Jeremias Gotthelf
Die Frau Pfarrerin
Jeremias Gotthelf

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Sobald die Leute von weitem merkten, daß der Knabe uns Leid verursache, wir nicht mehr ganz blind an ihm seien, begannen sie zu brichten, leise erst, nach und nach immer lauter, und konnten sich nicht satt verwundern, daß wir ihn noch bei uns hätten, nicht dahin schickten, wo er früher gewesen. Sie erzählten, wie er unserm Ansehen schade und, was er ungestraft tun könne, auf unsern Konto geschrieben würde. Wir wollten lange nicht einmal daran denken, daß wir ihn wegtun könnten, wie hatten ihn ja angenommen. Endlich begriffen wir, daß wir damit nicht versprochen, ihn ewig bei uns zu behalten, sondern nur, für ihn zu sorgen; dafür brauchte er ja nicht bei uns zu sein, ja an einem andern Orte konnte es noch viel besser geschehen als bei uns. Wir sagten es ihm, er müsse fort, wenn er nicht besser tue. Allein er lachte uns aus: er gehe nicht, wir sollten es nur probieren, und zuletzt könne er mit seinem Leben machen, was er wolle. Und dazu konnte er wieder flattieren, daß wir es nicht übers Herz brachten, Ernst zu brauchen und eine Drohung auszuführen; wir ergaben uns in den täglich neu werdenden Verdruß, meinten, es müsse so sein, es sei jedem Menschen doch auch seine Portion Leiden bestimmt, die müsse er geduldig tragen, und wir hätten ja sonst gar nichts als dieses Elend mit unserem Gottliebeli.

Weiß Gott, wie es am Ende gegangen wäre, wenn der liebe Gott sich nicht unserer erbarmet und als wie mit seiner Hand eingegriffen hätte. Er nahm uns den Knaben ab, sandte den Tod und ließ ihn zu sich bringen. Der Knabe zeigte in seiner Krankheit viel Gutes, wir meinten, er hätte sich sicherlich gebessert, baten inbrünstig um sein Leben, sein Tod hielt uns sehr hart, wir haderten mit Gott. Aber endlich kamen wir zu der Erkenntnis, daß er sich nur unter der Hand Gottes gedemütigt, da die als Krankheit so schwer auf ihm lag, da, wenn Gott diese weggezogen und ihn unsern Händen wieder übergeben, er der alte wieder geworden wäre; und das war unser Trost, daß Gott ihn nicht wieder zurückfallen ließ in den Trotz der Sünde, sondern ihn abrief in den guten Stunden, wo er zerknirscht war und den Willen zur Besserung hatte. Wir erkannten endlich, wie gut es Gott mit uns gemeint, daß er uns von einer Last befreit, welche wir in unserem Gutmeinen selbst aufgeladen hatten. Er gab uns keine Kinder, er wußte, daß unsere Hände zu schwach waren, solche zu regieren, warum wollten wir weiser sein und ladeten solche Erziehung uns auf und wollten haben, was andere, und dachten nicht an das, was wir vor Tausenden voraushatten? Und doch wollte er nicht, daß um unserer Torheit willen eine Seele verloren gehe, ließ ihn nicht in der Verhärtung sterben, nicht zum Verbrecher reif werden, stieß uns nicht auf Lebzeiten den glühenden Stachel ins Herz, daß wir schuld an dem Verderben einer Seele seien. Das war die bitterste Zeit, die wir hatten, wir sollten die Unvollkommenheiten dieses Lebens eben auch so recht empfinden nach unserem Verdienen. Darauf flossen unsere Tage wieder dahin friedlich und lieblich, und jeder brachte uns etwas Gutes und meist etwas Frohes. Wir waren in der Besorgung großer und kleiner Pflanzen recht geschickt geworden, hatten viel Glück dabei und dieneten vielen Leuten weit umher.

So floß eine Reihe von Jahren fast unbemerkt dahin, wir wurden nachgerade alt, als mein Mann mir plötzlich starb. Daran hatte ich nicht gedacht. Er war nicht krank gewesen, kaum unpäßlicher als sonst. Er dökterlete gerne, wahrscheinlich weil er kränklich war von Jugend auf, daher nahm man es als ein Gewohntes hin, daß ihm etwas fehle, und ob etwas mehr oder etwas minder, merkte man nicht. Das war ein Schlag aus heiterem Himmel, als ich so plötzlich tot ihn hatte; erst jetzt empfand ich, wie lieb ich ihn hatte, eigentlich nur in ihm gelebt fast vierzig Jahre lang, er war mein Vater, mein Mann, mein Kind, mein Alles gewesen. Und doch ermaß ich meinen Verlust noch nicht, wußte nicht, was mit ihm alles zerrissen war und zu Grabe ging. Das Dörfchen war meine Welt geworden, außerhalb demselben kannte ich niemand mehr. All meine Hoffnung, mein Trost war, in demselben bleiben zu können, bei meinen Bäumen, meinem Kirchlein, in der Nähe von dem, das mir lieb war, bei den guten Leuten im Dorfe, bei denen mir so lange so wohl war. Mit einem einzigen Stübchen wollte ich vorliebnehmen, und gerade eins, wie ich es wünsche, wußte ich. Vermögen hatten wir keins zusammengebracht, anfangs und im Leben nicht. Wir hatten wenig gebraucht für uns, aber als die Leute das merkten, so brauchten sie desto mehr, desto nötlicher, und wir gaben beide gerne und behielten auf diese Weise nichts für uns.

Als alles Überflüssige verkauft war, blieb eine kleine Summe; zudem hatte ich Rechte in zwei Witwenstiftungen, aus deren Ertrag ich prächtig zu leben hoffte. Dem Abgeordneten der Zunft war das nicht recht. Er gab mir ziemlich unverblümt zu verstehen, ich sei eine dumme Frau und verstehe das Ding nicht; ich wüßte nicht, was alles dahintenbleibe, wenn ich nicht mehr Frau Pfarrerin sei und alles kaufen müsse, und die Burgernutzungen, welche ich aber nur bekomme, wenn ich in Bern wohne, seien auch etwas zu rechnen. Aber es war mir, als sollte ich sterben, wenn man mir von Weggehen redete, darum hatte ich furchtsam Person den Mut, mich dem Wegziehen zu widersetzen dem grimmigen Gesichte des Herrn Waisenvogtes zTrotz. ›Probierts meinetwegen!‹ sagte er endlich, ›Ihr werdet es bald erfahren, wer recht hat.‹

Er hatte recht, ich dachte nicht, was mir mit meinem Manne alles begraben wurde. Den neuen Pfarrsleuten kam ich als eine dumme alte Frau vor, mit der man nichts zu reden wüßte, von der man lieber wollte, sie wäre nicht da. Ich durfte weder im Garten noch im Baumgarten herumgehen, sie waren fremdes Besitztum geworden, man ermunterte mich nicht dazu, von ferne nur durfte ich sie noch ansehen. Die Leute waren auch anders geworden, fremder, kälter, es war, als ob sie fürchteten, die Pfarrsleute zu beleidigen, wenn sie gegen mich freundlich wären wie ehedem; dagegen blieben die Ansprüche die alten, und gegen wen wir früher gut gewesen, meinte das Recht zu haben, immer die gleichen Guttaten von mir zu fordern. Man hielt mich auch für reicher, als ich war, man ließ sich nicht ausreden, ich hätte geheime Schätze. ›So ein schön Einkommen, keine Kinder, ein so einfach Leben, da müßte es ja der tusig tun, wenn die nicht ein schön Vermögen haben sollten!‹ sagte man immer. Ach, du mein Gott, wenn man gewußt, wie oft wir eng im Gelde gewesen, man hätte nicht so gesprochen. Aber wir hatten es nicht im Brauch wie andere, die, wenn sie einmal einen Kreuzer gespendet, auf den Markt laufen und gackeln als wie Hühner, die hintereinander drei Eier gelegt.

Nach und nach verzehrte ich meine Vorräte, oder sie gingen mir sonst fort, ich brauchte immer mehr Geld, wurde immer ärmer und mußte dem Waisenvogt schreiben, ich könnte es mit dem Gewohnten nicht mehr machen, er sollte mir mehr senden, ich hoffe, es werde schon wieder bessern aber es sei alles gar teuer. Er schrieb mir barsch und kurz: habe ers nicht gesagt? Ich werde jetzt wohl froh sein, auf Bern zu kommen, er werde mir Losement besorgen; in Bern käme ich viel besser aus, da werde ich wenigstens meine Sache nur für mich brauchen und nicht fort und fort gerupft werden, als ob ich noch Frau Pfarrerin sei.

Der Herr hatte vollkommen recht, jetzt sehe ich es wohl, damals aber nicht. Es war mir viel schrecklicher, als wenn er mir geschrieben, er hätte mir den Totenbaum bestellt. Ich stellte vor, ich wolle arbeiten ums Geld, und einstweilen könnte man mein Kapitälchen angreifen, es wären ja keine Kinder da. Aber da half alles nichts, es blieb bei des Herren Wort. Da war eine Zeit des Weinens. Am meisten schmerzte mich das Zureden der Leute, ich sollte doch nicht so wüst tun, es sei gewiss in Bern ein lustig Leben, und sövli Holz und sövli Geld dazu, ich solle doch denken! Ich glaubte endlich no zu merken, daß die Leute meiner satt seien, meiner gerne los wären, von wegen man könne nicht wissen, wie es mit mir noch kommen könne. Das tat mir grusam weh, das machte mir das Zügeln leichter. Aber als es endlich sein mußte, da wollte das Herz mir doch brechen, die Bäume blühten so herrlich; und noch manches Auge wurde naß, und noch manche alte Mutter sagte: ›Es wird mir ungwahns tue, wenn ich Euch nicht mehr habe; hier sehen wir uns kaum mehr, aber, so Gott will, einmal an einem andern Orte und vielleicht nicht über langem, mit mir geht es alle Tage äne abe, und Ihr habt auch grusam gschlechtet die letzte Zeit.‹

Da war ich nun in der weiten, steinigen Stadt und kannte keinen lebendigen Menschen als meinen Herrn Waisenvogt, wo es mir immer war, wenn ich ihn von weitem kommen sah, als müsse ich drauslaufen, als sei er der Bär aus dem Graben und komme her, mich zu fressen. Es war undankbar von mir, denn er hatte für mich gesorget wie ein Vater. Dieses Stübchen hatte er mir empfangen, und daneben fand ich alles, was ich nötig hatte, und eine scharfe Vermahnung, keinen Stadtbesen, keine Hoffartsnärrin zu werden, wie es Frau Pfarrerinnen, welche in die Stadt kämen, oft im Brauch hätten, gab er mir obendrein. Ach, der Mann meinte es gut, aber wie weit er nebendurch schoß, das begriff er nicht. Schüchtern von Natur und dadurch noch mehr eingeschüchtert, machte ich keine Bekanntschaften, ja im Anfang durfte ich kaum aus meinem Stübchen, sah keinen Baum, keine Blume, hörte kein Vögelein pfeifen. Da erfuhr ich, was es heißt, sterben aus Langerweile, aus dem Gefühl, verlassen zu sein von allen Lebendigen, niemanden zu sein auf der weiten Welt, zu leben, ohne daß jemand auch nur die geringste Teilnahme an einem genommen hätte.

So lebte ich einige schreckliche Wochen durch und wäre wohl gestorben, wenn mir Gott nicht den Gedanken eingegeben hätte, etwas Lebendiges in meinem Stübchen zu hegen. Ich wagte mich auf dem Markt und fand mich da alsbald in einer bekannten Welt; was in den Körben war, kannte ich alles, und mit den Bauernweibern war ich gewohnt zu reden, ich lebte neu auf und hatte eine recht herzliche Freude an all dem Schönen und oft recht sorgsam Gepflegten, was ich da sah. Ich kaufte einige Blumenstöckli, später mein Vögeli und ging später doch alle Markttage auf den Markt; das war mein Leben, und allmählich ans Ausgehen gewohnt, fand ich andere Orte noch, wo ich ungestört an Blumen und Bäumen mich erfreuen konnte, die schönen Totenhöfe zum Beispiel und die an Werktagen verlassenen Lustörter der jungen Welt um die Stadt herum. So lebte ich allgemach mich in die Stadt hinein, ohne nähere Bekanntschaft mit irgendeinem Bewohner zu machen, die Marktweiber blieben meine einzigen Bekannten, die mich recht liebhatten; ich lebte ein recht stillvergnügt Leben, wie ich nicht geglaubt, daß es mir noch beschert sei. Und war ich einmal trüb im Gemüte, so kam mein Vögelchen und pickte so lange an mir, bis ich mit ihm zu schnäbele begann. Auch kann ich mit dem Gelde besser fort als auf dem Lande. Es machte kein Mensch irgendeine Anforderung an mich, so daß ich mich recht schämte, so wenig Gelegenheit zu haben, um Gutes zu tun, und ängstlich dachte, wie das einmal gehen solle, wenn Gott mich frage: ›Und dann du, was hast du getan?' Ich muß auch dem Waisenvogt es allemal, wenn er mir Geld bringt, bekennen, daß ich damit weiter komme als im Bohnengschüch, das schenkt er mir nie. Er ist ein guter Mann, aber ich kann nicht helfen, er kommt mir immer vor wie der Bär aus dem Graben. Einmal lud er mich zum Mittagessen ein, aber als es vorüber war, waren sie froh und ich noch mehr, und seither ließ er es sein. Ich glaube nicht, daß ich zehn Worte gesprochen, der Hals war mir wie zugeschnürt, sie redete viel, besonders weltsch, und war eines Weibels Tochter, daneben sehr geputzt. Oh, als ich endlich aus dem Hause heraus war, ich weiß noch jetzt nicht, wie, da war mir, als käme ich aus dem Bärengraben und hätte mein Leben gerettet ganz unerwartet. So dumm war ich in meinem Leben nie gewesen; wenn sie an mir das Maß für die andern Pfarrsfrauen genommen haben, so geschieht diesen bitter Unrecht, aber gottlob, seither erhielt ich keine Einladung mehr und lebte vergnügt mein stilles Leben fort mit rechtem Dank gegen Gott, bis er mich heimsuchte und ich es erfuhr, wie es mit dem Alleinsein nicht gemacht sei, wie dankbar ich jetzt dem Herrn sein müsse, der mir seine Engel sandte zur Stunde, als ich sie bedurfte.‹


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