Jeremias Gotthelf
Die Frau Pfarrerin
Jeremias Gotthelf

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Das Stubenmeitschi, als es mir den Wein gab, fragte mich leise: ›Lisette, sahst heute den Vikari noch nicht oder weißt, ob er kömmt?‹ Glücklicherweise sah es mich nicht an, es setzte hinzu: ›Er kehrt gewöhnlich bei uns ein, da möchte ich ihn fragen, was für Schriften man nötig hat zum Heiraten, er weiß das am besten, aber sag es niemanden!‹ ›Häb nit Kummer!‹ antwortete ich ehrlich.

›Aber Frau Pfarrerin‹, sagte die Frau Landvögtin, ›erlaubet zu fragen: Wann gab Euch dann der Herr Vikari das erste Müntschi?‹ ›Am Hochzeitstage‹, antwortete die Frau Pfarrerin unbsinnt. ›Das wäre mir wohl lange gegangen‹, bemerkte die Frau Landvögtin, ›und Euch, Frau Pfarrere?‹ ›Ihr seid eine Böse!‹ antwortete die Frau Pfarrerin und fuhr fort: ›Ihr habt keinen Begriff, wie der Gedanke, Frau Pfarrerin, ja Burgerin von Bern zu werden, alle andern Gedanken verschluckte, unmöglich machte, wer hätte da an ein Müntschi denken sollen! Ich konnte gar nichts denken, lief aber doch unglücklicherweise zum Bäcker um ein frisch Brötchen. ›Hast Besuch, Lisette? Wen hast?‹ fragte die Bäckerin. ›DrVik...‹, kam mir raus, ehe ich dran dachte; dann schoß mir alles Blut in Kopf, und lief davon. ›So, Lisettli, so!‹ rief sie mir nach, ›wer hätte das von dir gedacht!‹

Wie der Nachmittag verging, weiß ich nicht, in der Nacht tanzte Bett, Turm, Stadt mit mir in der Welt herum, und in Zwischenräumen wollten mich die Frau Pfarrerin und die Burgerin von Bern fast versprengen, und wie oft ich sagte: ›O Lisettli, ists möglich?‹ weiß ich nicht.

Am folgenden Morgen schon lief allerlei im Städtchen herum, Verdächtiges hauptsächlich, als ob der Vikar hier einen Einzug hätte. Alle wollten ihn bei mir gesehen haben, sein Tabakhandel mit mir kam jetzt auf die Trommel; wahrscheinlich kam alles von der Bäckerin aus. Es muß ein arger Spektakel gewesen sein, denn gegen Mittag schritt unser Herr Pfarrer daher und stellte sich beim Vater unter dem Tor und sagte ihm, er müsse doch fragen, was an der Sache sei, plötzlich kämen ihm da Dinge zu Ohren, an die er nicht gedacht, uns nicht zugetraut, und wie er leider vernommen, sei das ganze Städtchen voll davon. Er solle ihm jetzt aufrichtig sagen, ob es wahr sei, daß ich ein Zöök mit dem Vikari habe, ihn locke, daß er gsotte und brate bei uns sei. Als ihm der Vater nun sagte, das sei nicht wahr, aber der Vikari sei Pfarrer geworden ins Bohnegschüch und ich seit gestern unerwartet seine Braut, da verstunete er und wollte es fast nicht glauben: wir hätten Spaß für Ernst genommen, man müsse nicht gleich alles für bar annehmen. Als er es endlich glauben mußte, wünschte er mir Verstand zu meinem Glück, es sei größer, als ich denke; vielleicht wüßte ich nicht, daß ich auf eine der besten Zünfte komme, aber es fehle mir noch sehr viel, um Frau Pfarrerin zu sein mit Ehren und nicht mit Schanden, das erträume einem nicht. Sie wollten mir gerne verhelfen zu allem, was ich nötig hätte. Ich solle forthin zu ihnen kommen, sooft es mich freue. Daran aber hätte er wirklich nicht gedacht, es heiß nicht umsonst, stille Wasser seien tief.

Was es erst jetzt für einen Lärm im Städtchen gab, kann man sich denken, aber alle Leute schienen mein Glück mir zu gönnen, selbst im Pfarrhause, wo doch sieben Töchtern waren. Alles war so gut gegen mich, es war, als ob das ganze Städtchen mein Glück sich als eine Ehre anrechne. Man lud mich allenthalben ein, und ich mußte immer wieder erzählen, wie alles zu- und hergegangen vom ersten Päckli Tabak an bis auf den letzten Tag. Der Vater meinte, die Leute trieben das Gespött mit mir, aber ich glaubte es ihm nicht, ich hätte nicht gewußt, warum sie das tun sollten. Das war eine Art Weltschland für mich, wo ich einen Begriff erhielt, wie man Besuche machte oder Besuche empfing. Bei meinem Vater unterem Tor hatte ich nicht Gelegenheit gehabt, hierin Erfahrungen zu machen.

Leider war diese Zeit sehr kurz, wir mußten pressieren mit dem Aufziehen und hatten soviel zu tun mit Raten und Anschaffen. Da kam uns der Vater sehr kommod, er hatte Verstand in der Sache und sparte uns viel Geld. Der Herr Vikari und ich waren lötige Kinder und des Herrn Pfarrers im Blackenboden halfen ihm auch nicht; sie waren schrecklich böse über diese Heirat, sie sagten, es sei eine Schande für die ganze Stadt Bern und jeden Burger, daß ein Burger die Frechheit hätte, ein so gemein Mensch als Burgerin herzuschleppen, ›das soll ihm nicht vergessen werden, auf Kindskinder nicht‹. Da sie keine Töchtern hatten, so hieß es, sie seien deswegen so böse über seine Heirat, weil sie ihn gerne als Vikar behalten hätten, denn er sei gar ein kleiner Esser, und Wein trinke er fast keinen; so einen wohlfeilen bekämen sie kaum mehr, klagten sie.

Ich mußte auf Bern, wo ich noch nie gewesen. Es war ein großer Tag für mich, ich freute mich, aber mit Furcht und Zittern. Da war ich also künftig daheim und durfte doch kaum abtrappen in den Lauben. Er führte mich, damit ich mehr Mut bekomme, überallhin an der Hand; ohne dieselbe hätte ich kaum gehen dürfen, glaube ich. Es war eine große Erlösung für mich, als wir die Tore im Rücken hatten. Ich hatte große Angst, wir verirrten uns und fänden den Heimweg nicht mehr, trotzdem daß der Herr Vikari mich immer versicherte, er kenne von Jugend auf jedes Eggeli und wollte jedes Haus finden mit verbundenen Augen.

Nächst diesem Tag war der wichtigste in meinem Leben der Tag, wo wir Hochzeit hatten und in die Gemeinde zogen. Bis dahin hatten wir viel Not auszustehen. Denn wir beide verstunden von allem nichts, und der Herr Vikari sagte oft, wenn wir meinen Vater nicht hätten, er wüßte gar nicht, wie das gehen sollte. Wir nahmen unsere geringen Habseligkeiten mit. Der Vater wollte nichts davon zurücklassen, man könne alles brauchen, sagte er; was man habe, brauche man nicht zu kaufen, es brauche ja ohnehin schon soviel Geld. Denn ein prächtiges Möble schaffte der Herr Vikari an unter Vaters Beistand, und viele Geschenke bekamen wir, ich wurde ganz beschämt, es war fast, als wolle das ganze Städtlein an unserer Aussteurung teilnehmen, wir hätten nie geglaubt, daß wir den Leuten so lieb seien. Wir glaubten lange, unsre Habe nicht auf ein Fuder bringen zu können. Am Ende gab es sich aber; der Vater meinte, ein solcher Aufzug werde Respekt ins Dorf bringen. Er ging mit dem Fuder einen Tag früher ab als wir und wollte uns alles einrichten. Am folgenden Tage wollten wir auf dem Wege uns kopulieren lassen und gegen Abend einziehen im Bohnengschüch.

Das war ein Tag, von dem ich wenig zu sagen weiß, als daß ich nicht wußte, ging ich auf dem Kopf oder auf den Füßen. Ich war so voll Demut und voll Glück, daß ich den ganzen Tag kein Dutzend Worte sprechen konnte, ich schwamm in einer Herrlichkeit, die unaussprechlich war, ich konnte den begrüßenden Leuten kaum danken, ungehindert ließ ich die Tränen rinnen die Backen ab. ›Üsi Frau Pfarrere isch ume no es King‹, hieß es im ganzen Dorfe, ›aber es her scho us mengem King e rechti Frau gä; sie ist emel nit hochmütig.‹ O nein, hochmütig war ich nicht, aber es war, als sei mir der Himmel aufgegangen und ich mitten darin.

Man lachte viel über uns, aber wir merkten es nicht. Aber wir, besonders mein Mann, hatten eine so aufrichtige Liebe zu den Menschen, daß das Lachen verging und es hieß: er sei bsungerbar e Gute; wenn er chönnt, er hulf alle Lüte. Mein Vater stellte am meisten vor und war die Respektsperson im Hause. Unter den Bauern fühlte er den bekannten Burgerstolz in eben rechtem Maße, er saß unter ihnen wie unser Burgemeister daheim mit seinen Untergebenen, hatte viel erlebt, wußte was zu erzählen, mit dem Lande auch umzugehen, besonders mit den Bäumen, was ihm ganz vorzüglich Achtung verschaffte. Wir lebten sehr einsam, das Dorf lag abgelegen, und besondern Verkehr hatten wir auch mit den andern Pfarrern nicht, mein Mann war schüchtern und ich noch mehr. Ich begreife, daß man nichts mit uns zu machen wußte. Wenn wir auch nicht gerade dumm waren, so wußten wir es doch nicht zu zeigen, daß wir es nicht waren. Aber wir lebten nicht desto weniger glücklich und namentlich mein Mann an der Gemeinde, der Vater an den Bäumen, ich am Garten, und je enger früher unsere Gebiete waren, desto weiter und schöner kam jedem das Feld vor, das sich ihm eröffnet, und was das eine freute, freute auch das andere. Und diese Freuden wurden im regen Leben um uns jeden Tag neu und anders, jede Jahreszeit brachte ganze Körbe voll, wir konnten uns wie Kinder freuen über das, was wir ernteten, und das, was nachwuchs, und den ganzen Winter über aufs herzlichste auf den Frühling. Besonders mein Mann, der in der Stadt aufgewachsen und keinen Begriff vom Segen und den Freuden des Landes hatte, war ganz glücklich, ein neues Leben war ihm aufgegangen, und dazu kam das Gefühl, daß er doch auch etwas sei, unabhängig und geehrt und geliebt. Aber er war wirklich auch gar so lieb und gut, daß es gar nicht auszusprechen ist. Er hatte es nicht so, wie ich oft hörte, daß die, welche am armseligsten aufgewachsen, später am meisterlosigsten seien und fast nicht es ihnen zu treffen, daß sie zufrieden seien; er sagte so oft, er hätte nie gedacht, daß man so glücklich sein könne, und am allerwenigsten, daß er es je werde.

Mein Vater war es nicht weniger als mein Mann, aber er schrieb nicht nur sein Glück, sondern unser aller ihm zu. Man sollte sehen, wie es ginge ohne ihn, wir wären arme Tröpfe und möchten nicht gfahren – und wir glaubten es. Wir glaubten alle, daß wir ein Glück über Verdienen hätten, absonderlich ich. Ich war oft so kindisch, daß ich mich schämen mußte, und dann dachte ich wieder, wir hätten ein viel zu großes Glück, so könne es nicht bleiben, wir würden es büßen müssen. Dann wurde ich fast schwermütig, und ich mußte oft dran denken, wo der liebe Gott anfangen werde mit seinen Gerichten. So arm wir eigentlich waren und andern vorkommen mochten, für so reich hielten wir uns, denn keins von uns hatte je soviel Geld gehabt, und da wir in gewohnter Armütigkeit fortlebten, keine fremden Leute hatten, die Leute keine Ansprüche an uns machen zu dürfen glaubten, so hatten wir immer übrig und schienen uns selbst im Glücke zu schwimmen. Glücklichere Leute hätte man sicher weit umher nicht antreffen können, als wir waren und zwar mehrere Jahre lang.

Da starb zuerst mein Vater sehr rasch und unerwartet; er hatte seine Rüstigkeit so bewahrt, daß wir gar nicht dachten, er könnte uns sterben. Er machte uns eine große Lücke ins Leben, er fehlte uns allenthalben. Dazu hatten wir keine Kinder, kamen uns gar so einsam und verlassen vor, machten uns nach und nach ein Gewissen daraus, so alleine für uns zu leben unbelastet, während andere unter ihrer Bürde fast erliegen mußten. Wir meinten, Gott meine es auch so, und durch den Tod meines Vaters habe er uns einen Fingerzeig geben wollen. Wir freuten uns recht kindlich, als wir endlich eins fanden, welches uns beiden gefiel, einen schönen Knaben mit weißem Kruselhaar, und freuten uns schon damals sehr auf den Gottslohn, den wir ob ihm verdienen wollten, und um so mehr, da das Kind aus einer verwahrlosten, liederlichen Familie kam. Du arms, liebs Tröpfli, wie gut ists dir gegangen, daß du in andere Hände gekommen bist, wo du ein rechter Mensch werden kannst. Gott und den Menschen lieb! Wir hatten eine unaussprechliche Freude an dem Kinde, es war unser klein Herrgöttlein; wenn mein Mann es nicht an der Hand hatte, trug ich es auf den Armen, sein Wille galt unumschränkt, und was wir dazu noch ersinnen konnten, taten wir. Ja wir vergaßen beinahe Blumen und Bäume ob ihm, es konnten Lieblingsäpfel reifen, wir merkten es nicht, er konnte Blumen und Töpfe zerschlagen, wir wehrten nicht, wir sahen zu mit blutendem Herzen. Es sei sich gar nicht zu wundern, daß er es so mache, er wisse es nicht besser; wenn er Verstand erhalte, werde das schon anders kommen.

Aber das wollte nicht anders kommen, sondern das Gegenteil, er wurde immer böser, roher, verderben war seine Lust, und trotzen tat er statt gehorchen. Was wir ihm auch taten, kein Funke Liebe wollte sich bei ihm zeigen, nicht eine Spur von Leid, wenn er auch sah, wie sehr er uns betrübt hatte. Flattieren konnte er wohl, bis er hatte, was er wollte, hintendrein höhnte er uns aus. Wir hofften lange, lange, es komme noch besser, und sprachen zu, aber es kam nicht besser; Hand legen an ihn durfte keins von uns, auch als es uns schien, es wäre vielleicht gut. Im Dorfe konnte er auch machen, was er wollte, niemand sagte ihm die Wahrheit. Die andern Kinder meinten, sie dürften nicht anders als ihn regieren lassen, er wurde ein eigentlicher Tyrann. Wir jammerten zusammen, wir weinten aus Erbarmen als wie über ein eigenes Kind auf bösen Wegen, aber was machen? Er war hart wie ein Stein, mit Worten brachte man nichts ab, und wer sollte ihn schlagen? Er sah unser Leid, aber er achtete sich dessen nicht das mindeste, wir verheimlichten eins dem andern, was wir wußten, um den Verdruß einander nicht schwerer zu machen.


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