Friedrich Gerstäcker
Die Moderatoren
Friedrich Gerstäcker

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4. Die Regulatoren.

Am nächsten Morgen schlief Jenkins ziemlich lange, fütterte, als er endlich aufstand, sein Pony ordentlich mit Mais und ließ es dann frei, damit es sich bis gegen Abend ausruhen könne. Den Fuchs behielt er am Haus; er kannte den Weidegrund, wo sich das Pony gewöhnlich aufhielt, und konnte dann, wenn er es haben wollte, dort hinreiten und es nur abholen; denn alle diese Leute gehen, wenn sie nicht notgedrungen müssen, nur höchst ungern selbst die kleinste Strecke zu Fuß.

So war der Mittag herangekommen, und er selber, um sich die Zeit in etwas zu vertreiben, zu seinem Negerburschen noch ein wenig ins Feld hinausgegangen, wo sich dieser gerade damit beschäftigte, die oberen Blätter des schon fast reifen Mais abzubrechen und aufzuhängen, um Futter für das Vieh daraus zu dörren.

Beide pflückten noch eifrig die Blätter ab, als das Horn am Hause geblasen wurde, das mittags immer zum Essen rief, denn den Ton desselben hört man bis weit hinein in den Wald. Sonst aber blies die Frau nur immer einen langgezogenen Ton darauf, setzte dann ab und wiederholte das Zeichen noch einmal, heute dagegen gab sie es viel rascher, in schnell hintereinander ausgestoßenen Tönen.

»Was ist das, Massa?« sagte der Neger. »Missus tutet komisch.«

Jenkins fuhr in die Höhe, als ob er einen Schuß bekommen hätte, horchte einen Moment den wie ängstlichen Tönen, warf dann den Haufen Blätter, den er gerade im Arm hielt, auf die Erde nieder, und rannte in voller Flucht gegen die Fenz an, über die er sich hinüberschwang, als ob er nur so viel Jahre in den Zwanzigen gezählt hätte, als es in den Sechzigen der Fall war.

Das Zeichen deutete Unheil; in jeder Fiber seines Körpers fühlte er das, und krampfhaft ballte er die Faust, als er daran dachte, daß er heute gerade seine Waffe daheim im Hause gelassen – lag doch das Feld auch kaum dreihundert Schritt von diesem entfernt, während die Hunde immer herüber und hinüber wechselten, so daß sich nie ein Stück Wild auf diese Strecke wagte. Nicht einmal sein Messer hatte er bei sich; aber das war jetzt zu spät zu bedenken, und ohne auch nur einen Moment in seinem Lauf einzuhalten, flog er in wilden Sätzen die Bahn entlang, bis er, aus den Büschen herausspringend, seine eigene kleine Hütte dicht vor sich liegen sah.

Und der Atem stockte ihm fast, denn dicht vor dem Haus waren sieben oder acht Pferde angebunden, und dort vor seiner Tür – neben dem Weg lag der eichene Splitter eines halb abgerissenen Fenzriegels, den griff er fast bewußtlos auf – denn dort vor seiner Tür sah er, wie die Buben sein Negermädchen, seine Nelly, gefaßt hatten und ihr die Hände auf den Rücken banden.

Unwillkürlich, kaum wissend, was er tat, stieß er seinen Jagdruf aus, und die Hunde schlugen heulend an; das Mädchen aber, das seinen Herrn nahen sah, schrie jetzt gellend um Hilfe und brach dann in die Knie, als ihr einer der Buben einen Faustschlag versetzte, der sie halb betäubte und jedenfalls zum Schweigen brachte.

Jetzt aber war Jenkins auch heran, und die auf ihn gerichteten Büchsen einzelner so wenig achtend, als ob es nur ebenso viele Maisstöcke gewesen wären, sprang er auf den, der Nelly hielt, zu und schlug ihn mit dem Eichensplitter so kräftig über den Schädel, daß er wie tot zu Boden stürzte. Aber der Übermacht war er nicht gewachsen. Ehe er zu einem zweiten Schlage ausholen konnte, hatten sich ein paar der Banditen schon über ihn geworfen. Er wehrte sich noch kräftig genug, und seine Faustschläge trafen rechts und links, doch umsonst; in wenigen Sekunden sah er sich übermannt und zu Boden geworfen, und einer der Buben schnürte ihm dann die Ellbogen so fest mit Hickorybast auf dem Rücken zusammen, daß er sich nicht rühren und regen konnte.

»Hallo, mein Alterchen,« rief der Anführer der Schar, als sie ihn so weit gesichert sahen, daß er ihnen nicht mehr gefährlich werden konnte, »das war ein rauher Willkommen, und dem armen Netley wird der Schädel wohl noch ein paar Tage brummen. Zum Teufel auch, Kamerad, ich hätte Euch mehr Vernunft zugetraut. Ihr glaubtet doch nicht etwa, daß Ihr unsere ganze Gesellschaft mit einem Stück Holz aus der »Range« hinausprügeln konntet?«

»Hunde! Räudige Hunde, die ihr seid,« schrie der Alte schäumend vor Wut, indem er, freilich nutzlos, an seinen Banden riß, »feige, erbärmliche Memmen und Schufte, die in einem Schwarm über einen einzelnen herfallen! Diebische, galgenreife Kanaillen, die ihr dem Strick nicht entgehen sollt, wenn ich nur noch vierundzwanzig Stunden das Leben behalte!«

»Stopft ihm doch den Rachen, der Bestie!« schrie einer der Buben und stieß ihm dabei mit der Faust ins Gesicht, daß das Blut dem Stoße folgte.

»Laß ihn nur, Bob,« sagte der Führer, in dem Jenkins schon den Burschen erkannt hatte, der neulich morgens in dem schwarzen Frack in seinem Haus gewesen war, der jetzt aber ein altes Jagdhemd und eine Büchse trug wie die übrigen, »vorher unsere Geschäfte, nachher wollen wir den Herrn schon zum Schweigen bringen. Nun, seid ihr da drinnen fertig?«

Die Frage galt einigen der Bande, die gerade aus dem Haus kamen.

»Bei Jingo!« rief der eine lachend, »es war die höchste Zeit, daß wir hineinkamen, oder die Alte hätte wahrhaftig noch einem von uns eine Kugel durch den Leib gejagt, wir trafen sie eben, als sie eine kleine Büchse von den Pflöcken herunterriß. Jim gab ihr aber eins auf den Kopf, und wir haben sie jetzt an den Bettpfosten angebunden.«

»Buben und Schufte!« schrie da der alte Jenkins, halb rasend vor Wut, »seid ihr Männer, daß ihr schlimmer als indianische Diebe in die Häuser einbrecht und mordet und plündert?«

»Nur ruhig, alter Herr,« erwiderte der Führer mit einem höhnischen Lächeln, »die Reihe kommt auch noch an dich. Ob wir Männer sind? Ei gewiß, mein Schatz, und wir hoffen dir das zu beweisen; mit deinen Schimpfwörtern bellst du aber unter dem falschen Baum. Weil wir eben Texas von dem Diebesgesindel freimachen wollen, das sich hier, aus Arkansas vertrieben, eingenistet hat, haben wir einen Regulatorenbund gegründet, um die Missetäter zu strafen und auszutreiben.«

»Regulatoren – ihr?« schrie der Alte, »verdammt heillose Bande, die ihr seid! Wer ist der Missetäter, ich, den ihr hier wie feige Wölfe überfallen habt, oder ihr?«

»Glaubst du, mein Herz,« sagte der Führer höhnisch, »wir lassen uns hier unsere Pferde und Neger ruhig stehlen, weil ihr es für passend findet, jetzt eine Zeitlang die ruhigen und ehrbaren Farmer zu spielen? Hast du die Dirne da etwa gutwillig herausgeben wollen? Gott bewahre; trotzen da noch auf ihre Gesetze, nicht wahr? Aber das Lynchgesetz ist das einzige, das ihr von jetzt an sollt zu kosten bekommen, und daß wir es zu handhaben wissen, wollen wir dir beweisen.«

Zwei der Burschen hatten sich indessen mit dem durch den Schlag betäubten Netley beschäftigt, der sich jetzt aber wieder erholte, mit der Hand über den wunden Kopf strich und dann das Blut betrachtete, das an seinen Fingern hing. Die anderen plünderten unter der Zeit das Haus, aus dem sie mitnahmen, was ihnen des Mitnehmens wert schien. Jenkins' Büchse und Messer und Kugeltasche, seiner Frau kleine Waffe, die wollenen Decken und den kleinen Vorrat von Zucker, Kaffee und Mehl, den sie vorfanden, kurz alles, was sich im Walde brauchen ließ. Mit einer ganz anerkennungswerten Geschicklichkeit und Schnelle stellten sie dabei aus den gefundenen Bettüchern und Kissenüberzügen Satteltaschen her, um die verschiedenen Dinge bequem auf die Pferde packen und transportieren zu können.

Nelly, die um Hilfe geschrien hatte, als sie ihren Herrn kommen sah, und von dem einen Buben zu Boden geschlagen war, hatte sich jetzt auch wieder erholt, doch mit schweigendem Entsetzen starrte sie auf die Mißhandlung des alten Mannes und zitterte vor Furcht, wenn sie daran dachte, daß sie von diesen entsetzlichen Menschen mit fortgeschleppt werden sollte.

»Wo ist Euer anderer Neger, Jenkins?« fragte diesen jetzt der Führer, der bis dahin nur die Arbeiten der übrigen überwacht hatte, ohne selber teil daran zu nehmen.

»Sucht ihn,« lautete die kurze drohende Antwort. »Die Pest über euch!«

»Wir wollen dich schon zum Reden bringen, mein Schatz,« lachte der Führer; »sind die Hickorystöcke da?«

»Hab' schon dafür gesorgt,« sagte der eine, »gleich da drüben war eine ordentliche kleine Anpflanzung; wir hätten's uns gar nicht bequemer wünschen können. Komm, Herzblättchen, die sollen dich schon gesprächig machen.«

»Mich – mich laßt das tun,« schrie da Netley, der erst jetzt seine volle Besinnung wieder erlangt zu haben schien. »Schlag um Schlag; mir hat die alte Bestie fast den Schädel zerhauen, ich will ihm jetzt die Rückzahlung auf die Schultern zeichnen, daß er sein Lebtag an mich denken soll.«

»Das ist recht,« jubelte die Schar, »aber gib's ihm ordentlich, Netley, daß wir ihm die amerikanische Flagge auf den Rücken malen, an den Dogwood mit ihm!«

»Habt keine Angst,« rief der Bube, in wilder, ungeduldiger Hast nach den Stöcken greifend, während sich einige von ihnen auf den alten Mann warfen und ihn nach dem nächsten kleinen Dogwoodbaum schleppten.

Jenkins wehrte sich wie rasend, er biß und trat um sich, aber der Übermacht war er nicht gewachsen, und wie er das endlich fühlte, wurde er still und ließ alles geduldig mit sich machen, was sie wollten. Nur die Zähne biß er fest zusammen, und die rollenden Augen traten ihm fast aus den Höhlen. Die Bande wußte aber ihre Sache vortrefflich anzugreifen. Die Arme wurden dem alten Mann aufgeschnürt und dann um den Stamm des niedrigen Baumes gelegt und drüben wieder befestigt, so daß er diesen umfassen mußte, wobei ihm nur so viel Freiheit blieb, sich darum hin zu bewegen. Das Jagdhemd hatten sie ihm vorher von den Schultern gerissen, und Netley selber stieß einen Angst- und Schmerzschrei aus, als der erste mit voller Wucht und Bosheit geführte Schlag auf die Schultern des Unglücklichen niederfiel, so daß schon im nächsten Augenblick das helle Blut sein Hemd färbte.

Jenkins rührte und regte sich jedoch nicht. Ein Indianer am Marterpfahl hätte die über ihn verhängten Qualen nicht stoischer ertragen können, als der alte Mann zwischen seinen Peinigern stand. Schlag auf Schlag folgte, aber kein Laut kam über seine Lippen, und dadurch allein vielleicht entging er dem Schwersten, denn sein Henker geriet zuletzt in so furchtbare Wut und Aufregung, daß seine Streiche wohl rasch hintereinander und schwer auf den Rücken des Opfers niederfielen, deshalb aber auch lange nicht so tief und gefährlich einschnitten, als wenn er kaltblütig den Hieb berechnet hätte.

Da fiel plötzlich weit drüben im Wald ein Schuß; möglich, daß nur ein Jäger dort zufällig nach einem Stück Wild geschossen, aber die Bande horchte überrascht auf, und selbst Netley hielt, überhaupt vollkommen außer Atem, mit Schlagen ein.

»Jungens,« sagte der Führer, »ich denke, wir haben uns hier lange genug mit dem alten Schuft herumgeärgert; die Zeit vergeht, und wir müssen machen, daß wir nach Hause kommen. Packt auf, was ihr habt, und dann fort!«

»Aber erst häng' ich den alten Kujon an den nächsten Baum,« schrie Netley; »solange er lebt, geh' ich hier nicht vom Platz. Einen Strick her – hat einer von euch einen Strick?«

»Wir können uns das bequemer machen,« lachte der Führer boshaft. »Seine Frau wird sich doch nach ihm sehnen. Schafft ihn ins Haus, bindet ihn dort mit fest, und dann steckt die Bude an.«

Ein wildes Jauchzen antwortete dem teuflischen Vorschlag, allein der Führer hob warnend die Hand. Er fühlte sich hier nicht mehr sicher.

»Ruhe jetzt!« sagte er, »ihr wißt am besten, wie nötig es ist, daß wir noch heute und morgen ungestört sind, macht rasch. Ins Haus mit dem Burschen und knebelt beide gut, daß sie nicht schreien und Hilfe herbeirufen können, und dann Feuer in das Nest.«

Wie ein Bienenschwarm fuhren die Buben untereinander. Ihr Hauptmann hatte recht, und wenn ihnen jetzt, wo sie im Begriff standen, ihren Raub in Sicherheit zu bringen, ein unberufenes Auge auf die Spur gekommen wäre, hätte es ihren ganzen Plan noch im Augenblick des Gelingens vereiteln oder doch stören können. Vier von ihnen schnitten deshalb den Mißhandelten los, faßten ihn und trugen ihn ins Haus. Der alte Jenkins lag machtlos in ihren Armen. Die anderen hatten im Nu die spärliche Beute aufgegriffen, und der Führer selbst löste Nelly von dem Baum ab, an den man sie gebunden hatte, und brachte sie zu einem der Pferde.

»O Massa, um Gottes willen,« flehte das arme Mädchen, »ich bin ja wahr und wahrhaftig keinem Menschen davongelaufen.«

»Dir geschieht nichts, mein Schatz,« sagte der Mann als einzige Antwort, »wenn du dich nämlich ganz still und ruhig verhältst und vernünftig bist; wirst du aber im geringsten laut, dann gnade dir Gott! – weiter brauch' ich dir nichts zu sagen – und nun komm.«

Nelly zitterte vor Angst und Entsetzen, allein sie wagte keine Widerrede, denn sie fühlte recht gut, in welche Hände sie gefallen war. Einen Willen hatte sie ja auch noch nie gekannt, seit ihrer Geburt, und schweigend, nur mit stillen Tränen, die sie nicht zurückhalten konnte und um die sich der Bube wenig kümmerte, gehorchte sie den Befehlen.

Die Bande, die sich fälschlich Regulatoren nannte, war indessen im Hause selbst beschäftigt, den teuflischen Anschlag auszuführen. Die beiden alten Leute waren bald gebunden, so daß sie sich selber nicht mehr helfen konnten. Einige rissen mittlerweile das trockene Moos aus den Betten und schichteten es um den Kamin her auf, dürres Holz gab es ebenfalls genug, die Stühle und der Tisch wurde darüber gestürzt, und wie sie mit allem fertig waren, eine Handvoll Moos in die noch im Kamin glimmenden Kohlen geworfen. Das flackerte lustig auf und hatte im Nu die anderen brennbaren Stoffe gepackt, und als die Flamme hell und züngelnd emporloderte, sprangen die Mörder nach ihren Pferden und schwangen sich in die Sättel.

Einer von ihnen hatte auch den alten Fuchs herbeigebracht und an die Leine genommen.

»Was willst du denn mit der alten Kracke, Ned?« rief der Führer, der daneben stand. »Die Bestie ist doch wahrhaftig nicht des Mitnehmens wert.«

»Sollen wir sie zurücklassen?«

»Bah,« sagte der Bube, indem er sein Bowiemesser aus der Scheide zog und es dem armen Tier zwischen die Rippen stieß, »laß die Leine los, den Aasgeiern haben wir doch mit unserem Feuer den Spaß verdorben und sind ihnen einen Ersatz schuldig. Sie mögen sich daran eine Güte tun – und nun fort. Wir haben schon zu lange gezögert.«

Mit den Worten schwang er sich hinter der Negerin aufs Pferd, und wenige Sekunden später, während der dichte, schwarze Qualm aus der angezündeten Hütte emporstieg, war der wilde Schwarm im Unterholz verschwunden, nur die entsetzlichen Spuren seines Verbrechens in dem zerstörten Frieden dieses Platzes zurücklassend.



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