Unbekannte Autoren
Tausend und eine Nacht. Band IV
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Hundertundeinundvierzigste Nacht.

Derselbe umzingelte sie mit seiner Mannschaft, stürmte auf sie los und packte sie, und schon nach kurzer Zeit hatte er die zehn Sklaven und die Alte gefesselt und zog mit ihnen und dem Hengst vergnügt ab. Da sprach ich bei mir: »Nun ist all meine Mühe verloren und meine Absicht vereitelt.« Darauf wartete ich, um zu schauen, was aus der Sache werden würde. Als nun aber die Alte sich gefangen sah, weinte sie und sagte zu Kahrdâsch: »Hochherziger Ritter und 152 kraftvoller Held, was willst du mit mir, einer alten Frau, und den Sklaven anfangen, nachdem du in dem Hengst dein Begehren erreicht hast?« Und so fing sie ihn listig mit sanften Worten und schwor ihm, daß sie ihm Pferde und Vieh zutreiben lassen würde, worauf er sie samt den Sklaven los ließ und mit seinem Trupp davon zog. Ich aber folgte ihm bis in diese Gegend und behielt ihn scharf im Auge, bis ich eine Gelegenheit den Hengst zu stehlen fand. Als ich mich aber aufgesetzt hatte und ihm mit einer Peitsche, die ich aus meinem Futtersack zog, einen Schlag versetzte, hörten sie es, setzten mir nach, umzingelten mich von allen Seiten, und schossen mit Pfeilen und Speeren nach mir, während ich fest auf dem Hengste saß, und dieser für mich mit seinen Vorder- und Hinterfüßen kämpfte, bis er aus ihrer Mitte wie eine Sternschnuppe oder ein sausender Pfeil von dannen schoß. In dem heißen Gefecht hatte ich jedoch einige Wunden davon getragen, und drei Tage sind nunmehr verflossen, daß ich im Sattel zugebracht habe, ohne irgend welche Speise gekostet zu haben, so daß meine Stärke erschlafft ist, und die Welt nur noch leicht auf mir lastet. Nun hast du mich freundlich und liebevoll behandelt; doch sehe ich, daß dein Leib nackend ist, und dein Gesicht zeigt tiefen Kummer, wiewohl an dir noch die Spuren früheren Wohlstandes zu erkennen sind. Wie heißest du?« Da erwiderte Kân-mā-kân: »Ich heiße Kân-mā-kân, der Sohn des Königs Dau el-Makân, welcher war der Sohn des Königs Omar en-Noomân. Mein Vater starb, als Waise ward ich erzogen, und ein Elender riß die Herrschaft an sich und ward König über Hoch und Gering.« Hierauf erzählte er ihm seine ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende, und der Pferdedieb, der Mitleid mit ihm hatte, sagte zu ihm: »Wahrlich, du bist von hohem Stamm und stolzem Adel und sollst wieder zu Macht gelangen und der erste Ritter dieser Zeit sein. Bist du imstande mich aufzuladen, hinter mir aufzusitzen und mich in meine Heimat zu bringen, so 153 sollst du Ehre in dieser Welt haben und Lohn am Tag des Gerichts. Denn siehe, ich selber habe nicht mehr die Kraft mich festzuhalten, und, sollte ich unterwegs sterben, so gewinnst du diesen Hengst, dessen du unter allen Menschen am würdigsten bist.«

Kân-mā-kân erwiderte auf seine Worte: »Bei Gott, wenn ich dich auf meine eigenen Schultern zu laden vermöchte, ich würde es thun, und stünde mein Leben in meiner Hand, ich gäbe die Hälfte davon für dich auch ohne dieses Roß dahin, da ich zu einem Hause gehöre, das Gutes thut und den Leuten in der Not hilft; verrammelt doch auch ein gutes Werk, gethan zur Ehre Gottes, des Erhabenen, siebzig Thore der Heimsuchung.« Wie er nun jedoch daran ging ihn auf den Hengst zu laden und im Vertrauen auf den Allgütigen, Allweisen sich auf den Weg zu machen, sagte Ghassân zu ihm: »Warte noch ein wenig.« Dann schloß er seine Augen, öffnete die Hände und sprach: »Ich bezeuge es, es giebt keinen Gott außer Gott, und bezeuge, daß Mohammed der Gesandte Gottes ist.« Alsdann machte er sich bereit zum Sterben und sprach die Verse:

»Ich habe die Menschen bedrückt und die Länder durchstreift,
In Zechgelagen hab' ich mein Leben verbracht.
Wildbäche hab' ich durchwatet, um Rosse zu stehlen,
Und Burgen zertrümmert mit listigem Thun.
Meine Beute ist groß und meine Sünde gewaltig,
Und Kātûl ist all meiner Thaten Krone.
An diesem Hengst hofft' ich meinen Wunsch zu erreichen,
Doch bin ich auf dieser Fahrt für immer erlahmt.
Mein Leben lang hab' ich Rosse gestohlen,
Und nach Gottes Ratschluß hauch' ich die Seele aus.
So endet mein Leben, daß all meine Mühe
Einem Heimatlosen, einem Verwaisten und Bettler zu gute kommt.«

Sobald er sein Lied beendet hatte, schloß er seine Augen, öffnete den Mund, und verließ mit einem kurzen röchelnden Laut die Welt. Hierauf grub ihm Kân-mā-kân ein Grab und versenkte ihn in den Staub. Dann streichelte er den 154 Kopf des Hengstes und fand, daß selbst im Besitz des Königs Sāsân nicht solch ein Pferd zu finden war.

Nach einiger Zeit kam ihm durch reisende Kaufleute alles zu Ohren, was sich während seiner Abwesenheit zwischen dem König Sāsân und dem Wesir Dendân zugetragen hatte. Der Wesir Dendân hatte nämlich zugleich mit dem halben Heere dem König Sāsân den Gehorsam aufgekündigt, und hatten alle geschworen, daß sie keinen andern als Kân-mā-kân zum Sultan haben wollten. Der Wesir Dendân hatte sie darauf vereidigt, war dann mit ihnen nach den Inseln Indiens, nach der Berberei und dem Sudân gezogen, hatte dort um sich ein Heer wie die brandende Flut versammelt, daß man die Vorhut nicht von der Nachhut unterscheiden konnte, und war entschlossen mit all den Heeresmassen nach Bagdad zurückzukehren, jeden, der sich ihm widersetzen würde, zu erschlagen, und hatte geschworen nicht eher das Kriegsschwert in die Scheide zu stecken, bis er Kân-mā-kân zum König eingesetzt hätte. Als diese Nachrichten dem König Sāsân zu Ohren gekommen waren, versank er im Meer der Gedanken und erkannte, daß sich die Hohen und Niedern im Reich von ihm abgewendet hatten. Im Meer der Sorgen und Kümmernis versinkend, hatte er dann die Schatzkammern geöffnet und Geld und Gnaden unter den Großen des Reiches verteilt und wünschte, daß Kân-mā-kân zurückkäme, damit er sein Herz durch Freundlichkeit und Güte sich geneigt machen und ihn zum Emir über alle ihm treu gebliebenen Truppen einsetzen könnte, um so den Funken seiner Kohle zu stärken.

Als nun Kân-mā-kân alles dies von den Kaufleuten vernommen hatte, kehrte er eilig auf dem Rücken seines Hengstes nach Bagdad zurück, wo der König Sāsân mitten in seiner Ratlosigkeit nun plötzlich von Kân-mā-kâns Ankunft hörte, und allen Truppen und Angesehenen von Bagdad ihm zum Empfang entgegen zu ziehen befahl. Da zog ganz Bagdad ihm entgegen und holte ihn ein, ihm auf dem 155 Weg zum Schlosse voranschreitend, und die Eunuchen begaben sich mit der Nachricht zu seiner Mutter. Wie dieselbe nun ankam und ihn zwischen die Augen küßte, sagte er: »Mutter, laß mich zu meinem Oheim gehen, dem Sultan Sāsân, welcher mich mit seiner Huld und Güte überhäuft hat.« Die Großen des Reiches aber erstaunten über den herrlichen Hengst und seinen Besitzer, den ersten aller Ritter, und sprachen zum König Sāsân: »O König, nie sahen wir einen Mann gleich ihm.« Dann kam der König Sāsân Kân-mā-kân entgegen und bot ihm den Salâm; sobald ihn aber Kân-mā-kân auf sich zukommen sah, schritt er ihm entgegen, küßte ihm Hände und Füße und führte ihm den Hengst zum Geschenk vor. Der König Sāsân sprach jedoch: »Willkommen seist du und herzlichst begrüßt, mein Sohn; bei Gott, die Erde war mir wegen deiner Abwesenheit eng geworden, doch, Lob sei Gott, für dein wohlbehaltenes Eintreffen!« Als er dann den Hengst betrachtete und in ihm den Hengst, den er in dem und dem Jahre bei der Belagerung der Kreuzanbeter mit seinem Vater Dau el-Makân, zu jener Zeit, als sein Oheim Scharrkân ums Leben kam, und dessen Name El-Kātûl war, erkannte, sagte er: »Wenn dein Vater ihn hätte bekommen können, er hätte ihn für tausend Vollblutpferde erstanden; jetzt aber möge die Ehre zu dem, der ihrer würdig ist, zurückkehren. Wir nehmen ihn als Geschenk an, doch schenken wir ihn dir wieder, da du von allem Volk seiner am würdigsten bist als der erste aller Ritter.« Hierauf befahl er für Kân-mā-kân ein kostbares Ehrenkleid und eine Anzahl Pferde zu bringen, bestimmte für ihn die Hauptgemächer im Schloß zur Wohnung, schenkte ihm reiches Gut und ehrte ihn, so sehr er es nur vermochte, da er um den Ausgang der Sache mit dem Wesir Dendân besorgt war, während Kân-mā-kân, über all dieses erfreut und frei von Schimpf und Schande, nach Hause ging und dort seine Mutter fragte: »Mutter, wie geht es meiner Base?« Seine Mutter erwiderte: »Bei Gott mein Sohn, ich war durch 156 deine Abwesenheit so beunruhigt, daß ich an deine Geliebte gar nicht dachte.« Da sagte er: »Ach, Mutter, geh' doch zu ihr und sprich freundlich mit ihr, vielleicht gewährt sie mir gütig einen Blick.« Seine Mutter entgegnete ihm jedoch: »Begierden demütigen den Nacken der Männer; laß solche Worte ruhen, daß sie dich nicht ins Verderben stürzen. Ich gehe nicht zu ihr und suche sie nicht mit solchem Auftrag auf.« Als er dies von seiner Mutter vernahm, teilte er ihr mit, was er vom Pferdedieb über die alte Zât ed-Dawâhī gehört hatte, daß sie ins Land gekommen wäre und entschlossen sei Bagdad zu betreten. »Sie ist's,« fügte er hinzu, »welche meinen Oheim und meinen Großvater umgebracht hat, und ich will bestimmt die Schande sühnen und die Blutrache vollstrecken.«

Dann verließ er seine Mutter und begab sich zu einer alten ehebrecherischen und verschlagenen Kupplerin, Namens Saadâne, und klagte ihr seinen Zustand und das Leid, das ihm seine Liebe zu Kudia-fakân eingetragen hatte; dann bat er sie zu ihr zu gehen und ihr Herz ihm geneigt zu machen. Die Alte erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und verließ ihn, um sich sofort in Kudia-fakâns Schloß zu begeben. Nachdem sie ihr Herz für Kân-mā-kân gewonnen hatte, kam sie dann wieder zu ihm zurück und teilte ihm mit, daß Kudia-fakân ihm den Salâm bestelle und ihr versprochen hätte um Mitternacht zu ihm zu kommen.

Hundertundzweiundvierzigste Nacht.

Als Kân-mā-kân diese Zusage von seiner Base vernahm, war er hocherfreut. Um Mitternacht kam sie dann in einem schwarzseidenen Überwurf zu ihm, weckte ihn aus seinem Schlaf und sagte zu ihm: »Wie darfst du sagen, daß du mich liebst, wenn du freien Herzens und guter Dinge hier schläfst?« Da erwachte er und sagte: »Bei Gott, du meines Herzens Wunsch, ich schlief nur ein aus Verlangen dein Bildnis im Traume zu schauen.« Darauf umarmten sie 157 sich und klagten einander die Schmerzen der Trennung, ihre große Leidenschaft und Sehnsucht nach einander, bis der erste Morgenschimmer sich zeigte, und die Morgenröte anbrach, und es hell ward. Dann schluchzte Kân-mā-kân laut auf, seufzte und sprach die Verse:

»Nach bitterster Abneigung hat sie mich besucht,
Zwischen deren Lippen die Zähne wie eine Perlenschnur blinken;
Tausend Küsse gab ich ihr und umarmte ihre Gestalt,
Und verbrachte die Nacht Wange an Wange gelehnt,
Bis des Morgens Strahl blitzte und uns erschreckte,
Wie die Klinge des Schwertes, die aus der Scheide fährt.«

Als er sein Lied beendet hatte, nahm Kudia-fakân von ihm Abschied und begab sich in ihr Gemach; da sie aber ihr Geheimnis einigen ihrer Sklavinnen anvertraute, ging eine derselben zum König Sāsân und teilte es ihm mit, worauf er zu Kudia-fakân ging, sein Schwert wider sie zückte und ihr den Kopf abschlagen wollte. Da aber kam ihre Mutter Nushet es-Samân herzu und rief: »Um Gott, thue ihr kein Leid! Hast du ihr ein Leid zugefügt, so wird die Sache unter den Leuten ruchbar, und du lebst als eine Schande unter den Königen der Zeit. Außerdem ist Kân-mā-kân ein ehrenhafter und hochherziger Mann, der nichts thut, was ihm Schande einbringt. Gedulde dich und übereile dich nicht, denn das Volk im Schloß und alle Leute in Bagdad haben bereits vernommen, daß der Wesir Dendân aus allen Ländern Truppen herbeiführt, um Kân-mā-kân zum König zu machen.« Der König Sāsân entgegnete ihr: »Ich muß ihn in solch ein Verderben stürzen, daß ihn weder die Erde zu tragen noch der Himmel zu überschatten vermag. Ich hatte auch nur deshalb freundlich zu ihm gesprochen und ihm meine Huld bezeugt, daß das Volk des Königreiches sich nicht zu ihm neigte; du sollst schon sehen, was geschehen wird.« Nach diesen Worten verließ er sie und ging hinaus zu den Geschäften des Königreiches.

Soviel mit Bezug auf den König Sāsân; was nun aber 158 Kân-mā-kân anlangt, so besuchte er am folgenden Tage seine Mutter und sprach zu ihr: »Mutter, ich habe mich entschlossen eine Beutefahrt anzutreten, den Karawanen aufzulauern und ihre Pferde, Herden, Sklaven und Mamluken zu erbeuten. Ist dann mein Gut groß und meine Lage ansehnlich geworden, so verlange ich Kudia-fakân von meinem Oheim Sāsân zum Weib.« Da sagte seine Mutter zu ihm: »O mein Sohn, das Gut der Leute läuft nicht umher wie die freie Kamelstute, Schwerteshiebe und Lanzenstöße schirmen es, und Männer, die Löwen fangen und Luchse erjagen.« Kân-mā-kân entgegnete ihr jedoch: »Fern sei es von mir, daß ich eher von meinem Vorhaben abstehe als ich mein Begehren erreicht habe.« Alsdann schickte er die Alte zu Kudia-fakân und ließ ihr mitteilen, daß er fortzöge und nicht eher heimkehren würde als bis er eine ihr würdige Braugabe gewonnen hätte; außerdem sagte er noch zur Alten: »Du mußt mir bestimmt eine Antwort von ihr überbringen.« Die Alte erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und ging dann zu ihr fort. Bald darauf kehrte sie wieder zu ihm mit der Antwort zurück und sagte zu ihm: »Um Mitternacht wird sie bei dir sein.« Da blieb er in seiner Unruhe bis Mitternacht wach, und, ehe er sich's versah, trat sie auch schon bei ihm ein und rief: »Mein Leben sei dein Lösegeld für dein Wachen.« Er aber sprang auf vor ihr und rief: »Ach, du Wunsch meines Herzens, mein Leben sei dein Lösegeld für alles Schlimme.« Dann teilte er ihr seinen Entschluß mit, worauf sie zu weinen anhob. Doch tröstete er sie und sprach: »Weine nicht, Tochter meines Oheims; ich will zu Ihm beten, der die Trennung über uns verhängt hat, daß er uns wieder zusammenführt und in seinen Schutz nimmt.«

Hierauf machte er sich reisefertig, und verließ, nachdem er seine Mutter besucht und sich von ihr verabschiedet hatte, das Schloß, umgürtet mit dem Schwert, den Turban auf dem Haupt, und den Lithâm vor dem Gesicht; dann schwang 159 er sich auf sein Prachtroß El-Kātûl und trabte wie der Vollmond durch die Straßen der Stadt, bis er zum Thore Bagdads gelangte, wo er plötzlich seinen Freund Sabbâh, den Sohn des Rabbâh antraf, der ebenfalls aus der Stadt ziehen wollte. Als dieser ihn erblickte, kam er herangelaufen, packte ihn am Steigbügel und begrüßte ihn, worauf ihm Kân-mā-kân den Salâm zurückgab. Dann fragte ihn Sabbâh: »Ach, mein Bruder, wie bist du zu diesem Prachtroß gekommen und all diesem Gut, während ich nichts als mein Schwert hier habe?« Kân-mā-kân erwiderte ihm: »Wie der Jäger, so die Beute; bald, nachdem wir uns getrennt hatten, kam das Glück zu mir. Hast du nun Lust mich zu begleiten, dein Vorhaben in meiner Gesellschaft auszuführen und mit mir in jene Steppe dort zu ziehen?« Sabbâh erwiderte: »Beim Herrn der Kaaba, ich tituliere dich jetzt nicht anders als ›mein Herr‹;« dann lief er vor dem Hengst einher, mit dem Schwert über der Schulter und dem Ranzen auf dem Nacken, und beide zogen nun in dieser Weise vier Tage durch die Steppe, indem sie sich zur Speise Gazellen erjagten und von dem Wasser der Quellen ihren Durst löschten.

Am fünften Tage näherten sie sich einem hohen Hügel, an dessen Fuß Weideplätze waren, auf denen Kamele, Schafe, Rinder und Pferde weideten und die Anhöhen und Gründe erfüllten, während ihre Jungen um die Pferche spielten. Bei diesem Anblick schwoll Kân-mā-kâns Brust vor Freude und Lust; entschlossen zum Kampf um die Kamelstuten und -Hengste, rief er Sabbâh zu: »Vorwärts! Los auf diese Herden, die von ihren Besitzern verlassen sind, sollten wir mit nah und fern auch darum kämpfen, bis wir einen Teil davon erbeutet haben.« Sabbâh entgegnete jedoch: »Ach, mein Herr, ihre Besitzer sind ein großer Haufen und ein zahlreich Volk, und Helden sind darunter zu Roß und Fuß; stürzen wir unser Leben in diese schlimme Gefahr, dann kann es uns übel ergehen.« Da lachte Kân-mā-kânda er nun erkannte, daß es ein Feigling war. Dann verließ er ihn und 160 ritt, ein Trutzlied singend, die Anhöhe hinab zum Kampf, indem er sich auf jene Herden wie ein brünstiger Kamelhengst stürzte und alles vor sich hertrieb, Kamele, Rinder, Schafe und Pferde, worauf die Sklaven mit blanken Schwertern und langen Lanzen sich ihm entgegen warfen, an ihrer Spitze ein türkischer Reitersmann, ein wackerer Kämpe, wohlgeübt in der Handhabung des braunen Lanzenschafts und der weißen Degenklinge. Auf Kân-mā-kân lossprengend, rief er ihm entgegen: »Wehe dir, wüßtest du, wem diese Herden gehörten, du hättest dich nicht zu solchem Wagnis unterfangen! Wisse, sie sind der griechischen Schar und der tscherkessischen Bande Eigentum, unter welcher ein jeder ein trotzigblickender Degen ist; hundert Reisige ist ihre Zahl, die jedem Sultan den Gehorsam aufgekündigt haben. Ihnen wurde ein Hengst gestohlen, und sie haben geschworen nur mit ihm von hier fortzuziehen.« Als Kân-mā-kân seine Worte vernahm, rief er: »Dies ist gerade der Hengst, den ihr meint und nach dem ihr sucht und um dessentwillen ihr mit mir zu kämpfen verlangt. So berennt mich alle zu Hauf und thut, was ihr wollt.« Dann rief er El-Kātûl einige Worte zwischen die Ohren, worauf derselbe wie ein Ghul auf sie lossprengte. Kân-mā-kân aber lenkte ihn grade auf den Reiter, durchbohrte ihn mit der Lanze und holte ihm die Nieren heraus. Dann wendete er sich gegen den zweiten, dritten und vierten und raubte ihnen ebenfalls das Leben, so daß die Sklaven vor ihm zurückbebten, während er sie anschrie: »Ihr Dirnensöhne, treibt die Herden und Pferde heraus oder ich tauche meine Lanze in euer Blut.« Da trieben sie die Herden heraus und ließen sie los, während Sabbâh mit lautem Rufen und in heller Freude herbeikam; mit einem Male aber stieg eine Staubwolke auf und verrammelte den Horizont, bis unter ihr hundert Reiter wie trotzig dreinschauende Löwen sichtbar wurden. Als Sabbâh ihrer gewahr wurde, lief er aus dem Grunde die Anhöhe hinauf und sah dem Gefecht zu, indem er sprach: »Ich bin 161 nur bei Spiel und Scherz ein Held.« Die hundert Reiter aber umringten Kân-mā-kân von allen Seiten, und einer der Reiter sprengte auf ihn los und fragte ihn: »Wohin willst du mit dieser Habe?« Kân-mā-kân entgegnete ihm: »Vorwärts zum Kampf, und wisse, daß hier ein stolzer Löwe und ein tapferer Held vor dir steht und ein Schwert, das schneidet, wohin es fährt.«

Als der Ritter diese Worte von ihm hörte, blickte er ihn an und sah, daß er ein Ritter gleich einem hochgemuten Löwen war mit einem Angesicht wie der Vollmond im leuchtendsten Glanz. Dieser Ritter war aber der Häuptling der hundert Reiter und hieß Kahrdâsch; und wie er nun Kân-mā-kân in seiner ganzen Ritterlichkeit und seiner wunderbaren Schönheit erblickte, vermeinte er seine Geliebte Fâtin vor sich zu sehen. Fâtin war nämlich eine der schönsten Frauen, welcher Gott so reiche Schönheit, Anmut und so edle Eigenschaften verliehen hatte, wie sie die Zunge zu beschreiben nicht imstande ist, und wie sie die Herzen aller Männer höher schlagen lassen. Außerdem aber fürchteten die Ritter des Volkes ihre Tapferkeit, und alle die Degen des Landes hatten Respekt vor ihrem hohen Wesen; und sie hatte geschworen nur den von ihren Bewerbern, zu denen auch Kahrdâsch gehörte, zu heiraten, der sie bezwingen würde, und hatte zu ihrem Vater gesagt: »Nur der soll mir nahen, welcher mich auf dem Plan und der Schwert- und Lanzenstätte bezwungen hat.« Als Kahrdâsch diese ihre Worte vernommen hatte, verdroß es ihn mit einem Mädchen zu kämpfen, indem er sich vor der Schande fürchtete. Obwohl auch einer seiner Vertrauten zu ihm gesagt hatte: »Deine Schönheit und Anmut ist vollkommen und würdest du sie im Kampf, selbst wenn sie stärker wäre, bezwingen, da sie beim Anblick deiner Schönheit und Anmut fliehen würde, so daß du sie gewönnest, denn die Weiber verlangen, wie du es weißt, nach den Männern.« – so hatte es Kahrdâsch trotzdem abgelehnt mit ihr zu kämpfen, bis er nun hier mit Kân-mā-kân 162 zusammentraf und ihn für seine Geliebte Fâtin hielt, die ihn thatsächlich wegen seiner Schönheit und Tapferkeit, von der sie vernommen hatte, liebte. Infolgedessen ritt er auf Kân-mā-kân zu und rief: »Wehe dir, Fâtin, du bist hergekommen, um mir deine Tapferkeit zu zeigen, doch nun steig von deinem Roß, daß ich mit dir plaudern kann, denn ich habe nur um deiner unvergleichlichen Schönheit und Anmut willen diese Herden erbeutet und manch einem Ritter und Degen den Weg verlegt. So heirate mich nun, daß dir die Töchter von Königinnen zu Diensten sind, und du selber die Königin dieser Gebiete wirst.«

Als Kân-mā-kân diese Worte vernahm, loderte das Feuer seines Zornes hell auf und er schrie: »Wehe dir, Adschamerhund, laß Fâtin und was du sonst noch vermutest, und komm zum Stechen und Hauen heran, daß du binnen kurzem im Staube liegst.« Gleich darauf setzte er auf ihn los, umkreiste ihn und suchte ihm mit der Waffe beizukommen. Als ihn nun Kahrdâsch ins Auge faßte, erkannte er, daß er ein hochgemuter Ritter und kampfesfroher Degen war, und sein Irrtum ward ihm klar, als er den grünlichen Flaum auf seiner Wange sah gleich Myrten, die aus einer roten Rose sprossen. Darauf rief er seinen Leuten zu: »Weh euch, einer von euch soll ihn angreifen und ihm das scharfe Schwert und die zitternde Lanze zeigen; denn wisset, wenn alle einen einzigen Mann berennen, so ist es eine Schande, auch wenn seine Lanzenspitze Feuersflammen sprühte.« Infolgedessen sprengte ein Reiter auf einem Fuchs mit weißen Füßen und dirhemgroßer Blässe auf ihn los und beide tummelten sich eine Weile, Hieb wider Hieb austeilend, umher, daß sich die Gedanken verwirrten und die Augen geblendet wurden, bis Kân-mā-kân mit einem Male seinem Gegner mit einem wackern Heldenhieb zuvor kam, der ihm Turban und Stahlhaube abschlug, so daß er im Sattel wankte und wie ein Lastkamel zu Boden stürzte. Darauf sprengte ein zweiter, dritter, vierter und fünfter gegen ihn, doch verfuhr er mit 163 ihnen gerade so wie mit dem ersten, so daß nun alle die andern auf einmal in grimmem Zorn auf ihn losstürmten; doch schon nach kurzer Zeit hatte er sie alle mit seiner Lanzenspitze durchbohrt.

Wie nun Kahrdâsch solches sah, fürchtete er für sein Leben und rief, da er sah, daß er ein festes Herz hatte und einzig war unter den Rittern und Degen, Kân-mā-kân zu: »Ich schenke dir dein Blut und das Blut meiner Gefährten; nimm so viel du willst von der Habe und zieh' deines Wegs, ich habe Mitleid mit deiner schönen Jugend: das Leben ist besser für dich.« Da entgegnete ihm Kân-mā-kân: »Dir gebricht es nicht an der Großmut der Edeln, doch laß diese Worte, und mach' dich mit heiler Haut davon, ohne einen Tadel zu befürchten; wähne nicht, daß ich die Beute fahren lasse, zieh vielmehr die gerade Straße zu deinem eigenen Heil.«

Als Kahrdâsch diese Worte Kân-mā-kâns vernahm, wuchs sein Zorn, und, seinen Tod beschleunigend, rief er Kân-mā-kân zu: »Wehe dir, wüßtest du, wer ich bin, du hättest solche Worte nicht auf dem offenen Kampfplan gesprochen. Frag' nach mir und wisse, ich bin der starke Löwe, weit und breit bekannt unter dem Namen Kahrdâsch, welcher die großen Könige beraubte und allen Karawanen auflauerte und der Kaufleute Gut erbeutete; und jenen Hengst da unter dir suche ich und ich wünschte wohl, du thätest mir Bescheid, wie du zu ihm kamest, daß du dich zu seinem Herrn machtest.« Kân-mā-kân erwiderte ihm: »Wisse, dieser Hengst wurde unter dem Geleit einer hochangesehenen alten Dame zu meinem Oheim, dem König Sāsân geführt, an welcher wir noch eine Blutrache für meinen Großvater den König Omar en-Noomân, und meinen Oheim, den König Scharrkân, zu vollstrecken haben.« Da rief Kahrdâsch: »Wehe dir, wer ist dein Vater, du Mutterloser?« Kân-mā-kân antwortete: »Wisse, ich bin Kân-mā-kân, der Sohn des Königs Dau el-Makân, welcher war der Sohn des Königs Omar en-Noomân.« Als Kahrdâsch diese Worte vernahm, sagte er: 164 »Dir kann weder Vollkommenheit noch Ritterlichkeit und Anmut abgesprochen werden, zieh' darum hin in Frieden, denn dein Vater war voll Großmut und Güte.« Kân-mā-kân entgegnete jedoch: »Bei Gott, ich gebe dir keine Ehre, du Lump,« so daß der Beduine ergrimmte, und nun beide gegeneinander sprengten, während ihre Pferde die Ohren spitzten und die Schweife hoben, und fortwährend aufeinander prallten, daß jeder von ihnen glaubte, der Himmel müsse geborsten sein. Hierauf kämpften sie miteinander gleich zwei stößigen Widdern und teilten Stoß auf Stoß mit ihren Lanzen aus, bis Kân-mā-kân, einem Stoße seines Gegners ausweichend dann aber schnell wieder umkehrend, ihm die Brust durchbohrte, daß die Lanzenspitze blitzend aus seinem Rücken herausfuhr. Dann trieb er die Rosse und die Beute vor sich her und rief den Sklaven zu: »Vorwärts, und treibt sie so schnell ihr könnt.« Nun kam auch wieder Sabbâh von seiner Anhöhe herunter zu Kân-mā-kân und rief: »Das hast du brav gemacht, o Ritter der Zeit! Ich betete währenddessen für dich, und mein Herr hat mein Gebet erhört.« Dann hieb er Kahrdâsch das Haupt ab. Kân-mā-kân aber lachte und sagte: »Weh' dir, Sabbâh, ich glaubte, du wärest ein Held in der Schlacht.« Sabbâh erwiderte jedoch nur: »Vergiß nicht deines Sklaven bei dieser Beute, denn vielleicht gelange ich durch sie zur Vermählung mit Nadschme, der Tochter meines Oheims.« Kân-mā-kân versetzte darauf: »Gewiß sollst du deinen Anteil erhalten, doch jetzt gieb auf die Beute und die Sklaven Obacht.«

Hierauf machte sich Kân-mā-kân wieder auf den Weg nach Hause und ritt Nacht und Tag bis er sich der Stadt Bagdad näherte. Als nun alle Truppen von seiner Ankunft hörten und die Beute und Herden sahen, die er vor sich her trieb und das Haupt des Kahrdâsch auf Sabbâhs Lanze erblickten, und die Kaufleute dasselbe erkannten, freuten sie sich und riefen: »Hat Gott endlich die Schöpfung von diesem Wegelagerer befreit!« und verwunderten sich über 165 seinen Tod und segneten den, der ihn erschlagen hatte. Dann kam das Volk von Bagdad zu Kân-mā-kân und erzählte ihm alles, was sich inzwischen ereignet hatte, und alle die Männer respektierten ihn in heiliger Scheu, und die Ritter und Degen fürchteten ihn. Kân-mā-kân aber zog mit seiner Beute unters Schloß, wo er dem Thore gegenüber die Lanze mit dem Haupt des Kahrdâsch aufpflanzte und dann dem Volk Geschenke machte und die Pferde und Kamele verteilte, so daß ihn das Volk von Bagdad lieb gewann, und die Herzen sich ihm zuneigten. Nachdem er dann noch Sabbâh eine geräumige Wohnung angewiesen hatte, begab er sich zu seiner Mutter und erzählte ihr die Abenteuer seiner Fahrt.

Als nun auch die Nachricht von den Thaten Kân-mā-kâns dem König Sāsân zu Ohren kam, erhob er sich und zog sich aus dem Audienzsaal mit seinen Vertrauten in ein Privatgemach zurück, wo er zu ihnen sprach: »Wisset, ich will euch mein Geheimnis mitteilen und euch meinen Fall klarlegen. Kân-mā-kân ist's, durch den wir aus dieser Heimstätte entwurzelt werden, weil er Kahrdâsch erschlagen hat, trotzdem er kurdische und türkische Stämme um sich hatte, und unserer Sache Ende mit ihm ist der Untergang. Der hauptsächlichste Grund unserer Furcht aber rührt von seiner Sippe her; wißt ihr doch auch, was der Wesir Dendân gethan hat, der all meine Güte gegen ihn verleugnet hat, und trotz Eid und Treuschwur zum Verräter geworden ist. Es ist mir zu Ohren gekommen, daß er die Truppen aus den Provinzen ausgehoben hat und nichts anderes im Sinne führt als Kân-mā-kân zum Sultan einzusetzen, weil das Sultanat seinem Vater und Großvater gehörte. Kein Zweifel, er wird mich ohne Gnade und Barmherzigkeit erschlagen.«

Als die Granden des Reiches diese Worte von ihrem König vernahmen, sagten sie: »O König, er ist der Sache nicht gewachsen, und hätten wir nicht gewußt, daß er von dir erzogen ward, so hätte sich keiner von uns um ihn gekümmert. Wisse aber, daß wir dir zur Hand stehen; 166 wünschest du seinen Tod, so töten wir ihn, wünschest du seine Verbannung, gut, so verbannen wir ihn.« Der König Sāsân erwiderte ihnen: »Sein Tod ist allein das Richtige, doch muß ich euch darauf beeiden.« Da schwuren sie ihm, daß sie ihn unwiderruflich töten würden, weil dann die Kraft des Wesirs Dendân, wenn er herankäme und Kân-mā-kâns Tod erführe, zur Ausführung seines Vorhabens geschwächt würde. Nachdem sie sich ihm in dieser Weise hierzu durch Bund und Eid verpflichtet hatten, überhäufte er sie mit den höchsten Ehren und begab sich in seine Privatgemächer. Die Hauptleute aber verließen ihn, und die Truppen weigerten sich sowohl aufzusteigen als abzusteigen, bis sie gesehen hätten, was sich ereignen würde, da der größere Teil des Heeres sich dem Wesir Dendân angeschlossen hatte.

Auch Kudia-fakân vernahm von diesem Komplott gegen Kân-mā-kân; und, da sie deswegen von tiefster Kümmernis befallen wurde, schickte sie zu der Alten, welche gewöhnlich als Botin ihres Vetters zu ihr kam, und befahl ihr, als sie vor ihr erschienen war, zu Kân-mā-kân zu gehen und ihm die Sache mitzuteilen. Als dieselbe dann zu Kân-mā-kân kam und ihn begrüßte, freute er sich bei ihrem Anblick. Sobald er aber ihren Auftrag vernommen hatte, sagte er zu ihr: »Bestelle der Tochter meines Oheims meinen Salâm und sprich zu ihr: »Siehe, die Erde gehört Gott, dem Mächtigen und Herrlichen, der sie dem unter seinen Dienern zum Erbe giebt, welchem er will. Wie schön hat doch jemand gesagt:

Das Reich ist Gottes, und wer sich vermißt ohne ihn sein Ziel zu erreichen,
Den verwirft und verdammt er zum Höllengrund.
Hätte ich oder sonst jemand nur einen Fingerbreit Landes,
Es wäre Vielgötterei.«

Darauf begab sich die Alte wieder zu seiner Base und teilte ihr seine Worte mit, wobei sie ihr auch mitteilte, daß er sich in der Stadt aufhielt. Der König Sāsân aber wartete 167 darauf, daß Kân-mā-kân auf Bagdad zöge, um ihm seine Mörder nachzuschicken. Da traf es sich einmal, daß er auf die Jagd auszog, von Sabbâh begleitet, der sich weder bei Tag noch bei Nacht von ihm zu trennen vermochte, und daß er dabei zehn Gazellen fing, unter welchen sich auch eine schwarzäugige Hindin befand, welche ängstlich nach rechts und links auslugte. Da ließ sie Kân-mā-kân wieder los, so daß ihn Sabbâh fragte: »Warum hast du diese Gazelle wieder laufen lassen?« Kân-mā-kân lachte und sagte, indem er nun auch noch die andern neun laufen ließ: »Es gehört zur Menschlichkeit, daß man Gazellen mit Jungen losläßt. Hätte diese Gazelle keine Jungen, so würde sie auch nicht so ängstlich hin und her geäugt haben. Deshalb habe ich ihr die Freiheit geschenkt und den andern ihr zu Ehren.« Sabbâh entgegnete ihm darauf: »Schenke auch mir die Freiheit, daß ich zu meiner Sippe heimkehren kann.« Kân-mā-kân lachte jedoch und stieß ihn mit der Lanzenferse vors Herz, daß er sich auf dem Boden wie ein Drache wand.

In demselben Augenblicke wirbelte eine Staubwolke auf, Pferdehufe stampften, und Reiter und Kämpen wurden unter der Staubwolke sichtbar. Der Grund hiervon war aber der, daß einige dem König Sāsân Kân-mā-kâns Jagdstreife hinterbracht hatten, und er infolgedessen einen Emir der Deilamiten, Namens Dschâmi, nebst zwanzig Reitern unter Überreichung einer Geldsumme Kân-mā-kân zu ermorden befohlen hatte. Als dieselben nun nahe herangekommen waren, griffen sie allesamt Kân-mā-kân an, er aber stürzte sich ebenfalls auf sie und erschlug sie bis auf den letzten Mann. Mit einem Male kam auch der König Sāsân angeritten und fand alle Krieger erschlagen, so daß er verwundert wieder umkehrte. Plötzlich aber packten ihn seine Leute und legten ihn in feste Banden.

Kân-mā-kân war inzwischen von jener Stätte mit dem Beduinen Sabbâh seines Weges weiter gezogen. Als er unterwegs einen Jüngling vor seiner Hausthür sitzen sah, 168 bot er ihm den Salâm. Der Jüngling erwiderte ihm denselben, worauf er in seine Wohnung ging und mit zwei Speiseschüsseln zurückkehrte, die eine mit saurer Milch, die andre mit Brotbrocken in geschmolzener Butter gefüllt. Indem er beide Schüsseln vor Kân-mā-kân niedersetzte, sagte er zu ihm: »Erweise uns die Güte und iß von unserer Kost.« Da sich Kân-mā-kân jedoch weigerte, fragte ihn der Jüngling: »Mensch, was fehlt dir, daß du nicht essen willst?« Kân-mā-kân antwortete ihm: »Ein Gelübde verbietet es mir.« Da fragte ihn der Jüngling: »Was hat dich zu deinem Gelübde veranlaßt?« Kân-mā-kân sagte nun zu ihm: »Wisse, der König Sāsân hat mir in tyrannischer und feindlicher Weise das Reich entrissen, wiewohl dieses Reich vor mir meinem Vater und meinem Großvater gehörte. Nach dem Tode meines Vaters hat er es mit Gewalt an sich gerissen, ohne sich wegen meiner Minderjährigkeit an mich zu kehren. Da gelobte ich, von keines Menschen Speise zu essen, bis ich mein Herz an meinem Widersacher geheilt hatte.« Da entgegnete ihm der Jüngling: »Freue dich, Gott hat bereits dein Gelöbnis erfüllt, denn, wisse, er ist hier in einem Hause gefangen gesetzt, und ich glaube, daß er bald sterben wird.« Als ihn nun Kân-mā-kân fragte, in welchem Hause er eingekerkert wäre, sagte er: »In jenem hohen Kuppelbau.« Da schaute Kân-mā-kân nach jener Richtung hin und sah einen hohen Pavillon, in welchen das Volk eindrang, und den König Sāsân ins Gesicht schlug, während er Todesängste hinunterwürgte. Infolgedessen stand er auf und begab sich zu dem Pavillon, um in Augenschein zu nehmen, was in ihm vorginge; alsdann kehrte er wieder zu seinem Ort zurück, setzte sich zum Essen nieder und aß eine Kleinigkeit, worauf er den Rest des Fleisches in seinen Proviantbeutel steckte. Dann setzte er sich nieder und blieb an seinem Platze sitzen, bis die Nacht hereinbrach und sein Gastgeber, der junge Mann, schlief. Hierauf erhob er sich und ging zu dem Pavillon, in welchem der König Sāsân eingeschlossen 169 war. Rings um denselben waren aber Hunde, die ihn bewachten; wie nun einer der Hunde ihn anfiel, warf er ihm ein Stück Fleisch von dem Fleisch, das er in seinen Sack gesteckt hatte, zu, und warf in dieser Weise einem Hund nach dem andern Fleisch zu, bis er in den Pavillon gelangt und bei dem König Sāsân angekommen war. Hier legte er die Hand auf sein Haupt, so daß der König mit lauter Stimme fragte: »Wer bist du?« Er antwortete: »Ich bin Kân-mā-kân, dem du nach dem Leben trachtest; nun hat Gott dich um deiner bösen Anschläge willen zu Fall gebracht. Genügte es dir nicht, daß du mein Reich und das Reich meines Vaters und Großvaters raubtest, daß du mir auch noch nach dem Leben trachten mußtest?« Da beteuerte ihm der König Sāsân unter falschen Eiden, daß er ihm nicht nach dem Leben getrachtet hätte, und daß das unwahre Worte wären, so daß Kân-mā-kân ihm verzieh und zu ihm sagte: »Folge mir.« Der König Sāsân entgegnete jedoch: »Ich bin so schwach, daß ich keinen einzigen Schritt thun kann.« Kân-mā-kân versetzte darauf: »Wenn die Sache so steht, so wollen wir zwei Pferde nehmen und beide aufs offne Feld hinausreiten.« Alsdann that er, wie er es gesagt hatte, setzte sich mit dem König Sāsân in den Sattel und ritt mit ihm bis zum Morgen. Nachdem sie dann das Morgengebet verrichtet hatten, ritten sie weiter und hielten nicht eher an als bis sie zu einem Garten gelangten, wo sie sich zum Plaudern niederließen. Hier trat nun Kân-mā-kân an den König Sāsân heran und fragte ihn: »Hegst du noch in deinem Herzen wegen irgend einer Sache Widerwillen gegen mich?« Der König Sāsân antwortete: »Bei Gott, nein.« Hierauf kamen sie beide überein, wieder nach Bagdad zurückzukehren. Da sagte der Beduine Sabbâh: »Ich will euch vorauseilen und dem Volk die frohe Botschaft melden.« Dann lief er ihnen voraus und verkündete den Weibern und Männern die Freudenbotschaft, und das Volk zog mit Tamburins und Pfeifen zu ihm hinaus. Aber auch Kudia-fakân zog ihm entgegen vor 170 die Stadt, gleich dem in tiefer Finsternis leuchtend erstrahlenden Vollmond, und, da Kân-mā-kân mit ihr zusammentraf, neigte sich Seele zu Seele und verlangte Leib nach Leib. Das Volk jener Zeit aber wußte von nichts anderem als von Kân-mā-kân zu reden, und die Ritter bezeugten, daß er der tapferste Held seiner Zeit wäre, und sprachen: »Es ist nicht recht, daß irgend ein anderer als Kân-mā-kân über uns herrscht, und muß das Reich seines Großvaters wie ehedem wieder sein werden.«

Was nun aber den König Sāsân anlangt, so begab sich derselbe zu Nushet es-Samân, welche zu ihm sagte: »Ich sehe, daß die Leute über nichts anderes als Kân-mā-kân reden und ihn so sehr verherrlichen, daß die Zunge es gar nicht zu beschreiben imstande ist.« Der König Sāsân antwortete ihr darauf: »Gehört und geschaut ist ein Unterschied; ich hab' ihn gesehen und keine von den Vollkommenheiten an ihm wahrgenommen. Nicht alles auch, was man hört, wird gesagt, die Leute aber äffen einer dem andern nach in ihren Ruhmeserhebungen und in der Liebe zu ihm, und Gott läßt sein Lob über die Zungen der Leute laufen, daß sich die Herzen des Volkes von Bagdad ihm zuneigen, wie auch der Wesir Dendân, der Treulose, der Verräter, Truppen aus den andern Provinzen um sich geschart hat und nun selber zum Herrn über das Land eine wertlose Waise einsetzen will.« Da fragte ihn Nushet es-Samân: »Wozu hast du dich entschlossen?« Er antwortete: »Ich habe mich entschlossen ihn zu ermorden und so des Wesirs Dendân Plan zu vereiteln und ihn wieder zum Unterthangehorsam zu zwingen, wenn er sieht, daß ihm nichts anderes als mein Dienst übrig bleibt.« Nushet es-Samân erwiderte jedoch: »Verrat ist sogar an Fremden schimpflich, um wieviel mehr am eigenen Fleisch und Blut; richtig wäre es, du verheiratetest ihn mit deiner Tochter Kudia-fakân.«

Als der König Sāsân diese Worte von ihr vernahm, erhob er sich erzürnt von ihrer Seite und sagte: »Wüßte 171 ich nicht, daß du scherzest, ich langte dir dein Haupt mit dem Schwerte herunter und ließe dich deine Seele aushauchen.« Da entgegnete Nushet es-Samân: »Wenn ich mit dir nur scherze, warum erbosest du dich denn so über mich?« Dann sprang sie auf ihn zu, küßte ihm Haupt und Hände und sagte zu ihm: »Was du ersiehst, ist das rechte, und du und ich, wir wollen nun beide einen Weg ausfindig machen, wie wir ihn umbringen können.« Als er diese Worte von ihr vernahm, freute er sich und sagte zu ihr: »Suche eilends Mittel und Wege und tröste meinen Kummer, denn die Pforte der Mittel und Wege ist für mich zu eng.« Nushet es-Samân entgegnete: »Ich werde gewiß ein Mittel zu seinem Tod ausfindig machen.« »Und in welcher Weise?« fragte er. Sie antwortete: »Mit Hilfe unserer Sklavin Bākûn, die allerlei Listen kennt.« Diese Sklavin war aber eine der nichtsnutzigsten alten Vetteln, in deren Religion es Sünde war ohne Ruchlosigkeit zu sein; dieselbe hatte Kân-mā-kân und Kudia-fakân aufgezogen, und Kân-mā-kân hegte so herzliche Zuneigung zu ihr, daß er ihr zu Füßen zu schlafen pflegte.

Als nun der König Sāsân diese Worte von seiner Gattin vernahm, sagte er zu ihr: »Dieser Rat ist der richtige.« Dann ließ er die Sklavin Bākûn vor sich kommen, erzählte ihr das Vorgefallene und befahl ihr, indem er ihr alles Schöne verhieß, Kân-mā-kâns Tod zu bewerkstelligen. Die Sklavin antwortete ihm darauf: »Deinem Befehl wird gehorcht werden, doch wünschte ich, mein Gebieter, du gäbest mir einen in Todeswasser getauchten Dolch, daß ich dir seinen Untergang beschleunigen kann.« Der König Sāsân erwiderte: »Du bist willkommen,« und brachte ihr einen Dolch, der fast dem Verhängnis selber zuvorgekommen wäre.

Nun hatte aber diese Sklavin allerlei Geschichten und Lieder gehört und merkwürdige Ereignisse und Erzählungen auswendig gelernt. Als sie den Dolch genommen hatte, ging sie, in Nachdenken darüber versunken, wie sie ihn beseitigen 172 könnte, aus dem Hause und begab sich zu Kân-mā-kân, der gerade die Zusage zu einem Stelldichein von der Herrin Kudia-fakân erwartete und in jener Nacht in seinen Gedanken bei seiner Base weilte, so daß die Flammen der Liebe in seinem Herzen lichterloh brannten. Wie er nun so dasaß, trat mit einem Male die Sklavin Bākûn bei ihm ein und sagte: »Nun ist die Zeit der Vereinigung gekommen, und die Tage der Trennung haben aufgehört.« Als er diese Worte vernahm, fragte er sie: »Wie steht's mit Kudia-fakân?« Bākûn antwortete ihm: »Wisse, die Liebe nach dir läßt ihr keine Ruhe.« Da stand Kân-mā-kân auf, legte seine Oberkleider ab und schenkte sie ihr, indem er ihr dabei alles Schöne verhieß. Darauf sagte sie zu ihm: »Wisse, ich will bei dir die Nacht über schlafen und dir etwas, was ich gehört habe, erzählen und dich mit Geschichten von Liebenden, die in den Fesseln der Leidenschaft erkrankt sind, trösten.« Da sagte Kân-mā-kân zu ihr: »Erzähle mir eine Geschichte, welche mein Herz erfreut und meinen Kummer hebt,« und Bākûn entgegnete: »Freut mich und ehrt mich.« Dann setzte sie sich, den Dolch in ihren Kleidern verborgen haltend, an seine Seite und begann: »Wisse, das Süßeste, das je meine Ohren vernahmen, lautet also: »Es lebte einmal ein Mann, der die Schönen liebte und sein Geld an sie verschwendete, so daß er verarmte und schließlich nichts mehr besaß. Da ward ihm die Welt eng und er wanderte von nun an durch die Bazare, um sich sein täglich Brot zu erbetteln. Während er wieder einmal so seines Weges wanderte, stieß er sich einen Nagel in den Finger, daß das Blut floß. Nachdem er sich das Blut abgewischt und den Finger verbunden hatte, ging er laut schreiend weiter, bis er zu einem Warmbad kam, woselbst er hineinging und die Kleider ablegte. Da er aber sah, daß das Bad sauber war, setzte er sich auf das Becken des Springbrunnens und ließ das Wasser in einem fort auf seinen Kopf laufen, bis er müde wurde. 173


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