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Draußen in der Welt.

Mit zusammengepreßten Lippen, die Stirn an die Scheibe des Saalfensters gedrückt, stand Jenny und sah den rissigen Wagen, der durch das kräftige Ziehen der Blessen auf dem durchweichten Kieswege hin und her schwankte, langsam auf die Landstraße hinaus und zwischen den großen ebenen Feldern hindurchfahren, wo die Roggensaat erwachte, und den Kleefeldern, die noch im Winterschlafe lagen, und auf denen lange, schwarze Furchen mit übrig gebliebenen Schneeflocken abwechselten.

Hier war Papa in vielen, langen Jahren umhergegangen und hatte nachgesehen, daß der Acker ordentlich bestellt würde, hier hatte er gerechnet und auf den Ertrag grünender Saaten spekuliert und war oft in seinen Hoffnungen getäuscht worden, manchmal schon auf dem Acker selbst, wo die Halme dünner standen und in »Bausch und Bogen« gerechnet weniger gaben, als er erwartet hatte, manchmal durch schlechtes Erntewetter, manchmal durch die ungleichen Notierungen des Getreidemarktes bei einer guten, glücklich eingebrachten Ernte.

Daß nicht mehr übrig geblieben war nach Papas und Mamas ganzem, langen, strebsamen und entbehrungsreichen Leben! Was mochte Mama nun wohl gerade denken, da sie zum allerletzten Male den thränenerfüllten Blick über die wohlbekannten Äcker gleiten ließ, auf dem Papas alter grauer Rock stets zwischen den Pflügen und Hocken, in der Saat- und der Erntezeit zu sehen gewesen war!

Jenny hatte ihren Vater ebenso sehr wie die andern betrauert und ihr that das Herz nun beim Scheiden nicht weniger weh als den Geschwistern. Aber ihr war es nicht überraschend und zerschmetternd gekommen. Die häuslichen Geldsorgen waren in den ersten Lebensjahren des ältesten Kindes am schwersten gewesen, hatten früh schon Jennys kindlichen Frohsinn gedämpft und ihrem sonst so rosigen Gesichtchen einen nachdenklichen, altklugen Zug gegeben. Sie war kaum acht Jahre alt, als ihre Gedanken, selbst unter Spiel und Lust mit andern Kindern, immer wieder nach Elgarås zurückeilten und sich damit beschäftigten, ob Papa wohl soviel für die große Kuh bekommen hatte, wie er gehofft, ob das Korn wohl herein käme, ehe der Regen losbrach, ob der strenge Herr drinnen in der Stadt wohl freundlich gegen Väterchen gewesen wäre, als dieser die Zinsen nicht auf den Tag bezahlen konnte.

Und als sie ein bißchen älter war, begann sie für den bescheidenen, mühsam erworbenen Wohlstand zu zittern, davor zu beben, »daß etwas geschähe,« was sie wieder arm machen könnte, und zur selben Zeit begann sie an die noch ferner liegende Zukunft zu denken.

An den Tag, der jetzt gekommen war, hatte sie seit mehr als zehn Jahren gedacht und ebensolange darauf gewartet. Was einmal aus ihnen werden sollte, wenn der alte Hausstand sich auflöste, das hatte sie sich hundertmal überlegt, oben in ihrem Giebelstübchen, unten in der Webekammer und beim Hantieren mit den Milchsatten in der Meierei.

Und nach bestem Vermögen hatte Jenny sich für den jetzigen Augenblick zu rüsten versucht. Mit nie erlahmendem Eifer hatte sie sich alle Kenntnisse, alle Handfertigkeiten angeeignet, zu deren Erlernung sich ihr Gelegenheit geboten hatte. Als Alma, die Tochter des Fabrikdirektors, in Pension gekommen war und die Spielgefährtin während der Ferien förmlich mit ihrer Gelehrsamkeit vernichtete, äußerte sie nie eine Klage, belästigte Vater und Mutter nie mit der Bitte, sie doch auch etwas lernen zu lassen. Sie nähte und zeichnete Wäsche, sie kam still in die Küche und in die Webekammer und half bei allem, was man ihr noch nicht allein anvertrauen wollte, und eines Sommers, als Alma nach Hause kam und sich mit französischen Vokabeln groß that und die lateinischen Namen von Kümmel und Pfingstlilie wußte, führte Jenny sie schweigend auf die große Bleiche hinter dem Garten, deutete dort auf ein sechsundzwanzig Ellen langes Gänseaugengewebe von Leinen und sagte: »Du, das habe ich gewebt.«

So kam eines Tages der Präpositus ins Haus und erzählte, daß seine Frau sich nicht von ihren Töchtern trennen und sie in die Stadt schicken wolle, sondern eine Erzieherin zu nehmen gedächte, und er fügte hinzu: »Mit der Beköstigung geht es wohl an, Bruder, eine Person mehr am Tische, wenn wir schon an und für sich acht sind, das macht nicht so viel aus, aber solche Damen lassen sich heutzutage gehörig bezahlen, soviel will ich dir nur sagen, Högfeldt, meine bekommt 200 Kronen, gerade soviel wie ich früher als Adjunkt. Nun dachte ich dir einen Vorschlag zu machen. Wir wohnen ja nur zehn Minuten von einander entfernt und es ist wirklich schade um Jenny, die ja garnichts lernt; bezahle du mir ein Drittel des Erziehungsgehaltes, das macht 66 Kronen und wenn man's genau nehmen will, 67 Öre dazu, so teilt deine Jenny den Unterricht unserer Mädchen.«

Jenny war im Zimmer und hörte zu. Ihre Augen leuchteten und ihre kleinen Lippen zuckten. Jetzt hätte sie sich gewiß mit einer Bitte hervorgewagt, wenn es nötig gewesen wäre, aber der Papa hatte schon ihr glühendes Gesichtchen gesehen und geantwortet:

»Danke, Freund, das thue ich gern und bin dir und deiner Fran überdies auch noch sehr dafür verpflichtet, denn sonst wäre eine ordentliche Erziehung für uns zu teuer geworden, obwohl ich oft mit Sorge an meine Kleine gedacht habe. Willst du, Jenny?«

Ob sie wollte!

Nach drei Monaten sagte die Frau Präpositus zur Erzieherin:

»Liebe Louise, hat Jenny Högfeldt einen so viel besseren Kopf als unsere Mädchen?«

»Nein, gewiß nicht, liebe Tante, Jenny ist ein recht mittelmäßig begabtes Kind, aber Anna hat einen brillanten Kopf.«

»Wie ist das aber möglich, Liebste? Anna kann es ja Jenny durchaus nicht gleichthun im Lernen.«

»Ja, siehst du, Tante, das liegt an der Energie. Darin habe ich Jenny Högfeldts Gleichen noch nicht gesehen.«

Oh, wie sie in Fräulein Louisens bescheidenem Wissen in den drei Jahren schwelgte, während welcher sie im Pfarrhause lernen durfte. Die ganze Zeit über hatte sie das Gefühl, welches, wie ihr euch erinnern werdet, uns alle überfiel, wenn wir in einem fremden Garten vor die Beerenbüsche geführt wurden und man zu uns sagte: »Nimm dir, so lange noch etwas daran ist!« Nun es reichte nicht lange und Jenny konnte sich in unserer Zeit »der Staatlich-Geprüften« »und in der Schweiz ausgebildeten Gouvernanten« durchaus nicht für ein »wirklich gebildetes Mädchen« ausgeben, aber diese Kr. 66,75 in drei Jahren = 200 Kr. hatten sie doch in Stand gesetzt, auf eine Annonce »ein anspruchloses junges Mädchen, welches willig und fähig ist, zwei kleine Mädchen und einen Knaben in den Anfangsgründen zu unterrichten« zu antworten, wodurch sie nun heute in Bjelkåsa bei Hauptmann Granboms eingeführt werden sollte.

Später mußte sie wieder im Hause mit zugreifen, und nach ein paar Jahren konnte Jenny ungefähr alles, was Mama, Karin und Lina konnten. Aber in ihrem Kopfe entstanden große Pläne. In dem Kochbuche, das ihr die Eltern am letzten Weihnachten als einzige Gabe geschenkt hatten, war von Gerichten die Rede, welche nie auf Elgarås vorkamen, Gerichten, von denen Lina und Karin keine Ahnung und selbst Mama nur recht unklare Begriffe hatten. Es kam jetzt darauf an, sich an den großen Festen Mamas Erlaubnis zu erbetteln, eines oder das andere in sehr kleinen Portionen und, wo es anging, mit bedeutend vereinfachten Ingredienzien zubereiten zu dürfen. Zwischendurch galt es »einem einzigen Teller für den armen Papa«, wenn er vom Markte oder aus der Stadt kam und müde und durchgefroren war. Ja, etwas kostete das freilich, aber dafür schmeckte es dem alten Vater auch, und hatte nun das bewirkt, daß Jenny sich vor dem Zusatze in der Annonce des Hauptmanns »Geschicklichkeit zur Hülfe im Haushalte, soweit die Zeit es erlaubt« nicht zu fürchten brauchte.

Ja, und als der gute Hauptmann für seine zweimal im Briefe feierlich ausgelobten und sowohl mit Buchstaben wie mit Ziffern geschriebenen einhundert Kronen (100 Kr.) jährlich auch noch forderte, Fräulein Jenny sollte in vielleicht noch ledigen Momenten auch die Gutsrechnungen führen, war sie auch davor nicht ängstlich, denn ihre Handschrift hatte sie in acht genommen und sie hatte nicht versäumt sich die Anleitung ihres Papas, der ein tüchtiger Buchhalter gewesen war, zu Nutze zu machen.

So stand sie da, unsere kleine Heldin, die weiße Stirn gegen die Scheiben gedrückt, in dem leeren Heim, mit Sorge im Herzen und roten Augen, ohne »wirkliche Bildung«, ohne auch nur das geringste Zeugnis weder von einer höheren Töchterschule, noch von einem praktischen Haushaltsinstitute, aber bereit, den Kampf ums Brot in einer egoistischen Welt aufzunehmen.

Mehr als zehn Jahr hatte sie auf diesen Tag gewartet und sich nach bestem Vermögen dazu gerüstet.

Nun kamen die Blessen mit Herrn und Frau Ohlsson zurück. Jenny kam ihnen in Hut und Mantel auf der Treppe entgegen. Es waren einfache, freundliche Leute.

»Nein, aber, Fräulein Högfeldt, wollen Sie nicht ein bißchen warten und ein bescheidenes, kaltes Mittagbrot mit uns essen? Wir haben es im Korbe mitgebracht.«

»Danke, liebe Frau Ohlsson, es wird mir zu spät. Ich muß nun fort.«

Und dann wünschte sie ihnen Glück und Wohlergehen in dem alten Heim, welches das ihre gewesen war. Und Ohlssons wünschten, daß es Fräulein Jenny auf ihrer Stelle gefallen und es ihr gut gehen möchte, und Frau Ohlsson, die selbst einmal für 30 Kr. monatlich auf einem Komptoirsessel in Trelleborg gesessen hat, wurde es so warm ums Herz und die Thränen traten ihr in die Augen, und der neue Herr sah so lieb und gut aus und drückte Jennys Hand herzlich.

Und dadurch bekam sie Mut, die Bitte, die ihr auf den Lippen schwebte, auszusprechen; sie fiel Frau Ohlsson um den Hals und flüsterte:

»Und das Grab, Papas Grab! Gott segne Sie, wenn Sie es ein wenig pflegen wollen. Und wenn Sie im Frühlinge zur Kirche fahren, so nehmen Sie ihm Syringen von seinem geliebten Elgarås mit ...

Nun wurde es der kleinen Frau Ohlsson wirklich zuviel. Sie vermochte vor lauter Rührung nicht zu antworten, aber Herr Ohlsson drückte noch einmal Fräulein Jennys beide Hände und versprach, daß er, der die Felder von Elgarås mit so viel Aufopferung besäet und gepflegt hatte, von dem neuen Besitzer nie vergessen werden würde.

Noch ein Blick in die teuren, leeren Räume, und dann fährt der alte Johannes sein Fräulein das erste Stück der Fahrt in die Welt hinaus.


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