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Dreizehntes Capitel.

Eine Entscheidung.

Es war gegen zehn Uhr Abends.

Die Lampe brannte düster in einem Zimmer, dessen grünseidene Fenstervorhänge tief herabgelassen waren. Im Kamin glühte noch etwas die eben verkohlende Asche. Draußen jagten Carrossen. Die Theater sind beendet. Die großen Gesellschaften füllen sich. Auch Volksmassen tummelten sich noch. Man hörte an dem lebhaften Sprechen der Vorübergehenden, das von unten herauf scholl, wie die Gemüther erregt waren. Auch der Schritt wandernder Militair-Patrouillen war dem Ohre hörbar, das hören wollte und konnte.

Helene d'Azimont, die zu diesen nicht gehörte, lag ausgestreckt auf einer Chaise-longue, die in die Nähe des Kamins gerückt war. Das Zimmer war fast überhitzt. Sie fror. Eingehüllt in einen großen Shawl konnte sie sich nicht erwärmen. Ihre Hände fröstelten. So zitterte das Kinn, daß sie laut stammelte. Diener und Kammermädchen hatte sie abgewiesen. Sie wollte keine Hülfe, sie erwartete den Tod.

Schon seit dem Morgen um halb elf Uhr lag sie so.

Sie war nach Hause gekommen, aus dem Wagen mehr gesunken, als gestiegen und hatte sich gleich auf ihr Bett geworfen. Die Mädchen entkleideten sie, was auf ihren stummen Wink geschah. Man wollte zum Arzte schicken. Sie hatte es heftig ablehnend untersagt.

Wer an der Thür lauschte, hörte sie oft laut schluchzen. Dann lachte sie wie wahnsinnig, dann weinte sie wieder.

Von einer Nahrung, die sie zu sich nahm, war keine Rede. Sie schüttelte nur, todtenblaß, ihr entstelltes, von Thränen fast ungleich gefärbtes Antlitz.

Meldungen, sogar diejenigen, die Besuche von Rafflard, von Heinrichson ankündigten, wurden abgelehnt. Sie lag halb erstarrt. Ihr Kopf wühlte sich in ein Kissen, das von Thränen schon durchnäßt war. Nur auf vieles Zureden ihrer Mädchen erhob sie sich und ließ sich auf die Chaiselongue führen, die man an den Kamin rückte. Gegen Abend heizte man.

Um sechs Uhr etwa begehrte die Gräfin einige Löffel Suppe. Sie aß nicht den vierten Theil eines Tellers und stieß den Rest zurück. Die Arme hingen herab vom Körper, willenlos, schlaff. Die Augen sahen starr oder schlossen sich vor Erschöpfung. Oft griff sie plötzlich nach dem Herzen. Man hatte alle Bänder an ihren Kleidern aufknüpfen müssen. Jeder Druck machte ihr Beengung. So streckte sie sich wie leblos.

Gegen Acht wurde sie hörbar. Sie klingelte. Sie machte eine Miene, etwas zu begehren. Sprechen konnte sie nicht. Die Hand streckte sich nach einem kleinen Tisch am Fenster hinüber und deutete auf die dort gesammelten Zeitungen. Man wollte sie bringen. Sie schüttelte den Kopf und deutete hinaus auf den Eingang ihrer Wohnung. Man verstand sie jetzt erst. Sie wollte die Zeitung von diesem Abend haben. Man ging hinaus, sie zu holen.

Sie war noch nicht angekommen.

Ein tiefer Seufzer war ihre Antwort.

Endlich kam das ersehnte Blatt.

Sie erhob sich geisterhaft. Krampfhaft schlug sie das noch nasse Papier auf und durchflog es.

Bald entdeckte sie die mit großen Lettern gedruckte Stelle, die sie suchte. Sie lautete:

»Die Krisis ist noch nicht beendigt. Fürst Egon von Hohenberg hat ein Programm vorgelegt, das die vollständige Billigung des Hofes erhielt. Die Frage ist nur die, ob der Fürst sein Ministerium wird vervollständigen können. Die Nachricht einiger Blätter, daß er einige jüngere Beamte und Offiziere als Collegen vorgeschlagen hätte, ist eine Verleumdung. Vorläufige Liste: Conseilpräsident und Minister des Innern: Fürst Egon von Hohenberg. Auswärtige Angelegenheiten: General Voland von der Hahnenfeder. Krieg: General Arnheim. Cultus: Propst Gelbsattel. Handel und Gewerbe: Justus. Königliches Haus: Geheimrath von Harder.«

Helene warf die Zeitung hin, als wär' es ihr lieber, sie fiele gleich in die Flamme des Kamins. Sie sah nicht, daß der Bediente sie aufhob. Sie hörte auch nicht, ob er ging oder blieb.

Ein sanfter Thränenstrom entfloß ihren Augen. Eine unendliche Rührung schien sie über ihre eigenen Schmerzen zu ergreifen. Erst erquickten sie diese rinnenden Perlenbäche, die aus den heißen fieberhaften Augen flossen. Dann aber gerieth sie doch wieder in lautes Schluchzen und wieder der Brustkrampf stellte sich ein. Sie mußte husten, als wenn sie ersticken wollte. Das Blut, das sie zuweilen in ihren Tüchern erblickte, schien ihr eine Erleichterung.

Rafflard und Heinrichson ließen sich zum zweiten male melden. Sie nahm sie wieder nicht an.

Gegen neun Uhr kam ein Billet von Paulinen.

Ohne Hast, ergeben und schmerzlich, öffnete sie es.

Pauline schrieb:

»Helene, was hör' ich! Sie sind unglücklich über die glänzende Laufbahn unsres Freundes! Eben sitzt Egon an meinem Schreibtisch und redigirt eine genauere Erläuterung seines meisterhaften Programms. Zwei Worte, die er fallen ließ, verriethen mir, daß Sie eine Scene hatten. Warum Das, Helene? Warum fliehen Sie mich? Warum schließen Sie sich nicht unsern großen, bedeutungsvollen Plänen an? Egon liebt Sie, Helene! Aber stellen Sie sich nicht in den Weg, der zu seinem Ruhme führt!...«

Egon liebt mich! rief Helene und zerriß, kurz den Rest dieses Billets überfliegend, es in hundert Stücke, die sie zornig in den Kamin warf. Er liebt mich? Und kann mich mit Füßen treten, mich fast an den Haaren schleifen, wenn ich ihm sage: Vernachlässige mich nicht! Waren die zwei Worte, die er fallen ließ, vielleicht die, daß ich auf der Erde vor ihm lag und ihn um den Tod bat? Waren die zwei Worte vielleicht die, daß ich sagte: So will ich dein Weib sein! War es die kalte, herzzerschneidende Antwort: Helene, ich muß zum König! Beschäme mich nicht mit einem Geschenk, für das ich dir würdig zu danken keine Zeit habe!

Ein krankhaftes Lachen befiel sie bei diesem Selbstgespräch. Sie sprang auf. Sie wollte nun Menschen sehen. Sie rief nun nach Rafflard, nach Heinrichson. Es war aber nach zehn Uhr. Zu spät, um sie noch entbieten zu können! Sie durchschritt die Zimmer, riß die Fenster auf, wollte ausgehen, zog an den Klingeln, die Diener und Mädchen standen hinter ihr, sie wußte nicht, was sie ihnen befehlen sollte.

Laßt uns allein! rief sie endlich den Dienern. Entkleidet mich! stöhnte sie den Mädchen.

Langsam schritt sie in ihr Zimmer zurück, ließ mit sich geschehen, was man beginnen wollte und sank in's Bett, bewußtlos, ohne Schlaf und ohne Wachen. Immer horchte das Ohr, ob nicht doch noch Egon käme, und wenn auch nach Mitternacht! Erst gegen Morgen ergab sich das gequälte Gemüth den Forderungen des erschöpften Körpers. Sie entschlief...

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Helene erwachte.

Rafflard und Heinrichson hatten sich schon in aller Frühe nach ihrem Befinden erkundigen lassen. Von Egon fand sie keine Anfragen vor.

Sie ließ sich langsam ankleiden. Sie fühlte sich vom Schlafe nicht gestärkt. Die Rückerinnerung an die gestrigen Erlebnisse war ihr grauenhaft.

Um elf Uhr kam Drommeldey, der ihr Aussehen, ihren Puls bedenklich fand.

Er war nicht ohne Neugier, der Sanitätsrath. Er kannte die eigenthümlichen Verhältnisse dieser gestörten Liebe; noch mehr, da er ein vornehmer Frauenarzt war, verstand er sich auf die Pathologie der »brechenden Verhältnisse«. Er erklärte sie für einen jener Seelenzustände, bei denen man vorzugsweise dem gastrischen Rückschlage vorbeugen müsse. Er billigte die Diät der Gräfin und schied von ihr mit den Worten:

Verehrte, hüten Sie sich zwar vor dem Übermaß der Gefühle! Aber dennoch gesteh' ich, daß ich mehr für das volle Ausbluten des Herzens bin, als für die gewaltsame Unterdrückung. Ich weiß nicht, was Sie so stören, so bewegen kann. Aber wenn Sie Kummer haben, meine Gnädigste, so nehmen Sie nur den Kelch des Schicksals gleich ganz, trinken Sie den bittern Schierling hinunter bis zum letzten Tropfen! In der Wahrheit gegen sich selbst liegt die Genesung. Nur nicht fliehen vor dem Schmerz! Nur nicht dem Fatalen aus dem Wege gehen! Beileibe nicht! Das gibt geistige Blutzersetzungen und erzeugt unterlaufene Seelenzustände, die sehr entzündlich werden können. Für heute aber thun Sie mir den Gefallen, lassen Sie anspannen und genießen Sie die stärkende, erfrischende Luft nicht nur, sondern auch die viel trostreichere und erquickendere Abwechselung der Gegenstände, die sich Ihnen bei einer raschen Spazierfahrt darbieten werden. Versprechen Sie mir Das?

Die Gräfin versprach es nicht nur, sondern erfüllte auch des Sanitätsraths Begehren, sogleich anspannen zu lassen. Er wollte sie ausfahren sehen.

Ich bin noch nicht angekleidet.

Sie müssen einen Mantel nehmen! Es ist oktoberfrisch...

Dabei zog Drommeldey sein Portefeuille und gab ihr aus der kleinen portativen Apotheke, die er bei sich führte, einige Streukügelchen. Er erklärte also die Krankheit der Gräfin für eine von denen, bei welcher die Homöopathie zulässig war.

Drommeldey, ein sehr kluger Weltmann, rührte die Streukügelchen selbst in einem Glase Wasser ein und plauderte dabei von Politik, Ministerium, Egon's glänzenden Talenten, Paulinen von Harder, vom »Jahrhundert«, Allem durcheinander. Charakteristisch war, daß er bemerkte, man nenne das Ministerium Egon schon das Blousen-Ministerium und erwarte, daß er seine vier bis fünf Inséparables zu Ministern mache. Die gestern angegebene Liste des »Jahrhunderts« hätte sich schon zerschlagen und man wette noch, daß der Kunsttischler Louis Armand, der ohnehin Heimatsrechte haben solle, das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten erhalte.

Während Helene in seiner Gegenwart leichte Toilette machte und über alle diese Äußerungen des vorsichtig lauschenden Asklepiaden schmerzlich lächelte, sagte er:

Apropos, was haben Sie denn mit der Trompetta? Ist sie Ihnen bös?

Möglich! sagte Helene. Ich habe alle Menschen vernachlässigt. Sie gehört wol zu Denen, die Dergleichen nicht verzeihen.

Gestern, als sie in einer Gesellschaft vom Ministerium Hohenberg reden hörte, fuhr sie entrüstet auf und sagte: Wenn sich der Hof so mit der Demokratie und Immoralität verbündet, brech' ich mit ihm. Ich widme mein Album der deutschen Flotte.

Welches Album? fragte Helene, die vielleicht schon oft vom Gethsemane gehört, aber für nichts Sinn hatte, was nicht mit dem geliebten Egon zusammenhing.

Drommeldey erklärte ihr diese Sammlung und schloß damit, daß die Trompetta sich nun aus Opposition gegen die ihr und dem Reubunde bewiesene Feindseligkeit des Hofes entschlossen hätte, das Gethsemane zum Besten eines Schiffes der deutschen Flotte zu verloosen und demselben Zwecke so viel fernere Betriebsamkeit zu widmen, daß sie ganz für sich allein ein Fahrzeug vom Stapel laufen zu lassen sich entschlossen hätte. Sie studire jetzt Marine und würde sich nächstens entscheiden, ob sie die fernere Aufgabe ihres Lebens in der Begründung eines Kanonenbootes oder eines Kutters oder einer einfachen schwimmenden Batterie finden solle.

Mit diesen absichtlichen Scherzen geleitete Sanitätsrath Drommeldey Helenen an den Wagen und gab dem Kutscher eine genaue Anweisung des Weges, welchen er eine Stunde lang im Park oder sonst vor den Thoren einschlagen sollte.

Helene war, als sie mit schwankenden Schritten durch ihre Zimmer ging, an der Treppe einem alten gebückten Manne begegnet, der, eine schwarze Binde um die Augen, an der Wand stehen blieb und sie in ihren Gewändern vorüber rauschen ließ. Als einer der Bedienten vom Wagenschlage zurückkehrte, fragte der Alte, der sich an einer Fußbürste sorgfältig die Stiefeln reinigte, ob er den Professor Rafflard sprechen könne.

Er ist im Augenblick nicht da.

Ich hab' ihn in seiner Wohnung gesucht und möchte ihn hier erwarten.

Der Bediente besann sich, daß Dies jener Fremde, Namens Murray, war, mit dem der vertraute Rathgeber sich vorgestern so lange unterhalten hatte und den er beauftragt war, mit Vorsicht zu behandeln.

Professor Rafflard, sagte er, kann jeden Augenblick wieder kommen. Setzen Sie sich, wenn Sie ihn erwarten wollen.

Eine Weile hatte Murray, still in sich versunken, auf einen Stuhl im Vorzimmer sich niedergelassen, als es draußen klingelte und der nebenan in die Bedientenstube gegangene Diener öffnete.

Die Gräfin zu sprechen?

Sie ist in diesem Augenblick ausgefahren.

Wohin?

In den Park, um sich zu erholen. Der Arzt brachte sie selbst in den Wagen.

In den Park! wiederholte der Sprecher, der sich, als er einige Schritte vorwärts that, als Heinrichson erwies. Er war in weißen Glaçehandschuhen und einem kalksteinfarbigen, gelbweißen, leichten Paletot über seinem Frack.

Halb unter der Thür stehend, konnte er Murray nicht sehen.

Als er sich besann, ob er nicht der Gräfin im Park sollte zu begegnen suchen, stand plötzlich Murray vor ihm.

Herr! rief Heinrichson erschreckend, hier schon wieder jenen unheimlichen Mahner an eine alte verdrießliche Geschichte zu finden. Was wollen Sie?

Sie ist nun todt.

Wer ist todt?

Ophelia! Ich sah das Stück in London. Sie war toll. Aber in den Bach sprang sie nicht. Sie fiel von ungefähr aus dem Fenster. Sie hätten es sehen sollen, Bester. Jesabel starb so. Es hätte ein Bild gegeben.

Heinrichson machte es heute so wie vorgestern. Er ließ Murray reden und entzog sich einer weiteren Erörterung durch die Flucht. Dieser geistreiche Künstler gehörte zu den Menschen, die, wenn man ihnen eine Beleidigung sagt, behaupten, daß sie taub sind. Er war verschwunden wie gekommen.

Murray setzte sich ächzend. Er hatte die Worte in gewaltiger Aufregung gesprochen und sich doch beherrschen müssen. Der Bediente sah ihn staunend an.

Kennen Sie den Herrn? fragte er.

Der große Künstler Heinrichson! sagte Murray.

Wer ist denn aus dem Fenster gesprungen?

Eine Gliederpuppe, die er malen wollte, sagte Murray seufzend. Habt doch schon so ein Ding bei den Malern gesehen?

Freilich. Ich trage ja oft Billets zu dem Herrn. Da sitzt immer eine große Puppe mit Kleidern behängt. Daran studirt er...

Den Faltenwurf, mein Sohn! Eine solche Puppe hatte er einmal vor Jahren. Sie war schön! Augen im Kopf wie lebendig und Gliedmaßen, schlank, wie ein englischer Renner. Die Puppe hat ihm mit einem male nicht mehr gefallen. Da wurde sie erst traurig, dann wild und zuletzt toll. Sie tanzte so lange, bis sie sich im Wirbel drehte, an ein Fenster kam und husch! im Grase lag sie mit ihren schönen gelenken Gliedern! Morgen früh begrab' ich das arme Ding.

Der Bediente schüttelte den Kopf und deutete für sich nach der Stirn, als wollte er sagen, bei Dem ist es wol nicht richtig! Wie er sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte, das durch eine Glasthür vom Vorzimmer getrennt war, hörte er, wie Murray öfters tief aufseufzte und sich die Augen trocknete. Dann sang der Alte zuweilen vor sich hin ein Liedchen oder trommelte an den Fensterscheiben, in deren Nähe er saß. Dem Diener war es jedesmal unheimlich, wenn es klingelte und er zum Öffnen hinaus mußte.

Zuletzt hörte er endlich zu seiner Beruhigung den bekannten Husten des Professors Rafflard, der sich schon auf der Treppe ankündigte. Sogleich ging er ihm entgegen, öffnete und zeigte auf Murray, der ihn erwartete.

Ah! Sind Sie endlich da! Was hab' ich Sie erwartet! Wo ist die Gräfin?

Ausgefahren, Herr Professor!

Kommen Sie, mein Bester! Kommen Sie! Jean, wir gehen in das gelbe Zimmer. Man soll uns nicht stören. Hörst du, Jean? Kommen Sie, Murray! Gehen Sie voran.

Rafflard öffnete lang ausschreitend und ließ Murray, der sogleich ehrerbietig aufgestanden war, vorangehen.

Rechts! Rechts! sagte Rafflard. Ihr wißt doch noch? So! Hier herein!

Damit folgte Rafflard, drückte die Thür des gelben Zimmers fest hinter sich zu, legte den Hut ab und setzte sich erschöpft.

Was bringen Sie? Wie steht es? Was habt Ihr heraus? fragte er und zog eine Schachtel voll Brustpastillen, erwartungsvoll, was ihm der demüthige und sich überall umblickende Murray würde mitzutheilen haben.

Ei Herr, ich denke ja, begann Murray verlegen, ich denke ja, es wird sich so schicken, wie Sie's wünschen.

In der That, Murray? Ihr verdient Euch den wärmsten Dank der rechtschaffenen Familie, von der ich schon gesprochen habe. Erzählt! Wie weit seid Ihr?

Wie ich von Ihnen ging, Herr... Darf ich denn...

Erzählt! Alles! Alles!

Da ging ich sogleich in meine Wohnung...

Brandgasse Nr. 9.

Nein, in eine neue, die ich mir gleich nach unsrer Unterredung neben der alten miethete...

Ihr seid schlau... Wo ist Das?

In der Wallstraße Nr. 13.

Wallstraße...

Eine Treppe hoch... vorn heraus... ein Sprachlehrer, Signor Barberini war eben ausgezogen.

Signor Bar...

Es soll, sagte man mir, ein Herr gewesen sein von langer Statur, mit schwarzer Perrücke und einer verdammt kleinen Nase, aber einem Kinn wie ein Pavian...

Ei, ei!... Ein Italiener!

Und Spitzbube! Nicht zwei Stunden des Tages soll man ihn in seinem Zimmer gesehen haben, nie hat er dort geschlafen. Fast glaub' ich, daß er nur dort wohnte, um seinen Nachbar zu belauschen.

Ich verstehe... Aber, wie kommt Ihr...

Gerade zu dieser Wohnung? Das will ich Euch sagen, Herr! Ihr hattet von Fränzchen Heunisch gesprochen und sagtet mir, wo sie wohne...

Richtig.

Im Hause bemerkt' ich denn auch bald, daß der junge Mann, der seiner Familie so vielen Kummer macht, ein Soldat ist, Namens Heinrich Sandrart.

Wer?

Es ist ein Sergeant. Er liebt Fränzchen; er ist wie die Taube, sie ist wie der Geyer. Sie mag ihn nicht...

Nein! Nein! Das –

Ich versichere Sie, Herr! Er kommt trotz alledem zu dem Tischler Märtens und bläst die Flöte. Sie bringen den an's Ende der Welt, wenn Franziska Heunisch entführt wird...

Aber –

Ohne Rathgeber, fuhr Murray in seiner trockenen, ruhigen Weise fort, ohne Rathgeber und Vertraute kommt man in großen Wagstücken nicht weiter!

Aber –

Ich vertraute mich meinem Nachbar.

In der Brandgasse?..

Nein, in der Wallstraße. Es ist ein Landsmann von Ihnen.

Louis Armand! Ein Pariser, Kunsttischler, Vergolder...

Freund des Prinzen Egon...

Ich hoffe, Freund, Ihr habt keine dummen Streiche gemacht!

Euern Landsmann wollt' ich zum Vertrauten wählen.

Seid Ihr toll?

Vorgestern Nachmittag wollt' ich meinem Nachbar erst die Aufwartung machen. Er stand unten in der Werkstatt im Hinterhofe. Oben war sein Comptoir verschlossen. Ein Anschlag verweist in den Hinterhof.

Also...

Konnt' ich mich ihm vorgestern noch nicht anvertrauen...

Zum Henker! Was wollt Ihr Euch denn diesem Armand anvertrauen?

Ich schätze den Mann seit lange.

Ihr kanntet ihn ja nicht!

Louise Eisold, meine Nachbarin, lehrte mich ihn kennen.

Aber Freund, Ihr verwickelt die ganze Angelegenheit –

Nein! Ihr müßt wissen, Herr, daß ich nach vielen wilden Dingen, die schwer auf meinem Gewissen lasten, zuweilen trübsinnig bin, schwarzsichtig. Da ist's mir eine Freude geworden, neben der Louise Eisold zu wohnen. Sie fürchtet sich zwar vor mir, das närrische Ding; aber singen hör' ich sie doch gern, und wie sie einmal ein Lied sang, das mir ausnehmend gefiel, ging ich zu ihr und klopfte an. Das sind acht Tage her...

Wozu soll Das?

Ich klopfte bei ihr an und sagte: Louise, seit dem Tage, wo Ihr mir das Glas Wasser vom Brunnen holtet, sprachen wir uns nicht. Ich habe seitdem viel Leids erlebt. Ich kam in dies Land, um hier zu sterben. Ich habe eine ernste Pflicht vor meinem Tode zu erfüllen, einer von elenden, nichtswürdigen Menschen mit Füßen getretenen Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, dann will ich mein zweites Auge zuthun, das erste hab' ich schon daran gewöhnt, nichts mehr von der Welt zu sehen...

Rafflard rückte mit seinem Stuhle ungeduldig hin und her und riß zornig seine Augen auf...

Ihr singt so schön, sagt' ich dem Mädchen, fuhr Murray in ungestörter Ruhe fort. Ihr singt so schön, mein gutes Kind, und ich muß Euch danken, daß Ihr meine Hoffnung damit aufrichtet. Was ist Das für ein Lied, das Ihr eben sangt? Da nannte sie einen Franzosen, Louis Armand, der es gedichtet hat...

Rafflard horchte beruhigter. Diese Mittheilung schien ihm nicht ganz ungehörig zu sein.

Ich bat um die Strophen, fuhr Murray fort, und sie gefielen mir. Das waren Worte, wie sie im Herzen des fühlenden Freundes der Armen widerklingen müssen. Louise Eisold hatte sich selbst dazu eine Weise erfunden. Es war Schwung darin, Rhythmus, Harmonie...

Wetter! sprang Rafflard auf und stand wie starr über diese gebildeten Worte. Treibt Ihr Musik? fragte er tonlos. Was ist Das?

Murray besann sich, stockte eine Weile und sagte dann:

Eh' ich meinen Ältern davon lief, hatten sie viel auf mich gewandt. Ich strich die Violine und verstand mich besonders auf die Doppelgriffe...

Ha! Ha! lachte Rafflard, der den Doppelsinn auffaßte, den Murray mit schlauer Miene absichtlich in die musikalische Terminologie legte, und sich beruhigte...

Seitdem, fuhr Murray fort, schätz' ich Louis Armand und wünschte, ihn kennen zu lernen. Die Gelegenheit fand sich. Das Vertrauen, das Ihr mir geschenkt habt, Herr, führte mich dem Fränzchen Heunisch in die Nähe. Gestern früh macht' ich des Dichters persönliche Bekanntschaft.

Und...

Es war nach zehn Uhr. Er kam verstimmt nach Hause. Ich hörte ihn von dem Zimmer aus, das ich mir für acht Tage gemiethet hatte. Ich ging zu ihm und fand einen jungen, gefälligen Mann...

Wozu gefällig?

Erst sprach ich von seinem Gedicht, von Louise Eisold, ihren Geschwistern und was sich so ergibt aus der kleinen Welt, in der diese Menschen leben. Dann kam auch Heinrich Sandrart...

Was wollt Ihr denn mit...

Der junge Mann, der seine Eltern so bekümmert?

Ich bin auf der Folter...

Louis Armand gestand es ja ein.

Gestand es ein? Was?

Daß Heinrich Sandrart Fränzchen liebt. Und als ich ihm den Wunsch der Eltern oder Verwandten aussprach, durch eine Entfernung Fränzchen's auch Heinrich Sandrart zur Vernunft zu bringen, erbot er sich, mir um so mehr die Hand zu reichen, als eben an ihn ein Brief von dem Onkel des jungen Mädchens angekommen war...

Welcher Onkel?

Den Ihr kennt! Ihr kennt ja die Verwandten? Herr!

Murray! Murray! Ihr habt klüger sein wollen, als ich...

Herr, sagte Murray, ich habe Gewalt vermeiden wollen. In Teufels Namen, wenn Sie einem Banditen sagen: Stich Den und Den nieder und der Bezeichnete ist eben im Begriff, sich selbst an den nächsten Baum aufzuknüpfen, wird der Bandit ein Esel sein und erst noch einen überflüssigen Mord auf seine Seele laden? Der Onkel schreibt an Louis: Veranlassen Sie Fränzchen zu mir zu kommen! Ich bin nicht wohl! Die Ursula Marzahn will sterben. Fränzchen soll nur diesen Winter bei mir bleiben... Die Ursula Marzahn, Herr, darf nicht sterben! Wissen Sie, Herr, sie darf nicht! Kennen Sie die Ursula, Herr?

Damit war Murray aufgesprungen und hatte sich dicht vor Rafflard hingestellt, der nicht wußte, wie ihm geschah. Er sah die Aufregung des Alten und mußte ihn, aus Furcht, ihr Gespräch dürfte zu laut werden, gewähren lassen.

Murray besann sich und nahm wieder Platz.

Nach einer Weile, währenddem Rafflard nicht mehr wußte, was er aus seinem Gegenüber machen sollte, fuhr dieser fort:

Ist einmal Franziska im Hohenberger Walde, so nimmt Sandrart, dem es schon längst in seiner bunten Jacke zu eng ist, den Abschied und der Zweck, den Ihr wollt, ist erreicht. Nicht so, Herr?

Rafflard erhob sich jetzt und warf seine Zuckerdose ärgerlich auf den Tisch.

Welch' ein Thor Ihr seid, Alter! rief er. Welche alberne, kindische Geschichte Ihr erfunden habt! Wer hat Euch denn gerathen, weise zu sein, nachzudenken, Finessen zu machen! Wenn Leute Eures Schlages diplomatisch werden wollen, kommt nur Verkehrtes an den Tag. Sie soll fort! Heute noch! Und Der, der Ihr folgen soll, Der, den sie liebt und der sie wieder liebt, ist nicht der Soldat da, sondern...

Ha! Ha! Ich weiß es, rief Murray rasch, der, der sie liebt, ist ein Sprachlehrer, Namens Sylvester...

Rafflard wandte sich, um nicht sein Erschrecken zu verrathen.

Herr Sylvester! fuhr Murray fort. Ja! Ja! Sie hat ihn auf dem Fortunaballe kennen gelernt. Er hat ihr Sprachunterricht geben und sie verführen wollen. Herr, dieser Sylvester ist es! Eine lange Figur, schwarze Perrücke, auch die verdammt kleine Nase, auch das Kinn des Pavians... wie ich sehr vermuthe, der Doppelgänger des Signor Barberini, Herr... Meinen Sie nicht? Es ist Der?

Rafflard, ohne sich umzuwenden und von Murray auf den Spiegel gewiesen, sagte leise und zitternd:

Auch Der nicht!

Zum Henker! So sagen Sie's, wer es ist! donnerte Murray.

Dieser selbe Louis Armand ist's! Habt Ihr, Wahnsinniger, denn nicht bemerkt, daß nur er, er es ist, den Franziska liebt? Habt Ihr Euch in Eurer tollen Weisheit so hinter's Licht führen lassen, daß Ihr nicht merktet, daß er sie vergöttert und sie bis an's Ende der Welt aufsuchen würde, wenn es hieße, sie ist in Hamburg, in London... wo weiß ich, Ihr alter Sünder Ihr!

Murray blieb auf diese Worte in einer eigenthümlichen Stellung sitzen. Er hatte das linke Bein über das rechte gelegt und hielt es mit beiden Händen, unruhig an ihm rüttelnd, fest. Es schien, als müßte er durch diese Bewegung eine große innere Unruhe im Zaume halten...

Dieser Louis Armand ist es, fuhr Rafflard fort, dessen communistische Träumereien hiesigen achtbaren Familien, mit denen er in Verbindung steht, die größten Gefahren drohen. Wenn etwas ihn entfernen kann, etwas ihn in die Welt jagt, um sich zu ändern, zu bessern, Menschen kennen zu lernen, so ist es die Unruhe über das Loos jenes Mädchens, das er zu heirathen entschlossen ist. Es ist ein Werk der Sittlichkeit, der Erziehung, der Besserung, das Ihr fördern solltet, Murray, und so verkehrt habt Ihr es angefaßt!

Nun denn, sagte Murray ruhig. Warum wart Ihr nicht gleich gegen mich offen, Herr? Was erhalt' ich, wenn ich heute Abend mit Franziska Heunisch nach dem Walde von Hohenberg abreise und morgen früh Louis Armand es ist, der uns dorthin folgt?

Das ist nichts, sagte Rafflard. Auf Monate muß er entfernt bleiben. Entführt das Mädchen, wohin Ihr wollt! Louis Armand muß weit weg avisirt werden.

Wie aber, wenn Louis Armand den ganzen Winter aus freien Stücken auf dem Schlosse Hohenberg bliebe?

Rafflard horchte auf...

Murray zog seine Brieftasche, öffnete sie langsam und nahm ein Billet heraus, das er dem, jeder seiner Bewegungen erstaunt folgenden spinnenbeinigen Professor mit den Worten überreichte:

Der Bravo lauerte hinter einem Baume, an dem sich sein Opfer eben selbst erhängt!

Von wem ist das Billet? fragte Rafflard befremdet wieder über das Wort Bravo...

Louis Armand empfing es gestern Abend um die zehnte Stunde.

Rafflard las:

»Mein theurer Louis, soeben komm' ich vom Schloß. Der König und seine ganze Familie haben mir ein Vertrauen bewiesen, das ich ehren muß. Mein Programm ist angenommen. Es kommt nur noch darauf an, Männer zu finden, die sich in meine Ideen einzuleben vermögen und meine Collegen werden. Sind diejenigen Namen, die selbst eine Politik vertreten möchten, zu stolz, sich meinen Ansichten zu fügen, so befiehlt der Monarch einigen Bureauchefs, sich meinen Befehlen unterzuordnen. Jetzt, Louis, hab' ich eine Bitte! Die Geschäfte des Staates werden mich so in Anspruch nehmen, daß ich mich meinen eignen Angelegenheiten völlig entziehen muß. Erweise mir die Gefälligkeit und reise in meinem Auftrage nach Hohenberg! Es wäre mir lieb, wenn du schon morgen gingest. Ich muß wissen, wie es dort aussieht, was der neue Generalpächter beginnt, ich habe Ursache, auf die Wiederherstellung meiner äußeren Verhältnisse den größten Werth zu legen. Sollte ich bei der Überfülle der Zumuthungen, die mir jetzt werden gestellt werden, dich, meinen theuersten Gefährten und Bruder, nicht mehr sehen können, so entnimm vom Banquier von Reichmeyer Alles, was du zur Bestreitung dieser Reise bedarfst. Beaufsichtige den Zustand meines ganzen kleinen Fürstenthums, den ich nicht länger vernachlässigen will! Nimm dir Zeit dazu und sorge, daß für das bevorstehende Frühjahr Alles so in Angriff genommen wird, als es nöthig ist, um mit Ackermann einverstanden zu bleiben. Lebe wohl, Louis! Der unsichtbare Genius, der uns verbunden, schütze dich und mich! Dein Egon!«

Rafflard's Mienen verklärten sich sonnenhell. Einen solchen Einblick in die innersten Angelegenheiten seines ihm so feindseligen Zöglings hatte er nicht erwartet!

Wo habt Ihr das Billet her, Murray? fragte er und hustete sich aus. Das Bücken beim Lesen hatte ihn angegriffen.

Von Louis selbst! sagte Murray in seinen früheren dumpfen brütenden Ton zurückfallend.

So vertraut seid Ihr mit ihm?

Es war zehn Uhr Abends, als dieser Brief ankam. Ich hatte drei Stunden mit ihm allein gesessen...

Drei Stunden...

Ich hatte ihn traurig gefunden; denn er nahm Abschied von einem Freunde, Namens Siegbert Wildungen, der nach einem Dorfe Schönau reist –.

Schönau? In der That! rief Sylvester mit großer Befriedigung...

Er nahm Abschied von einem anderen Freunde, Namens Dankmar Wildungen, der einen wichtigen Proceß in erster Instanz verloren hat und nach Angerode in Thüringen reist, um sich neue Hülfsmittel zu einem großen Unternehmen zu holen und eine kranke Mutter zu sehen...

Murray! Du bist ein Freudenbote!

Er nahm Abschied von einem Geistlichen, Namens Rudhard, der in diesen Tagen die Residenz mit der ganzen Wäsämskoi'schen Familie, die Fürstin ausgenommen, verlassen will!

Rafflard stand auf. Dieses natürliche Lösen der Kette, die sich um Egon geschlungen hatte, erwartete er nicht...

Ich fand Louis Armand, fuhr Murray fort, gestört, unglücklich, in Thränen. Ich wollte ihn zerstreuen, trösten. Ich bin unglücklich mit meinen Tröstungen. Als es zehn Uhr schlug, kam dieser Brief...

Er wird gehen?

Er ist schon fort. Morgen, wenn ich eine Todte begraben habe, folg' ich ihm mit Franziska Heunisch...

Ihr mit dem Mädchen?

Warum nicht?

Euch vertraut er sein Theuerstes?

Mir nicht, warum nicht mir?

Murray! Ha! Ha! Murray, wodurch habt Ihr ihn so bezaubert?

Durch die Wahrheit!

Welche Wahrheit?

Die Wahrheit meines Lebens, mit der ich in drei Stunden ihn zu zerstreuen suchte.

Ha! ha! Und da glaubt er Euch? Das ist lustig, Murray! Ha! ha! Aber Ihr wollt das Mädchen nun in den Wald führen zu Louis Armand? Alterchen, wie wär' es doch, wenn man lieber einen Ort ausfindig machte, wo der allerliebste kleine Engel nur Euch und zuweilen mich sähe! Wenn man mit dem Nutzen im Allgemeinen hier noch einen Vortheil für sich im Besondern verbände. Murray, wenn man das schöne Mädchen irgendwo versteckte, knebelte... Ihr wißt zu bezaubern. Wodurch habt Ihr diesen Armand gewonnen?

Noch mehr! Durch die Wahrheit über Euch, Rafflard, habe ich ihn ganz gewonnen!

Rafflard richtete sich auf, wie vom Donner gerührt. Das war ein Wort, das ihm die lüsternen Lippen erstarren machte.

Durch die Wahrheit, die ich Euch verschwiegen habe, Elender!

Murray!

Rafflard!

Seid Ihr toll? rief Rafflard, dem es war wie ein plötzlicher Überfall.

Barberini! Sylvester! Jesuit!

Wahnsinniger! stöhnte Rafflard und sprang an die Thür.

Murray ihm zuvor. Beide rangen um den Ausgang...

Durch die Wahrheit, donnerte Murray und packte den langen Feigling fest im Genick, durch sie hab' ich einen Edlen gewonnen, der schauderte, als er erfuhr, daß ich zu Eurem verbrecherischen Antrage nur schwieg, weil ich ihn hören, ganz hören, Euch ganz entlarven und Die, die er betraf, warnen wollte.

Lügner! krächzte Rafflard und wollte die Thür gewinnen.

Ich log mich als Sünder, sagte Murray ihn zurückschleudernd, als elenden Helfershelfer Eurer tückischen Pläne, weil ich das erste mal, daß ich den Namen Franziska Heunisch hörte, zitterte, denn ich habe Ursache, Menschen, die mit dem Geheimnisse meines Lebens zusammenhängen, zu schonen, zu schützen, wie ein Engel zu bewahren. Du Teufel, glaubst, daß ich der Hölle entstammt bin wie du! Was Heinrich Sandrart! Was die gemiethete Wohnung! Nichts von Allem ist wahr, als daß dein Nebenbuhler dir von selber weicht! Aber auch das Opfer, das du ihm nicht gönntest, ist dir entrissen. Ich werde Franziska schützen. Diese Tücke ist dir mislungen, Elender!

Rafflard war auf seinen Stuhl zurückgesunken, todtenbleich. Murray hatte sein Terzerol gezogen. Rafflard verzog keine Miene. Seine Geistesgegenwart war erschüttert, aber sie verließ ihn nicht ganz. Aus den letzten Worten Murray's entnahm er, daß er bei ihm nur ein Attentat auf die Tugend eines jungen reizenden Mädchens voraussetzte. Er ergriff rasch den Gedanken, sich durch Humor zu helfen. Frech zog er eine Börse hervor und sagte, sie in die Luft werfend, lachend:

Murray, Das war dir bestimmt! Nimm! Ich erkenne, du gehörst zu Denen, die sich hüten, rückfällig zu werden. Es ist nie gut. Ihr habt Recht! Ja, ja, Alter! Ich habe den Fehler, verliebt zu sein in Mädchen mit wächsernen Augenlidern und schwarzen, langen Wimpern. Es ist eine Narrheit, der zu Liebe ich sogar Komödie spiele und den Sprachmeister mache, französischen und italienischen Unterricht gebe! Ha! ha! Alter, nimm! Wir wollen uns versöhnen... im Geiste der Liebe!

Murray stieß die Börse zurück. Sein Scharfsinn sagte ihm jetzt, daß er sich in der Voraussetzung eines Attentats auf die Unschuld Franziska's möchte geirrt und die Ursache der Rafflard'schen Anträge vielleicht noch eine ganz andere wäre. Er wollte forschen und mäßigte sich...

Dankt Gott, sagte er, dem Gott, dessen Namen Ihr in meinem Kerker und dem des Mädchens, das ich morgen begrabe, unnützlich führtet...

Das schöne Mädchen, mit dem Ihr auf dem Fortunaballe ergriffen wurdet... lenkte Rafflard ein, erleichtert, daß er auf einen andern Gegenstand kommen durfte...

Ist todt... sagte Murray, der bei diesem Gedanken alle Vortheile seines Sieges über den Elenden aufgab.

Wie kam Das, Alterchen?

Wohl so, wie es manchem Mädchen von wächsernen Augenlidern und langen Wimpern gegangen wäre, wenn Ihr eine schönere Nase hättet und ein menschlicheres Kinn!

Ich wünschte, Murray, versuchte Rafflard zu scherzen, Ihr nähmet lieber das Geld und ließet etwas mehr von meiner Schönheit gelten. Ihr macht Euch bitter bezahlt...

Bessert Euch und belügt die Welt nicht mehr! sagte Murray, legte die früher empfangenen Dukaten auf den Tisch und wandte sich zum Gehen, da er in dem Nebenzimmer Geräusch, Thürenschlagen, rasches Laufen hörte.

Rafflard, aufathmend, begleitete ihn mit aller Freundlichkeit, schlug ihn auf die Schulter zur Versöhnung und ließ ihn aus dem gelben Zimmer mit den Worten:

Alterchen, wir bleiben doch Freunde! Die Philosophie verbindet uns. Auf Wiedersehen, wenn Ihr aus Hohenberg zurückkommt. Ihr seid in das kleine Ding verliebt und eifersüchtig auf mich! Verstellt Euch nicht! Führt sie in den Wald! Lebt glücklicher mit ihr als mit den Damen, unter deren Ruf Ihr leidet und die Euch sterben, wenn sie Euch Geld gekostet haben. Auf Wiedersehen, Murray! Lebt wohl, alter Freund!

Der lange, zudringliche Mann entließ Murray scheinbar wie seinen besten Freund.

Murray ging und seufzte über die verwilderte Phantasie eines Schurken, der nicht im Stande war, irgend noch ein Verhältniß rein und sittlich aufzufassen.

Das Entzücken, in dem Rafflard über die freie Bahn, die sich nun zwischen ihm, Egon und Helene d'Azimont eröffnete, sollte aber nicht lange währen. Er sollte bald kennen lernen, daß Egon einer jener Menschen war, die über jede Berechnung hinauswachsen. Kein Maßstab paßt auf Individuen so flugschneller Entwickelung.

Wie der Jesuit die Bedienten nach der Gräfin fragte, wie man ihm sagte, sie wäre zwar soeben von ihrer Spazierfahrt zurückgekommen, hätte aber vom Fürsten Egon einen Brief erhalten und sich eingeschlossen, wußte er, ohnehin noch erschüttert, nicht, was er thun sollte. Seit zwei Tagen hatte er sie nicht gesprochen. Alle seine Pläne gingen so günstig vorwärts. Er hatte der alten Gräfin nach Paris die besten Versicherungen schreiben können, daß er sich ihrem Auftrage, eine Scheidung zwischen ihrem Sohne und Helenen zu befördern, mit dem günstigsten Erfolge unterzöge. Helene hatte er seit vorgestern früh nicht gesehen. Er hoffte, sie mit der Aussicht, daß der Bund, der sich um Egon gebildet hatte, zersprengt, zerstreut, entfernt war, auf's angenehmste zu überraschen, und nun hörte er, daß sie weine, krank wäre, ihn abweise und sich schon wieder eingeschlossen hätte!

Eine längere Ungewißheit ertrug er nicht. Er näherte sich der verschlossenen Thür und lauschte. Es war ihm, als hörte er weinen.

Um des Himmels Willen, dachte er, was hat die Gräfin vor! Was ist geschehen?

Er öffnete leise das Metallplättchen über dem Schlüsselloch. Die Bedienten, denen der Zustand ihrer sonst so gutmüthigen und freundlichen Herrin Besorgnisse einflößte, unterstützten ihn in seinem Beginnen.

Er konnte Helenen nicht sehen. Der Schlüssel, der von innen steckte, verhinderte es.

Aber deutlich hörte er, daß sie weinte und mit den Zähnen klapperte wie eine Fieberkranke.

Jetzt hielt er sich nicht länger. Er klopfte.

Helene antwortete nicht.

Er klopfte stärker und rief durch das Schlüsselloch:

Beste, theuerste Freundin, was beginnen Sie! Lassen Sie mich hinein, Ihr wärmster, aufrichtigster Freund muß Sie sprechen! Es sind Wunderdinge geschehen. Öffnen Sie, Gräfin!

In der That hörte er die Gräfin gehen. Sie erhob sich. Er hörte ihr Kleid rauschen. Sie schloß auf.

Wie er eintrat, sah er eine Jammergestalt. Die Wangen der schönen Frau waren wie grau. Die Augen erloschen. Die Hände schlaff herabhängend. Er faßte die Rechte, sie zu küssen. Sie war eiskalt.

Aber, was ist Das? rief er. Gräfin! Ich komme, um Ihnen zu sagen, daß von morgen, vielleicht schon von heute an der Fürst von allen seinen Umgebungen gänzlich verlassen ist. Er wird Minister. Das ist wahr. Aber die Stunden der Muße, der Erholung, deren er nur zu sehr bedarf, werden unverkürzt Ihnen gehören. Wieweit sind Sie?

Statt aller Antwort gab Helene dem Sprecher einen Brief.

Es war dieselbe Handschrift wie die, die er eben an Louis gerichtet gesehen hatte. Egon schrieb an die Gräfin eine Entscheidung ihres Schicksals.


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