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Neuntes Capitel.

Die Stiftung des Bundes.

Kaum hatten die beiden Schreiber, Schmelzing und Hackert, auf dem Estrich kauernd, die Gesellschaft, ehe noch Werdeck kam, unter sich in die kleine Trinkstube eintreten hören, als sich auch der Letztere sogleich von einigen Stimmen an ihm bekannte Menschen erinnert fühlte. Noch wußte er nicht deutlich zu unterscheiden, wo er das eine oder das andere Organ hinbringen sollte. Die Worte, die unten gesprochen wurden, bekamen durch die Wölbung und die Resonanz etwas Schnurrendes, ja Unangenehmes. Man mußte etwas von der Kreuzesform zurückbleiben, um nicht durch das Schnarren der Stimmen verletzt zu werden. Für Schmelzing's Ohr waren diese Töne gerade so, wie er sie haben mußte. Er hielt sich so dicht an dem flammenden Kreuze, daß ihn Hackert einige male zurückzog und ihm durch die Fingersprache sagte:

Sie werden sich Ihre paar Haare noch vollends abbrennen, Schmelzing!

Schmelzing zeigte boshaft auf Hackert's rothes Haar, dem das Sengen nicht viel schaden könnte, zog dann ein Portefeuille und legte es sich zum Notiren der unten gesprochenen Worte förmlich zurecht.

Hackert sah diese Zurüstung mit Gleichgültigkeit. Er war ein Mensch des Augenblicks. Weil die Stimmen ihm im Ohre wehthaten, so gönnte er ihnen, daß Schmelzing ihr lautes Lachen und Scherzen aufschrieb. Ruhig streckte er sich am obern Ende des Kreuzes hin, während Schmelzing am untern kauerte und bald horchte, bald schrieb, bald das Brot und den Wein zurechtlegte für ein geordnetes, später einzunehmendes Souper; denn, deutete er Hackerten an, diese Sitzung da unten würde gewiß lange währen, es schiene heute ein Hauptschlag berathen zu werden.

Hackert rieth hin und her, wer die Sprecher sein mochten; endlich vernahm er in dem Durcheinander, bei dem der ihm unbekannte Leidenfrost am meisten hörbar war, eine sanftere, mildere Stimme. Es war Siegbert's. Unwillkürlich kam es Hackerten, als müßte er nun durch das Kreuz sehen. Schon hielt er den Kopf hin, als er vor der Hitze der Flamme erschreckt zurückfuhr.

Das ist Siegbert Wildungen! dachte er sich. Mein wackrer Freund, der so liebevoll für mich gesinnt gewesen und den ich an jenem Abend vor dem Fortunaball so niederträchtig kränkte, daß ich ihn für immer vermeiden muß!

Und nun erkannte er auch Dankmar's Stimme.

Jetzt erst schwebte ihm klar und deutlich vor, welche Rolle er hier spielte. Menschen, die ihm fremd, zu belauschen und neue Entdeckungen im Gebiete des bunten Lebens zu machen, wäre ihm vielleicht sonst eine Unterhaltung gewesen. Als er aber die Stimmen befreundeter Menschen hörte; als er sich erinnerte, wie freimüthig Dankmar auf der Fahrt vom Heidekrug nach Hohenberg gegen den verkleideten Prinzen Egon sich geäußert hatte; als er sich vorstellte, in wieviel gefährliche Dinge schon Dankmar verwickelt war und wie er sich doch gleichfalls an jenem verhängnißvollen Abend geneigt gezeigt hatte, ihm zur Aussöhnung und Verständigung die Hand zu reichen, da befiel ihn über die Möglichkeit, ihre Äußerungen könnten ihnen Gefahr bringen, eine unbeschreibliche Angst. Er lauschte nochmals. Er glaubte, sich getäuscht zu haben. Aber es blieb unwiderleglich, daß die Brüder Wildungen unter ihm waren. Als man allgemein Guten Abend! rief und einen Neuangekommenen begrüßte, hoffte er, das Gespräch würde sich in Allgemeinheiten verlieren. Er machte deshalb Schmelzing ein Zeichen, als wollte er sagen: Es sind wol die Rechten nicht? Dieser aber bemerkte, daß gerade der Neuangekommene der Rechte wäre. Hackert möchte ihn jetzt nicht stören, sondern lieber auch seine Schreibtafel ergreifen, damit sie hernach ihre Notizen vergleichen könnten...

Hackert, um Verdacht zu vermeiden, befolgte diese Weisung. Er zog eine pergamentne Schreibtafel und stellte sich, als wenn er außerordentlich begierig wäre, zu erfahren, was gesprochen wurde. In der That war er es auch. Noch immer hoffte er auf Allgemeinheiten und persönliche Gegenstände. Als er aber den Accent eines Franzosen hörte, den Staat, die Zeit, die Willing'schen Maschinenarbeiter nennen hörte, stand es ihm in der That fest, daß die Polizei außerordentlich gut unterrichtet war und wohl Ursache haben konnte, Gesinnungen dieser Art zu überwachen.

Zugleich aber kämpfte gegen die offenbare Überzeugung, daß es sich hier um ein gefährliches Staatskomplott handelte, alles Das an, was er von Siegbert's mildem und Dankmar's besonnenem Charakter wußte. Unmöglich konnten sie gewaltthätigen Unternehmungen Vorschub leisten; aber wenn sie sich hätten hinreißen lassen, wenn sie der Überredung eines ehrgeizigen Kriegers, eines französischen Emissairs hier Gehör gäben? Hackert war von der Vorstellung der Gefahr, in der die unten versammelte Gesellschaft schwebte, so ergriffen, von Theilnahme für die Brüder Wildungen so bewegt, daß er beschloß, Alles aufzubieten, um Schmelzing zu verwirren und für den Fall, daß wirklich Ernstes unten besprochen wurde, ihn in irgend einer Weise unschädlich zu machen.

Zunächst fing er an, Schmelzingen an die Pennalhälften zu mahnen. Er gab ihm die größere und füllte sie mit dem etwas säuerlichen Haut-Sauterne, den die Polizei für diese Expedition auf Rechnung der »geheimen Fonds« setzte. Schmelzing lehnte die längere Hälfte ab und wollte nur aus seinem kleinern Fingerhute trinken. Dem Essen, das Hackert vorzulegen anfing, sprach er eher zu, dabei aber unaufhörlich winkend, kein Geräusch zu machen und seine Aufmerksamkeit nicht zu stören.

Hackert ließ sich aber nicht beirren. Er dachte, ich muß dich bei deinen schwachen Seiten fassen. Die nächste Schwäche des schleichenden, tückischen Schreibers war seine Eitelkeit. Hackert musterte den Mantel, auf dem er lag und gab ihn Schmelzingen, da er zu kostbar wäre, als Fußdecke benutzt zu werden. Das hörte Schmelzing schon gern. Dann lobte er seine Halsbinde und fragte ihn, wo er seine Halsbinden jetzt waschen ließe. Schmelzing antwortete auf alle diese Fragen mit der Fingersprache. Es bot einen eigenthümlichen Anblick, diese zwei Menschen am Boden kauernd zu sehen, zwischen ihnen ein flammendes Kreuz, oben Alles todtenstill, und sie Beide doch sprechend, die Finger reckend, die Arme bewegend, bald an die Brust, bald an's Kinn, bald an die Nase, die Ohren, die Haare fassend. Sie hatten sich in müßigen Stunden Beide eine solche Fertigkeit in dieser Art der Mittheilung und des Gedankenaustausches angeeignet, daß sie sich nicht nur über äußere, sinnlich in's Auge fallende Gegenstände verständigten, sondern so auch über Ansichten und Empfindungen.

Wissen Sie wohl, Schmelzing, sagte Hackert mit der Fingersprache, während er mit Herzklopfen hörte, daß eben Dankmar die Frage beantragte, welchen Entschluß man für die nächste Zeit fassen müßte; wissen Sie wohl, was man von Menschen denken muß, die ihr Gehör verlieren?

Lassen Sie mich jetzt zufrieden! antwortete Schmelzing mit der Zeichensprache, horchte und schrieb emsig.

Nein, im Ernst, Schmelzing! Lassen Sie doch unten die dummen Kerle ihren Rüdesheimer trinken! Ich geb' Ihnen mein Wort, es hat etwas auf sich mit dem Gehör.

Schweigen Sie, Hackert!

Das Gehör, Schmelzing, ist der niedrigste, schlechteste und erbärmlichste Sinn des Menschen! Männer von Geist verlieren immer erst das Gehör.

Wirklich?

Wissen Sie denn, Schmelzing, daß der Mensch eigentlich stufenweise abstirbt?

Sprechen Sie hier nicht von Sterben, Hackert! Ich verbitte mir Das.

Wie alt sind Sie, Schmelzing! Neunundzwanzig, nicht wahr?

Schmelzing konnte nicht umhin, etwas zu schmunzeln. Er hatte sicher schon sein Vierzigstes auf dem Rücken.

Vom dreißigsten Jahre an sterben wir allmälig ab und zwar an unsern fünf Sinnen.

Zum Donnerwetter! Seien Sie still, Hackert!

Hackert hörte, daß Siegbert eben einen langen politischen Vortrag hielt und ununterbrochen redete. Er ließ sich nun nicht stören, sondern wandte die ganze Kraft seiner Fingerberedtsamkeit an, um Schmelzing vom Nachschreiben abzuhalten.

Gemeine Menschen, sagte er, sterben von oben herab, edle Charaktere von unten herauf.

Wie so? fragte Schmelzing, der dabei an seine Füße dachte, die ihm beim Sitzen oft einschliefen oder kalt wurden.

Was sehen Sie denn auf Ihre Füße, Schmelzing? Ich rede ja von Ihrem Gehör.

Lassen Sie mich in Ruhe!

Das Gehör ist wirklich das Gemeinste am Menschen. Nur bei den Dummen ist der Gehörsinn am schärfsten ausgebildet.

Wie so?

Je furchtsamer ein Thier ist, desto besser hört es. Alle feigen Thiere, Hasen, Rehe, Maulwürfe hören gut.

Wirklich?

Ein geistreicher Mensch lebt in sich und hört darum so wenig. Plato und Aristoteles, kann ich Ihnen die Versicherung geben, Schmelzing, waren schon in ihrem dreißigsten Lebensjahre stocktaub, und wenn Sie's nicht wissen, wer Plato und Aristoteles waren, so sag' ich's Ihnen, das waren die beiden weisesten von den sieben Weisen Griechenlands!

Sie wollen mir etwas weismachen, Hackert.

Ich gebe Ihnen mein Wort! Erst kommt das Gehör, dann...

Halt! halt! fingerte Schmelzing mit Zorn und zeigte nach unten.

Hackert horchte hin; es war von den Willing'schen Maschinenarbeitern und dem Handwerkervereine die Rede.

Jetzt erst recht gab Hackert keine Ruhe.

Gut zu hören, fuhr er fort, ist gemein; dann kommt gut sehen, das ist weniger gemein, aber noch immer gemein; dann kommt gut fühlen. Das ist Mittelsorte. Dann steigt's aber in's Feine. Erst gut zu schmecken. Dann aber das Feinste, Schmelzing...

Gut zu riechen? fragte Schmelzing erstaunt.

Der feine Mann hat seinen schärfsten Sinn in der Nase.

Gehen Sie weg!

Glauben Sie Das nicht? Sie wissen also nicht, daß alle Weisen Griechenlands am stärksten in dem Organe der Nase waren?

Ich meine doch, daß erst der Geschmack kommt, sagte Schmelzing, von diesen Auseinandersetzungen aus Eitelkeit interessirt.

Ach, wie irren Sie sich, Schmelzing! Geschmack ist fein, aber Geruch viel feiner.

Ich rieche sehr fein.

Wirklich?

Sehr fein!

Riechen Sie z. B., ob Das hier Kohlen- oder Theergas ist; ich meine das Gas, das von den drei Kreuzen kommt.

Dafür kann ich nicht Chemie genug, sagte Schmelzing. Aber ich rieche, daß hier viel Mäuse und wenig Katzen sind...

Sehen Sie einmal an, das riech' ich nicht, Schmelzing, sagte Hackert immer trocken und in der Miene ruhig. Plato soll in seinen letzten Lebensjahren seine künftige Verwesung schon voraus gerochen haben. An sich selbst, Schmelzing!

Ach, schweigen Sie von Verwesung, Hackert!

Sie haben gut reden! Sie haben den feineren Stufengang der Sinne, Schmelzing, und ich fürchte sehr, ich habe nur den gemeinen.

Sie machen Possen!

Im Ernst, Schmelzing. Ich sterbe umgekehrt ab. Ich rieche schon jetzt gar nichts. Mein Geschmack ist dürftig. Der Wein z. B. mundet mir keineswegs und doch seh' ich an der Etikette, daß es der feinste ist, den der Polizeiminister kaum besser hat. Mein Gefühl ist leidlich. Aber sehen kann ich durch ein eichen Bret und hören ist meine Leibpassion. Ich höre z. B. jetzt eben...

Was hören Sie?

Hören Sie nicht die Thür knarren?

Machen Sie mir keine Angst! Lassen Sie Das!

Es ist möglich, daß ich mich täusche. Wissen Sie was, Schmelzing, ich will mich hinlegen und schlafen.

Hier sprang Schmelzing auf. Hackert hatte die Bezeichnung des Schlafens so eigenthümlich dargestellt, daß Schmelzing an die alte Nachbarschaft und das frühere Nachtwandeln Hackert's dachte, von dem dieser behauptete, jetzt gänzlich geheilt zu sein...

Es fehlte nicht viel, so hätte Schmelzing nun laut gesprochen. Der Dialog über die feine und die grobe Stufenleiter der Sinne ging durch die Zeichensprache sehr leicht zu versinnlichen. Die beiden Sprecher hatten immer nur nöthig, auf die betreffenden Organe zu zeigen. Diese Andeutung aber, daß Hackert hier schlafen wolle und wohl gar in seinen alten Zustand verfallen könnte, diese Möglichkeit, verbunden mit so scharfem Gehöre, daß er eine Thür wollte knarren gehört haben, war Schmelzingen zuviel. Hätte er nicht das Geräusch gefürchtet, er hätte Hackerten sein Holzpennal an den Kopf geworfen oder einen Tintenstecher, den er schon aus der Tasche zog.

Hackert ließ in seinen Angriffen auf Schmelzing's Ruhe nach, denn Siegbert hatte aufgehört zu reden. Das Durcheinander von Stimmen, das herauftönte, brachte jetzt nicht ein einziges gefährliches Wort. Schmelzing war außer sich vor Zorn, als er auf seine leeren Blätter blickte.

Es wurde unten ruhiger. Eine Stimme sprach, die Hackert nicht kannte. Es war dies die Stimme von Leidenfrost. Anfangs dachte er, der mag reden, soviel er will! Plötzlich nahmen Leidenfrost's Äußerungen aber einen Charakter an, der Schmelzingen bestimmte unwillkürlich auszurufen:

Herr Gott! Nun kommt's!

In der That war Das die Rede eines vollständigen Demagogen.

Ja, dachte Hackert, Das wird nun arg! Es sind in der That die unvorsichtigsten Menschen von der Welt da unten. Wie kann Siegbert Wildungen ableugnen, daß er in Gemeinschaft eines solchen Aufrührers politische Berathungen gepflogen hat!

Und nun entschloß er sich rasch, Schmelzingen auf's neue in Verwirrung zu bringen.

Die erste Schwäche des Schreibers, sein Ehrgeiz, war schon ergiebig gewesen. Er entschloß sich, mit einer neuen anzubinden. Schmelzing war verliebt. Hackert wußte Das nicht nur im Allgemeinen, sondern hatte sogar an mancher Zudringlichkeit gegen Louise Eisold beobachtet, daß er einen Eindruck seiner hagern, gespenstischen Figur auf das junge, ihn verachtende Mädchen für möglich hielt. Ihm, Hackerten, war der Gedanke an Louisen etwas Heiliges. Er liebte sie nicht, er fürchtete sich vor ihr; er entfloh sogar in allen seinen Gedanken der Erinnerung an dies edle, sittenreine Mädchen. Sein Athem stockte, seine Brust beklemmte sich, wenn er ihrer gedachte, ihrer, die er verlassen, die er nie wieder aufgesucht hatte, auch im Geiste geflohen war! Aber nun mußte er ihr Andenken heraufbeschwören. Wachrufen in der gemeinen Seele dieses dürren Schmelzing! Er besann sich, ob er denn nicht irgend ein anderes Mädchen wisse, dessen Namen er entweihen durfte, um Schmelzing's Phantasie zu verwirren. Er fand keine. Da hörte er, daß der Sprecher unten die Barrikaden erwähnte, und ohne lange Besinnung machte er einen Griff an seinen linken Ringfinger und zeigte auf denselben Finger an Schmelzing's Hand.

Schmelzing wollte nicht hören.

Hackert wiederholte das Zeichen.

Wo haben Sie denn Ihren Ring, Schmelzing? sagte er.

Zum Donnerwetter! Welchen Ring?

Den Ring von Louise Eisold!

Ich einen Ring von Louise Eisold?

Wie Sie auszogen –

Wie wir auszogen?

Den Ring, den sie Ihnen zum Abschied an den Finger steckte?

Mir einen Ring? Sie schlafen wol?

Schlaf' ich? Träum' ich vielleicht?

Hackert, seien Sie still! In meinem Leben nehm' ich Sie nicht wieder hier mit...

Was wollen Sie denn? Ich weiß doch, daß Sie da an der linken Hand immer einen Ring trugen und Louise hat mir selbst gesagt, daß sie Ihnen noch einen Ring geben wollte. War's der nicht?

Mir einen Ring geben? Sie verwechseln sich wol mit sich selbst!

Halten Sie mich für eitel? Die Louise hat Nachsicht mit mir gehabt, weil ich Ihr Freund bin.

Lassen Sie mich in Ruhe!

Aber ich habe ja die Haare selbst gesehen, die sie für Sie abschnitt. Köstliche braune Haare, Schmelzing. Sie gab sie zum Haarflechter und es sollt' ein Ring für Sie werden. Hernach zogen Sie aus und erkundigten sich nicht mehr nach einem Mädchen, das Sie überraschen wollte! Sie staunen, Schmelzing? Sehen Sie, daß Sie doch zu kurz kommen mit Ihrem schlechten Gesicht und Gehör. Plato hatte auch kein Glück in der Liebe; denn er war kurzsichtig. Man nennt Das die Platonische Liebe. Man muß ein scharfes Auge haben, um in's Herz zu sehen, und wenn Eins laut seufzt und man ist stocktaub und hört's nicht, so war man freilich ein Esel. Vergeben Sie mir meine Freimüthigkeit.

Hackert, Sie machen mich ganz confus.

Aber wonach riecht Das hier? rief Hackert plötzlich sich aufrichtend.

Schmelzing zog mit der Nase die Luft ein...

Eau de Cologne, Schmelzing! sagte Hackert. Hier sind Frauenzimmer in der Nähe.

Die Wirkung dieser rasch gesprochenen Worte auf Schmelzing war elektrisch. Im Nu verlor er wirklich alle Besinnung. Hatte schon der Wein, die Erwähnung Louisen's, der Ring mit den Haaren, die Platonische Liebe ihn in eine Steigerung seiner Empfindungen versetzt, so überfiel ihn bei der Vorstellung von Eau de Cologne und von in der Nähe befindlichen Frauenzimmern ein förmlicher Schwindel. Hackert in aller Ruhe, trocken und kaustisch, blieb bei seiner Vorstellung von einem feinen Parfüm, stand auf und behauptete, der Duft käme von dem zweiten Kreuze her. Er blieb stehen. Fortgehen wollte er nicht. Schmelzing bekam sonst zu viel Gelegenheit nachzuschreiben. So setzte er sich dicht wieder in seine Nähe, umschlang Schmelzing, zog ihn an seine Brust und flüsterte ihm ohne Zeichensprache in's Ohr:

O Schmelzing, was sind doch die Weiber für paradiesische Teufel! Eau de Cologne! Die künftige Seligkeit schlägt man um sie in die Schanze! Aber man muß sich recht umarmen, sich richtig küssen, Schmelzing! Die Meisten wissen gar nicht, was in den Lippen für Geheimnisse schlummern. Sie haben gute Lippen, Schmelzing! Nicht lachen! Nur nicht lachen hier! Da hört alle elastische Kraft auf! Ernsthaft, Schmelzing! Und nun den Mund voller genommen! Luft gepumpt, daß die Segel schwellen! Schmelzing, Sie müssen wunderschön lieben können! Wenn ich Louise wäre und ich neigte mich so zu Ihnen und Sie fühlten mich hier dicht am Herzen und ich sagte: Schmelzing! Schmelzing! Göttlicher Schmelzing!

Der verwitterte alte Schreiber zerfloß in der That bei diesen von Gebehrden unterstützten Schilderungen seines Collegen in völlige Besinnungslosigkeit. Das Portefeuille, der Bleistift waren ihm entfallen. Er hörte nicht mehr, er kicherte nur noch und meckerte. Dennoch mußte Hackert fürchten, daß er sich besinnen und ihn mit Gewalt von sich stoßen würde. In dem Augenblick kam seiner Keckheit ein weibliches Lachen zu Hülfe, das wirklich von der Seite des linken Kreuzes her emporschallte. Es klang ganz dumpf, ganz fern, aber Hackert hörte deutlich, daß weibliche Stimmen in der Nähe scherzen mußten...

Hören Sie, Schmelzing, rief er. Hören Sie! Weiber! Eau de Cologne, wie Sie's gleich gerochen haben! Kommen Sie! Kriechen Sie mir nach! Kriechen Sie!

Schmelzing konnte sich in der That nicht mehr aufrechthalten. Seine Sinne waren so verwirrt, Hackert hatte so beredtsam alle schlummernden Geister seiner Sehnsucht geweckt, daß ihm war wie einem Taumelnden. Er kroch auf allen Vieren hinter Hackert her an den linken Flammenschein. Anfangs hörte er nichts von dem Lachen, das Hackert vernommen haben wollte. Wie er aber so dicht an der linken Kreuzesöffnung war, wie vorhin an der mittleren, machte die Wölbung, daß man Ohrenzeuge einer, wie es schien, sehr heitern Scene war. Man hörte Gläser klingen, das Lachen von Frauenstimmen und eine männliche, etwas pathetische Stimme, die sich in phantastischen Huldigungen zu ergehen schien.

O verdammt! flüsterte Hackert, daß man nicht hinunterblicken kann. Nächst dem Genusse, selbst zu lieben, gibt es ja keinen größern, als Andre sich lieben zu sehen. Wie viel Frauenzimmer sind Das wohl?

Schmelzing bedeutete Hackerten zu schweigen. Ihr Rutschen, ihr Plaudern, sagte er, würde sie noch verrathen. Er fing wieder in der Zeichensprache zu gestikuliren an und lauschte so gierig auf die Scene, die in diesem Gemache aufgeführt zu werden schien, daß er die Politik, die Demokratie, die Arbeitervereine vergessen hatte. Hackert's mephistophelische Natur war im vollsten Gange. Er bediente sich aller nur möglichen Einfälle und Schnurren, um Schmelzing zu betäuben. Die ganze Ungebundenheit seiner wilden Phantasie tobte sich aus.

Schmelzing schnalzte mit der Zunge, wie ein Hecht, der vom Trockenen in frisches Wasser kommt. Sein ganzes Wesen schwänzelte. Hackert sagte, aufregend genug, mit der Fingersprache, in der bekanntlich die Neapolitaner noch mehr sagen, als man mit der Sprache sich zu sagen getraut:

Ich wette, es sind sechs Mädchen, Schmelzing, und nur Ein Mann!

Gehen Sie weg, sechs Mädchen?

Ich unterscheide wenigstens vier Stimmen. Es ist ein Herr, der nicht zu den jüngsten gehört. Zwei sitzen ihm auf dem Schooß. Eine, Schmelzing, legt sich ihm eben quer über die Schulter und eine hat sich einen Fußschemel heran gerückt und legt den Kopf auf seine linke Kniescheibe...

Das sehen Sie Alles, Hackert?

Ich hör' es ja, alter Freund! Es sind Tänzerinnen! Sie stehen jetzt auf und wollen ihm eine Polka vortanzen. Sie rücken die Stühle zurück. Platz gemacht! Sie treten an. Ha! Wie sie die Kleider fassen! Sehen Sie, Schmelzing, nein sehen Sie diese Füße! Sehen Sie die weißen Strümpfchen! Die hat rothe Strumpfbänder mit einer emaillirten Schnalle! Sehen Sie denn die Schnalle nicht? Ich sehe die Schnalle, wie sie blinkt, Schmelzing!

Sie sind verrückt, Hackert! Wo sehen Sie denn die Schnalle? rief Schmelzing und verbrannte sich fast die Nase.

Jetzt nehmen sie die Champagnergläser und tanzen an ihm vorüber, fuhr Hackert fort. Jedes mal, wenn Eine vor ihm vorbei kommt, muß er rasch trinken. Dann kommt die Andere, die Blaue! Dann die Dritte, die Rothe! Jetzt die Vierte, die Weiße! Jetzt die Fünfte...

Halten Sie ein! Es sind nur Drei!

Woraus merken Sie Das?

Sie sprechen ja so deutlich, daß man ihre Stimmen unterscheiden kann. Die Eine spricht ein Bischen tief.

Das lieb' ich, Schmelzing. Je tiefer die Stimme, desto mehr Feuer. Der Mann muß zweiten Tenor, die Frau zweiten Sopran sprechen, Das ist das wahre Duett der Liebe, Schmelzing. Sie Ihrerseits sprechen ganz in der rechten Mittelhöhe, Schmelzing!

Sie machen mich noch toll, Hackert!

Schmelzing mußte sich mit Gewalt losreißen. Hackert wühlte zu grausam seine Phantasie in Grund und Boden um. Er lag erschöpft. Hackert lehnte sich zu dem Lichtschimmer hin. Beide horchten.

Es schienen ein Herr und nur zwei Damen zu sein, die unten völlig unbelauscht zu sein glaubten. Das Klingen der Gläser hatte aufgehört, das Lachen sich gemäßigt. Man konnte die Worte der Unterhaltung deutlicher vernehmen.

Diese lautete eben:

Aphroditische Wesen, sagte die männliche Stimme, lasset uns zum letzten male noch von dem Schaum opfern, dem die Göttin entstiegen ist, deren würdige Priesterinnen Ihr Euch nennen dürft! Steige auf, cyprische Welle! Lodre, brodle, schäume!

Ein Geräusch verrieth, daß ein Champagnerkork aufflog. Zwei Mädchenstimmen schrieen vor künstlichem Schreck...

Die Gläser her! fuhr die männliche Stimme fort, das Glück verrauscht! Kurz ist der Augenblick der Freude!

Mit Brotrinde umgerührt, sagte das eine Frauenzimmer, so dauert's länger.

Künstlich! Künstlich! Allzukünstlich, Diotima! sagte die männliche Stimme.

Diotima? fragte das Frauenzimmer. Ich heiße...

Man hörte nicht recht den Namen, den sie sprach.

Pst! rief Hackert. Sie heißt... haben Sie's gehört?

Schmelzing nickte, als wollte er sagen, er verstünde Alles.

Nein, Diotima, sagte wieder die pathetische Stimme. Was soll mir des Brotes Rinde! Was soll mir der künstliche Perlenflor! Die Natur verschmäht die Nachhülfe der Kunst. Oder bist du mehr für die Kunst, du schlanke Aspasia?

Spasia? sagte Schmelzing. Das war deutlich.

Aspasia? wiederholte die andere Stimme. Ich heiße...

Man verstand wieder den Namen nicht.

Wie? bedeutete Hackert seinen Collegen.

Spasia! wiederholte dieser kichernd.

Aspasia! Mädchen! Es sind die Namen, die Ihr in den Sternen führen werdet; Plato's Freundinnen hießen Aspasia und Diotima.

Plato's! fiel Hackert zu Schmelzing ein. Verstehen Sie? Das ist ein Gelehrter da unten. Plato hatte kein Glück in der Liebe, obgleich er kurzsichtig und harthörig war und sehr früh eine Brille trug.

St! winkte Schmelzing.

Trinkt, Mädchen! rief der Redner unten. Trinkt aus des Spitzglases unschöner Form! Krystallene Schalen von gewobenem Glase, röthlich angehaucht, sind des Schaumweins würdigere Pokale! Trinkt oder thut wie ich!

Ah! riefen die Mädchen. Sie verschütten ja...

Das köstliche Naß auf des Hauses geheiligten Estrich? So mußt du den Göttern opfern, Diotima!

Mit Erlaubniß, antwortete Diotima, zum Aufscheuern ist Champagner doch wol zu kostbar.

Opfre! schrie der Sprecher in der Trunkenheit.

Diotima sträubte sich.

Opfre!

Aspasia schien dem bacchischen Priester das Glas wegzunehmen. Dann sagte sie mit gurgelndem trinkenden Tone: Da! Nicht auf die Erde!

Die versteht's! sagte Schmelzing, der für die Barrikaden und Arbeitervereine nun kein Ohr mehr hatte.

O hätt' ich Rosen, hätt' ich Kränze, rief der Sprecher unten, könnt' ich mich schmücken wie Apollo! Und Ihr, Freundinnen, im griechischen Gewand, Ihr schrittet mir zur Seite, wie Priesterinnen! Ha, könnte ich dieses dumpfe Kellerloch umzaubern zu einer Tempelhalle! Rufen möcht' ich wie Faust nach dem Tranke der Hexe, damit ich losgebunden, frei, erfahre, was das Leben sei.

Schmelzing zeigte nach dem Kopfe.

Zu viel? fragte Hackert.

Zu wenig! antwortete Schmelzing schüttelnd.

Er hat entweder oder ist! sagte Hackert bestätigend.

Aber da oben, da oben, seht Ihr's? rief die exaltirte Stimme plötzlich.

Rasch fuhren die beiden Lauscher zurück. Unwillkürlich kam ihnen diese Bewegung. Im ersten Augenblick glaubten sie sich gesehen. Aber die Stimme sprach:

Seht Ihr's da oben, das Kreuz in der Mauer? Bist du schon wieder da, nazarenische Mahnung? Spukst du denn überall, trauriges Memento mori? Hinweg von Griechenlands Göttersöhnen jagst du mich? Nein! Mit Rosen, nicht mit Dornen erlöst man die Menschheit. Küßt mich, Mädchen! Nach Korinth! Nach Korinth! Die Trümmer des Altars, den Paulus zertrümmerte, den Altar des unbekannten Gottes helft mir suchen! Es lebe der unbekannte Gott von Korinth!

Schmelzing machte wiederholte Zeichen des Wahnsinns, den er bei dem Sprecher unten voraussetzte. Hackert aber sagte, daß er ihn für irgend einen verdorbenen, vielleicht abgesetzten Geistlichen halte, der hierher gekommen wäre, um beim Ministerium sich auszuklagen und in der Desperation sich mit diesen Damen in den Rathskeller verirrt hätte, um im Champagner seinen Zorn zu ertränken. Die Mädchen schienen ihn zum Besten zu haben, sie lachten und neckten ihn, trotz der Zärtlichkeiten, die sie ihm gestatteten.

Plötzlich schwieg der Sprecher. Die Gefährtinnen fragten ihn, ob er seinen Text zu Ende hätte. Er antwortete nicht. Sie stießen mit ihm an. Es klang hohl wider, aber er antwortete nicht. Sie plauderten vom Wetter, vom Putz, vom Theater. Er antwortete einsylbig. Sie erwähnten den Prinzen Egon, ihre große Freude, daß im Hause und der Verwaltung desselben nicht nur Alles beim Alten bliebe, sondern diese noch vergrößert, noch erweitert würde. Alles würde prächtiger, herrlicher, glänzender!

Im Hause des Prinzen Egon? fragte Hackert.

Er ist wol eingeschlafen, sagte Schmelzing, der nur auf die Orgie selbst Acht hatte.

Nein, nein, er brummt bald: Danke, Diotima! bald: Danke, Aspasia! berichtete Hackert.

Er scheint nichts vertragen zu können, er wird einschlafen...

Und die Mädchen plündern ihn aus? Das geschieht schon so –

Aber im Rathskeller!

Seltsam! Es ist ein Fremder oder ein Gelehrter, der eigentlich mit diesen Damen noch lieber in die Halle des Gambrinus gegangen wäre. Wer sind sie nur?

Er klirrt mit einer vollen Börse.

Die ganze Geschichte kommt mir lateinisch vor. Es ist als wenn ein schweinsledernes altes Buch auf einer modernen Damentoilette läge!

St! St!

Die Mädchen beklagen sich über ihres Freundes schlechten Humor. Der Kellner wird bezahlt und scheint zu gehen.

O, o, hörte man jetzt den Sprecher wieder, seht, seht das Kreuz! Als wir eintraten, hatt' ich es nicht bemerkt. Seit mein Auge darauf gefallen, ist der Blick verdunkelt. Aspasia, Diotima –

Nenn' uns Dorette und Florette!

Was? rief Hackert nach diesen laut und ärgerlich gesprochenen Worten. Sind Das die...

Laßt mir den Traum, Euch für Wesen zu halten, rief der Redner, für Wesen, die früher lebten, ehe man die Pariser Moden erfand. Du bist schön, Aspasia, und bildsam. Diotima ist lieblich und hat einen Anflug von Seele. Ihr solltet Euch bilden, Kinder! Es schlummern Ideale in Euch!

Du bist gerade wie unser Alter, sagte die Eine, wahrscheinlich die mit dem Seelenanflug...

Wie so?

Dem gehen auch beim ersten Glas die Augen über...

Gingen mir die Augen über, Mädchen? fragte der immer verstimmter werdende Enthusiast. Saht Ihr Perlen nicht blos im Glase? Wo saht Ihr Perlen, ihr schlanken Bacchantinnen? In meinem Auge? Als ich zum Kreuze aufblickte? Stummes Wahrzeichen, das du über uns schwebst, welche Freuden schließt der Himmel ein, an dessen Pforte du gezeichnet stehst? Senke dich nicht herab, auf mich, todtes Holz! Soll ich's tragen zur Schädelstätte? Soll ich dir die Last abnehmen, Erlöser? Kommt, kommt, Mädchen! Das Haus fällt zusammen, hier ist's entsetzlich. Die Decke bricht! Die Bogen wanken! Hülfe! Hülfe! Kommt, kommt!

Schmelzing zitterte an allen Gliedern. Hackert horchte.

Die Mädchen wollten so nicht fort. Sie glaubten ihren Freund verletzt zu haben. Sie nannten ihn mit mehr Ehrerbietung. Sie verwünschten, daß sie seiner Einladung gefolgt wären und sich zu einem Abend verstanden hätten, der nun verdorben wäre.

Seid Ihr von den thörichten Jungfrauen? fragte der melancholische Sprecher. Was geht Euch denn meine Kreuzesfurcht an? Haltet Eure Lampen hell, Mädchen! Der Bräutigam sammelt sich. Denkt Ihr, daß Euch ein Mann liebt, dessen Seele leer und hohl wie ein Tanzsaal ohne Tänzer ist? Ich zieh' Euch ja nicht hinunter in den Abgrund meines Herzens! Ihr bleibt ja oben, wo die Sonne scheint und grüne Sträucher stehen. Kommt an die Luft! Unter die Sterne! Hängt Euch an meinen Arm. Es scheint still draußen. Man wird mich nicht kennen. Rasch hinausgehuscht! Klinkt die Thür auf! Niemand da? Niemand? Leb' wohl, du düstres Galiläa da oben! Gekreuzigter! Laß mich Arkadien suchen und weinet mit mir.

Damit verschwanden die Sprecher. Erst Alles still. Man hörte den Kellner brummen, die Flaschen und Gläser wurden weggenommen und im Nu erlosch auch das flammende Kreuz. Der Kellner hatte den Hahn der Gasflamme umgedreht.

Hackert und Schmelzing lagen nun im Dunkeln und ganz betäubt. Diesen melancholischen Ausgang einer leichtfertigen Scene hatten sie nicht erwartet. Hackert hatte eine Ahnung, was sie wohl bedeuten konnte, Schmelzing verstand sie nicht. Er war so abgekühlt, so getäuscht in seiner Spannung, so voll Ärger, daß er fast zum lauten Verwünschen dieser Störung fortgerissen wurde und zu dem mittleren Kreuze zurückschlich. Hackert, grübelnd über Den, der unten mit den Fräuleins Wandstabler eine solche Scene der Lust und Reue, ja die Monologe eines gefallenen Luzifers hatte aufführen können, kroch nach. Der, der eben am mittleren Kreuze sprach, war der Major von Werdeck. Man vernahm Ausdrücke wie: Todesverachtung! Sein Leben in die Schanze schlagen! Fast wüthend, daß ihm der ganze Abend mislungen war, ergriff Schmelzing seinen Bleistift und fing blindlings zu notiren an. Jetzt ergriff es Hackerten, als müßte er einen äußersten Entschluß wagen. Die Worte jenes übersättigten und vielleicht von Reue gequälten Mannes hatten eine eigenthümliche Wirkung in ihm hervorgebracht. Er war plötzlich zum Scherze nicht mehr aufgelegt. Es hatte etwas auch in sein Innerstes hineingegriffen, das er nicht gut enträthseln konnte. Übersättigung kannte er wohl. Der unterirdische Sprecher hatte etwas davon angedeutet und doch war noch ein anderer Geist in seinen Worten gewesen, den er nicht zu fassen vermochte. Ungeduldig über das Nachdenken, in das ihn die Scene versetzte, verstimmt über das Scheitern seiner Störungen eines abscheulichen Spionengeschäftes war er nahe daran, Schmelzing von hinten zu packen. Wie, wenn ich ihm die Gurgel zudrückte und ihn von der Zelle fortschleppte? dachte er und erhob sich und schritt jetzt auf und ab, ohne sich um Schmelzing's wüthende Winke zu bekümmern.

Bei diesen Wanderungen, die wiederum bewirkten, daß Schmelzing nicht aufhorchen konnte, kam Hackert an das rechts liegende dritte Lichtkreuz, wo ebenfalls gesprochen wurde. Er hörte überrascht hin und vernahm eine gebrochene französische Aussprache, wie an dem Mittelkreuz. Andere Stimmen mischten sich in den Vortrag des prononcirteren Franzosen. Eine gewichtige Baßstimme stimmte in die Äußerungen des Franzosen mit ein, während eine andre opponirte. Der Schall mochte ihn verführen, die Gesellschaft für zahlreicher zu halten, als sie war. Deutlich hörte er das Klappern eines Degens, mußte also annehmen, daß auch ein Offizier in der Nähe dieses dritten Kreuzes war. Bald unterschied er das Thema, das besprochen wurde. Es war ein politisches. Er hörte den Namen der Jesuiten nennen. Man bat mehrfach den Franzosen, sich offen über diese Gesellschaft auszusprechen. Man versicherte ihn, daß er sich unter Freunden befände, unter den aufrichtigsten Verehrern einer Politik, die nicht auf Kleinliches und Geringes, sondern auf Weltplane lossteuere. Als die Baßstimme mit priesterlicher Salbung sagte: Dies ist der berühmte General, der mit dem Jahrhundert Fangball spielt, gleich dem Eskamoteur des Zaubertisches, der vielgefürchtete sogenannte Jesuitenfreund... als Hackert diese Worte überlegte, für seinen Fall erwog, kehrte er zu Schmelzing zurück und machte ihm Gestikulationen, die nichts Anderes sagen wollten als:

Esel! Esel, die wir sind! Hier liegen wir und vergeuden die Zeit! Da ist die Stelle, wo Pax unsre Ohren hinbeordert hat. Ein Franzose, nicht wahr?

Ja wohl! nickte Schmelzing.

Ein Offizier?

Natürlich!

Donner! Hier sind ja die Rechten! Hier sitzen die Mordbrenner! Ich bin starr, was ich gehört habe... Königsmord!

Allmächt'ger Gott!

Schmelzing! Hier ist's ja! Stimmen so heiser wie die Banditen! Sie hören hier jedes Wort! Kommen Sie einmal her!

Damit zog Hackert den erstaunten Schmelzing empor. Dieser, der ein Misverständniß für nicht unmöglich hielt, folgte. Als er den Franzosen husten und näseln, den Degen des Generals klappern hörte, war ihm kein Zweifel mehr. Die Phrase, die eben ausgesprochen wurde: Wir leben nun einmal im Zeitalter der Revolutionen! zog ihn wie auf's Commando sogleich zur Erde nieder. Und wie ein Stenograph sich nicht erst lange besinnen darf, sondern mechanisch die Hand dem Ohre sogleich folgen läßt, so schrieb auch schon Schmelzing, während er sich noch niederließ. An den Wein und den Eßproviant, den Hackert in seine Nähe rückte, dachte er nicht; so emsig holte er das Versäumte nach und schrieb und schrieb und blickte nicht mehr auf, denn sein Pergament füllte sich, Streifen auf Streifen. Er schrieb wie athemlos.

Während Schmelzing die gemüthliche Unterredung des Propstes Gelbsattel mit dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Emissair einer philanthropischen Gesellschaft, Herrn Sylvester Rafflard, die man in einer völlig abgeschlossenen Trinkzelle des vielgesuchten alterthümlichen Rathskellers veranstaltet hatte, Wort für Wort für die Polizei niederschrieb und nun nicht im Mindesten mehr von Hackert in seinem Amtseifer gestört wurde, wandte dieser ihm den Rücken und hörte, endlich freiathmend, die ihm nun allein vernehmbare Erzählung, die nach einem lebhaften Zusammenklang der Gläser eben der Offizier unter seinen Freunden vortrug und in welcher ihn anfangs nichts interessirte, nichts ihm verfänglich schien. Er hörte gleichgültig bis auf die Stelle, wo ein Verhältniß erwähnt wurde, das dem seinigen zu Melanie Schlurck außerordentlich ähnlich sah. Als er hörte, daß dort unten von einem vermeintlichen Bruder eines Mädchens die Rede war, das dieser durch Bildung, Eifer und Anstrengung sich erobern wollte, entfuhr ihm so laut jener unten vom Major gehörte Seufzer, daß sich Schmelzing umwandte und ihm drohte. Die Erzählung brach aber ab oder wurde leiser, weil wehmüthig. Er hörte nichts von dem ferneren Unglück Leidenfrost's. Er war in ein düsteres, trübes Sinnen verfallen. Erst als Dankmar seine Stimme erhob und wieder kräftig über die Zeit und die Menschen im Allgemeinen zu reden begann, verstand Hackert deutlich, was verhandelt wurde.

Dankmar's Rede konnte er sich natürlich nur in den Hauptideen merken. Wörtlich aber lautete sie, wenn wir wieder zu der Gesellschaft zurückkehren wollen, wie folgt.


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