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Fräulein Jenny und ihr Elternhaus.

Die junge Schwedin, deren Schicksale und Abenteuer auf dem Wege der Kondition, hoc est des Kampfes ums Brot, ich nun zu schildern versuchen will, habe ich manch liebes Mal mit meinen eigenen, leiblichen Augen gesehen.

Ich bin ihr in Wexiö, Stockholm und Jönköping auf der Straße begegnet, habe sie in der Thür des Bazar Leja gestreift, wo sie in kostbares Pelzwerk gekleidet war und bin von ihr auf der Veranda des baufälligsten Pfarrhauses in Sünnerbos entlegenstem Winkel in altmodischem Kattunkleide empfangen worden, wo sie so ländlich frisiert war, daß man sie für eine hübsche Magd hätte halten können, wenn nicht ...

Es ist nicht dieselbe Person, die ich in so wechselnder Gestalt gesehen habe, es ist der Typus. Es war nicht Fräulein Jenny Högfeldt, die mir so Mal für Mal begegnete, es waren ihr Frauentypus, ihre Rasse, ihre Schwestern, das gesunde, kernige Holz, das ein wenig selten zu werden beginnt, aus dem aber unsere Heldin geschnitzt ist und das man noch gelegentlich entdeckt, wenn man ein Auge dafür hat: eine junge, nichtgeschnürte Schwedin von fünf Fuß und fünf Zoll, eine gute Viertelelle kleiner als ein hochgewachsener Mann, im Falle unser Herr ihr einen solchen zur Seite gegeben hat, mit einer kräftigen, wohlgebildeten Figur, die man »charmant« genannt hätte, wenn sie nicht so untersetzt gewesen wäre, mit reichem, hellbraunen, weichen, glänzenden Haar, mit einem Gesichte, das für schön gegolten hätte, wenn die Nase nicht so breit, ein bißchen bäurisch gewesen wäre und dadurch ihr Profil verdorben hätte. Glücklicherweise war sie wenigstens nicht aufgestülpt. Dann hätte ich die Besitzerin nicht für mein Buch gebrauchen können.

Kein unicum, keine Weltdame, kein Engel und keine Märtyrerin. Ein gutes Mädchen, weiter nichts.

Ihre Stirn ist weiß und wohlgeformt, eher breit als hoch, ihre Ohren sind ein wenig zu rot, sonst klein und hübsch, stehen nicht wie Topfhenkel vom Kopfe ab, sondern schmiegen sich dicht, dicht an das hellbraune, glänzende Haar, dies reiche, schöne Haar, an das man seine Stirn legen und sie in süßen, betäubenden Gedanken daran hin und her streichen möchte.

Ihr Kinn ist etwas zu kurz und sie ist ein bißchen zu wohlgenährt; daher das entzückende Grübchen, in dem sich die Amorinen drängen und stoßen würden, wenn nicht die großen, klugen, tiefblauen Augen so klar, ernst und forschend wären, daß man sofort sieht, hier würden solche Kobolde nicht für gewöhnlich hinpassen. Der Blick dieser Augen kann wohl alles ausdrücken, was ein Menschenblick im allgemeinen vermag, Sanftmut und Zorn, Trauer und Freude, doch was man zuerst darin liest, ist Wahrheitsliebe und Energie. Beim ersten Blicke flößt sie Vertrauen ein, aber weiter nichts, und ebenso beim zweiten, dritten oder vierten.

Sie trägt den Kopf keck und hübsch auf einem blendendweißen, aber kurzem Halse, und ihre Wangen sind schön. Eigentlich sind die Wangen das Schönste an ihr. Sie sind fein in weichen Linien gemeißelt, spiegeln mit einer Treue, die beinahe ärgerlich wirkt, jeden Wechsel des Blutes und des Gemütes wieder, sind voll, ohne rund zu sein und hätten in ein viel feiner und edler geschnittenes Gesicht als das ihre gepaßt. Solche Wangen halten den Ausdruck Jugend noch dann in einem Frauengesichte fest, wo es sonst unmöglich wäre und lassen es sogar bei den ersten grauen Haaren mehr kokett als wehmütig erscheinen. Im Sommer werden sie durch kleine, leichte Sommersprossen beim Haaransatz ein wenig verunziert.

Es ist ein ehrliches, gesundes, gutes, schwedisches Gesicht. Ihre Handschuhnummer ist 6½ und ihre Füße sind nicht klein. Mit dem linken geht sie sogar ein bißchen einwärts. Aber sie hat mit den breiten, weißen, wohlgeformten Händen viel gearbeitet und ist hin und her, Trepp' auf, Trepp' ab gelaufen und hat selten Zeit gehabt, an Chic und Grazie zu denken.

Ihre Haltung ist ebenfalls nicht so vollkommen gleichmäßig und gut, wie die von Generation auf Generation vererbte und in den Salons weiter ausgebildete der höheren Klasse, welcher selbst die größte Müdigkeit und Nachlässigkeit jede Spur von Eleganz nehmen kann. Wenn sie auf sich achtet, ist sie mit ihrer hübschen, vollen Figur ganz stattlich, thut sie es aber nicht, so fällt sie ein wenig zusammen. Und sie ist müde gewesen, manch' liebes Mal zum Sterben müde, die arme Jenny!

Sie ist ein »feines« Mädchen aus dem schwedischen Mittelstande. Wenn sie in Seidenbrokat gekleidet in einem feinen Landauer führe, würde sie doch nicht wirklich vornehm aussehen; begegnete sie dir im Vorzimmer mit aufgestreiften Ärmeln und einer Küchenschürze, würdest du sie doch nicht für das Stubenmädchen halten.

In dem großen gelbangestrichenen Herrenhofe, der durch eine Allee alter üppiger Ahornbäume und Espen mit der Landstraße verbunden ist, wurde sie geboren und dort hat sie zweiundzwanzig Jahre lang gelebt. Es liegt nun beim warmen Wetter der Märztage etwas Müdes, Trauriges über dem gelben Hause, von dessen defectem Dache der Schnee in Flocken zerstiebend, heruntergleitet, während das Wasser durch die Rinnen herabläuft. Dort, wo die gelbe Farbe sich abgenutzt hat, sind große, runde Flecke auf den Wänden, der Hof sieht vernachlässigt aus und Stroh, Strickenden, Späne und Stöcke liegen gerade vor der großen offenen Rampe. Die Thür zum Flügel, in dem sich die Wirtschaftslokalitäten befinden, steht weit offen und ein Frachtwagen hält davor, die langen Fensterreihen sehen leer und düster aus, keine Gardinen, kein Blumentopf – und in der geräumigen Halle (einer der einfachen, einer Scheundiele gleichenden, gemütlichen Vorhallen in alten Herrenhäusern, wo das Krocketspiel und die bunten Reifen, ein altes schwarz und weißes Korbsofa und die von der allgemeinen Feuerversicherung fürs Land vorgeschriebenen Feuereimer, helle Kleider und freundliche Gesichter dem ersten Blicke des Besuchers zu begegnen pflegen) standen jetzt nur zwei zugenagelte Frachtkisten, hing jetzt nur noch ein vergessener, schmutziger, vertragener Sommerhut mit blauen Bändern, die leise und melancholisch in dem Luftzuge, der durch die offene Thür kam, hin und her wehten.

Es war am Tage vor dem vierzehnten März, diesem großen Umzugstage aller Landbewohner und Gutsbesitzer. Högfeldts Witwe und Kinder sollten auch Elgarås verlassen, da der Hof verkauft und die Mobilien, bis auf das bißchen, was Frau Högfeldt für ihre drei kleinen Stuben in der Stadt brauchte, verauktioniert worden waren.

Frau Högfeldt, eine stattliche, kräftige alte Dame, etwas gebeugt durch nahezu sechzig, strebsame Jahre, ging durch die leeren Räume und nahm Abschied. Sie hatte lange auf dieses Heim warten müssen, das ihr der Liebste erst hatte bereiten können, als sie 36 und er 44 Jahre alt war. Und Gott mag wissen, ob sie nicht doch noch zu früh darin eingezogen waren, denn es war schwer zusammenzuhalten und nur mit den größten Entbehrungen und der härtesten Arbeit aller Hände hatten sie das teure Heim vor offenbarem Mangel, Not und fremden Händen zu schützen vermocht. Es hatte eine Zeit gegeben, wo das Siegel des Amtmannes sowohl auf den Hörnern der Ochsen wie auf dem Rücken des einfachen Sofas in der guten Stube gesessen und da der Kummer die Besitzer von Elgarås die ganze Nacht wach gehalten hatte.

Aber unser Eigentum erhält weniger seinen Wert durch die Freude, die wir daran gehabt haben, als durch den Kummer, mit dem es erworben worden ist, und daher wurde Frau Högfeldt der Abschied von diesen alten Räumen, wo sie mehr als ein Vierteljahrhundert geliebt, gestrebt, geweint, gehofft und auch viel Freude erlebt hatte, beinahe ebenso schwer wie der Augenblick, als sie vor nun bald einem Jahre ihn, mit dem sie alles so treu geteilt hatte, vom Hofe in seinem schwarzen Sarge fahren sah, der aus einer der reifsten Föhren seines geliebten Elgarås gezimmert war.

Nun war alles geregelt, alles in andere Hände übergegangen, aber auch alle Schulden bezahlt und soviel Überschuß, daß Frau Högfeldt nun doch ein wenig hatte, um in der Stadt mit ihren »Kleinsten« zu leben und dort eine Speiseanstalt für Schulknaben einzurichten. Die »Kleinsten« waren freilich nicht mehr so klein, obgleich sie die späten Herbstblumen eines alten Paares waren. Karl war siebzehn und Emmy fünfzehn Jahre alt, bald würden auch sie sich ihr Brot verdienen und der Mutter eine Stütze in ihrem Alter sein können.

Frau Högfeldt eilte von Zimmer zu Zimmer. Die vielen Erinnerungen begannen ihr zu schwer zu werden, und als sie schließlich in Papas Stube kam, – »Comptoir,« nannten es die Dienstboten – hatte sie fast genug. Dort lag Jenny auf den Knieen, über einen alten, kleinen Koffer gebeugt, der das Letzte aufnehmen sollte, was sie noch ihr nennen konnten. Aber die Hände rührten das Zeug nicht an, und die Schultern des Mädchens bebten vom Schluchzen. Die Mutter berührte sie leicht an der Achsel.

»Was thust du, Jenny?«

»Ich ... ich packe Emmys Wäsche ein, Mama.«

Und dabei blickte sie zu der Mutter auf und lächelte trotz ihrer roten Augen.

Die Alte sank an ihrer Seite auf den nackten, harten Fußboden nieder.

»Kind, ich hätte alles ohne Murren ertragen, wenn wir nur hätten zusammenbleiben dürfen. Dich und Elgarås am selben Tage zu verlieren, das wird meinem alten Herzen zu viel. Du bist so eigensinnig, Jenny; du hättest doch auch in der Stadt Arbeit finden können.«

Jenny öffnete den Mund zur Antwort, legte dann aber still den Kopf an der Mutter Brust und streichelte ihr leise die runzlige Wange. Über die Sache hatte man sich augenscheinlich schon lange ausgesprochen. Nun war alles in Ordnung. Der alte Johannes fuhr langsam mit dem alten Zuwagen, dessen Verdeck einen Riß hatte, und den alten Blessen vor der Treppe vor; zum letzten Male sollten die Pferde ihre Herrin ziehen.

Beim Frühstück, nach dessen Beendigung das Letzte eingepackt worden war, hatte sich Jenny vier große Zuckerstücke in die Kleidertasche gesteckt, und nun ging sie damit hinunter und gab jedem der Blessen zwei, und der eine scharrte mit dem Hufe und der andere schnoberte so vergnügt und machte ihr mit seinem Maule die Bluse schmutzig, doch daraus machte sie sich nichts, es war ja das letzte Mal.

Da schlangen sich plötzlich zwei lange starke Arme um den Hals des einen Blessen und so wildes, verzweifeltes, stürmisches Schluchzen, wie es die Gefühle eines siebzehnjährigen nur hervorbringen können, ertönte: »Bleßchen, liebes Bleßchen, nie wieder werde ich auf dir reiten!« Das war Karl, der von seinem Lieblinge Abschied nahm.

Der alte Johannes räusperte sich auf dem Kutschenbocke und strich sich mit der umgekehrten Hand das Nasse aus den Augen. Als der Gutsherr nach dem Kirchhofe sollte, war ihm kaum trüber zu Mute gewesen.

Auf der Treppe stand Frau Högfeldt und stützte sich so schwer aufs Geländer, daß die Adern auf ihrer runzeligen braunen Hand hoch anschwollen.

»Emmy, wo ist Emmy?«

Ein schlankes, flachsblondes Mädchen mit halblangem Kleide und verweintem Gesichte stürmte hinter dem Wirtschaftshause hervor, warf sich in die Arme der Mutter und schluchzte:

»Ich bin im Boothause gewesen, Mama, und ... bei ... den Hühnern ... und ... bei meinem kleinen Lamm ... ach, wenn ich doch auf Elgarås hätte sterben dürfen! Adieu ... Lina ... adieu Karin ... ich kann nie im Leben wieder froh werden!«

Endlich waren sie alle, außer Jenny, untergebracht. Zuerst sollten die Pferde mit Mama und den Geschwistern den kleinen Weg nach der Bahnstation machen, und dabei zugleich den neuen Besitzer Herrn Ohlsson abholen, und wenn sie dann zurückkamen, sollten sie Fräulein Jenny die ersten 15 Kilometer ihrer Reise nach ihrer ersten Kondition fahren. Bis zum Abende des dreizehnten März standen die Blessen und Johannes noch im Högfeldtschen Dienste.

Die kleinen Geschwister weinten, als sollte ihnen das Herz brechen, und Karin und Lina halfen ihnen getreulich dabei. Johannes schneuzte sich oft und lange und blickte starr vor sich hin auf das Wagenleder. Der Frühlingsregen fiel in leisen Tropfen und dahinten lag die Landstraße, schwer und grundlos durch das Tauwetter, so düster und endlos anzusehen, wie der Weg durchs Leben für diese Vier war, die sich noch einmal fest in den Armen hielten und flüsterten: »Behalte mich lieb! – Vergieb mir alles! – Mein Kind! – Gott segne Euch! – Lebewohl!«

Jenny machte sich schließlich aus den teuren Armen los und nickte dem alten Johannes zu, daß nun alles vorbei sei.


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