; den zu erwerben, trachten sie mit allem Fleiß. Denn siehst du nicht, wie viel große Buben sich mit dem ehrlichen Namen decken?

Hutten. Jetzt erst erkenn ichs.

Fieber. Das hast du mir zu danken.

Hutten. Allerdings.

Fieber. So läßt du mich nun ein?

Hutten. Das hab ich noch nicht bedacht.

Fieber. Noch nicht? Wolltest du so undankbar sein, mich nicht zu beherbergen, da ich dich doch klug machte?

Hutten. Ich mag dich nicht leiden, wiewohl du wert wärest, von einem beherbergt zu werden, wenn du nur nicht so viel Böses an dir hättest.

Fieber. Wieviel?

Hutten. Mehr als ich annehmen möchte.

Fieber. Du bist jetzt verzärtelt und unduldsam geworden. Einst hattest du dir vorgesetzt, alle Bitterkeit um der Kunst willen ertragen zu wollen.

Hutten. Mir hast du nun genug gepredigt; jetzt lehre die Pfaffen, daß sie den rechten Weg gehen, denn ich sehe nichts, was sie mit Christo gemein haben.

Fieber. Ich hab dir doch gesagt, sie haben ohnehin Übels genug, darum hab ich, das Fieber, keine Stätte bei ihnen. Deswegen sagte Jupiter, als er der Pfaffen Leben mit ihren Frauen inne ward: das soll der Pfaffen Fieber sein; mich aber hieß er zu andern Leuten gehen.

Hutten. Zu welch andern?

Fieber. Zuerst zu dir; falls ich dir aber nicht gefiele, sollt ich zu den Kaufleuten und den reichen Bürgern in den Städten gehen, die in Freuden und Wollust leben.

Hutten. Wenn Jupiter so etwas mit dir redete, sagte er nicht auch, wie ihm die Verordnung des Papstes Calixtus Die Bestimmung, daß die Kleriker der höhern Weihen, sowie die Mönche, nicht heiraten sollten, rührt entweder von Urban II. oder von Calixtus II. (1119-1124) her. (Auf den Konzilien von Rheims 1119 und im Lateran 1123 festgesetzt.) gefiele, daß die Pfaffen keine Eheweiber haben sollen? Dünkt ihn auch der Geistlichen Leben billig, darin der eheliche Stand, von dem Gott selbst ein Anhänger ist, zur Büberei und zum Hurenleben entartet ist?

Fieber. Das däucht ihn gar nicht. Er sagte auch, man hätte ihn darum nie befragt, er wäre um die Zeit, als man das Gesetz gemacht, nicht im Rat gewesen; seine Meinung wäre aber, man sollte das Gesetz abschaffen und den Pfaffen, wie früher, wieder Eheweiber geben, auf daß sie nicht, des Morgens von dem unreinen Bett aufstehend, mit befleckten Händen und Gemütern heilige Dinge verrichteten.

Hutten. Das rate ich auch, besonders deinetwillen, daß du wieder eine Stätte bei ihnen habest. Denn so lange sie in der Unehe sitzen, scheint es, als wolltest du mit ihnen nichts zu tun haben.

Fieber. Nichts; Jupiter hat mir das verboten, sie haben ohnehin andre Krankheiten unter sich.

Hutten. Das haben sie von ihrer Fresserei.

Fieber. Auch von ihren Zuhälterinnen, die oft des Gewinnes willen die Kranken besuchen, seien sie aussätzig, wassersüchtig oder mit den Franzosen und andern ähnlichen Krankheiten behaftet, die sie von dort nach Hause mitbringen und auf ihre Beischläfer übertragen.

Hutten. Das ist auch ein großer Teil ihrer Unseligkeit.

Fieber. Freilich wohl!

Hutten. Willst du auch die Pfaffen verlassen, die keine Zuhälterinnen haben?

Fieber. Gewiß, denn sie sind mit Geiz behaftet, der eine große und unvergleichliche Krankheit ist.

Hutten. Was willst du mit denen machen, die nicht krank sind am Geiz?

Fieber. Die sind arm und ihre Not treibt mich von ihnen.

Hutten. Allerlei Ursache suchst du, um bei mir herbergen zu können; aber es wird nichts daraus.

Fieber. So würde auch Weisheit nicht bei dir herbergen?

Hutten. Wer hindert das?

Fieber. Deine Geilheit, die ich allein dämpfen kann.

Hutten. Du schwächst die Macht des Körpers.

Fieber. Ich mehre die Kraft des Gemüts.

Hutten. Du verbrennst das Geblüt.

Fieber. Ich lösche aus die Brunst der Unkeuschheit.

Hutten. Du kränkst das Herz.

Fieber. Ich mache die Sinne klug.

Hutten. Du bringst Schmerzen.

Fieber. Ich vertreibe die Unreinheit.

Hutten. Wie? Bist du es nicht, Fieber, das oft viele redliche Taten der Menschen verhindert?

Fieber. Wie? Bin ich es nicht, das viele Sünden verhindert?

Hutten. Auf diese Weise wären alle Krankheiten gut, denn auch sie, wie du, schwächen den Leib und verzehren die Kraft des Menschen.

Fieber. Sie gleichen mir nicht, denn einige darunter stinken und werden geflohen und machen durch Geschwüre ungestalt, andere fressen das Fleisch hinweg, bringen Krampf in die Sehnen und lähmen. Davon ist in dem Fieber nichts vorhanden.

Hutten. Das fehlt zwar; aber in einigen Fiebern sind auch solche Gebrechen. Und wenn auch schon keins darin wäre, so sind doch Abmagerung, Blässe und selbst der Tod nicht weit.

Fieber. Was den Tod betrifft, so sage ich, daß keiner, der mich zu behandeln weiß, am Fieber stirbt. Aber mager und bleich sein, ist das böse?

Hutten. Wie mich dünkt, ja.

Fieber. Willst du denn einen Dickbauch haben, daß du desto eher wassersüchtig wirst? Oder willst du rote Farbe haben, daß jedermann sage, du studirst nicht?

Hutten. Ein lustig Ding ist das Fieber! Du wirst mich aber nicht überreden, daß ich begehre bleich zu sein, um das Aussehen eines Studirenden zu haben.

Fieber. Aber ehemals begehrtest du das, damit deine Meister sagen sollten, du wärest fleißig. Doch vielleicht bist du nun ein Buhler und willst rotwangig sein, damit du den Frauen gefallest. Darin irrst du, denn eher würdest du ihnen blaß gefallen: sie würden sagen, das käme vom vielen Studiren.

Hutten. Welche Frauen sind das?

Fieber. Die Vernunft und Kunst lieb haben.

Hutten. Ja wohl, Vernunft und Kunst! Als ob irgendwo Weiber wären, die nach Künsten und Studiren fragten! Gestalt und Reichtum sind den Weibern lieb.

Fieber. Du bist recht unklug, und zwar nur aus dem Grunde, daß du nicht das Fieber hast. Den Frauen ist die Schönheit der Männer verdächtig, es sei denn, daß eine aus Jugend oder Unerfahrenheit nicht weiß, was sie lieb haben soll. Die Klugen sehen das Gemüt der Männer an und nicht das Angesicht.

Hutten. Aber Reichtum haben sie lieb.

Fieber. Diese Krankheit ist Frauen und Männern gemeinsam.

Hutten. Es ist deshalb zu befürchten, daß ich, weil ich nicht reich bin und du mich außerdem noch mißgestaltest, verschmäht werde und mich kein Weib nimmt.

Fieber. Dich mißgestalten? Sind denn die Bleichen mißgestaltet? Hast du behalten, was dich Ovid P. Ovidius Naso, römischer Dichter, geboren 43 v. Chr. gestorben 17 n. Chr., sagt dies in seiner Ars amandi (Liebeskunst) I. 72 S. lehrte, der da sagt:

Bleich soll ein jeder Buhler sein,
Denn Blässe macht den Buhlen fein?

Hutten. Das hatte ich vergessen. Aber eins will ich dir sagen, ich will kein Buhler und deshalb auch nicht blaß sein. Von dir fürchte ich vor allem die Schwachheit des Leibes.

Fieber. Ich will dir deine Kraft nicht nehmen, denn ich will nur jeden vierten Tag bei dir sein.

Hutten. Viertägig? Du behagst mir nicht.

Fieber. So? Bedenkst du nicht, daß über mich geschrieben steht, wie ich den, bei dem ich viertägig gewesen bin, hernach stärker und kräftiger mache, als er je vorher war?

Hutten. Du bist zuvor auch viertägig bei mir gewesen, aber hast das nicht bewiesen. Was soll ich dir denn glauben?

Fieber. Zur selben Zeit waren auch andre Krankheiten bei dir, darum hatte ich nicht volle Gewalt über dich; jetzt aber, wo ich allein bei dir bin, würde ich dich ganz hurtig machen und erfrischen.

Hutten. Auf welche Weise?

Fieber. Erstlich will ich dich schlank und dünn machen, damit du behend wirst; denn seitdem du an Leib zugenommen hast, bist du der Trägheit und Faulheit verfallen; dann will ich dir ein ernstes Aussehen geben, daß man dich nicht für leichtfertig hält, denn mir gefällt dein Lachen und Scherzen nicht.

Hutten. Sag, wolltest du mir das Lachen und Scherzen nehmen, so nähmest du mir doch alles, was die Frauen lieben. Darum ist dir diese Tür gezeichnet und es steht drauf geschrieben: hebe dich weg, Fieber!

Fieber. Zürne nicht; wenn ich dir auch dies nähme, ich würde es dir mit den Kräften des Leibes reichlich vergelten!

Hutten. Und dabei sollte ich wiederum, wie vor Zeiten, sechs Monat krank sein?

Fieber. Ich meinte, du solltest mir sieben Monate bei dir vergönnen, damit ich dich endlich klug machte und dir deine Lüsternheit entzöge, von der du dich seit langem nicht hast ernstlich befreien können.

Hutten. Hebe dich weg, Fieber! Hebe dich weg!

Fieber. Rufe nicht, jetzt geh ich zu den Wassertrinkern.

Knabe. Hebe dich weg, hebe dich weg, Fieber! Du pflegst mir meinen Herrn unlustig und zornig zu machen, so oft du bei ihm hausest, hebe dich davon!

Fieber. Laß auch du dein Rufen. Jetzt will ich gehen; denn eben seh ich einen Kaufmann im Überfluß bankettiren, der wird sich meiner in Zuversicht annehmen, er hat schon von der gestrigen unverdauten Fresserei einen rohen Magen bekommen. Ich will zu ihm.

Hutten. Vielleicht hat er Ärzte.

Fieber. Die hat er, aber solche vom gemeinen Haufen, die pfropfen ihn täglich voll, was von Arabien gebracht oder in Indien gewachsen ist.

Hutten. Was aber pfropft er ihnen wieder ein?

Fieber. Seine königlich zubereitete Speise, zwanzig Gerichte auf eine Mahlzeit, Rebhühner, Krammetsvögel, Pfauen, Fasanen, Fische, Meermuscheln und was man mit Gold aufwiegt.

Hutten. Durch ihre Fresserei verpflichten sie sich dir von selbst.

Fieber. Fürwahr; ich habe auch jetzt acht auf sie deswegen.

Hutten. Du tätest mir einen Dienst, wenn im von den Ärzten dieser Art sechshundert hinweg nähmest. Warnen sie ihn denn nicht vor der Fresserei, damit er sich vor Krankheit hüte?

Fieber. Sie warnen ihn allzu viel zu seinem Schaden: sie schreiben ihm eine Ordnung vor, daß er nach ihren Regeln lebe.

Hutten. Aber die Völlerei verbieten sie ihm nicht?

Fieber. Sie verbieten sie ihm zwar, aber sie übersehen ihm doch etwas und lassens hingehen, denn wenn er nicht so lebte, müßten sie Hunger leiden, und leicht sehen sie ihm durch die Finger um des Gewinnes willen; wovon wollten denn die Ärzte leben, wenn keine Kranken wären?

Hutten. Sie würden vielleicht leben, aber sie müßten hacken und arbeiten.

Fieber. Dann wären es keine Ärzte.

Hutten. Es wären aber Bauern, und viel besser stünde es im deutschen Land, wenn man die ganze Schule der Ärzte mit ihrem Rhabarber und Coloquinten austriebe. Purgiermittel; Coloquinte wird aus der Purgiergurke hergestellt.

Fieber. Auch den Stromer, Kopp, Ebel, Ricius und andre, die du lieb hast? Gleich Stromer stand auch Gregor Coppus in Mainzer Diensten; Jacob Ebel war Leibarzt des Kurfürsten von Cöln, Paul Ricius bei Kaiser Maximilian.

Hutten. Die nicht, denn das sind redliche Leute, darum sind sie aber um so weniger Ärzte.

Fieber. Sie wären noch viel redlicher, wenn sie dir sieben Pfund Nießwurz auf einmal eingäben.

Hutten. Warum so viel, mein Fieberlein?

Fieber. Damit sie dich vor der Torheit, ein Weib nehmen zu wollen, purgirten, der du zum Studiren viel besser geschickt bist; denn das Weib wird dir keine Ruhe lassen und dich in der Liebe zur Weisheit hindern.

Hutten. Ein Weib zu nehmen, bin ich noch unentschlossen, obschon ich darin keinen Irrtum erkenne, wenn ich eins nähme. Aber du bedarfst der Nießwurz, um die Unsinnigkeit auszutreiben, mit der du andre auch unsinnig machst.

Fieber. Ich mache gelehrt und fleißig.

Hutten. Hebe dich fort, Fieber, hebe dich fort!

Fieber. Rufe nicht! Jetzt sollst du des Fiebers ledig sein, damit sich andre Krankheiten bei dir einfinden können.

Hutten. Hebe dich weg, Fieber! Alle, die nur studiren und nichts weiter tun, sind unnütz und werden Fantasten.

Fieber. Mit diesen Worten wirst du viele Gelehrte wider dich aufbringen, vor allen die Gelehrten der heiligen Schrift.

Hutten. Die Weisen werden nicht über mich zürnen.

Fieber. Aber die sich weise dünken.

Hutten. Denen du ihre Köpfe so ausgehöhlt hast, daß jeder von ihnen leicht eine halbe Unze Hirn mehr hat?

Fieber. Fürwahr, dir wollte ich das lästerliche Hirn ausschöpfen, ließest du mich einen Schuh breit hinein.

Hutten. Davor hab ich mich gehütet; und nun geh hinweg, du Schwätzer!

Fieber. Um der drei Worte willen?

Hutten. Um deiner todbringenden Gemeinschaft willen geh mit deinen endlosen Fabeln zu den Pfaffen, zu den Buhlern, zu den Trinkern, den Fuggern, Kaufleuten, Ärzten oder, wenn es dir gefällt, zu des Kaisers Maximilian Schreibern.

Fieber. Die mehr denn zu viel bei ihm gewonnen haben und jetzt in Völlerei und Wollust hoffärtig leben?

Hutten. Eben zu diesen oder zu wem du sonst willst, wenn ich dich nur los werde!

Fieber. Ich geh schon –, leb wohl!

Hutten. Nein, bleib doch und höre, ich will dich noch ein weniges fragen!

Fieber. Ich wußte wohl, daß du des Fiebers bedürftest.

Hutten. Sehr bedarf ich dein, um etwas zu fragen.

Fieber. Was ist es?

Hutten. Sag mir, welche Ursache hat dieses verkehrte Leben der Geistlichen?

Fieber. Es ist der Müßiggang und seine Nahrung der Reichtum.

Hutten. Wenn nun die deutsche Nation den Rat annähme, daß sie ihnen zunächst ihre Pfründen geringer machte, sie dann den Acker bebauen und, wie andre tun, Gut mit Schweiß erwerben hieße: würden wir danach fromme Geistliche haben?

Fieber. An meiner statt antworte dir Ovid:

Wirst du meiden Müßiggang,
Dann wird bei dir die Lieb bald krank;
Wer müßig geht, hat nichts zu schaffen.
Den macht die Liebe bald zum Affen.
Doch mag man sich der Arbeit weihn,
Stellt Amor bald sein Schießen ein,
Und seine Fackel ist ohn Hitz,
Bei Müßiggehn ist selten Witz. Von den Mitteln wider die Liebe, V. 139.

Und an einem andern Ort sagt derselbe Dichter:

Zum Bösen zwar der Reichtum kehrt,
Und tief gräbt man ihn aus der Erd. Metamorphosen I. 140.

Hutten. Sag an, meinst du, daß die Deutschen immer so bleiben werden?

Fieber. Sollt ichs nicht meinen?

Hutten. Wie lange denn noch?

Fieber. Über ein kurzes, wenn sie nicht mehr so viel tausend Pfaffen ertragen können, die größtenteils Müßiggänger und zu nichts nutz sind, als zum Fressen und Saufen: sobald irgend eine Teuerung kommt und tapfre redliche Leute Verdruß haben werden darüber, daß diese trägen, unwissenden und unnützen Leute sie zu ihrem Wohlleben ausnutzen.

Hutten. Deine Ansicht ist so, wie Virgil von den nützlichen und honigtragenden Bienen schreibt: wie diese die Wespen und Hummeln, die keinen Honig bringen, sondern nur essen, aus ihren Stöcken mit Gewalt hinaustreiben, so werden einst die Weisen, Nützlichen und Brauchbaren die trägen, unnützen Müßiggänger verjagen. Virgil, vom Landbau, IV. 168. Drohnen, die müßige Fresserbrut, aus den Körben vertreiben ...

Fieber. Anders nicht.

Hutten. Sie werden aber Entschuldigungen für ihren Müßiggang haben und sprechen, ihnen sei der Müßiggang vonnöten, um weise zu werden; denn Aristoteles sagt: sitzend und ruhend wird die Seele des Menschen weiser.

Fieber. Man kann es aus ihren Werken erkennen, wie sie ihren Müßiggang anlegen. Ich sage dir, sie wären zu ertragen, wenn sie, wie Plutarch lehrt, Ruhe und Muße auf Übung der Kunst und Weisheit verwendeten.

Hutten. Ich sehe, daß du gute Ermahnungen gibst.

Fieber. Darum nimm mich auf.

Hutten. Ich nähme dich vielleicht auf, wenn ich nicht bedächte, daß die Fürsten der deutschen Nation deines Rates bedürften, wie sie das Reich in einen bessern Stand bringen könnten, wenn sie das ungeheuer viele Geld, das die müßigen Geistlichen verzehren, einesteils auf redliche, gerechte Kriege, andernteils auf die Erhaltung gelehrter Leute verwenden und verteilen wollten.

Fieber. Willst du, daß Kaiser Karl Kaiser Karl V., 1519-1556, zu dem Hutten in der Tat nach Brüssel reiste, allerdings erfolglos. das tue?

Hutten. Kann er es ohne dich tun, so will ichs.

Fieber. Ich meinte, du schicktest mich zu Karl.

Hutten. Ich will dich nicht zu ihm schicken, sondern an deiner statt will ich ihm selbst diesen Rat geben.

Fieber. So werden dir die Pfaffen das Fieber anfluchen.

Hutten. So will ich ihnen das Zipperlein, die Gicht, das Gliederweh, oder vor allem die Krankheit anwünschen, die du die größte nennst, daß sie mit Zuhälterinnen behangen seien.

Fieber. Dann werden sie dich erwürgen.

Hutten. Karl wird sie eher gedemütigt haben, bevor sie von meinem Rat erfahren.

Fieber. Wie ich sehe, steht dir so viel Unglück bevor, daß du des Fiebers nicht bedarfst.

Hutten. Laß mich nur darum sorgen. Vielleicht werde ich geduldig und gutwillig Krankheiten übernehmen, wenn ich nur Karl dazu überrede.

Fieber. Daß er die Pfaffen vertilgen läßt?

Hutten. Mit nichten; sondern daß er sie von dem Müßiggang, von der Trägheit, der Unkeuschheit, Völlerei, Eitelkeit und ihrem bösen Leben ablenke und sie Priester sein heiße, die allein geistlicher Dinge pflegen und sich der weltlichen ganz entschlagen; daß er sie anweise, nicht aus der Geistlichkeit eine Täuschung zu machen, noch allein auf Gewinn zu denken; daß er ihre Unkeuschheit auslösche und ihr schändlich, unehrbar Leben bessere.

Fieber. Auf welche Stellen der Schrift willst du dich da beziehen?

Hutten. Auf die Sprüche: »Herr, deine Priester sollen angetan werden mit Gerechtigkeit.« Denn sonst schreibt derselbe Prophet von ihnen: »In ihrem Munde ist keine Wahrheit, ihr Herz ist unnütz.« Ein andrer Prophet schreibt über sie mit diesen Worten: »Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden!« Psalm 132, 9, 5, 10. Hesekiel 34, 2.

Fieber. Du bist auf dem rechten Wege, aber durch meine Eingebung. Was willst du aber zunächst unternehmen, wenn du Karl diesen Rat gibst?

Hutten. Den Weizen des Herrn will ich ihn heißen säubern und seinen Weingarten wiederum einrichten, von dem er durch den Propheten sagt: »Viel Hirten haben meinen Weingarten verwüstet, meinen Acker zertreten.« Matth. S, 12. Jeremias 12, 10. Dann will ich ihn unterweisen, daß dies von ihm geschehen müsse, wolle er anders Deutschland im Frieden erhalten und die Bösen abhalten, daß sie nicht an Stelle der Guten herrschen. Denn einem gerechten obersten Richter komme es zu, nicht zu leiden, daß zum Schaden des gemeinen Nutzens so lose, unnütze Leute in Müßiggang und Trägheit erhalten und nicht allein ernährt, sondern auch zu Häuptern und Herrschern gemacht werden. Siehst du nicht, wie sie so stolz herrschen? Und obgleich der größte Teil das allerböseste Leben führt, nennen sie sich doch die heilige, christliche Kirche, und als wären sie von Gott, wollen sie Kleriker genannt sein, während doch niemand weniger mit Christo zu tun hat, als sie. Aber sie maßen sich diese Titel an, üben eine Tyrannei über die Fürsten aller Welt und haben sich das christliche Volk so unterwürfig gemacht, daß es den geringsten unter ihnen »Herr« schimpfen muß.

Fieber. Jetzt sehe ich, daß du gelehrt genug bist und fortan des Fiebers nimmer bedarfst. – Aber man muß zuerst Rom, solcher Dinge Haupt, reinigen.

Hutten. Das muß man.

Fieber. Darum bleibe ...

Hutten. ... wohl! willst du doch sagen?

Fieber. Nein, sondern in vielen Krankheiten ohn Unterlaß.

Hutten. Hebe dich weg, du arges Wesen! Fort zu den Bösen! Mich bewahre Christus!

 

*

Hutten zu den Lesern.

Ein Pfaff, der treibt das Fieber aus
        Und hält danach mit Huren Haus,
Der hat ein bösen Tausch getan,
        Wie ich das hier beschrieben han.
Drum wollt ich, daß sie dächten nach,
        Das wär der Geistlichkeit ihr Sach.
Doch möchtens ehlich leben wohl,
        Der Ehestand ist ehrenvoll,
Den hat Gott selber eingesetzt;
        Weh dem, der anders hat geschwätzt
Und weiser glaubt, als Gott zu sein.
        Drum wünsch ich ihm der Hölle Pein
Und jedem, der das stiften wollt,
        Daß Schand vor Ehre gehen sollt!
Wär's besser nit, ein Priester stünde
        Des Morgens auf ohn alle Sünde
Von seinem Weib und trieb sein Amt,
        Statt daß man sieht, wie unverschamt,
Befleckten Leibs zur Kirche hin
        Solch Kerl geht mit unreinem Sinn?
Sie haben selbst nit Schuld daran,
        Weil Mensch ohn Fleisch nit leben kann;
Doch rächen wirds an denen Gott,
        Die einstmals machten solch Verbot!
Drum denk ein jeder, was er tu;
        Läßt es ihm ohne Weiber Ruh,
So sei er Pfaff und leb ohn Schand.
        Fürwahr, sonst straft ihn Gottes Hand,
Die alles strafet, was geschicht,
        Das soll kein Mann verachten nicht.
Gott will sein Kirchen haben rein,
        Ist allen gesagt, nicht einem allein.
So sollten, die den Namen han
        Der Geistlichkeit, uns führen an,
Und andern geben gute Lehre –
        Von hohem Stand soll kommen Ehre!
                                Ich habs gewagt.

Das Büchlein spricht.

Ich bin ein Büchlein; wie man sicht,
        Und sondre Arbeit zugericht.
Und grüße jeden, der mich liest,
        Wo anders mein ein Leser ist.
Eh mich der Dichter fertigt ab,
        Den Rat ich ihm mit Treuen gab:
Daß er daheim mich länger hielt.
        Von ihm ward ich alsbald gestillt,
Getrieben aus in fremde Land.
        Zu werden weit und breit bekannt;
Wohl mußt ich tun, was er mich hieß,
        Wiewohl das manchem schafft Verdrieß.
Des muß er Abenteur bestahn,
        Davor ich ihn gewarnet han.
Auch hab mein selbst zu sorgen ich,
        Daß mans nit laß entgelten mich.
Ich kenn der Römer Regiment.
        Vergleichen habens viel verbrennt.
Daß mir nicht solches widerfahr!
        Ich wett, sie zaudern nicht ein Jahr,
Dann schleppen sie mich vors Gericht.
        Wer ist, der dann hinwider sicht?
Jetzt gibt mir mancher tröstlich Wort,
        Wenns aber kommt an jenen Ort,
So fürcht ich, wenig werden sein,
        Die sich annehmen wollen mein.
Dem sei nun, wie ihm wird und ist,
        Ich lehr der Kurtisanen List,
Und sag ganz frei und unverhehlt,
        Wie es mit Rom jetzt ist bestellt.
Wer da regirt und wie man lebt,
        Wie Schmach sich täglich mehr erhebt,
Wie statt zu geben gute Lehr,
        Sie bös Exempel schicken her.
Und wird verkauft des Himmels Thron,
        Ob ihn besitzt Gott selber schon,
So ist der Schinderei kein Zahl,
        Wie sie uns scheren blank und kahl,
Und nehmen stets von deutschem Geld,
        wie ihre Praktik ist bestellt.
Sie finden täglich neue Wege,
        Daß Geld man in den Kasten lege.
Der Deutsche kommt um Hab und Gut –
        Ist niemand, den das reuen tut?
Fürwahr, es ist erbärmlich sehr,
        Daß ihr nit mögt behalten mehr.
Was euer Gut und Eigen ist,
        Und merkt nichts von der falschen List,
Damit man euch beraubt und schindt.
        Bisher die Deutschen waren blind,
Ich heiß sie tun die Augen auf.
        Daß schauen mög der ganze Hauf
Der Römer Trug und Listigkeit.
        Und wie der Hirt sein Schäflein weidt,
Und sorget für der Seelen Heil,
        Wie man uns beut den Himmel feil,
Wobei Gott selber wird verkauft!
        Wie mancher Narr nach Rom hinlauft,
Zu holen Ablaß sich und Gnad.
        Weil man das Volk beschwatzet hat,
Daß man für seine Schuld und Sünde
        In Rom, sonst nirgend, Buße finde.
Von solchen und noch andern Plagen,
        Will ich jetzt deutsch und offen klagen,
Das höre jeder, dem's beliebt!
        Obschon mir Rom nicht Ablaß gibt
Und viel um Wahrheit hassen mich,
        Wills leiden ich geduldiglich;
Wer weiß, was noch ereignet sich!
        Vielleicht, wenn Leid mir widerfährt,
Wird wohl sich finden Hand und Schwert
        Hin gegen solch Gewalt gekehrt!


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