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II.

Schon jetzt, wo ich dieses Nachwort beginne, fürchte ich, daß es wahrscheinlich länger werden wird, als die vorstehende Schrift. Da ich aber durchaus der Meinung bin, man soll sich in eine Erwiderung nur dann einlassen, wenn man entschlossen ist, sie auch zu Ende zu führen, muß ich zu meinem Schmerz, nachdem ich nun einmal A gesagt, jetzt auch B sagen. Ich hoffe, daß es mir dann wenigstens erspart bleiben wird, auch noch C sagen zu müssen.

1.

Ich hatte mein »notgedrungenes Kapitel« bereits in Druck gegeben, als mir durch Herrn Dr. Josef Ettlinger, den Herausgeber des »Literarischen Echos«, der Korrekturabzug eines Schlafschen Artikels zuging, betitelt »Arno Holz und ich«. In seinem Begleitbrief teilte Herr Dr. Ettlinger mir mit, er wolle diesen Artikel in der unter ausschließlicher Verantwortung der Einsender stehenden Rubrik »Meinungs- Austausch« bringen, hielte es jedoch für seine Pflicht, mir vorher davon Kenntnis zu geben, für den Fall, daß ich vielleicht gleich im Anschluß daran eine Erwiderung zu geben wünschte.

Da der Artikel Schlafs nur eine Wiederholung dessen war, was bereits in »Zukunft« und »Zeitgeist« gestanden, begnügte ich mich, Herrn Dr. Ettlinger zu bitten, dem Eingesandt Schlafs nur nachstehende Notiz folgen zu lassen:

»Ich verzichte darauf, diesem Artikel etwas hinzuzufügen, nachdem ich bereits in einer Broschüre – Johannes Schlaf, ein notgedrungenes Kapitel? – die mit diesen Zeilen wahrscheinlich zugleich erscheinen wird, alles gesagt habe, was mir in dieser Angelegenheit zu sagen notwendig erschien.«

Diese Notiz – meine Broschüre erschien erst einige Tage später – veranlaßte Schlaf, sich sofort abermals hinzusetzen und nun auch seinerseits eine Broschüre zu schreiben. Diese liegt mir jetzt vor unter dem Titel »Noch einmal Arno Holz und ich«. In dieser Broschüre wiederholt Schlaf seine Darstellung zum dritten Mal und schließt in einem »Nachtrag«, nachdem ihm inzwischen meine Broschüre zu Gesicht gekommen wäre: ich hätte mit dieser die »Tatsachen«, die er in seinem »Echo«-Artikel gegeben, nicht »umzuwerfen« vermocht.

Ich habe mir daraufhin diesen »Echo«-Artikel nochmal durchgesehen, irgendwelche »Tatsachen« in ihm aber trotz angestrengtesten Suchens nicht finden können. Nur Behauptungen.

Von diesen Behauptungen die suggestivste scheint mir die, daß Schlaf von mir zuerst zwar gewisse »Anregungen« empfangen haben, zu einem bestimmten Zeitpunkt aber über diese hinausgewachsen sein will; und gerade hieraus erst hätte sich dann unser »neudeutsches naturalistisches Drama« ergeben, dessen »alleiniger Schöpfer« er gewesen sei.

Zum Glück führt Schlaf gerade diese Behauptung etwas weiter aus und erzählt: Diese Wende hätte sich so vollzogen, daß er bei der ersten Niederschrift der »Papiernen Passion« »infolge selbstständiger und eigener Weiterführung jener ersten Anregungen« von mir »bei dieser Arbeit alles, was Milieu und Milieustimmung zwischen dem Dialog«, auf den er das Stück »unwillkürlich von vornherein angelegt, auf ein möglichstes Minimum beschränkt« hätte, »sodaß es eigentlich schon so eine Art Regie-Angabe« gewesen sei, woraus ihm dann plötzlich aufgegangen, daß er die »sehr differenzierte und intime Form eines neuen und ganz eigenartigen naturalistischen Dramas gefunden« hätte. »Das hatte Holz damals nicht gesehen! Das habe ich, durch eigenes und selbstständiges Nachdenken, sowie aus meinem produktiven Instinkte heraus gefunden und aus jenen ersten Anregungen von Holz heraus entwickelt.«

Dieser Behauptung gegenüber steht meine bestimmte gegenteilige, nach welcher Schlaf während der Zeitdauer unserer Zusammenarbeit sich mir »rein künstlerisch in jeder Beziehung restlos untergeordnet« hat, so daß er, wie ich mich ausdrückte, »immer nur die Flöte gewesen« ist, auf der ich »gespielt« habe.

Diese beiden Behauptungen widersprechen sich; welche von ihnen stimmt?

Irgendein Beleg, zwingend auch für Dritte, würde gerade für diesen Fall, der ja von springendster Beweiskraft auch für alle übrigen ist, unmöglich sein, wenn nicht zufällig die betreffende erste Niederschrift der »Papiernen«, nachdem wir sie, wie dies bei unserer Arbeitsart damals üblich war, zuerst genau durchgesprochen hatten, von Schlaf nicht in Berlin, sondern in Magdeburg zu Papier gebracht worden wäre. So konnte ich als Lehrmeister auf das, was ich meinem Schüler für sein Pensum eingeprägt hatte, brieflich zurückkommen und schrieb damals – bis auf eine Stelle, die ich ihrer vielleicht allzu intimen Farbigkeit wegen hier etwas abmildere – an diesen wörtlich:

»Befolgst Du dreimal ... auch meinen väterlichen, brüderlichen etc. Pp.-Rath? Gehst Du vom Dialog aus? Der Deibel soll Dir in Dein sieben mal siebenundsiebzig mal verdammtes Genick fahren, wenn Du's anders hältst!«

Aus diesem Schwarz auf Weiß, das nicht mißverständlich ist, ergibt sich und zwar unwiderleglich: Nicht Schlaf war es gewesen, der die zentrale Bedeutung jenes sich genau an die Wirklichkeit haltenden Dialogs für uns erkannt hatte, sondern ich. Nicht »durch eigensten Trieb«, wie Schlaf jetzt nachträglich behauptet, nicht »infolge selbstständiger und eigener Weiterführung jener ersten Anregungen« von mir, hatte er sich damals »gezwungen« gesehen, »das Milieu, wenn nicht ganz auszulassen, so doch auf ein Minimum zu beschränken«, sondern weil ich ihm dies für seine Aufgabe damals strikt vorgezeichnet hatte! Und zwar war ich mir der Konsequenzen daraus so durchaus bewußt gewesen, daß ich Schlaf schon damals, noch bevor er wieder nach Berlin zurückgekehrt war, klar und deutlich geschrieben hatte: »Keine Verse mehr, keine Romane mehr, für uns existirt nur noch die offene, lebendige Scene!!!« Worauf Schlaf dann, wie stets, mir geechot hatte: Auch er wäre jetzt dieser »Überzeugung«, die ihm »mit jedem Tag mehr in Fleisch und Blut« überginge, – Dramen müßten wir schreiben, das wäre das »Allerbeste!« ... Seine Antwort auf jenes Memento von mir hatte gelautet: »Deinen väterlich-brüderlichen Rath habe ich zum größten Theil in Anwendung gebracht und die Vortheile sind garnicht in Abrede zu stellen. Sehr oft wird die Wiedergabe und Erinnerung der Milieus dadurch ganz wesentlich erleichtert und bekommt auch eine weit größere Wirkung. Auch die Wiedergabe von Bewegungen und Mienenspielen wird wirksamer erzielt durch den Dialog ... Du wirst nicht eine Zeile, nicht ein Wort Reflexion, inneren Vorgang lediglich als solchen finden. Alles ist, soweit es seelischer Vorgang und nicht durch die Rede ausdrückbar war, durch Mienenspiel und äußere Bewegung wiedergegeben. Jede Hypothese ist also von Grund aus vermieden und nur das Sinnfällige, Positive, thatsächlich Wahrnehmbare und Controllirbare gegeben ... Die theoretischen Leberläuse sind sämmtlich eines seeligen Todes krepirt ... Du hast Recht! Du hast Recht! Du hast Recht!« Ich meine, promptere Belege über erteilte Direktiven kann man nicht ausgestellt bekommen ...

Mit diesen »Tatsachen«, die wirklich welche sind, denn sie befinden sich kontrollierbar in meinen Händen, fällt die ganze, völlig aus der Luft gegriffene Kernbehauptung Schlafs, laut welcher er plötzlich aus dem bis dahin von mir Geführten mein Führer geworden sein will, in Nichts zusammen.

Daß man mir zumuten könnte, diese Operation, die ich eben an dieser einen Behauptung Schlafs vollzogen, aus dem Grunde, weil sie mir die wichtigste schien, nun auch noch an seinen sämtlichen übrigen zu vollziehen, halte ich für vollkommen ausgeschlossen. Nicht an mir ist es, was Schlaf sich in seinem Zustand – ich kann es leider nicht anders bezeichnen – aus dem Federhalter geholt hat, zu widerlegen, sondern an ihm wäre es gewesen, es zu beweisen. Und dieses zu tun, hat Schlaf bei keiner der von ihm jetzt als »Tatsachen« hingestellten Behauptungen auch nur den Versuch machen können!

2.

Ich mag an Schlafs Darstellung, die er in seiner Broschüre als die »in denkbarster Ausführlichkeit ein für alle mal letzte und definitive« ausgibt, tippen, wo ich will: sie fällt überall um.

Gleich der Anfang!

Schlaf schildert, wie er nach Ablauf seines siebenten Semesters in seiner »Bude« saß, verzweifelt, daß das philologische Examen für ihn eine Unmöglichkeit wäre. Was nun? Zu seinen Angehörigen fahren und ihnen mitteilen, daß er das Studium aufgeben müsse? Dazu fehlte ihm der Mut.

»Plötzlich ging draußen die Flurglocke. Ich hörte im Entree eine Stimme, die mir bekannt vorkam. Gleich danach öffnete die Wirtin die Thür und herein trat – Arno Holz.

Ich sprang in die Höhe. – Gerade in diesem Augenblicke – wir hatten bereits für die Ferien von einander Abschied genommen, und ich glaube, ich hatte ihm gesagt, daß ich heute abreisen wollte – mußte Holz kommen. Mitten hinein in diese verzweifelten Erwägungen.

›Du?‹

›Ja.‹

Dies ›Ja‹ war recht kleinlaut zum Vorschein gekommen. Sehr kleinlaut.

›Nun: und?‹

Ich wußte, wo ihn der Schuh drückte. Er stand im Begriff, wie vor seiner Pariser Reise einen ersten, ›Goldene Zeiten‹ betitelten Roman, so jetzt einen zweiten, ›Verlorene Illusionen‹ betitelten Berliner Roman unvollendet bei Seite zu legen.

›Du willst in die Ferien reisen?‹

›Ja‹, stöhnte ich und stand da, als ob ich im nächsten Augenblick gehängt werden sollte.

Nun, er schlüge mir vor, nicht in die Ferien zu reisen, oder wenigstens erst später. Ich solle mit ihm hinaus nach Pankow kommen. Wir wollten, wenns mir recht wäre, etwas zusammen arbeiten. – Ich hatte während der letzten Osterferien einen Roman angefangen, dem meine Hallenser Studentenerlebnisse zugrunde gelegt waren. Es war eine erste flüchtige Niederschrift, mit halber Lust und zagem Interesse zwischen der Lektüre der griechischen und mittelhochdeutschen Klassiker zu Papier gebracht. Holz wußte von dieser Arbeit. Ich hatte einige Stücke davon zur Hand; das übrige Manuskript lag zu Hause in Magdeburg. Er fragte mich, ob es mir recht wäre, wenn wir diese Arbeit einmal mit einander durchgingen. Es würde für mich ein Vorteil sein; und auch er käme vielleicht mit seinen ›Verlorenen Illusionen‹ wieder in Gang.

Ich besann mich ein Weilchen. Aber endlich schlug ich ein. Die Sache war abgemacht, und ich hatte in diesem Augenblicke endgiltig mit meinen Brotstudien gebrochen.

Immerhin zauderte ich, Holz das Manuskript meines Romans mitzuteilen, das noch viel zu sehr im Rohen war, als daß ich eigentlich hätte wagen dürfen, einem anderen einen Einblick zu gewähren.

Indessen Holz wußte meine Bedenken zu beseitigen, und ich war schließlich einverstanden...

Mir war, so wenig leicht mir mein Schritt wurde, immerhin ein wenig wohler.«

Nach dieser Darstellung, die alles, was sich damals zwischen uns zugetragen, radikal auf den Kopf stellt, kam ich zu Schlaf als Bittsteller. Ich wagte kaum kleinlaut, »recht kleinlaut, sehr kleinlaut«, die stammelnde Bestätigung, daß wirklich ich es gewesen, der an seine Tür geklopft. Aber ich hatte ja meine »Gründe«: ich war gehirnlich total pleite und wußte, daß der Unvergleichbare, zu dem ich mich in meiner Abgebranntheit getraut, den Anfang eines »Hallenser Studenten-Romans« beherbergte, und auf diesen hatte ich Niedriger es abgesehen! Der geistige Rothschild hatte seinen Schatz bis dahin zwar ängstlich vor mir gehütet gehabt, indessen wußte ich Gauner doch – namentlich unter dem Vorgeben, es würde für »ihn« ein Vorteil sein, »wenn wir diese Arbeit einmal mit einander durchgingen« – seine »Bedenken zu beseitigen« und »schließlich« war er »einverstanden«. Er dampfte nicht ab, sondern blieb, und »so wenig leicht« ihm sein Schritt auch geworden war, ihm war »immerhin ein wenig wohler«.

Dieser ganze Passus erinnert mich lebhaft an eine schöne Parallelstelle über mich in Schlenthers »Gerhart Hauptmann«: »Für Kompagniearbeit eingenommen, wie er war, und durch die Fügsamkeit des sanften, sinnigen Johannes Schlaf daran gewöhnt, schlug er vor, mit Gerhart gemeinschaftlich ein Drama nach allen Regeln der neuen Kunst abzufassen. Vor diesem dämonischen Antrag, dem er anfangs bereitwillig entgegenkam, den er wohl gar herausgefordert hatte, bewahrte den Andern sein guter Stern.«

In Wirklichkeit war dieser »dämonische Antrag«, vor dem »den Andern sein guter Stern bewahrte«, nicht von dem »für Kompagniearbeit Eingenommenen« ausgegangen, den »die Fügsamkeit des sanften, sinnigen Johannes Schlaf daran gewöhnt« hatte, sondern von »Gerhart« selbst; nicht bloß an mich, sondern an Schlaf und mich gemeinsam. Und in genau dieser selben Wirklichkeit war ich damals zu Schlaf nicht als mein Bittsteller gekommen, sondern – falls man sich an eine solche Melodramatik hier nicht stoßen will – als sein Befreier.

Schlafs Manuskript war mir schon längst durch ihn bekannt gewesen und mein Urteil hatte sofort gelautet: »Was Du da hingeschrieben hast, ist nichts weiter, als der übliche Dutzendschund. Aber ich will Dir mal zeigen, wie sich aus diesem unkünstlerischen Nichts ein künstlerisches Etwas machen läßt.« Und ich hatte das erste beste Kapitel hergenommen – die spätere »Kleine Emmy« – und ihm dieses auf die Beine gestellt. Da Schlaf damals auf einige Tage bei mir zu Besuch gewesen war, hatte ich dazu genügende Zeit gehabt. Jeden Satz hatte ich ihm kritisiert, jedes Wort dabei in seine Teile zerlegt und dann mit womöglich noch größerer »Akribie« ihm die Gründe jedes neuen klargelegt. In diese Arbeit war dann sein Ferienanfang geplatzt und ich hatte wohl oder übel abbrechen müssen, noch ehe es mir gelungen war, ihm meinen Liebesdienst bis zu Ende zu leisten. Da ich aber wußte, wie es damals in Schlaf aussah, und weil er ein Mensch war, den ich liebgewonnen hatte – mir kommt das Wort heute sentimental vor, aber ich muß es hinschreiben –, wollte ich seiner Entschlußlosigkeit zu Hülfe kommen und offerierte ihm daher noch im letzten Augenblick für den Ferienaufenthalt meine »Bude«. Ich erleichterte ihm so einen Bruch, zu dem er sonst vielleicht, zum Schaden für seine Entwicklung, erst nach Jahren gekommen wäre. Denn darüber war ich mir einig: zum Schulmeister paßte der nicht. Schon weil die Jungens ihn dann immer mit zu viel Maikäfern geärgert hätten!

Dazu kam: ich bin eine in allem Künstlerischen leider schon von jeher mehr als mitteilsame Natur gewesen – erst die Erfahrung hat mich etwas vorsichtiger gemacht –, und so konnte es mir denn nur äußerst angenehm sein, wenn ich für die nächsten Wochen nicht bloß Gesellschaft hatte, sondern noch obendrein solche, in die ich, wie ich dies ja bereits gesehen hatte, nach Herzenslust meine Ideen trichtern konnte. Wie sehr ich mit diesen geladen war, gerade damals, beschrieb ich bereits in meinem Buche »Die Kunst«. »Den Schädel vollgepfropft mit neuen Idealen bis zum Zerplatzen!« Es war also nur selbstverständlich, daß ich eine solche Gelegenheit, mich meiner Überfülle zu entledigen, nicht mit Widerwillen ergriff.

Welche von diesen beiden Darstellungen, die sich in fast allem abermals widersprechen, ist nun die richtige? Schlafs oder meine?

Ich brauche aus meinen Papieren nur die nachstehende andere Version herzusetzen, die ebenfalls von Schlaf stammt, und die er mir mal für den kurzen Abriß unserer Zusammenarbeit in jenem Buche »Die Kunst« zur Verfügung gestellt hatte, und die Antwort darauf ergibt sich von selbst.

»Im März, kurz vor Anfang der Ferien, hatte ich mich auf ein Dekanatsexamen vorbereitet, was ich bei Prof. Bahlen im Lucrez einer Stipendienrate wegen, die ich von der Stadt Magdeburg beziehen sollte, abzulegen dachte. Es war kurz vor meiner Abreise und die Angelegenheit eilte, wenn ich die nöthigen Papiere und Zeugnisse zur rechten Zeit in Magdeburg einliefern wollte. Der Herr Professor hatte aber keine Lust, mich über Lucrez zu prüfen, weil ich nie ein Colleg bei ihm darüber gehört und er wohl gern gesehen hätte, wenn ich die Prüfung über Cicero abgelegt hätte, den ich bei ihm das Semester über gehört hatte. Trotz allen Bittens konnte ich ihn nicht dazu bringen, mich zu prüfen. So lief ich denn zu Prof. Diels, bei dem ich 1885 eine Vorlesung über de rerum natura gehört hatte. Er war so freundlich, mich prüfen zu wollen, erklärte aber, es erst einige Tage später zu können. Das war unangenehm, da ich meine Wohnung Sophienstraße 21, III schon gekündigt hatte, und der neue Miether auch schon eingezogen war. In meiner Verlegenheit wanderte ich nun nach Nieder-Schönhausen hinaus, um Holzens Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, der damals in der Nähe des Parkes, Kronprinzenstraße 8, zwei Zimmer hatte ...

Holz war damals dahin gekommen, dem Zola'schen Satze Un chef d'oeuvre est un coin de la nature vu à travers un tempérament den andern gegenüber zu stellen: Ein Kunstwerk ist ein Stück Leben, angesehn nicht durch das Temperament des Künstlers, sondern aller der Personen, die er geben will. So stand ungefähr der Sinn fest. Durch diese Gespräche und Zusammenkünfte einerseits und durch das mir sehr sympathische persönliche Wesen Holzens, das mich schon seit unserm ersten Zusammentreffen (Winter 1885) angezogen hatte, andererseits näherten wir uns immer mehr, und da wir uns gegenseitig noch sehr viel mitzutheilen hatten, war es denn auch ihm lieb, daß ich die Tage bis zum Examen draußen bei ihm verbrächte. Ich zog also mit Sack und Pack an einem Prachtvollen Winterwettertage zu ihm hinaus ... Die Gespräche wurden fortgesetzt und nun merkte ich, wie weit Holz mir in verschiedenen Consequenzen der Technik voraus war. Ich las ihm einiges aus meinem zweiten Roman, in dem ich meine Hallenser Studentenerlebnisse widerzuspiegeln suchte, vor und da ihm verschiedenes inhaltlich« (dieses Wort steht in Schlafs Manuskript durchgestrichen) »sehr gefiel, obgleich er mit der Technik sich nicht einverstanden erklären konnte, so machte er mir den Vorschlag, wir wollten beide gemeinschaftlich ein Kapitel herausgreifen und so plastisch wie nur immer möglich heraus zu arbeiten. Wir machten uns an das Stück, das wir nachher als die ›kleine Emmy‹ immer vergeblich vom Stapel zu lassen suchten ... Es waren herrliche, glückliche, sorgenlose Tage. Tage, wo ich nur in unseren Ideeen lebte und in dieser herrlichen Zusammenarbeit, bei welcher mir die Augen immer mehr aufgingen ...

So war unterdeß der Tag gekommen, wo ich mein Examen zu machen hatte. Aus dieser Materie war ich aber unterdessen ganz und gar herausgekommen. Mit der größten Unlust machte ich mich auf und bestand die Prüfung sehr mäßig. Als ich von der Kurfürstenstraße auf dem Rückweg in die schöne Potsdamer einbog mit meinem mäßigen Zeugnis, da war ich die Philologie so recht von Herzen überdrüssig und ich verwünschte meine äußere Lage, die mir das Studium so nöthig machte, zehntausendmal. Ich befand mich in der entsetzlichsten Stimmung. Ich war aus allen Himmeln gerissen. Den nächsten Tag sollte ich abreisen. Abreisen. Mir war miserabel. –

Als ich zu Hause ankam, nahmen wir die kurze Gelegenheit noch einmal so recht wahr und schafften noch tüchtig an unserer Studie, ohne daß wir sie hätten beenden können.

Am andern Tag machte ich mich auf die Beine nach Berlin. Ich wollte von der Mutter Abendrothen meine Sachen abholen und Mittag wollte ich reisen. Holz brachte mich bis zum Bahnübergang bei Pankow. Uns beiden war das Herz sehr, sehr schwer. Und wie ich nun so weiterschritt allein auf der Chaussee, da fing an sich allmählich der Entschluß bei mir immer mehr festzusetzen: die Philologie schießen zu lassen. Ich nahm mir vor, mich in den Ferien hinzusetzen und mich mit all meinem Eifer und meinen bereicherten Anschauungen über meinen Roman herzumachen und mich um nichts sonst zu kümmern. Allerdings sah ich voraus, daß das bei unsern häuslichen Verhältnissen nicht so glatt ablaufen würde und das machte mich im Ganzen doch wieder recht verzweifelt und so hatte ich den stillen Wunsch: wenn du doch die Ferien über die Zusammenarbeit hier so schön und ungestört fortsetzen könntest, und fast hatte ich eine leise Ahnung, als wenn es ja garnicht anders sein könnte, als wenn es auch so kommen müsse und werde. Ich hatte auch noch diese Empfindung, als ich in meiner früheren ›Bude‹, deren Inhaber, ein Kaufmann, nicht zugegen war, reisefertig auf- und abpromenirte. Ich wartete nur auf eine Tasse Kaffee, die mir Mutter Abendrothen noch zum Abschied zu Gute kommen lassen wollte, dann sollte die Reise losgehen. Wie ich auf- und abspaziere, klopft es an. ›Herein!‹ Es wird der Kaffee sein. – Ist es Holz. Ich ahnte auf der Stelle, was kommen sollte.

›Ich habe Dir einen ganz merkwürdigen Vorschlag zu machen. Du darfst nicht fort. Es ist unbedingt nöthig, daß Du hier bleibst!‹

Erwartungsvolles Stillschweigen meinerseits. Ich sehe ihn an und weiß nicht, was ich sagen soll, kriege kein Wort heraus, weiß aber schon alles, und mein Entschluß ist fertig.

›Du wirst die Ferien über bei mir bleiben. Willst Du?‹

›Ja!‹

Wir geben uns die Hand und sehen uns an. Die Sache war fertig und wir beide in der seligsten Laune.«

Und nun, auf diese alte Fassung, die aus einer Zeit stammt, in der Schlaf noch nicht an jener krankhaften Steigerung seines Selbstbewußtseins litt, gegen dessen Übergriffe ich mich jetzt schützen muß, lese man, bitte, noch einmal die neue. Von ihrem durchaus verschiedenen Tatsachenbericht ganz abgesehen: allein schon ihr »Ton«!

3.

Weitere Proben wären überflüssig. Man setze in die gesamte Darstellung Schlafs statt schwarz weiß, statt krumm gerade, plus statt minus und sie stimmt ungefähr. Nahezu alles in ihr steht da, in sein einstiges Gegenteil verzerrt: Stimmungen, wie Dinge!

Für diese Stimmungen – ich summiere darunter, was sich nicht unter Dinge rechnen läßt – einige Beispiele.

Mein »Compositionstalent« hätte »stets eigentlich nur zur Lyrik ausgereicht«. »Größere Compositionen« – zwei angefangene Romane, »amorphe Ungeheuer«, »unförmige Elaborate« – wären mir »mißlungen«. In der von mir bereits zitierten Handschrift Schlafs steht: »Holz hatte seinen zweiten Roman damals aufgegeben, obgleich er das Ganze in der befriedigendsten Weise componiert hatte«. Für einen Mann, dessen Kompositionstalent »stets eigentlich nur zur Lyrik ausgereicht« hatte, der über »amorphe Ungeheuer« und »unförmige Elaborate« nie hinausgekommen war, – alles, was sein kann!

So hätte dieser Mann wohl eine »Theorie« gehabt, aber keine ihr entsprechende »Produktion«. Denn als solche hätten jene »unförmlichen Mosaike« doch wohl »kaum in Betracht kommen können«. In jener selben Handschrift steht über das, was ich von meinem zweiten Entwurf bereits zur Ausführung gebracht hatte: »Den ganzen Sommer 87 hatte er gearbeitet. Ostern 88 sollte er fertig sein und noch war er nicht über das erste Kapitel hinaus. Dies war nun allerdings, wie es vorlag, herrlich gelungen und konnte gut als ein Fundament zum künftigen Berliner Roman gelten, aber er war nicht damit zufrieden und arbeitete es immer wieder um«. Und über mein erstes Fragment »Goldene Zeiten« hatte noch in Schlafs »Echo«-Artikel gestanden: Was ich mit diesem geschaffen gehabt, wären »köstliche Kapitel und Einzelheiten« gewesen. Für einen sterilen »Theoretiker, dem es nicht gelungen war«, mit seiner Theorie »etwas zu Stande zu bringen«, immerhin acceptabel!

»Da war ihm denn nun z. B. mein Romankapitel als Experimentirobjekt außerordentlich willkommen. Es umfaßte, in seiner ersten Niederschrift, etwa vier Manuscriptseiten in die Länge genommenen Conzeptpapieres.« Ist das nicht herrlich? Ich helfe einem Freunde, der nichts bis dahin geleistet hatte, was auf den Namen eines Kunstwerks auch nur den bescheidensten Anspruch hätte erheben dürfen, aus reiner Freude an meinem Können und um ihm dieses mitzuteilen, dem bis dahin wie blind Gewesenen gehen dadurch überhaupt erst »die Augen auf«, – und heute, nach anderthalb Jahrzehnten, erhalte ich dafür von ihm die Quittung, als hätte ich dies damals nur aus produktiver Unfähigkeit getan und um mich gewissermaßen an ihm zu bereichern! –

»Ich vermochte für mich schon gar nicht so zu arbeiten wie Holz. Das war, wenn ichs versuchte, als sollte ich mir das Gehirn verstauchen.« Daß Schlaf mir in der Fixigkeit immer »über« gewesen ist, stimmt. Ich wars ihm dafür, wie Habermann Bräsigen, in der Richtigkeit. Und mir schien und scheint noch immer: gerade auf diese kommt es in der Kunst an!

Schlaf »schmierte«, wie man nach Platen »Stiefel« schmiert, und hatte, als wir unsere »literarische Ehe«, gegen deren Bezeichnung als solche er heute so nachträglich Sturm rennt, eingingen, schon hinter sich: »Aufsätze«, »Skizzen«, »Novellen«, ja sogar einen kompletten »fertig« gewordenen »Roman«! Niedergeschrieben für das damals »Schorersche Familienblatt« bei einem bereits »sehr entwickelten Bewußtsein meines wirklichen Könnens«. So von Schlaf heute selbst dokumentarisch niedergelegt in seinen »Anfängen der neuen deutschen Literaturbewegung«! In seiner Handschrift steht und kontrastiert mit diesem angeblich schon damals »sehr entwickelt« Gewesenen merkwürdig: »Meine Kunstansichten lauteten ungefähr damals so: Ein Kunstwerk muß eine möglichst getreue Wiedergabe des Lebens, eines Stück Lebens sein. Möglichste Objectivität sei Aufgabe des Künstlers. Freilich stand ja dieser Satz damals auf sehr schwachen Füßen für mich, und namentlich sah es mit meiner Technik sehr bedenklich aus. Das kam daher, weil ich ja eigentlich außer ein Paar Skizzen und diesem Roman nichts gearbeitet hatte und auch bei diesen mich nicht hatte conzentriren können und zwar deshalb, weil meine Verhältnisse so schrecklich zerrissen und zerfahren waren, daß ich weder ein richtiger, ehrlicher Philologe war, noch auch die Courage hatte, mich meinen künstlerischen Neigungen rückhaltslos hinzugeben. Jene Arbeiten habe ich heruntergeschrieben wie ich einen Brief runterschreibe, oft, meist mit halbem Interesse in der scheußlichsten, fadesten Stimmung. Deshalb waren sie denn auch danach geraten, trotzdem manches daran nicht übel gelungen sein mochte.« Also jedenfalls bei post festum »sehr entwickelt« Gewesnem.

Dagegen ich Schlucker! Bei jedem Satz, den ich niederschrieb, gähnten um mich Abgründe, jede Wendung, die ich aus mir riß, schien mir ein Ungeheuer, jedes Wort hatte die Niedertracht, in hundert Bedeutungen zu schillern, jede Silbe gab mir Probleme auf. Da war es denn kein Wunder: immer wieder warf ich die Feder hin und immer von neuem, sobald sich der Schädel wieder abgekühlt hatte, stürzte ich mich auf das Selbe. Ich hatte so bei meiner zweiten Arbeit »Illusionen« – das »Verlorene« setzt Schlaf heute irrtümlich hinzu – bereits mit dem ersten meiner Kapitel ein Stück geschaffen, das »gut als ein Fundament zum künftigen Berliner Roman gelten konnte«, das, »wie es vorlag, herrlich gelungen« war, und was tat ich? Ich »war nicht damit zufrieden und arbeitete es immer wieder um«! »So daß er oft« – ich zitiere, aus seiner Handschrift, immer Schlaf – »in einer so verzweifelten Stimmung war, daß er sich wohl am liebsten hätte aufhängen mögen. Ich habe noch verschiedene Karten, die für diese Stimmung characteristisch sind«.

Ich danke Schlaf. Ein glänzenderes Zeugnis hätte er mir nicht ausstellen können. Einem Manne wie Flaubert, dessen Künstlerpersönlichkeit von allen, die je ihre Feder in ein Tintfaß getaucht haben, mir den größten Respekt abnötigt, um nicht zu sagen den einzigen, zu dem ich fast so »ehrfürchtig aufschaue« wie Hauptmann zu Grillparzer, ist es ähnlich ergangen! Und nicht schon immer war Schlaf mit jenem Achselzucken behaftet, das er dafür heute markiert und das wie »Überlegenheit« aussehen soll. Denn damals, in jener Handschrift – so sehr sie mir auch bereits unter der, wenn vielleicht auch noch nicht bewußten Absicht verfaßt schien, sich und sein Verdienst bei unserer Zusammenarbeit möglichst ins hellste Licht zu rücken, – gab Schlaf noch zu: mir »gelänge das Einzelne wie heute keinem einzigen mehr in Deutschland, am wenigsten ihm. Ich besäße eine phänomenale technische Begabung!«

Und mit dieser soll ich mich dann seit jenem durch Schlaf zum Glück so genau spezialisierten Moment von ihm haben ins Schlepptau nehmen lassen? Selbst wenn ich dagegen nicht bereits jene Einzel-Belege gebracht hätte, – man brauchte sich hieraufhin nur einmal klar zu machen, daß die ganze Prätension Schlafs um die »Initiator«-schaft ja lediglich auf die Frage nicht nach irgendeinem neuen Inhalt, sondern nach unserer neuen Form hinausläuft, um seine jetzt so traurig posthumen Ansprüche bereits mit diesem einen einzigen Gedankengang nach ihrem wahren Wert taxiert zu haben.

Der »Inhalt«, an dem ich diese neue Form damals aufwies, war mir vollkommen gleichgültig. Ob mir diesen Schlaf brachte, oder ein anderer, hätte absolut nichts zur Sache getan. Wesentlich war nur, daß er mir überhaupt gebracht wurde! Nicht, weil ich keinen eigenen gehabt hätte – wie kindlich –, sondern weil damals, wo alles bei mir in Aufruhr war, wo mein ganzes Inneres noch gährte, meine Arbeit dadurch, und zwar bedeutend, nicht nur beschleunigt, sondern vor allem auch vereinfacht wurde.

Ich hatte es bis dahin nicht über mich gewinnen können, irgend etwas mal erst hinzuhauen; ganz gleich, wies dann dastand. In jener nun schon so wiederholt zitierten Handschrift referiert Schlaf ganz richtig: »Holz konnte oft einen ganzen Tag nicht über einen Satz hinauskommen, weil er keine Ruhe hatte, es ihm unmöglich war, weiterzugehen, bevor er nicht farbenfunkelnd, klingend, tönend und womöglich duftend vor ihm stand. Darüber kam er oft genug aus der Geduld und hätte, als alles zur Hälfte gelungen war, am liebsten alles zerrissen.«

In einer solchen Verfassung, die in ihrer komplizierten Eigentümlichkeit ganz nur der verstehen wird, in dem sich mal Ähnliches gebildet hat, war es selbstverständlich, daß jedes fait divers und wäre es selbst der ledernste Polizeibericht gewesen, mir von Wert werden konnte. Mit jedem von einer durch nichts behinderten Ahnungslosigkeit zu Papier Gebrachten war mir damals ein Vorstadium geleistet, das, so durchaus bedeutungslos es auch an sich war, mir doch eine Mühe ersparte, an die ich sonst bereits den besten Teil meiner Kraft verloren hätte.

Daß dann ausgerechnet Schlaf es geworden war, der mir diese Mühe abnahm, und daß ich mich gerade mit ihm zusammenschloß, ist, ich wiederhole, der reine Zufall gewesen. Schlafs eigene ursprüngliche Darstellung unseres Zusammenschlusses, die ich bereits mitgeteilt habe, bestätigt dies!

Schlaf wurde in unserm Kreis damals so gering bewertet, daß er in seinem eigenen Interesse sofort mit mir übereingekommen war, unsere Zusammenarbeit, die anfänglich nur für ein einziges Buch »Studien« geplant war, den Freunden bis auf weiteres nicht zu verraten. Sie hätten ihn sonst unisono ausgelacht! Erst nach Beendigung unseres Buches, wo dieser Chor nicht mehr hätte schaden können, war es unsere Absicht gewesen, diesem »Publikum« mit der »vollendeten Thatsache« zu kommen. Irgendeinen »Spezialjieper« gerade auf Schlaf hatte ich also damals unmöglich haben können. Dazu langten schon seine damaligen Leistungen nicht. Ja, dieser Zufallszusammenschluß erwies sich sogar in einem Punkt, der aber von äußerster Wichtigkeit war, als so unglücklich für mich, daß gerade aus diesem Punkt der ganze Jammer entsprang, um dessentwillen ich jetzt meine schöne Zeit und dieses nicht schlechte Papier verschandeln muß!

Es ergab sich nämlich, daß Schlaf absolut unfähig war, in meiner Gegenwart aus sich herauszugehen. Während es mir schrecklich war, den ganzen Tag über einem Stück Papier zu hocken, während ich mich erst verständlich machen konnte, wenn ich lebendig auf meinen Partner drang, fluschte es bei Schlaf nur, wenn er idyllisch mit langer Pfeife hinter seinem Manuskript in der Ofenecke saß, und sein Schädel, so klagte er selbst oft, war »wie vernagelt«, wenn er nicht »allein« war.

So lange es sich also bloß um bereits »fertig« Gewesenes gehandelt hatte, war alles ganz ausgezeichnet gegangen. Ich hatte aus Leinenlappen Brokat stilisiert, aus Bunzlauer Kaffeekannen Japanvasen geformt und damit war meine Aufgabe dann erledigt gewesen. Aber nun handelte es sich um Neues, das erst aus der Wirklichkeit gefertigt werden sollte, und da, a tempo, setzte das Unheil ein!

Vergeblich mühte ich mich, Schlaf anzulernen, einen Stoff mit mir in permanenter Wechselwirkung zu durchdringen – bei jeder Zusammenarbeit, wie selbstverständlich, der Idealzustand! Das Papier vor ihm blieb unbedeckt, sobald ich nicht diktierte. Sein Temperament – so sehr, natürlich ungerecht, ich auch dagegen wetterte – war und blieb nun einmal so: Schlaf konnte, unmittelbar, immer nur empfangen, nie etwas geben. Ließ ich ihn dann aber mit sich allein, so stand das Besprochene bald auf dem Papier, und der erste provisorische Untergrund war geleistet. Auf diese Weise, durch die betreffende Besonderheit Schlafs bedingt, entstand unsere Arbeitsart, die ich in dieser Schrift bereits charakterisierte: »Sobald er genügend ›imprägniert‹ war, änderten wir unsere Methode und arbeiteten nun nicht mehr bereits ›Fertiges‹ um, sondern einigten uns über ein Thema, durchsprachen dieses genau, Schlaf skizzierte danach die erste Niederschrift und aus dieser formte ich dann das Definitive.«

Auf diese Arbeitsart, die also einem wesentlichen Manko Schlafs entsprungen war, gründet er heute alle seine Ansprüche. Unter diesem Gesichtspunkt hätte er allerdings nicht nur die »Familie Selicke« allein geschrieben, sondern eigentlich alles, was wir zusammen gezeichnet haben; denn der »erste Schultag«, das einzige Stück unserer gesamten Sammlung, das von mir ganz allein herrührt, war ursprünglich ein Kapitel aus meinem Erstlingsfragment »Goldene Zeiten« gewesen und dann in unser »Gemeinsames« nur als Verlegenheitsfüllsel ausgenommen worden, nachdem wir mit der »Kleinen Emmy« ihres angeblich »unsittlichen« Inhalts wegen bei unserm Verleger auf Widerstand gestoßen waren.

Hätte nun Schlaf tatsächlich bereits damals geglaubt, sein Teil wäre so allmählich der immer bedeutendere geworden, so daß er zuletzt die »Familie Selicke«, wie er heute behauptet, »allein« geschrieben, so hätte er mit mir schon nicht die verschiedenen Vorreden in den »Neuen Gleisen« zeichnen dürfen, die ein ganz anderes Bild spiegelten!

Nach diesen Vorreden gaben wir uns gleich und gleich, verzichteten darauf, unsere Hälften gegeneinander abzustecken, und erklärten, daß es uns vollkommen genüge, unsere Sache nicht unserer Personen, sondern der Sache wegen getan zu haben. Unsere Freude wäre gewesen, daß das, was uns so eifrig beschäftigt hätte, endlich dagestanden, »und die Arbeit selbst gilt uns auch heute noch mehr als die Arbeiter«. Diese Worte stammten von mir und ich hatte sie in Vorschlag gebracht, weil ich sie so gemeint hatte. Nachdem Schlaf gegen diese Auffassung, die er mit Aufwand von so viel Zeitungspapier erst heute bekämpft, nicht schon damals Front gemacht, 1891, als wir uns trennten – nicht, weil wir irgendwie »auseinander« gekommen waren, sondern weil unser Experiment »seinen natürlichen Abschluß« erreicht hatte (vgl. »Neue Gleise«, Seite 5), – habe ich über diesen Punkt in meiner Schrift nur schreiben können:

»Wäre Schlaf gesund, wäre eine moralische Wertung hier überhaupt zulässig, sein Vorgehen bliebe ungeheuerlich, selbst einen Augenblick angenommen, mein Anteil an unserm ›Gemeinsamen‹ wäre tatsächlich so gering gewesen, wie Schlaf dieses heute nachträglich behauptet. Man wiegt nicht einen Menschen zwölf Jahre lang in eine Illusion und fällt ihm dann in den Rücken! Und am wenigsten vollends bedient man sich dabei der Maske der Freundschaft! Wäre also Schlafs Zustand nicht zugleich seine Entschuldigung, kein Wort der Welt wäre stark genug, um seine Handlungsweise zu brandmarken.«

Diese Sätze halte ich hier nochmal Silbe für Silbe aufrecht!

4.

Die mit meiner jetzigen Darstellung unserer Arbeitsart sich nicht völlig deckende, die ich bald nach Erscheinen des »Papa Hamlet« in einem offenen Brief an das »Magazin« gab, wonach wir uns unser Buch nach und nach gegenseitig »erzählt« hätten (vgl. »Neue Gleise« Seite 92-93), war von mir damals lediglich aus Rücksicht auf Schlaf geschrieben worden.

Ich war – »als Pfadfinder«, wie es hieß, »in dem bisher noch ziemlich dunklen Gebiet des deutschen Realismus schon bekannt« – als der alleinige Verfasser unseres Buches apostrophiert worden, und in einer kleinen Fußnote hatte der betreffende Kritiker dann hinzugefügt: »Johannes Schlaf soll ebenfalls, aber nur im zweiten Grad, an der Arbeit betheiligt sein.« Da galt es, sofort mit ganzer Energie für den noch so gut wie Unbekannten einzutreten, damit er nicht, und sei's auch nur einen Augenblick lang, ins Hintertreffen geriete, und ich schrieb: »Er soll es nicht nur, sondern er ist es auch! Und soweit wenigstens unsere, d. h. seine und meine Kenntniß der Sachlage reicht, ist es überdies durchaus ungerechtfertigt, einem von uns beiden, und zwar ganz gleichgültig welchem, eine Betheiligung ›ersten‹ oder ›zweiten‹ Grades zuzumessen. Nicht allein, daß wir unsre Arbeit zu gleichen Hälften geleistet zu haben glauben, wir haben sie thatsächlich so geleistet.« Und nun konnte ich unmöglich fortfahren: Der »Papa Hamlet« sei so zustande gekommen, daß ich eine gleichgültige Novellenunterlage von Schlaf hergenommen und aus dieser jenen Bjarne P. Holmsen gemacht hätte, dem Hauptmann eben erst in seiner Vorsonnenaufgangswidmung »in freudiger Anerkennung« die durch ihn »empfangene entscheidende Anregung« bestätigt hatte. Dieses hätte Schlaf, wogegen ich ja gerade auftreten wollte, erst recht in den Hintergrund geschoben! Und dieses wäre – von seiner Unkameradschaftlichkeit schon ganz abgesehen – auch um so ungerechter gewesen, als, wie ich in meiner Schrift bereits hervorgehoben habe, Schlafs Leistungen seitdem »wertvoller« geworden waren »mit jeder Etappe, um die er vorgerückt war«. Da vereinbarten wir also, um uns nur an die Diagonale unseres Parallelogramms zu halten, diese Art der Darstellung, und Schlaf hat sie nicht bloß Wort für Wort gekannt, sondern auch ausdrücklich approbiert, ehe ich sie – in seinem Interesse damals – an die Öffentlichkeit gab.

Was wir mit dieser Darstellung, und zwar ein für allemal, hatten stipulieren wollen, waren nur unsere »Hälften«. Wie und aus welchen Fetzen sich diese zusammensetzten, ging niemand etwas an. Und als man später dann anfing, sich mit diesen Fetzen nichtsdestoweniger doch zu befassen, als man dem einen davon so viele und dem andern so viele abzuwiegen versuchte, hatte dies Schlaf, wie ich bereits mitgeteilt habe, »widerwärtig, grundwiderwärtig« gefunden und sich »durch solche Konjekturen angeekelt« gefühlt. Heute ist für ihn auch dieses nicht mehr so gewesen und Schlaf behauptet: er hätte mir jenes »Zugeständnis« damals nur »im Drang sehr schwieriger äußerer Verhältnisse gemacht«. Unglücklicher ließe sich nicht nachträglich etwas in Abrede stellen!

Bereits in seinem »Echo«-Artikel hatte Schlaf geglaubt schreiben zu dürfen: »Briefe! Briefe wollen unter Umständen noch nichts beweisen. Es kommt darauf an, unter welchen Umständen und in welcher Stimmung man sie schreibt!« Daß Briefe unter Umständen noch »nichts« beweisen, ist klar. Daß sie für gewöhnlich aber »alles« beweisen, ist ebenso klar. Es wäre also darauf angekommen, daß Schlaf seine »besonderen Umstände« bewiesen hätte. Leider hat er gerade hierauf, wie es scheint, keinen Wert gelegt.

»Holz hat also, wie aus der von Dr. Strobl zitierten Briefstelle ersichtlich, selbst jene Meinung über unsere damalige Zusammenarbeit.« (Du warst – wir sprachen oft darüber – das Weib, ich der Mann.) »Ich hatte, als ich den Brief damals empfing, nichts gethan, sie richtig zu stellen. Weshalb nicht? Ich kann dafür an dieser Stelle nicht alle und die feinsten Gründe anführen. Es wäre etwas für Psychologen. Das große Publikum aber hat wenig Talent zur ›Psychologie‹. Für das mag es genügen, wenn ich hier sage: ich mochte es nunmal nicht.«

Dieses Satzgefüge ist ein Brillantschmuck. Jede Wendung in ihm ein Juwel! Ich selbst habe »jene Meinung« über unsere damalige Zusammenarbeit also gehabt. Das steht fest; daran rüttelt Schlaf noch heute nicht. Und ich hatte ihm diese Meinung damals nicht bloß »mitgeteilt«, sondern: ich hatte sie ihm zu einem bestimmten Zweck mitgeteilt. Nämlich: um ihn zu einer literarischen Ehrenerklärung zu veranlassen, die er mir einfach schuldete, nachdem man öffentlich mit der Hypothese vorgerückt war, er, Schlaf, hätte an der »Eigenart« unserer Arbeiten »viel größeren Antheil« gehabt als ich. Und zwar hatte ich speziell zu dieser »Eigenart« in meinem Briefe sehr deutlich bemerkt: »Wenn überhaupt zu Etwas, so glaube ich, grade zu der Eigenart unsrer Sachen den einfach ausschlaggebenden Theil geliefert zu haben«. Diese »Meinung« bestätigte mir denn auch Schlaf, die Ehrenerklärung – Schlaf muß sie noch unter seinen Papieren haben – ging ab, und heute, zehn Jahre später, nachdem er inzwischen plötzlich das Gegenteil behauptet hat, voltigiert Schlaf über alles das hinweg, indem er mit der unschuldigsten Miene von der Welt zu Papier bringt: »Ich hatte, als ich den Brief damals empfing, nichts gethan, sie richtig zu stellen. Weshalb nicht? Ich kann dafür an dieser Stelle nicht alle und die feinsten Gründe anführen. Es wäre etwas für Psychologen. Das große Publikum aber hat wenig Talent zur ›Psychologie‹. Für das mag es genügen, wenn ich hier sage: ich mochte es nunmal nicht.« Ich mochte es nunmal nicht! Beißt euch die Köpfe ab, aber »ich mochte es nunmal nicht!« Ich fürchte, daß sich dieses »große Publikum«, das »zur Psychologie« so wenig »Talent« hat, nicht finden wird. Ganz abgesehn davon, daß der »Meinungs-Austausch« im »Literarischen Echo«, der sich lediglich an Fachleute wendet, zu einem solchen Publikum doch wohl kaum der rechte Weg war ...

Schlaf hatte, als er meinen Brief damals empfing, nicht nur »nichts gethan, um ihn richtig zu stellen«, was ihm schwer gefallen wäre, sondern: er hat sogar alles getan, um ihn in jeder Weise zu bekräftigen! Oder konnte er dieses noch stärker tun, als dadurch, daß er mir in einem späteren Briefe, wie ich in meiner »Zukunfts«erwiderung bereits anführte, ausdrücklich gestand: er wäre auf meine Auseinandersetzung deshalb nicht »ausführlicher« eingegangen, weil ihr »Ton« ihn »verletzt« habe, da er aus ihm herauszuhören geglaubt, es sei meine Meinung gewesen, er, Schlaf, sei »so halb und halb mit für die Dummheiten des K... verantwortlich«? Wer, um einen solchen Gaurisankar-Widerspruch aufzuklären, nicht gleich »alle und die feinsten Gründe« anführen kann, sollte, wenn sich sein Angriff damit gegen die literarische Ehre eines anderen richtet, wenigstens einige und die gröbsten Gründe anführen. Es wirkt degoutierend, einen Menschen statt dessen sich hinter eine leere Nietzschephrase verkriechen zu sehen.

»Ich hatte damals zudem den Kopf zu voll mit anderen Dingen.«

Auch dieser »Kopf zu voll mit anderen Dingen« genügt noch nicht. Auch ich habe jetzt den Kopf »mit andern Dingen« voll und muß mich doch hinstellen, um in dieser Auseinanderrechnung, wie sie gottsjämmerlicher noch nie provoziert worden ist, meinen Mann zu stehen! Unterschied der Temperamente, wird man einwerfen; wir können nicht alle Schwertfische sein, es muß auch Mollusken geben. Ganz recht. Diesen Unterschied leugnen zu wollen, bin gerade ich der Letzte. Vollends heute und in dieser Situation Schlaf gegenüber! Nur erklärt dieser Unterschied noch lange nicht, warum Schlaf denn meine »Meinung« nicht schon früher »richtig gestellt« hatte. In unsern Gesprächen – jene Briefstelle von mir beweist das – hatte ich ihm diese »Meinung« schon xmal geäußert und damals hatte Schlaf den Kopf nicht »zu voll mit anderen Dingen« gehabt! Damals hatte er gegen meinen Vergleich nie auch nur das Geringste einzuwenden gehabt und heute erbittert er ihn derartig, daß er erklärt, dieser Vergleich grenze »nachgerade nun schon an Unfug«! Und einzig, um diesen Vergleich endlich aus der Welt zu schaffen, weil er ihn »in einer richtigen Schätzung seiner Produktion mehr wie einmal beeinträchtigt« hätte, behauptet Schlaf jetzt, mit seinen »Glossen« vom Leder gezogen zu haben.

In seinem eignen Satz, den er diesem »Kopf zu voll mit anderen Dingen« folgen läßt, grundiert Schlaf – ohne dafür, wie es scheint, auch nur die leiseste Empfindung zu haben – selbst die Aufklärung: »Nun, und im Winter desselben Jahres, in dem ich jenen Brief nach Magdeburg bekam, brach meine Nervenkrise aus.«

»Nervenkrise!« Ungefähr, wie man die Schwindsucht auch eine Lungenaffektion und den Tod einen Hintritt benennen kann. Wem solche Vokabelsubstitution genügt, wer sich durch sie »trösten« läßt, mag sich durch sie einlullen. Aber es ist kindlich, dies auch von uns Übrigen zu verlangen! Eine derartige Ablehnung mag »grausam« sein, aber es wäre noch ungleich grausamer, jenes Verwechsle, verwechsle das Bäumelein zu acceptieren, nur um damit den Kranken auf Kosten des Gesunden zu schonen! Dies muß in aller Schärfe gesagt werden. –

Schlaf begreift garnicht, oder gibt wenigstens vor, nicht zu begreifen, wie ich seine »Ausführungen«, die doch »lediglich eine objektive Darlegung der Thatsachen« (!) gegeben hätten, als einen »persönlich Angriff« hätte ansehen können.

Sollte Schlaf wirklich schon so detrackiert sein, daß er sich der Schwere seiner »objektiven Darlegung« nicht mehr bewußt ist?

Nein! Es wäre ihm nur um den »literarischen Unfug« jenes »Vergleichs« zu tun gewesen, zu dem »wir ja nun allerdings wohl, aus welchen Gründen auch immer, unsrerseits selbst Veranlassung gegeben«.

Dieses »aus welchen Gründen auch immer« ist meisterhaft! Bei mir hatten diese Gründe darin bestanden, daß ich der Meinung gewesen war, dieser Vergleich hätte dem Sachverhalt entsprochen. Und bei Schlaf? So viel Mühe er sich auch gab: Er hat eine Antwort hierauf nicht finden können.

5.

Der ganze Kampf Schlafs gegen mich hätte für jeden Fernstehenden ein Rätsel bleiben müssen, wenn ich zu diesem Rätsel in meiner Schrift nicht die Auflösung gegeben hätte. Daß diese Auflösung eine so traurige war, trifft nicht mich, sondern die »Dinge«. Ich hätte mich zu ihrer Mitteilung nie verstanden, wenn diese Mitteilung nicht zugleich grade in Schlafs eigenem Interesse gelegen hätte. Ich schrieb ausdrücklich: »Die endliche Bekanntgabe von Schlafs Zustand, die ich nicht länger zurückhalten durfte, ist zugleich das einzige Mittel, um Schlaf gegen ihn selbst zu verteidigen.«

Alles, was Schlaf hierauf zu bemerken weiß, lautet:

»Auf das, was Holz sich von meiner ›Geisteskrankheit‹ zu Nutze macht, einzugehen, erlasse ich mir selbstverständlich. Das urtheilt sich selbst.«

Ich unterstreiche also alles, was ich über diese Geisteskrankheit, die ich nicht in Gänsefüßchen setze, an jener Stelle geschrieben habe, und wiederhole:

Nicht mir habe ich von dieser Geisteskrankheit etwas »zu Nutze gemacht«, sondern ihm, Schlaf selbst! Das einzige Interesse, das dabei auf mich entfallen war, ist ein vollständig nebensächliches gewesen und hatte ausschließlich darin bestanden, daß, wie ich hervorkehrte, es mir ohne diese Geisteskrankheit ein »Peinigendes Gefühl« gewesen wäre, »an einen Menschen jahrelang mein Bestes verschwendet zu haben, von dem man mir vorhalten dürfte, er sei dann später über mich hergestürzt aus dem Hinterhalt wie der gemeinste Buschklepper.« Denn daß sich dieses so verhält, daß Schlafs Darstellung gegen mich den Vorwurf der geradezu erbärmlichsten literarischen Hochstapelei erhebt, braucht von mir doch wohl kaum noch erst bewiesen zu werden!

Schon nach jenem ersten Schlafschen »Zukunfts«-Artikel »Warum ich mein letztes Drama zerriß« hatte ich mich so – in einem Privatbriefe – äußern dürfen: Das Resultat der Schlafschen Darstellung sei ein so wenig mißzuverstehendes, daß ich meinte, es müsse für jeden Unbeteiligten klar sein: ich hätte mich aufgebläht und aufgepustet, ich hätte mir ein Air gegeben, das mir nicht zukam, der Eigentliche, der »Initiator« (!) sei Schlaf gewesen, und nur dadurch, daß ich, der Zwerg, mich dem Riesen an die Rockschöße gehängt – ein Anhängsel, das dieser gutmütig genug gewesen auf seinem Weg in die Unsterblichkeit fast ein ganzes Jahrzehnt lang zu tragen –, hätte ich, die Sekundärnatur, mich in den Augen der Welt zu einer gewissen ephemeren, sagen wir Bedeutung hinaufgeschwindelt, die aber natürlich nun, wo dem so schmählich Mißbrauchten endlich die Geduld gerissen, ihr verdientes Ende mit Schrecken gefunden Hütte. Diese meine bereits damalige Deutung des Schlafschen Vorgehens stimmt derartig noch heute, daß ich ihr nichts hinzuzusetzen hätte.

Ich wäre gegen Schlafs nachträgliche Behauptungen – abgesehn natürlich davon, daß sie eben immer weiter nichts als bloß Behauptungen geblieben wären – vollständig machtlos gewesen, wenn ich nicht durch Zufall jene Briefe gehabt hätte. Daß ich sie hatte, scheint Schlaf heute schmerzlich zu sein, denn er kommt wiederholt darauf zurück. In seiner Broschüre sogar durch Sperrdruck. In seinen: »Echo«-Artikel stand:

»Arno Holz hat sich vor einigen Jahren seine Korrespondenz von mir zurückerbeten – meine hat er mir auf mein Ansuchen hin nicht zurückgegeben – immerhin: ich habe noch so ein halb Hundert Briefe und Karten von ihm, die ich in einer Schublade vergessen hatte: aus denen ließe sich ja wohl auch alles mögliche deduzieren.«

Schade, daß Schlaf dieses Kunststück nicht versucht hat. Ich wäre neugierig gewesen, wie er mit ihm fertig geworden wäre.

Der Beweggrund, aus dem ich nach Schlafs geistiger Erkrankung meine Korrespondenz von ihm »zurückerbeten« hatte, war ein sehr einfacher gewesen: ich hatte nicht gewollt, daß meine Briefe während seiner häufigen, oft Monate langen Aufenthalte in allerhand Anstalten, Sanatorien etc. unter seine Familie gerieten.

Um aber selbst Dieses nicht unbelegt zu lassen, führe ich sofort nachstehende Stelle an. Sie stammt aus einem Briefe, den ich an Schlaf schon im Jahre 1892 gerichtet hatte: »Dabei fällt mir ein: wäre es nicht besser, Du verbrenntest meine Briefe immer? Ich fühle mich nicht angenehm berührt bei dem Gedanken, daß sie jedem x-beliebigen zur Lektüre freistehn. Und das thun sie – bei Deinen Gewohnheiten. Es existirt vielleicht keine Zeile von mir an Dich, die die Magdeburger höchstwahrscheinlich nicht auswendig können. Mir kam das neulich erschreckend deutlich!! Also darf ich Dich um diese jedesmalige ›Liebe‹ bitten? Es wäre mir schmerzlich, wenn Du sie mir abschlügst.«

Schlaf hatte sie mir abgeschlagen und das »ahnte« ich. Und zwar war mir dieses dann um so unangenehmer, als ich später deutlich fühlte: in der Anschauung dieser Familie hast du den »Sohn«, was man so nennt »auf dem Gewissen«. Du hast ihn aus seiner »Karrière« gerissen und bist nun »schuld« daran, daß er geisteskrank ist. Es sind mir nach dieser Seite wiederholt Andeutungen gemacht worden, die an mein tout eomprendre die so ziemlich stärksten Anforderungen stellten.

Schlaf begriff mich damals vollkommen und sandte mir meine Briefe ohne weiteres. Hätte er mich damals mißverstanden, ja hätte er mich damals überhaupt auch nur mißverstehen können, so würde er, wie selbstverständlich, sofort einen Austausch verlangt haben. Auf diesen erhob Schlaf aber erst Anspruch, nachdem sich sein Wahn längst gegen mich persönlich gerichtet hatte, – dadurch, daß er sich von mir durch »Mental-Suggestion« »telepathisch« verfolgt glaubte. Wie er in seinen Briefen durchblicken ließ, weil ich mich mit diesem satanischen Mittel von seiner mich so überragenden »Bedeutung« befreien wollte. Und da konnte, da durfte ich ihm seine Briefe selbstverständlich nicht mehr hergeben! Denn von jenem Zeitpunkt ab wußte ich: Dieser Freund, dem Du mehr gewesen bist, als je ein andrer bis dahin, wird, grade weil dies so gewesen, durch ein dunkles Verhängnis, über das er nicht Herr ist, jetzt gegen Dich gedrängt werden, und der Tag wird vielleicht nicht ausbleiben, an dem Du Dich öffentlich gegen ihn wirst zur Wehre setzen müssen.

Dieser Tag ist heute da.

Nichts ist zwischen uns vorgefallen, keine persönliche Auseinandersetzung, keine Einmischung eines Dritten – alles ist genau, wie es schon vor so und so viel Jahren gewesen. Aber jener Wahn ist unterdessen gewachsen, die Perspektiven in jenem Hirn haben sich immer mehr verschoben und so hat sich denn dieser »Ueberfall im Wildbade« leider mit jener Naturgesetzlichkeit ereignen müssen, die sich in einem Falle, wie in diesem, vielleicht beklagen, in keinem aber aus der Welt schaffen läßt. Und was ich, ebenso wie diese ganze Katastrophe, vorausgesehn, ist eingetroffen: Schlafs Briefe bilden heute ein Beweismaterial von Schlafs eigener Hand, gegen das jetzt seine »Glossen«, wie er sie nennt, nichts mehr ausrichten können ...

Sich zur Wehr setzen zu müssen gegen einen Geisteskranken! Noch dazu, wenn dieser der beste Freund war! Ich glaube nicht, daß es viel auf der Welt giebt, was trauriger ist. Es hatte schon mal an einem Haar gehangen, daß ich gezwungen gewesen wäre, dieses Schlaf gegenüber, nicht bloß, wie jetzt, psychisch zu tun, sondern direkt physisch! Wir – ein Freund von mir und ich – hatten Tage und Nächte lang, bereits länger als eine Woche, den Kranken während einer Krise bewacht, und mein Mitpfleger, total erschöpft, war auf einen Augenblick ins Freie gegangen. Da stieg in Schlaf plötzlich die Idee auf, er wäre »Gott-Vater« und ich der »Anti-Christ« und er müsse mich »richten«. Langsam, mit gekrümmten Fingern, die Augen aus wachsgelbem Gesicht stier in meine – so begann er die Jagd nach mir um einen großen Tisch. Ich, auf jede seiner Bewegungen gespannt, gleich langsam um diesen Tisch rückwärts, während nichts lautbar wurde, als daß ab und zu unter uns die Dielen knackten. Dazu, selbst noch in diesem Augenblick in mir, scharf das Bewußtsein der Umwelt: durchs Fenster die Wintersonne und das Schattenspiel einer riesigen Buche in unsern schauerlichen »Drehkater«! Ich war stets kompakter als Schlaf und brauchte also nicht besorgt zu sein. Aber mir graute vor dem »Moment« und zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich deutlich: Deine Kopfhaut ist wie Eis, deine Haare stehen jetzt zu Berge! Die Jagd endete, daß ich mich langsam, immer rückwärts, vor dem mir Folgenden nach der Tür zurückzog, mit einem Satz diese aufriß und hinter mir sofort den Schlüssel umdrehte. In demselben Augenblick kam der Freund aus dem Garten, und ich konnte ihm das Geschehene berichten. Da der Name dieses Freundes nichts zur Sache tut, erspare ich mir hier seine Angabe.

Auf keinen Fall kann ich sagen, daß dieser psychische Kampf heute mir weniger Widerwillen bereitet, als nur jener physische bereitet hätte, dem ich damals noch mit so knapper Not entronnen. Was jener an Intensität voraus gehabt hätte, ersetzt dieser durch Publikum und angenehme Länge.

Ihm aus dem Wege biegen konnte ich nicht, weil ich, wie stets bisher, so auch hier, nicht für meine Person einzustehen habe – die der Welt vollkommen gleichgültig sein kann, wie die Welt es ihr umgekehrt ist –, sondern für meine Sache. Ich stehe jetzt ganz allein mit ihr, allein auch nach Außen, und werde fortfahren, sie rein zu halten vor jedem Wischiwaschi. Ich werde nicht dulden, daß man ihre Ausgangspunkte verwischt, noch zulassen, daß man ihre Ziele verpuddelt. Und dieses Wischiwaschi, diese Verwischung und Verpuddelung würde eintreten, und sei's auch nur vorübergehend, wenn ich die Prätension Schlafs auf die von ihm so benannte »Initiator«schaft jetzt nicht zurückwiese. Dann würde es heißen, diese »Richtung« hat sich selbst aufgegeben, ihr eigener Urheber »desavouiert« sie ja – Stimmen darüber sind bereits laut geworden –, und Arno Holz, dieser »Doktrinär«, der bei der ganzen Geschichte, wie es sich jetzt herausgestellt hat, nur »Begleiterscheinung« gewesen ist, kann seinem ehemaligen »Führer« bloß nicht mehr »folgen«.

Nach den »Sozialaristokraten« schrieb Maximilian Harden:

»Einer nur ist aufrecht geblieben, Einer, dem es nicht um frühen Erfolg zu thun war, sondern um den Sieg eines schwer erkämpften und unter Qualen zärtlich und treu gehegten Glaubens: Herr Arno Holz!«

Ich hoffe, man wird ähnlich über mich auch noch nach dreißig Jahren schreiben, und daß dies dann für meinen »Glauben« von um so größerer Beweiskraft sein wird, als ja dann inzwischen längst feststehn wird: ich hatte diesen »Glauben«, und zwar auch grade in seinem Entscheidenden, nicht irgend einem andern zu verdanken gehabt, dem ich blind gefolgt war, sondern mir selbst!

6.

Wenn Schlaf vor der Naivität nicht zurückschreckt, er so wenig wie irgend ein anderer könne »dafür, wenn Arno Holz sich im Laufe seiner litterarischen Entwicklung theoretisch und produktiv in so manche Sackgasse verlaufen hat, und wenn er sich und andern das absolut nicht zugeben will«, so kann ich darauf nur erwidern: Es dürfte Schlaf trotz seines auch von mir geschätzten Schilderungsvermögens schwer fallen, zu beschreiben, wo diese Sackgassen gelegen haben und wie sie aussahen!

Meint er mit einer von diesen Sackgassen z. B. meine »Revolution der Lyrik«, so hatte er mir früher einmal, ganz im Anfang, geschrieben: »Unbedingt ist mit dieser Form das Allerintimste von innen nach außen und von außen nach innen zu geben und in der einfachsten, schlichtesten Weise. Glückauf für noch recht viele davon!« Aber allerdings: das war bereits 1892 gewesen und seine Krankheit war damals noch nicht zum Ausbruch gekommen.

Sieben Jahre später, in der »Wiener Rundschau«, deprezierte Schlaf und nannte diese Form das Produkt eines »nörgelnden Pedantismus«(!). Es könne »unmöglich darauf ankommen«, weder »den Reim zu beseitigen«, noch »die alten Rhythmen durch einen neuen unerhörten, noch nie dagewesenen und allernatürlichsten Normal-Rhythmus«; eine »starke Persönlichkeit« könne »jeden Augenblick darthun, daß ihre Wirkungskraft noch lange nicht erschöpft und in gewissem Sinne unerschöpfbar« sei.

Dieser »neue unerhörte, noch nie dagewesene und allernatürlichste Normal-Rhythmus« – als ob ich je einen solchen, oder auch nur ähnlichen gepredigt hätte! – ist von allen Pfeilen, die mir damals vor die Füße fielen, der vergiftetste gewesen. Ich antwortete nicht, weil ich es nicht in meinem Geschmack hielt, über Schlaf, nach allem, was hinter uns lag, auch nur eine einzige Zeile zu schreiben; es sei denn in notgedrungener Verteidigung gegen Verdrehungen Dritter, oder in Wahrung seiner gleichen Interessen mit mir. Auf jeden Fall schien mir: speziell Schlaf mit seinen betreffenden Erzeugnissen hatte sich als jene »starke Persönlichkeit« nicht erwiesen. Immerhin wirkte sein Freundschaftsstück post festum stark genug, um einen Kritiker damals schreiben zu lassen:

»Schärfer kann man die Holz'sche Theorie wohl kaum verurtheilen, wie es hier Schlaf thut, der die Holz'sche Technik mit am genauesten kennt, und sie sozusagen erst am eigenen Leibe hat überwinden müssen.«

Jede Verurteilung irgend einer Theorie ist gleichgültig, wenn die Verurteilung nicht durch Gründe gestützt wird. Die Gründe aber, die Schlaf hier für solche ausgab, waren keine. Sondern wieder bloß Behauptungen. Daß gerade eine »starke« Persönlichkeit durch Reim und Rhythmus heute behindert wird, bildete ja meine These! Nur ein Denktauber hätte sie damals für widerlegt halten können, indem er sah, daß man sie mir zurückgab. Indessen: mit Denktauben ist nicht zu rechten. Mit Einmaleinslosen läßt sich nicht über Integralrechnung disputieren. In keinem Fall stimmt: weder daß Schlaf meine betreffende Technik »mit am genauesten« gekannt hat, noch daß er sie »sozusagen erst am eigenen Leibe hat überwinden müssen«. Als ich jene Technik ausbaute, lag die Zusammenarbeit mit Schlaf bereits hinter mir, und über den Schlafschen Gedichtband »Helldunkel« (1899), den einzigen, der bisher von ihm erschienen ist, schrieb ich bereits im »Meyer«: Diese Gedichte »unterscheiden sich ihrem formalen Gesammtcharakter nach in nichts von beliebig andern«. Sie bilden die übliche Musterkarte von allen möglichen Einflüssen und in der Entwicklung unserer Lyrik würde auch nicht ein Blatt fehlen, wenn Schlaf seinen Band nie ediert hätte. Schlaf als Lyriker in diesem Sinne kommt garnicht in Betracht!

Als andre »Sackgasse« – denn die, in die ich ihn mit dem »neudeutschen naturalistischen« Drama selbst geführt habe, dürfte Schlaf doch wohl kaum meinen – kann sich in seiner Phantasie nur noch Eins malen: mein Buch »Die Kunst«. Wenigstens hat er in seiner Broschüre ausdrücklich erklärt, es dort »weiter nicht kritisiren« zu wollen. Er darf sich dafür dankbar sein. So sehr ich ihm dieses Buch als meinem damaligen Kameraden auch »gewidmet« habe, so wenig – wie sich dies mehr und mehr herausstellte – hat er es je verstanden! Daß Schlaf mir diese Widmung mit seinem »In Dingsda« (1892) dann freundschaftlichst vergolten, wäre kaum nötig, hier zu erwähnen, wenn er nicht in der zweiten Ausgabe (1900) diese Uebereilung rückgängig gemacht und die Widmung wieder gestrichen hätte. Ich dachte damals an das gleich tragische Vorsonnenaufgangs-Unglück und lächelte. Beiden Büchern hatte ich so nahe gestanden, daß ich sie sogar mit ihren Titeln hatte taufen dürfen, und dann, ohne daß ich seitdem auch nur den kleinen Finger gerührt, war ich der Ehre dieser Patenschaften wieder verlustig gegangen. Pech! –

Doch, um aus dem Scherz, dem geflügelten, wieder auf den Ernst, den erhabenen, zu kommen:

Schlaf, trotz all seines von ihm selbst nun schon so wiederholt in den Vordergrund gerückten »Psychologen«tums, hat mich in dem, was ich mir als Aufgabe gesetzt hatte, und dessen Vollendung, oder doch wenigstens dessen Weitergestaltung meine Lebensarbeit bleiben wird, nie begriffen! Er faßte nicht, daß, wie alles, so auch die Kunst einem Naturgesetz unterworfen sei, und nun schon vollends nicht, daß gar ich es gewesen, der dieses »Naturgesetz« sage und schreibe »entdeckt« haben könnte. Er sah und spürte, daß das, was ich ihm praktisch und im Einzelnen lehrte, »gut« und ihm von allerunmittelbarstem Nutzen war; aber sobald das Konkrete aufhörte konkret zu bleiben, reichte sein Intellekt nicht mehr, dem die genügende Abstraktionskraft mangelte, und Schlaf sah als »graue Theorie« an, was doch de facto nichts anders, als der goldne Lebensbaum in nuce war.

Freilich! Im Anfang war selbst hierfür noch etwas wie ein Gefühl in ihm gewesen. 1889 hatte er noch geschrieben: »Was unsere Leute hier in Magdeburg anbetrifft, so haben sie keine blasse Ahnung von dem, was Holz wirklich Großes und Originelles geleistet hat. Darüber gehn sie hinweg, als wäre es nichts.« Genau wie Schlaf dieses heute selbst tut, nachdem er in der Zwischenzeit von diesem »Großen und Originellen« das profitiert hat, was davon für eine Begabung wie die seine überhaupt profitierbar gewesen.

Als »Theoretiker« hätte ich »gut« gehabt, von einer »exacten Reproduction der Wirklichkeit« zu sprechen! Ich habe von »exacter Reproduction der Wirklichkeit« nie gesprochen, sondern nur konstatiert, daß die Negierung dieser »exacten Reproduction der Wirklichkeit« eines der beiden Grunddogmen jener durch Zola von Taine übernommenen »Aesthetik« wäre. Und diese Aesthetik bezweifelte ich. Dann war ich an die Legung eines neuen eigenen Fundaments gegangen und hatte auf diesem, positiv, nur noch mit Begriffen operiert, die sich aus der Methodologie der modernen Naturwissenschaften rekrutierten. Und in dieser war von einer »exacten Reproduction der Wirklichkeit« nichts vorgekommen. Diese Wendung, für die also lediglich Zola verantwortlich zu machen ist, oder wenn man will, noch genauer, Taine, scheint Schlaf damals derartig geblendet zu haben, daß sie ihn selbst heute noch verwirrt:

»Ein recht kennzeichnender Begriff für einen Techniker und Formalisten, dessen Interesse von jeher nur von der Außenseite der Dinge in Anspruch genommen war, und der nie ein rechtes Gefühl und Verständnis dafür hatte, daß alle Kunst, besonders alle Dichtkunst, in erster Linie aus einem starken, an Conflicten reichen innerlichen Erleben und Durchleben heraus geboren wird; daß all' ihre beste Kraft und Suggestibilität erst aus ihm entspringt!«

Welche Heftigkeit! Welch ein nachträglicher Schwall von mittelmäßigsten Worten bloß dieser einen fetten Gemeinplätzlichkeit wegen! Und noch dazu gerichtet gegen mich, von dem Schlaf also damit behauptet, ich wäre gegen diese selbstverständliche Voraussetzung aller Voraussetzungen von jeher – gefühls- und verständnislos gewesen! Ich fürchte, diese erregten Zeilen werden für Schlaf einmal böse Dokumente abgeben. Und sei er auch noch so krank: Solche Dinge hätten ihm nie entgleiten sollen!

»Selbst Zola, trotz all seinem Materialismus und all seinen wissenschaftlichen Geberden« (Hermann Bahr), »hat aus diesem innersten Lebenszentrum aller Kunst geschaffen, und es verleiht ihm erst Pathos und Bedeutung. Holz« (dieser Dummkopf) »hatte im Grunde nichts vermocht, als sich aus einem sehr fleißigen Studium der Zolaischen theoretischen Schriften und der Werke des neueren internationalen Naturalismus eine immerhin sehr einseitige, technisch-naturalistische Spezial-Theorie herauszubilden.«

Und zu diesen Zitaten, die aus der Schlafschen Broschüre noch lange nicht die schlimmsten sind, bedenke man: Schlaf hatte diese »Ausführungen«, die »für einen anderen Zusammenhang bestimmt« waren, schon niedergeschrieben, noch bevor ihm durch meine Notiz im »Literarischen Echo« mein Vorhaben, über ihn ein »notgedrungenes Kapitel« zu schreiben, bekannt geworden war. Wie also würde diese »objektive Darlegung der Thatsachen« erst gelautet haben, wenn Schlaf von jenem sakrilegischen Vorhaben, dessen bloße Nachricht ihn sofort zur – » sit venia verbo« – Zusammenhauung seiner Broschüre veranlaßte, bereits gewußt hätte!

»Niemand«, so lautet Schlafs eigener Kommentar dazu, »niemand, der meinen Aufsatz unbefangen liest, wird in seinen Ausführungen einen Angriff auf Holz sehn.« Und »jede Erwiderung« von mir – er hätte auf meinen Artikel damals in der »Zukunft«(!) hin Grund das zu vermuten – würde sich »lediglich als persönliche Gereiztheit darstellen«, für welche man ihn aber »kaum wird verantwortlich machen können.« Armer Johannes Schlaf!

7.

Man sieht also: Auch Schlaf hat die bekannte Meyersche Taktik vom »trocknen Theoretiker« benutzt, um dem nichts als »Artisten«, dem »kalten Jongleur mit bunten Bällen«, dem »formalistischen Virtuosen« – notabene alle diese Ausdrücke stammen von Schlaf! – nachträglich nach Kräften eins auszuwischen.

Daß ich alle meine Theorie, wie ich dies dann auch später in meiner »Kunst« schrieb: »ja nicht der Theorie wegen getrieben hatte, gegen Entree und zum allgemeinen Besten, sondern still in meinem Kämmerlein für mich selbst und nur, um der verflixten Praxis besser beizukommen«, nicht als Zweck, sondern nur als Mittel, – dieses hatte Schlaf während unserer Zusammenarbeit noch begriffen. Ja, er war hiervon so durchdrungen gewesen, daß er mir die »wissenschaftliche « Ader, die ich mir damals neben meiner »künstlerischen« ebenfalls einbildete, sogar abstritt und bezweifelte, daß ich je mit meinem Kolumbusei niederkommen würde: »Meiner Meinung nach hat er auch garnicht das Temperament dazu. Ich glaube das mit Grund daraus zu schließen, daß er mit ganz anderem Feuer an eine rein künstlerische Arbeit herangeht und sie durchführt ohne zu stocken«. Es ist zu bedauern, daß Schlaf dieses alles so vollständig vergessen hat!

Schlaf hätte jenes Theoretische bei mir nicht so hervorkehren sollen. Er macht dadurch nur auf einen Mangel bei sich aufmerksam, der eigentlich schon allein genügt, um hinter seiner »Initiator«schaft ein Fragezeichen auftauchen zu sehen, so umfänglich als nur möglich.

Fast alle großen Künstler bisher haben jenes »Theoretische« nachweisbar in einem so auffälligen Grade besessen, daß sich durch Analogieschluß aufstellen ließe: Auch jenen wirklich Erstrangigen kann diese Geistesart unmöglich fremd gewesen sein, über deren Leben wir nach dieser Richtung nicht die genügenden Daten besitzen!

Bereits gegen Herrn Meyer, der geglaubt hatte, mich mit meinem nüchternen »Doktrinarismus« abtun zu können, hatte ich mich selbst, wie folgt, zitieren dürfen:

»Es giebt keine Titulatur, die geeignet wäre, mich weniger zu erschrecken. Ich befinde mich mit ihr in einer zu erlauchten Gesellschaft. Ein solch nüchterner Doktrinär war auch Leonardo da Vinci, als er an seinem › Trattato della pittura‹ schrieb, Albrecht Dürer, als er seine epochemachenden Opera abfaßte: ›Underweysung der Messung mit Zirkel und Richtscheit, in Linien, Ebnen und gantzen Corporen‹, ›Von menschlicher Proportion‹ u. s. w., Schiller, als er seine Briefe mit Goethe wechselte, Wagner, als er über seinem ›Kunstwerk der Zukunft‹ brütete, Zola, als er seine acht Bände Kritik edirte, u. s. w. u. s. w.« Wen die Stelle interessiert, mag sie dort weiterlesen.

Jener Analogieschluß, den ich eben aufgestellt habe, ließe also durchaus zu, daß man ihn sogar umdrehte: Es ist bei einem Künstler von vorne herein das Zeichen einer gewissen Inferiorität, wenn er sich mit Gedanken über seine Kunst nicht abgiebt!

Alle bisher haben sie gehabt, sobald sie sich nicht mehr begnügt hatten, das bis dahin überliefert Gewesene kritiklos weiterzugeben; und erst von dem Augenblick datierte ihre Bedeutung, in welchem sie sich auf ihr eignes Hirn besannen und dadurch aufhörten, die Welt, wie ich dies bereits einmal gesagt, »mit den Augen von Todten zu sehn«. Und alle, mehr oder minder deutlich, durch sämtliche Zeiten, einten sich auf genau dasselbe: Natur, Natur und immer wieder Natur! Es giebt kein Heil außer ihr und das Höchste, das sich von uns erreichen läßt, ist von dieser Billionenmalbillionenfältigen nur ein schwacher Abglanz. Mit den Dokumenten hierüber ließen sich Bände füllen!

Meine ganze Arbeit, deren Endresultat ich in jenem Buche niedergelegt, ist also schließlich nichts anderes gewesen, als daß ich dieses Empfinden, das so alt wie die Kunst selbst ist, in eine endlich erschöpfende Formel gebracht habe; in ein Gesetz, das sich durch die Erfahrung kontrollieren läßt, wie das Fallgesetz oder die Tatsache, daß der Flüssigkeitsstand in kommunizierenden Röhren die gleiche Niveauhöhe hält. Und erst von diesem Gesetz aus hatte mir dann festgestanden: die Entwicklung der Kunst ist die Entwicklung ihrer Mittel! Du mußt also deiner Literatur das Wortblut erneuern, wenn du sie selbst erneuern willst. Und das habe ich getan! Im Drama, indem ich die Sprache des Lebens für die des Theaters setzte, in der Lyrik, indem ich den Worten, die durch die bisherige Technik gezwungen waren, permanent auf Stelzen zu gehn, diese Stelzen nahm und zeigte, daß die Worte, auch hier, durchaus fähig sind, auf ihren eigenen Füßen zu gehn.

Mit diesen Errungenschaften steht Deutschland heute entwicklungsgeschichtlich an der Spitze der Weltliteratur, aus der diese Dinge ebensowenig mehr werden verschwinden können, wie die Perspektive nicht mehr aus der Malerei verschwunden ist, nachdem das Italien des fünfzehnten Jahrhunderts sie ihr geschenkt hatte, oder das Pleinär, dessen Schaffung wir dem Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts verdanken.

Daß ich allein schon mit dem bloßen Aussprechen dieser Dinge die gesamte zeitgenössische Ignorantenschaft auf mich hetze, weiß ich. Aber ich schreibe nicht für dieses Publikum, sondern für ein andres. Es läßt mich vollkommen kalt, wie man über mich im Moment denkt. In jedem Fall sind jene Errungenschaften, theoretisch wie praktisch, meine absolut eigene persönliche Leistung gewesen, und der nachträgliche Anspruch Schlafs, die zeitlich erste, nämlich die Schöpfung der Sprache des Lebens für die des Theaters, wäre auf sein Konto zu setzen, braucht von mir nur in diesen Zusammenhang gebracht zu werden, um schon rein dadurch – wenigstens für jenes Publikum, das ich meine – Schlafs ganze Ohnmacht zu erweisen.

Ueber die Entstehung dieser »Sprache des Lebens« schrieb Franz Servaes in seinen »Präludien«:

»Während sie so bei der Arbeit waren und eine Skizze nach der andern, rein zu neukünstlerischen Stilzwecken hinschrieben, ›die Papierne Passion‹, ›Stumme Windgasse 20‹, und auf nichts andres auszugehn glaubten, als das Leben in seinen winzigsten Aeußerungen zu packen, passirte etwas Merkwürdiges. Indem sie die ganze Welt gleichsam nur mit den Sinnen in sich aufnahmen, hatte sich auch ihr Gehör gegenüber der menschlichen Sprache in wundersamer Weise verschärft. Nicht nur, daß sie alles Mundartliche viel nüanzirter aufnahmen als bisher, sie beobachteten und reproduzirten auch in der treuesten Weise, was man die ›Mimik der Rede‹ nennen kann: jene kleinen Freiheiten und Verschämtheiten jenseits aller Syntax, Logik und Grammatik, in denen sich das Werden und das Sichformen eines Gedankens, das unbewußte Reagiren auf Meinungen und Gebärden des Mitunterredners, Vorwegnahme von Einwänden, Optatio benevolentiae und alle jenen leisen Regungen der Seele ausdrücken, über die die Wiederspiegler des Lebens sonst als ›unwichtig‹ hinwegzugleiten strebten, die aber grade meist das ›Eigentliche‹ enthalten und verrathen. Indem Holz-Schlaf alles dieses mit pünktlichster Gewissenhaftigkeit notirten, erwarben sie sich eine Intimität des Sprechtons, die, wenn auf das Drama übertragen, zugleich revolutionirend und stilbildend auftreten mußte.«

Servaes, der sich damit, unsern einstigen Vorreden entsprechend, korrekt an uns beide zu gleichen Teilen gehalten hatte, hätte dieses »Gehör« – von dem Gehirn, das sofort die einfach Alles nach sich ziehende Bedeutung dieses »Sprechtons« erkannte, schon ganz zu schweigen – ruhig mir allein zuschreiben können und seine sonst so präzise Darstellung wäre dadurch noch präziser geworden.

»Kunstvoll, mit einem, man möchte sagen, phänomenalen Gefühl für sprachliche Harmonie«, so schreibt Schlaf sogar noch heute von mir, »baute er einen Satz an den anderen, unter virtuosester, wenn nicht raffinirtester Gruppirung der Worte nach ihrem Laut- und Klang-, nach ihren plastischen und koloristischen Suggestionswerthen«.

Und mit diesem »Gefühl« soll ich dann grade das Entscheidende, das einfach Ausschlaggebende, wie Schlaf heute nachträglich behauptet, damals »nicht gesehn« haben? Macht Schlaf sich das jetzt wirklich selbst weiß? Er, der bis dahin überhaupt nichts gesehn hatte? Und der, seitdem wir uns dann getrennt haben, nichts zu Stande gebracht hat, das mit dieser Tat auch nur in einen entferntesten Vergleich gezogen werden könnte? Während ich diese Tat dann in der Lyrik, unter selbstverständlich entsprechender Modifikation, genau noch einmal geleistet habe?

8.

Das erste Mal, daß Schlaf es versucht hat, sich gegen mich auszuspielen, war im Februar 1897 gewesen. Otto Julius Bierbaum hatte in der Wiener »Zeit« gelegentlich der »Sozialaristokraten« einen Artikel »der Fall Holz« veröffentlicht und in diesem beklagt, daß ich mich noch immer so »heillos« in den »Naturalismus« »verrannt« zeigte:

»In dieser tristen Sackgasse« (sollte daher die Schlafsche stammen?) »bläst man auf keinem Horne, selbst wenn man es so schön vermöchte wie dieser außerordentliche Lyriker. Unbegreiflich bleibt nur, wie ein Mann von so viel Geist und poetischem Vermögen sich so konsequent und an einem Ort verlaufen kann, wo weder für ihn noch seine Kunst das Heil wohnt. Nur die Psychologie des Entdeckers vermag mir diese beklagenswerthe Thatsache zu erklären, zumal wenn man den Umstand hierzu bedenkt, daß in diesem Falle die Entdeckerschaft nicht von allen Seiten anerkannt oder wenigstens theilweise abgesprochen und mit offenbarer Ungerechtigkeit alles schließliche Verdienst einer andern Person zugeschrieben wird.«

Bierbaum spielte mit dieser letzten Wendung auf Gerhart Hauptmann an, der damals noch allen Ernstes für etwas Aehnliches wie einen »Reformator« galt, und fuhr dann fort: »Diese Holz-Schlafsche Entdeckung, von der ich nun glaube, daß sie mehr auf das Konto Holz geschrieben werden muß«, u. s. w.

Dieser Aufsatz veranlaßte Schlaf, in derselben Zeitschrift, ebenfalls zu einem, betitelt »Noch einmal der Fall Holz«, und in diesem erzählte er dann, wie wir zu jener »neuen natürlichen Sprache« gekommen waren, »die sich streng an die sogenannte alltägliche näherte, die mit einem Mal, je nach Charakter der in Aktion kommenden Personen und ihrer Affecte zu einander, die wunderbarste Nüanzirungsfähigkeit zeigte gegen die alte dramatische Sprache.«

»Wir mußten ferner zu einer neuen Charakterisirung der Personen kommen.

Zunächst aber brachten wir jene Studien zu Stande, die zuerst unter dem Titel ›Papa Hamlet‹ in die Oeffentlichkeit gelangten, dann die anderen, die in den ›Neuen Gleisen‹ (F. Fontane & Co., Berlin 1892) zu finden sind. – Nun kam es indessen, daß mitten in dieser Arbeit, vielleicht, als man die dialogreiche ›Papierne Passion‹ unter den Händen hatte, der eine von uns das ›Heureka‹ ausrief. Und da sahen wir mit aller Deutlichkeit, daß es auf ein neues, intimeres, noch nie in seiner vollen Art-Reinheit vorhanden gewesenes Drama hinauswollte.«

Und Schlaf schloß:

»Also wir haben nicht an den dramatischen Gesetzen gerüttelt, sondern neue dramatische Mittel geschaffen, sie zu intimerer und feinerer Wirkung zu bringen.

Im Uebrigen aber: ich begreife Bierbaums Aussetzungen. Schönheit! Nicht wahr? – Im Grunde sind es die Stoffe unserer Dramen, die ihn choquiren. Aber, es handelt sich eben nicht so sehr um sie, als um die Mittel, mit denen diese Stoffe zur Wirkung gelangten.

Und nun noch eine Behauptung von mir: ergreift Schicksale, Stoffe und Personen und was ihr wollt – ich verstehe mich hier auch ein wenig auf ›Schönheit‹ – nehmt's, aus welcher Welt ihr wollt, man wird nicht mehr ohne unsere Mittel auskommen, ohne in die Dekadence des Archaismus zu gerathen.«

Ich fand diesen Aufsatz damals außerordentlich »nett« von Schlaf. Man hatte mich – mißverständlich – angegriffen und mein ehemaliger »Kompagnon« war zugesprungen und hatte mich ritterlich verteidigt. Denn natürlich hatte ich in aller Naivität angenommen, daß Schlaf mit jenem »Heureka«-Rufer selbstverständlich nicht sich, sondern mich gemeint hatte. Wenngleich die eigentümliche Form, in der er das rausgebracht, mir allerdings überflüssig verknurzelt vorgekommen war.

Erst allmählich gingen mir die Augen auf.

Bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten, immer wieder, nahm Schlaf – über den zu schweigen, wo ich nur irgendwie konnte, ich einfach für meine Pflicht hielt – die nie vorhandenen Anlässe wahr, sich direkt oder indirekt über mich zu »äußern«. Und diese Aeußerungen, mehr und mehr, wurden immer unfreundlicher; bis dann endlich in der »Zukunft« jener »Initiator«-Artikel platzte und ich dadurch gezwungen war, mein Schweigen, und wenn auch noch so widerwillig, zu brechen. Ich tat dies in jener Form, die ich auf den Seiten 3 bis 5 dieser Schrift wiedergegeben habe, und die ich auch heute noch für die mildeste halte, die ich überhaupt in Anwendung bringen durfte. Schlaf versucht jetzt allerdings meine damalige Ruhe als »persönliche Gereiztheit« hinzustellen; aber wenigstens unterließ er es doch damals, seine Provokation zu wiederholen, und so schien denn die Angelegenheit damit beendet. »Schien«, bis dann vor wenigen Wochen, und zwar dieses Mal im »Zeitgeist«, der zweite Feuerwerkskörper platzte!

Aus welchem Grunde, wenn Schlaf geglaubt hatte, in seinem Recht zu sein, hatte er sich meine »Gereiztheit« damals gefallen lassen? Warum fand er nicht bereits damals etwas zu erwidern? Krankheit – wenigstens falls man seiner eigenen Versicherung glauben soll – kann dieser Grund nicht gewesen sein. Denn an einer andern Stelle von ihm lese ich: »Von 1892 bis 1896 hatte ich mit einer schweren Nervenkrisis zu ringen.« Schlaf war also damals, 1898, seiner eigenen Bekundung nach, seit bereits zwei Jahren wieder »gesund« gewesen. Mithin: warum »liegen« erst heute, wie Schlaf in seinem »Echo«-Artikel versichert, »die Dinge anders«? Und in seiner Broschüre wiederholt er dieses und behauptet: »Jetzt liegen die Umstände anders, und ich bin endlich in der Lage, die Sache richtig zu stellen.« Daß Schlaf »in der Lage« nicht gewesen, habe ich in diesem »Nachwort« gezeigt. Nur, ich wiederhole: warum, da ein Grund für dieses Erstjetzt und Erstheute nirgends ersichtlich ist, diese sogenannte »Richtig«stellung nicht schon damals? –

Noch einmal, in meinem »notgedrungenen Kapitel« hatte ich mit letzter Rücksichtnahme auf Schlaf versucht, das ganze von ihm so traurig an den Haaren Herangezogene unter möglichster Vermeidung aller Details en bloc zu erledigen. Indem ich durch endliche Aufdeckung seines Zustands die ihn schon seit so vielen Jahren treibenden Motive aufwies, die für ihn gleichzeitig seine Entlastung bedeuteten, hatte ich gehofft, Schlaf im Verein mit meiner eigenen kurzen Darstellung, die seine nachträglichen Ansprüche auf ihr ursprüngliches Niveau zurückwies, wieder zur Besinnung bringen zu können. Vergeblich! Schlaf legt jede Schonung, zu der ich mich für ihn verstand, als Schwäche aus, jede Zurückhaltung, die ich mir seinetwegen auferlegte, als »Schuld«-Geständnis. Er hat also damit endlich erreicht, daß ich ihm seinen Wunsch jetzt erfüllt und ihn mit diesem »Nachwort« für »gesund« genommen habe. Dieses ist mir freilich nicht immer ganz gelungen – denn sämtliche mir über ihn bekannten Daten widersprechen dem zu sehr –, aber ich habe mich, ihm diesen Gefallen zu tun, doch wenigstens bemüht! Jede daraus etwa entspringende üble Folge für ihn bedaure ich schon heute, muß aber die Verantwortung dafür ablehnen.

Die zahllosen Unglaublichkeiten, mit denen Schlaf mich nun schon seit Jahren beehrt, haben meine Geduld mit ihm in einer Weise mißbraucht, daß ich den sehn möchte, der auch nur Aehnliches, selbst von dem Kränksten, sich so lange hätte gefallen lassen. Daß von diesen Unglaublichkeiten grade diejenigen, die meine Langmut auf die härteste Probe stellten, derart gewesen sind, daß ich sie, schon allein mit Rücksicht auf ihren Privatcharakter, hier nicht einmal andeuten darf, streife ich nur.

Aber auch die übrigen Dinge! Die öffentlichen, die sich reproduzieren lassen! Ich glaube, es existiert seit einigen Jahren nichts, was Schlaf über mich geschrieben, in dem nicht die Wirklichkeit auf das Seltsamste deformiert worden wäre. Nicht bloß in wichtigen Dingen, wie ich dieses hier in meinem zweiten Absatz belegt habe, wo Schlaf den Beginn unserer Zusammenarbeit jetzt vollständig anders referiert, als die Ereignisse sich damals zugetragen, und die er in dieser Weise sogar früher bereits selbst fixiert hatte, sondern auch in den allernebensächlichsten, kleinsten, um nicht zu sagen kleinlichsten!

So liegt mir z. B. ein Blatt von ihm vor, betitelt »Ein deutscher Bohemien«. Es stammt aus dem »Zeitgeist« und wurde von diesem veröffentlicht am 21. April 1902. Hier wird über eine »Debatte« berichtet zwischen mir und Conradi, deren Objekt Peter Hille gewesen, und Schlaf erklärt: Diese »Scene« sei ihm so »lebhaft in der Erinnerung geblieben«, daß er sie »zeichnen könnte«. Grund, weil dieser »schnurrige Disput«, wie Schlaf meint, »so überaus kennzeichnend für die beiden Charactere« gewesen wäre, »zwischen denen er sich abspielte«.

Und nun höre man und staune!

Wir hätten uns über Peter Hilles »Hemdkragen« gezankt, dessen Sauberkeit damals zu wünschen ließ, und ich hätte, entgegen den Ansichten Conradis, der dem »Genie« gewisse »Licenzen« eingeräumt wissen wollte, für den unglücklichen Peter Hille als »unerläßlich« »zum Mindesten einen saubern Papierkragen« verlangt. Darauf hätte Conradi mich einen »Pedanten« genannt.

In Wirklichkeit hatte es sich nicht um Peter Hilles »mangelhafte Halsbekleidung« gehandelt, sondern darum, ob ein anständiger Kerl, auch wenn er sich einbildete, ein sogenanntes mit Recht so mißliebtes »Genie« zu sein, an seinen zehn Fingernägeln – Trauerränder tragen dürfe. Und gegen diese Trauerränder war ich energisch! Weniger, weil ich mich damit gegen Peter Hille richtete, mit dem ich persönlich keinen Verkehr pflegte, sondern – de mortuis nihil nisi bene, aber Schlaf zwingt mich zu dieser »Richtigstellung« – gegen Conradi.

Was ich von dem unglücklichen Peter Hille nach Schlafs Darstellung verlangt haben soll, wäre einfach lächerlich gewesen. Ich hätte ebenso gut von einem Sperling ein Kolibrigefieder verlangen können, als von einem, wie es damals hieß, Obdachlosen einen »saubern Papierkragen«. Aber sich ab und zu die Fingernägel reinigen und nicht mit Haaren rumlaufen, die den Rockkragen fetten, diese Extravaganz, so glaube ich noch heute, durfte ich an Jeden stellen! Und jener »Disput« war nur deswegen entbrannt, weil Conradi sehr wohl begriffen hatte, daß die »Indizien«, gegen die ich mich so gewandt hatte, nicht die Peter Hilleschen gewesen waren. So »überaus kennzeichnend für unsere beiden Charactere« dieser »schnurrige Disput« also auch gewesen sein mag, – seine heutige Wiedergabe durch Schlaf ist noch ungleich kennzeichnender!

Daß Schlaf in dem gleichen Aufsatz unter anderem auch noch zu berichten weiß, ich hätte mich in meinen »schönen, eng anliegenden perlgrauen Pantalons«, nachdem ich mit Siebzehn das Gymnasium quittiert, mit Zwanzig »Privatgelehrter« genannt, füge ich noch hinzu. Ich wäre nicht verblüffter gewesen, wenn er für unumgänglich befunden hätte, der staunenden Nachwelt aufzuheben, ich hätte in meinem »netten Jacketchen« damals Visitenkarten mit mir rumgetragen und auf diesen wäre zu lesen gewesen: In seinen Mußestunden Kaiser von China!

Man weiß nicht: sind solche sogenannten »Erinnerungen« mehr lächerlich, oder sind sie mehr – gefährlich? In jedem Fall sind sie von einer höchst überflüssigen geschmacklosen Geschwätzigkeit.

Ist es denn Schlaf wirklich so absolut unmöglich, über mich zu schweigen? Fällt ihm denn nicht mehr ab und zu auch noch was andres ein? Muß er mir immer und unter allen Umständen seine Kriegskosten aufhalsen? Also, falls irgendwie angängig, – ich bäte darum!

Daß bei einer Zusammenarbeit, wie der unsern, aus der prinzipiell Neues hervorging, unbedingt einer Führer gewesen sein mußte, der andre aber der Geführte, ist psychologisch selbstverständlich. Daß in entsprechender Zukunft, nachdem dieses Neue gebührend anerkannt worden wäre, sich notwendig die Frage nach dem betreffenden Urheber dieses Neuen erhoben hätte, ist ebenso selbstverständlich. Und daß man diese Frage schon allein auf Grund der beiden Entwicklungsgänge, die wir seitdem genommen, nicht zu Schlafs, sondern zu meinen Gunsten entschieden worden wäre, ist für mich von genau der gleichen Selbstverständlichkeit. Wurde sie doch bisher noch von jedem, der für solche Dinge schon heute Blick hat, schon heute so entschieden! Das ganze Vorgehn Schlafs erreicht höchstens Eins: daß dieser Prozeß, der sich ohne Schlafs Dazuthun vielleicht erst nach einer Generation vollzogen haben würde, sich höchstwahrscheinlich schon jetzt in unsrer vollziehen wird.

Daß ich bis dahin von Vielen, die diese Gelegenheit mit Jubel ergreifen werden, allem Voraussehn nach mit jeder nur möglichen Sorte Schmutz beworfen werden »dürfte«, würde von mir als Austausch für diese Beschleunigung in Kauf genommen werden müssen, wie ja in diesem Genre schon so vieles bisher, und entspräche nur dem in dieser Welt nun einmal natürlichen Verlauf solcher Dinge. »Künstler sein« – identisch hier mit Neuerer – »heißt nicht nur«, wie ich mal im »Meyer« meinte, »den Muth haben, wie jene alten Christenpriester unter die Heiden zu gehn und ihrem Götzen, während die Brüllenden ums Feuer tanzen, den Kopf abschlagen«, sondern namentlich auch, wie Zola dies mal ausgedrückt hat, die Fähigkeit besitzen, jeden Morgen, bevor es an die Arbeit geht, drei vergiftete Kröten runterzuschlucken. Wer das nicht kann, wem das nach zwanzig Jahren süßer Gewohnheit noch immer so etwas wie Mühe oder Ekel macht, soll sein Metier aufstecken. –

Schlafs »Resümee«, sein »letztes und definitives Ceterum censeo« lautet:

»Es wird wohl damit sein Bewenden haben müssen, daß wir, jeder in seiner Art, zwei gleich starke und innerlich selbständige Individualitäten waren. Es wird damit sein Bewenden haben müssen, daß ich von Holz zwar bedeutsame Anregungen empfing, diese aber durchaus bewußt und selbständig erfaßte, durchdachte und aus ihnen etwas eigenes und neues hervorgestaltete: eben unser neudeutsches, naturalistisches Drama.«

Dieses »Resümee« ist ein zweiteiliges. Der erste Teil mit seinen »zwei gleich starken und innerlich selbständigen Individualitäten« ist mir vollkommen gleichgültig. Er enthält nur ein Geschmacksurteil und das mag jeder nach seinem Belieben fällen. Charakterisirt durch ein solches wird nur selten der Beurteilte, stets aber der Beurteiler. Die Nichtigkeit des zweiten Teils – abgesehn natürlich von den auch hier wieder, wie es scheint, unvermeidlichen »Anregungen« – habe ich in diesem Nachwort, durch unwiderlegliche Dokumente, nachdem ich von Schlaf auf unverantwortliche Weise dazu herausgefordert worden bin, bewiesen!

Ich schließe mit einem andern Resümee – ebenfalls zweiteilig und dieses lautet:

Mit Schlaf, dem noch immer Kranken, empfinde ich noch immer Mitleid. Für Schlaf, den seiner eigenen Angabe nach seit bereits sechs Jahren wieder geistig »Gesunden«, würde ich nach Allem, was ich aus Notwehr hier zu entwickeln gezwungen war, logischer Weise nur noch Eins haben dürfen, – Verachtung.

Wilmersdorf, den 5.-8. Oktober 1902.
Arno Holz.


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