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Das Lindhemer Pfarrhaus.

Der alte Präpositus Norberg stand am Abende seines Lebens wie ein von den kühlen Tagen des Herbstes entlaubter Baum da. Von einer innig geliebten Gattin und fünf Kindern war ihm nur sein ältester Sohn geblieben, sein Hjalmar, um den sich nun alle seine Gedanken drehten und auf den sich die ganze Liebe seines warmen Herzens konzentrierte.

Ein Schlag nach dem andern hatte den Präpositus Norberg getroffen; fünf Wochen, nachdem er an der Seite seiner Gattin zerschmettert am Totenbette einer im schönsten Lebensfrühlinge dahingegangenen geliebten Tochter gestanden, war er Witwer, und zwei Jahre darauf raffte der Tod seinen Benjamin, einen vierzehnjährigen Knaben und das jüngste Kind, ein zwölfjähriges Mädchen dahin.

Als sie in die Erde gebettet worden waren und Hjalmar, der Einzige, der ihm noch geblieben, sich zur Rückkehr auf die technische Hochschule vorbereitete, die er beinahe absolviert hatte, legte der Greis ihm die Hände auf die Schultern, sah ihm ernst in die Augen und sagte: »Sagt dir die Laufbahn, die du erwählt hast, sehr zu, Hjalmar?«

»Es ist mir nicht leid geworden, Papa.«

»Das wollte ich eigentlich nicht gesagt haben, ich meine: bist du deinem Fache mit wirklicher Begeisterung ergeben, glaubst du, darin etwas Außergewöhnliches leisten zu können, steckt in meinem Hjalmar vielleicht ein Erfinder?«

Hjalmar schlug die Augen nieder und sagte leise: »Verlange nicht zuviel von mir, Vater. Ich hoffe, daß ich den Platz, den ich nach absolviertem Studium wohl bekommen werde, einigermaßen ausfüllen kann.«

»So darf ich mich denn wohl offen aussprechen. Deine beiden Eltern hatten etwas Vermögen, Hjalmar; Gottes Segen und unsere Sparsamkeit haben das Kapital verdoppelt. Dieses nicht kleine Erbe kommt dir allein zu Gute. Du brauchst nicht andern zu dienen. Würde es dir ein großes Opfer sein, umzusatteln und als Landmann hier bei deinem Vater zu leben? Ich habe nicht mehr viele Meilensteine auf dem Lebenswege zurückzulegen, willst du mich allein an ihnen vorbei wanken lassen, ganz allein, mein Sohn?«

Eine Umarmung war Hjalmars Antwort. Der Pfarrpächter wurde gekündigt und Hjalmar verbesserte als Eleve bei einem tüchtigen Gutsbesitzer, der in Lindhem eingepfarrt war, die nicht unbedeutenden Kenntnisse in unserm Hauptnahrungszweige, die er sich mit lebhaftem Interesse während seiner Kinderzeit, der Schul- und der Universitätsferien angeeignet hatte.

Hjalmar wurde ein tüchtiger Landmann, so tüchtig, daß, als einige Jahre später eines der besseren Güter, das nur 1½ Kilometer vom Pfarrhause lag, zum Verkaufe stand, der Präpositus kein Bedenken trug, sein ganzes Vermögen für Hjalmar darin anzulegen. Doch keiner von den beiden dachte daran, das alte liebe Pfarrhaus zu verlassen, das ihnen ja gehörte, so lange der Alte am Leben war, nein, Hjalmar beaufsichtigte nur die Wirtschaft auf seinem Gute und vermietete das Wohnhaus. Die alte treue Dienerin der Norbergschen Familie Jungfer Malin starb, und die Norbergschen Herren, die einsahen, daß sie durch eine Person niederen Standes nicht zu ersetzen war, beschlossen ein junges Mädchen aus besserer Familie zu engagieren, eine Dame, die dem Alten in Hjalmars Abwesenheit ein wenig Gesellschaft leisten und ihm bisweilen vorlesen könnte, da seine Augen anfingen so schwach zu werden, daß er sowohl »Unser Land« wie die »Stiftszeitung« nur mit Mühe entziffern konnte.

Es war ein schöner Sonnabendabend im milden September, als Jenny hier ihren Einzug hielt. In dem alten rotgrauen Glockenstuhl, den man von der Chaussee aus auf dem Hügel neben der alten, kleinen, mit Latten gedeckten Kirche ohne Turm sehen konnte, läuteten die Glocken über das Land hin den Feiertag ein. Am Fuße des Hügels in einer Thalschlucht, die ein Flüßchen durchströmte, lag, von Birken und Erlen umkränzt, das ziemlich niedrige, rotangestrichene Pfarrhaus mit seinen weißen Balken und einem unsymmetrischen Anbau auf der einen Querseite. Hinter dem Hause erstreckte sich ein Garten bis an den Fluß, und der Hof war von alten riesenhaften Ahornbäumen beschattet. In der Mitte desselben war ein kolossaler Steintisch, von dicht belaubten Kastanien umgeben. Eine Veranda hatte das Haus nicht, nur einen kleinen unbedachten Erker nach alter Art mit einem Brettersitze an jeder Seite, der kaum drei Personen Platz gewährte.

Draußen auf dem Felde fuhren die Erntewagen im Schritte von Hocke zu Hocke, und das gelbe Getreide wurde hoch von starken Armen aufgetürmt.

Es war unmöglich, an einem solchen Abende, begrüßt von der lächelnden, untergehenden Herbstsonne, dem Glockenläuten und den glitzernden Wellen, hierher zu kommen, ohne von einem Gefühle des Friedens und einer ruhigen, stillen Freude ergriffen zu werden, und Jenny konnte den Anflug von Stolz wohl verstehen, mit dem der wohlgenährte Pfarrkutscher die Peitsche erhob und sagte: »Dort unten liegt Lindhem, Fräulein!«

Jenny atmete erleichtert auf. Schon ehe sie noch einen der Menschen gesehen hatte, mit denen sie hier zusammen leben sollte, hatte sie das meiste des beklemmenden Gefühls verloren, das uns gewöhnlich in einer solchen Lage zu überfallen pflegt.

Die dicken Braunen trabten gemächlich bis vor den Erker, von dessen Brettersitze sich ein schöner hochgewachsener Greis erhob, mit silberweißem, vielleicht ein wenig zu langem Haar, einem mageren aber feingeschnittenen Gesichte, unter dessen hoher Stirn blaue, gutherzige Augen erglänzten. Er verbeugte sich mit altmodischer Zierlichkeit und sagte ziemlich förmlich:

»Willkommen, Fräulein Högfeldt!«

Als er aber sah, wie jung sie noch war, wie ihre Wangen brannten und sie ehrfurchtsvoll und schüchtern zu ihm aufblickte, reichte er rasch beide Hände und fügte hinzu:

»Seien Sie mir herzlich, herzlich willkommen! Möchte es Ihnen in unserer Stille und Einsamkeit gefallen!«

Es war Jenny dabei zu Mute, als hätte sie die magere, weiße, runzliche Hand des Greises küssen mögen, und sie trat durch die niedrige Thür fast mit demselben Gefühle ein, als beträte sie einen Tempel, solche Stille und Sabbatsruhe lag über dem Hause.

»Wir sind nur zwei, mein Sohn und ich, und ich hoffe, wir werden Ihnen nicht zuviel Mühe machen. Einfaches Leben, sehr einfaches Leben, sehen Sie. Kein Adjunkt im Hause. Mein Pastorat ist eine Muttergemeinde und keine Filiale, der zweite Pastor ist zugleich mein Vikar, zwei Priester und ein Altar wie man zu sagen pflegt. Ich kann leider nicht mehr viel für Gottes Reich thun und die Sektierer halten mich für einen ziemlich überflüssigen Brotesser. Aber sie sind doch nett und freundlich im Umgange. Alle Leute hier sind nett und freundlich gegen mich Alten, und das müssen Sie auch sein, Fräulein Högfeldt.«

Nun konnte sie sich nicht länger halten, schnell bückte sie sich und drückte die roten, warmen Lippen auf die kalte runzlige Hand des Greises.

»Nun, nun, Kind, Sie müssen den Alten nicht gleich verwöhnen. Bitte! Hier, dachten wir, sollen Sie wohnen, freilich dicht neben dem Eßzimmer, aber, wie ich hoffe, doch ziemlich ungestört«.

Es war ein niedriges, aber helles und geräumiges Zimmer mit der Aussicht auf den Fluß. Aus den vier sie durch die angelehnte Thür anstarrenden Augen sah Jenny, daß es neben der Mädchenkammer lag. Das dritte Dienstmädchen war mit dem Gepäck des neuen Fräuleins beschäftigt.

Als Jenny ein bißchen Toilette nach der Reise gemacht hatte und auf den Erker trat, saß der Präpositus an dem großen Steintisch unter den Kastanien und neben ihm ein jüngerer Mann. Sie kamen ihr sofort entgegen.

»Mein Sohn, mein Letzter,« stellte der Präpositus vor.

»Herzlich willkommen, Fräulein Högfeldt! Verzeihen Sie, wenn im Hause nicht alles so ist, wie es sein müßte. Die eigentliche, hausmütterliche Aufsicht hat hier gefehlt, seit meine Mutter fortging. Papa hat Ihnen wohl geschrieben, wie still und einsam es hier ist?«

Hjalmar war einige dreißig Jahre alt, so groß wie der Vater, doch ohne dessen edle Züge und auch gröber gebaut. Vom Vater hatte er nur die Augen, blau, groß und gut, aber fröhlich und zuversichtlich in die Welt blickend, während die des Alten stets von Wehmut umflort waren. Ein gesund aussehender, echt nordischer, sehr blonder Kopf saß auf den breiten Schultern. Die Stirn war niedrig und breit, die Nase ein wenig zu dick, aber der Mund klein und hübsch wie bei einer Frau, wenn auch von einem üppigen blonden Schnurrbarte beschattet. Die Gesichtshaut war frisch und fein wie bei einem Knaben, obwohl jetzt ein wenig sonnverbrannt, und die ganze Haltung zeugte, obwohl sie nicht weiteren Salonschliff besaß, von selbstbewußter Kraft. Sie wird ja immer so, wenn man sich draußen auf dem Lande aufhält, sein eigener Herr ist, sich vor keinem Vorgesetzten zu bücken braucht und keinen feinen Verkehr hat, in dem man sich abschleifen kann.

Als man sich nach dem Abendessen frühzeitig zurückzog, fand Jenny auf ihrem Nachttische ein feingebundenes Gebetbuch, auf dessen ersten Seite stand: »Valborg Norberg, am Tage der Konfirmation, den 27. Mai 1884.« War es Zufall oder ein freundlicher Gedanke des Alten? Das Buch seiner Tochter! Wie es damit nun auch zusammenhängen mochte, Jenny fühlte es wie ein liebevolles: »Der Herr segne deinen Eingang!«

Tag schloß sich an Tag, es wurde Winter, Advent und Weihnachten, die alle Jenny mancherlei Arbeit brachten. Es war wirklich so, daß das Hauswesen nicht so war, wie es hätte sein müssen. Aber gegen Weihnachten hatte Jenny Ordnung hineingebracht, von den schiefaufgesteckten schmutzigen Gardinen bis zum Leinenschrank, dem Vorratsboden und dem Keller.

Das Sehnen ihres Herzens nach ihm, den sie wohl nie wiedersehen würde, hatte die oft recht schweren Jahre auf Drakebo und die eigenen Geschäftssorgen beinahe unvermindert überdauert; hier war es, als ob die Stille und der Frieden das bittere Entbehren in wehmütige Resignation verwandelt hätten, und sie dachte weniger oft daran, wie es Georg Tornberg wohl gehen möchte und ob er wohl je zurückkehren würde, aber die Andenken an die mit ihm zusammen verlebte Zeit, nahm sie oft zur Hand und drehte und betrachtete sie mit der ganzen Unermüdlichkeit eines nach Liebe hungernden Frauenherzens.

Das Weihnachtsfest war unbeschreiblich schön und feierlich. Am Weihnachtsabend saßen die drei in stillem Gespräch beisammen, und der Alte hatte meistens die Bibel vor sich liegen. Aber obwohl er Prediger war, studierte er doch nicht die heiligen Urkunden, sondern die ersten beschriebenen Blätter, auf denen alle die Namen, Geburts- und Todesjahre der teuren Dahingeschiedenen aufgezeichnet standen, zuerst in stolzen reinen Linien mit fester Hand und zierlicher Schrift, später in häßlichen schiefen Zügen mit zitternden Fingern bei thränenden Augen geschrieben.

Der Alte, der sonst selten predigte, wollte den Frühgottesdienst am Weihnachtsmorgen selbst halten. Liebevolle Hände hatten die Schlittendecke um ihn gelegt, und als Jenny während des Gottesdienstes einmal zufällig dahin blickte, wo Hjalmar Norberg saß, sah sie, wie seine Augen unverwandt und mit inniger Hingebung an dem weißen Haupte auf der Kanzel hingen. Plötzlich rollten zwei große, klare Thränen über seine Wangen. Sie sagten so deutlich: »Vielleicht ist dies das letzte Mal, daß ich die liebe, teure Stimme beim Scheine der Weihnachtslichter in der Kirche höre!« Und dann beugte sie sich nieder und betete für ihre eigenen Lieben, für die Mutter, deren schneebedecktes Haupt sich wie eine reife Weizenähre zur Ernte beugt, und für die Geschwister, die kürzlich den Kampf mit der Welt aufgenommen hatten.

Dann wurden die Tage immer länger, und die relative Ruhe in den häuslichen Geschäften während des Januars und des Februars wurde durch rührige Thätigkeit innerhalb und außerhalb des Hauses abgelöst. Endlich schmolz auch das Eis, und die Kronen der Bäume erwachten wieder zum Leben; die ersten grünen Knospen guckten schüchtern und verzagt aus den Stachelbeerbüschen, und die Palmweide trieb Schösse; die Lerchen jubelten, der rostige Pflug schliff sich in der schwarzen, fruchtbaren Scholle wieder blank, und die Gewebe wurden auf die Bleiche gelegt; aber unter ihnen sprossen Gras und Anemonen, wie die Liebe in der schönen Zeit des Lebensfrühlings unter Arbeit und Kampf in der Menschenbrust entsprießt.


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