Unbekannte Autoren
Tausend und eine Nacht. Band IV
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Hundertundsiebente Nacht.

»Wisse, Glückseliger König, mir kam die Geschichte eines Liebespaares zu Ohren, und ich vernahm von ihren Gesprächen und Erlebnissen so schöne, wunderbare und merkwürdige Sachen, die wohl die Trauer aus dem Herzen bannen und selbst einem Herzeleid, wie es Jakob hatte, Trost bringen können. Es ist die Geschichte von

Tâdsch el-Mulûk und der Herrin Dunjā.

In alten Zeiten stand einmal eine Stadt hinter den Bergen von Isfahân, die grüne Stadt geheißen, in welcher ein König, Namens Suleimân Schah, residierte, ein freigebiger und gütiger Herr, der seinen Unterthanen Gerechtigkeit und Schutz angedeihen ließ und großmütig und huldreich war, 31 so daß von allen Orten die Reisenden zu ihm strömten, und sein Ruhm sich nach allen Himmelsrichtungen und über alle Länder verbreitete. Eine geraume Zeit hatte er bereits in seinem Königreiche in Ruhm und Sicherheit geherrscht, von einem in Freigebigkeit und andern edeln Eigenschaften mit ihm wetteifernden Wesir unterstützt, doch ohne Weib und Kind, da begab es sich eines Tages, daß er zu seinem Wesir schickte und ihn vor sich kommen ließ. Als derselbe vor ihm erschienen war, sagte er zu ihm: »Mein Wesir, meine Brust ist beklommen, und meine Geduld zu Ende; ich kann es nicht mehr ertragen, ohne Weib und Kinder zu leben, da solches nicht der Könige Weise ist, die über Emire und Bettler gebieten; vielmehr haben sie ihre Freude daran Kinder zu hinterlassen und durch sie vermehrt zu werden. Hat doch auch der Prophet – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – gesagt: Vermählt euch und vermehrt euch, denn, siehe, am Tage der Auferstehung will ich mich eurer rühmen vor den andern Völkern. Was für einen Rat hast du mir nun zu geben, Wesir? Weise mir, was am besten zu thun ist.« Als der Wesir diese Worte vernommen hatte, rannen ihm die Thränen in Strömen aus den Augen, und er sprach: »Das sei ferne von mir, o König der Zeit, daß ich dir meinen Rat in einer Sache erteile, welche sich der Barmherzige selber vorbehalten hat. Wünschest du etwa, daß ich durch den Zorn des gewaltigen Königs ins höllische Feuer fahre?« Da sagte der König zu ihm: »Wisse, Wesir, wenn sich ein König eine Sklavin kauft, von welcher ihm weder Adel noch Herkunft bekannt ist, so weiß er nicht, ob sie von niederer Abstammung ist, daß er sich von ihr fern hält, ebensowenig aber, ob sie von adeliger Geburt ist, daß er sie zu seiner Beischläferin macht. Hat er ihr dann beigewohnt und ist sie von ihm schwanger geworden, so kann ihr Sohn leichtlich ein Heuchler, ein Tyrann oder ein Bluthund werden, und sie dadurch einem salzigen Sumpfland gleichen, welches trotz guter Saat schlechtes Gras hervorbringt. Und dann wird 32 sich ihr Sohn dem Zorn seines Herrn widersetzen und weder seinem Gebot noch seinem Verbot Folge leisten. Ich will aber hierzu durch den Kauf einer Sklavin niemals die Veranlassung sein und wünsche daher, daß du um eine der Königstöchter für mich wirbst, deren Stammbaum bekannt und deren Anmut hochgepriesen ist. Kannst du mir daher eine moslemische Königstochter von Adel und Glauben nennen, so will ich mich um sie bewerben und sie unter Anwesenheit von Zeugen zum Weib nehmen, daß ich hierdurch das Wohlgefallen des Herrn der Gläubigen gewinne.«

Der Wesir entgegnete ihm hierauf: »Gott hat dein Verlangen erhört und deinen Wunsch erfüllt.« Da fragte ihn der König: »Wieso?« Der Wesir antwortete: »Wisse, o König, ich vernahm, daß der König Sahr Schâh, der Herrscher des weißen Landes, eine Tochter von wunderbarem Liebreiz hat, die keine Worte beschreiben können, und welcher in dieser Zeit keine gleicht, da sie die höchste Vollkommenheit besitzt und im schönsten Ebenmaß gewachsen ist. Ihre Augen sind schwarz, ihr Haar wallt lang herab, ihre Taille ist schlank, und ihr Gesäß schwer; kommt sie heran, so verführt sie, wendet sie den Rücken, so tötet sie, Herz und Auge mit sich nehmend, wie der Dichter von ihr sagt:

Mit ihrem schlanken Wuchs beschämt sie das Reis des Bân,
Und Sonne und Mond verblassen vor ihres Gesichtes Glanz.
Ihr Speichel ist süß wie Honig vermischt mit des Weines Glut,
Und über die Lippen schimmern die Zähne wie Perlenreihn.
Einer Huri aus Eden gleicht sie in ihrer zarten Gestalt,
Hold strahlt ihr Antlitz, doch blitzt das Verderben aus ihrem Aug'.
Wie viele schon traf ihres Auges finsterer Blick zu Tod!
Und auf dem Weg ihrer Liebe lauert Furcht und Gefahr.
Bleib' ich am Leben, so ist sie mein Tod, drum schweig' ich von ihr:
Doch sterb' ich von ihr getrennt, so war mein Leben umsonst.«

Nachdem der Wesir dem König Suleimân Schâh in dieser Weise das Mädchen geschildert hatte, fügte er hinzu: »Mein Rat, o König, geht nun dahin, daß du einen verständigen, in den Geschäften erfahrenen und in allen 33 Schicksalswechselfällen erprobten Gesandten zu ihrem Vater schickst, der bei ihm für dich mit höflichen Worten den Brautwerber macht. Denn ihresgleichen giebt's weder nah noch fern auf Erden, und du erfreust dich in dieser Weise ihres schönen Angesichts und erwirbst dir das Wohlgefallen des Herrn der Herrlichkeit. Wird doch auch von dem Propheten – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – der Ausspruch überliefert: Im Islam giebt's keine Möncherei.«

Nach diesen Worten des Wesirs kehrte aller Freuden Fülle wieder in den König ein; seine Brust dehnte sich weit und froh, Sorge und Kummer wich von ihm, und er redete den Wesir an und sagte zu ihm: »Wisse, mein Wesir, zu diesem Geschäft soll sich kein anderer als du aufmachen, da du die beste Einsicht und das feinste Wesen hast. Mach' dich also nach deiner Wohnung auf, erledige deine Geschäfte, mach' dich zu morgen fertig, bewirb dich für mich um diese Tochter, mit der du mein Herz in Unruhe versetzt hast, und kehre nur mit ihr wieder zu mir zurück.« Der Wesir antwortete: »Ich höre und gehorche;« dann begab er sich in seine Wohnung, erließ Befehle die Geschenke, so wie sie sich für Könige geziemen, herbeizuschaffen, kostbare Edelsteine, wertvolle Schätze und andere dergleichen Sachen leicht an Gewicht und hoch im Wert, ferner arabische Pferde, Davidische Panzer und Geldkisten, dergleichen die Zunge zu beschreiben nicht imstande ist. Nachdem sie dieselben dann auf die Maultiere und Kamele geladen hatten, brach der Wesir mit hundert Mamluken, hundert schwarzen Sklaven und hundert Sklavinnen auf, während die Banner und Fahnen über seinem Haupte entrollt wurden, und der König ihm einschärfte binnen kurzer Zeit wieder heimzukehren. Nach seiner Abreise aber saß der König Suleimân Schâh auf Bratpfannen, indem ihn die Liebe Nacht und Tag verzehrte, während welcher Zeit der Wesir Tag und Nacht reiste und Steppen und Wüsten durchmaß, bis zwischen ihm und der Stadt seines Reisezieles nur noch eine Tagesreise lag. Da schlug er an dem Ufer eines 34 Flusses sein Lager auf und ließ einen der Vornehmen aus seinem Gefolge rufen, dem er den Auftrag gab zum König Sahr Schâh eilig vorauszureiten und ihm seine bevorstehende Ankunft zu vermelden. Derselbe antwortete: »Ich höre und gehorche,« und machte sich eilig nach jener Stadt auf. Es traf sich aber gerade, daß der König Sahr Schâh zu derselben Stunde, als er sich der Stadt nahte, in einem seiner Lustgärten vor dem Stadtthor saß. Sobald er den Boten erblickte, der grade in die Stadt reiten wollte. erkannte er, daß es ein Fremder war, und befahl deshalb ihn vorzuführen. Als nun der Bote vor ihm erschienen war und ihn von der bevorstehenden Ankunft des Wesirs des Großkönigs Suleimân Schâh, des Herrn des grünen Landes und der Berge von Isfahân, benachrichtigte, hieß der König Sahr Schâh, hierüber erfreut, den Boten willkommen, nahm ihn mit sich ins Schloß und fragte ihn: »Wo hast du den Wesir verlassen?« Er antwortete: »Ich verließ ihn bei Tagesanbruch am Ufer des und des Flusses, und morgen wird er selber erscheinen und bei dir eintreffen. Gott begnade dich dauernd mit seiner Huld und erbarme sich deiner Eltern!«

Nun befahl der König Sahr Schâh einem seiner Wesire mit dem größten Teil seiner Granden, der Kämmerlinge, Statthalter und Höflinge den Wesir einzuholen, um dadurch dem König Suleimân Schâh seinen Respekt zu beweisen, da seine Macht weit durchs Land ging. Der Wesir war aber bis Mitternacht an jenem Ort geblieben und war dann zur Weiterreise nach der Stadt aufgebrochen. Wie nun der Morgen anbrach und die Sonne über die Hügel stieg und auf die Gründe schaute, sah er mit einem Male den Wesir des Königs Sahr Schâh mit seinen Kämmerlingen, Höflingen und den Granden des Reiches auf sich zukommen und sich mit ihm einige Parasangen vor der Stadt vereinigen, woraus er auf den guten Ausgang seines Anliegens schloß. Nachdem er den Ankommenden den Salâm entboten hatte, zogen dieselben ohne Aufenthalt vor ihm her, bis sie zum 35 königlichen Schloß angelangt waren und vor ihm durch das Schloßthor bis zur siebenten Vorhalle ritten, durch welche niemand zu Pferd hindurch durfte, da der König sich nahe bei ihr aufhielt. Hier stieg nun der Wesir ab und eilte zu Fuß weiter, bis er zu einer hohen Säulenhalle kam, in welcher ihm gegenüber ein marmorner mit Perlen und Edelsteinen besetzter, auf vier elfenbeinernen Füßen ruhender Thronsitz stand, auf dem ein mit rotem Gold gesticktes Polster aus grünem Satin lag, überschattet von einem mit Perlen und Edelsteinen besetzten Baldachin, unter welchem der König Sahr Schâh thronte, während die Großen seines Reiches vor ihm, ihres Amtes wartend, standen. Sobald der Wesir bei dem König eingetreten war und vor ihm stand festigte er sein Herz und ließ seine Zunge in der Beredsamkeit der Wesire und mit den Worten der Redekundigen los, indem er den König mit einer Reihe höflicher Verse begrüßte.

Hundertundachte Nacht.

Als er dieselben beendet hatte, hieß ihn der König Sahr Schâh näher zu treten, bezeugte ihm die höchsten Ehren, und lud ihn ein an seiner Seite Platz zu nehmen; dann lächelte er ihm ins Gesicht und beehrte ihn mit einer freundlichen Antwort. Nachdem sie in dieser Weise die Zeit bis zum Morgen verbracht hatten, brachten die Sklaven den Tisch in den Saal, und sie speisten alle zusammen, bis sie genug hatten, worauf die Sklaven den Tisch wieder forttrugen, und alle mit Ausnahme der vornehmsten Höflinge den Saal verließen. Als der Wesir nun den Raum leer sah, erhob er sich, pries den König und sprach zu ihm, nachdem er die Erde vor ihm geküßt hatte: »Großer König und erlauchter Herr, siehe, ich eilte in einer für dich förderlichen, guten und glückbringenden Angelegenheit zu dir; ich bin als Gesandter und Brautwerber gekommen, daß ich um deine edle und hochgeborene Tochter bei dir für den König Suleimân Schâh anhalte, den gerechten, schutzgewährenden, huldvollen und 36 gütigen Herrscher, den König des grünen Landes und der Berge von Isfahân, welcher dir reiche Geschenke und Kostbarkeiten in Menge schickt und sich mit dir verschwägern möchte. Steht dein Wunsch nach gleichem?« Alsdann schwieg er und wartete auf Antwort. Als aber der König Sahr Schâh seine Rede vernommen hatte, sprang er auf und küßte ehrfurchtsvoll die Erde, so daß sich die Anwesenden über die Unterwürfigkeit des Königs vor dem Wesir verwunderten und erstaunten. Hierauf pries der König den Herrn der Herrlichkeit und Ehren und sprach, immer noch stehend: »Erhabener Wesir und geehrter Herr, vernimm, was ich zu dir sage: Siehe, wir gehören zu den Unterthanen des Königs Suleimân Schâh, wir fühlen uns durch die Verwandtschaft mit ihm geehrt und verlangen nach ihr, meine Tochter ist eine seiner Sklavinnen, und ist dieses meiner Wünsche höchstes Ziel, daß er mir sowohl zu einem Schatz als zu einer Stütze gereicht.« Nach diesen Worten ließ er die Richter und Zeugen rufen, und sie bezeugten, daß der König Suleimân Schâh seinen Wesir als Heiratsbevollmächtigten geschickt hätte, worauf der König Sahr Schâh fröhlich den Ehekontrakt seiner Tochter ausfertigte, und die Kadis ihn rechtskräftig machten und auf beide Glück und Gedeihen erflehten. Alsdann erhob sich der Wesir, holte die Geschenke, die Kostbarkeiten und sonstigen Gaben, die er mitgebracht hatte, herbei und präsentierte alles dem König Sahr Schâh. Hierauf begann der König seine Tochter auszurüsten, während er zugleich den Wesir mit Ehren überhäufte und für Hoch und Gering festliche Gelage anrichtete und in solcher Weise zwei Monate lang alles, was das Herz und Auge erfreuen konnte, herbeischaffen ließ. Sobald jedoch alles, dessen die Braut bedurfte, hergerüstet war, befahl der König die Zelte vor die Stadt zu schaffen und daselbst aufzuschlagen; darauf packten sie die Stoffe in die Kisten, rüsteten die griechischen und türkischen Sklavinnen aus und versahen die Braut mit kostbaren Schätzen und wertvollen Edelsteinen. Alsdann ließ 37 der König ihr eine goldene mit Perlen und Edelsteinen besetzte Sänfte machen und bestimmte für sie zehn Maultiere für die Reise; die Sänfte war aber so geräumig wie ein Gemach, die Herrin derselben schön wie eine Huri, und ihre Behausung innen prächtig wie ein Schloß im Paradiese. Weiter wurden dann die Schätze und all das Gut in Ballen gepackt und auf die Maultiere und Kamele verladen, und nun brachen sie auf, von dem König Sahr Schâh drei Parasangen weit geleitet, worauf er sich von seiner Tochter und dem Wesir und seinem Gefolge verabschiedete und fröhlich und guter Dinge heimzog. Der Wesir aber reiste mit der Tochter des Königs ohne Aufenthalt von Station zu Station und durchschnitt die Wüsten –

Hundertundneunte Nacht.

in schnellem Trab bei Nacht und Tag, bis zwischen ihm und seiner Stadt nur noch drei Tagesreisen lagen. Dann schickte er zu dem König Suleimân Schâh einen Boten mit der Meldung von der Ankunft der Braut, und der Bote beeilte sich mit seinem Auftrage und vermeldete ihn dem König Suleimân Schâh, worauf dieser ihm erfreut ein Ehrenkleid anlegte und seinen Truppen befahl in prächtigem Zuge die Braut und ihr Geleit ehrenvoll einzuholen, sich selber in Gala zu werfen und die Banner über ihren Häuptern zu entrollen. Nachdem sie den Befehlen des Königs nachgekommen waren, rief dann ein Herold aus, daß kein im Harem verschleiertes Mädchen, keine edelgeborene Dame und keine schwache Greisin zurückbleiben solle, sondern sollten alle zum Empfang der Braut hinausziehen. So zogen denn alle ihr entgegen, und die Vornehmen unter ihnen eilten sie zu bedienen und kamen überein mit der Braut des Nachts ins königliche Schloß einzuziehen. Die Großen des Reiches aber beschlossen den Weg festlich zu schmücken und sich aufzustellen, bis die Braut an ihnen mit den Eunuchen voran und den Sklavinnen hinterdrein und mit dem Ehrenkleid, das sie 38 von ihrem Vater zum Geschenk erhalten hatte, geschmückt, vorübergezogen wäre. Als sie nun herangezogen kam, geleiteten sie die Truppen zur Rechten und Linken, und die Sänfte bewegte sich vorwärts bis nahe ans königliche Schloß, während alles Volk draußen stand und sich an dem Schauspiel belustigte, die Tamburins rasselten, die Lanzen glitzerten, die Trompeten schmetterten, die Wohlgerüche sich ausbreiteten, die Banner wimpelten und die Pferde sich um die Wette vorwärts drängten, bis sie das Schloßthor erreicht hatten, und die Pagen mit der Sänfte zur Haremsthür schritten, wobei das ganze Gebäude durch ihren Glanz erleuchtet wurde, und die Wände von ihrem prächtigen Schmuck widerstrahlten.

Als nun die Nacht gekommen war, öffneten die Eunuchen die Thüren ihres Gemachs und stellten sich am Portal auf, bis die Braut inmitten ihrer Sklavinnen wie der Mond zwischen den Sternen oder wie die Hauptperle an einer Perlenschnur eintrat und ihre Kammer betrat, woselbst sie ihr ein marmornes, mit Perlen und Edelsteinen besetztes Ruhebett aufgestellt hatten. Nachdem sie sich darauf gesetzt hatte, erschien dann der König bei ihr, und Gott erfüllte sein Herz mit Liebe zu ihr, so daß er ihr die Mädchenschaft nahm, und daß all seines Herzens Unruhe und Qual von hinnen wich.

So blieb er etwa einen Monat lang bei ihr; sie war jedoch gleich in der ersten Nacht von ihm schwanger geworden. Nach Ablauf des Monats verließ er sie wieder und setzte sich auf den Thron seines Königreiches, wo er seinen Unterthanen in Gerechtigkeit Recht sprach, bis ihre Monate vollendet waren, und sie in der letzten Nacht des neunten Monats beim ersten Morgengrauen von den Wehen befallen wurde. Da setzte sie sich auf den Wehenstuhl, Gott aber machte ihr das Gebären leicht, und sie brachte ein Knäblein zur Welt, das die Zeichen des Glückes sichtbarlich zur Schau trug. Als der König von der Geburt eines Sohnes vernahm, schenkte er in seligster Freude dem Bringer der frohen Botschaft einen Haufen Geld, besuchte dann das Knäblein, 39 küßte es zwischen die Augen und verwunderte sich über seine strahlende Schönheit. Das Wort des Dichters schien sich an ihm zu erfüllen, das da lautet:

In die ragenden Burgen hat Gott ihn als Löwen gesetzt,
In die Himmel der Herrschaft als leuchtenden Stern.
Bei seinem Aufgang da jauchzten der Speer und der Thron,
Die Gazelle, der Rat und das Kriegsvolk zumal.D. h. er wird ein großer Fürst, Kriegsmann und Jäger werden.
An die Brüste nicht legt ihn, sein Auge hat bald sich erkürt
Den Rücken der Rosse als weicheren Sitz.
Und säugt ihn nicht weiter, sein Auge hat bald sich erkürt
Das Blut seiner Feinde als süßeren Trank.

Nachdem ihn alsdann die Ammen an sich genommen, ihm die Nabelschnur abgeschnitten und die Augen mit Antimon bestrichen hatten, bekam er den Namen Tâdsch el-MulûkDie Krone der Könige. Chārân. An den Brüsten zärtlicher Nachsicht ward er gesäugt und im Schoße des Glücks erzogen, und die Tage verstrichen und Jahre auf Jahre entwichen, bis er sieben Jahre zählte. Da ließ der König Suleimân Schâh die Ulemā und die Hakîme zu sich entbieten und befahl ihnen seinen Sohn im Schreiben, in den Wissenschaften und der Litteratur zu unterrichten. Einige Jahre lang verfuhren sie nun mit ihm in dieser Weise, bis er das Erforderliche gelernt hatte und alles wußte, was der König verlangt hatte. Dann aber ließ er ihn von den Korangelehrten und Lehrern zu sich kommen und übergab ihn einem Lehrmeister der edlen Reitkunst, der ihn bis zum vierzehnten Jahr unterrichtete, bis er so schön geworden war, daß er, so oft er zu irgend einem Geschäft den Palast verließ, alle, die ihn erblickten, bezauberte, –

Hundertundzehnte Nacht.

und daß alle Lieder auf ihn dichteten, und die züchtigen Frauen von seiner strahlenden Schönheit in Liebe erglühten, wie der Dichter von ihm sagt: 40

Ich umarmte ihn und ward trunken von seinem Duft,
Das zarte Reis, das der Zephyr genährt!
Nicht trunken wie einer, der sich am Wein bezecht,
Nein trunken vom Wein seines Speichels, den ich gepreßt.
Die lichteste Schönheit leuchtet aus seinem Bild,
Daß er aller Herzen Bezwinger ward.
Bei Gott, so lang in des Lebens Fesseln ich wohne,
Wird nimmer mein Herz von ihm sich befrein.
Wenn ich lebe, leb' ich allein in der Liebe zu ihm,
Und sterb' ich in Liebesglut und Verlangen, o welch Glück!

Als er dann sein achtzehntes Lebensjahr erreicht hatte, sproßte ihm der helle Flaum auf einem Mal seiner roten Wange, während ein anderes Mal ihn wie ein Ambratüpfelchen schmückte, so daß er Verstand und Auge bethörte, wie der Dichter von ihm sagt:

Chalife der Schönheit ist er an Josephs Statt,
Und jeder Bewerber verzagt bei seinem Erscheinen;
Verweile mit mir und schau ihn dir an,
Und sieh' auf seiner Wange das schwarze Chalifenpanier.

Oder wie ein anderer sagt:

Von allen Dingen erschaute dein Auge nichts schöneres je,
Als sein grünliches Mal auf der rötlichen Wange unter dem schwarzen Augapfel.

Oder wie ein dritter sagt:

Über das Mal deiner Wange, das Feuer anbetende, wundre ich mich,
Heidnisch ist sein Gottesdienst, und doch wird's nicht vom Feuer verbrannt.
Über dein Auge wundre ich mich, das wie ein Gottesgesandter
Wahrhafte Wunder wirkt, wiewohl es ein Zauberer ist.
Und wie frisch auch sproßt deiner Wange Jugendflaum,
Dank all der geplatzten Gallenblasen, die ihn tränkten!

Seine Reize nahmen noch zu, als er das Mannesalter erreicht hatte, und seine Gefährten und Freunde und alle seine Vertrauten hofften, daß er nach dem Tode seines Vaters Sultan werden würde und sie selber seine Emire. Er war aber ein leidenschaftlicher Jäger, so daß er es nicht eine Stunde ohne das Weidwerk aushalten konnte und sich nicht 41 um das Verbot seines Vaters, des Königs Suleimân Schâh, bekümmerte, der um seinetwillen wegen der Schrecken der Wüste und der wilden Tiere besorgt war. So traf es sich einmal, daß er zu seinen Dienern sagte: »Nehmt für zehn Tage Proviant mit,« worauf dieselben seinen Befehl vollzogen. Als er nun mit seinem Gefolge zur Jagd auszog, ritt er mit ihnen vier Tage lang tief in die Steppe hinein, bis sie zu einem grünen Gelände kamen, woselbst sie das Wild grasen sahen und Bäume mit reifenden Früchten und sprudelnde Quellen erblickten. Da sagte Tâdsch el-Mulûk zu seinem Gefolge: »Stellet hier die Stricke auf und spannet sie in weitem Kreise aus; an dem und dem Ort am Ende des Kreises wollen wir uns wieder sammeln.« Indem sie seinen Befehl vollzogen und die Stricke in weitem Kreis ausspannten, schlossen sie in denselben viele wilde Tiere mancherlei Art und Gazellen ein, bis die Tiere erschrocken vor ihnen brüllten und grade auf die Pferde los flüchteten. Da aber ließ er die Hunde, die Jagdluchse und Sakerfalken auf sie los, und sie schossen mit Pfeilen auf das Wild und trafen es an ihren tödlichen Stellen und gelangten nicht eher zur andern Seite des Kreises, als bis sie viel Wild erlegt hatten, und der Rest entflohen war. Hernach lagerte sich Tâdsch el-Mulûk am Wasser und ließ die Jagdbeute vor sich bringen; er verteilte dieselbe, doch suchte er für seinen Vater Suleimân Schâh das beste Stück aus und schickte es ihm, indem er zugleich einen andern Teil für seine Hofleute bestimmte. Dann verbrachte er die Nacht über an jenem Ort.

Am nächsten Morgen näherte sich ihnen eine große Karawane von Sklaven, Burschen und Kaufleuten und lagerte sich ebenfalls am Wasser auf dem grünen Anger. Als Tâdsch el-Mulûk sie erblickte, sagte er zu einem seiner Begleiter: »Bring' mir Bescheid, wer jene Leute dort sind und frag' sie, weshalb sie sich hier gelagert haben.« Wie nun der Bote zu ihnen kam und sie fragte: »Sagt mir, wer ihr seid und gebt mir geschwind Antwort,« sagten sie zu ihm: 42 »Wir sind Kaufleute und haben uns hier gelagert, um uns auszuruhen, und weil es noch weit zur nächsten Station ist. Wir haben uns aber auch deshalb hier niedergelassen, weil wir hier unter dem Schutz des Königs Suleimân Schâh und seines Sohnes stehen, und weil wir wissen, daß jeder, der in seinem Lande einkehrt, unter sicherm Schutz ist; daneben haben wir kostbare Stoffe für seinen Sohn Tâdsch el-Mulûk mitgebracht.« Wie nun der Bote zu dem Prinzen zurückkehrte und ihm den Sachverhalt mitteilte und die Worte der Kaufleute überbrachte, sagte derselbe: »Wenn sie etwas bei sich führen, das sie um meinetwillen hierhergebracht haben, so will ich nicht eher wieder die Stadt betreten und von hier aufbrechen, als bis ich es mir habe vorlegen lassen.« Alsdann setzte er sich aufs Pferd und ritt, von seinen Mamluken gefolgt, zur Karawane, woselbst die Kaufleute sich vor ihm erhoben und ihm Gottes Hilfe, Glück, dauernde Macht und Sieg erflehten. Zu gleicher Zeit wurde ihm ein Zelt aus rotem, mit Gold und Edelsteinen gesticktem Satin aufgeschlagen und ein Sultanssitz auf einem seidenen Teppich, dessen oberes Ende mit Smaragden besetzt war, zurecht gemacht. Als alles fertig war, setzte sich Tâdsch el-Mulûk, die Mamluken stellten sich dienend vor ihm auf, und nun schickte er zu den Kaufleuten und befahl ihnen alle ihre Waren ihm vorzulegen. Darauf brachten die Kaufleute ihre Waren an, und er besah sich alles, wählte sich aus, was für ihn paßte, und bezahlte ihnen den Preis dafür. Dann setzte er sich wieder aufs Pferd und wollte fortreiten, als er sich zufällig nach der Karawane umblickte und dort einen blühend schönen Jüngling in saubern Kleidern von eleganter Erscheinung mit weißer Stirn und leuchtendem Angesicht erblickte, dessen Schönheit jedoch verwelkt war, indem sein Antlitz wegen der Trennung von seinen Lieben eine gelbe Farbe bekommen hatte; –

Hundertundelfte Nacht.

daneben schluchzte er laut, die Thränen rannen ihm von den Lidern, und weinend sprach er die Verse: 43

»Lang währt die Trennung, und Sorge und Furcht weicht nicht von hinnen,
Und Thränen, o mein Freund, entströmen meinem Auge.
Am Trennungstage nahm ich Abschied von meinem Herzen,
Und nun bin ich einsam, ohne Herz und ohne Hoffen.
Bleib' stehen mit mir, mein Freund, bis ich von ihr Abschied nahm,
Deren Worte alle Krankheit und alle Schmerzen heilen.«

Nach diesem Lied weinte der Jüngling wieder eine Weile und sank dann in Ohnmacht, während Tâdsch el-Mulûk ihn beobachtete und sich über ihn verwunderte. Sobald er aber wieder zum Bewußtsein gekommen war, sprach er mit starrem und wildem Blick die folgenden Verse:

Seid auf der Hut vor ihrem Aug', denn ein Zauberer ist's,
Und niemand entrinnt, den seine Strahlen durchbohren.
Fürwahr, ein schwarzes Aug' mit träumerisch müdem Blick
Zerhaut die weiße Klinge des schärfsten Schwerts.
Und laßt euch nicht fangen von ihrer Worte schmelzendem Laut,
Der bald euer Hirn mit lodernder Glut entflammt.«

Darauf stöhnte er laut und sank von neuem in Ohnmacht, so daß Tâdsch el-Mulûk bestürzt auf ihn zuging, und der Jüngling bei seinem Erwachen aus der Ohnmacht den Prinzen vor sich stehen sah. Da sprang er auf die Füße und küßte die Erde vor ihm. Tâdsch el-Mulûk aber fragte ihn: »Weswegen hast du uns deine Waren nicht vorgelegt?« Der Jüngling antwortete: »Ach, mein Gebieter, unter meinen Waren ist nichts, was für deine Glückseligkeit Wert hätte.« Tâdsch el-Mulûk versetzte jedoch: »Thut nichts, du sollst mir trotzdem deine Waren vorlegen und mir über dich Auskunft geben, da ich dich mit Thränen im Auge und mit bekümmertem Herzen dasitzen sah. Ist dir Gewalt geschehen, so wollen wir das Unrecht, das dir geschehen ist, beseitigen, oder bist du verschuldet, so wollen wir deine Schuld bezahlen, denn mein Herz ist um deinetwillen entbrannt.« Hierauf befahl Tâdsch el-Mulûk einen Stuhl zu bringen, worauf sie einen mit Gold und Seide durchflochtenen Stuhl aus Elfenbein und Ebenholz für ihn hinstellten und ihm einen 44 seidenen Teppich hinbreiteten. Tâdsch el-Mulûk setzte sich auf den Stuhl und befahl dem Jüngling sich auf den Teppich zu setzen und seine Waren vorzulegen. Der Jüngling erklärte jedoch von neuem: »Ach, mein Gebieter, sprich nicht hiervon zu mir, meine Waren sind viel zu schlecht für dich.« Tâdsch el-Mulûk erklärte ihm jedoch: »Du mußt sie mir zeigen,« und befahl einigen seiner Pagen sie zu holen. Wider den Willen des Jünglings brachten sie dieselben, dem die Thränen bei ihrem Anblick von neuem flossen. Weinend, klagend und seufzend öffnete er seine Ballen und legte seine Waren, Stück für Stück und Schnitt für Schnitt Tâdsch el-Mulûk vor, bis er auch einen golddurchwirkten seidenen Stoff im Werte von zweitausend Dinaren hervorholte, aus welchem beim Auseinandernehmen ein Stück Leinwand herausfiel, welches der Jüngling schnell packte und unter seinen Schenkel schob, wobei er verstört die Verse vortrug:

Wann wirst du heilen das Herz, das gramzerplagte?
Ach der Plejaden Gestirn ist mir näher als du!
Geschieden, gemieden, in Sehnsucht und Qualen,
In stetem Vertrösten und Aufschub vergehn meine Tage.
Du kennst keine Gerechtigkeit und keine Barmherzigkeit,
Du hilfst mir nicht, und es giebt kein Entkommen von dir.
Die Liebe zu dir hat mir alle Pfade verengt,
Und nimmer weiß ich, wohin ich mich wenden soll.«

Tâdsch el-Mulûk war über diese Verse aufs äußerste verwundert, zumal da er keine Ursache hierfür wußte. Er fragte ihn in Betreff des Stückes Linnen, das er unter seinen Schenkel gelegt hatte, was dasselbe bedeutete, doch antwortete ihm der Jüngling: »Ach, mein Herr, das Stück Linnen hat für dich keinen Nutzen.« Wie nun der Prinz zu ihm sagte: »Laß es mich sehen,« antwortete er: »Ach, mein Gebieter, nur um seinetwillen habe ich dir meine Waren nicht zeigen wollen, ich kann es nicht ertragen, daß du es siehst.«

Hundertundzwölfte Nacht.

Tâdsch el-Mulûk bestand jedoch darauf; »du mußt es mir zeigen,« und drängte ihn zornig, so daß er das Stück 45 Linnen weinend, stöhnend und jammernd unter seinem Knie hervorzog. Da sagte Tâdsch el-Mulûk zu ihm: »Dein Benehmen ist nicht so wie es sein soll; sag' mir, warum du beim Anblick dieses Stückes Leinwand weinen mußt?« Als der Jüngling ihn das Stück Leinwand erwähnen hörte, seufzte er und sagte: »Mein Gebieter, meine Geschichte ist wunderbar und meine Beziehung zu diesem Stück Leinwand und dem Mädchen, die es besaß, und der, welche diese Figuren und Bilder hineinstickte, merkwürdig.« Darauf nahm er das Stück Leinwand auseinander, und siehe, da war eine Gazelle mit Gold und Seide darauf gestickt und ihr gegenüber eine andere Gazelle in Silberstickerei, welche um ihren Hals eine goldene Kette mit einem Schloß aus drei Chrysolithen trug. Als Tâdsch el-Mulûk das Stück Linnen mit seiner kunstvollen Arbeit sah, rief er: »Preis sei Gott, welcher den Menschen lehrte, was er zuvor nicht wußte!Sure 96, 5.« Da nun aber sein Herz auf die Geschichte des Jünglings brannte, sagte er zu ihm: »Erzähle mir dein Erlebnis mit der Herrin dieser Gazelle.«

Da erzählte der Jüngling:

 

Asîs und Asîse.

»Wisse, mein Herr, mein Vater war ein großer Kaufmann, der keinen andern Sohn als mich erhalten hatte. Doch hatte ich eine Base, welche mit mir in meinem Vaterhause erzogen wurde, da ihr Vater gestorben war, und er und mein Vater sich vor seinem Tode verpflichtet hatten mich mit ihr zu verheiraten. Als ich nun die Mannesreife erreicht hatte, und sie ebenfalls zur Jungfrau erblüht war, wurden wir trotzdem nicht voneinander abgeschlossen, und mein Vater sprach zu meiner Mutter: »In diesem Jahre wollen wir Asîsens Ehekontrakt mit Asîse ausfertigen.« Nachdem er dies mit meiner Mutter festgesetzt hatte, machte er sich daran die Bedürfnisse für die Festlichkeiten zu beschaffen, 46 während ich mit meiner Base, ohne daß wir etwas davon wußten, auf demselben Lager ruhte. Meine Base aber war klüger, verständiger und kenntnisreicher als ich. Als nun mein Vater alle Festvorkehrungen getroffen hatte, und nichts mehr als die Niederschrift des Ehekontrakts und mein Beilager mit meiner Base übrig geblieben war, setzte mein Vater die Niederschrift des Ehekontraktes auf den Abend nach dem Freitagsgebet fest und machte sich zu seinen Freunden unter den Kaufleuten und dergleichen Volk auf und teilte es ihnen mit, während meine Mutter zu ihren Freundinnen ging und dieselben nebst ihren Verwandten einlud. Als der Freitag kam, wuschen sie den Festsaal, scheuerten seinen marmornen Boden, breiteten im ganzen Hause Teppiche und richteten es mit allem zum Feste Erforderlichen ein, nachdem sie die Wände mit golddurchwirkten Stoffen behangen hatten, und alle Eingeladenen ihren Besuch nach dem Freitagsgebet zugesagt hatten. Hierauf war mein Vater fortgegangen und hatte Süßigkeiten und Platten mit Zuckersachen besorgt, so daß nichts mehr als die Aufsetzung des Ehekontraktes übrig blieb. Meine Mutter aber hatte mich ins Warmbad geschickt und mir einen neuen äußerst kostbaren, parfümierten Anzug nachgeschickt, den ich nach dem Bade anlegte, und der einen starken Duft um sich unterwegs verbreitete. Ich wollte jetzt zur großen Moschee gehen, doch fiel mir ein Freund ein, so daß ich seinetwillen wieder umkehrte, um ihn aufzusuchen und ihn zur Niederschrift des Ehekontraktes einzuladen, indem ich bei mir sprach: »Ich will die Sache bis zur Gebetszeit abmachen.« Hierbei kam ich in eine Gasse, die ich zuvor noch nicht betreten hatte; da ich aber von dem Bade und dem neuen Zeug, das ich am Leibe trug, schwitzte, und der Schweiß mir lief, während meine Sachen den Duft ausströmten, setzte ich mich am Eingang in die Gasse auf eine Bank nieder, um mich auszuruhen, wobei ich mir ein gesticktes Taschentuch, das ich bei mir hatte, unterlegte. Die Hitze wurde mir aber immer drückender, so daß mir die 47 Stirn schwitzte, und der Schweiß übers Gesicht lief, ohne daß ich mir den Schweiß mit dem Tuch vom Gesicht wischen konnte, da ich es unter mich gelegt hatte, und deshalb gerade nach dem Saum meines Überrockes langen wollte, um mir die Stirn abzutrocknen, als plötzlich ein weißes Tuch aus der Höhe auf mich fiel, das zarter als der Zephyr war und beseligender anzuschauen als die Genesung für den Kranken. Wie ich es nun mit der Hand auffing und den Kopf hob, um zu schauen, von woher es gefallen war, da traf mein Auge in das Auge der Herrin dieser Gazelle, –

Hundertunddreizehnte Nacht.

welche gerade aus einem messingnen Gitterfenster schaute und so schön war, wie mein Auge bisher noch kein Mädchen geschaut hatte, und die Zunge zu beschreiben nicht imstande ist. Als sie sah, daß ich zu ihr hinaufblickte, steckte sie einen Finger in den Mund, dann legte sie ihren Mittelfinger und Schwurfinger auf den Busen zwischen ihre Brüste, worauf sie den Kopf aus dem Fenster zog, das Fenster schloß und verschwand, während in meinem Herzen ein Feuer aufstieg, das immer heftiger entbrannte, und von dem einen Blick tausend Seufzer in mir wach wurden. Ich war ganz verwirrt, da ich keinen Laut von ihr gehört und auch ihre Zeichen nicht verstanden hatte, und blickte von neuem zum Fenster hinauf, doch fand ich es verschlossen. Bis zum Sonnenuntergang wartete ich so, ohne einen Laut zu hören oder jemand zu sehen, bis ich, alle Hoffnung sie noch einmal zu sehen aufgebend, mich erhob und das Tuch mit mir nahm. Beim Auseinandernehmen desselben strömte mir ein so angenehmer Moschusduft entgegen, daß ich in seligster Verzückung im Paradiese zu sein glaubte. Wie ich es nun vor mir ausbreitete, fiel ein feines Blatt heraus, welches mit süßen Wohlgerüchen parfümiert und mit folgenden Versen beschrieben war:

Ich schickte ihm einen Brief, in dem ich das Leid meiner Liebe ihm klagte,
Und ich hatte in zarter Schrift geschrieben, denn manch eine Schrift giebt's. 48
Da sagte mein Geliebter: Was ist deine Schrift doch so zart und fein?
Fast hätte ich die Zeichen nicht erkennen können.
Da sagte ich: Weil ich so mager und dünn ward.
Also sollt' aller Liebenden Schrift sein.

Nachdem ich das Blatt gelesen hatte, warf ich einen Blick auf das schöne Tuch und fand auf jeden seiner beiden Säume ebenfalls je zwei Verse niedergeschrieben, welche die Reize des Geliebten verherrlichten und in meinem Herzen eine Feuerflamme anzündeten und meine Sehnsucht und Kümmernis vermehrten. Dann nahm ich das Tuch und das Blatt und ging nach Hause, ohne irgend ein Mittel zu finden, wie ich zu ihr gelangen und in meiner Liebe vorwärts kommen könnte. Erst tief in der Nacht kehrte ich nach Hause, wo ich meine Base weinend dasitzen sah. Bei meinem Anblick wischte sie sich die Thränen ab; sie kam mir entgegen, fragte mich, indem sie mir die Sachen abnahm, nach der Ursache meines Ausbleibens und erzählte mir, daß alle die Emire, die Großen, die Kaufleute und andern Gäste sich in unserm Hause versammelt hätten, daß auch der Kadi und die Zeugen gekommen wären und gespeist hätten, und dann auf mich gewartet hätten, um den Ehekontrakt aufzusetzen, bis sie schließlich, an meinem Erscheinen verzweifelnd, auseinander und ihres Weges gegangen wären. Dann sagte sie zu mir: »Dein Vater ist hierüber sehr böse auf dich und hat geschworen den Ehekontrakt erst im nächsten Jahre zu schreiben, weil ihm das Fest eine bedeutende Summe gekostet hätte. Was aber,« so fragte sie mich, »ist dir heute zugestoßen, daß du bis jetzt ausbliebst, und daß alles dies deshalb geschehen ist?« Ich erwiderte ihr: »So und so ist's mir ergangen,« erwähnte das Tuch und erzählte ihr die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende. Darauf nahm sie das Blatt und das Tuch, und die Thränen liefen ihr über die Wangen, als sie die Verse auf beiden Sachen gelesen hatte. Dann fragte sie mich: »Was hat sie zu dir gesprochen und was hat sie dir durch Zeichen angedeutet?« Ich antwortete: »Sie hat nichts 49 gesprochen, sondern hat nur ihren Zeigefinger in den Mund gesteckt und dann den Zeigefinger zugleich mit dem Mittelfinger auf ihre Brust gelegt und nach unten gedeutet. Dann zog sie den Kopf wieder herein und verriegelte das Fenster, so daß ich sie nicht mehr sah; doch nahm sie mein Herz mit sich, und ich saß bis zum Sonnenuntergang da und wartete, ob sie nicht ein zweites Mal aus dem Fenster schauen würde. Sie aber that es nicht, und ich erhob mich, als ich daran verzweifelte sie noch einmal wiederzusehen, und ging von dort fort. Das ist meine Geschichte, doch wünschte ich, du ständest mir in meiner Not bei.«

Da erhob sie ihr Haupt zu mir und sagte: »O Sohn meines Oheims, wenn du mein Auge fordertest, ich würde es mir für dich aus den Lidern reißen. Ich will dir gewiß zu deinem Wunsch behilflich sein, ebenso wie ihr zu ihrem Wunsch, denn, siehe, sie ist ebenso in dich verliebt wie du in sie.« Darauf fragte ich sie: »Wie ist die Deutung der Zeichen, die sie zu mir machte?« Meine Base antwortete mir: »Indem daß sie den Finger in den Mund steckte, wollte sie dir andeuten, daß du ihr ebenso wert bist als ihr eigenes Leben in ihrem Leibe, und daß sie ungeduldig deine Umarmung verlangt. Das Tuch bedeutet den Gruß der Liebenden untereinander, das Blatt, daß ihre Seele an dich gekettet ist, und damit, daß sie die beiden Finger auf ihren Busen zwischen die Brüste legte, wollte sie dir sagen: Nach zwei Tagen komm' her, daß mein Leid durch dein Erscheinen getilgt wird. Wisse, Sohn meines Oheims, sie liebt dich und vertraut dir, und dieses ist die Deutung ihrer Zeichen, die ich dir zu geben weiß. Dürfte ich frei aus- und eingehen, ich würde euch beide sicherlich in der kürzesten Frist zusammenbringen und euch mit meinem Saum beschützen.«

Als ich dies von ihr vernahm, dankte ich ihr für ihre Worte und sprach bei mir: »Ich will zwei Tage warten.« Dann saß ich zwei Tage zu Hause, ohne aus- und einzugehen, und ohne Speise und Trank, und ließ mein Haupt 50 im Schoß meiner Base ruhen, während sie mich zu trösten suchte und zu mir sagte: »Stärke deinen Willen, sei wohlgemut und guter Dinge und kühlen Auges, –

Hundertundvierzehnte Nacht.

zieh deine Sachen an und geh' zu ihr zum Stelldichein.« Darauf stand sie auf, zog mir andere Sachen an und parfümierte mich, ich aber nahm meine Kraft zusammen, stärkte mein Herz, schritt hinaus und wanderte durch die Straßen, bis ich in jene Gasse kam und mich dort auf die Bank niederließ. Nach einer Weile öffnete sich mit einem Male das Fenster, und ich schaute zu ihr hinauf, doch sank ich, sobald ich sie sah, in Ohnmacht. Nachdem ich dann wieder zu mir gekommen war, nahm ich alle Kraft zusammen, stärkte mein Herz und blickte zum zweitenmal zu ihr hinauf, um sofort wieder die Besinnung zu verlieren. Als ich mich dann wieder erholt hatte, sah ich, daß sie einen Spiegel und ein rotes Tuch bei sich hatte. Sobald sie mich erblickte, schlug sie die Ärmel über den Vorderarm zurück, öffnete ihre fünf Finger und schlug mit ihnen, mit der flachen Hand und den Fingern, auf die Brust. Dann hob sie ihre Hände und hielt den Spiegel zum Fenster hinaus; hierauf nahm sie das rote Tuch, trat mit ihm vom Fenster zurück und kehrte dann wieder und streckte es dreimal aus dem Fenster zur Straße hinunter, dann preßte und wickelte sie es zusammen, nickte dreimal mit dem Kopf, zog ihn dann wieder aus dem Fenster zurück, verriegelte dasselbe und ging fort, ohne auch nur ein Wort zu reden, so daß ich ganz verwirrt allein blieb, ohne irgendwie ihre Zeichen zu verstehen. Nachdem ich bis zur Abendzeit dort gesessen hatte, stand ich auf und kam gegen Mitternacht nach Hause, wo ich meine Base, mit thränenüberströmten Lidern das Gesicht auf die Hand stützend, und in Versen ihr Leid klagend, antraf. Ihre Verse aber vermehrten nur meinen Gram und Kummer, so daß ich in einem Winkel des Zimmers niedersank. Da sprang sie zu 51 mir heran, hob mich auf, nahm mir die Sachen herunter und wischte mir das Gesicht mit ihrem Ärmel ab. Dann fragte sie mich, wie es mir ergangen wäre, und ich erzählte ihr alles, worauf sie zu mir sagte: »Sohn meines Oheims, ihr Zeichen mit der Hand und den fünf Fingern bedeutet: Komm' nach fünf Tagen. Durch das Hinaushalten des Spiegels aber, das Niederlassen und Hochheben des roten Tuches und das Hervorstrecken ihres Kopfes aus dem Fenster will sie dir sagen: Setz' dich an den Laden des Färbers, bis mein Bote zu dir kommt.« Als ich ihre Worte vernahm, stand mein Herz in hellen Flammen, und ich sprach: »Bei Gott, meine Base, du hast die Zeichen richtig gedeutet, denn ich sah in der Gasse einen jüdischen Färber.« Als ich darauf weinte, sagte meine Base zu mir: »Nimm deine Kraft zusammen und festige dein Herz, denn andere als du schmachten lange Jahre in der Liebe und wappnen sich mit Geduld gegen die Glut der Leidenschaft, du aber hast bloß eine Woche zu warten; warum also diese Ungeduld?« Darauf tröstete sie mich mit freundlichem Zuspruch und brachte mir etwas zu essen, ich aber versuchte vergeblich einen Bissen zu schlucken; ich ließ Essen und Trinken sein und verzichtete auf des Schlafes Süße, so daß meine Farbe gelb wurde und all meine Reize schwanden, da ich zuvor noch nicht verliebt gewesen und erst jetzt die Glut der Verliebtheit zu schmecken bekam. Wie ich nun aber elend wurde, wurde meine Base um meinetwillen ebenfalls elend. Nacht für Nacht erzählte sie mir, um mich zu trösten, von den Leiden Verliebter, bis ich einschlief. Wenn ich dann wieder erwachte, fand ich sie um meinetwillen schlaflos mit thränenüberströmten Wangen. In solcher Weise verging die Zeit, bis meine Base am fünften Tage sich erhob und mir Wasser wärmte. Darauf badete sie mich, zog mir meine Sachen an und sagte zu mir: »Geh' jetzt zu ihr, und Gott erfülle deinen Wunsch und lasse dich erreichen, was du von deiner Liebsten begehrst!« So ging ich denn fort und wanderte durch die Straßen, bis ich zum 52 Eingang der Gasse kam. Jener Tag war aber gerade der Sabbath, und fand ich daher den Laden des Färbers verschlossen. Ich setzte mich neben ihn und wartete bis der Azân zum Nachmittagsgebet ertönte und weiter, bis die Sonne gelb wurde, der Abendazân erscholl und die Nacht hereinbrach, doch sah ich weder eine Spur von ihr, noch hörte ich einen Laut oder erhielt eine Nachricht, so daß ich endlich, bei diesem einsamen Dasitzen um mein Leben besorgt, aufstand und wie ein Trunkener nach Hause ging, wo ich meine Base Asîse vorfand, wie sie mit einer Hand einen Pflock in der Wand fest gepackt hatte, während die andere auf der Brust lag, und in dieser Haltung seufzte und ihr Leid in Versen klagte. Bei meinem Anblick wischte sie sich selber und mir die Thränen mit ihrem Ärmel ab, und sagte zu mir, indem sie mir freundlich ins Gesicht lächelte: »Mein Vetter, Gott lasse dir seine Gabe bekommen, weshalb aber verbrachtest du nicht die Nacht bei deinem Schätzchen und stilltest dein Verlangen?« Als ich diese Worte von ihr vernahm, gab ich ihr einen Fußtritt vor die Brust, daß sie hinfiel und sich an der Kante des Līwâns an einem Holznagel die Stirn zerschlug, so daß ich das Blut niederrieseln sah.

Hundertundfünfzehnte Nacht.

Sie aber schwieg und stand, ohne einen Laut zu äußern, sofort wieder auf; hierauf nahm sie einen Zunder, verbrannte ihn und verschloß mit der Asche die Wunde. Nachdem sie dann noch eine Binde um die Stirn gelegt und das Blut, das auf den Teppich gelaufen war, abgewischt hatte, trat sie an mich heran, als ob nichts geschehen wäre, lächelte mir freundlich ins Gesicht und sagte mit sanfter Stimme: »Bei Gott, mein Vetter, ich sagte das nicht, um dich oder sie zu verspotten. Nachdem ich nunmehr den Schmerz gestillt und das Blut abgewischt habe, und mir Kopf und Stirne wieder leicht sind, so sag' mir doch, wie es dir heute ergangen ist.« Als ich ihr nun alles erzählt hatte, weinte sie und sprach: 53 »O mein Vetter, freue dich doch über deinen Erfolg und die nahe Erreichung deiner Hoffnung. Dies war ein Zeichen für dich, daß sie dich angenommen hat; durch ihr Ausbleiben will sie dich nur auf die Probe stellen und deine Ausdauer prüfen, um zu erfahren ob du ein aufrichtiger Liebhaber bist oder nicht. Geh morgen wieder zu ihr an deinen alten Platz und gieb acht, was für ein Zeichen sie dir geben wird, denn dein Glück ist nahe und deine Trauer bald vorüber.« Darauf tröstete sie mich über meine Schmerzen, während ich immer bekümmerter und betrübter wurde, und brachte mir etwas zu essen; ich aber gab dem Tisch einen Fußtritt, daß alle Schüsseln umfielen, und sprach: »Alle Verliebten sind verrückt und haben kein Verlangen nach Speise und der Erquickung des Schlafes.« Meine Base Asîse antwortete mir darauf: »Bei Gott, mein Vetter, das ist das Kennzeichen der Liebe,« und die Thränen liefen ihr dabei aus den Augen; dann sammelte sie die Scherben der Schüsseln auf, wischte den vergossenen Inhalt derselben auf und setzte sich zu mir, um mit mir zu plaudern, während ich zu Gott flehte, daß er bald den Morgen anbrechen lassen möchte.

Als nun der Morgen anbrach, und es lichter Tag ward, begab ich mich eilends zu ihr in die Gasse und setzte mich auf die Bank daselbst und, siehe, das Fenster stand offen, und sie streckte den Kopf lachend heraus. Dann verschwand sie und kehrte mit einem Spiegel, einem Beutel, einem Topf voll grünem Kraut und einer Lampe wieder. Das erste, was sie that, bestand darin, daß sie den Spiegel in die Hand nahm und ihn in den Beutel steckte, worauf sie ihn zuband und ins Zimmer warf. Dann ließ sie ihr Haar lang übers Gesicht fallen; zum dritten stellte sie die Lampe einen Augenblick oben auf das grüne Kraut und nahm schließlich alles, verschwand damit und verriegelte das Fenster, während mein Herz von ihren geheimnisvollen Zeichen und Winken, ohne daß sie irgend ein Wort dazu sprach, einen Riß bekam und meine Sehnsucht, meine Ekstase und Tollheit wuchs. 54

Mit weinendem Auge und bekümmertem Herzen kehrte ich nach Hause, wo ich meine Base die Wand anstarrend antraf; Sorge, Kummer und Eifersucht hatten ihr Herz verbrannt, doch hinderte ihre Liebe sie daran, daß sie mir etwas von ihrer Qual mitteilte, nachdem sie meine Liebesglut und Tollheit gesehen hatte. Als ich sie anschaute, sah ich zwei Binden um ihren Kopf, von denen sie die eine wegen ihres Falls auf der Stirne, die andere um ihre Augen trug, die sie vom vielen Weinen schmerzten. Sobald sie mich jedoch erblickte, wischte sie sich die Thränen ab und eilte mir entgegen, ohne in ihrem großen Herzleid ein Wort sprechen zu können. Endlich nach einer langen Weile sagte sie zu mir: »O Sohn meines Oheims, erzähl' mir doch wie es dir diesmal ergangen ist?« Da erzählte ich ihr alles, und sie erwiderte mir: »Gedulde dich, denn die Zeit deiner Vereinigung mit ihr ist nunmehr gekommen, und du hast das Ziel deiner Hoffnung erreicht. Indem sie dir mit dem Spiegel ein Zeichen gab und ihn in den Beutel steckte, wollte sie dir sagen: Wart', bis die Sonne untergegangen ist; das Herablassen der Haare vors Gesicht bedeutet dann: Wenn die Nacht gekommen ist und tiefes Dunkel über das Licht des Tages herabgelassen hat, dann komm'! Mit dem Topf und dem grünen Kraut darin wollte sie dir andeuten: Wenn du kommst, so geh' in den Garten hinter der Gasse, und endlich das Zeichen mit der Lampe hat den Sinn: Hast du den Garten betreten, so geh' bis zu der Stätte, wo du die Lampe brennen siehst; geh' dort hinein, setz' dich und warte auf mich, die Liebe zu dir bringt mich um.«

Als ich meiner Base Worte vernahm, schrie ich laut im Übermaß meiner Liebesqual und rief: »Wie lange machst du mir noch Versprechungen, und wie oft noch soll ich zu ihr gehen, ohne meine Wünsche zu erreichen und ohne einen richtigen Sinn in deiner Deutung zu finden?« Meine Base aber lachte nun über mich und sagte zu mir: »Du hast dich nur noch den Rest dieses Tages zu gedulden, bis die Nacht mit 55 ihrem Dunkel hereinbricht, dann sollst du das Glück der Liebe genießen und den Wunsch deiner Hoffnung erreichen. Dieses Wort ist lautere Wahrheit und ohne Falsch.« Dann trat sie an mich heran und sprach mir mit sanften Worten Trost zu; doch wagte sie es nicht mir etwas Speise vorzusetzen, da sie meinen Zorn fürchtete, und hoffte, ich könnte ihr noch gut werden. Sie that deshalb nichts weiter, als daß sie zu mir kam und mir die Sachen auszog. Dann sagte sie zu mir: »Mein Vetter, komm, wir wollen uns setzen, daß ich dir etwas erzählen kann, was dich den Tag über bis zum Abend tröstet. So Gott, der Erhabene es will, kommt die Nacht nicht, ohne daß du bei deinem Schatz weilst.« Ich aber hörte nicht auf sie und wartete auf den Anbruch der Nacht, indem ich dabei fortwährend sprach: »Ach Herr, laß es doch schnell Nacht werden!« Als es dann endlich Nacht wurde, gab mir meine Base laut weinend ein Kügelchen reinen Moschus und sagte zu mir: »Mein Vetter, steck' dieses Kügelchen Moschus in deinen Mund und sprich, wenn du bei deinem Schatz gewesen bist und deinen Wunsch erlangt hast, und sie dir dein Begehren gewährt hat, diesen Vers:

O ihr Liebenden, bei Gott, sagt an,
Was soll der Mann thun, wenn ihn die Liebe plagt?«

Hierauf ließ sie mich schwören, diesen Vers nicht eher als beim Fortgehen zu ihr zu sprechen, und ich antwortete: »Ich höre und gehorche.« Als dann die Abendzeit gekommen war, ging ich fort und schlug den Weg zum Garten ein, dessen Thor ich offen fand. Ich trat ein und, da ich in der Ferne ein Licht gewahrte, ging ich darauf zu, bis ich es erreichte und nun eine große, von einer Kuppel aus Elfenbein und Ebenholz überwölbte Laube erblickte, in welcher mitten unter der Kuppel die Lampe hing. Die Laube war mit seidenen, gold- und silberdurchwirkten Teppichen ausgestattet, eine große brennende Kerze stand in einem goldenen Leuchter grade unter der Lampe, und mitten in dem Raume befand sich ein Springbrunnenbecken, das im Innern mit allerlei 56 Figuren ausgelegt war, während ihm zur Seite ein mit einem seidenen Tuche verdeckter Speisetisch und daneben ein großer Porzellankrug mit Wein und ein krystallener mit Gold verzierter Becher und neben all diesem eine verdeckte silberne Platte stand. Ich deckte dieselbe auf und sah auf ihr allerlei Obst, Feigen, Granaten, Weintrauben, Orangen, zwei verschiedene Sorten Citronen, und dazu die verschiedensten duftigen Blumen, Rosen, Jasmin, Myrten, Rosa canina u. a. m., so daß ich über diesen Ort erstaunte und mich über die Maßen freute. All meine Sorge und mein Kummer schwanden, nur daß ich an dieser Stätte keins von Gottes, des Erhabenen, Geschöpfen vorfand, –

Hundertundsechzehnte Nacht.

weder einen Sklaven, noch eine Sklavin noch den, der diese Sachen zu beaufsichtigen hatte. Ich setzte mich in die Laube und wartete auf das Erscheinen der Geliebten meines Herzens, doch die erste, die zweite und die dritte Nachtstunde verging, ohne daß sie kam, während mich der Hunger immer stärker quälte, da ich in meiner großen Verliebtheit seit langer Zeit nichts gegessen hatte. Erst als ich diesen Ort sah und erkannte, daß meine Base die Zeichen meiner Geliebten richtig gedeutet hatte, hatte ich wieder Frieden gefunden, doch kamen mir nun die Qualen des Hungers zum Bewußtsein, und der Duft der Speisen reizte meinen Appetit, so daß ich, da ich der Vereinigung mit der Geliebten sicher war, in meinem Verlangen nach Speise an den Tisch trat und die Decke abnahm, unter welcher ich eine Porzellanplatte mit vier gebratenen und gewürzten Hühnern fand; rings um diese Platte standen vier Schüsseln, die eine mit Süßigkeiten, die andere mit Granatapfelkernen, die dritte mit Mandelkuchen und die vierte mit Nußgebäck, so daß die Schüsseln sowohl Süßes als Saures enthielten. Da aß ich denn ein wenig vom Nußgebäck, und ein Stückchen Fleisch, machte mich an den Mandelkuchen und aß eine Kleinigkeit, trat dann an die 57 Süßigkeiten und aß einen, zwei, drei oder vier Löffel voll, aß auch etwas Huhn und einen Bissen Brot, bis schließlich mein Magen voll war, und meine Glieder erschlafften. Zu müde, um noch länger wach zu bleiben, legte ich, nachdem ich mir die Hände gewaschen hatte, mein Haupt auf ein Kissen, der Schlaf überwältigte mich, und ich wußte nicht, was hernach mit mir geschah.

Ich erwachte erst wieder, als die Sonne glühend auf mich nieder brannte, da ich seit manchem Tag keinen Schlaf zu kosten bekommen hatte, und fand nun beim Erwachen Salz und Kohle auf meinem Leibe. Ich stand auf, schüttelte mir das Salz und die Kohle von den Kleidern und wendete mich nach rechts und links, doch fand ich niemand und sah, daß ich auf dem bloßen Marmor ohne Decke geschlafen hatte. Ich wurde dadurch ganz verwirrt im Kopf und tief bekümmert, und die Thränen liefen mir über die Wangen; über mich selber jammernd, erhob ich mich und ging nach Hause, wo ich meine Base, sich die Brust schlagend und Thränen gleich Regenschauern vergießend, antraf. Sobald sie mich jedoch sah, sprang sie eilig auf, wischte sich die Thränen ab und redete mich mit sanften Worten an: »Ach, mein Vetter, Gott ist dir in deiner Liebe gütig gewesen, da das Mädchen, das du liebst, dich wieder liebt, während ich über die Trennung von dir weine und trauere, und du mich noch obendrein schiltst; doch Gott strafe dich nicht um meinetwillen!« Darauf lächelte sie mir böse ins Gesicht, und liebkoste mich; dann zog sie mir die Sachen aus und breitete sie aus; als sie jedoch ihren Geruch wahrnahm, rief sie: »Bei Gott, das ist nicht der Duft von einem, der sich seiner Geliebten erfreut hat! Erzähl' mir, mein Vetter, was dir zugestoßen ist.« Als ich ihr nun alles erzählt hatte, lächelte sie wieder böse und sagte: »Mein Herz ist voll Leid, doch möge sie, die dein Herz quält, nicht mehr leben! Dieses Weib macht sich dir sehr unnahbar; bei Gott, mein Vetter, ich fürchte, daß sie dir übel mitspielen wird. Wisse, mein Vetter, das Salz 58 bedeutet: du bist tief in Schlaf versunken und scheinst fade zu sein, so daß die Seelen dich verabscheuen. Du mußt daher gesalzen werden, daß man dich nicht wieder auswirft; denn, wenn du den Anspruch erhebst ein hochherziger Liebhaber zu sein, so durftest du nicht schlafen, und erwies sich hierdurch deine Liebe als falsch. In gleicher Weise aber liebt sie auch dich nicht aufrichtig, da sie dich nicht aufweckte, als sie dich schlafen sah; würde sie dich wahrhaft lieben, so hätte sie dich aus dem Schlaf erweckt. Weiter bedeutet dann die Kohle: Gott schwärze dein Angesicht, darum daß du fälschlich auf Liebe Anspruch erhobst. Du bist weiter nichts als ein Knabe, der nur an Essen, Trinken und Schlafen denkt. Das ist die Deutung ihrer Zeichen, und Gott, der Erhabene, befreie dich von ihr.«

Als ich diese Worte von ihr vernahm, schlug ich mir vor die Brust und rief: »Bei Gott, das ist wahr, ich schlief, und Liebende dürfen nicht schlafen. Ich habe gegen mich selber gefrevelt, und nichts hat mir mehr geschadet als das Essen und Schlafen. Was soll nun geschehen?« Darauf weinte ich laut und bat meine Base: »Rate mir doch, was ich thun soll, und erbarme dich meiner, daß sich Gott auch deiner erbarmt; sonst muß ich sterben.« Meine Base, die mich sehr liebte, –

Hundertundsiebzehnte Nacht.

antwortete: »Auf meinen Kopf und mein Auge; schon öfter, mein Vetter, sagte ich dir, daß ich, wenn ich frei aus- und eingehen dürfte, euch beide in der kürzesten Zeit vereinigt und euch mit meinem Saum bedeckt hätte. Ich thue es nur, um dein Gefallen zu erwerben, und werde mir, so Gott will, die äußerste Mühe geben euch beide zusammen zu bringen. Nun aber hör' auf mein Wort und folg' meinem Befehl: Geh' wieder an denselben Ort und warte dort. Wenn der Abend kommt, so setz' dich wieder in die Laube, doch nimm dich in acht etwas zu essen, weil Essen schläfrig macht. Hüte 59 dich vor dem Einschlafen, da sie nicht eher zu dir kommen wird als bis der vierte Teil der Nacht vorüber ist, und Gott schütze dich vor ihrer Bosheit!«

Als ich ihre Worte vernommen hatte, wurde ich wieder fröhlich und betete zu Gott in einem fort, daß doch die Nacht herbeikäme. Als ich dann gegen Abend fortgehen wollte, sagte meine Base zu mir: »Wenn du dich von ihr trennst, so sprich den Vers, den ich dir gesagt habe, zu ihr.« Ich antwortete ihr: »Auf meinen Kopf und mein Auge.« Wie ich dann fortgegangen war und zum Garten kam, fand ich den Raum wie beim ersten Mal zurecht gemacht und alles an Speise und Trank Erforderliche, so wie auch getrocknete Früchte, duftige Blumen und dergleichen aufgetragen. Ich trat in die Laube, doch wiewohl der Duft der Speisen meinen Appetit anregte, hielt ich mich immer und immer wieder zurück, bis ich es nicht mehr vermochte und an den Tisch herantrat. Ich hob die Decke auf, und, wie ich nun darunter einen Teller mit Hühnern und rings herum vier Schüsseln mit vier verschiedenen Gerichten fand, aß ich von jedem Gericht einen Bissen, dazu ein wenig von den Süßigkeiten und einen Happen Fleisch und kostete auch vom Safranscherbett. Da mir derselbe schmeckte, trank ich einen Löffel voll nach dem andern, bis ich satt und mein Leib voll war. Dann sanken mir die Lider zu, und ich nahm ein Kissen, legte es mir unter den Kopf und sprach: »Ich will mich zurücklehnen, ohne einzuschlafen.« Darauf schloß ich die Augen und schlief ein.

Ich erwachte erst als die Sonne aufgegangen war und fand auf meinem Leibe einen Würfelknochen, einen Stock zum Tâbspiel, einen Dattelkern und einen Johannisbrotkern. Im Zimmer aber war weder irgend ein Teppich noch sonst etwas zu sehen, als ob den Abend zuvor nichts dort gewesen wäre. Ich erhob mich nun, schüttelte alles von mir ab und ging ergrimmt nach Hause, wo ich meine Base seufzend die Verse vortragen hörte: 60

Mein Leib ist verzehrt, mein Herz ist wund,
Und meine Thränen fließen über meine Wangen.
Ach, Sohn meines Ohms, mein Herz ist voll Liebe zu dir,
Siehe, mein Auge ist wund von den Thränen.

Ich aber schalt sie und schimpfte, bis sie sich weinend erhob und die Thränen abwischte. Dann kam sie auf mich zu, küßte mich und wollte mich an ihren Busen pressen, während ich ihr auswich, mich selber scheltend. Da sagte sie zu mir: »Mein Vetter, ich glaube, du hast heute Nacht wieder geschlafen.« Ich antwortete ihr: »So ist's, und beim Erwachen fand ich einen Würfelknochen, einen Stock vom Tâbspiel, einen Dattelkern und einen Johannisbrotkern auf meinem Leibe und weiß nicht, wozu sie das gethan hat.« Darauf trat ich weinend an sie heran und bat sie: »Deute mir doch diese Zeichen, sag' mir, was ich thun soll und hilf mir in meiner Verzweiflung.« Sie antwortete mir: »Auf meinen Kopf und mein Auge. Der Würfelknochen und der Tâbstock sollen dir andeuten, daß sie da gewesen ist, während dein Herz fern war und sollen dir sagen: die Liebe thut nicht also, rechne dich darum nicht zu den Liebenden. Der Dattelkern soll dir sagen: Wärest du wirklich ein Liebender, so wäre dein Herz von der Sehnsucht verbrannt, und hättest du nicht die Süßigkeit des Schlafes geschmeckt, denn die Süßigkeit der Liebe ist wie eine Dattel, welche im Herzen ein glühendes Feuer entfacht. Der Johannisbrotkern endlich deutet an, daß das Herz der Geliebten deiner überdrüssig ist, und daß sie zu dir spricht: Ertrag' die Trennung von der Geliebten mit Hiobsgeduld.«

Als ich diese Deutung von ihr vernahm, loderte in meinem Herzen ein Feuer auf, und mein Kummer wuchs in meiner Seele. Aufschreiend rief ich: »Gott hat den Schlaf über mich um meines geringen Glückes willen verhängt.« Dann sagte ich zu meiner Base: »So lieb dir mein Leben ist, gieb mir einen Weg an, wie ich zu ihr gelangen kann.« Da antwortete sie mir weinend: »Ach Asîs, mein Vetter, mein 61 Herz ist voll Kümmernis, daß ich nicht reden kann. Geh' aber zur Nacht wieder nach der Laube und nimm dich vor dem Einschlafen in acht, dann wirst du deinen Wunsch erreichen. Das ist mein Rat, und Frieden sei mit dir!« Ich antwortete ihr: »So Gott will, werde ich nicht mehr einschlafen und werde thun, was du mich heißest.« Darauf erhob sich meine Base und sagte zu mir, indem sie mir etwas Speise vorsetzte: »Iß dich jetzt satt, daß du hernach keinen Hunger verspürst.« Nachdem ich mich dann satt gegessen hatte und die Nacht gekommen war, erhob sich meine Base, holte mir einen prächtigen Anzug und kleidete mich darin. Dann ließ sie mich schwören den erwähnten Vers zu ihr zu sprechen und schärfte mir noch einmal ein mich vor dem Einschlafen ich acht zu nehmen. Alsdann verließ ich sie, machte mich auf den Weg nach dem Garten und ging in die Laube, von wo ans ich den Garten betrachtete, bis es dunkel wurde, und ich nun die Augen mir mit den Fingern aufhielt und den Kopf in einem fort schüttelte.

Hundertundachtzehnte Nacht.

Von dem Wachen wurde ich jedoch hungrig, und die ausströmenden Düfte der Speisen vermehrten nur noch meinen Hunger, so daß ich an den Tisch herantrat, die Decke abnahm und von jedem Gericht einen Bissen aß und dazu ein Stück Fleisch. Dann trat ich an den Weinkrug und sprach bei mir: »Ich will einen Becher trinken.« Als ich aber einen Becher getrunken hatte, trank ich noch einen und noch einen, bis es zehn geworden waren, und mich die kühle Luft traf, daß ich wie ein Toter zu Boden sank. Erst als die Sonne aufging, erwachte ich aus diesem Zustande und fand mich nun außerhalb des Gartens und ein scharfes Messer nebst einem eisernen Dirhem auf meinem Leibe. Zitternd vor Furcht, nahm ich beides und ging damit nach Hause, wo ich meine Base grade antraf, wie sie klagte: »Ich bin in diesem Hause elend und voll Kümmernis und hab' keinen 62 andern Trost als Thränen.« Bei meinem Eintreten stürzte ich, Messer und Dirhem aus der Hand werfend, der Länge nach zu Boden und sank in Ohnmacht. Als ich wieder zur Besinnung gekommen war, erzählte ich ihr, was mir widerfahren war, und sagte zu ihr: »Ich habe meinen Wunsch nicht erlangt.« Als sie meine Thränen und mein Liebesleid sah, wurde sie noch betrübter und sagte zu mir: »Wenn ich dir auch rate nicht zu schlafen, so nützen dir doch meine Worte nichts, da du meinen Rat nicht befolgst.« Da bat ich sie: »Ich beschwöre dich bei Gott, sag' mir, was das Messer und der eiserne Dirhem zu bedeuten hat.« Sie antwortete: »Der eiserne Dirhem bedeutet ihr rechtes Auge, bei welchem sie also schwört: Bei dem Herrn der drei Welten und meinem rechten Auge, kommst du noch einmal hierher und schläfst wieder, so schlachte ich dich mit diesem Messer ab. Wahrlich, mein Vetter, ich fürchte, daß sie in ihrer Tücke dir Unheil plant, mein Herz ist voll Kümmernis um deinetwillen, und ich bin nicht imstande zu reden. Bist du überzeugt, daß du, wenn du noch einmal zu ihr gehst, nicht einschläfst, so geh hin und hüte dich vor dem Einschlafen, dann wirst du deinen Wunsch erreichen; weißt du aber, daß du wie gewöhnlich wieder einschlafen wirst, dann geh' hin, schlaf' ein und laß dich abschlachten.« Ich fragte sie darauf: »Was soll ich thun, meine Base? Ich beschwöre dich, bei Gott, hilf mir in diesem Leid!« Da antwortete sie: »Auf meinen Kopf und mein Auge; wenn du auf meine Worte hörst und meinem Befehle folgst, so wirst du deinen Wunsch erreichen.« Ich antwortete ihr: »Ich will auf deine Worte hören und deinem Befehl folgen.« Darauf sagte sie: »Wenn es Zeit zum Fortgehen ist, will ich es dir sagen,« und zog mich an ihre Brust. Dann legte sie mich aufs Lager und knetete so lange meine Füße, bis mich die Müdigkeit überwältigte, und ich in Schlaf versank. Hierauf nahm sie einen Fächer, setzte sich mir zu Häupten und fächelte mir bis zum Abend ins Gesicht, wo ich sie beim Erwachen mir zu Häupten sitzend 63 und den Fächer in der Hand haltend fand, wobei sie weinte, so daß ihre Kleider von den Thränen schon ganz naß geworden waren. Wie sie nun sah, daß ich erwacht war, wischte sie sich die Thränen ab und brachte mir etwas zu essen. Als ich es zurückschob, sagte sie zu mir: »Habe ich dir nicht gesagt, höre auf mich und iß?« Da aß ich, ohne ihr zu widersprechen, und sie stopfte mir das Essen in den Mund, während ich kaute, bis ich voll war. Dann reichte sie nur InjubascherbettZizipha rubra zu trinken, und ich wusch mir die Hände und trocknete sie mit einem Handtuch ab. Zum Schluß besprengte sie mich mit Rosenwasser und setzte sich zu mir, während ich mich im besten Wohlsein befand.

Als nun die Nacht dunkelte, zog sie mir meine Sachen an und sagte zu mir: »Mein Vetter, bleib die Nacht über wach und schlaf' nicht ein, denn heute Nacht wird sie erst gegen Morgen zu dir kommen, und, so Gott will, wirst du heute mit ihr vereint werden; doch vergiß nicht meinen Auftrag.« Dann weinte sie wieder, daß mir das Herz um ihres vielen Weinens willen wehe that, und ich fragte sie: »Welches ist dein Auftrag, den ich dir auszurichten versprochen habe?« Sie antwortete: »Wenn du von ihr fortgehst, so sprich den Vers zu ihr, den ich dir gesagt habe.«

Hierauf verließ ich sie vergnügt, begab mich zu dem Garten und trat völlig satt in die Laube. Dort setzte ich mich und wartete, bis das erste Viertel von der Nacht vergangen war. Doch, ob mir nun auch die Nacht so lang wie ein Jahr vorkam, blieb ich wach, bis drei Viertel von der Nacht verstrichen waren, und die Hähne bereits krähten. Da ich nun vom langen Aufbleiben sehr hungrig geworden war, trat ich an den Tisch und aß mich satt. Jetzt wurde mir aber der Kopf schwer, und schon war ich wieder nahe daran einzuschlafen, da hörte ich aus der Ferne ein Geräusch, und sprang wieder auf. Kurz nachdem ich mir die Hände und den Mund 64 gewaschen und mich wach gemacht hatte, trat sie plötzlich mit zehn Sklavinnen, gleich dem Vollmond inmitten der Planeten, in einem langen Gewand aus grünem, golddurchwirktem Satin ein.

Sobald sie mich erblickte, lachte sie und rief: »Wie bist du wach geblieben und nicht vom Schlaf überkommen? Nun, da du die Nacht über gewacht hast, weiß ich, daß du liebst, denn zu den Kennzeichen Verliebter gehört das Nachtwachen infolge der Liebesqualen.« Dann gab sie den Mädchen mit den Augen einen Wink, worauf dieselben fortgingen, und nun trat sie an mich heran und preßte mich an ihre Brust. Sie küßte mich, ich küßte sie, und dann sog sie an meiner Unterlippe, und ich sog an ihrer Oberlippe, und wir verbrachten eine herrliche Nacht. Als ich sie dann beim Anbruch des Morgens verlassen wollte, hielt sie mich fest und sagte zu mir: »Bleib' noch, bis ich dir etwas gesagt, –

Hundertundneunzehnte Nacht.

und dir einen Auftrag gegeben habe.« Da blieb ich stehen, während sie ein Tuch aufband und dieses Stück Linnen mit der Gazelle vor mir ausbreitete, das mir außerordentlich gefiel. Indem sie mir dasselbe übergab, sagte sie: »Diese Gazelle hat meine Schwester gearbeitet.« Als ich sie nach dem Namen ihrer Schwester fragte, sagte sie: »Sie heißt Nûr el-Hudā. Verwahre dieses Stück Linnen wohl.« Nachdem ich mich dann noch mit ihr verabredet hatte sie in dem Garten jede Nacht zu besuchen, ging ich fröhlich fort und vergaß in meiner Freude ganz den Vers meiner Base zu sprechen. Zu Hause fand ich meine Base zu Bett liegend vor, doch erhob sie sich, als sie mich sah, wobei ihr die Thränen niederliefen, und kam auf mich zu. Mir die Brust küssend, fragte sie mich: »Hast du auch meinen Auftrag erfüllt und hast den Vers gesprochen?« Ich antwortete ihr: »Ich hab's vergessen, und nur das Bild dieser Gazelle hier hat es mich vergessen lassen.« Darauf warf ich das Stück 65 Linnen vor sie hin, während sie sich setzte und, unfähig an sich zu halten, unter Thränen die Verse sprach:

»Was verlangt dich so sehr nach der Trennung? Gedulde dich doch
Und laß dich nicht durch die Umarmungen bethören.
Gedulde dich, denn der Stempel der Zeit ist Treulosigkeit,
Und das Ende von allem Liebesglück die Trennung.«

Als sie die Verse beendet hatte, sagte sie: »Sohn meines Oheims, schenke mir dieses Stück Linnen.« Da schenkte ich es ihr, und sie nahm es und breitete es aus, um sich die Stickerei anzusehen.

Als es nun wieder für mich Zeit wurde fortzugehen, sagte sie: »Mein Vetter, geh' hin im Geleit des Friedens, doch, wenn du von ihr fortgehst, so sprich zu ihr den Vers, den ich dir früher sagte, und den du vergaßest.« Ich antwortete ihr: »Sag' ihn mir noch einmal.« Da wiederholte sie ihn mir, und ich ging dann wieder in den Garten und trat in die Laube ein, wo ich das Mädchen auf mich wartend antraf. Sobald sie mich sah, erhob sie sich und küßte mich; dann aßen wir und tranken und verbrachten die Nacht in Freuden wie die erste. Als nun der Morgen anbrach, sprach ich den Vers zu ihr und sagte:

»O ihr Liebenden, bei Gott, sagt an,
Was soll der Mann thun, wenn ihn die Liebe plagt?«

Als sie den Vers vernahm, schwammen ihr die Augen in Thränen, und sie antwortete mit dem Vers:

»Seine Liebe soll er verbergen und sein Geheimnis hüten,
Was auch kommen mag, er soll geduldig sein und sich beugen.«

Erfreut, meiner Base Verlangen erfüllt zu haben, lernte ich den Vers auswendig und kehrte dann nach Hause. Ich traf dort meine Base liegend an, und meine Mutter saß, weinend über ihren Zustand, ihr zu Häupten. Als ich eintrat, rief mir meine Mutter entgegen: »Verderben über solch einen Vetter, wie du es bist! Wie konntest du deine Base in ihrem Unwohlsein verlassen und dich nicht nach ihrer 66 Krankheit erkundigen?« Meine Base aber hob bei meinem Anblick den Kopf, setzte sich aufrecht und fragte mich: »Asîs, hast du ihr den Vers, den ich dir sagte, vorgetragen?« Ich antwortete: »Ja, und als sie ihn vernahm, weinte sie und gab mir in einem andern Verse, den ich im Gedächtnis behielt, die Antwort darauf.« Da bat mich meine Base: »Laß mich ihn hören. Als ich ihn ihr nun vorgetragen hatte, weinte sie laut und sprach den Vers:

»Wohl hat er geziemende Geduld gesucht, doch fand er sie nicht,
Nichts andres fand er als ein vor Liebe verschmachtendes Herz.«

Dann sagte meine Base zu mir: »Wenn du wieder zu ihr gegangen bist, so sprich den Vers, den du eben gehört hast, zu ihr.« Ich antwortete: »Hören ist Gehorchen;« dann ging ich wie gewöhnlich wieder zu ihr in den Garten, verbrachte mit ihr die Nacht und trug ihr beim Fortgehen den Vers vor. Als sie ihn vernahm, strömten ihr die Thränen aus den Augen, und sie sprach das Dichterwort:

Und fand er keine Geduld sein Geheimnis zu verbergen,
So weiß ich keinen besseren Rat für ihn als den Tod.

Ich prägte mir diesen Vers ebenfalls ein und ging nach Haus, wo ich meine Base ohnmächtig hingestreckt daliegen und meine Mutter ihr zu Häupten sitzen sah. Als sie meine Stimme vernahm, öffnete sie die Augen und fragte mich: »Asîs, hast du ihr den Vers vorgetragen?« Ich antwortete ihr: »Ja, und als sie ihn vernahm, weinte sie und sprach folgenden Vers:

Und fand er keine Geduld sein Geheimnis zu verbergen,
So weiß ich keinen besseren Rat für ihn als den Tod.«

Als meine Base diesen Vers vernahm, sank sie von neuem in Ohnmacht. Nachdem sie sich dann wieder erholt hatte, sprach sie folgenden Vers:

»Wir hören und gehorchen und wir sterben.
Meinen Gruß aber jenem, der unsere Vereinigung verhinderte.«

67 Zum Anbruch der Nacht ging ich wieder wie üblich zum Garten, wo mich das Mädchen bereits erwartete. Wir setzten uns, aßen, tranken, genossen unser Glück und schliefen bis zum Morgen. Als ich dann beim Fortgehen den Vers, den mir meine Base gesagt hatte, vortrug, stieß sie einen lauten entsetzten Schrei aus und rief: »Bei Gott, jenes Mädchen, das dir diesen Vers gesagt hat, ist gestorben.« Dann weinte sie und sagte zu mir: »Wehe dir, das Mädchen, das zu dir diesen Vers sprach, stand dir doch nicht nahe?« Ich antwortete ihr: »Es war meine Base.« Da sagte sie: »Du lügst; bei Gott, wäre es deine Base gewesen, du hättest sie eben so sehr geliebt wie sie dich; du bist ihr Mörder geworden, und Gott töte dich, wie du sie ums Leben gebracht hast. Bei Gott, hättest du mir gesagt, daß du eine Base hast, ich hätte dich nicht mir nahen lassen.« Ich entgegnete ihr darauf: »Es war meine Base, und sie deutete mir alle deine Zeichen und lehrte mich, wie ich mich zu dir verhalten sollte; ohne ihre klugen Ratschläge hätte ich gar nicht Zutritt zu dir erlangt.« Nun fragte sie mich: »Wußte sie etwas von uns?« Ich antwortete: »Ja.« Da rief sie: »So mag Gott dich deine Jugend beklagen lassen, wie du sie ihre Jugend beklagen ließest; geh fort und schau sie dir an!« Da ging ich mit verstörten Sinnen fort und schritt die Straßen daher, bis ich zu unserer Gasse kam und dort lautes Geschrei vernahm. Auf meine Frage darnach antwortete man mir: »Wir fanden Asîse hinter der Thür tot daliegen.« Als ich nun ins Haus trat und meine Mutter mich erblickte, rief sie mir zu: »Das Verbrechen an ihr ruht auf deinem Nacken; Gott vergebe dir nicht ihr Blut!

Hundertundzwanzigste Nacht.

Verderben über solch einen Vetter!« dann kam mein Vater, und wir machten ihren Leichnam zurecht, ordneten das Leichenbegängnis an und bestatteten sie; auch ließen wir über ihrem Grabe den Koran verlesen und blieben drei Tage 68 lang an ihrer Gruft. Als ich dann traurig heimgekehrt war, kam meine Mutter und sagte zu mir: »Ich möchte wissen, was du ihr gethan hast, daß ihr die Gallenblase platzte. Ich, mein Sohn, fragte sie beständig nach der Ursache ihrer Krankheit, doch teilte sie mir nichts mit und gab mir keinen Aufschluß. Ich beschwöre dich bei Gott, sag' mir, was du ihr zugefügt hast, daß sie starb.« Ich antwortete: »Ich that ihr nichts.« Meine Mutter aber entgegnete: »Mag Gott sie an dir rächen! denn sie erwähnte nichts zu mir, sondern verbarg ihr Leid bis in den Tod, ohne dir zu grollen. Im Sterben aber öffnete sie die Augen und sagte zu mir: »Weib meines Oheims, möge Gott deinem Sohne mein Blut nicht zur Last legen und ihn nicht für das Böse strafen, das er mir zugefügt hat, schafft mich Gott jetzt doch nur von der vergänglichen Welt in die Ewigkeit des Jenseits.« Da sagte ich: »Ach, meine Tochter, mögest du und deine Jugend erhalten bleiben!« und fragte sie nach der Ursache ihrer Krankheit, doch schwieg sie still. Dann lächelte sie jedoch und sagte: »Weib meines Oheims, wenn mein Vetter zu dem Ort, zu dem er sich gewöhnlich begiebt, fortgehen will, so sag' ihm, daß er beim Nachhausegehen diese beiden Worte sprechen soll: »Treue ist gut und Verrat gemein.« Ich thue dies in meiner Liebe für ihn, daß ich ihm nicht nur im Leben sondern auch im Tode noch meine Liebe zeige.« Dann gab sie mir etwas für dich und ließ mich schwören, es dir nicht eher zu geben, als bis ich dich über sie weinen und klagen sähe. Ich habe es bei mir und werde es dir geben, wenn ich dich, wie sie es gesagt hat, über sie weinen und klagen sehe.« Ich sagte darauf zu meiner Mutter: »Zeig' es mir;« sie wollte es jedoch nicht.

Hierauf gab ich mich ganz meinen Freuden hin und dachte nicht mehr an den Tod meiner Base, weil ich leichtfertig war und nur wünschte die ganze Nacht und den Tag über bei meiner Liebsten zu sein. Kaum war daher die Nacht angebrochen, da ging ich auch wieder zum Garten, wo ich 69 das Mädchen wegen ihres langen Wartens wie auf Bratpfannen dasitzen sah. Kaum hatte sie mich erblickt, da flog sie auch schon mir entgegen, hängte sich um meinen Hals und fragte mich nach meiner Base. Ich antwortete ihr: »Sie ist gestorben, und wir ließen für sie die ZikrceremonieDiese Ceremonie wird oft nach dem Tode eines Angehörigen verrichtet, und besteht in Gebet und Gesang des Bekenntnisses Lā ilâha illa-llāh, Es ist kein Gott außer Gott. abhalten und den Koran über ihrer Gruft verlesen. Vier Nächte sind seit ihrem Tode verflossen, und dies ist die fünfte.« Als sie dies von mir vernahm, schrie sie laut auf, weinte und sagte dann: »Hab' ich dir's nicht gesagt, daß du sie getötet hast! Hättest du mir etwas von ihr gesagt, ich hätte mich fern von dir gehalten; nun fürchte ich, daß dich um ihretwillen ein Unglück treffen wird.« Da sagte ich zu ihr: »Sie hat mich vor ihrem Tode freigesprochen,« und erzählte ihr, was ich von meiner Mutter vernommen hatte, worauf sie sagte: »Ich beschwöre dich bei Gott, wenn du zu deiner Mutter gehst, so suche zu erfahren, was sie hat.« Ich antwortete ihr: »Meine Mutter sagte zu mir, daß meine Base ihr vor ihrem Tode für mich den Auftrag aus Herz gelegt hätte, ich sollte, wenn ich zu dem Ort, zu dem ich mich gewöhnlich hinbegebe, wieder gehe, beim Nachhausegehen die beiden Worte sprechen: Treue ist gut, Verrat gemein.« Als das Mädchen dies vernahm, rief sie: »Gottes Barmherzigkeit über sie, denn, siehe, sie hat dich vor mir errettet. Ich plante dir einen Schaden zuzufügen, doch jetzt will ich dich verschonen und dir nichts übles zufügen.« Verwundert hierüber fragte ich sie: »Was wolltest du mir anthun, wo wir beide uns doch lieben?« Da antwortete sie: »Du bist ganz verliebt in mich, doch bist du noch jung an Jahren und dein Herz ist ohne Arglist, so daß du nichts von unserem Falsch und unserer Tücke ahnst. Wäre sie noch in den Fesseln des Lebens, sie würde dir zur Seite stehen, denn sie ist die Ursache deiner Errettung und hat dich vor dem Verderben 70 bewahrt. Jetzt aber rate ich dir dringend, sprich und rede mit keinem Wesen unseres Geschlechts, sei es groß oder klein; hüte dich, hüte dich davor, denn du weißt nichts vom Falsch und der Arglist der Weiber. Sie, die dir die Zeichen deutete, ist tot, und ich fürchte nun, du stürzest nach dem Tode deiner Base in ein Unglück und findest keinen, der dich daraus erretten könnte.

Hundertundeinundzwanzigste Nacht.

Ach, wie leid mir deine Base thut! Hätte ich sie doch vor ihrem Tode gekannt, daß ich sie für das Gute, das sie mir gethan, hätte belohnen können. Gottes, des Erhabenen, Barmherzigkeit auf sie dafür, daß sie ihr Geheimnis verbarg und nicht ihr Leid offenbarte! ohne sie würdest du niemals zu mir haben kommen können, und darum möchte ich dich um etwas bitten.« Ich fragte sie: »Was ist's?« Sie antwortete: »Führe mich zu ihrer Gruft, daß ich sie in ihrem Grabe besuchen und einige Verse darauf schreiben kann.«

Ich erwiderte ihr: »So Gott will, morgen.« Dann ruhte ich die Nacht über bei ihr, während welcher sie alle Stunden zu mir sagte: »Ach hättest du doch von deiner Base vor ihrem Tode zu mir gesprochen!« Wie ich sie aber nach dem Sinn der Worte »Treue ist gut, Verrat gemein« fragte, gab sie mir keine Antwort.

Am Morgen stand sie auf, nahm einen Beutel mit einigen Dinaren und sagte zu mir: »Steh' auf und zeig' mir ihr Grab, daß ich sie besuchen kann und einige Verse darauf schreibe. Auch will ich über ihrem Grab eine Kuppel errichten lassen, will zu Gott um Barmherzigkeit flehen und diese Goldstücke als Almosen für ihre Seele verteilen.« Ich antwortete ihr: »Ich höre und gehorche.« Darauf schritt ich vor ihr her, und sie folgte mir und spendete beim Gehen Almosen, indem sie bei jeder Gabe sprach: »Diese milde Gabe ist für Asîsens Seele, welche ihr Geheimnis verbarg, bis sie den Becher des Todes trank und auch dann noch 71 nichts offenbarte.« In dieser Weise verteilte sie fortwährend den Inhalt ihres Beutels und sprach dazu die Worte »für Asîsens Seele,« bis wir zur Gruft gelangten und der Beutel leer war. Als sie das Grab erblickte, warf sie sich laut schluchzend darauf; dann aber holte sie einen Stichel aus Stahl und einen zierlichen Hammer hervor und grub mit dem Stichel in feinen Zügen in den Stein, der sich zu Häupten des Grabes erhob, folgende Verse ein:

An einem versunkenen Grabe inmitten eines Gartens schritt ich vorüber,
Auf welchem sieben NoomânsanemonenTulipa montana. lagen.
Da fragt' ich: Wessen Grab mag dies sein? Und das Grab gab mir Antwort:
Sei höflich! diese Stätte ist einer Liebenden Gruft.
Da sagt' ich: Gott hüte dich, du Opfer der Liebe,
Und geb' dir zur Wohnung des Paradieses seligste Hochburg.
Wie elend sind doch Liebende unter allen Geschöpfen,
Daß ihre Gräber aus verächtlichem Staub bestehen!
Wenn ich's vermöchte, zu einem blühenden Garten wollt' ich dich machen,
Und wollt' dich bewässern mit meinen strömenden Thränen.

Darauf schluchzte sie wieder laut und erhob sich, und ich erhob mich mit ihr. Nachdem wir dann wieder in den Garten zurückgekehrt waren, sagte sie zu mir: »Ich beschwöre dich bei Gott, daß du mich nie verlässest,« und ich erwiderte: »Ich höre und gehorche.«

Hierauf besuchte ich sie nun Tag für Tag, und so oft ich die Nacht bei ihr verbrachte, nahm sie mich liebevoll und gastlich auf und fragte mich stets nach den beiden Worten, welche meine Base Asîse zu meiner Mutter gesprochen hatte, und ich wiederholte sie ihr. In dieser Weise aß und trank ich, vergnügte mich mit ihr und kleidete mich in feine Kleider, bis ich dick und fett wurde, und, ledig an Sorge, Kummer und Gram, meine Base ganz vergaß.

Ein volles Jahr schon hatte ich, versunken in diesen Freuden, zugebracht, als ich am Anfang des nächsten Jahres 72 ins Warmbad ging, und mich, nachdem ich mich daselbst erquickt hatte, in einen schönen Anzug kleidete. Nachdem ich dann wieder das Bad verlassen hatte, trank ich einen Becher Wein und roch den Duft meiner Kleider, die mit allerlei Wohlgerüchen über und über parfümiert waren; dazu war mein Herz frei von den Treulosigkeiten der Zeit und allem sonstigen Unglück. Als nun die Abendzeit kam, wollte ich wieder zu meinem Schatz gehen, doch fand ich in meiner Trunkenheit nicht den Weg und geriet abseits in eine Gasse, die Gasse des Nakîb geheißen. Mit einem Mal, als ich durch diese Gasse schritt, kam ein altes Weib des Weges, welches in der einen Hand eine brennende Kerze und in der andern einen zusammengefalteten Brief hielt.

Hundertundzweiundzwanzigste Nacht.

Ich ging auf sie zu, und hörte sie weinend die Verse sprechen:

»Welch herrlicher Bote, der mir ihr Kommen verkündet,
Der mir die köstlichste Nachricht gebracht hat!
Wäre er zufrieden mit einem abgetragenen Geschenk,
Ich gäbe ihm ein Herz, das die Stunde des Abschieds zerrissen hat.«

Dann sagte sie zu mir: »Ach, mein Sohn, kannst du wohl lesen?« Ich antwortete ihr: »Ja, meine alte Tante.« Da bat sie mich: »So nimm diesen Brief und lies ihn mir vor,« und überreichte mir den Brief. Ich nahm ihn, öffnete ihn und las ihr den Inhalt vor, wonach ein Abwesender Grüße an seine Lieben bestellte. Als sie den Inhalt vernommen hatte, freute sie sich über die gute Nachricht und erflehte mir Gottes Segen mit den Worten: »Gott zerstreue deine Sorgen wie du die meinigen zerstreut hast.« Darauf nahm sie den Brief und ging weiter; nach einigen Schritten kehrte sie jedoch wieder zu mir um, küßte mir die Hand und sagte: »Mein Herr, mag Gott, der Erhabene, dir deine Jugend zum besten dienen lassen und dich vor Schimpf und Schande behüten! Ich bitte dich, begleite mich einige Schritte 73 bis zu jener Thür; ich habe ihnen erzählt, was du mir vorgelesen hast, sie aber wollen es mir nicht glauben. Komm deshalb die paar Schritte mit mir, lies ihnen den Brief hinter der Thür vor und nimm mein Gebet für dich an.« Da fragte ich sie: »Was hat's mit diesem Briefe für eine Bewandtnis?« Sie antwortete mir: »Ach, mein Sohn, dieser Brief kommt von meinem Sohne, der nunmehr zehn Jahre lang fern weilt; er reist nämlich mit Waren und blieb so lange aus, so daß wir schon alle Hoffnung aufgegeben hatten und ihn tot glaubten, als dieser Brief eintraf. Er hat eine Schwester, die während seiner Abwesenheit die ganze Zeit über Tag und Nacht geweint hat, und mir nun nicht glauben wollte, als ich ihr erzählte, daß er wohl und gesund sei, sondern zu mir sagte: »Du mußt mir jemand herschaffen, der mir den Brief vorlesen kann, und mich mit seinem Inhalt bekannt macht, daß mein Herz Ruhe und meine Seele Trost findet.« Du weißt, mein Sohn, daß Liebende zum Argwohn geneigt sind; thue mir daher den Gefallen und lies diesen Brief vor, während du hinter dem Vorhang stehst, und seine Schwester hinter der Thür im Zimmer sitzt und ihn hört, damit die Belohnung dessen, der des Moslems Wünsche erfüllt und ihn von Kümmernis befreit, dir zu teil werde. Hat doch auch der Prophet Gottes – Segen und Heil über ihn! – gesagt: Wer einen Bekümmerten über einen irdischen Kummer tröstet, den wird Gott trösten über einen Kummer des Jenseits, – und in einer andern Tradition: Wer seinen Bruder über einen irdischen Kummer tröstet, den wird Gott trösten über zweiundsiebzig Kümmernisse des Auferstehungstages. So habe ich dich nun gebeten, und du schlag' es mir nicht ab.« Ich antwortete ihr auf ihre Bitte: »Ich höre und gehorche; schreite mir voran.« Da schritt sie mir voran, und ich folgte ihr eine kurze Strecke, bis sie zu einem großen Hause mit einer kupferbeschlagenen Thür anlangte. Hier blieb sie hinter der Thür stehen und rief einige Worte auf Persisch, worauf sofort ein Mädchen flink und munter 74 herbeikam, deren Hosen bis zu den Knieen aufgeschlagen waren, so daß ich ihre Schenkel sehen konnte, welche Gedanken und Auge bestrickten, da sie zwei marmornen Säulen glichen und mit Knöchelringen aus Gold und Edelsteinen geschmückt waren. Ebenso hatte das Mädchen auch ihr Obergewand bis zur Achsel zurückgeschlagen und ihre Vorderarme entblößt, so daß ich ihre weißen Handgelenke erblickte, an denen sie zwei Paar Armspangen trug. In den Ohren hatte sie zwei Perlenringe, um den Hals eine kostbare Juwelenschnur und um den Kopf trug sie ein neues mit kostbaren Edelsteinen besetztes Tuch. Sie hatte den Saum ihres Hemdes unter das Hosenband gesteckt, und es sah aus, als ob sie grade beschäftigt gewesen wäre. Als sie mich erblickte, fragte sie in wohllautender und süßer Sprache, wie ich sie süßer noch nicht vernommen hatte: »Mutter, ist dies der Mann, der gekommen ist den Brief vorzulesen?« Die Alte antwortete ihr: »Ja,« und nun streckte sie ihre Hand mit dem Briefe zu mir aus. Zwischen ihr und der Thür war aber ein Zwischenraum von einer halben Rute; als ich deshalb meine Hand nach dem Brief ausstreckte und meinen Kopf und meine Schultern durch die Thür steckte, um näher an sie heranzutreten, stieß mich die Alte, ehe ich mich's versah, mit ihrem Kopf in den Rücken, während ich in der Hand den Brief hielt, so daß ich mich, als ich mich umwandte, mitten im Vorsaal des Hauses befand. Schneller wie der blendende Blitz kam dann die Alte selber herein und hatte nichts eiligeres zu thun als die Thüre zu verschließen.

Hundertunddreiundzwanzigste Nacht.

Als mich nun das Mädchen hinter der Thür des Vorsaals eingeschlossen sah, trat sie auf mich zu, und preßte mich an ihre Brust; dann warf sie mich zu Boden, kniete auf meine Brust und preßte meinen Leib so stark, daß ich ohnmächtig wurde. Hierauf faßte sie mich bei der Hand, ohne daß ich mich von ihr infolge ihrer heftigen Umarmung 75 freimachen konnte, und führte mich, während uns die Alte mit der brennenden Kerze voranschritt, von Flur zu Flur, bis wir sieben Vorsäle durchschritten hatten und nun in einen großen Saal mit vier Līwânen gelangten, in welchem ein Reiter hätte Schlagball spielen können. Hier hieß sie mich niedersitzen und sagte: »Öffne deine Augen.« Da öffnete ich, noch ganz schwindlig von ihrer starken Umarmung, meine Augen und sah nun, daß der ganze Saal aus dem schönsten Marmor erbaut, und daß seine ganze Einrichtung mit Einschluß der Kissen und Matratzen aus Brokat bestand. Außerdem befanden sich zwei Bänke aus Messing und ein goldenes mit Perlen und Edelsteinen besetztes Sofa, das sich nur für einen König gleich dir geziemt hätte, in dem Saal. Das Mädchen aber sprach jetzt zu mir: »Asîs, was ist dir lieber, der Tod oder das Leben?« Ich antwortete ihr: »Das Leben.« Da sagte sie: »Wenn dir das Leben lieber ist, so heirate mich.« Ich erwiderte: »Es ist mir zuwider solch ein Mädchen wie dich zu heiraten.« Da sagte sie: »Wenn du mich heiratest, so bist du vor der Tochter der verschlagenen Delîle sicher.« Nun fragte ich sie: »Wer ist denn die verschlagene Delîle?« Da lachte sie und sagte: »Wie kommt es, daß du sie nicht kennst, wo du doch heute mit ihr bereits ein Jahr und vier Monate zusammengelebt hast? Gott verderbe sie! Bei Gott, es giebt kein tückischeres Weib als sie; wie viele hat sie schon vor dir umgebracht und wie viel Übles hat sie angestiftet! Wie konntest du nur die ganze Zeit über heil davonkommen, ohne daß sie dich umbrachte oder dir irgend einen Schaden zufügte?«

Aufs äußerste über ihre Worte verwundert, fragte ich sie: »Meine Herrin, wer hat dir von ihr erzählt?« Sie antwortete: »Ich kenne sie, wie die Zeit ihr eigenes Unheil kennt; doch wünsche ich, daß du mir alles, was zwischen euch beiden vorgefallen ist, erzählst, damit ich erfahre, wodurch du so lange Zeit über ihrer Tücke unversehrt entrannst.« Als ich ihr nun alle meine Erlebnisse mit ihr und mit meiner Base 76 Asîse erzählt hatte, rief sie: »Gott erbarme sich ihrer!« und schlug weinend ihre Hände zusammen, als sie von dem Tod meiner Base Asîse vernahm, und rief: »Gott entschädige dich reichlich für ihren Verlust, Asîs, denn sie allein hat dich vor der Tochter der verschlagenen Delîle errettet, und ohne sie wärst du ums Leben gekommen. Ich bin um dich besorgt und fürchte ihre Bosheit und Tücke, doch bin ich nicht imstande zu reden. Wahrlich ein zweites Mädchen wie Asîse wird heute nicht mehr gefunden.« Darauf erzählte ich ihr, daß sie mir im Tode ans Herz gelegt hätte die beiden Worte »Treue ist gut, Verrat gemein« zu ihr zu sprechen, und sie sagte zu mir: »Asîs, bei Gott, diese beiden Worte sind's gerade, die dich errettet haben; im Leben und im Tod hat dir deine Base beigestanden. Bei Gott, mich verlangte es mit dir vereinigt zu werden, doch vermochte ich dich erst heute durch diese List zu fangen. Doch sei guten Mutes und kühlen Auges, du bist ein hübscher Jüngling, und nur nach der Verordnung Gottes und seines Gesandten – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – verlange ich nach dir.« Nach diesen Worten klatschte sie in die Hände und rief: »Bring' die Leute, die bei dir sind, herein.« Gleich darauf trat die Alte mit vier gesetzlichen Zeugen ein und zündete vier Kerzen an. Die Zeugen aber begrüßten mich, nachdem sie eingetreten waren, und setzten sich, während das Mädchen sich erhob und sich in einen langen Schleier verhüllte. Alsdann beauftragte sie einen der Zeugen sie bei der Abfassung des Ehekontraktes zu vertreten, und nun setzten sie den Ehekontrakt auf, und sie bezeugte, daß sie die ganze Brautgabe, die Anzahlung sowohl wie den Rest, erhalten habe und mir zehntausend Dirhem schuldig sei.

Hundertundvierundzwanzigste Nacht.

Darauf bezahlte sie den Zeugen ihre Gebühren, und die Zeugen gingen fort von wannen sie gekommen waren. Als ich am nächsten Morgen ausgehen wollte, lachte sie 77 mich an und sagte: »Meinst du, man könnte ebenso zum Bad hinaus wie herein?Man muß beim Hinausgehen bezahlen. Du glaubst wohl, ich sei ebenso wie die Tochter der verschlagenen Delîle? Hüte dich vor solchen Gedanken, du bist nichts anderes als nach Schrift und Sunna mein Gemahl. Bist du aber trunken, so komm wieder zu Verstand. Dieses Haus hier, in dem du dich befindest, wird alle Jahre nur an einem bestimmten Tag geöffnet. Geh' zur großen Thür und sieh's.« Da ging ich zur großen Thür, doch fand ich sie verriegelt und vernagelt. Als ich nun wieder zu ihr zurückkam und es ihr mitteilte, sagte sie zu mir: »Asîs, wir haben für viele Jahre genug Mehl und Korn und Obst, Granatäpfel, Zucker und Fleisch, Schafe, Hühner und andere Vorräte. Von dieser Nacht an wird die Thür erst wieder nach einem Jahre geöffnet werden, und ich weiß, daß du dich erst wieder nach einem Jahre außerhalb dieses Hauses sehen wirst.« Da rief ich: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott.« Darauf lachten wir beide und ich aß und trank und vergnügte mich mit ihr tagaus, tagein, bis das Jahr herum war, und sie von mir einen Knaben bekommen hatte. Zu Anfang des neuen Jahres hörte ich wie die Thür geöffnet wurde, und mit einem Male traten Männer herein und brachten Bretzeln, Mehl und Zucker. Als ich nun ausgehen wollte, sagte sie zu mir: »Warte bis zum Abend und geh' fort so wie du kamst.« Da wartete ich bis zum Abend und wollte eben in Zagen und Zittern heraus, als sie sagte: »Bei Gott, ich lasse dich nicht eher heraus als bis du mir geschworen hast, daß du noch in dieser Nacht, bevor die Thür verriegelt wird, wieder zurückkehrst.« Ich versprach es ihr, und sie ließ mich nun Eid und Gelöbnis auf Schwert, Codex und Scheidung ablegen, daß ich wieder zu ihr zurückkommen wolle. Alsdann ging ich von ihr fort und begab mich in den Garten, den ich wie früher offen fand. Da ward ich zornig und 78 sprach bei mir: »Ein ganzes Jahr bin ich von hier fortgeblieben und nun, wo ich unerwartet komme, finde ich ihn wie gewöhnlich offen. Ich möchte wohl wissen, ob das Mädchen wie sonst dort ist oder nicht. Ich muß hinein und einmal zusehen, bevor ich zu meiner Mutter gehe.« Es war aber Abend, und wie ich nun in den Garten trat –

Hundertundfünfundzwanzigste Nacht.

und zur Laube kam, traf ich die Tochter der verschlagenen Delîle dort sitzend an, das Haupt auf die Kniee geneigt und das Gesicht auf die Hand gelehnt, mit veränderter Farbe und eingesunkenen Augen. Bei meinem Anblick rief sie: »Gelobt sei Gott, daß du gesund bist!« und wollte sich erheben, doch fiel sie vor Freude hin. Ich schämte mich vor ihr und ließ meinen Kopf hängen; dann aber trat ich auf sie zu, küßte sie und fragte: »Woher wußtest du, daß ich zu dieser Stunde zu dir kommen würde?« Sie antwortete: »Ich wußte es nicht. Bei Gott, ein ganzes Jahr lang schmeckte ich keinen Schlaf, sondern wachte Nacht für Nacht und wartete auf dich. Seit dem Tage, da du mich verließest, und ich dir den neuen Anzug schenkte, und du mir versprachest wiederzukommen, habe ich in diesem Zustande verbracht und wartete auf dich, du aber kamst weder in der ersten Nacht, noch in der zweiten, noch in der dritten; und so wartete ich von Tag zu Tag auf dich, denn das ist Liebender Weise. Nun aber erzähl' mir, wie es kam, daß du das ganze Jahr über von mir fortbliebst.« Als ich ihr nun alles erzählte und sie vernahm, daß ich verheiratet war, wurde sie gelb. Wie ich dann noch hinzusetzte: »Ich bin heute Nacht zu dir gekommen und muß noch vor dem Morgen wieder fort,« da rief sie: »Hat sie nicht genug daran, daß sie dich geheiratet und dich mit List bei sich für ein ganzes Jahr eingesperrt hat, daß sie dich auch noch bei der Scheidung schwören läßt noch vor Tagesanbruch wieder zu ihr zurückzukehren, und dir nicht einmal Erlaubnis gewährt dich bei deiner Mutter oder bei mir zu 79 erholen, und es nicht ertragen kann, daß du eine einzige Nacht bei einer von uns beiden verbringst? In welchem Zustande muß sich dann erst die befinden, von der du ein ganzes Jahr lang fortgeblieben bist, obwohl ich dich vor ihr kannte? Aber Gott habe Asîse selig, denn sie erduldete, was kein anderer erlitt, und ertrug ein Leid, das kein anderer ertrug, und starb durch deine Grausamkeit, sie, die dich vor mir schützte! Ich glaubte fest, daß du zurückkehren würdest und gab dir deshalb den Weg frei, obwohl ich dich hätte einsperren und umbringen können.« Dann weinte sie vor Zorn und sah mich mit einem bösen Blick an, daß mir die Schultermuskeln zitterten, und ich mich vor ihr fürchtete und einer Bohne auf dem Feuer glich. Sie aber fuhr mich an: »Du bist mir zu nichts mehr nutz, seitdem du verheiratet bist und ein Kind hast. Du paßt nicht mehr für meinen Umgang, weil mir nur ein Junggesell von Nutzen ist. Du hast mich für jene Ehebrecherin verkauft, aber, bei Gott, sie soll dich beweinen, und du sollst weder ihr noch mir gehören.« Darauf stieß sie einen Schrei aus, und ehe ich mich's versah, waren auch schon zehn Sklavinnen da und warfen mich zu Boden. Während ich so unter ihren Händen lag, erhob sie sich, nahm ein Messer und rief: »Fürwahr, ich schlachte dich ab wie man einen Ziegenbock schlachtet, und soll dies die geringste Strafe für die Sünde sein, die du an deiner Base begangen hast.« Als ich mich bei diesen Worten betrachtete und unter den Sklavinnen mit dem Gesicht im Staube liegen sah und das Messer in ihrer Hand erblickte, war ich meines Todes gewiß.

Hundertundsechsundzwanzigste Nacht.

Ich flehte sie um Barmherzigkeit, doch wurde sie dadurch nur noch härter und befahl ihren Sklavinnen mir die Hände auf dem Rücken zu binden. Nachdem sie dies gethan und mich auf den Rücken geworfen hatten, setzten sie sich auf meinen Leib und hielten mir den Kopf fest. Dann standen 80 zwei Mädchen auf und hielten mir die Zehen, während sich zwei andere auf meine Beine setzten. Hierauf erhob sie sich selbst und befahl zwei andern Sklavinnen, die bei ihr waren, mich zu schlagen, und sie schlugen mich, bis ich ohnmächtig wurde, und mir die Stimme versagte. Als ich wieder zur Besinnung kam, sprach ich bei mir: »Wahrlich, würde ich abgeschlachtet, so würde solch ein Tod leichter als diese Prügel zu ertragen sein.« Dann fielen mir wieder die Worte meiner Base ein, die sie zu mir sprach: »Mag Gott dich vor ihrer Bosheit schützen!« und ich schrie und weinte, bis mir die Stimme erstickte, während sie ihr Messer schärfte und den Sklavinnen befahl: »Entblößt ihn!« Da gab mir Gott ein die beiden Worte, welche meine Base mir hinterlassen hatte, »Treue ist gut, Verrat gemein,« zu rufen. Sobald sie die Worte vernahm, schrie sie auf und rief: »Gott hab' dich selig, o Asîse, ach, wäre deine Jugend doch verschont! Im Leben und im Tode hast du deinem Vetter genützt.« Dann sagte sie zu mir: »Bei Gott, du hast dein Leben durch diese beiden Worte aus meiner Hand errettet, doch muß ich dir ein Denkzeichen geben, um die Ehebrecherin zu kränken, die dich mir entzogen hat.« Dann rief sie den Mädchen zu: »Knieet auf ihn,« und befahl ihnen mir die Füße mit Stricken zu fesseln. Nachdem sie ihren Befehl vollzogen hatten, erhob sie sich und verstümmelte mich, so daß ich vor Schmerzen in Ohnmacht sank. Als ich wieder zu mir kam, hatte sie das Blut bereits gestillt und reichte mir nun einen Becher Wein, indem sie zu mir sagte: »Mach' dich jetzt fort und geh' zu deinem Weibe, ich habe jetzt kein Verlangen mehr nach dir. Steh auf, streich' über deinen Kopf und bitte Gott um Barmherzigkeit für deine Base.« Darauf gab sie mir einen Fußtritt.

So stand ich denn auf und schlich mich Schritt für Schritt weiter, bis ich zu der Thür kam, die ich noch offen fand. Ganz verstört warf ich mich hinein, als plötzlich mein Weib herauskam und mich in den Saal trug, wo ich in tiefen 81 Schlaf sank. Beim Erwachen fand ich mich jedoch vor dem Gartenthor liegen.

Hundertundsiebenundzwanzigste Nacht.

Bekümmert stand ich auf und begab mich nach Haus, wo ich bei meinem Eintreten meine Mutter über mich weinend antraf und sie die Worte sprechen hörte: »Ach, mein Sohn, wüßte ich doch, in welchem Lande du weilst.« Ich trat nun nahe an sie heran und warf mich um ihren Hals, doch merkte sie, sobald ihr Auge auf mich fiel, daß ich krank war. Mein Gesicht sah gelb und schwarz aus, und in Erinnerung an all die Güte, die mir meine Base erwiesen hatte, weinte ich über sie, da ich wußte, daß sie mich wahrhaft geliebt hatte. Meine Mutter weinte ebenfalls und sagte zu mir: »Mein Sohn, dein Vater ist gestorben.« Da nahm mein Zorn noch zu, und ich weinte, bis ich in Ohnmacht sank. Als ich aber erwachte und mein Auge auf den Platz, an welchem meine Base zu sitzen pflegte, fiel, weinte ich von neuem, bis ich vor lauter Weinen in Ohnmacht sank, und brachte weinend und jammernd den ganzen Tag über bis Mitternacht zu, als meine Mutter zu mir sagte: »Seit zehn Tagen ist dein Vater tot.« Ich antwortete ihr jedoch: »Ich denke nur an meine Base; denn ich verdiene mein Geschick, da ich mich nicht um sie kümmerte, obwohl sie mich liebte.« Als meine Mutter mich dann fragte, wie es mir ergangen wäre, erzählte ich alles, worauf sie eine Weile weinte, dann sich aber erhob und mir etwas zu Essen vorsetzte. Nachdem ich ein wenig gegessen und getrunken und ihr von neuem alles erzählt hatte, rief sie: »Gelobt sei Gott, daß sie dich nicht geschlachtet hat!« Dann pflegte und kurierte sie meine Wunde, bis sie wieder heil geworden war. Als ich mich aber wieder ganz gesund fühlte, sagte sie zu mir: »Mein Sohn, jetzt will ich dir das Vermächtnis deiner Base bringen, denn es gehört dir, und sie hatte mich schwören lassen es dir nicht eher zu geben als bis ich sähe, daß du ihrer 82 gedächtest, dich über sie grämtest, und daß deine Leidenschaft zu einer andern geheilt wäre. Ich hoffe, daß du dich jetzt in diesem Zustande befindest.« Darauf erhob sie sich, öffnete einen Kasten und holte dieses Stück Linnen mit der Gazellenstickerei, das ich ihr zuvor gegeben hatte, hervor, auf welchem ich die Verse fand:

Du hast in meinem Herzen die Liebe erweckt und regst dich nicht,
Du hast meine wunden Lider schlaflos gemacht und schläfst selber.
Bei Gott, mein Bruder, wenn ich gestorben bin,
Schreib auf meinen Grabstein: Hier ist einer Liebenden Gruft.

Als ich diese Verse gelesen hatte, weinte ich laut und schlug mir vors Gesicht; dann öffnete ich das Stück Linnen, und nun fiel ein anderes Blatt heraus, auf welchem geschrieben stand: »O Sohn meines Oheims, ich habe dir mein Blut erlassen und bete zu Gott, daß er dich mit deiner Geliebten vereinigt. Doch sollte dich von der verschlagenen Delîle irgend ein Unheil betreffen, so kehre nicht zu ihr zurück, such' auch keine andere auf, sondern ertrag' dein Unglück in Geduld. Wäre dein Termin nicht fest versiegelt, du wärest längst von der Zeit vernichtet, doch gelobt sei Gott, der meinen Tag vor dem deinigen ansetzte. Mein Frieden komme auf dich, und du hüte dieses Stück Linnen mit der Gazellenstickerei und trenne dich nicht von ihm, da dieses Bild mir während deiner Abwesenheit Gesellschaft leistete.

Hundertundachtundzwanzigste Nacht.

Bei Gott, du darfst jenem Mädchen, das dieses Bild gestickt hat, niemals nahen und sie nicht heiraten, denn, wisse, sie, die diese Stickerei verfertigt hat, stickt jedes Jahr ein gleiches Bild und schickt es zu den fernsten Ländern, damit ihr Name und ihre Kunstfertigkeit, in der ihr niemand auf der ganzen Welt gleich kommt, weit und breit bekannt wird. Als dieses Stück Linnen zu deiner Geliebten, der verschlagenen Delîle, kam, pflegte sie es den Leuten zu zeigen und dabei zu sagen: »Eine Schwester von mir hat dies gestickt.« 83 Doch log sie, und Gott zerreiße dafür ihren Schleier! Dies ist mein Vermächtnis an dich, und nur deswegen hinterlasse ich dir diese Worte, weil ich weiß, daß nach meinem Tode die Welt dir eng werden wird, und du vielleicht deshalb in die Ferne ziehen und durch die Länder schweifen wirst. Wenn du dann von dem Mädchen, das diese Gazellen gestickt hat, hören solltest und deine Seele sich nach ihr verzehren sollte, so wisse, daß es die Tochter des Königs der Kampferinseln ist.« Als ich dieses Blatt gelesen und seinen Inhalt begriffen hatte, weinten ich und meine Mutter, und ich blickte fortwährend weinend auf das Blatt, bis die Nacht kam.

In diesem Zustande hatte ich bereits ein Jahr verbracht, als einige Kaufleute aus unserer Stadt, dieselben, in deren Karawane ich mich hier befinde, sich zu einer Reise rüsteten. Da legte meine Mutter es mir nahe, mich ebenfalls zu rüsten und mich ihnen anzuschließen, und sagte zu mir: »Vielleicht wird dir die Reise deinen Kummer verscheuchen, und kommst du, wenn du eins, zwei oder drei Jahre ausbleibst und dann mit der Karawane wieder heimkehrst, mit frohem Herzen wieder zurück.« Durch solche freundlichen Zureden brachte sie mich schließlich dahin, daß ich mir Waren beschaffte und mit ihnen reiste; doch trockneten meine Thränen nicht, so lange ich unterwegs bin, und an jeder Station, an welcher wir Halt machen, breite ich dieses Stück Linnen vor mir aus und gedenke, indem ich das Bild, das darauf gestickt ist, betrachte, meiner Base und beweine sie, wie du es sahst, da sie mich über die Maßen liebte und infolge meiner Grausamkeit starb. Nichts als Leid hatte sie von mir zu erdulden, während sie mir nur Gutes zufügte. Wenn die Kaufleute von ihrer Reise heimkehren, kehre ich ebenfalls heim und werde dann gerade ein volles Jahr abwesend gewesen sein, während welcher Zeit meine Kümmernis fortwährend wuchs. Allein dadurch, daß ich an den Kampferinseln und dem krystallenen Schloß vorüberkam, ward mein Gram und Kummer so schwer. Es sind dies sieben Inseln, dessen Herrscher der König 84 Schahrimân ist. Derselbe hat eine Tochter, DunjāWelt. geheißen, und ich vernahm, daß sie es war, welche die Gazellen stickte, und daß das Linnenstück, das in meinem Besitz ist, eine ihrer Stickereien ist. Als ich dies vernahm, packte mich ein heftiges Verlangen nach ihr und ich versank im Meer der Gedanken und der Glut, indem ich über meinen bejammernswerten Zustand weinte. Seit dem Tage, daß ich von den Kampferinseln fortzog, hat mein Auge geweint und mein Herz sich gegrämt, und ich weiß nicht, ob ich imstande sein werde in meine Heimat zurückzukehren und dort bei meiner Mutter zu sterben oder nicht, denn ich bin der Welt satt. Dies, o König ist meine Geschichte.«

 


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