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Achtes Capitel.

Die neuen Templer.

Siegbert zuerst lehnte jede Gewaltthätigkeit ab. Er läugnete nicht, daß ihm der ganze status quo unserer Verfassungen, politisch und gesellschaftlich, misfalle und das Meiste davon überlebt scheine... Aber, sagte er: Ich kann mir unser Leben nur so denken wie einen Garten, den der Gärtner im März zum Frühling und Sommer vorbereitet. Der Schnee ist geschmolzen, mildere Lüfte wehen aus Westen, wenn auch noch sturmartig, doch nicht mehr schneidend. Schon bricht neben dem Laube, das noch nicht ganz von dem letzten Herbste abgefallen ist, der kleine grüne Keim des neuen Wachsthums an den Zweigspitzen der Sträucher und Bäume hervor. Der Gärtner schont aber weder das Alte, noch das keimende Neue. Er hat die Säge in der Hand und klettert mitten in die Baumkrone und tilgt, was ihm überflüssig und der gesunden Triebkraft hinderlich scheint. Da liegt der Boden voller Äste und nicht blos voll alter, schon verdorrter, sondern auch manches vorwitzige Frühlingsreis mußte schon mit. Unsere Gartensäge ist die Debatte und das Gesetz. Ich verwerfe jede Gewaltthat. Der Mensch ist immer ein wildes Thier. Er mag nur einmal Blut vergießen, so edel, so großherzig, wie nur je ein Timoleon Tyrannenmörder war, das geleckte, gekostete Blut macht ihn sogleich wild. Es fließt sogleich mehr, als sollte. Ausrotten können wir nur das Todte, d. h. es aus dem Wege schaffen; ausrotten können wir nur das falsche Wachsthum, d. h. es im Keime ersticken. Ich bin dafür, den Menschen zu predigen: Glaubt doch nicht, daß die Geschichte morgen aufhört! Die größten Ideen haben Jahrhunderte gebraucht, um sich geltend zu machen. Warum soll denn in so kurzer Zeit Alles fertig werden, was wir jetzt für nöthig denken? Wir wollen fest im Auge behalten das edlere Ziel und nichts thun, nichts Anderes befördern, als was zu jenem Ziele führt. Müssen wir einmal der noch zu starken Gewalt nachgeben, so thue man es ja! Das zweite Mal schon wird es nicht mehr nöthig sein. Wenn ich unsern Feldzug für einen unermeßlich langen halte, so geh' ich auch viel weiter als Die, die sich für liberal halten. Ich bin nicht blos für die Einschränkung der fürstlichen Gewalt, ich bin sogar für die Republik, ich bin für die sociale Änderung unseres Gesellschaftslebens. Ich sage nicht, daß diese Änderung wirklich eintreten wird; ich sage nur, daß ich sie mir möglich denke und so lange unter der Republik nichts Wildes, Thierisches, Unsittliches gelehrt wird, sie für anstrebsam halte. So bin ich freisinniger als manche Überhitzte, die sich mit weniger Änderungen begnügen, wenn sie nur gleich Morgen eingeführt sind. Arbeitet! würde ich den Arbeitern sagen. Bildet Euch und die Eurigen! Stärkt Euch in einer freien Gesinnung! Macht Euch klar über Euren Lebensberuf! Stiftet Vereine, aus denen Ihr Alles entfernt halten müßt, was einer Verschwörung gleich sieht! Wenn Euch Einer auffordern will, für morgen ein Gut mit Gewalt zu erringen, so sagt: Wir warten bis über acht Tage! Da kommt es von selbst und viel größer und besser als morgen! Nur nicht geistig die Hände in den Schooß legen. Denken, sich bilden, stark und gewissenhaft im Kampf der Meinungen, keine Gelegenheit abweisend, die Gesinnung offen zur Schau zu tragen! So kommt das Gute von selbst. Das ist meine Lehre.

Bester Freund, polterte Leidenfrost sogleich auf. Diese Lehre ist zum Auslachen! Damit soll Einer in die Willing'sche Maschinenfabrik kommen? Solche himmlische Güte wäre selbst für Willing, den die Umstände zwingen, vorsichtig und behutsam zu sein, zu schmachtend. Mein lieber Wildungen, Ihr Gleichniß von den Gärten im März paßt nicht. Denn so stumm und dumm, wie die Bäume im März dastehen und sich die Schneiderei des Gärtners gefallen lassen müssen, stehen die Ideen und Interessen des Augenblicks nicht da. Die schlagen Purzelbäume unter der Hand. Das ist ein großes Stiergefecht, wie es jetzt hergeht. Die großen Büffel wollen Farbe sehen, um Muth zu bekommen. Roth ist die Losung! Ohne Muth und unmittelbare Entschlossenheit kommt nichts mehr zu Stande. Die Menschen müssen selbst Geschichte machen, sonst geschieht nichts. Die Gesinnung allein reicht nicht aus. Sollen sich die Väter von ihren Enkeln verspotten lassen? Nichts rächt sich in der Geschichte mehr als der versäumte Augenblick. Wer die Krisis unbenutzt vorübergehen läßt, holt sie niemals wieder ein. Und haben wir nicht der Fälle genug erlebt, daß die Machthaber der Welt vollkommen wissen, welche Halfter sie den störrischen Völkern überwerfen sollen? Aus dem politischen Hader wurde die Debatte in das Religiöse hinübergespielt und ganze Epochen sind darüber eingeschlafen. Die Jesuiten, die Armeen regierten die Welt. Sie haben die Hand immer am Griff des Dolches oder Schwertes. Warum sollen wir sie in den Schooß legen? Gesetzt auch, wir wollten uns mit frommem Glauben auf bessere Zeiten und mit dem endlichen Siege der Gesinnung begnügen, es würde nichts helfen. Die Stunde hat ihre dringende Mahnung. Wir wollen träumen und die Posaune ruft uns vom Lager auf. Es brennt da, wo wir sitzen, über und unter uns. Es müssen Entschlüsse gefaßt werden. Ich gesteh', ich hasse Alles, was unlogisch ist. Ich hasse auch verkehrte Theorieen und gäben sie sich noch so sehr das Ansehen der Volksbeglückung. Man will damit nur dem Muthe und der Ehrlichkeit aus dem Wege gehen. Die Frage unserer Zeit ist sehr einfach. Wer sie schwierig macht, meint es nicht redlich. Schwierig nenn' ich die gewöhnliche ordinaire Communisterei. Solche Sätze hinstellen, die ihre Unmöglichkeit in sich selber tragen, heißt die Menschen nur verwirren. Man zeigt ihnen hundert Spatzen auf dem Dache, während einer in der Hand viel vortheilhafter ist. Die Communisterei ist von Stubenhockern ausgegangen, die unterleibskrank sind. Rühren und tummeln muß man sich und die Welt für kein Schlaraffenland halten. Gebratene Tauben in die Luft gemalt, sind geschmacklos. Wir leben in einem wilden Chaos, in das nie, nie volles Licht kommen wird. Arkadien ist vor der Schöpfung gewesen und mag nach der Schöpfung kommen. Hier auf Erden gibt es nur Reibung, Lärm, Zorn, Leidenschaft, Drängen, Stoßen. Das Einzige, was wir erreichen, ist: Leidliches Glück! Das leidliche Glück muß man am Zipfel festhalten, wenn's an uns vorübergeht. Es kommt nicht alle Tage. Was du der Stunde ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit dir mehr zurück, sagt der Dichter. Wollen Sie Ihre Million gut anwenden, Wildungen, so lassen Sie dafür Waffen kaufen, Pulver und Blei. Die Trommel wirbt an. Major Werdeck wird Generalissimus und wenn wir Alle erliegen, wenn unsere Glieder entweder im Felde oder auf dem Henkerplatze erbleichen, so ist doch Muth und Poesie dagewesen und der moralische Sieg unwiderleglich.

Allgemein war man der Ansicht, daß Leidenfrost in seiner gewohnten Weise hier übertrieben hatte und es schwerlich mit einer so blanken Rebellionstheorie ehrlich meine. Und dennoch blieb er dabei.

Worauf anders, sagte er, soll man denn hinauskommen, wenn man sieht, wie wenig uns die Debatte weiterbringt! Was hatten wir durch einige thatsächliche Erhebungen des Volkes nicht sogleich gewonnen! Und wie kommen wir immer wieder zurück, je milder die Miene des gereizten und gleich wieder schlummernden Löwen ist! Aber noch mehr, halten Sie mich für keinen Phantasten oder für keinen plumpen und gedankenlosen Radikalen! Tod! Der Tod! O, Gott, der Tod ist jetzt unsere einzige Loosung. Ich versichere Sie, wenn man im Volke lebt wie ich, so bemerkt man eine tiefe Sehnsucht nach dem Tode in den Gemüthern Aller. Gehen Sie Sonntags Nachmittags vor die Thore: Kein Spaziergang ist so besucht, wie es die Kirchhöfe sind. Es ist eine Lust am Opfertode in den Menschen dieses Zeitalters, die an die christliche Märtyrerzeit erinnert. Man hat entweder zuviel Gefallene feierlich bestattet, zu sehr geehrt, gepriesen oder woran liegt diese Geringschätzung des Lebens? Ehemals war eine Hinrichtung mit dem Schwerte ein grauenvolles Schauspiel, von dem man Jahre lang sprach: jetzt hat man an die Stelle des Schwertes Pulver und Blei gesetzt und die Hinrichtungen folgen sich wie die Amputationen in einem großen Lazareth. Man erzählte sonst Wunder davon, wenn einer großartig und gefaßt in den Tod ging. Jetzt knirschen sie alle die Zähne und gehen muthiger als Egmont oder der feige Kleist'sche Prinz von Homburg aus dem Leben. Haben die Menschen zuviel Trauerspiele gelesen oder woran liegt es, daß wir nach so verweichlichten Zeiten plötzlich eine so spartanische bekommen? Bietet das Leben so wenig Freude? Hat man vergessen, daß wir vor zehn Jahren noch ein Buch nach dem andern erscheinen sahen, worin bedeutende Köpfe die persönliche Fortdauer nach dem Tode leugneten? Wie kommt es, daß man nun so gern stirbt, so gern sein Leben an eine Idee setzt, so muthvoll auf Die blickt, die uns ihre Theilnahme wohl nicht versagen werden, wenn wir fallen, sei es im Kampf, sei es von der Hand des ungroßmüthigen Siegers? Der Zug zum Tode ist wehmüthig genug jetzt in unserm Leben da. Die Geschichte will ihn, die Geschichte hat uns die Cholera nicht umsonst gebracht, diesen grauenvollen Tod, der Niemanden schont, Niemanden achtet, Jeden wie ein Dieb in der Nacht überfallen kann. Unenträthselt ist noch, wie diese Pest aus Asien mit dem erwachenden Fieber der Revolutionen zugleich kam. Ich vergleiche diese Zeit mit dem Mittelalter, wo die Menschen hinstarben, den Kornähren gleich, die der Schnitter niederwirft. Damals rückten die Menschen näher zusammen, schlossen Bundsgenossenschaften, Brüderschaften und gingen in grauen Kleidern, demüthig, pilgernd durch die Welt und bestreuten das Haupt mit Asche. Es war ein Zug der Trauer und des Todes damals in allen Herzen und man starb gern. Nach fünfhundert Jahren ist es nun wieder so. Wir aber wollen dem Tode zu Liebe keine Flagellanten, keine Geißelbrüderschaften und Weltverachtungsgilden stiften, sondern dies armselige Leben getrost hingeben in den Kampf für Recht und Unrecht. Es werden bald genug üppige, feige Zeiten kommen, die Das, was wir in diesen starken versäumten, nicht einholen. Also nichts in die Länge ziehen! Nichts auf die Zukunft verschieben! Fordern, sagen was man will und für Recht hält, und dann als Mann dafür einstehen und sterben.

Eine tiefe Stille folgte diesen zuletzt mit Ernst gesprochenen Worten. Werdeck stützte sein Haupt und konnte nicht umhin, Das, was Leidenfrost von der Tapferkeit und Todesverachtung unserer Tage fast mit erstickten Thränen sprach, zu bestätigen.

Ja, es ist ein anderer Geist, sagte er sinnend, über uns Alle gekommen. Ich sehe Das am Leben des Kriegers. Wie schonte man sich sonst, wie vermied man die Gefahr! Was mislich und schwer auszuführen war, muthete man Niemanden zu. Jetzt drängen sich zehn heran, wo man nur Einen begehrt. Niemand verzieht die Miene, wo es eine That gilt. Man scherzt, man schlägt sein Leben muthwillig in die Schanze, es ist, als gehörte man schon einer doppelten Welt an, der irdischen und einer himmlischen...

Und woher kommt diese Erscheinung? rief Siegbert begeistert. Von der Bildung kommt sie. Die Bildung hat Platz gegriffen bis in die untersten Schichten. Die Frage vom Proletariat hat nicht feige, sondern tapfer gemacht. Eine Idee, eine Idee der Diskussion hat die Herzen gehoben. Man fühlt sich als Glied der Gesellschaftskette, man fühlt sich als Hebelkraft der Geschichte. Das Vereinsleben, die Ahnungen besserer Institutionen haben Wunder gewirkt. Wer klammert sich noch ängstlich an sein armseliges Ich, wo es etwas Allgemeines gilt? Stirbt man, so hat man sich für eine Idee hingegeben. Glaubt Ihr denn, daß es ohne Wirkung für die untern Klassen ist, wenn sie geschichtliche Thatsachen erfahren und von alten Zeiten hören, wie es damals war und wie jetzt und wie jede That im Buche der Geschichte verzeichnet steht? Allein grausam wäre es, wenn wir diese Folge der umsichgreifenden Bildung misbrauchen und auf das voller und mächtig schlagende Herz hin eine wirkliche Sehnsucht zum Tode statuiren wollten! Man verachte das Leben, aber man jage Niemanden in den Tod, ehe man ihn nicht theilnehmen ließ an einer möglichen Verbesserung des Lebens! O diese Sehnsucht zum Tode kann in eine blutige Grausamkeit umschlagen! Schon jetzt ist es grauenhaft, wie kalt man hinopfert, wie forcirt man sich in den militairischen und Beamtenkreisen, ja auf den Thronen als Brutusse gebehrdet, die ihre eigenen Söhne ruhig auf den Block liefern. Wenn dieser zweideutige Heroismus überhand nähme! Wenn man vor dem Blute nicht mehr schauderte und es lieb gewänne, nicht blos selbst zu sterben, sondern auch sterben zu sehen... Nein, nein, Leidenfrost, lassen Sie uns versuchen, eine mildere Formel zu finden, die das große Räthsel unserer Zeit löse und die Menschenlebenfordernde Sphinx zum Sprunge in den Abgrund bringt!

Louis Armand ergriff nach dieser ernsten Rede das Wort und stellte sich, seine Einmischung, seine Theilnahme an diesem Gespräche hochgebildeter Männer entschuldigend, auf Siegbert's Seite, ohne jedoch die drohende Stellung eines bewaffneten Widerstandes nach Leidenfrost's Meinung ganz überflüssig zu finden. Es ist schlimm genug, sagte er, daß derselbe Arm, der kaum stark genug ist, seine Arbeit zu verrichten, nun auch noch die Waffe führen soll, und daß dasselbe Leben, das so arm an Freude ist, sich auch noch hinzugeben hat gegen die Tyrannen. Ich nenne Tyrannen Die Menschen und Die Stände, die von der überlieferten Ordnung der Dinge unverhältnißmäßige Vortheile für sich und die nächsten Ihrigen ziehen. Unsere Civilisation hat uns einen Raubstaat geschaffen. Das höchste Recht, der Gipfel des Rechts, die Consequenz des Rechtes ist zum größten Unrecht geworden. Daß ein Vater seinen Kindern die Früchte seines Fleißes hinterläßt, gehört ohne Zweifel zu den ewigen Menschenrechten. Daß sich dieses Recht aber in ununterbrochener Aufeinanderfolge in allen Zeiten wiederholen darf, ist der Fluch der Gesellschaft geworden. Die Könige denken nicht daran, daß sich das Erbrecht einmal modifizirt, die Adeligen denken es nicht, die Reichen nicht. Die Könige hat man aber gezwungen, ihr Erbrecht zu modifiziren durch die Constitutionen; die Adeligen gleichfalls durch die Aufhebung der Leibeigenschaft; die Reichen zwingt Niemand ihr Erbrecht zu modifiziren! Was ist die Einkommensteuer? Eine Lüge! Eine Illusion! Sie gibt ein kleines Procent in die Staatskasse und erleichtert dadurch nur mittelbar die Lage Derer, die gegen die sich aufhäufenden Reichthümer nichts gegenüber zu stellen haben als die sich aufhäufende Armuth. Die Riesen, die sonst die Welt unsicher machten und Menschen fraßen, sind ausgerottet, wenn sie jemals lebten. Aber die viel größeren Riesen, die Capitale, sind da und Niemand kann ihre Existenz leugnen. Sie sind die wahren wilden Ungethüme, die die Gesellschaft unserer Zeit unsicher machen, die ihre Mitglieder in Höhlen locken, wo die Gebeine der Geopferten modern. Ich weiß, daß es eine gleichmäßige Vertheilung der Güter nicht geben kann. Ich bin kein so thörichter Communist, daß ich glaubte, mit der numerischen Anzahl der Menschen ließe sich in die numerische Anzahl der Werthe dividiren und was da herauskäme, wäre Das, was jedem Einzelnen gebühre. Allein der Krieg des Zufalles gegen die milde Fürsorge, die wir doch als Gottes Weltplan anerkennen müssen, darf nicht fortdauern. Der Staat darf keine Ausbeute Derer bleiben, die seinen Sprungfedern nahe stehen und die elastische Kraft derselben nur benutzen, sich selbst zu heben. Die Staatsmänner müssen Erfindungen machen, die auf anderen Gebieten liegen als die Ideen, mit denen Richelieu und Mazarin ihre Zeit regierten. Machen Sie mich, meine Herren, mit diesen Arbeitern, Ihren Freunden, bekannt! Ich will sie nicht lehren, übermüthige Forderungen zu stellen. Ich kenne die verderbliche Macht der Phrase. Ich habe mich überzeugt, daß in Paris der Trägste und Genußsüchtigste am meisten jammert und künstliche Thränen in den communistischen Clubs vergießt. Ich stelle neben das Recht der Arbeit auch die Pflicht der Arbeit, aber ich glaube, daß die Lage der hiesigen Arbeiter dieselbe ist wie die der unsrigen. Sie leiden am Kapital. Sie dienen nur dem Unternehmer. Sie sind dem Jammer der ungeschützten Production ausgesetzt. Sie erzeugen Werthe, ohne sie absetzen zu können. Sie können nicht von heute auf morgen denken, da sie in ewiger Ungewißheit über ihr Loos zittern müssen. Der Staat denkt an Alles, nur nicht an sie. Er beachtet sie nur, wenn sie als Rekruten in das Heer zu treten haben oder wenn man fürchtet, daß sie sich zu Emeuten zusammenschaaren. Die social-demokratische Lehre will, daß der Staat des Mittelalters aufhöre und auf der Basis der Menschen, die arbeiten, neu erbaut werde. Es sind vielfache Vorschläge gemacht worden, diese Forderungen zu verwirklichen; sie scheiterten, weil man glaubte, an die Stelle der früheren Isolirung die Allgemeinheit setzen zu müssen. Man irrte sich, meine Herren! Die Allgemeinheit muß die vernünftige Isolirung mit in sich aufnehmen können. Die Isolirung liegt einmal im Menschen. Der Mensch wird immer darauf hinauskommen, eine Familie zu begründen. Allein dieser Isolirungstrieb darf nicht überwuchern. Der Staat darf nicht dafür da sein, nur die Familie allein zu garantiren, er muß Institutionen bieten, die die Familien und die Allgemeinheit ausgleichen. Weist er diese Forderung als utopistisch zurück, wohlan, so ergreift die Flinte und sterbt eher auf der Barrikade, als daß ihr länger duldet eine Existenz, die nur den Rechnenmeistern, den Börsenmäklern, den Vornehmen zu gehören scheint! In Rom, weiß ich, war es einst mit dem Volke ebenso. Es ruhte nicht, bis es gehört wurde und die Macht der Patricier wurde gebrochen. Es ist Dies dieselbe Frage, die im Großen sich jetzt wiederholt. Wir zertrümmern die Ordnung, die wir vorfinden, um aus unsren Interessen heraus neue Institutionen zu gründen. Bricht nun vollends etwas Neues an, stiftet man eine Republik und man benutzt sie doch nur wieder für die alten Regierungsmaximen, für die alten Börsenmäkler, für die alten Kapitalisten, wohlan, so müssen diese ewigen Feinde der Menschheit in Ketten gelegt und unschädlich gemacht werden, bis man sich verständigt hat, ob dies Alles nicht auch anders gestaltet werden könne. Diese Kammern sitzen auch hier und sprechen über links und rechts, über die Geschäftsordnung, über erbliche, nicht erbliche Pairs, über die Rechte der Krone, der Stände, der Wähler, aber Niemand denkt daran, den Staat von unten herauf neu zu bauen. Darum, weil die Nationalwerkstätten in Paris scheiterten, soll das Recht der Arbeit widerlegt sein? Darum, weil ein Experiment misglückt, soll man ein anderes nicht versuchen? Die Armuth, das Elend, die Verzweiflung der Massen ist da, also auch die noch immer nicht gelöste Aufgabe der Zeit. Ich fürchte eine Revolution der Massen, wie noch keine da war. Man beeile sich, ihren Gräueln, die nicht ausbleiben werden, bei Zeiten vorzubeugen! Man organisire die Arbeiter zu Vereinen, stelle erleuchtete Köpfe an deren Spitze und lasse sie mit jedem Nachdruck, den die Wichtigkeit der Angelegenheit nur fordert, den Menschen gegenüber, die jetzt den Staat machen, nicht mehr allein, nicht mehr hülflos, nicht mehr in dumpfer Verzweiflung; Das ist die Meinung eines Arbeiters, der die Lage seiner Brüder kennt!

Louis Armand hatte diesen Vortrag, unterstützt von Siegbert's Nachhülfe, in ausreichendem Deutsch lebendig und erwärmt beendet und Dankmar gab ihm das Zeugniß, daß er auf Egon großen Einfluß müßte gewonnen haben, stimmte er doch fast wörtlich mit manchen zufälligen Bemerkungen des Prinzen zusammen, nur daß dieser – wie Dankmar hinzusetzte, – leider – noch immer zu glauben scheine, wie mit dieser Auffassung auch mancherlei Mittelalterliches getrost bestehen könnte.

Leidenfrost murmelte und brummte. Er meinte, seine Arbeiter wären keine Philosophen. Die wollten arbeiten, auch manchmal hungern, nur sollte Recht und Gerechtigkeit in der Welt herrschen! Die Communisten im Handwerkervereine wären Näscher, Faullenzer, Lärmmacher. Er nannte mehre. Doch unterbrach er sich selbst, da er Louis Armand's Äußerungen wegen einer gewissen sentimentalen Wehmuth seines Vortrages achten mußte. Auch Werdeck, an den nun die Reihe kam, sprach seine Zustimmung zu Vielem aus, was dieser ihm immer mehr gefallende junge Franzose gesprochen hatte.

Der Major der Garde, ein Adeliger, Herr von Werdeck, in einer solchen Debatte mit einem Advokaten, einem Techniker (so wollte sich Leidenfrost bezeichnet wissen) einem Maler und einem Handwerker... Das ist allerdings das Bild einer aufgeregten Zeit! Die öffentlichen Angelegenheiten hatten Alle ergriffen. Jede Schranke war wenigstens für einige Zeit gefallen. Man kehrte zwar bald in seine alten Lebensstellungen zurück, aber Mancher behauptete sich doch noch auf dem vorgerückten Standpunkte und verbrannte wol gar die Schiffe, die ihn zu seiner früheren Existenz zurückführen konnten. Werdeck fühlte und sagte dies selbst. Er begann:

Meine Herren, daß ich mich in Ihrem Kreise befinde, ist für mich eine Veranlassung, persönlich zu werden; denn wenn irgend Jemand ein verlorener Posten ist, so bin ich es. Sie, meine Herren, können sich kaum so in der Nothwendigkeit, einen bestimmten Entschluß zu fassen, befinden, wie ich. Sie lehnen sich an gleiche Gesinnungen Ihrer Freunde, Ihrer Standesgenossen an. Ich dagegen stehe mit meinen Auffassungen ganz allein. Ich fühle vollkommen, wie sehr meine Stellung exceptionell ist. Es ist ein gehässiger Anstoß, den ich nach allen Seiten gebe. Vor einigen Monaten fiel es nicht auf, daß ein Offizier Politik trieb. Man hatte das Heer aufgegeben, gedemüthigt, man wollte es dem allgemeinen Bürgergeiste unterordnen und sah es gern, wenn der Offizier auf diese Calamität einging, gute Miene zum bösen Spiel machte und sich der allgemeinen Debatte anschloß. Der Hof gewann dadurch die Beruhigung, daß die Zugeständnisse, die man gegeben hatte, auf einer innern Nothwendigkeit beruhten. Wenn der Adel, wenn der Offizierstand politisirte, dachte man, so merke man nicht, was oben die Angst des Gewissens sprach. Ja man hat uns sogar aufgefordert, uns an der Debatte zu betheiligen. Man hat es gewünscht, daß wir uns hier und dorthin wählen ließen und nicht nur unsere Fachkenntniß geltend machten, sondern auch unseren disciplinarischen Geist verbreiteten und vor allen Dingen dem alten Stock- oder Zopf-Soldaten bewiesen, wie wenig sein Kastengeist noch für diese Zeit ausreiche. Bald änderte sich Das. Die Ausschweifungen jener Demokratie, die man die einfache Straßenherrschaft nennen mußte, machten das demokratische Princip selbst verdächtig. Manche zogen sich zurück, um nicht mit dem Pöbel in Berührung zu kommen; Andere, weil sie sahen, daß die Politik der Fürsten bereits eine andere war als selbst vorläufig noch die der Ministerien. Es galt nun für guten Ton, als Offizier sich von allen öffentlichen Kundgebungen fern zu halten, höchstens in den Ton der Reaction mit einzustimmen, der zuerst von den Gutsbesitzern, Landräthen, den Pensionairs angeschlagen wurde. Auch ich zog mich zurück und folgte dem Beispiele fast jedes höheren Militairs und trat in den Reubund. Meine Herren, der Mensch muß sich immer am Gegentheil seines Wesens prüfen; noch klarer aber wird er sich, wenn er die scheinbar gleichartigen Elemente, die sich an seine Natur ansetzen wollen, nicht ertragen kann. Ich entdeckte jetzt erst in den Berathungen des Reubundes meinen Unterschied von den gewöhnlichen Persönlichkeiten. Ich sah überall Egoismus und Furcht. Ich sah Menschen, die sich mit Leidenschaft auf die Principien der Stabilität warfen, nur um sich und den Ihrigen ihre zeitlichen Vortheile zu erhalten. Die einzigen Doktrinaire darunter waren Adelige, die aber zuletzt auch für die Besteuerung ihres Grundbesitzes fürchteten. Besonders verletzten mich die ausrangirten alten Offiziere, die in der Angst, ein Pensionsgesetz könnte ihnen die Belohnung für Das, was sie mit Gott für König und Vaterland gethan zu haben glaubten, verkürzen, sich zu den seltsamsten Demonstrationen hergaben. Ich widersprach. Erst ausführlicher, dann immer kürzer und kürzer, zuletzt in Epigrammen. Ich schied aus. Wenn ich nun dem Beispiele aller meiner Waffengefährten folgen wollte, so mußte ich die ganze Gährung der in mir aufgeregten Begriffe gewaltsam niederschlagen und mich mit einem blinden Demokratenhaß darauf beschränken, nichts sehnlicher, als einmal ein allgemeines Blutbad abzuwarten, wo die Spitzkugeln und Bayonette Alles durchbohren und aufspießen sollten, was nur irgendwie in einer Beziehung zu dem negativen Principe unserer Zeit steht. Ich gehöre zu diesen Bauchschlitzern nicht. Ich habe meine eigne Idee über den Adel sogar. Ich glaube, daß der Adel nur darum vorhanden ist, daß er erblich, traditionell jene Vorzüglichkeit des Berufes für das allgemeine Wohl empfängt, die bei Dem, für dessen Erziehung Eltern nichts thun können, eine aus ihm selbst geborne zufällige, oft auch ausbleibende Vocation ist. Ich erkenne in meinem ziemlich alten Adel die Mission nicht eines Genusses, sondern einer Aufgabe. Ist dies schon Thorheit in den Augen meiner aristokratischen Waffengefährten, so wächst sie zum Verbrechen, da ich mir eine Vermittelung mit den Ideen des Jahrhunderts möglich denke. Ich läugne nicht, der Krieger ist in einer verzweifelten Lage. Man hat uns einen Eid abgenommen, der nach jesuitischer Moral wol gelöst werden könnte, ja es ist immerhin möglich, daß ein Einzelner sich durch eine tiefere moralische Betrachtung von den Banden einer mathematischen Eidesformel loszulösen vermag; allein es ist mit solchen Verpflichtungen, wie mit jenen Verpflichtungen der Ehre, die zum Duell führen. Man verwirft das Duell und kann sich ihm doch nicht entziehen. Der Fahneneid ist einmal geschworen, geschworen unter andern Verhältnissen, wie sie jetzt stattfinden. Ich würde ihn so, wie ich ihn geschworen, nicht wiederholen. Aber er ist geschworen. Nun kann man sagen: Tritt aus den Reihen der Krieger, die nur den Landesherrn als Befehlshaber anerkennen, aus! Dies ist aber für Den, der den Beruf des Militairs einmal gewählt hat, gerade so, als wenn ein Prediger die Kanzel nicht mehr besteigen soll, auf der er anders predigt, als das Consistorium will. Der, der sich als Christ fühlt, wird sich aufs Äußerste sträuben, aus der Gemeinde auszutreten. Der Lebenslauf, den man wählt, kann mit Jemandes ganzer Natur zusammenfallen. Ich bin ein Krieger. Ich bin kaum etwas Anderes. Ich habe früher wenig Avancement gehabt, die Friedenszeit war Schuld daran. Warum soll ich das Feld räumen? Warum soll ich nicht hoffen, die politische Debatte dringe so weit durch, daß unser Eid modifizirt wird und man uns von der Einseitigkeit unseres Gelöbnisses freispricht? Auch drängt es mich, das Beispiel einer Gesinnung zu geben, wie sie sich leider in unseren Reihen so spärlich nur gesäet findet. Ach, meine Herren, welche Geistlosigkeit, welche blinde Leidenschaft, welche brüske Impertinenz, welch brutales Nichtdenkenwollen in meiner täglichen Nähe! Tritt irgend ein unabhängiger, junger Mann von freiem Urtheil in den Dienst, entdeckt man irgend einen Unteroffizier, der eine Broschüre, eine Zeitung liest, erhält man einen Reservisten, der sich wohl gar schon compromittirt hat, wie wird er empfangen! Da stellt sich der alte Oberst in dem Kasernenhofe hin und hält eine Rede im Bauernstyl vom Siebenjährigen Kriege und weckt den rohen, gewaltsamen Sinn der Menge zur rohesten und ungeschlachtesten Kundgebung durch Schimpfreden, Kraftworte und Polissonerieen, die aus dem Munde oft weißhaariger alter Krieger kommen! Die jüngeren Offiziere greifen diesen Ton auf und setzen ihn in ihrer kleinen Sphäre fort. Da hab' ich einen Sergeanten, Heinrich Sandrart. Vermögender Leute Kind, hatte er etwas Lockeres und klapperte gern mit seinen Mutterpfennigen, ließ sich auf Bällen sehen und war verliebt...

Louis schlug die Augen nieder.

Dieser junge Mann ist nicht Demokrat, fuhr Werdeck fort, aber meine Leutenants machen ihn dazu. Raucht er eine Cigarre, so fragen sie ihn, ob er Das im Klub gelernt hätte. Bläst er die Flöte in der Kaserne, so läßt man ihm sagen, er sollte sich Das aufsparen, bis er wieder in seinem Dorfe wäre. Der junge Mann dauert mich. Er liebt unglücklich...

Louis gerieth in größere Spannung.

Genug, brach aber der Major ab, solche und ähnliche Fälle beweisen, wie sehr man schon eine gewisse träumerische Selbstständigkeit an dem Krieger als unzulässig verfolgt; wie nun erst, wenn er einmal ein Wort entgegnet oder wol gar sich einfallen läßt, wie es Manche schon in meinem Bataillon thaten, daß sie sich Staatsbürger nennen, die nur momentan unter den Waffen ständen! Ob es jemals möglich werden dürfte, die Armeen auf demokratische Grundlagen zu organisiren, daß darüber die unerläßliche Disciplin nicht zu Grunde ginge; ob es jemals möglich werden dürfte, den Adelsgeist, der hier und da sein Gutes hat, dem großen Zwecke eines Volksheeres dienstbar zu machen, Das möcht' ich wol wissen. Ich gestehe, daß ich ein Grauen empfinde vor dem Tage, der früher oder später kommen wird, wo wir Soldaten in der Lage sein werden, gegen den Geist der Zeit einzuschreiten und gegen bessere Überzeugung mit der Waffe aufräumen zu müssen. Ich läugne gar nicht, daß ein von jeder schwankenden Meinung der Zeit herumgezerrtes Heer, ein Heer, das etwa einem Parlamente verpflichtet wäre und nicht wüßte, wer ihm Befehle zu geben hat, sich bald auflösen würde. Ich weiß aber auch, daß Heere, die starr und beharrlich bei einem veralteten Principe festhielten, wie Karten vom Sturme umgeblasen wurden; denn mögen unsre alten Obersten noch soviel in den Kasernenhöfen fluchen, mögen sich die Leutenants noch sosehr bei den vom Reubunde herausgegebenen Zeitungen in den Kaffeehäusern Muths erholen, mögen die jungen avancementssüchtigen Referendare und Assessoren, die bei der Volkswehr in kritischen Momenten als Offiziere eintreten, noch so bramarbasiren, ich sehe doch, daß der Unterbau morsch ist. Die Gesinnung des gemeinen Soldaten steht nicht so fest, wie sich die Offiziere den Anschein geben, sie überall vorzufinden. Das Reglement des Schießens reicht aus. Die Attake wird schon schwieriger sein und für einen Feldzug voll Mühen und Entbehrungen glaub' ich bei unsren Armeen ohne große neue volksthümliche Begriffe nicht einstehen zu können.

Leidenfrost pries die Krieger, die es in zweifelhaften Momenten mit dem Volke hielten.

Sagen Sie Das nicht, alter Freund, bemerkte der Major. Ich habe die Art, wie in Frankreich die Regimenter schwanken, nie billigen können und immer eine moralische Abneigung empfunden, wenn es hieß: Die Linie ging über! Glauben Sie mir, Leidenfrost, Sie haben von dem in unserer Epoche liegenden Zuge zum Tode so rührend gesprochen, daß ich innerlichst davon bewegt war und erst jetzt begreife, warum eine Kugel vor den Kopf eine Wohlthat sein kann. Allein nicht blos dieser Zug, der mir vorkommt, als sollt' ich sagen: Unsre Zeit ist gleich einem Standbilde von Marmor, dessen Augen ohne Augensterne sind... nicht nur, daß diese todten Augen uns rühren, rührend ist auch in dieser Zeit der Jammer der Pflicht. Die Pflicht, meine Herren, ist die Thräne im Auge des Kriegers. Es liegt etwas Majestätisches in dieser Fessel durch ein gegebenes Wort. Lassen Sie mich wieder ein Bild brauchen. Diese schweren Pflichterfüllungen erinnern mich an jene sterbenden Gladiatoren, die hingesunken, erschöpft und todesmatt an der Erde liegen, noch einmal die Arme stützen, um sich zu erheben und doch schon den Kopf sterbend sinken lassen, freie Menschen, die gefangen in der Lage waren, gegen ihren Willen ihre eignen Landsleute, die in gleichem künstlichen und beklagenswerthen Ingrimm ihnen gegenüberstanden, bekämpfen zu müssen, eine Zeitlang, der Ehre wegen, standhalten und dann gern sterben, um ein Leben voller Schande und Sklaverei loszuwerden für ewig.

Der Major schwieg. Der sonst so scharfe Ausdruck seiner Gesichtszüge hatte sich verloren. Die hochgezogenen schwarzen Augenbrauen senkten sich mit dem Blicke, der kummervoll auf der runden Tafel des Tisches ruhte. Die rechte Hand hielt mechanisch den grünen Römer, ohne daß ihn Werdeck zur Lippe führte. Ein tiefer Schmerz hatte den sonst so elastischen Körper und dessen lebhafte Bewegungen gelähmt.

Leidenfrost reichte dem Major die Hand über den Tisch. Es lag etwas so Schmerzliches in dieser Begrüßung, daß es Allen auffiel und dem Major Veranlassung wurde, in seiner gerührten Stimmung mit den Worten hervorzubrechen:

Daß ich hier unter Ihnen bin, meine Herren... Ich dank' es nicht dem Geist, sondern dem Herzen! Maximilian Leidenfrost sollte den wunderbaren Roman erzählen, der mich an ihn fesselt! Sie wissen sicher, welche abenteuerliche Bahn seine Jugend durchlief! Er ist ein Soldatenkind und führt den Namen Leidenfrost nur – aus Gefälligkeit. Leidenfrost. Leiden im Froste! Wo gab es grimmigere Leiden im Froste als 1812! Ein hülfloses kleines Kind, ein Mädchen, liegt in den Armen eines sterbenden Wanderers, der aus Sibirien entfloh und die Freiheit und die Erlösung von seinen Leiden auf den Schlachtfeldern fand, in deren Schrecken er sich auf seiner Flucht verirrte. Unter Leichen, unter Eis und blutgetränktem Schnee verschmachtet der Vater jenes Mädchens und die Kleine ist dem Tode nahe, als ein vorüberziehender, halberfrorener, fliehender deutscher Soldat das hülflose Schreien des Kindes hört und es aus den Armen des todten Vaters nimmt. Er eignet sich die wenigen Habseligkeiten des Todten zum Besten des Kindes an und trägt den verschmachtenden Wurm mit sich durch Rußlands Schneefelder und Eissteppen. Er gedachte eines Knaben, den er selbst daheim bei seinem jungen Weibe eben vor seinem Ausrücken unter Napoleon's Fahnen zurückgelassen hatte. Dieser arme Soldat war ein Deutscher und hieß Brüning. Sein Knabe hieß Maximilian, nach seinem König; es war ein Baier. Seinen Pflegling aber, den er aus Rußland hinweg auf den Armen trug, nannten entweder Er oder Andere Josephine Leidenfrost. Wenigstens tauchten beide Kinder, Max Brüning und Josephine Leidenfrost, unter diesem Namen in einem polnischen Kloster zum Herzen Jesu auf. Vielleicht hatten die Nonnen dem Findling diesen sinnreichen Namen gegeben. Der verwundete Baier konnte nur bis Gnesen kommen. Dort brach seine Kraft zusammen; er verfiel dem Typhus, sein Pflegekind, die kleine Tochter des sibirischen Flüchtlings, eines Polen, wurde dem Kloster übergeben. Da suchte den erkrankten Soldaten im Frühjahr 1813 sein Weib auf, das zu Fuß, elend und arm, ihren Knaben in einem Tuche, das sie über die Schultern band, tragend, durch Franken, Thüringen und Sachsen nach Gnesen wanderte, wo sie wußte, daß ihr Gatte Brüning krank darniederlag. Das treue Weib findet den Mann im Fieberwahnsinn, sie pflegt ihn, erkrankt selbst, stirbt und ihr genesener Gatte... begräbt sie. Seinen Knaben Max gibt er zu Josephinen in das Kloster zum Herzen Jesu und er selbst tritt unter die neuentfaltete preußische Kriegsfahne, folgt der Proklamation von Kalisch; ich habe nie wieder von diesem ehrlichen Brüning etwas vernommen. Es ist der Vater unsers Max da.

Der Major schwieg eine Weile. Die Andern blickten theilnehmend erstaunt auf den Maler, der mit gestemmten Händen den Kopf hielt und in seinen Römer blickte, wie auf den Grund eines räthselhaften Sees oder wie man am Rhein auf die Stellen blickt, wo die Sage von verschütteten Horten erzählt...

Der Major fuhr fort:

Max, das Soldatenkind da, und Josephine, die Polin, galten für Geschwister, ohne es zu sein. Sie liebten sich wie sich Kinder lieben, die zusammen lernen und spielen, und die Nonnen flößten Beiden die ganze Schwärmerei in die jungen Herzen, die sie, der Welt entsagend, nur in ihren Träumen oder in ihrer Hingebung an Christus und die Heiligen aussprechen konnten. Es war leicht erklärlich, daß man Max als Katholiken erzog, ebenso, daß man auch ihn Leidenfrost nannte, weil die Nonnen auf ihren vielleicht von ihnen erfundenen Namen stolz waren. Max Leidenfrost wurde zuletzt ein gefährliches Element unter den Nonnen. Man führte ihn nach Warschau in ein Mönchskloster. Entführen hätt' ich sagen sollen. Denn die Trennung von seiner Schwester soll List und Hinterhalt genug nöthig gemacht haben. Dort im Warschauer Kloster erzählt die Chronik viel Streiche von dem ketzerischen Knaben Max Brüning, genannt Leidenfrost, Streiche, die nicht in die Legende der Heiligen kommen werden. Josephine blieb bei den Nonnen, bis Sibylla, die Äbtissin, eine herrliche, verständige Dame, den geringen Beruf des Mädchens für die geistliche Welt erkannte und sie nach Warschau zu hohen Verwandten schickte. Äbtissin Sibylla gehörte dem altpolnischen Adel an. Josephine und Max sahen sich wieder und die Liebe des jungen Halbnovizen für seine Namensschwester wuchs. Ich will die Abenteuer nicht ausmalen, die der romantische Sinn der zusammenerzogenen, für Geschwister geltenden jungen Leute...

Der Major unterbrach sich:

Hab' ich nicht Recht, Max?

Leidenfrost hob den Kopf und schüttelte ihn lächelnd:

Ich bin stumm gewesen und höre nur! sagte er.

Es war mir doch, bemerkte der Major zur Flamme emporsehend, als hört' ich... doch ich bin bewegt und meine Phantasie überhört vielleicht, daß ich selbst der Sprecher bin. Genug, Josephine ist jetzt das Weib des Majors Werdeck, aber welche Kämpfe hat es gekostet, bis ich sie mir errang! Ich lernte sie vor zwölf Jahren in Warschau kennen, hangend und bangend in Liebe um ihren theuren Max, der, um nicht Priester zu werden, vor zehn Jahren entflohen war, verkleidet als Bedienter eines russischen Vornehmen, Otto's von Dystra. Welch' ein Verkehr hatte sich zwischen ihnen entsponnen! Max lernte vom Kleinsten auf und rang nach äußerer Bewährung eines innern Genius, der in ihm rauschte, ohne daß er ihn bändigen konnte. Was hatte er bei den Mönchen gelernt? Nichts als nur schreiben, aber zierlich, malerisch schön! Eine Künstlernatur lebte in ihm, ihm unverständlich. Er konnte kaum noch richtiges Deutsch, er mußte in Allem von vorn beginnen und vergriff sich in den Mitteln, seinen Geist zur Höhe zu bringen. Statt Maler Anstreicher, statt Bildhauer Drechsler!... Josephine galt in dem Hause, wo sie lebte, für eine Waise, ohne Lebensansprüche. Sie liebte Max und empfing seine Briefe, die sie beantwortete, wie Heloise die Briefe des Abälard beantwortete. Max raffte sich immer gewaltiger empor. Immer bedeutsamer wurde sein Talent. Er war Künstler, Maler; er konnte stolz sein, Josephinen einst seine Hand zu bieten. Da sah ich dies reizende Mädchen in Warschau, wie ich als Hauptmann dort in einem militairischen Auftrag anwesend bin. Ich liebe Josephinen sogleich, trag' ihr meine Hand an und trotzdem, daß durch die Papiere, die Brüning in Rußland dem todten Vater abnahm, des Mädchens wahrer Name, ihre adlige Herkunft allmälig entdeckt wird, schlägt sie meine Bewerbung aus und reist nach dieser Hauptstadt, um den inzwischen hier zur Geltung, zur selbstständigen Freiheit gereiften Bruder zum Gatten zu nehmen... da...

Der Major stockte und unterbrach sich mit den Worten:

Bin ich ein Thor, daß ich diese Erzählung begann? Was führt mich darauf!

Die Freunde drückten ihren Dank, ihre größte Spannung aus. Louis Armand, der sich seines halbpolnischen Ursprungs erinnerte, schien besonders bewegt...

Aber der Major sagte:

Nur der Trieb, Ihnen zu sagen, warum ich gern mit Ihnen lebe, gern in Ihrem Kreise bin, meine Herren, öffnete mir die Zunge zu dieser Geschwätzigkeit...

O wohl! lachte Leidenfrost auf. Mit den sogenannten Verstandesmenschen, wofür der Major gilt, geht gewöhnlich die ganze Logik durch und reißt der Verstand alle Stränge, wenn die einmal aufthauen und ihr Herz zeigen wollen. Die Geschichte ist ganz einfach. Josephine kommt hierher. Der Hauptmann von Werdeck bestürmt sie mit seiner Liebe. Ich sehe sie, sie sieht mich wieder. Nach sechs Jahren! Abälard und Heloise! Lacht nicht, Kinder, es ist zum Weinen! Betrachtet mich! Was? Nicht wahr? Ich bin häßlich. Diese Citrone, die ich hier fasse, ist mein Gesicht! Diese Löcher sind meine Augen! Diese getrocknete Zwetsche ist meine Nase! Ideal und Wirklichkeit! Josephine sieht mich wieder, entsetzt sich, erwacht von ihrem Jugendtraum und heirathet den Hauptmann von Werdeck, den sie liebt wie einen Gatten; mich liebt sie noch jetzt... wie einen Bruder.

Als Max Leidenfrost diese Erzählung lachend, aber mit unterdrückten Thränen zum Besten gegeben hatte, waren Alle stumm, von Schmerz und rührender Theilnahme ergriffen.

Genug! Genug! fiel er aber selber ein. Vorwärts jetzt! Dankmar, sagen Sie jetzt Ihren Plan!

Dankmar konnte sich nicht sogleich aus dem Staunen über dies eigenthümliche Verhältniß zwischen drei edlen Menschen emporraffen und schwieg.

Da ergriff Leidenfrost den Römer und sagte:

Dir, holder Genius meines Lebens, dieses Glas! Dir, Josephine, um die ich rang und arbeitete! Dir, zu deren Ruhm und Preis ich mein Leben aus dem Gemeinen und Zufälligen emporrichtete! Du warst der Stern meiner Nächte, die Sonne meiner lichteren Tage! Um dich darbt' ich, um dich dient' ich! Und als ich ein Herrscher zu sein glaubte und meine Krone mit dir zu theilen wagte, da weintest du und verhülltest dich! Lebewohl, Josephine! rief ich und stürzte mich wie ein Wahnsinniger in's Leben; ich trat meine Kunst mit Füßen. Ich wurde ein Verräther an mir selbst. Die Verzweiflung peitschte mich wie mit Furiengeißeln. Ich ein Scheusal? Eine Abirrung der menschlichen Formen? Ich, ein Plastiker, unschön? Da trieb es mich auf die Bühne. Schauspieler wurd' ich, heute, um mich zu schminken und schön zu sein, morgen, um mir einen Buckel überzuschnallen, Gesichter zu schneiden, rothe Haare aufzukleben und vor den Spiegel zu treten und zu sagen: Jetzt bin ich erst häßlich! Jetzt erst entsetzen sich die Engel vor dir! Das bist du nicht selbst! Du bist ein Adonis, ein Gott gegen diese Fratze! Und so trieb ich's fort; bis ich wiederkehrte, mich besann, mich ergab, ergab als – Menschenfeind. Ich fand die Geliebte, die Schwester ernst, vornehm, aber wieder gut. Sie war nicht die alte Josephine mehr; sie war jetzt nach entdeckten Familienpapieren Jagellona...

Jagellona? unterbrach Louis Armand.

Jagellona von Werdeck, Franzos! fuhr Leidenfrost fort. Jagellona, die Polin, die Adlige, wie es die Gesellschaft verlangte! Aber sie hat noch ein Herz, noch Liebe. Sie liebt Ideen, Menschen, die Ideen tragen und verkörpern, sie liebt Polen und die Freiheit. Jagellona ist meine Josephine nicht mehr; aber Werdeck wurde mein Freund –

Dein Bruder, Max! sagte Werdeck und reichte dem Sprecher tiefgerührt die Hand. Im Geiste bliebst du meinem Weib ihr alter Max!

Im Geiste ist Alles möglich! sagte Leidenfrost. Stoßt an... auf Jagellona!

Siegbert, der des Rühmlichsten genug von der Majorin zu erzählen pflegte, stieß mit Enthusiasmus an. Dankmar mit Vorwürfen, die er sich selbst über seine Zurückgezogenheit von der Gesellschaft machte, Louis mit der Frage auf den Lippen, wie denn wol der fernere Name dieser Jagellona heißen mochte...

Da machte Leidenfrost gleichsam einen Strich über diese ganze Unterbrechung und sagte entschieden:

Und nun kein Wort mehr davon! Ihr kennt jetzt die Tragödie, die ich in meinem Herzen spiele... besser hoffentlich, als ich einmal sechs Monate lang früher in Wirklichkeit auf den Bretern spielte. Jetzt zur Sache! Dankmar Wildungen! Unsre Stimmung ist hinlänglich feierlich! Reden Sie!

Dankmar entschloß sich nun, in den angeregten Gegenstand einzulenken und sprach:

Sie haben, Herr Major, in Ihren früheren Äußerungen das tiefe Weh dieser Tage ausgesprochen! Sie haben an Ihrem Beispiele gezeigt, wie lang die Bahn gemessen ist, die unser redlicher Wille durchlaufen muß, wenn er sich in eine That umsetzen will! Hundert Gründe, etwas zu thun, tausend, etwas zu unterlassen. Das Ideal ahnen wir, aber Nebel umgeben die Sonne. Auf dem Wege zur Wahrheit hundert Lügen und Lügen nicht einmal, die wir verachten dürften, nein, wir sollen uns mit ihnen abfinden, sollen selbst lügen, um von ihnen ehrlich loszukommen! Wir Alle hier sind Demokraten. Das Wort ist alt. Seine Geschichte lehrreich. Die Moral dieser Geschichte abschreckend. Ich gebe zu, daß die Chronisten dieser Geschichte meistens Aristokraten waren, wenn auch nur Aristokraten der Bildung und Gelehrsamkeit. Aber unverkennbar ist es, daß zu allen Zeiten sich in ein lauteres, reines Princip unlautere Elemente mischten. Könnten wir diese von unserer Debatte ausscheiden! Das demokratische Princip galt bisher nur für kleinere Staaten, jetzt erst ist es ein Weltdogma geworden, ein geschichtlicher Hebel. Da ist es fast so groß, so heilig zu erachten, wie eine Religion. Eine Religion muß unendlich einfach sein. Die Offenbarung gibt die Geschichte. Drei Sätze genügen. Das Übrige thut der Geist, die Gesinnung, die Hoffnung. Wir haben vier Meinungen gehört. Alle wurzelten sie in einem Stamme und waren so verschieden, und stritten wir noch länger darüber, so würde statt Einigung, Veruneinigung kommen. Der Eine empfiehlt eine augenblickliche That, der Eine will nur die Gefahr des Experimentes wagen, der Dritte lieber mit dem Alten untergehen, nur um nicht das bedenkliche Neue zu versuchen. So werden wir uns nie vereinigen. So werden wir immer nur die Repräsentanten des Chaos sein, das jetzt in den Gemüthern gährt und allen erleuchtenden und erwärmenden Lichtstrahlen unzugänglich scheint, weil jede Subjektivität leidenschaftlich, reizbar, eigensinnig ist. Freunde, wir müssen unsre Lehre vereinfachen, aber die einfache Lehre kraftvoller durchsetzen! Wir müssen es aufgeben, positive Schöpfungen hervorzurufen, und uns begnügen, nur den Geist, in dem sie erwachsen sollen, zu befördern. Keine Theorie! Aber für den Geist der Theorie das Leben! Hört mir zu, Freunde! Die Stunde ist heilig! Stoßt auf eine Idee an! Ich wünsche, daß es so, wie in unsern Gläsern auch in unsern Herzen widerklingen möge!

Man stieß mit Dankmar, dessen Augen leuchteten, feierlich an. Vom Rathsthurm schlug es zehn. Als die Gläser gesenkt waren, begann Dankmar mit fester Stimme von der Nothwendigkeit zu sprechen, über den Bund der Freimaurer hinaus einen neuen zu stiften, einen Bund, den er den der Ritter vom Geiste nannte.


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