Autorenseite

 << zurück weiter >> 

III.

Die Sache fängt an, mir Spaß zu machen. Noch im Herbst 1902, vier Jahre später, nachdem Schlaf durch seinen draufzutäppischen Artikel im letzten Septemberheft der »Zukunft« vom Jahre 1898 diese öffentliche »Auseinandersetzung« mit mir höchst überflüssig vom Zaun gebrochen hatte, wünschte er in seinem »letzten und definitiven Ceterum censeo«, »daß wir, jeder in seiner Art«, als »zwei gleich starke und innerlich selbständige Individualitäten« gewertet werden möchten; und heute, drei Jahre abermals später, hat sich auch selbst diese großmütige »Gleichheit« schon wieder so weit verschoben, daß ich nicht bloß sein Ausbeuter gewesen sein soll, sondern: ich soll diese selbe Niedertracht auch noch an einem Andern begangen haben! Wenn das so weiter geht – und es hat fast den Anschein – bin ich ehrlich gespannt, was von mir Diabolischem schließlich noch übrig bleiben wird. Doch ich will nicht »vorgreifen«.

1.

Nachdem auf meine vorstehende Broschüre hin der Kampf der Wagen und Gesänge fast zwei Jahre geruht hatte, sah ich mich am 11. Juni 1904 zu nachstehender Erklärung in der »Zukunft« genötigt:

Rund zehn Jahre nach Beginn meiner Zusammenarbeit mit Johannes Schlaf wurde die literarische Welt durch die »Enthüllung« überrascht, daß alles Wesentliche in unserem Buche ›Neue Gleise‹ von Schlaf allein herrühre und daß ausschließlich er der »Initiator der neuen deutschen Dramas« sei. Ich wählte die Ausdrücke »überrascht« und »Enthüllung«, weil wir bis dahin, jeder für den andern, energisch den gleichen Anteil betont hatten. Als Autor des »enthüllenden« Artikels stand gezeichnet? Schlaf. Was war dieses sonderbaren Rätsels Lösung? Ich suchte Schlaf zu schonen und vermied daher auf diese Frage die Antwort. Ich begnügte mich, Schlaf durch Schlaf selbst zu widerlegen, indem ich detailliert nachwies, wie seine plötzliche Behauptung, die durch etwas Beweisähnliches nicht verursacht war, in direktem Widerspruch zu früheren Bekundungen von ihm stand, die ich Schwarz auf Weiß besaß, und der Zwischenfall war damit erledigt. Schlaf, der nichts erwidern konnte, schwieg. Das heißt: öffentlich. Privatim »verbot« er mir durch einen Rechtsanwalt die »Veröffentlichung seiner Briefe« und behielt sich »weitere Schritte« vor wegen angeblich in meiner Abwehr enthaltener »Beleidigungen«. Diese »weiteren Schritte« erfolgten nicht. Statt ihrer – abermals nach Jahren – kam eine neue Attacke auf mich; und zwar diesmal nicht bloß mit einem Artikel, sondern gleich mit mehreren, in verschiedenen Zeitschriften, und den geräuschvollen Schluß bildete eine Broschüre. Schlafs Behauptung war jetzt noch zugespitzter und lautete in ihrem letzten so, als hätte ich außer meinem Namen auf dem Titelblatt überhaupt Nennenswertes zu unserem »Gemeinsamen« eigentlich nicht beigetragen. Eine Beweisführung war von Schlaf wieder nicht versucht worden, ebensowenig eine Aufklärung, warum er wieder so lange geschwiegen hatte. Als Ersatz dafür war der Ton von einer Heftigkeit, die mich zwang, jene Lösung, die ich ihm und mir anfangs hatte ersparen wollen, endlich in die Öffentlichkeit zu geben: Schlaf ist seit Jahr und Tag geisteskrank! Er leidet an fixen Ideen – Größen- und Verfolgungswahn – und ist schon im Jahre 1893 von dem ersten Arzt, der ihn behandelte, Professor Siemerling, nach mehrwöchiger Beobachtung in der Irrenabteilung der Berliner Charitee für unheilbar erklärt worden. Eine Diagnose, die seitdem von anderen Ärzten bestätigt wurde. Das für mich Bedauerlichste an seinem Zustand ist, daß Schlaf sich einbildet, ich hätte ihm seine Krankheit anhypnotisiert. Er glaubt sich durch »Mental-Suggestion« »telepatisch« von mir »verfolgt« und läßt in seinen Briefen durchblicken, ich hätte mich dieses satanischen Mittels nur bedient, um mich von seiner – überragenden Bedeutung zu befreien. Schlafs Anspruch, durch den er eine Weile in Kreisen, die über seinen Zustand nicht genügend informiert waren, eine gewisse Sensation erzielte, ist also nur die literarische Form seines Wahns. Dieses behauptete ich nicht etwa nur, sondern belegte es. Man vergleiche meine Schrift »Johannes Schlaf, ein notgedrungenes Kapitel«; Berlin, Johann Sassenbach 1902; jetzt R. Piper & Co., München. Auf meine erste, spielende Abwehr, die fast scherzend war, wie man ein Kind zu beruhigen sucht, hatte Schlaf mir durch einen Rechtsanwalt gedroht. Auf diese zweite, ernste Abwehr, die, wenn sie nicht auf Wahrheit beruht hätte, einfach ungeheuerlich gewesen wäre, ist Schlaf bis heute stumm geblieben ... Die durch nichts gestützte Behauptung Schlafs, die unter dem unmittelbaren Eindruck meiner Broschüre damals niemand zu kolportieren wagte, ist jetzt durch einen dritten – Herrn S. Lublinski in seinem Buche »Die Bilanz der Moderne« – weitergegeben worden, als hätte ich mein »Notgedrungenes Kapitel«, in dem Schlafs Behauptung durch einen lückenlosen Indizienbeweis widerlegt steht, so gut wie gar nicht geschrieben. Ich figuriere in dieser »Bilanz« zwar ehrenvoll als der geistig bedeutsamste Posten meiner ganzen Zeitgenossenschaft, da Herr Lublinski mich den »Vater des neuen Stils und damit der modernen Literatur« nennt, aber dieses Stückchen Zucker, so süß es sein mag genügt mir nicht, um dafür das in Kauf zu nehmen, was ich in meiner angeführten Schrift, Seite 35, den »Vorwurf der geradezu erbärmlichsten literarischen Hochstapelei« genannt habe. Gegen Schlaf konnte ich nicht anders vorgehen, da man gegen einen geistig Gestörten nicht Prozesse führt; Herr Lublinski wird sich auf Grund des Paragraphen 186 StGB. zu verantworten haben. Es würde sich für die Herren Kritiker seines Buches empfehlen, die Verleumdung nicht weiter zu verbreiten, da ich gegebenenfalls gegen jeden andern denselben Weg einschlagen müßte.

Auf diese Erklärung erhob Herr Lublinski im »Neuen Magazin«, »dreiundsiebzigster Jahrgang«, ein Geschrei wie ein geprügelter Kakadu. Der Verfasser der »Bilanz der Moderne« hatte sich offenbar als eine Art »Entdecker« vor mir gefühlt, war, wie es scheint, auf meinen ersterbendsten »Dank« schon gefaßt gewesen, und nun regalierte ich ihn, als hätte er mit seinem »Vater« und »Stilgründer« nicht als Erster wiederholt, was ich in meinen verschiedenen Schriften schon längst und zur Genüge selbst festgestellt hatte – wenn auch in einem andern Jargon – als mein eigner »Bilanz«zieher. Ich war gutmütig genug, mich seiner Tragikomik zu erbarmen, und noch nachdem die Redaktion den Mord- und Blutplatz bereits geschlossen hatte, schimpfte der in seiner Eitelkeit Gekränkte hinter mir her – im Annoncenteil. Wen dieses menschliche Selbstdokument des »größten Kritikers des neunzehnten Jahrhunderts«, wie der nach Schlaf »Vollwertige« in »würdiger Bewußtheit« sich »treffsicher« selbst eingeschätzt hat, interessieren sollte, mag sich's nachblättern in jenem Dreiundsiebzigsten.

Und meine Privatklage?

Das Berliner Kgl. Amtsgericht II, Abteilung 19, gezeichnet Kehrl, vermochte nicht einzusehn, wie die von diesem größten Kritiker des verflossenen Jahrhunderts schwarz auf weiß als »Tatsache« hingestellte Behauptung, Schlaf sei es »allein« gewesen, der »nach gemeinsam durchsprochenem Plan die ›Familie Selicke‹ geschaffen«, und soweit ich in Frage gekommen, hätte es dann »nur« noch »an einigen (!) unerheblichen(!) Stellen des ersten (!) und dritten (!) Akts einer gemeinsamen(!) Feile (!) bedurft«, gegenüber dem Faktum, daß ich mich nicht nur genau so wie Schlaf auf dem Titelblatt jenes Stückes als Verfasser bezeichnet, sondern überdies auch noch später ausdrücklich und wiederholt den gleichen Anteil an dem Werk betont habe, den ich für meinen Mitarbeiter betonte, »geeignet« sein könne, mich in den Augen Dritter »verächtlich« zu machen, bzw. »in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen«, und lehnte daher die Eröffnung des Hauptverfahrens ab. Sein gutes Recht, da zu solcher Einsicht, so simpel sie uns Einfältigeren auch erscheinen mag, ein Kgl. preußisches Amtsgericht nicht verpflichtet ist.

Jedenfalls dadurch gewitzigt, glaubte ich mich auch auf die Herren Kgl. preußischen Beschwerderichter nicht mehr allzu unbedingt verlassen zu dürfen, und legte diesen daher vier Schriftstücke vor, in denen ich mir hatte bescheinigen lassen, daß ich nach dem Dafürhalten der Unterzeichner – nämlich der Herren Maximilian Harden, Dr. Paul Lindau, Dr. Otto Brahm und Prof. Max Liebermann – durch die angeführten Stellen in Herrn Lublinskis »Bilanz« eines Handelns beschuldigt sei, dessen Feststellung mich in den Augen meiner Berufs- und Rechtsgenossen allerdings »verächtlich« machen und in der öffentlichen Meinung allerdings »herabwürdigen« müßte. Und Herr Prof. Max Liebermann hatte seiner Bestätigung sogar noch kräftigst hinzugefügt: »Selbstverständlich wäre das, was der pp. Lublinski Ihnen imputirt, eine Beleidigung, und zwar die allerschwerste!« Zugleich erbot ich mich auch zu jeder etwa noch gewünschten Anzahl weiterer Zeugen, da mir zur Beschaffung dieser vier nur die kurze Frist eines einzigen Tages zur Verfügung gestanden hätte.

»Was geschicht? Er versoff!«

Das Kgl. Landgericht II, Strafkammer V, gez. Hellwig, Neuenfeldt, Hackenthal, ignorierte die vier vollkommen, würdigte ihre Beweiskraft nicht des geringsten Wörtchens und erklärte das von Herrn Lublinski beliebte »künstlerische Urteil«(!) – »die im einzelnen näheren Angaben mögen nicht zutreffend sein« – nach wie vor als nicht »geeignet«. Einen Appell über die drei Herren hinaus gab es nicht, blieb mir also nur übrig, über diesen erhebenden Teil der Tragödie den Vorhang zu ziehn.

In jedem Falle ist jetzt gezeigt:

Ich habe nichts unversucht gelassen, um die mich Angreifenden zum Beweise zu zwingen. Denn ich kann immer nur wiederholen: Was sie vorgebracht, bis auf Irrelevantes, das mit der Kernfrage nichts zu tun hatte, sind nur leere Behauptungen gewesen ohne den geringsten Versuch auch nur eines einzigen Belegs!

Von meinem Vorhaben, mit diesem Resümee nochmals zu den Lesern der »Zukunft« zu sprechen, riet Herr Maximilian Harden mir dringendst ab:

»Sie stehen ja zu hoch und haben zu viel geleistet, um wegen solchen Quarks oft in die Arena zu treten ... Sie haben bündig nachgewiesen, wie die Sache liegt. Ist's nötig, zehnmal, so oft irgendein Tropf oder Lump es wiederholt, nachzuweisen, daß man nicht Bettwäsche stiehlt und Kindern die Ohrringe auszieht?«

Die Unleugbarkeit dieses Letzten überzeugte mich.

2.

Zu verfolgen, wie Schlaf, der Zerrüttete, sich selbst bei dem Fall benahm, war ein grausames Spiel für mitleidslose Götter!

Trotzdem Herr Samuel Lublinski in seinem »Werk« sehr deutlich unterstrichen hatte, daß er seinem Schützling nicht alles geglaubt, ja trotzdem er später sogar ausdrücklich »feststellen« mußte, daß »seine Darstellung mit der von Schlaf nicht allzuviel gemeinsam« hätte »und der Holzschen Auffassung beträchtlich näher« stünde, wußte sich der arme Detrackierte vor zitternder Wonne über die paar ihm zugeworfenen Brocken kaum zu lassen, mühte sich, den kleinen Herrn Lublinski zum neuen Lessing in spe aufzupusten, und warb schließlich in einem zusammengeeilsingerten Elaborat »Der Indizienbeweis« um die – falls es noch gehn sollte – volle Gunst des von ihm Gefeierten in einer Weise, daß sich einem das Herz krampfte, wenn man dabei an Bücher zurückdachte, wie »In Dingsda«, oder an den »Meister Oelze«. Der »Hauptschöpfer«, der »Eigentliche«, der sich zu einem balzenden Auerhahn vor einem Strohwisch degradierte!

Auf den berührten »Indizienbeweis«, damit Schlaf sich nicht »beschweren« kann, will ich hier kurz eingehn ...

Schlaf behauptet – wieder selbstverständlich ohne den auch nur bescheidensten Ansatz zu einem Beweise – sein Anspruch, die »Familie Selicke« rühre »in Konzeption, Entwurf und Aufbau und in der Niederschrift« von ihm »allein« her, wäre »von mir selbst, wennschon lau und zögernd zugegeben«.

Von einer solchen »Zugabe«, von der auch schon Schlafs Gönner, Herr Lublinski, phantasierte, findet sich bei mir – man durchsuche mein ganzes »Kapitel« – nicht ein Sterbenswörtchen. Wohl aber steht und ist gar nicht mißzudeuten: »Man setze in die gesamte Darstellung Schlafs statt schwarz weiß, statt krumm gerade, plus statt minus, und sie stimmt ungefähr.«

»Holz behauptet, daß er die Niederschrift durchgesehen und derartig verbessert habe, daß ihm der Hauptanteil an dem Werk gebühre.«

Diese »Behauptung« – auch der ewige Herr Lublinski faselte von ihr – ist aus der die beiden Verzweiflungskämpfer umgebenden schlechten Luft gegriffen. Findet Schlaf sie »allgemein und unbestimmt«, so muß er sich also mit seiner Beschwerde schon an sich selbst wenden, oder an seinen Wohltäter Herrn Lublinski; nicht aber an mich, oder womöglich noch unschuldigere Dritte. Meine »mit aalglatter Schlauheit ausweichende und um das Eigentliche herumgehende Art eines Menschen, der einer innerlich durchaus faulen und unhaltbaren Prätension einen möglichst überzeugenden Grad von Wahrscheinlichkeit zu geben sucht«, hat es durchaus für gut befunden, über einen solchen » Hauptanteil« noch nichts zu äußern. Es müßte denn, indirekt, jener Passus gewesen sein, den ich auf meiner Seite 15 schrieb: »Daß bei einer solchen Zusammenarbeit – wie ja wohl überhaupt bei jeder Zusammenarbeit – die Gefahr, seinen Anteil dem andern gegenüber im stillen zu überschätzen, für beide Teile vorlag, ist menschlich begreiflich. Um so mehr hielt ich von allem Anfang an für das einzig Korrekte, für meinen Mitzeichner genau so wie für mich selbst einzustehn (vgl. »Neue Gleise«, Seite 92), und ich glaube, man wird mir bis zu jenem »Zukunfts«-Artikel Schlafs auch nicht eine Wendung vorrücken können, durch die ich den Vortritt vor ihm auch nur um die Breite eines Millimeters beansprucht hätte!« Im Gegenteil: ich ließ ihm diesen »Vortritt«, so oft und wo ich unsere beiden Namen nennen mußte, stets galant – als dem vom schwächeren Geschlecht. Genügts?

Schlafs Frage, warum ich seiner »durchaus positiven und detaillierten Angabe«, wir hätten »gemeinsam« an dem ganzen Stück »nur einige Zeilen auf den ersten sieben Seiten des ersten Aufzuges und auf der letzten des dritten gemacht«, und selbst diese »gewissermaßen nur pro Forma« – ein Ausdruck, den ich damals selbst gebraucht haben soll – nicht eine »gleich positive entgegenstelle«, ist eine so peinlich einfältige, daß es mir Ueberwindung kostet, mich überhaupt zu ihrer Beantwortung zu verstehn. Ich verstehe mich jetzt zu ihr der von Schlaf so gewünschten »Ordnung wegen«.

Ich stelle Schlafs »durchaus positiver und detaillirter Angabe« nicht eine »gleich positive entgegen«, weil eine solche Entgegenstellung eine zu billige Kinderei wäre. Schlafs »durchaus positive und detaillierte Angaben«, mit denen er um so freigebiger wurde, je ruhiger er sich in seiner Ohnmacht von mir zurückgewiesen sah, wiegen mir noch nicht einmal das Gewicht eines Stäubchens. Wer in einer Angelegenheit seine Aussage bereits gemacht hat, von dem verlangt man, wenn er diese Aussage plötzlich in ihr Gegenteil dreht, Beweise! Oder, wenn er diese nicht geben kann, mindestens eine psychologisch stichhaltige Erklärung seiner Motive, die wenigstens über diese Gegensätzlichkeit als solche Licht verbreitet. Schlaf, trotz nun schon wiederholtester Aufforderung von mir, blieb Beides schuldig. Er fabelte statt dessen das Blaue vom Himmel herunter und hat nun die beneidenswerte Naivität, in solchem Zeugs einen »heißen Brei« zu sehn, »um den ich in all meiner bisherigen Polemik herumgegangen« sei.

All meine bisherige sogenannte »Polemik« – ich konstatiere das – war lediglich Abwehr. Ich mußte Schlaf sich immer tiefer verstricken lassen, seine Widersprüche mußten immer verwickeltere werden, seine Ansprüche immer excessiver. Und sie sind es heute in einer Weise, daß ich von diesem »Erfolg« meiner Methode selbst überrascht bin. Ich konnte eine andre Taktik garnicht einschlagen, selbst wenn ichs gewollt hätte. Bloß mit einem System von Behauptungen zu operiren, lediglich weil so der Gegner verfährt, widersprach, von meinem Empfinden für Logik abgesehn, schon allein meinem Geschmack. Die Beweise, über die ich grade für die wichtigsten Punkte verfügte, waren naturgemäß sämtliche nur indirekt. Sie langten zwar, Schlafs Nachträglichkeiten zurückzuweisen, wie sie dazu auch in alle Zukunft langen werden, aber nun auch meinerseits »positiv« werden zu wollen, wird mir nie einfallen. Ich weiß zu gut: Dinge, wie derartige Zusammenarbeiten, sind zu komplizirt, um sie später auseinanderzuwirren. Selbst bei bestem und ehrlichstem Willen der Nächstbeteiligten. Dieser beste und ehrlichste Wille fehlt aber im vorliegenden Falle bei Schlaf nicht nur gänzlich, sondern es ist sogar an dessen Stelle gradezu mehr als das ausgesprochenste Gegenteil getreten: Schlafs Verfolgungs- und Größenwahn, der sich gegen mich um so persönlicher richtete, je mehr der Allgemeinheit die Erkenntnis dämmerte, daß ich der eigentliche Untergrund seines ganzen Schaffens gewesen und je beklommener er selbst dunkel fühlte, wie die Qualität seiner Produktion permanent sank. Gerade das feinere Unterscheidungsvermögen für Mein und Dein, die moralische Sphäre gerät bei derartig Kranken erfahrungsgemäß zuerst ins Wackeln, und dies »erklärt« sie ebenso, wie es sie gleichzeitig »rechtfertigt«. So auch, und zwar in ausgeprägtestem Maße, bei Schlaf. Und nun vollends die wahrhaft lächerliche Einmischung eines uns bis dahin wildfremd gewesenen Dritten! Zumal, nachdem dessen Sachlichkeit noch ganz besonders dadurch gehoben wurde, daß der anfänglich von ihm »Bevorzugte« ihm einen Tritt dafür versetzte, statt der erwarteten – Tüte mit Zuckerplätzchen. »Die recherche de la paternité, die Herr S. Lublinsky vornimmt«, so schrieb mir hierüber unser gemeinsamer Landsmann Herr Hermann Sudermann – denn als Landsmann muß ich Herrn Lublinski zu meinem Bedauern nun schon mal anerkennen – »erscheint mir als ein ebenso müßiges wie gehässiges Gerede, das logisch in sich selbst zusammenfällt«. Nachdem die literarische Schätzung dahin übereingekommen war, in meiner ehemaligen Zusammenarbeit mit Schlaf eine »literarische Ehe« zu erblicken, in der ich der »Mann« gewesen, fing Schlaf, der inzwischen psychisch Erkrankte, an, sich über sein geistiges Geschlecht schmeichlerischen Illusionen hinzugeben, bis sich seine Erinnerungen schließlich derartig verhedderten, daß er heute allen Ernstes der Meinung ist, der Unterrock hätte damals um meine Beine, die Hose aber um seine geschlottert. Denn daß das arme »Kind«, um das es sich handelt, zwei Väter gehabt hat, glaubt Schlaf Gott sei Dank selbst noch nicht. Er stampft mit dem Fuß auf, wie ein unartiger kleiner »Liebling«, dem man einen Bonbon verweigert: »Die fable convenue vom energisch und zielbewußt zupackenden Manne« müsse »aufhören«! Mich als »Vater der neuen Literatur« und »Schöpfer eines neuen Stils« zu bezeichnen, sei »nicht statthaft«! Nicht nur das Inland, auch bereits das Ausland fröhne diesem »Unfuge«! » Das muß unter allen Umständen und durchaus seine Korrektur und Richtigstellung erfahren!! (Ich sperre wieder nichts, was nicht bereits im Original gesperrt steht.) Sie würde von meiner Seite wohl schon längst erfolgt sein, wenn nicht äußere Umstände mich im Laufe der letzten Jahre daran gehindert hätten.«

Diese »Korrektur und Richtigstellung« ist zwar von Schlaf, trotz jener »äußeren Umstände«, »im Laufe der letzten Jahre« schon wiederholt »erfolgt«, aber es scheint, diese »äußeren Umstände« hatten ihn auch diesmal wieder »daran gehindert«, diese »Korrektur und Richtigstellung« so erfolgen zu lassen, daß sie auch wirklich erfolgte und nicht bloß wieder nur für ihn in seiner Einbildung.

3.

Nach diesem abermals mißglückten Anlauf glaubte Schlaf sich noch einmal aufraffen zu müssen und veröffentlichte » noch einen Wahrscheinlichkeit- und Indizienbeweis.« Denn andere seien hier ja leider nicht möglich.

Darf »Herr Arno Holz« – diese drei Worte in Gänsefüßchen stammen von »Herrn Johannes Schlaf« – unter besonderm Hinblick auf das eben Voraufgegangne das gleiche Bedauern zum Ausdruck bringen?

Dieser, sagen wir also »wirkliche« Indizienbeweis – der vorangeschickte war eigentlich wohl bloß als »Bravour« auf meinen gemünzt gewesen – gipfelte darin, daß Schlaf etwas ganz Unerhörtes aufzudecken glaubte, indem er noch einmal mitteilte, was bereits in seiner Broschüre gestanden. Mit andern Worten, olle Kamellen.

Nämlich: daß der »Grundstock« zur »Familie Selicke« eine Skizze, betitelt »Mainacht«, gewesen sei, die er, Schlaf, »eines schönen Tages in Pankow während Holzens Abwesenheit zu Papier gebracht«. »Das hat Holz – ein sehr wesentlicher Punkt! – nie im ganzen Verlauf unserer Polemik in Abrede gestellt oder stellen können.«

Will Schlaf noch mehr?

Auf Seite 30 meiner Darstellung habe ich ihm ausdrücklich bescheinigt, daß mit Ausnahme des »Ersten Schultags«, der als alte, längst zurückgestellte Arbeit von mir gradezu gegen meinen Willen in unser »Gemeinsames« gekommen, alles letzte rein Stoffliche – oder doch wenigstens, wie ich dies gleich noch präziser ausdrücken möchte, alles immer erste Anläßliche dazu – ausschließlich ihm allein gehöre. Also auch das der »Familie Selicke«. Nur gestatte ich mir allerdings sofort hinzuzufügen. Respektive zu wiederholen: Hätte es sich anders verhalten, hätte Schlaf mir nicht einmal dies zugebracht, was würde ihn damals berechtigt haben, sich neben mich als »Mitarbeiter« zu stellen? Sein Können, das in jeder Beziehung weit hinter meinem stand? Sein Talent, an das ich allerdings bereits damals glaubte, das aber ohne mich nie zu dieser Entwicklung gekommen wäre? –

Ich schrieb soeben »alles letzte rein Stoffliche« und vergenauerte dies dann noch in »wenigstens alles immer erst Anläßliche dazu«. Für diese Angabe würde mir der Beleg fehlen, wenn ihn nicht der Zufall gegeben.

Schlaf hatte sein Urmanuscript zum späteren »Papa Hamlet«, ohne daß er mir davon erzählte, der »Gesellschaft« eingeschickt und diese druckte es dann ab, nachdem das, was ich aus diesem Embryo gemacht, inzwischen bereits in unserem Buch erschienen war und in dieser Form unserm damaligen Mitverschworenen Gerhard Hauptmann die in der Folge so bekannt gewordene »entscheidende Anregung« gegeben hatte. Jenen ursprünglichen Stoff, der von Schlaf stammt – als Titel über seine Skizze hatte Schlaf die Dürftigkeit »Auch ein Lebenslauf« gesetzt – vergleiche man, von allem Technischen, d. h. also allem Künstlerischen ganz abgesehn, mit der Erweiterung, die ich ihm in meiner Fassung gab. Denn Schlaf »irrt«, wenn er es heute so hinstellen möchte, als ob diese Fassung eine »gemeinsame« gewesen wäre. Er schreibt und läßt diese Zeilen gesperrt drucken, daß wir »Satz für Satz, ich möchte sagen: Wort für Wort gemeinsam durchgesprochen, abgewägt und seine endgültige Fassung festgestellt haben, die Holz mir dann in unser beider Namen in die Feder diktirte.« Von diesem stimmt nur das Indiefederdiktieren, das ich jetzt gesperrt drucken lasse, während Schlaf dies drolliger Weise nur mit seinen ersten Worten gethan.

Auch hierfür, denn sonst hätte meine Versicherung vielleicht nicht viel Wert, bin ich im Stande, Belege anzuführen. Und zwar zwei. Einen directen und einen indirecten. Der indirecte besteht darin, daß »Papa Hamlet« erst unsere zweite Arbeit war und also gleich auf die »Kleine Emmy« folgte, über deren Entstehungsweise ich mich bereits auf Seite 15 äußerte, ohne daß Schlaf in diesen drei Jahren auch nur den geringsten Einspruch dagegen erhob, und der directe in einer ganzen Reihe großer Folioblätter des Originalmanuskripts, die ich seinerzeit deswegen nicht fortgeworfen, weil sie ein derartiges in allen Tintenfarben schillerndes Tohuwabohu darstellten, daß sie mir gradezu »Kunst«wert zu besitzen schienen. Aus diesen Blättern läßt sich unsre damalige Arbeitsart mit einer Sicherheit reconstruiren, wie aus einem übrig gebliebenen Knochengestell ein versunknes Dinotherium. Was in Perlschrift von Schlaf dasteht, verhält sich zu dem, was ich zu diesem angeblich bereits »Gemeinsamen« noch hinzugebessert habe, höchstens, aber auch allerhöchstens wie Eins zu Drei. Woraus sich ergiebt: Die gemeinsame Durchsprechung »Satz für Satz«, die Schlaf behauptet, das angeblich fast ebenso erfolgte Abwägen »Wort für Wort«, so daß ich dann Schlaf »in unser beider Namen« nur noch das Resultat in die Feder dictirt« haben soll, kann gar nicht stattgefunden haben. Sondern: Ich hatte vor mir seinen »Lebenslauf«, kritisirte ihm diesen – und zwar das allerdings Satz für Satz und allerdings fast Wort für Wort – und dictirte ihm dabei, in erster Form, meine Fassung, die mir dann meist auch noch nicht genügte, so daß ich mich noch wiederholt und selbst niedersetzen mußte!

Dies, noch beim »Papa Hamlet«, war unsre »Gemeinsamkeit«. Sie ist um so illustrativer, als Schlaf, bereits in seiner Broschüre, die Stirn hatte, zu behaupten: Nach unsrer »gemeinsamen« Feile der »Kleinen Emmy«, bei der er mich damals »gewähren ließ« (!), sei » unsre Zusammenarbeit eigentlich und im Grunde denn auch bereits beendet« gewesen. (Sperr- und Fettdruck von Schlaf) Er hätte also später von mir nichts mehr »gelernt«, sondern nur noch geduldet, daß ich mich auf ihm ansiedelte – als Parasit. Ich muß gestehn, auch jetzt noch möchte ich es fast bedauern, daß ich mich mit dem unmittelbar Vorstehenden dazu herabgelassen habe, auf solche Sorte »Dankbarkeit«, wenn auch Jahre später und fast wider meinen Willen, zu antworten. Denn Dankbarkeit, da ich dieses Thema nun einmal angeschnitten, wirkliche Dankbarkeit, nur Dankbarkeit wäre das menschlich Selbstverständlichste, was Schlaf mir schuldete, wenn er nicht eben schon längst für nichts mehr verantwortlich gemacht werden könnte. Dieses wissen alle Diejenigen, die damals seine und meine Freunde waren und von denen kein einziger »auf seiner Seite« steht; trotzdem alle zweifellos dasselbe Mitgefühl mit ihm haben.

Die Gerechtigkeit, mit der ich auf Seite 15 meiner Darstellung abwog, daß Schlafs »Leistungen« – gemeint damit im Speziellen waren seine ersten Fassungen, von denen keine zu Papier gebracht wurde, bevor ich sie nicht eingehendst mit ihm besprochen, und zu denen ich ihm stets das reichhaltigste Notizenmaterial gab – »wertvoller wurden mit jeder Etappe, um die er vorrückte«, ist ihm, scheint es, so in den Kopf gestiegen, daß er sich jetzt nicht mehr genierte, niederzuschreiben: Jene »Mainacht« sei »wörtlich, bloß – versteht sich! – nach Ausscheidung der novellistischen Milieustimmungen, und fast ohne jegliche sonstige Abänderung oder auch nur Feile, der Inhalt des ganzen gegenwärtigen 2. Aufzuges der Familie Selicke.«

Und über diesen Widerspruch in sich, der mir nicht eine Zeile wert schien, stolperte nicht einmal Schlaf selbst. Geschweige denn sein »neuer Lessing«. Eine Familie, die, während der Schnee gegen das Fenster treibt, auf ihren Vater mit dem Weihnachtsbaum wartet, dieser Weihnachtsbaum figuriert dann sogar originalgroß auf der Bühne, und das Ganze ereignet sich, man höre und staune, »fast ohne jegliche Abänderung oder auch nur Feile«, vergnügt in einer »Mainacht«!

Ist's nötig, daß ich mich nach diesem noch zu Weiterem verstehe?

Die Skizze entstand, wie Schlaf »solidest« nicht zu präzisieren vergißt, »im Sommer 1888«; und zwar, wie er wiederholt beteuert, im Verlaufe eines einzigen Tages.

In jener Handschrift, die Schlaf mir für mein Buch »Die Kunst« seinerzeit zur Verfügung gestellt hatte, steht:

»16. Februar 1889: Ich fange mit ›Eine Mainacht‹ an.« Und, damit korrespondierend, gleich darauf: »Am 28. Februar beendige ich ›Mainacht‹.«

So referiert Schlaf, wenn es sich bei ihm um einen »Wahrscheinlichkeitsbeweis« handelt. Um den »allerbesten und überzeugendsten«, den er in seiner Tasche glaubt. Um einen » wohlgültigen und gutwertigen« für sein » alleiniges Autorrecht«. (Das Gesperrte, ich wiederhole, immer von ihm.) In seiner Erinnerung das Jahr Achtundachtzig und seinem eigenen Beleg nach das Jahr Neunundachtzig, in seiner Erinnerung ein einziger Sommertag und seinem eigenen Beleg nach ein halber Wintermonat! So »ganz positiv und mit jeder Bestimmtheit« sind seine »Aussagen«. Und von keiner, wie er versichert, geht er auch nur »einen Finger breit ab«.

Noch mehr gefällig?

»Holz schreibt mir, daß die ›Freie Bühne‹ gegründet ist, Hauptmann ist bei einem Drama – ›Vor Sonnenaufgang‹ –: es versteht sich, daß auch – ›wir‹ (dieses »wir« mit voraufgegangenem Gedankenstrich predigt Bibliotheken!) mit einem Drama aufs Tapet müssen. Er hat keins. (... hat keins). Kann auch, da er im Begriff ist, sein theoretisches Buch zu schreiben, keins schreiben. (Wohlgemerkt: in diesem »Begriff«, den ich dann auch sofort ausführte, stand ich erst fast ein ganzes Jahr später, nämlich im Sommer 1890, und in meiner »Kunst« steht dieses auch verzeichnet.) Ich indessen (Ich indessen) kann ihm mitteilen, daß ich einen Stoff und einen Anfang zu einem Drama habe. (... habe). Und, noch in Magdeburg, geh' ich an den Entwurf.«

So Schlaf in seinem zwingendsten »Indizienbeweis«. Und nun belustige man sich an dem nachstehenden Passus, datiert aus Magdeburg, kurz bevor Schlaf damals nach Berlin kam. Dieser Brief schildert, wie Schlaf de facto »bereits einen Stoff und einen Anfang zu einem Drama« hatte, und wie Schlaf de facto »noch in Magdeburg an den Entwurf« ging:

»Nun aber wie die Sachen liegen und da man unsere Richtung so poussiert – ich bin darüber starr vor Staunen und die diplomatische Mechanik dieser Sachlage auf Seiten der Mauthner, Brahm usw. ist mir so schleierbar, oder vielmehr so schleierhaft verschleiert wie es das Bild von Sais nur je gewesen sein kann – nun steht ja also zu erwarten, daß sich etwas recht Leidliches aus unserm Unternehmen ergeben wird. Ich denke, wir werden etwas hinter uns gebracht haben, was sich auch wirklich sehen lassen kann, quae cum ita sint. – Also denn mutig ans Werk. Wenn wir in unserer Stoffwahl ein klein wenig diplomatisch sind – und das ist ja wohl bei unserer und der Unsrigen Lage moralische Pflicht – so kann wohl auch eine Aufführung auf anderen Bühnen erfolgen. Für die ›Sozialaristokraten‹ würde ich weniger plädieren als für den schönen Stoff ... du weißt: der Arzt, der seinem Schwiegervater notgedrungen zum erwünschten Tode verhilft und später mit seiner Frau darüber auseinanderkommt. Dieser Stoff (er stammte, wie der der »Sozialaristokraten«, den ich dann später auch ausführte, von mir und hatte mich lange »beschäftigt«) würde der Situation sehr angemessen sein oder ein ähnlicher, und schließlich ist ja jeder Stoff zu – allem fähig.«

So »konnte« Schlaf mir »mitteilen«, daß er, und zwar bereits in Magdeburg, über der »Familie Selicke« war, indem er tatsächlich noch nichts hatte, als einige vage Vorstellungen, deren bescheidenen Besitz er – mir verdankte.

Ich breche ab. Ich hatte, als Schlaf mit dieser seiner vermeintlichen pièce de résistance zum erstenmal kam, kein Wort an sie verschwendet. Ich habe ihr jetzt, nachdem er bei verstärktem Orchester zum zweitenmal mit ihr gekommen ist, bereits zu viel Ehre angetan.

»Wollen Sie noch mit weiteren Winkelzügen, Finessen, Pikanterien, Spitzfindigkeiten und Hakenschlägereien Ihre Sache noch mehr verschlechtern?!«

Nein. Dies so plötzliche »Sie« mit seinem melodramatischen Aplomp läßt mich erschüttert verzichten ...

Ich hätte »das böse Wort von ›literarischer Hochstapelei‹ gesagt.« Nun, das sei es nicht, was er mir zum Vorwurf gemacht hätte. »Aber« – er möchte mir den Pelz zwar für sein Leben gern gewaschen haben, schreckt jedoch davor zurück, ihn mir bei dieser Gelegenheit sozusagen naß gemacht zu haben – »Aber: Sie leiden an Autosuggestionen! Heillos haben Sie sich in Autosuggestionen verrannt. Am Ende, der Teufel scheint nun mal seinen Spaß zu haben: kommt es zutage, daß Sie die – pathologische Natur sind und daß ich sie nicht bin. Und so ist und liegt die Sache.«

Man muß, meine ich, schon merkwürdig grobe Ohren haben, um des Armen Jammerzustand nicht mit erschreckender Deutlichkeit allein aus diesem einen Passus heraus zu hören.

Unterm 3. Juli 1889 schrieb Schlaf:

»Gesund ist der, welcher das geradeste, auskömmlichste Verhältnis zur Außenwelt hat, der sie beherrscht und nicht von ihr beherrscht wird. Eine vollständige Gesundheit gibt es in diesem Sinne natürlich nie. Aber ein Mensch wie Goethe ist doch wohl schon in jeder Beziehung beneidenswert. In unserm Kreise, in welchem ich besonders meine Erfahrungen sammeln kann, ist nicht einmal ein Mensch wie Arno Holz in dem Maße so gesund. Wir andern nun gar! Wie verkniefelt, verzwickt sind wir! – O je! –«

So kann, wie das Exempel lehrt, aus ner Uhl schließlich ne Nachtigall werden und aus ner Nachtigall ne Uhl.

4.

Die vorstehenden drei Absätze schrieb ich nieder, nachdem mir von meinem Verlag eine Buchhändleranzeige zugegangen war, laut welcher »in den nächsten Tagen zu Ausgabe« gelangen sollte: »S. Lublinski. Holz und Schlaf. Ein zweifelhaftes Kapitel Literaturgeschichte«. Diese »Broschüre, von großer ästhetischer und literarpsychologischer Bedeutung,« würde »nicht verfehlen, großes Aufsehen zu erregen«, ginge sie doch »mit unerbittlicher Schärfe und unausweichlicher Kraft und Sicherheit der Deduktion an der Hand von Tatsachen«, die für meine »literarische Prätensionen geradezu vernichtende« seien, »indem sie z. B. unter anderem auch den Beweis« führten, »daß nicht Holz, sondern Paul Ernst der Verfasser der Sozialaristokraten« sei.

Diese Prise Tobak, ich muß gestehn, war mir denn doch etwas »überraschend« gekommen. Ich setzte mich daher, noch bevor ich mich an die drei Voraufgegangenen machte, sofort hin und ließ dem »Verfasser der Sozialaristokraten« folgenden Satz zur Unterschrift zugehn:

Entgegen der Ausstreuung durch Herrn S. Lublinski, »daß nicht Holz, sondern Paul Ernst der Verfasser der ›Sozialaristokraten‹ ist«, erkläre ich: das Umgekehrte ist der Fall!

Um sich hierüber zu »entscheiden«, brauchte der »Verfasser« rund eine Woche, und sein Entscheid – lautete ablehnend.

Heiliger Bimbam! Arme Druckerschwärze! Ich muß dich jetzt arg mißbrauchen ...

Ich lasse, wie stets in solchen Fällen, wieder fast nur meine Belege sprechen:

 

»Wir, Arno Holz und Paul Ernst, treffen hiermit folgende Vereinbarung:

1. In Anbetracht, daß die zwischen uns waltenden Mißhelligkeiten, wenn sie vor die Öffentlichkeit gezogen werden, geeignet erscheinen, nicht bloß uns selbst, sondern die gesamte jüngere deutsche Literaturbewegung zu schädigen, übernehmen wir die Verpflichtung, gegenseitig über diese Dinge vor der Öffentlichkeit vollkommenes Stillschweigen zu beobachten und uns überhaupt möglichst zu ignorieren.

2. Ein Abgehen von dieser Verpflichtung ist nur dann statthaft, wenn von dritter Seite eine derartige Provokation stattgefunden haben sollte, daß wir zur Verteidigung unserer bürgerlichen oder literarischen Ehre gezwungen wären, den Kampf zu eröffnen und rückhaltlos von allen uns zu Gebote stehenden Waffen Gebrauch zu machen.

3. Im letzteren Falle bedarf es aber einer vorherigen formellen Ankündigung, daß die Vereinbarung aufgehoben sei, wonach die beiden streitenden Parteien verpflichtet sind, unter allen Umständen die Vermittlung des mitunterzeichneten Dr. Franz Servaes anzurufen.

4. Eine literarisch-kritische Berührung der gegenseitigen Leistungen oder auch nur Interessen kann natürlich nicht verboten werden. Es ist jedoch das betreffende Manuskript vor seiner Veröffentlichung dem Dr. Franz Servaes zu unterbreiten, damit dieser, nach genauer Rücksprache mit der andern Partei, zu entscheiden hat, ob etwaige Anstößigkeiten oder Unrichtigkeiten zu beseitigen sind.

5. Diese Vereinbarung existiert in drei handschriftlichen Exemplaren, zu Händen eines jeden der Unterzeichneten, und ist von diesen geheim zu halten.

Dt.-Wilmersdorf, 18. Mai 1898.

Arno Holz.        Dr. Paul Ernst.

ggz. Dr. Franz Servaes.

 

Die Vorgeschichte dieser »Vereinbarung« ergibt sich aus den nachstehenden vier Briefen:

Wilmersdorf, Pariserstr. 52.
23. VIII. 97.

Sehr geehrter Herr Ernst!

Verzeihen Sie, daß ich an Sie schreibe. Aber der Punkt, um den es sich für mich handelt, scheint mir zu wichtig, um ihn unerörtert zu lassen.

Ich las kürzlich, durch Jerschke darauf aufmerksam gemacht, Ihren Artikel in der Neuen Zeit »die Anfänge des neuen Dramas« und wurde in ihm lebhaft namentlich durch folgende Stelle frappirt. Notabene, Sie sprechen an jener Stelle von mir. »So war er mit keiner Tradition beschwert, sein Geist nicht seit Jahren in ein bestimmtes Geleise geleitet, das man vielleicht nie oder nur nach großer Anstrengung verlassen kann, sondern er konnte frisch darauf los arbeiten, wie ein geschichtsloser Wilder.« Mit andern Worten, hätte ich wie Dehmel Mathematik studirt oder wie Sie Nationalökonomie, die betreffende »Entdeckung« Sie wissen, vor Schlaf allen Respekt, aber er war in dieser Beziehung nur – Begleiterscheinung. Da ich nie ein Hehl daraus gemacht habe, daß ich im Uebrigen sein Talent rein als solches in Vielem sogar höher schätze als mein eignes, ist es nicht möglich, mich hierin mißzudeuten., wie Sie sie nennen, wäre nie durch mich gemacht worden! Mir scheint, Sie haben sich da doch die Erklärung dieser Leistung zu primitiv gelegt. Trotzdem würde sie mich natürlich an und für sich weiter nicht gewundert haben. Ich bin zu sehr mit dieser Methode, die Dinge blos aus 2 x 2 = 4 bestehen zu lassen, bekannt. Ich würde mich also über diesen Passus höchstwahrscheinlich nur amüsirt haben, wenn er nicht unglücklicher Weise von Ihnen stammte. Von Ihnen, der Sie doch wissen, und zwar so intim wie bisher noch kein andrer, daß ich eben diese selbe »Entdeckung«, nämlich die einer neuen Sprachbehandlung, nicht blos im Drama gemacht habe, sondern auch in der Lyrik. Und wenn ich auch schon gern verzichte, Ihnen die von Ihnen so benannte »geschichtslose Wildheit« in der ersten Disciplin nachzurechnen, obgleich sie natürlich auch schon hier nicht stimmt, durchaus nicht, so werden Sie doch sicher selbst zugeben, daß grade in der zweiten, wenigstens von allen Jüngeren heute, vielleicht Niemand sozusagen »geschichtsbehafteter« dasteht, als grade ich! Das Buch, das – Theorie und Praxis vereint – diesen ganzen Komplex endlich auch dem Publikum klar legen wird, soll Anfang 1898 erscheinen und ist in seinen wichtigsten Theilen bereits fertig. Um jedem Mißverständniß vorzubeugen, bitte ich Sie daher, falls Sie etwa auf Grund unserer ehemaligen Arbeiten und Gespräche ein ähnliches Werk beabsichtigen, das meinen Ideeen und Experimenten in die Fußtapfen tritt, was mich selbstverständlich nach jeder Richtung nur erfreuen würde, dieses Buch keinesfalls vor meinem herausgeben zu wollen. Ich schließe, indem ich selbstverständlich überzeugt bin, daß es nur dieser Bitte bedarf, um Sie danach handeln zu lassen. Nochmals: verzeihen Sie, daß ich für alle Fälle geglaubt habe, Ihnen schreiben zu müssen.

Arno Holz.

Wilmersdorf, Pariserstr. 52.
26. VIII. 97.

Sehr geehrter Herr Ernst!

Sie haben mich mißverstanden. Der Ausdruck in meinem Brief »meinen Ideeen und Experimenten in die Fußtapfen treten« bezog sich lediglich auf Lyrik. Im Drama – Sie wissen das selbst – steht dieser Thatsachenverhalt ja ohnehin schon fest fast bei unserer ganzen jüngeren Generation. Ich bitte Sie daher, Ihre betreffende geplante Artikelserie, die mir natürlich sehr interessant sein wird, ruhig fortsetzen zu wollen; sie aufzuhalten oder auch nur zu verzögern, habe ich weder das Interesse noch das Recht.

Wohl aber glaube ich, und zwar ganz entschieden, Beides zu haben, soweit es sich um Ihren, wie ich auf Grund jener Stelle also ganz richtig vermuthet habe, beabsichtigten Band Lyrik handelt. Ich bitte Sie dringendst und nochmal, es nicht dahin zu bringen, daß ich eines schönen Tages das bezügliche Verhältnis, in dem ich zu Ihnen gestanden, schmerzlich bedauern müßte. Sie scheinen das nachträglich vollkommen zu verkennen: es war durchaus das Verhältnis des Lehrers zu seinem Schüler!

Sie kamen zu mir mit einer Lyrik, die sich von der landesüblich hergebrachten höchstens dadurch unterschied, daß sie technisch vielleicht noch unbeholfner war als der gewöhnliche Durchschnitt. Etwas anders zeichnete sie nicht aus. Sie waren sich dessen, was Sie in dieser Beziehung konnten, oder vielmehr dessen, was Sie in dieser Beziehung nicht konnten, so wenig bewußt, daß Sie sich noch kurz vorher nicht genirt hatten, dokumentarische Belege dieser Ihrer Ohnmacht sogar an eine Zeitschrift wie die »Zukunft« zu senden. Erst auf mein Betreiben, nachdem ich Ihnen die totale Werthlosigkeit aller dieser Sachen mit vieler Mühe bis ins Detaillirteste nachgewiesen und Sie vor Allem darauf aufmerksam gemacht hatte, wie peinlich, falls Sie in der Richtung, die ich Ihnen als Ersatz wies, fortgerückt sein würden, Ihnen diese gedruckten Blamagen später sein müßten, verstanden Sie sich dazu, diese Manuscripte, die Sie kompromittirt hätten, zurückzuziehen; und Sie sind wahrscheinlich froh darüber noch heute. So wenig wußten Sie damals noch von »neuer Lyrik«, und so tief standen Sie.

Was Sie mir außerdem noch vorgelegt hatten, war bis auf das »Motiv aus Philistria«, das wenigstens die brave Absicht hatte etwas zu sein und hie und da, an einigen kleinen Stellen, auch wirklich schon etwas war, wenn freilich auch nur erst ganz bescheiden und noch hergebracht – war, Sie verzeihen, gleichfalls Schund. Sie wären überall damit ausgelacht worden! Ich that das nicht, glaubte zu erkennen, daß trotz aller dieser Verballhornung ein gewisses Talent doch in Ihnen steckte, und – ich bitte wieder um Pardon, aber die Sache stimmt leider wieder – und: päppelte Sie auf!

Mein Gott, wenn ich daran zurückdenke. Was hat mir das für Mühe gemacht! Wie viel Geduld habe ich aufgewandt! So gelehrig Sie – alles muß und soll Recht bleiben – auch waren! Entsinnen Sie sich denn garnicht mehr? Wenn Sie zu mir kamen? Mit Ihrem »Neusten?« Sie können sich natürlich keine Vorstellung mehr davon machen, was dies dann immer für ein Tohuwabohu war! Dann kam meine Kritik. Jedes Wort, jeder Hauch! Mit allen drums und drans! Jedes Tüpfelchen setzte ich Ihnen auseinander! Bis dann oft schließlich keine Zeile mehr blieb. »So! Und nun, bitte, noch Mal! Mit dem Ersten haben Sie gezeigt, wie Sie's nicht machen müssen, zeigen Sie jetzt mit dem Zweiten: das Gegentheil.« Dann kam dies Zweite, diese erneute Fassung, und: dasselbe Spiel ging von Neuem los. So machten Sie oft drei, vier, fünf Brouillons und noch mehr, bis ich mich dann meist endlich mit Ihnen zusammen dranmachte, da das sogenannte »definitive« doch nie kam, trotz aller Anläufe, und stellte Ihnen nun das Ganze Silbe für Silbe auf die Beine. Auf diese Weise entstanden Ihre ersten Schöpfungen in der »neuen Lyrik!« ...

Daß Sie nun kommen und plötzlich nur noch von einer »Parallele« zwischen uns wissen wollen, ist eine Naivität, Herr Ernst, die ich Ihnen wirklich nie zugetraut hätte. Hätte ich sie Ihnen zugetraut, Sie dürfen überzeugt sein, ich wäre in einem großen Bogen um Sie herumgegangen! –

Sie erwähnen meine Gedichte im »Musenalmanach« und setzen hinzu: »über welche Sie theoretisch wie practisch zur Zeit unseres gemeinsamen Lebens nicht hinausgekommen waren, außer dem allgemeinen Gefühl, daß hier noch nicht Alles vollständig sei.« Soll das – ich frage Sie – vielleicht heißen, daß Sie(!) mir dann über dieses von Ihnen so anerkennend benannte »allgemeine Gefühl« hinaus diese Vervollkommnung gegeben haben? Sie scheinen – nehmen Sie mir das nicht übel – für solche Dinge ein sehr wenig zuverlässiges Gedächtnis zu haben. Ich wies Sie auf jene Gedichte, ich deckte Ihnen ihre Mängel auf – Ihnen, der Sie noch seelenvergnügt in Reim und Rhythmus schwammen!! – und ich war es, der Ihnen auch zugleich zeigte, wie diesen Mängeln, die, dies denn doch nebenbei gesagt, allzuschlimme nicht mehr waren, abgeholfen werden müßte! Und zwar – theoretisch, wie praktisch – an Ihren eigenen stets höchst mißglückten Entwürfen! Denn – ich wiederhole – ich hätte mir selbstverständlich nie auch nur im Traum einfallen lassen, daß Sie dann später je würden beabsichtigen wollen, mir in dieser Errungenschaft, die mir die liebste meines Lebens ist und auf die ich einzig stolz bin, durch eine vorzeitige eigene Publikation in diesem Stil, die Sie ohne oder gar gegen meinen Willen ediren würden, vorzugreifen! Mir hätte damals, Ihnen dergleichen zuzumuthen, verzeihen Sie, bitte, zum dritten Mal, nicht gentlemanlike geschienen. Hätte ich anders über Sie gedacht, ich verrieth schon, was ich dann vorsichtig um Sie gemacht haben würde ...

Ich bitte Sie, sich doch ja keiner Illusion hinzugeben. Als suchten Sie plötzlich die Weiterentwicklung auf einem ganz andern Wege! Es handelt sich hier um keine beliebige Möglichkeit, sondern durchaus, ganz schroff, nur um Eine! Nämlich um genau denselben Befreiungsakt in der Lyrik, den ich seiner Zeit und zwar mit Johannes Schlaf schon im Drama vollbracht habe. Um nichts andres. Und entweder ich vollbringe ihn mit meinem Buch, oder ich vollbringe ihn nicht. Aber ich habe grade bei Ihnen, grade bei Ihnen, den ich – ich wiederhole – in meine Ideeen und Experimente eingeweiht habe wie keinen Zweiten bisher, das heiligste Recht, zu verlangen: Stören Sie doch nicht »meine Kreise«! Erweist sich meine Kraft als zu gering – nun, um so besser dann für Sie. Dann vollenden Sie, woran ich kläglich gescheitert bin, und sind der »große Mann«. Gelingt es mir aber, und ich zweifle keinen Augenblick dran, dann habe ich endlich erreicht, wonach ich ringe schon seit zehn Jahren, und der Ruhm, der Ihnen bleibt, ist: daß Sie dann mein »erster Schüler« waren ...

Sie wissen sehr wohl, daß es keine innere Ohnmacht war, die mich mit meinem Buche so lange hatte zögern lassen; sondern ausschließlich meine unglücklichen Verhältnisse. Meine Verhältnisse, unter denen ich nahezu schon am Zusammenbrechen war, als das Schicksal, oder vielmehr Ihre Absicht, denn Sie suchten meinen Verkehr, uns zusammenführte.

Sie irren durchaus, wenn Sie mir schreiben, daß Sie der Ansicht sind, daß »mit meinen lyrischen Bestrebungen und den dramatischen keinerlei zeitlicher Zusammenhang gewesen« ist. Mein erster Zweifel an aller überlieferten Lyrik, resp. deren »Form«, – Sie können das in meiner »Kunst« bequem nachlesen – hatte eingesetzt bereits sofort nachdem ich mein »Buch der Zeit« herausgegeben hatte. Das erste Tasten nach einer neuen Lyrik, resp. einer neuen Form von ihr, die von den überkommenen Mitteln bewußt absah, hatte dann bald darauf gleichfalls bei mir eingesetzt. In jenem ersten Winter in Nieder-Schönhausen, den ich in jenem Buch geschildert habe. Und als das erste practische Resultat meines Ringens – noch viel früher als jedes Dramenwollen – war dann das seitdem Ihnen ja auch nicht unbekannt gebliebene Gedicht »Nacht« entstanden, das dann in seiner zweiten Ausgabe das »Buch der Zeit« brachte, nachdem es vorher schon im »Magazin« gestanden. Von diesem ersten Experiment – ob schon gelungen oder nicht, ist hier vollkommen Nebensache – bis zu der von Ihnen herangezogenen Veröffentlichung im Musenalmanach lief dann eine ideell ununterbrochene Kette. Oder glauben Sie, daß jene merkwürdigen Experimente, die, als ich sie dummer Weise schon in die Öffentlichkeit gab, mir sofort sämmtliche faulen Aeppel einbrachten, die sich im Moment auftreiben ließen, alle an ein und demselben, womöglich erst letzten Tage von mir angestellt wurden, an welchem ich sie Bierbaum schließlich einsandte? Wie viel lange bittre Wochen und Monate der immer wieder und wieder intensivsten Beschäftigung mit diesen Problemen waren in all den Zwischenjahren trotz Elend und Kampf auch um die neue Dramenform, die mich, Sie können mir das glauben, nebenbei auch noch beschäftigt hatte, voraufgegangen – oh! Und dann: seit jener Veröffentlichung im Musenalmanach: wie hatte ich trotzdem und trotzalledem alle meine Kräfte immer wieder und wieder immer nur auf ein und denselben Punkt gerichtet gehalten, den ich nicht los ließ und um den das ganze miserable Leben zu ertragen mir überhaupt nur noch Sinn hatte: das große »Werk«, das mir vorschwebte – ans Theater, an dem ich mich verekelt hatte, Sie wissen, dachte ich nicht mehr! – und an das ich den Rest meines Lebens, nachdem ich es mir endlich geordnet haben würde, ohne mich dann um die Welt noch zu kümmern, hatte wenden wollen: »Phantasus«. Sie entsinnen sich: ich setzte Ihnen mal seine Idee im Umriß auseinander. Leben Sie wirklich in der Annahme, daß ich dieses »Lyrikon an sich«, wenigstens wie ich es mir dachte, in fünffüßigen Jamben hätte zu Papier bringen wollen? War vielmehr nicht all mein Wollen unausgesetzt darauf gespannt gewesen, mir durch meine hartnäckig immer wieder und wieder wiederholten Experimente vor allen Dingen mal erst definitiv die definitive Form für dieses Werk zu schaffen? Kennen Sie denn alle Studien, die zu diesem Zweck bei mir voraufgegangen waren, alle Stationen, die ich auf meinem weiten Wege durchzumachen gehabt? Sie hattens einfach! Als Sie kamen, war meine Arbeit bereits geleistet, meine Form bereits geschaffen: dieselbe, die ich Sie dann lehrte! Nur, daß Sie von meinem Plan, den ich Ihnen vergeblich versuchte nahezubringen, nichts wissen wollten und einen andern Inhalt für diese Form verlangten. Nun, das war Ihr Recht und wird stets Ihr Recht bleiben. Was er mit dieser Form sagt, oder sich vorsetzt sagen zu wollen, ist Sache jedes Einzelnen. Ich weiß, ich habe sie geschaffen, nicht, damit ich mich allein in ihr auslebe. Sondern genau, wie beim Drama: sie wird noch ganzen Generationen dienen, und Jahrhunderte werden vergehen, ehe sie ausgeschöpft sein wird. Das » Was« in ihr bleibt also diskutabel. Das » Wie« dieser Form aber, ihr Prinzip ist mein durch mich selbst geschaffenes Eigenthum, mein heiß errungenes, durch viele dunkle Jahre und ungezählte Mühsale schwer erarbeitetes geistiges Eigenthum, dem mein Name dauernd verknüpft bleiben wird, zu dem mir von Niemand auch nur der Anstoß gekommen war und das ich ausschließlich nur mir allein verdanke. Und es wird mir nie einfallen, diese That, nachdem ich sie vollbracht, mir von einem Andern, und sei es auch von wem es sei, als »Parallelismus der Ideen« vorwegnehmen zu lassen. Netter Parallelismus, der sich aus ein und derselben Wurzel so verfolgen läßt, wie hier!!

Oder ist Ihr Prinzip ein andres? Differirt Ihre Form?

Ich lege Ihnen, damit Sie mir diese Frage beantworten können, ein Beispiel aus dem letzten Panheft vor. »Zwischen Gräben und grauen Hecken ...« Das Gedicht, bis auf eine ganz unbedeutende, rein redaktionelle Aenderung, ist entstanden im März 1894. Also zu einer Zeit, wo – wie Sie sich, bitte, entsinnen werden – Sie noch in der Lyrik schwammen, die mit der, die in diesen Zeilen enthalten ist, nichts weiter gemeinsam hatte, als den Namen!

Ich frage nochmal: wollen Sie etwas Andres? Etwas, was damit garnichts zu thun hat?? Oder gar darüber hinausgeht?

Können Sie Ihre Antwort noch nicht bestimmt geben, zweifeln Sie noch, gut, dann warten Sie noch auf das nächste Panheft. Es wird bereits im September erscheinen. Das bringt zwölf derartige Proben, von denen nebenbeigesagt einige noch weiter zurückliegen, und Sie sind dann vielleicht in der Lage, meine Frage zu beantworten.

Die theoretische Begründung meiner neuen Lyrik, deren Fundamente, seitdem ich mir das Vergnügen gemacht hatte, sie Ihnen mitzuteilen, sich nicht verändert haben, hatte ich in einem sehr ausführlichen Artikel unter dem Schlagworttitel »Die Lyrik der Zukunft« schon vor circa zwei Monaten Harden angeboten. Aber ich kam dann von meiner Absicht, zuerst blos die Theorie meiner Praxis zu geben, um diese mal vor Allem festzunageln, damit es dann später ja keine sogenannten »Mißverständnisse« gäbe von keiner Seite – (Sie entsinnen sich: ich hatte diese Absicht, da Schwarzes mir bereits schwante, sogar schon vor einem Jahr ausführen wollen im Vorwort zu den »Sozialaristokraten«, und gerade Sie waren es, der mir damals von dieser Idee nicht abrieth!) – wieder ab und werde nun diese Arbeit wahrscheinlich erst als Vorwort zu dem vermuthlich schon im Januar erscheinenden ersten Theil meines betreffenden Cyclus geben, der auf tausend Einzelstücke berechnet, wie ich bereits andeutete, in endlich erster Ausgestaltung meiner alten Idee den alten Gesammttitel »Phantasus« tragen wird.

Es würde mir in einer Weise, wie ich dies garnicht ausdrücken kann, leid thun, wenn Sie Ihre Absicht, Ihr in Frage stehendes Buch – Ihre Dramen sind mir natürlich vollkommen gleichgültig, da kann eine, wenn ja allerdings auch nur zeitweilige Irritirung der Kritik und des Publikums nicht mehr vorkommen – trotzdem ich meine Bitte hiermit wiederhole, schon im Herbst, also noch vor meinem erscheinen zu lassen, in Berücksichtigung aller hier nicht einmal erschöpfend dargelegten Umstände, da Sie sich bei näherem Nachdenken ja aber schließlich alle selbst sagen werden, nicht jetzt doch aufgeben wollten. Die »practischen« Gründe, die Sie mir vorgeben und die ich nicht kenne, mögen vorliegen; sie können aber unmöglich derartige sein, daß sie meine » ideeellen« Gründe, auf die ich Sie jetzt aufmerksam gemacht habe, überwiegen. Für Sie handelt es sich nur um ein Spätererscheinen von circa drei Monaten, für mich, daß ich nicht zum zweiten Mal in meinem Leben als mein eigner Imitator dastehe! Natürlich, ich wiederhole, dauert ja das dann nicht, aber es ist unangenehm. Uebertrumpfen Sie mich durch größere Leistungen, aber spucken Sie mir, bitte, nicht in die Suppe, die ich mir doch schließlich nur gekocht habe, um wenigstens ihren ersten Löffel allein zu essen ...

Sollten Sie sich aber dennoch nicht überwinden können und die Herausgabe Ihres Buches um diese kurze Zeit meiner berechtigten Forderung gegenüber nicht hintenansetzen wollen, so werde ich unter allen Umständen zu vermeiden wissen, eine Erfahrung, die, wie Sie unterrichtet sind, ich in meinem Leben ähnlich leider schon einmal habe machen müssen, nun noch einmal zu machen. Ich würde mich dann, zu meiner äußersten Peinlichkeit in jeder Beziehung, einfach dazu gezwungen sehn, meine Theorie mit entsprechenden nöthigen Proben – und zwar in Broschürenform – schon jetzt herauszugeben und in einer besonderen Einleitung dazu klarzulegen, weshalb ich gerade diese Form wähle und aus welchen Gründen ich mich so überhaste. Etwas Anders, um von dem, was dann für mich noch zu retten sein würde, zu retten, würde mir garnicht übrig bleiben! Ich glaube nicht, daß wir dann Freude haben würden an unsern Publikationen – alle Beide!

Ich schließe, indem ich nochmal die felsenfeste Ueberzeugung ausdrücke, daß Sie es zu diesem Schatten zwischen uns nicht kommen lassen werden. Der vorhandne genügt grade. Ich werde stets Ihre Rechte respectiren, bitte, respectiren Sie auch meine.

Hochachtungsvollst, ergebenst,
Arno Holz.

 

Wilmersdorf, 1. IX. 97.

Sehr geehrter Herr Ernst!

Es scheint, daß Sie die Absicht haben, mir nicht antworten zu wollen. Ich beeile mich, Ihnen für diesen Fall mitzutheilen, daß ich dann die Herausgabe meiner Ihnen für jede Eventualität bereits signalisirten Schrift sofort bewirken werde. Denn ich glaube mich dann gezwungen, Ihre Nichtantwort dahin auslegen zu müssen, daß Sie von Ihrem Vorhaben, Ihr Buch vor meinem herauszugeben, nicht abstehn wollen. Ich halte es für meine Pflicht, Sie hiervon zu unterrichten, damit dann später von einem eventuellen sogenannten Mißverstandenhaben auch gelegentlich dieses Punktes nicht die Rede sein kann. Ich brauche nur drei, höchstens fünf Tage, und das Manuskript steht auf dem Papier. Acht Tage dann die Druckerei, in vierzehn kann also die Broschüre à Stück 25 Pfennige, »Mein ehemaliger Freund Paul Ernst und ich«, bequem im Buchhandel sein. Natürlich würde ich dann diese unsre letzte »Correspondenz«, diesen Brief inclusive, außer dem damals für Harden bestimmt gewesenen Vorwort, das allein etwa 1½ bis 2 Bogen stark die Theorie enthält, und den alten und neuen Gedichten aus dem Pan, Musenalmanach, Manuscipt etc., die circa 30 zur Genüge die Praxis geben, und noch einer Reihe die ganzen Jahre über von mir geschriebener Briefe über dies Thema, an Dehmel und Andre, in denen meine Absichten zum Ueberfluß ebenfalls schon niedergelegt gewesen, lange noch bevor ich die vertrauensselige Unvorsichtigkeit oder sagen wir gleich besser Dummheit besessen, Sie in alle meine Pläne und Ideeen einzuweihen, ebenfalls zum Abdruck bringen. Ich hatte schon einmal das Vergnügen, gemeinsam mit Johannes Schlaf »der talentvollste Schüler von Gerhart Hauptmann« genannt zu werden, ich verzichte, nun auch noch als »der talentvollste Schüler von Paul Ernst« gefeiert zu werden.

Hochachtungsvollst, ergebenst
Arno Holz.

 

Wilmersdorf, 4. IX. 97.

Sehr geehrter Herr Ernst!

Es freut mich, daß Sie einen solchen Respect vor dem »Kladderadatsch« haben. Ich selbst, wie Sie wissen, besitze diesen Respect nicht mehr. Ich bin gegen solche Ovationen gottseidank schon etwas abgestumpft. Ich hatte das Vergnügen, bereits mit 21 Jahren in dieser Ruhmesgalerie zu figuriren – ein Vorzug, den ich dann noch wiederholt genoß, auch gelegentlich meiner, Sie verzeihen, sogenannten »neuen Lyrik« wieder, die in dieser Hochwacht deutschen Geistes sofort als Telegrammlyrik festivitirt wurde, – und ich empfinde nicht die geringste Scheu, wenns sein muß, dieser erneuten Ehrung abermals theilhaftig zu werden. Schade! Es wäre vielleicht für Sie eine so gute Gelegenheit gewesen ...

Ich habe Sie doch also hoffentlich recht verstanden? Ich gebe im Januar endlich meinen ersten Band – ich bitte wieder um Verzeihung – »neuer Lyrik« heraus und dann erst (sagen wir also, damit auch das Datum von keiner Seite mehr gedreht und gedeutelt werden kann, nicht vorm ersten Februar) kommen Sie mit dem, was Sie zu sagen haben; und zwar practisch sowohl, wie theoretisch. Stimmt dieses, dann erwarte ich selbstverständlich erst gar keine Bestätigung mehr. Es soll mich außerordentlich überraschen und im Interesse der Sache freuen, Sie dann zur angegebenen Zeit, wie Sie ja dies anzunehmen scheinen, »qualitativ« – der Ausdruck stammt von Ihnen – über mich hinausgehn zu sehn. Jedenfalls würde es für die Handlungsweise, die Sie beliebt haben, Ihre einzige nachträgliche »Entschuldigung« bilden, falls Sie dies Kunststück zu Wege brächten; wie es andrerseits Ihre definitive Verurtheilung bilden wird – und zwar, wie ich zu Ihren Gunsten annehmen will, dann endlich auch in Ihren Augen – falls Sie, woran ich nicht zweifle, mit Ihrer Arbeit, durch die Sie practisch sowohl wie theoretisch so außerordentlich über mich hinauszugehn versprechen, »nachklappen«. Warten wir also ab. –

Leider hindern mich einige Stellen in Ihrem Brief, diese Zeilen, wie ich dies sonst gern thun möchte, schon zu schließen. Aber ich sehe schon. Es wird leider eine sehr lange Sitzung geben. Sie entschuldigen daher, wenn ich der Uebersicht halber meine Entgegnungen auf die einzelnen Posten, die Sie in Ihrer Abrechnung gegen mich aufrücken, nummerire.

1) Ihre Fähigkeit, mich aufzufassen, scheint – zu meinem Bedauern muß ich dies constatiren – in letzter Zeit schwer gelitten zu haben. Nachdem Sie es für angebracht gehalten hatten, bereits meinen ersten Brief zu meiner nicht geringen Verwundrung im Wesentlichen dahin auszulegen, als hätte ich mit ihm bezwecken wollen, Sie in Ihrer geplanten Artikelserie über das neue Drama zu unterbrechen (!), was mir selbstverständlich nie eingefallen war, tragen Sie jetzt kein Bedenken, mir unterzuschieben, als hätte ich in meinem zweiten Briefe Ihnen geschrieben, »ich hätte die Ahnung, daß Sie mich plagiiren wollten, schon gehabt, als ich das Vorwort zu den ›Sozialaristokraten‹ schrieb.« Sie irren. Es steht in meinem Briefe im Gegentheil groß und deutlich da, daß ich damals jede auch nur ähnliche Ausdeutung Ihres Characters, falls sie mir überhaupt gekommen wäre, als von meiner Seite »ungentlemanlike« durchaus und weit von mir gewiesen hätte. Sie hatte mir so fern gelegen, daß ich nicht einmal an sie auch nur gedacht hatte! Denn Sie dürfen überzeugt sein: ich hätte sonst damals meine Lyrik, wie ich dies wollte, in ihm festgenagelt. Nur eben, weil ich Ihnen vertraute, blindlings vertraute, glaubte ich mir sagen zu dürfen: die Andern kennen ja doch nicht so genau was du vorhast, wissen ja doch nicht, was du willst, trotzdem die Dokumente drüber schon seit Jahren in der Welt rumschwimmen, dein Buch läuft dir also nicht weg. Nur das – wollen Sie sich bitte orientiren – steht in meinem Brief; nichts weiter. Es zeugt bedauerlich gegen Sie, oder doch zum mindesten gegen Ihre momentane Verfassung, daß Sie bereits Dinge, die derartig einfach liegen, so auf den Kopf stellen können.

2) Wie kommen Sie übrigens zu dem Angriffe gegen sich selbst: »plagiiren«? Ich habe Ihnen ein gegen mich von Ihnen beabsichtigtes »Plagiat« nicht vorgeworfen. Weder in meinem ersten, noch in meinem zweiten, noch in meinem dritten Briefe. Auf diesen Einfall – ich möchte das denn doch nicht ohne Feststellung lassen – sind Sie vollständig aus sich selbst verfallen. Zu einem Plagiat, meine ich, gehört stets bewußtes Eskamotiren. Nun habe ich aber mit der Zeit – Sie haben Nachsicht mit mir, daß ich mich dessen schmeichle – zu genau Ihre Gehirnconstruction kennen gelernt. Und aus dieser Kenntniß heraus wage ich es Ihnen zu schreiben: Sie werden sich bewußt eine derartige Manipulation nie zu schulden kommen lassen. Ich bin bereit, Ihnen dieses mein Dafürhalten von Ihnen, falls Sie es wünschen, mit jedem Eid zu bekräftigen. Wohl aber hat sich mir mit der Zeit, mehr und mehr unabweisbar, die Ueberzeugung aufgedrängt, daß es geradezu die Signatur Ihres Geistes ist, Dinge, die von einem Andern in Sie eingetrichtert werden, namentlich, wenn Ihnen diese »einleuchten«, nach und nach derartig in sich zu fühlen, daß Sie allmählig vollständig ihren Ursprung vergessen und zuletzt durchaus naiv davon überzeugt sind, sie wären schon immer in Ihnen, »latent« gewesen und der Andere hätte sie – höchstens! – »geweckt«. Das ist aber auch schon die äußerste Konzession, die Sie machen werden! Zuletzt verwischt sich dann auch noch Das bei Ihnen und der Andre hat die Ueberraschung, sich auf einmal vollständig »runtergerutscht« zu sehn. Nur diese – ich versichere Ihnen nochmal – nur diese Ansicht von Ihnen war es, die mir meine »Bitte« eingab. Und ich glaube, ich hätte sie »bescheidener« nicht halten können. Sie sehn also: ich bin weit entfernt, so harmlos zu sein, Sie nur als »Plagiator« aufzufassen. Oh nein, Sie sind weit gefährlicher. Weit »naiver«! Sie sind Illusionist!!

3) Es war, wenigstens meinem Gefühl nach, bereits äußerst merkwürdig, daß Sie es zu dieser »Bitte« von mir auch nur hatten kommen lassen. Denn Sie müssen selbst zugeben, daß Sie meinen gesammten einschlägigen Ideeenkomplex kennen und sehr wohl wissen, da ich es Ihnen wiederholt und umständlich auseinandergesetzt habe, was ich mit ihm beabsichtige. Ja, vertheidigen Sie sich jetzt, dieser gesammte »Ideeenkomplex« ist aber lächerlich und Unsinn, und Sie versteigen sich sogar zu der rührenden Warnung, ich möchte ihn doch ja nicht der Öffentlichkeit übergeben, um mich nicht durch ihn zu »blamiren«. Ausgezeichnet, merken Sie denn nicht? Da liegt Ihre eben von mir gekennzeichnete Eigenthümlichkeit, über Dinge, denen Sie zuerst, gelinde ausgedrückt, mindestens unterlegen waren, dann nachträglich zu »denken«, lehrreich zu Tage, und zwar von einer höchst amüsanten Seite. Sie schwimmen in diesen Dingen Monate lang, ein ganzes Jahr lang, tausend Lichter – geahnte und ungeahnte – werden Ihnen aufgesteckt, schließlich (auch das mag ja vielleicht nicht ganz unmöglich sein, obgleich ich es vorläufig noch stark bezweifle) kommen Sie auf eine »eigne« Idee, resp. glauben wenigstens auf eine solche gekommen zu sein, und: bumms, das ganze Uebrige bis dahin war Kaff, der es Ihnen eingebläut hatte, ein Rhinozeros, und, allein leuchtend, allein groß, steht Ihre Absicht vor Ihnen und Ihre Idee! Mein lieber Gott: ich verwehre Ihnen ja das garnicht. Wir können nicht alle gleich construirt sein. Sie entsinnen sich; wie schließlich jener Oberlehrer sagte: »Auch wir opfern der Gewöhnlichkeit unsern Tribut!« Ja, Sie dürfen sich sogar allen Ernstes davon überzeugt halten: ich werde der Erste sein, der Ihre Idee anerkennt und Ihre That bewundern wird, wenn Ihre That wirklich eine That sein wird. Ich besitze nicht Ihre Ungerechtigkeit. Ich erinnere Sie: ich (!) bin es gewesen, der in unseren Gesprächen stets – Hauptmann gegen Sie vertheidigen mußte! Was ich beanspruchte und einfach als selbstverständlich beanspruchte, war nur, daß Sie mich mein Sprüchlein, von dem Sie wußten, daß ich es auf dem Herzen trug schon seit Jahren, ebenfalls herbeten ließen. Und es war klar wie der Tag, daß ich es dann unmöglich mehr nach Ihnen thun konnte, grade je mehr die Ansicht, die Sie von Ihrem eigenen Werth haben, begründet und meine Idee nur, wenn Sie dies so wünschen, der Ausgangspunkt von Ihrer war; oder meinetwegen, wenn Ihnen das angenehmer klingt, nur der Durchgangspunkt; kurz, Alles, was Sie wollen. Sie haben die Naivität, mir mit einigen besonders groben Ausdrücken »Egoismus« vorzuwerfen – wobei Sie es übrigens leider vergessen haben mich hinzuweisen, worin dieser bei mir, namentlich Ihnen gegenüber, bestanden haben soll – und merken dabei nicht, daß grade Sie währenddem mit einer elementaren Nonchalance handeln, als schmeichelten sie sich wirklich – ich bitte mir das nicht zu verübeln – mindestens eine Art Naturkraft zu sein. Lassen Sie sich daher, wenn allerdings auch etwas verspätet, durch mich belehren: Der geringste Anstand von Ihrer Seite hätte erfordert: 1) als Sie die an sich lobenswerthe Absicht faßten, im Herbst Ihre Lyrik nebst »Erläuterung« herauszugeben – ob diese Erläuterung in einem Vorwort, in einem Buch, in einem Artikel oder auch nur ähnlich erfolgen soll, thut nichts zur Sache – in diesem Augenblick, ich wiederhole, hätte der geringste Anstand von ihrer Seite bereits gefordert, daß Sie mir dieses anzeigten, und zwar mit der Anfrage: »Da ich ohne Sie zu meiner beabsichtigten Edition höchstwahrscheinlich nie gekommen wäre, durchkreuze ich damit unberechtigt, unberechtigt freilich ohne daß ichs weiß, irgend welche Pläne von Ihnen?« Ich würde Ihnen dann umgehend höflich geantwortet haben: »Nein, an und für sich nicht; nur lassen Sie mich, bitte, mein Buch, das wahrscheinlich das gleiche will und dessen Erscheinen ich für den Januar vorgesehn habe, vor Ihnen herausgeben,« und die Sache wäre damit erledigt gewesen. 2) Als Sie das schon unterlassen hatten und ich erst aus jener mich höchst eigenthümlich anmuthenden Stelle aus jenem Artikel auf Ihre betreffende Absicht schloß, hätte der geringste Anstand von Ihrer Seite ferner erfordert, daß Sie dann wenigstens, wie ich überzeugt war, da die ganze Herrlichkeit Ihrer Denkart sich mir damals noch nicht erschlossen hatte, sofort meiner sogenannten »Bitte« nachkamen. Aber nein; Sie drehten ganz gemüthlich den Spieß, der Ihnen unangenehm war, um, thaten zuerst, als ob Sie mich wirklich beim besten Willen nicht recht »verständen« und spielten dann, als ich denn doch darauf drang, von Ihnen verstanden zu werden, – die gekränkte Leberwurst! Ich muß gestehn, das war denn doch mehr, als ich mir je Hütte träumen lassen.

4) Damit Sie übrigens auch darüber nicht im Dunkeln tappen: ich fühle mich veranlaßt, des wegen mein Buch um jeden Preis vor Ihnen rauszugeben, nicht, weil ich fürchte, durch das Ihre, wie Sie scherzhafter Weise anzunehmen scheinen, in den Schatten gestellt zu werden – oh nein, so hoch schätze ich Sie, ich bedaure, nicht ein –, sondern weil ich vermeiden will, daß durch Ihre Dilettanterei (denn viel mehr vermuthe ich, wird außer den Sachen, die ich Ihnen zurechtgerenkt habe, nicht herauskommen) die Sache, der ich zum Durchbruch verhelfen möchte, diskredidirt werden könnte von vornherein. Kommt Ihr Buch aber erst als zweites, so kann der Schaden meinem Dafürhalten nach ein allzu großer nicht mehr sein. Das, verehrter Herr Ernst, nichts anderes war die Auflösung.

5) Und dieser Punkt ist mir denn doch die Hauptsache. Was sollen da alle ihre kleinen Nebendinge? Ich werde sie daher auch im Folgenden nach Möglichkeit zu übergehn suchen. Diese rührende Einbildung von Ihnen – ich kann mir nicht helfen – schlägt denn doch dem Faß den Boden aus. »Sozialaristokraten!« Ich erinnere mich, um in Ihren Ton zu fallen, »Verehrter«. »Ich erinnere mich!« Und zwar, wie Sie bald mit Schrecken sehn werden, minutiöser, als Ihnen dies vielleicht lieb sein wird. Sie kamen zu mir im Oktober 1895 mit einer dialogisirten Mißgeburt in 9 bis 7 Akten, für deren Ertrag – Sie entsinnen sich hoffentlich noch ebenfalls – Sie sich schon in allen Zeitungen nach einer Villa umgesehn hatten, und dieses Monstrum war derartig, daß es Ihrer dilettantischen Naivität gegenüber wirklich schon meiner ganzen pädagogischen Nachsicht bedurfte, die Sie – Sie belieben sich auch hieran wieder zu erinnern – die Sie dann später so wiederholt »bewunderten«, um Sie nicht sofort über die absolute Impotenz, die aus diesem Machwerk kläglich nach Züchtigung schrie, unbarmherzig aufzuklären. Aber – Sie gestatten, daß ich Ihnen diesen sogenannten reinen Wein wenigstens jetzt einschenke, wo er Ihnen hoffentlich nicht mehr schaden wird – ich fühlte Mitleid, aufrichtiges, tiefes und menschliches Mitleid mit Ihrer damaligen seelischen Verfassung, die mich, der ich in dieser Richtung leider nicht ohne tiefe und schmerzliche Erfahrung war, einfach entsetzte und das Schlimmste für Sie befürchten ließ, und so richtete ich Sie, den neurasthenisch Kranken, den der geringste Windstoß damals umgepustet hätte, auf, wo und wie ich nur konnte. Heute aber, ich wiederhole, sehe ich durch Ihr Verhalten, das zu kennzeichnen namentlich in diesem Punkt mir jede Vokabel fehlt, keinen Grund mehr, Ihnen die Erinnerung an jene »Leistung« zu ersparen. Das Ding war einfach bodenlos! Auch nicht der geringste Ansatz zu irgend einem »Character«, jämmerlichste Schablone, nicht die bescheidenste »Entwicklung«, langweiligstes Hingewürge, ja nicht einmal das Billigste, das Alleräußerlichste, nicht einmal ein auch nur annähernd natürlicher Dialog! Und doch – Sie wollen sich gütigst abermals entsinnen – bewegten Sie sich in der mir damals geradezu unfaßlichen Illusion, grade mit diesem Letzten schon Wunder was erreicht zu haben. Sie geheimnißten die seltsamsten Dinge in ihn, wollten z. B. über die Sprache der »Familie Selicke« bedeutend mit ihm hinausgekommen sein (»qualitativ«, wie Sie wahrscheinlich jetzt sagen würden!) und – er war einfach brüsk herausgesagt unter allem Luder! Unter tausend Vorsichten, ganz allmählig, Schritt für Schritt, klärte ich Sie auf. Und später, noch nach Monaten, hatte ich dafür die Genugtuung von Ihnen zu hören: hätte ich damals anders gehandelt, wäre ich nicht umgegangen mit Ihnen permanent wie mit einem rohen Ei, Sie hätten sofort allen Muth verloren, die Flinte ins Korn geworfen und nie mehr in diesem Genre auch nur noch eine Zeile geschrieben. Oh, Sie erkannten mein »Lehrtalent« ungeheuer an und waren mir für die unausgesetzte Mühe, die ich mir mit Ihnen gab, sehr dankbar. Und ich gestehe es noch heute, ich gab sie mir gern; denn ich lag damals brach, hatte etwas anderes überhaupt nicht zu thun, that auch nichts andres und freute mich riesig, wie's in dem andern Gemüth »anschlug« ... Ich selbst, Sie wissen, dachte damals an kein Theater mehr. So gründlich hatte ich mir durch mein einmaliges, dafür aber um so radicaleres Erlebniß an ihm den Magen verdorben. Da fügte es der Zufall, daß ich eines schönen Tages durch Schmidt Billetts für die Wiederholung des »Florian Geyer« erhielt, in die Sie mich begleiteten, und dieses Opus, dieses Werk eines Giganten, wie es damals drollig von Einem genannt worden war, wirkte derartig auf mich, daß ich am nächsten Morgen zu Ihnen rüberkam, Ihnen entwickelte, wenn man schon solche historischen Klumpatsche schriebe, müßte man sie wenigstens so und so machen, exemplifizirte, was mir ungefähr vorschwebte, an dem Stoff der »Wiedertäufer« und war schließlich nicht wenig verblüfft, als Sie mir plötzlich entgegenhielten: gut, dann machen Sie doch solch ein Drama! Ich zuckte die Achseln und wies Sie als Antwort auf mein, wie Sie jetzt zwar geistvoll, aber trotzdem ganz richtig bemerken, »allmählig schon zum autobiographischen Requisit gewordenes leeres Portemonnaie«. Diese Antwort, so primitiv sie war, überzeugte Sie merkwürdiger Weise damals und Sie erklärten sich – ich möchte fast sagen, zu meinem Schreck, so völlig unvermutet kam mir das – bereit, mir die nothwendigen Mittel – ich schätzte, um vollständig »flott« zu werden, 2000 Mark – zu beschaffen. Da ich nun Ihre eigene materielle Lage kannte und wußte, daß Sie selbst so viel Geld nicht hatten und die Summe also erst durch Bürgschaft würden auftreiben müssen, – ein Sachverhalt, der Ihre Bereitwilligkeit, resp. deren Werth für mich nicht grade verminderte – überdies Ihr brennender Ehrgeiz, sich wenn irgendwie möglich auch auf diesem Gebiet hervorzuthun, mir bereits bewußter geworden war, als er es Ihnen damals wahrscheinlich noch selbst war, denn Alles bei Ihnen kam erst »allmählig«, ferner – und das gab mir den Ausschlag – da mein betreffender ganzer Plan – wie Sie sich gütigst wieder entsinnen wollen – von mir nur, wenn ich mich so ausdrücken darf, als eine Art große litterarische Spielerei conzipirt worden war, als ein Handwerksulk, den ich mir glaubte »leisten« zu dürfen, und den ich dann später, falls er mir geglückt wäre, aufdecken und von mir weisen wollte als radical »unkünstlerisch« und nur unternommen, um zu zeigen, falls man sich schon herabließe, solches Zeug zu verbrechen, wie man es dann wenigstens verbrechen müßte, und um Geld zu verdienen, trug ich keinen Augenblick Bedenken, ja, hielt es sogar einfach nur als selbstverständlich, Ihnen erstens aus Dank und zweitens, weil mich die Sache allein auch gelangweilt hätte – ich sah das sofort –, anzubieten: schön, machen wir dann den Krempel – denn als etwas anders, ich wiederhole, sah ich ihn nicht an – »zusammen«. Ein beliebiges Pseudonym würde bald gefunden sein, um so größer würde dann nachher naturgemäß das Gaudium werden. Das, ich bitte Sie, sich dessen zu entsinnen – war der Ausgangspunkt. Nicht, wie Sie es jetzt bezeichnender Weise anzunehmen scheinen, und was Ihnen ja allerdings auch das Bequemste wäre, eine künstlerische Ohnmacht bei mir, die bei Ihnen, dessen vollkommenste Nullität in solchen Dingen ich eben erst durch Sie selbst so rührend ad oculos demonstrirt bekommen hatte, »um Hülfe« schrie! Sie gingen natürlich mit Vergnügen und größter Bereitwilligkeit sofort auf meinen Vorschlag ein, und schon nach drei oder vier Tagen empfand ich vor dem schauerlichen Blech, den wir auf diese Weise zu fabriziren uns vorgenommen hatten, einen solchen Degout, daß ich Ihnen eines frühen Morgens rundweg erklärte: Nein! Wenn schon, denn schon! Die Arbeit als solche bleibt schließlich die gleiche. Los! Modern! Ein Berliner Stück! Mitten aus dem momentansten Leben um uns! Der Löwe – Sie verzeihen mir den kleinen Kalauer, aber ich mache ihn hier auf meine eignen Kosten – der Löwe hatte Blut geleckt und die Kräfte, die ich Jahre lang in mich zurückgestaut hatte, regten sich in mir und so gebietend, daß ich den ausgetüftelten Maskenschwindel nicht länger mehr auf mir fühlen konnte. Runter damit! Alle Welt fiel über den sogenannten »Naturalismus« her – wie ich selbst über dieses Wort (nb. »Naturalismus«) denke, wissen Sie –, seine Rolle auf der Bühne, hörte man überall, war ausgespielt: nun grade! Als letzter Mohikaner! Die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht, kurz etc. Sie werden sich an Alles das noch erinnern. Natürlich war es vollständig ausgeschlossen, bei dem eigenthümlichen Verhältniß, in dem ich zu Ihnen stand, ideeell, wie materiell, daß ich Ihnen nun brüsk erklärte: »Nöh, so haben wir nicht gewettet! Das bisher war blos Spaß, jetzt wird mir die Geschichte ernst, jetzt mach ich das Stück allein!« Denn ich wußte ja bereits mehr als zur Genüge, wie unglaublich kindlich Sie sich allerlei »zutrauten« und wie sehr Sie daher eine solche Erklärung von mir mit der Motivirung, daß Sie ja noch nicht mal »Geselle« wären, nun, nachdem Sie mir die materielle Basis, die ich überall so als Hauptsache betonte, endlich geschaffen hatten, als krasseste Ueberhebung, als unkameradschaftlichsten »Egoismus«, als was weiß ich vorgeworfen hätten. Wenigstens – verstehn Sie mich wohl – in Ihrem Innern! Äußerlich – soweit kannte ich Sie schließlich auch schon damals – hätten Sie natürlich »nichts gesagt!« Ich sah mich daher wohl oder übel gezwungen, zu vertrauen, daß Sie im Laufe der Arbeit, was garnicht ausbleiben konnte, Ihr eigenes Quantum dabei schließlich doch einsehn würden und daß sich dann die einzig vernünftige Lösung daraus ganz von selbst entwickeln müßte. Und richtig; es dauerte auch garnicht lange. Nachdem ich Ihnen die beiden ersten Akte nach einer Vorbereitung von nur zwei Tagen, während welcher ich die Komposition entwarf (Sie selbst – ich bitte Sie, sich dessen grausam wieder zu entsinnen – verzweifelten damals irgendetwas, was Aufbau hieß, überhaupt je zu Papier bringen zu können; ein Zweifel, der dann kurz drauf bei Ihnen auch gegenüber dem Dialog einsetzte, als Sie hörten, wie spielend ich Ihnen diesen meisterte), nachdem ich Ihnen also die beiden ersten Akte mit den nothwendigen Unterbrechungen in Essen, Trinken und Schlafen fast in einem Zuge runterdictirt hatte, worüber Sie sehr niedergeschlagen waren, da Sie noch kaum Gelegenheit gefunden hatten, auch nur »einzusetzen«, und nun sahen, wie ungleich unsre Kräfte waren, daß Sie außer einem intelligenten und von mir als solchen auch rückhaltslos anerkannten Secretairsdienst eigentlich nichts zur Arbeit leisteten – ein nebensächlicher Einfall, eine Information, ein kleines Wort hie und da abgerechnet, – »fanden« wir uns. Auf einem Spaziergange. Sie gingen »betöppert« neben mir und ich fing zuerst an. Und zwar wieder, wie es stets meine Art in solchen Dingen mit Ihnen war, so schonend als möglich: ich würde Ihnen bei Ihrem nächsten Stücke denselben, oder wenn Sie wollten jeden beliebigen ähnlichen Dienst leisten, ich könnte ein »wirkliches«, ein künstlerisch ernsthaftes Stück, Sie müßten das einsehn, nachdem ich nun schon die Zusammenarbeit mit Schlaf hinter mir hätte und in der ganzen Zwischenzeit geschwiegen, nun nicht recht noch einmal in Gemeinschaft mit einem zeichnen, Sie thäten mir also einen Gefallen etc. etc. Die Rede hätte natürlich eigentlich lauten müßen: »Sehn Sie nun endlich selbst ein, daß Sie noch nichts können? Daß es – pardon – Vermessenheit von Ihnen gewesen, nach Ihren ›Blättern im Winde‹ ein Stück wie die ›Sozialaristokraten‹ ›mitschreiben‹ zu wollen? Mitschreiben in dem Sinne, wie er selbstverständlich einzig gefaßt werden kann?« Aber nein; im Gegentheil! Ich tröstete Sie, suchte Ihnen plausibel zu machen, daß bei der so verschiedenen Vergangenheit, die wir beide hinter uns hätten, die Dinge ja garnicht anders liegen könnten, daß es doch auch grade für mich nur äußerst beschämend gewesen wäre, wenn es sich bei dieser Gelegenheit nicht eclatant herausgestellt hätte, daß ich Ihnen so ungleich voraus wäre, daß ja aber schließlich auch dieses, wie Alles im Leben, nur »Uebung« sei, daß Sie drei Jahre jünger wären als ich und also mit dieser Frist, wenn Ihnen daran läge, Alles bequem würden nachholen können, daß viel an dem Umstande, daß Sie grade im vorliegenden Falle so gut wie garnichts dazu gäben, doch auch daran läge, daß Sie während der ganzen Arbeit fast permanent mit fliegender Feder über dem Manuscript gebückt säßen, während ich es bequem hätte, lang geflegelt mit brennendem Tobak auf zwei Stühlen läge, oder die Hände in den Taschen dictirend im Zimmer auf und ab ginge u. s. w. u. s. w.: Was man in solchen Fällen, um dem andern die Situation weniger fühlbar zu machen, alles sagt. Ich entsinne mich noch ganz genau. Hoffentlich Sie ebenfalls. Es war am Joachimsthalschen Gymnasium. Sie athmeten ordentlich erleichtert auf, als ich endlich das brenzliche Thema (Sie aus sich selbst thaten nie so was!) berührt hatte. Auch Sie hätten so gedacht, Sie sähen erst jetzt, was Ihnen Alles noch fehlte. Sie hätten das früher noch nicht so gewußt, Ihr ganzes Leben, Ihr mangelnder Verkehr, Ihre Brotarbeit, Ihr Studium, aber dafür wäre es jetzt auch ein Glück für Sie, daß Sie sich endlich näher an mich angeschlossen, den Wunsch dazu hätten Sie schon seit Jahren gehabt, einen besseren Unterrichter in allen diesen Dingen könnten Sie sich ja garnicht wünschen, Sie wüßten Keinen, der nach dieser Richtung für Sie auch nur noch in Frage kommen könnte, Sie lernten jetzt durch die Art, wie Sie dies jetzt für mich niederschrieben, in Tagen, wozu Ihnen sonst vielleicht nicht mal Jahre gereicht hätten, und kurz und gut, ich sollte Ihnen später nur an Ihren ›Blättern im Winde‹ helfen, die Sie wieder aufnehmen wollten, und dann vielleicht auch noch an einigen weiteren Sachen, für Sie, Sie kämen nochmal darauf zurück, wäre diese ganze Arbeit, wie wir sie jetzt betrieben, ja die beste practische Schule, die Sie sich denken könnten, Sie sähen jetzt deutlich, daß Sie ohne diese Schulung garnicht hätten hoffen können, jemals auf diesem Gebiete etwas zu leisten, das auch nur über das Mittelmaß ginge, und es verstünde sich natürlich ganz von selbst, daß ich mein Stück, zu dem Plan wie Ausführung bis auf Ihre ja gradezu nur mechanische Mitarbeit, die lediglich passiv wäre, mir allein gehörte, auch allein zeichnete. Sie hätten schon die ganzen Tage so gefühlt und wären mit dem gleichen Lösungsvorschlag vorgerückt, wenn ich schließlich nicht eben selbst davon angefangen hätte. Ich fand das von Ihnen, wie ich es nicht anders erwartet hatte, und die Sache war damit, bis auf die ideelle Schuld – die materielle verstand sich von selbst –, die ich damit bei Ihnen einging, abgemacht. Aber ich wußte ja, daß ich jeden Augenblick im Stande sein würde, Ihnen diese voll zu begleichen, und so trug ich nicht das geringste Bedenken, unsern Pact, der beiden Theilen offenbar von gleichem Nutzen war, zu schließen. Denn ich ahnte damals noch nicht, konnte es wohl auch kaum ahnen, welchen gemeinen Strick Sie mir dann später aus dieser meiner dummen Vertrauensseligkeit Ihnen gegenüber zu drehen versuchen würden! Doch ich fahre fort. Nachdem es mir dann überraschend schnell (überraschend schnell, selbst in Anbetracht, daß ich dictirte!) gelungen war, das Stück, durch Ihre fleißige und damals wirklich aller Ehren werthe Thätigkeit als Secretär unterstützt, (in siebzehn Tagen Arbeit!) fertig zu stellen, setzten denn auch richtig, kurz darauf, pünktlich meine Gegenleistungen ein. Ich renkte Ihnen Ihre 7 bis 9 Akte zuerst in drei ein, condensirte dann mit Ihnen, als auch das noch nichts half, weil eben schon der Grund und Boden nichts taugte, auf dem wir ackerten, diese drei in einen und componirte und feilte dann mit Ihnen nacheinander die »Verlobung« und die »Lumpenpakasch« durch. Die Arbeit mit den Gedichten, die noch dazu kam, schon garnicht zu rechnen! Außerdem, so peinlich mir das in dieser von Ihnen so höchst »charactervoll« an den Haaren herbeigezerrten Schlußabrechnung auch ist, – denn ich constatire nochmal: sie wäre vermieden worden, wenn Sie, wie selbstverständlich, meiner »Bitte« als Gentleman nachgekommen wären – muß ich Sie denn doch daran erinnern (Ihr Gedächtniß in solchen Dingen scheint wirklich ein bedauerliches zu sein), daß jene rund drei Wochen, die Sie an mich und meine Arbeit setzten und die Sie damals für sich als »Lehrzeit« faßten, nicht blos ideell, namentlich auch durch meine spätere Mithülfe, sondern auch materiell nicht ganz unvergolten geblieben waren; und zwar dadurch, daß Sie von jenen 2000 Mk., die ich Ihnen seitdem schulde und verzinse, 500 für sich abzogen und verbrauchten. Das war natürlich, da Sie über Ihre Zeit rein als solche damals nicht verfügen konnten – ich betone das ausdrücklich – nur in der Ordnung und ganz selbstverständlich. Aber Sie werden mir zugeben, daß es nichtsdestoweniger das Verhältnis, in das wir zuerst ohne es wissen und dann freiwillig gegangen waren, denn doch lebhaft illustrirt. Und Sie werden daher hoffentlich begreifen, wenn ich Ihnen jetzt schreibe: die ganze Sache damals war von Ihnen sehr nett, aber es stimmt, wie Sie aus all den angeführten vielen Dutzend Dingen freundlichst ersehn wollen, denn doch nicht, wenn Sie sich jetzt – was mir um Sie sehr leid thut – nachträglich gewissermaßen als »Märtyrer« (!) aufspielen. Ich habe uns vielmehr ganz im Gegentheil bis auf jene 2000 Mark, die noch restiren, schon seit Jahr und Tag für mindestens quitt gehalten und Sie werden sich daher gewiß vorstellen können, wie maßlos erstaunt mich jetzt Ihr eingebildetes »Plus« trifft, als hätten Sie – risum teneatis, aber ich citire wörtlich! – »gemeinschaftlich mit mir die Sozialaristokraten geschrieben«. Ich bitte Sie, Herr Ernst! Wie können Sie nur ein so wenig verläßliches Gedächtnis haben? Sie haben sie ja sogar ganz allein geschrieben! Besinnen Sie sich doch: ich habe sie Ihnen ja dictirt!

6) Und angesichts dieses Sachverhaltes, dessen einzelne Etappen damals, damit Sie sich ja nicht beschweren können, ich mir eben die Mühe gegeben habe, Ihnen umständlich ins Gedächtniß zu rufen, wagen Sie mir jetzt zu schreiben: »Obwohl ich damals das Werk (nb. Sie lagen vor ihm auf den Knieen!!) noch für gelungen hielt, und selbst (!) große Erwartungen auch für mich (!!) an dasselbe knüpfte, trat ich doch sofort zurück, und Sie haben sich vor der Oeffentlichkeit als der alleinige Autor ausgeben dürfen«. Und nun, bitte, hören Sie zu. Wissen Sie, was ich Ihnen hierauf schreiben würde, wenn nicht grade Sie es wären, Sie, dessen bedauerliche geistige Konstruktion in solchen Dingen mir so lächerlich klar ist? Ich würde schreiben: »Angesichts der letzten zwölf Worte, die mich empören bis aufs Tiefste, erkläre ich Sie hiermit für einen ganz infamen und niederträchtigen Verläumder und Ehrabschneider und ersuche Sie dringend, dies nicht auf sich sitzen zu lassen, wie ich auf mir Ihre Verdächtigung nicht sitzen lasse.« So aber, Sie entschuldigen, bin ich nur im Stande Sie komisch zu nehmen, als eine Art Hannepampel mit n Juß, und Ihnen in aller Treuherzigkeit auf die naive Schulter zu klopfen: »Du bist verrückt, mein Kind!« Ich habe mich als dieser »alleinige Autor« meines Stückes »ausgeben dürfen«, nicht, weil Sie mir in Ihrer edlen Hochherzigkeit dies »gestatteten« – eine gütige Gestattung von der dankend Gebrauch zu machen ich bescheiden verzichtet hätte, da sie die blödeste Beleidigung gegen mich gewesen wäre, die sich überhaupt ausdenken läßt, – sondern, Sie gestatten, weil ich sein alleiniger Autor war. Hätten Sie damals bei unserm Gespräch »Nein« gesagt, auch Sie wußten das und wissen das auch heute noch sehr wohl, ich wäre sofort zurückgetreten und hätte dann eben meine beiden Akte allein fortgesetzt. Auch ohne Ihre mir damals allerdings sehr bequem gewesene Hülfe als »Secretair«. Uebrigens, damit Sie sich schließlich auch über das Wort »Secretair« nicht zu beklagen haben: es stammt höchsteigengeistig von Ihnen selbst. Sie äußerten es damals in meiner Gegenwart zu meiner Frau. Diese hatte mir schon gleich gesagt – notabene nicht schon, als es sich noch um den inferioren Ulk mit der beabsichtigten »Historie« gehandelt hatte, sondern wohlverstanden erst als die »Sozialaristokraten« anfingen – »wie kannst du nur mit einem Menschen wie Ernst, der dir doch eben erst bewiesen hat durch sein eignes Jammerwerk, daß er in diesen Dingen noch eine totale Null ist, zusammen ein ernsthaftes Stück schreiben wollen?« Ich erklärte ihr, daß ich Ihnen diesen Vorschlag pro Forma leider schon aus Konsequenz hätte machen müssen, als unvermeidlich, zu meinem Bedauern unvermeidlich gewesene Folgerung aus meinem ersten Vorschlag, dessen Motive klar lagen, daß es ja aber ganz selbstverständlich sein würde, daß Sie spätestens schon in einigen Tagen von Ihren einstweilen immerhin noch verzeihlichen Aspirationen dabei zurücktreten würden. Aber sie wollte mir nicht Recht geben, warnte mich vor Ihrem Character, traute Ihnen eine solche Selbsterkenntniß nicht zu und war dann allerdings schließlich nicht wenig erstaunt, als meine Prophezeihung prompt in Erfüllung ging und ich einige 24 Stunden drauf bei Tisch – hoffentlich entsinnen Sie sich noch – plötzlich erklärte: »Bis jetzt haben wir Dir Deine Reinschrift des Manuscripts Tag pro Tag zusammen bezahlt, von heute ab bezahle ich sie Dir allein. Wie viel Seiten waren's bis jetzt, wie viel kriegt also der Meister wieder von mir raus?« Nanu? Ein halb bewundernder, halb amüsirter, halb respectvoller Blick meiner Frau zu Ihnen, und Sie über den Teller gebückt und halb stolz, halb verlegen: »Ja, Sie wären doch eigentlich nur der Secretair der Sache, die Figuren und der ganze Aufbau wäre doch von mir, das letzte Leben im Dialog ginge Ihnen jetzt auch erst auf, ob Sie es überhaupt jemals so würden fassen lernen, zweifelten Sie fast, bei Ihnen, Sie fühlten, wäre alles noch so papieren, Ihre kleinen Einfälle ab und zu könnten Sie doch unmöglich berechtigen, das Stück mit mir gemeinschaftlich zu zeichnen, aber Sie leisteten mir die große Arbeit, die Sie körperlich allerdings sehr anstrenge, gerne, denn Sie lernten doch dabei und bei Ihren späteren Sachen würde ich Ihnen ja dann auch behülflich sein.« Meine Frau, als wir dann allein waren: »Alles was Recht ist. Das hab ich Ernst nicht zugetraut. Ich habe im Gegentheil immer gedacht, daß er sich zuletzt einbilden würde, er wäre es eigentlich, der die Sache machte, und Du nur sein Stiefelputzer. Da hab ich ihm doch Unrecht gethan.« Nun, es hat sich jetzt leider herausgestellt: sie braucht Ihnen nicht abzubitten, sie hat Ihnen nicht Unrecht gethan!

7) Ich bitte Sie, sich freundlichst auch noch daran zu erinnern: ich beabsichtigte damals daraus, daß Sie mir als »Secretair« dienten, absolut kein Hehl zu machen. Mit großer Mühe hielten Sie mich ab, das Jedem, der Lust hatte, das zu hören, zu erzählen. Ich begriff z. B. nicht, weshalb wir unsre Arbeit wie Diebe verstecken sollten, wenn der kleine Götze kam. Ja, semper aliquid haeret, meinten Sie. Man kann nie wissen; es bleibt immer was kleben. Ich sollte »vorsichtig« handeln, nicht einmal den »Schein« erwecken, das war Ihr kluger Grundsatz. Und – ich will das auch heute noch nicht leugnen – Sie mögen darin sogar Recht gehabt haben. Trotzdem aber – und das ist heute ein wahres Glück für mich! – konnte mich Ihr Rath nicht hindern, den Sachverhalt damals wenigstens gleich den aufzudecken, die mich derartig kannten, daß eine Mißdeutung dessen, was ich ihnen sagte, vollständig ausgeschlossen war. Nämlich Wendt und Heilmann! Und – hören Sie das ja, bitte, recht deutlich: nicht aus Vorbedacht handelte ich damals so, nicht aus Mißtrauen, daß Sie mir mal aus diesem Anlaß »perfide« kommen könnten, sondern rein impulsiv, weil es mich drängte, jenen Freunden, die es sonderbar fanden, daß ich mich überhaupt mit Ihnen so nahe eingelassen hatte, zu zeigen, was Sie für ein »Kerl« wären und wie lebhaft ich Ihnen Dank wüßte. Und ich erkläre Ihnen nochmal: ich habe Ihnen diesen in jeder Weise abgetragen, ideell wie materiell, bin mir bewußt total mit Ihnen quitt geworden zu sein (immer selbstverständlich bis auf jene 2000 Mark, für die Sie die Bürgschaft übernommen haben und die noch restiren) und ich bitte Sie daher ja, jetzt Ihre nachträgliche Anklage, Sie hätten »gemeinsam mit mir die ›Sozialaristocraten‹ geschrieben« und ich hätte in niedriger Gesinnung Ihren Edelmuth schamlos mit 500 Mk. ausnutzend, Ihnen Ihre Hälfte abgebettelt (nochmal: »mit Geld und guten Worten«), um mich dann prahlerisch mit ihr allein zu schmücken, an alle Litfaßsäulen der Welt zu schlagen! Ich fürchte Ihr »semper aliquid" nicht. Ich habe schon zu sehr bewiesen, was ich leisten kann. Thun Sie's doch! Behaupten Sie's so nachdrücklichst und öffentlichst als nur irgend möglich. Ich provoziere Sie! Geniren Sie sich durchaus nicht! Ich biete Ihnen mit Lachen und Vergnügen meine sämmtlichen Breitseiten. Vergiften Sie, bitte, Ihre Pfeile so kunstvoll Sie können. Sie werden nur einheimsen, was Sie redlich schon jetzt verdient haben: die Verachtung Aller, die mich kennen! – Wenn ich im Januar meinen Band herausgebe und hoffentlich gleich drauf (es kann meinetwegen auch an demselben Tage geschehn, ich habe nichts dagegen) Sie den Ihrigen, wird sich ja glänzend ergeben: Ihre ungeheure Naivität Dinge für Ihre zu halten, die Ihnen von andern geschenkt wurden! Es ist ein Glück – wieder ein Glück, ein großes Glück! – daß Sie mir das schauerliche Geheimnis, von dem Sie mir in Ihrem Brief schreiben, Ihre Theorie, die über meine so unendlich hinausgeht, und mit der Sie mich niederschmettern wollen, noch nicht verrathen haben. Ich kann dann doch wenigstens nicht auch noch in den Verdacht gezogen werden, daß, falls es sich vielleicht doch herausstellen sollte, woran ich, da ich Sie kenne, keinen Augenblick zweifle, daß dieses mysterium tremendum sich auch durch meine Publication entpuppt, ich auch diese Morithat nur Ihrer gütigen Mithülfe verdanke!

8) Ich hatte eigentlich vor, Ihren ganzen Brief zu beantworten, in allen seinen Theilen, aber ich ziehe jetzt – auf der 20 ten Seite! – doch vor, alles Uebrige, was sich noch in ihm findet, so verlockend mich auch das Meiste von ihm anmuthet, in seiner keuschen Schönheit unberührt zu lassen, respective, wenn es noth thun sollte, erst für später aufzusparen. Ich habe meine Zeit schließlich weiß Gott auch nicht gestohlen, kann sie besser verwenden, als auf elende Zänkereien mit Ihnen und habe Ihnen am Ende in Ihrer Hauptsache, denn all jenes Uebrige verschwindet daneben, ja auch aufs Maul geklopft, wie Sie verdienen! Wollte ich mir dieses Vergnügen nun auch noch mit jedem Ihrer einzelnen Finger machen – ich würde dann wirklich noch das Zehnfache des schon zu Papier gebrachten schreiben müssen. Und da fühle ich denn doch einiges Erbarmen. Nicht blos mit mir, den dieser Stank mit Ihnen bereits anwidert bis aufs Tiefste, sondern auch, so wenig Sie es auch verdient haben, mit Ihnen. Ich werde Ihnen daher etwas sagen, in aller Ruhe: ich finde nichts in der Welt alberner und widerwärtiger als grade den Tratsch, in den Sie mich durch Ihre anfängliche männliche Verweigerung meiner »Bitte« wider meinen Willen hineingestrudelt haben. Ich bringe Ihnen daher in Vorschlag. Und ich nehme an, Sie werden ihn, wenn auch Ihnen etwas an Ihren Nerven liegt, nicht ablehnen: Bis auf die Januar- resp. Erste Februarvereinbarung existiren wir für einander nicht mehr, und vor Allem haben wir für einander nie existirt, sind Sie einverstanden, dann senden Sie mir, bitte, – wenn möglich wortlos – meine letzten Briefe an Sie, die ich dann zusammen mit ihren Brouillions und Notizen vernichten werde, und ich sende Ihnen darauf die Ihrigen und Sie thun das Gleiche. Damit erklären wir uns dann beide für definitiv quitt und sind froh, daß wir mit einander nichts mehr zu schaffen haben – jene 2000 Mark und deren 5%ige Zinsen, die ich Ihnen nach wie vor regelmäßig zustellen werde, bis ich endlich in der Lage bin, Ihnen das Kapital zurückzustellen, selbstverständlich ausgeschlossen. Sollten Sie aber auf diesen Vorschlag, den ich, ich wiederhole, lediglich im Interesse unserer Nerven mache, von denen mir namentlich auch die meinen lieb sind, nicht eingehn wollen, – gut, »denn soll't mir ooch dadruf nich ankommen!« Dann wirds mir wohl oder übel ein Vergnügen sein, die letzten Rücksichten, die mich noch binden, fallen zu lassen und meine Klinge mit Ihnen zu kreuzen bis auf den letzten Blutstropfen. Ihren letzten Blutstropfen, verstehn Sie mich wohl, nicht meinen!

Hochachtungsvoll, ergebenst
Arno Holz.

PS. Sie wollen entschuldigen, daß Sie diesen Brief erst heute erhalten. Aber ich habe selbstverständlich für alle Fälle geglaubt, von ihm Kopie nehmen zu müssen.

 

Dem Eindruck dieses letzten Briefes vermochte Herr Dr. Paul Ernst sich nicht zu »entziehen« und die Auswechselung erfolgte. Ich versiegelte die Zurückerhaltenen zu der von mir genommenen Kopie in ein festes Leinwandkuvert und schrieb drauf:

»In diesem Couvert befinden sich vier Briefe, die ich Ende 1897 an Herrn Dr. Paul Ernst gerichtet hatte und die mir von diesem gegen Herausgabe der entsprechenden seinigen dann wieder zurückgestellt worden waren. Sie sind zehn Jahre nach meinem Tode uneröffnet zu vernichten, vorausgesetzt, daß bis dahin von Herrn Dr. Paul Ernst, gleichgültig auf welchem Wege, nicht Dinge behauptet worden sind, die es als in meinem Interesse erscheinen lassen sollten, dieses Couvert zu öffnen. Wilmersdorf, 10. X. 1897. Arno Holz.«

Meine Vorsicht, die Briese nicht zu »vernichten«, sondern sie – eventuell usque ad aeternitatem – nur zu sekretieren, erwies sich sehr bald als mehr wie gerechtfertigt. Durch eine Wendung, die Herr Dr. Paul Ernst sich brieflich über mich zu einen Dritten erlaubte und die ihm dann, von mir darüber zur Rede gestellt, »selbst sehr fatal« war, nur durch »Erregung verursacht«, flackerte die alte Flamme nach wenigen Monaten schon von neuem auf, und »nur mit Mühe«, wie später Franz Servaes schrieb, namentlich aber dadurch, daß ich mit allem Nachdruck auf das glückliche Nochvorhandensein meiner Briefe hinweisen durfte, »wurde ein öffentlicher Austrag der Fehde verhütet«. Mit dem Dokument über diese Verhütung eröffnete ich meine Darlegung. –

Die Zentralverpflichtung unserer »Vereinbarung« damals war: »gegenseitig« über die einschlägigen Dinge »vor der Öffentlichkeit vollkommenes Stillschweigen zu beobachten und uns überhaupt möglichst zu ignorieren.« Wie prompt mein Mitkontrahent dieser Verpflichtung nachgekommen ist, erhellt aus dem »objektiven Referat«, mit dem unser Herr Unparteiischer mir heute Ernsts bereits mitgeteilte Ablehnung weitergab:

 

»Lieber Herr Holz!

Heute lief Ernstens Antwort ein. Ich bezweifle, daß Sie davon befriedigt sein werden.

Ernst sagt, die Buchhändlerannonce gebe den Inhalt der Broschüre falsch wieder. (Er kennt also bereits diesen Inhalt, noch bevor die Broschüre auf dem Markt ist.) Nicht er allein, sondern Sie und er seien darin als Verfasser der ›Sozialaristokraten‹ genannt. Und dieses sei auch richtig und die pure Wahrheit. Die ›Sozialaristokraten‹ seien eine gemeinsame Arbeit von Ihnen beiden. (Eine wie »gemeinsame« Arbeit und wie »pur« die »Wahrheit« ist, vergl. die obigen Briefe.)

Ernst habe diesen Sachverhalt Lublinski erzählt und dieser habe jetzt in seiner Broschüre davon Gebrauch gemacht. (Der arme Übertölpelte! Er hatte also seinen »Sachverhalt« dem großen Lindwurmtöter »erzählt«, »damit dieser in seiner Broschüre« nicht »davon Gebrauch« machen sollte. So nutzt Samuel, dieser Heimtückische, andrer Leute »Harmlosigkeiten« aus.) Ernst habe die einmal gegebene richtige (!) Darstellung nicht zurücknehmen und die Veröffentlichung nicht verbieten können, obwohl sie ihm nicht angenehm sei, da er keinen Ehrgeiz habe, für den Verfasser der ›Sozialaristokraten‹ zu gelten. (Bravo. Jedes winzigste Partikelchen dieser, sagen wir Eskapade ein tadelloses Meisterstück! Zu feige, um sich allein an mich zu wagen, verkriecht sich der Couragirte hinter dem Kleinen – dieses »klein« hier nicht bloß körperlich – und »kann« dann »die einmal gegebene richtige (!) Darstellung nicht zurücknehmen und die Veröffentlichung nicht verbieten, obwohl sie ihm nicht angenehm« ist. Grund? »Da er keinen Ehrgeiz« hat, »für den Verfasser der Sozialaristokraten zu gelten.« Was ja allerdings jetzt für Herrn Dr. Paul Ernst auch nur höchstens kompromittierend sein könnte, da er es inzwischen glücklich bis zu einem – »Demetrios« gebracht.) Er habe jedoch darüber gewacht (!), daß in der Broschüre nur solche Dinge ständen, die notorisch wahr (!) wären, und deshalb rät er Ihnen, das Erscheinen der Broschüre abzuwarten. (Ein Rat, den ich hier genau in der Weise befolge, wie sein ingeniöser Urheber bereits unsere Vereinbarung befolgte.)

Ihre Erklärung konnte er demnach naturgemäß nicht unterschreiben; weshalb ich sie anbei an Sie zurückgehen lasse.

Dies ist mein objektives Referat. Ich überlasse es Ihnen, zu tun, was Sie für richtig halten. (Was bereits dankend befolgt wurde.) Mit herzlichen Grüßen

10. X. 05.
Ihr Franz Servaes.«

 

Man sieht: Weit entfernt, daß die durch Herrn Lublinski erfolgte »Aufdeckung« meine Position irgendwie »erschüttert« hätte, hat sie sie sogar, ohne daß dies allerdings nötig gewesen wäre, noch »befestigt«. Mein »Fall« ist in der Literatur ohne Beispiel, und so hatte er auch wohl ebensolche »Dinge« zeitigen müssen. Mein Talent rein als solches – so wenig ich auch bereits mit ihm irgendeinen Vergleich heute zu scheuen brauche – würde mich entwicklungsgeschichtlich, und nur darum, ich betonte dies schon einmal, handelt es sich, nicht einen Schritt weiter gebracht haben, wenn sich ihm nicht »noch eine nicht minder wichtige Reihe anderer Fähigkeiten« zugesellt hätte, durch deren Vereinigung in ein und demselben Hirn jene Grundlagen, um die einzig der Streit sich dreht, überhaupt erst ermöglicht wurden. Noch nachdem Herr Lublinski auf die einschlägigen Fehler seiner Bilanz hin von mir interpellirt worden war, schrieb er: »Daß ohne Sie weder der Naturalismus noch überhaupt die moderne Literatur – also unter anderen auch Schlaf – nicht möglich gewesen wäre, habe ich einige dutzendmal an verschiedenen Stellen meines Buches gesagt, und nur erschien und erscheint noch die Frage um die ›Familie Selicke‹ von ganz sekundärer Natur gegenüber Ihrer entwicklungsgeschichtlichen Tat.« Und ich erwiderte darauf: »Ganz recht. Auch meine Meinung. Nur werde ich niemand gestatten, mir auch nur ›sekundär‹ die Butter vom Brot zu nehmen! Ob man mich lobt oder tadelt, ist mir gleichgültig; aber ich lange mir jeden, der mir die Tatsachen zu vermuddeln sucht.« Nicht, wie ich heute hinzufügen will, der »Tatsachen« wegen, oder weil ich auf jene sekundären Dinge irgendwie »Gewicht« legte, sondern weil ich voraussah: Läßt du diesen Leuten aus Nonchalance auch nur deinen kleinen Finger, so genügt ihnen bald auch dein ganzer Arm nicht. Eine Voraussicht, die in Erfüllung ging. Schade, daß die vereinigten Herren Angreifer nun als Trophäe noch nicht einmal meinen linken Daumennagel schwingen können.

5.

Endlich, fast zwei Wochen, nachdem er mir so lockend verheißen, liegt der Schatz vor mir. Ein zierliches Heftchen in geschmacklos koketter Druckanordnung, »gewandet« in zartestes Unschuldsrosa! Sein Stil derselbe »konfuse, unglaublich miserablige«, den Lublinskiverehrer bereits an seinem »Polizeileutnant« »Der Polizeileutnant in der Literatur. Ein Abwehr gegen Arno Holz. Magazinverlag Jacques Hegner. Berlin SW., Tempelhofer Ufer 29.« Der erste Band der von Herr Samuel Lublinski gegen mich begonnenen Enzyklopädie. Darf ich ihn tiefer hängen? zu bewundern die Gelegenheit hatten, und wieder wahrscheinlich werde ich in absehbarer Zeit zu lesen bekommen: Preis soundsoviel, »Wert nicht einen Pfennig! Nichtsdestoweniger mag man sich diese ›Kampfschrift‹ als Kuriosum anschaffen, um zu lernen, wie eine Polemik nicht geführt werden soll.«

Die ganzen 59 Seitchen bringen nichts, das im Vorstehenden nicht bereits hinlänglich erledigt wäre. Erst auf Seite 61, als sensationeller »Anhang«, die Lokalanzeigerrubrik: »Professor Siemerling über Schlafs Gesundheitszustand!«

Herr Lublinski, von meiner »sonderbaren Neigung, durch Papierfetzen alles mögliche beweisen zu wollen«, »angesteckt,« kommt nun auch mit einem Dokument. Es sei ihm »auf den Schreibtisch geflogen«, als er mit seiner Broschüre »schon fertig« war. »Aber es wäre zu schade, dieses Schriftstück zu unterschlagen«, dem er »mit Verlaub gesagt, doch mehr Beweiskraft zutraue, als den Akten des Herrn Holz«.

Wozu bemerkt sei: Dies »Dokument« datirt bereits vom 20. V. und war also, zusammen mit der bereits erledigten grotesken Prätendentschaft Ernsts, überhaupt erst Herrn Lublinskis Ausgangspunkt. Der Gekränkte, den mein sonderbarer Dank noch schmerzte und, wie ich glaube hinzufügen zu dürfen, wahrscheinlich noch schmerzen wird bis ans Ende seiner »Tage«, hätte ohne diese beiden »Glücksfälle«, die er dafür hielt, nicht wieder »anfangen« können, da sein Uebriges nur wiederkäut. Er gruppirte also den einen »geschickt« an den Anfang und den andern, damit er recht »knallig« wirken sollte, an den Schluß. Leider mit solchem Mißerfolg.

Da Herr Professor Siemerling zur »Veröffentlichung« des betreffenden Schriftstücks – es handelt sich um einen Brief von ihm an Schlaf – die »Erlaubnis« gegeben, hoffe ich mich keines unerlaubten Nachdrucks schuldig zu machen, wenn ich die in Frage kommende Stelle hier ebenfalls wiedergebe:

»Gern erfülle ich Ihre Bitte und teile Ihnen meine Anschauung über Ihre frühere Erkrankung mit, speziell im Hinblick auf die mir von dritter Seite unterstellten Äußerungen.

Ihre damalige Erkrankung ist von mir niemals als Größen- oder Verfolgungswahn bezeichnet oder benannt worden. Ich halte es für ganz ausgeschlossen, daß ich eine derartige Bemerkung Herrn Holz gegenüber gemacht haben sollte, da sie sich in keiner Weise mit meiner damaligen Beobachtung deckt. Auch als unheilbar ist die Krankheit niemals von mir angesehen worden.

Nach den mir heute vorliegenden Notizen ist die damalige Erkrankung als eine ganz akute Störung aufgefaßt worden mit dem Charakter heftiger Nervenüberreizung. Sie sind damals aus dem Krankenhause als gebessert bereits entlassen worden, und ich entsinne mich ganz genau, daß ich völlige Genesung annahm. Von unheilbarem Verfolgungs- und Größenwahn ist nie die Rede gewesen.«

Die Herrn Professor Siemerling »von dritter Seite unterstellten Äußerungen,« Seite 9, meiner Darstellung, lauteten:

»Schlaf leidet an fixen Ideen – Größen- und Verfolgungswahn – und ist unheilbar. Er kann bei dieser Krankheit achtzig Jahre alt werden, immer aber wieder werden sich Krisen einstellen, innerhalb derer er nicht zurechnungsfähig ist. In den Zwischenzeiten wird der Kranke auf den Laien den Eindruck eines normal Gesunden machen.«

Da Herr Professor Siemerling zum Glück seine »Äußerungen« nicht bloß zu mir allein gemacht, sondern in Gegenwart eines Dritten, Hans Heilmann, setzt Redakteur in Königsberg, desselben Schlaf und mir damals gemeinsamen Freundes, den ich schon auf meiner Seite 38 erwähnte, ohne freilich damals bereits seinen Namen zu neunen, bin ich in der Lage, Herrn Professor Siemerlings Vorwurf, als hätte ich ihm seine Äußerungen »unterstellt«, klipp und klar zurückzuweisen.

Hans Heilmann, von mir gebeten, sich auf meinen Passus zu erklären, schrieb mir:

»Was Du sagst, stimmt, soweit ich mich erinnere, bis aufs Wort und unbedingt dem Inhalt nach. Das kann ich Dir bezeugen. Köppen wird es auch können. Einer von beiden, ich weiß nicht, ob er oder Siemerling, meinte noch, daß die Krankheit der Produktion von Schlaf nicht schädlich, eher förderlich sein würde. Im übrigen waren sie ganz derselben Meinung über den Fall.«

Herr Professor Max Köppen, der Schlaf – ebenfalls noch in der Charitee – nach Herrn Professor Siemerling behandelte, von mir angefragt, ob er diese Bestätigung »bestätigen« könne, schrieb:

»Ich kann Ihnen das, was auf Seite 9 Ihrer Broschüre unterstrichen ist, vollständig bestätigen und glaube auch, damals gesagt zu haben, daß die Produktionskraft Schlafs unter seiner Krankheit nicht leiden würde. Ich bedaure Sie, daß Sie unter den so täuschenden Räsonnements eines nur scheinbar Geheilten leiden müssen. Uns Fachleuten sind die Schwierigkeiten bei solchen Kranken Wahres und Falsches zu entwirren, sehr wohl, ja zu sehr bekannt.«

Aus diesen »Papierfetzen« geht hervor:

Herr Professor Siemerling hat die Äußerungen, die er heute in Abrede stellt, nicht mir getan, sondern sein Brief enthält auch noch einen höchst bedenklichen anderen Erinnerungsfehler: »Sie sind damals aus dem Krankenhause als gebessert bereits entlassen worden und ich entsinne mich ganz genau (!), daß ich völlige Genesung annahm.« Als Schlaf aus der Charitee »entlassen« wurde, war Herr Professor Siemerling nicht mehr dirigierender Arzt an ihr. Berlin hatte ihm längst »den Rücken gedreht«!

Die »Entlassung« Schlafs, und zwar die des keineswegs bereits »gebesserten«, erfolgte durch Herrn Professor Max Köppen, nachdem ich, unterstützt namentlich durch Felix Hollaender, der damals in selbstlosester Weise ganz Berlin W abgraste, ein nicht unbeträchtliches kleines »Kapital« aufgebracht hatte, um Schlaf möglichst jede Erleichterung zu verschaffen, die ihm bei seinem Zustand überhaupt verschafft werden konnte. Aus der Charitee, wo das Hausen mit Vielen in ein und demselben Raum Schlaf auf das äußerste bedrückt hatte, wurde er so in die erste Klasse der Waldschmidtschen Anstalt nach Westend überführt, von dort vermittelte ich ihm den Aufenthalt auf dem Lande in der Nähe von Hamburg bei einem Jugendfreunde von mir, Dr. Alexander Riek, jetzt Kreisarzt in Kempen, dann veranlaßte ich weitere Freunde in Rudolstadt, sich seiner anzunehmen, worauf folgten: Aufenthalte, und zwar wiederholte, in der Landesirrenanstalt Alt-Scherbitz, in der Irrenabteilung des Magdeburger Krankenhauses, im Lahmannschen »Weißen Hirsch« und zuletzt, noch ganz kurz bevor Schlaf im Herbst 1898 in der »Zukunft« jene erste öffentliche Attacke auf mich machte, erfolgte seine Aufnahme in die Edelsche Anstalt zu Charlottenburg, ermöglicht dadurch, daß jetzt auch noch die Güte des Herrn Maximilian Harden eine Sammlung veranstaltet hatte, und zwar dieses Mal eine öffentliche. Belege, wie wenig eine Gesundung Schlafs seit jenem Unglücksangriff erfolgt ist, spare ich mir. Sie stünden auf Wunsch zur Verfügung.

So habe ich, wie Herr Lublinski schon zu triumphieren sich bemüht, »dem Publikum Sand in die Augen« gestreut. Ja, der »ohne jeden Feminismus durchaus Männliche, der »Unbeirrbare«, der in seiner »sichern Polemik« Keusche, Reine, Klare und Sachliche – alles Titulaturen, mit denen ihn die Erkenntlichkeit Schlafs behängt hat – glaubte, in seinem Überschwang, nun endlich auch so einen »Papierfetzen« zu haben, sogar noch weitergehn zu dürfen:

»Professor Siemerling spricht in dem Brief von einer ›akuten Nervenüberreizung‹. War es etwa die edle Absicht des Herrn Holz, durch die schneidige Art seiner Kampfesweise die akute Nervenüberreizung bei dem Gegner – zu einer chronischen zu gestalten? U. A. w. g.«

So der »Selbstsichre«, dem sein Client und Bewunderer Johannes Schlaf nicht nur »ein so vortreffliches kritisch-aesthetisches«, sondern vor Allem auch » ethisches Distinktionsvermögen« anrühmt. Der Gesunde vor fünfzehn Jahren hätte sich geweigert, dieses Konglomerat auch nur mit der Feuerzange anzufassen ...

Zehn Minuten hat die Lectüre gedauert, fünfzehn diese letzte Niederschrift, zusammen also noch nicht eine halbe Stunde. Leichter hätte Herr Lublinski es mir nicht machen können.

Wilmersdorf, den 1.-3. und den 12.-13. Oktober 1905.

Arno Holz.


 << zurück weiter >>