Friedrich Gerstäcker
Die Moderatoren
Friedrich Gerstäcker

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1. Die Farm in Texas.

In den Jahren 1841 und 1842 war es, daß sich die westlichen Ansiedler der Vereinigten Staaten von Nordamerika genötigt sahen, gegen das überhandnehmende Gesindel der Pferdediebe und Buschklepper selber energisch aufzutreten, denn die Gesetze konnten oder wollten sie nicht mehr darin schützen. Ein Verbrechen nach dem andern wurde verübt, ohne daß man der Verbrecher habhaft werden konnte, und geschah das wirklich einmal, so erhielten diese fast stets durch bestechliche Advokaten und falsche Zeugen ihre Freiheit wieder und trieben ihr Unwesen ärger als je.

Damals bildeten sich, endlich zum äußersten getrieben, besonders in Missouri und Arkansas, Vereine von Männern, die sich Regulatoren nannten und ihre furchtbaren Gerichte im freien Walde hielten. Jetzt half dem Gesindel kein erkaufter Advokat, kein heimlicher Genosse mehr; man dachte gar nicht daran, sie den machtlosen Gerichten des Staates zu überliefern. War einer der Burschen ertappt, so fand er sich plötzlich den furchtbaren Rächern gegenüber, und er wurde, wenn er überführt, je nach dem Frevel, den er verübt – entweder ausgepeitscht und aus dem Staat gewiesen, oder auch noch viel häufiger am nächsten Baum aufgehangen.

Das half. Das Gesindel fand bald, daß gerade der Staat, in dem es sich sonst am freiesten und ungestörtesten bewegt, Arkansas, zu heiß für sie wurde. Schon der Name Regulator schreckte sie aus ihrer sicheren Ruhe auf, und was sich irgend noch retten konnte, floh nach dem benachbarten Texas hinüber, das, noch wilder als Arkansas, ihnen vorläufige Sicherheit und ein offenes Feld für ihr rechtloses Leben bot.

Schon in damaliger Zeit betrachteten aber die Amerikaner Texas als ihr Eigentum, wenn es auch erst dem späteren Kriege mit Mexiko, im Jahre 1846, vorbehalten blieb, das weite reiche Land für immer der spanischen Rasse zu entreißen und der Union als Staat einzuverleiben. Viele Amerikaner hatten sich deshalb schon dort angesiedelt, und im Innern entstanden Farmen und Kolonien, und wurden Plantagen und Städte angelegt. Trotzdem war das eigentliche Texas noch ein entsetzlich wildes Land. Zahlreiche Indianerhorden lebten im Innern von Jagd und Fischfang, und es gehörte wirklich der zähe, ausdauernde Charakter amerikanischer Backwoodsmen oder Hinterwäldler dazu, um mit Frau und Kind in eine solche Wildnis zu ziehen und sich dort häuslich niederzulassen.

Wilde Nachbarschaft fanden sie da jedenfalls genug, und zu den Indianern und Squattern gesellten sich dann noch, besonders in jenen Jahren, die aus den Staaten ausgestoßenen Individuen: flüchtige Pferdediebe und Straßenräuber, bankerotte Kaufleute, entflohene Sklaven, Deserteure und Kassendiebe, kurz alle die im Osten ein Verbrechen verübt und Entdeckung fürchteten, oder sich sonst lästigen Verbindlichkeiten entziehen wollten. Brauchten sie ja doch auch nur den Redriver zu kreuzen und in diese weiten Wälder einzutauchen, um vor einer Verfolgung, die aber auch nur in den seltensten Fällen versucht wurde, vollständig sicher zu sein.

»Er ist nach Texas gegangen,« lautete denn auch in damaliger Zeit die allgemeine Redensart für solche, die plötzlich von dem Schauplatz eben nicht ruhmvoller Taten verschwanden, und »go to Texas!« war gleichbedeutend mit »geh zum Teufel!«

Und trotzdem bildete sich schon damals in dem weiten, herrlichen Land der Kern einer tüchtigen Bevölkerung, der anwuchs und sich mehrte, bis er imstande war, seine Unabhängigkeit zu erklären und offen die Waffen gegen das faule mexikanische Regiment zu ergreifen. Freilich mußte es erst einen Gärungsprozeß durchmachen, welcher es von vielen Schlacken läuterte, und dieser verlangte Blut – viel Blut. Aber die Backwoodsmen waren auch die Leute dazu, ihn rasch und kräftig durchzuführen.

Es ist das in der Tat eine ganz eigene Menschenrasse, wenn sie sich schon, ebenso wie ihre östlichen Brüder, Amerikaner nennen, so sind wahrlich Engländer und Franzosen nicht aus verschiedenartigeren Stoffen zusammengesetzt, als die eigentlichen Yankees und ihre Pioniere, die Backwoodsmen des Westens. Solche Männer, wie diese, gehörten aber auch dazu, um in den wilden Urwald vorzudringen und, von feindlichen Indianerhorden umgeben, von den Tieren des Waldes lebend, mitten in die trostlose Wildnis hinein ihre Hütte zu bauen und eine Heimat zu gründen. Da war Daniel Leone, der zuerst nach Kentucky vordrang, wo er die Bären hetzte und zugleich selber von den Rothäuten gehetzt wurde, aber dennoch nicht nachließ, bis er festen Fuß gefaßt, so daß man recht gut sagen kann, er allein als einzelner Mann eroberte ein weites, herrliches Land. Da war Davy Crockett, das Urbild aller Jäger und Squatter, mit ihren guten und bösen Eigenschaften, den zuletzt in demselben Texas sein Geschick ereilte – da waren tausend andere, die vereinzelt in die Wildnis zogen und standhielten, bis ihnen Freunde folgten und eine Kolonie bildeten, dann aber nicht etwa der sicheren Nachbarschaft froh wurden, sondern sie weit eher lästig und unbequem fanden und die Axt wieder in den Gürtel schoben, die wollene Decke auf den Rücken warfen, die Büchse schulterten und aufs neue in den Wald hineinzogen.

An Gefahren dachten diese Leute nicht. Der Backwoodsman war darin aufgewachsen, wilde Tiere fürchtete er nicht, die hatten ihn zu fürchten, und die Indianer? – er war mehr Indianer als sie selber, denn mit dem nämlichen Scharfsinn begabt, einer Spur zu folgen oder einem Hinterhalt zu entgehen, besaß er eine weit größere Kraft und Ausdauer und bessere Waffen.

Ein solches Volk, abgehärtet bis zum äußersten, kein Bedürfnis kennend, das sich der Mann nicht mit Büchse oder Axt verschaffen konnte, war es, welches zuerst Texas besiedelte, oder seine einzelnen Pioniere zwischen die indianischen Horden oder zerstreuten mexikanischen Ranchos vorschob. Daß es seine eigenen Gesetze mitbrachte, versteht sich von selbst, und weiteren Schutz beanspruchte es nicht als den, welchen ihm die eigenen Waffen gewährten.

Die Einwanderung nach Texas fand aber damals von zwei verschiedenen Seiten statt, und zwar einmal zur See von Neuorleans aus nach Houston, der Hauptstadt des Landes, wohin sich meist Kaufleute und Pflanzer zogen und dort auch schon einen Grad von Zivilisation einführten, und dann direkt aus Arkansas hinüber in die Wildnis des nordöstlichen Teils, der durch das sogenannte »rote Land« oder die Redriversümpfe von den Vereinigten Staaten selber geschieden wurde.

Diesen Weg nahmen besonders die Jäger und Squatter, die zu einem Umzug mit ihren Familien selbst nichts weiter brauchten als ein paar Pferde oder einen kleinen einspännigen Planwagen. Sie kreuzten den Redriver entweder schwimmend oder in Kanoes, und ließen sich dann hauptsächlich an dem kleinen Sabinefluß oder am Trinidad nieder, oder zogen auch wohl noch weiter in das Innere hinein, um sich ihre Blockhütte am Rand einer kleinen Prärie oder in eine fruchtbare Niederung hinein zu bauen. Aber niemals siedelten sich zwei oder gar mehrere dicht nebeneinander an, um ein Dorf oder eine Kolonie zu gründen, das verträgt der amerikanische Squatter nicht; er muß Raum haben, nicht etwa um sich auszubreiten, denn das kleine Feld, das er bestellt, verlangt nicht viel; nein, um, wenn er aus dem Haus tritt, nicht gleich die Umzäunung oder Fenz eines Nachbars zu sehen, und mit der Büchse auf der Schulter meilenweit den Wald durchjagen zu können, ehe er wieder in die Nähe menschlicher Wohnungen kommt.

Zwischen den Quellen des Sabine und Trinidad, am Abfall des dem Redriver zuneigenden Hügellandes, also ganz an der Nordgrenze von Texas, hatte sich damals ein Amerikaner namens Jenkins niedergelassen, seit Jahr und Tag, die er hier wohnte, ein bequemes Blockhaus gebaut und etwa vier Acker Land urbar gemacht, das ihm hinreichend Mais und Bohnen für seine Bedürfnisse lieferte. Mitten im Wald wohnte er mit seiner Frau und zwei Negern, die er aus den Staaten mit herübergebracht, einem Burschen von etwa fünfzehn Jahren und einem jungen Mulattenmädchen von achtzehn Jahren, und so wenig Verkehr er auch mit den teils drei und vier, teils mehr englische Meilen entfernten Nachbarn hielt, galt er doch bei allen, mit denen er je in Berührung gekommen, als ein braver und rechtlicher Mann, und sie freuten sich, wenn er sich einmal – was aber nur äußerst selten geschah – bei ihnen blicken ließ.

Jenkins war ein Mann schon in den Sechzigen, aber noch immer rüstig und nie sich wohler fühlend, als wenn er den ganzen Tag draußen im Wald mit seinen Hunden herumgehetzt war, wo ihn die Jagd gar häufig so weit abführte, daß er auslagern mußte und erst am nächsten Morgen heimkehrte. Auch heute morgen kam er gerade von einer solchen Tour nach Haus. Die Sonne stand schon hoch im Mittag, und die Frau rückte, als sie das fröhliche Geheul der Rüden hörte, rasch den Kaffeetopf und Speck zum Feuer, um eine Mahlzeit herzurichten, denn ihr »Alter« zeigte bei solchen Gelegenheiten immer einen tüchtigen Appetit.

So lustig er aber sonst gegen das Haus angaloppiert kam und seinen Jagdruf von weitem ausstieß, daß sie ihn daheim schon hören konnten, wenn sein altes braunes Pony noch lange nicht in Sicht war, so langsam und verdrießlich ritt er heute seine Fenz an, warf ein paar Hirschkeulen, die er in die eigene Decke gerollt auf dem Sattelknopf hängen hatte, ab und dem gegen ihn anspringenden Negerknaben Sip zu, legte selber Sattel und Zügel über die Fenz, daß sein Tier frei werden konnte, und schritt dann finster und mürrisch dem Hause zu, wo seine Frau schon kopfschüttelnd seiner harrte.

»Na, Alter!« sagte sie herzlich, als er die Schwelle endlich betrat, ihr nur zunickte und dann seine Büchse auf die Pflöcke über der Tür legte, »ist das der ganze Gruß, den du mir heute mitbringst? Die Nacht über ausgeblieben und dann nicht einmal so viel wie ein God bless you, wenn er ins Haus kommt?«

»Sei mir nicht bös, Mutter,« sagte der alte Mann und reichte ihr die Hand, »du hast recht, du solltest es eigentlich nicht entgelten, aber eine verfluchte Geschichte bleibt's doch.«

»Hast du einen Bären gefehlt?« lächelte die Frau. »Du siehst mir genau so aus.«

»Bin gar nicht jagen gewesen,« brummte der Alte, »und habe den Hirsch nur auf dem Heimritt geschossen, weil er mir gar zu bequem im Wege stand und die Hunde hungrig waren. Nein, nach dem Rappen hab' ich gesucht, und hol' mich der Teufel, er ist aus der ganzen »Range« wie rein verschwunden.«

»Der Rappe?«

»Fort, als ob er durch die Luft geflogen wäre.«

»Du wirst ihn irgendwo verfehlt haben,« beruhigte ihn die Frau.

»Verfehlt? Die Glocke hör' ich eine halbe Meile weit.«

»Aber wenn die Tiere satt sind, stehen sie und rühren sich nicht; du bist vielleicht dicht an ihm vorbeigeritten.«

»Aber die Spuren müßt' ich denn doch gefunden haben,« rief der Mann, »und hab' sie auch anfangs getroffen,« setzte er störrisch hinzu, »und bis zum Bearcreek hinüber bin ich nachgeritten. Dort ist er zum Wasser hinuntergegangen, wahrscheinlich, um zu saufen, und hinein, aber an der anderen Seite nicht wieder hinaus, und auf und ab hab' ich an dem verwünschten Bach gesucht, bis es stockfinster wurde und ich die Nacht dort lagern mußte.«

»Vielleicht kommt er selber wieder zum Haus,« meinte die Frau.

»Ich will dir etwas sagen, Alte,« knurrte Jenkins, »du weißt, wie lange unsere Nachbarn schon geklagt haben, daß ihnen Pferde und Vieh gestohlen würden, und wie sie auf den und jenen in der Ansiedelung Verdacht geworfen. Ich lachte sie immer aus, denn meinen Tieren geschah nichts, und wo und wann ich sie suchte, sie waren immer da.«

»Also wird jetzt auch nichts gestohlen sein.«

»Jetzt ist's anders!« rief der Mann heftig, »und bei mir fangen sie nun auch an. Ich wollte dir nichts sagen, denn ich glaubte immer noch, sie fänden sich wieder, allein seit drei Tagen fehlt der junge rote Stier, und heute hab' ich auch das Jungvieh mit den beiden Sternen nicht mehr bei der Kuh gesehen.«

»Was? Die Jinny?« rief die Frau erschreckt, und der Alte nickte.

»Außerdem,« fuhr er fort, »find' ich eine Menge fremder Pferdespuren hier im Walde herum, die ich alle nicht kenne, und kann nie die Tiere entdecken, die sie eingedrückt. Möglich, daß sie von Nachbarn herrühren, oder daß gar ein paar indianische Schufte in der Nachbarschaft herumstöbern; ist das aber der Fall, oder haben wir es gar mit blutigen weißen Pferdedieben zu tun, dann straf' mich Gott, wenn es ihnen nicht besser wäre, sie hätten die Gegend hier nie gesehen; denn komme ich ihnen auf die Fährten, lass' ich auch Gottes Sonne durch ihre Hirnschalen scheinen – oder ich will nicht Jenkins heißen!«

Die Frau hatte das Essen auf den Tisch gesetzt, aber sie war recht still und nachdenkend geworden, denn wenn sich wirklich solch Gesindel hier in der Gegend zeigte, so lebten sie da auf einem Platz, auf dem sie nicht die geringste Hilfe von einem Nachbar erwarten durften, und daß ihr Alter sich daran nicht kehrte und keine leeren Drohungen ausstieß, wenn er wirklich einmal einem von ihnen begegnet wäre, wußte sie gut genug.

Noch war sie mit der Zurichtung des Tisches beschäftigt, während Jenkins am Kamin saß und sich aus roher Haut eine Schnur für sein Pulverhorn schnitt, da seine alte defekt geworden, als die Hunde draußen anschlugen und zu gleicher Zeit ein lautes »Hallo!« anrufender Fremder hereinschallte.

»Na!« sagte Jenkins erstaunt aufsehend, denn das Erscheinen eines Menschen in dieser öden Gegend war stets etwas Seltenes. »Besuch? wo kommt der her?« Er war zur Tür getreten und sah hinaus. Zwei Reiter hielten draußen an der Fenz, und der eine rief: »Mr. Jenkins zu Hause?«

»Denke so,« sagte der Alte, »steigen Sie ab, Fremde, kommen Sie herein; ruhig, ihr Hunde, könnt ihr nicht die Mäuler halten, verdammte Bestien?«

Die beiden Wanderer folgten der Einladung, und Jenkins' Blick haftete indessen ziemlich erstaunt auf dem einen derselben, der in der Tat auch gar nicht so aussah, als ob er in diesen Teil der Welt gehöre. Sein Begleiter dagegen trug ein altes ledernes Jagdhemd, Leggins und Mokassins, seine Büchse und Decke, und damit hätte er recht gut eine Reise von den kanadischen Seen herunter bis an die Wasser des Golfs machen können, aber einen Mann im schwarzen Frack und mit einem Seidenhut auf dem Kopf, ohne Büchse und ohne Decke hier anzutreffen, war allerdings etwas Außergewöhnliches. Der Mensch sah aus wie ein Advokat, und was wollte der hier mitten im wilden Wald, in Texas? Dahin hatte sich bis jetzt doch wohl noch keiner dieser Landhaifische verloren, ihm wenigstens war noch keiner zu Gesicht gekommen. Die Gastlichkeit seines Volkes gestattete ihm indes nicht, eine Frage an die beiden Fremden zu richten, bis sie nicht wenigstens ausgeruht und sich mit Speise und Trank erquickt hatten. Ohne sich deshalb weiter um sie zu kümmern, schritt er zur Fenz, auf der noch immer die mitgebrachten Hirschkeulen hingen, wickelte sie auf, schnitt ein tüchtiges Stück Wildbret herunter und trug es ins Haus, wo Nelly, das Negermädchen, rasch daranging, es in Scheiben zu teilen und in der Pfanne zu braten. Die Frau ordnete indessen den Tisch, das heißt, sie setzte noch zwei Teller mehr auf, denn Gabeln brauchte man nicht, und sein Messer führte ein jeder bei sich, und kaum zehn Minuten später war die Mahlzeit schon so weit fertig, daß man Platz nehmen konnte.

»Nun, Fremde,« sagte der Alte endlich, als sie eine Weile tüchtig zugelangt, denn beide schienen vom Ritt hungrig, »von wo kommt ihr denn eigentlich in diese Range, und wo wollt ihr hin?«

»Aus den Staaten, Sir,« sagte der Mann im Frack, und sein Blick haftete dabei auf Nelly, dem Negermädchen, das jetzt wieder hereingekommen war, um das gebrauchte Geschirr abzunehmen und gleich aufzuwaschen, »und möglich,« fuhr er fort, »daß wir von hier aus gleich wieder zurückreiten.«

»Gleich zurück? So gefällt Euch das Land nicht? Wild genug ist's freilich,« lachte der Alte, »und wie Ihr mit dem Hut durch all diese Büsche gekommen seid, weiß ich nicht einmal recht. Bequem sind die Dinger nicht.«

»Hallo, Betsy,« sagte aber der Fremde, der keinen Blick von dem Negermädchen verwandt hatte, ohne die letzte Bemerkung zu beantworten, »wie geht's, Schatz?«

Nelly sah ihn erstaunt an, erwiderte aber nur kopfschüttelnd: »Dank' Euch, gut – heiße aber nicht Betsy – Nelly heiß' ich,« und damit griff sie ihre Teller auf und ging damit hinaus.

»Ist sie das?« fragte jetzt der Begleiter des Mannes im Frack, ein Hinterwäldler seiner Kleidung nach, aber mit einem Gesicht, das dem alten Jenkins fast bekannt vorkam, ihm jedoch trotzdem nicht besonders gefiel, denn das graue rastlose Auge des Fremden hielt seinen eigenen Blick nicht einen Moment aus und schweifte bald da, bald dort unruhig hinüber.

Der im Frack nickte leise vor sich hin und sagte dann: »Allerdings, und unser langer, mühsamer Ritt ist doch nicht umsonst gewesen.«

Jenkins, der aufmerksam die beiden gemustert hatte, begriff nicht recht, was sie mit den Worten meinten, und fragte: »Kennen Sie das Mädchen?«

»Ich sollte denken, Sir,« erwiderte der im Frack, »sie gehört meinem Bruder in Little Rock, dem sie vor zwei Jahren gestohlen wurde. Erst vor einigen Wochen bekamen wir aber die richtige Spur, und es tut mir leid, mit einer so unangenehmen Sache betraut zu sein; läßt sich jedoch nicht ändern, Sir. Das Mädchen ist gestohlenes Eigentum, und ich werde Sie ersuchen müssen, sie an mich als den Bevollmächtigten meines Bruders auszuliefern.«

»Na, das nehme mir aber kein Mensch übel,« wollte Mrs. Jenkins hier dazwischenfahren, Jenkins aber hob abwehrend die Hand und sagte ruhig lächelnd:

»Es stimmt also alles, nur schade, daß das Mädchen nicht Betsy, sondern Nelly heißt, auch nicht aus Little Rock, sondern aus Memphis ist, und von daher nicht erst seit zwei Jahren kommt, sondern schon vor vier Jahren von einem meiner Nachbarn am Arkansas in Memphis selber gekauft und mit hierherüber gebracht wurde. Sie sehen also, Gentlemen, daß Sie sich irren und Ihren Ritt wohl dennoch umsonst gemacht haben, wenn Sie wirklich nur einer weggelaufenen Negerdirne wegen zu mir nach Texas gekommen sind.«

»Mein lieber Herr,« sagte der Mann im Frack mit der vollkommensten Ruhe, »es tut mir leid, Ihnen widersprechen zu müssen. Ihr Nachbar vom Arkansas hat Ihnen etwas weisgemacht, wenn er behauptete, dies Mädchen von Tennessee herübergebracht zu haben.«

»So?« sagte Jenkins trocken.

»Um Ihnen aber zu beweisen,« fuhr der im Frack fort, »daß ich nicht ohne die nötige Autorität komme, so seien Sie so gut, diese Papiere durchzusehen,« er nahm dabei ein kleines zusammengefaltetes Paket aus der Rocktasche, das er vor Jenkins ausbreitete, »dies hier, mein werter Herr, ist der Kaufkontrakt des Mädchens, von einem Yankeehändler ausgestellt, der sie als Kind im Jahre 1836 mit von Neuorleans brachte. Damals kaufte sie der Friedensrichter in Randolph, Mr. Riley, der sie dann wieder vor vier Jahren an meinen Bruder, Mr. Saunders in Little Rock, abließ, vor etwa zwei Jahren, wo er genötigt wurde, sie eines Vergehens wegen zu züchtigen, lief sie ihm davon, und vergebens setzte er damals hundert Dollar Belohnung für ihre Wiedereinlieferung aus; sie war und blieb verschwunden, bis vor etwa sechs Wochen ein Freund von uns, der Texas besucht hatte, um sich hier einen Platz zur Ansiedelung auszusuchen, auch zufälligerweise, und zwar gerade in Ihrer Abwesenheit, Mr. Jenkins, hier bei Ihnen einkehrte, die Dirne sah und augenblicklich wiedererkannte.«

»In der Tat?« sagte Jenkins, »bitte, Alte, gib dem Herrn einmal einen Schluck Kaffee. Er muß vom vielen Reden ordentlich trocken werden.«

»Wollen Sie nicht die Papiere ansehen?«

»Was helfen mir die Wische?« sagte Jenkins verächtlich, indem er die Schriftstücke mit der Hand, wie einen Haufen trockener Blätter, aufgriff, flüchtig ringsum betrachtete und dann wieder zurück auf den Tisch warf, »Meine Alte da – denn ich selber kann nicht schreiben und hab's nie gekonnt – fabriziert Ihnen in einem halben Tag ein Dutzend solcher Dinger, und wer soll denn hier in Texas untersuchen können, ob die Namen richtig sind?«

»Dann müssen Sie uns schon auf unsere ehrlichen Gesichter glauben,« sagte der Begleiter des »Stadtmenschen«, wie eigentlich jeder genannt wurde, der einen Tuchrock trug.

»Ehrlichen Gesichter, Mann?« rief Jenkins halb lachend, indem er von einem der beiden Fremden zum andern hinübersah. »Gott segne Ihre Seele, Squire, da Sie's doch gerade einmal erwähnen, so dürfen Sie mir glauben, daß Sie auf die beiden Gesichter in ganz Texas keine fünf Dollar geborgt bekämen. Aber lassen wir den Unsinn,« brach er kurz ab, »Ihr Bruder, Mr. – wie war doch gleich Ihr Name?«

»Saunders.«

»Ach ja, Mr. Saunders, mag also wohl eine Negerin verloren haben, das will ich Ihnen gern glauben, und sie kann auch vielleicht in Texas stecken – sollte mich wundern, wenn sie's nicht täte – aber meine Nelly ist's nicht, darüber seien Sie beruhigt, und was Ihre Papierschnitzeln betrifft, so sind die hier in Texas noch nicht einmal so viel wert wie ebenso große baumwollene Lappen, denn mit denen kann man doch wenigstens eine Büchse auswischen.«

»Mr. Jenkins,« sagte der Mann im Frack ziemlich ernst, »ich hoffe nicht, schon Ihres eigenen Selbst wegen, daß Sie sich den gerechten Anforderungen eines an seinem Vermögen geschädigten Mannes widersetzen wollen, denn die Jurisdiktion der vereinigten Staaten –«

»Reden Sie keinen Unsinn, Mann,« sagte Jenkins, »wir sind hier in Texas, aber selbst in den Staaten und drüben in Arkansas, will ich verdammt sein, wenn Sie mir mein Eigentum so unter der Nase weg, bloß auf Vorzeigen von irgendeinem verkritzelten Wisch, wegholen sollten.«

»Und verlangen Sie wirklich, daß wir die ganze Reise umsonst gemacht haben sollen?« rief der im Frack.

»Gott segne meine Seele, Mann,« lachte Jenkins, »hab' ich Euch denn eingeladen zu kommen? Aber für verdammt grün müßt Ihr mich halten, oder irgendeinen von uns hier, wenn Ihr glauben konntet, jemand würde sein wohlerworbenes Eigentum so mir nichts dir nichts an ein paar Fremde ausliefern, die ihm da irgendeine Geschichte vorerzählen.«

»Sie zwingen uns, dann unser Recht auf andere Art zu suchen.«

»Ganz wie's Ihnen beliebt, Sir,« lachte der Squatter, versuchen Sie's, ob Ihre Advokaten hier bei uns etwas ausrichten werden. Ich gebe Ihnen aber mein Wort, es wäre für die Herren ein sehr undankbares Geschäft.«

»Und welches Gesetz erkennen Sie an?«

»Das Recht der Selbsthilfe – kein anderes,« sagte Jenkins ruhig, »aber da ist das Mädel selber. – He, Nelly, komm einmal her. Wie hieß der Herr, von dem ich dich kaufte?«

»Mr. Houston, Sir,« sagte das junge Negermädchen, dessen große glänzende Augen indessen bei der Frage unruhig von einem zum andern der beiden Fremden flogen, waren diese vielleicht hierher gekommen, ihrem Herrn einen Preis für sie zu bieten? Ihr Herz schauderte, wenn sie an die Möglichkeit dachte.

»Und wo warst du früher?« fuhr Jenkins fort.

»Ich bin in Kentucky geboren, Sir, und als mein Herr starb, nach Memphis in Tennessee verkauft worden.«

»So? Und warst du je in Little Rock?«

»Nein, Sir – kenne den Platz nicht.«

»Ahem – na, du kannst gehen, Nelly.«

»Aber Sie wissen doch, Mr. Jenkins,« sagte der Fremde, ohne von dem Negermädchen selber die geringste Notiz zu nehmen, »daß Neger und alles, was von Negern abstammt, vor Gericht nicht die geringste Stimme in einer Zeugenaussage haben.«

»Bitte, Mr. Saunders,« sagte der Alte, »wir sind hier nicht vor Gericht, und ich habe das Mädel nur gefragt, um mich selber zu beruhigen, wünschen Sie sonst noch etwas?«

»Sie verweigern also die gutwillige Herausgabe der entflohenen Sklavin?« fragte der in dem ledernen Jagdhemd.

»Entflohene Sklavin?« rief Nelly, die das nicht anders als auf sich beziehen konnte, »bin ich denn entflohen?«

»Ruhig, Nelly,« sagte der Alte, »laß mich die Sache mit den beiden Herren nur abmachen. Sie haben's nicht mit dir, sondern mit mir zu tun und einen zäheren Kunden wohl noch kaum unter den Fingern gehabt. Also, Gentlemen, wenn Sie mich denn so direkt fragen, ich verweigere allerdings die Herausgabe meines Eigentums an ein paar – Buschläufer, die mir da irgendeine alberne Geschichte erzählen, und noch eins: wollen Sie hier als meine Gäste über Nacht bleiben – denn das nächste Haus liegt ein bißchen unbequem an der Sabine – gut, so sollen Sie mir von Herzen willkommen sein. Der alte Jenkins weist keinen Fremden von seiner Tür; fangen Sie aber noch einmal von der Geschichte mit der Negerin an, oder finde ich, daß Sie sich nach Sonnenaufgang noch hier in meiner Nachbarschaft herumdrücken, dann – aber ich brauche Ihnen nichts weiter zu sagen,« brach er kurz ab, »denn so viel wissen Sie, daß der Wald hier herum mit zu meinem Haus gehört, und daß ich mein Hausrecht zu gebrauchen weiß, das können Sie sich etwa denken.«

»Unter diesen Umständen,« sagte der im Frack aufstehend zu seinem Begleiter, »glaube ich, daß es das beste ist, wir halten uns hier nicht länger auf, Mr. Netley. Wir versäumen nur Zeit.«

»Wie Sie wollen, Gentlemen,« nickte Jenkins, »bei dem Wetter kampiert sich's auch vortrefflich im Wald. Übrigens hängt draußen Wildbret, und Sie können sich noch ein Stück mit auf den Weg nehmen.«

»Danke Ihnen, Sir – wir führen selber Provisionen in unseren Satteltaschen,« – und nach kurzem, kaltem Gruß von beiden Seiten stiegen die beiden Fremden wieder in den Sattel und trabten bald darauf in einer südöstlichen Richtung, in welcher allerdings das Haus am Sabinefluß lag, in den Wald.



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