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Harsen hat geendet. Einen kurzen Augenblick sieht man ihn noch stehen, die große sehnige Gestalt mit den klaren, alles beherrschenden Augen. Noch sehen sie ihn an, den Mann, der ihnen sagte, daß er eine Großmacht ist, welche ihr Ultimatum stellt, den Mann, der das tat mit der Meisterschaft des Wortes, die da Kraft und Mäßigung berechnend verteilt. Ja, es ist Unerhörtes geschehen. Es ist ein Wille aufgestanden in Europa, der sich nicht beugen läßt. Es ist etwas Niederdrückendes hineingefahren in diesen Kreis, ein Adler ist in die Herde gestoßen.

Harsen macht eine kurze Verbeugung. Man hört Stuhlrücken. Linde v. Hefften ist aufgestanden, rot vor Erregung. Der Minister drückt die Hand. Sie gehen.

Jetzt weicht die Erstarrung. Bewegung schwillt auf. Zurufe kommen: »Unerhört!« der eine, »Dableiben!« der andere, »Ruhe!« der dritte. Aufgesprungen sind die Menschen, gestikulieren und schreien, ballen sich in Gruppen. Mit Gewalt ihn halten? Sie sind Diplomaten! Er ist kräftig! Die Menschen an der Türe haben deutsche Gesichter! – Und es geht alles so schnell!

Harsens Schritt ist ruhig. Es ist keine Pose darin. Er wendet sich nicht um. Unten steht das Auto. Die Tür ist offen.

Der Fahrer grüßt. Die Tür fliegt zu. Der Wagen rollt an. Oben stehen die Delegierten gedrängt im Rahmen der Tür. Aber Harsen sieht nicht zurück.

Das Tempo steigt. Harsen denkt, daß jetzt der Freiherr die Menschen beruhigen wird. Erst Kaffeepause, dann Fortsetzung. In der Pause wird er sich mal den Lord Rotherfield vornehmen. Es wird dann auch durchsickern, daß die deutsche Delegation zu morgen mittag ihren Zug bestellt hat, und schließlich, daß der General v. Hefften im Flugzeug reisen wird, weil das schneller geht. Oh, man hat auch Regie!

Hieran denkt Harsen, und Linde ist noch ganz in Aufruhr. Es ist fast zu viel für sie. Ihre Nerven zittern. Er gegen die Welt! And wie er sie stellte, wie er sie zum Sieden brachte und dann doch wieder die Grenze wahrte! Wie er seinen Willen diktierte und es ihnen doch noch leicht machte, ihn zu erfüllen!

Ihre Hand sucht die seine. Es ist eine fieberheiße Hand, und es ist ein fester Druck, von ihr und von ihm. Dann sind sie auf dem Flugplatz. Er ist leer, nur D 4034 steht da, und nicht weit davon der Kommissar Knebel mit anderen kräftigen Gestalten. Sie grüßen. – – –

Da steigt er, der blitzende große Vogel. Der Motor donnert sein gewaltiges, brausendes Lied. –

Nach Osten!

*

Sonnenlicht!

Sonnenlicht über den blauen Wassern des Genfer Sees, Sonnenlicht auf den weißen Gipfeln der Alpen. –

Wie klein jetzt alles da unten wird, die Städte und Dörfer, die grünen Tannenwälder und selbst der blitzende Bodensee! Da fließt auch der Rhein, macht bei Basel den scharfen Knick.

Ja, lieber deutscher Rhein, du sagenumsponnener, rebenumfriedeter Strom, auch um dich ging heute der Kampf. Möge er glücklich enden! Auch für dich!

Schwarzwald, du liegst in deinem tiefen Ernste da wie ein Gruß aus hartem Norden. Bald wird Schnee die Wälder decken. Doch unter den tiefen Dächern wohnt um so traulicher dann das Glück.

Donau, noch bist du ein schmaler, lieblicher Fluß, ein einziges Notenband von deinem Meister Strauß. Dörfer und Städte begleiten dich, wunderherrliche Musik aus Stein.

Und da liegt Wien!

Sonnenlicht über Wien!

*

Es geht niedrig hinweg über die Stadt der Geigen und des Dreivierteltaktes, immer nach Osten. Man wird sich vielleicht erkundigen! Dann aber steigt der gläserne Vogel – 2000 – 4000 – 6000 Meter. So, nun sind sie nicht mehr zu sehen. Jetzt dreht der Pilot ab – nach Norden, nach Nordwesten. –

Tief steht die Sonne, als sie landen. Es ist der Gipfel eines Berges. Ein Turm und ein Hotel stehen dort. Es ist der Brocken.

Winterfeld empfängt sie. Er hat die Fernsprechdrähte zum Tal durchschnitten, sicherheitshalber. Die Zeitungen haben ja außerdem noch Schweigegebot.

Nun sitzen sie am Abend zu dritt in einem Sonderzimmer.

Das Radio bringt die Nachricht, daß in Genf eine Abendsitzung eingeschoben worden wäre. Dort sind jetzt ihre Gedanken. Was dann, wenn die anderen nicht nachgeben? – Ja, was dann? – Linde fragt nicht. Sie will Harsen nicht stören. Sie fühlt, das bewegt ihn selbst. Er grübelt, er plant schon wieder. Das sieht man an seiner Land.

Mit einemmal: »Sagen Sie, lieber Winterfeld, wie weit ist es wohl von Angora bis Rom? – Ganz ungefähr!«

Also dahin!

Aber dann ist er fertig. Seine Miene ist hell und in seine Augen kommt wieder der warme Glanz. Der Wirt muß Wein bringen. Und wieder:

»Nochmals, Linde, auf gut Gelingen!«

*

Wann ist der Himmel strahlender im Blau, wann die Sonne leuchtender, wann der Wald herrlicher in seiner Farbenpracht, als an einem stillen, klaren Tag im Herbst? Es ist, als wolle Mutter Natur alles ausschütten, was sie an Gaben im Füllhorn besitzt, Farbe und Licht, Klarheit und Weite.

So ein Tag leuchtet heute über den Bergen des Harzes.

Linde und Harsen sitzen auf einer Bank. Am sie herum ist all diese Herrlichkeit. Wie ein still gewordenes Wogenmeer liegen vor ihnen die Wälder, in blauen Fernen verschwimmend, aber golden und scharlach im Ring der Nähe.

Sie sind beide still. Wenn Gott so redet, dann schweige der Mensch!

Aber schließlich wandern doch die Gedanken. Dort vorne, hinter den Bergen, im Tal, dort muß Leichtstadt liegen. Und viel, viel weiter noch, keinem Auge erreichbar, wird jetzt das Ende des Kampfes sein. Vielleicht, daß gerade der Freiherr v. Altenau dort steht und achselzuckend die goldene Uhr herausholt: »Meine Herren, ich muß jetzt aber die Meldung nach Zeesen geben.« –

Richtig, die Luft ist hier oben so rein, da hört man ganz deutlich den Lautsprecher vom Hotel. Musik bringt er, Lieder, Tänze und Märsche. Ja, auch Märsche. Märsche sind wie Fahnen. In ihren Klängen weht der Kampf. –

Oben in blauer Höhe zieht ein Falkenpaar seine Kreise, einer um den anderen herum, ruhig und stolz. Es ist ein Bild sieghafter Kraft. – –

Die Musik da hinten bricht ab. Es ist mitten im Hohenfriedberger Marsch.

»Wir bringen Ihnen eine Sondermeldung aus Genf.«

Nun muß es kommen. Linde fühlt, ihr Herz setzt aus.

»Auf der Internationalen Konferenz brachte England den Antrag ein, wonach zur Bereinigung der europäischen Dauerspannung alle Vertragsstaaten von Versailles auf den Stand Deutschlands abzurüsten haben. Der Antrag wurde von diesen Staaten einstimmig angenommen. Die sehr kurzen Fristen werden später bekanntgegeben.«

Und jetzt wieder der Marsch.

Die beiden hören ihn nicht mehr. Sie sind aufgesprungen.

»Erreicht!« sagt Harsen. Freude sprüht aus ihm.

Sie stehen sich gegenüber, diese beiden Menschen, deren Werk am Ziel ist, deren Herzen einen Takt nur schlagen. Ihre Augen liegen ineinander, und dann finden sich die Hände und dann, dann reißt Heino Harsen in jubelnder Freude die Linde in seinen starken Arm, und lange liegen die Lippen aufeinander.

Doch dann nimmt er sie, daß sie beide den Blick in die Ferne haben, nach Leichtstadt zu:

»Ja, Linde, das eine ist erreicht. Nun soll auch das Zweite gelingen. Nun wollen wir den Menschen da unten noch eine andere frohe Kunde bringen:

Linde, willst du dein Leben mit mir teilen, immer und immer, in Freude und Leid, dann rufe dein Ja hinein in die Welt!«

Da klingt es wie der Jubelschrei des Falken, von der Höhe herab ins Tal, über die Gluten herbstlicher Wälder, über die Berge und Länge, über Gottes weite, weite, ach so herrliche Welt.

 

Ende. –

 


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