Emanuel Geibel
Brunhild
Emanuel Geibel

 << zurück weiter >> 

Dritter Aufzug.

Pfeilersaal in der Hofburg zu Worms. Im Hintergrunde, sowie vorne zu beiden Seiten offene Pforten.

Erster Auftritt.

Hagen und Volker (treten vorne zur Linken auf, in lebhaftem Gespräch begriffen).

Volker. Das war nicht wohlgetan, ich wiederhole;
Ablehnen durftest du, doch nicht mit Hohn
Den Speer dem Knaben vor die Füße schleudern.
Das reut dich selbst noch, Hagen.

Hagen.                                             Nimmermehr!
Ich bin kein Bettler, der am Wege lungernd
Almosen nimmt aus Siegfrieds gnäd'ger Hand.

Volker. Fürwahr, er meint' es gütig.

Hagen.                                           Mich beschenken!
Wer gab, beim Abgrund, ihm das Recht dazu?
Das darf mein König tun, mein Freund, nicht er!

Volker. Wenn ihr nicht Freunde seid, die Schuld ist dein.
Er wär' es gerne. Niemals hat er dir
Ein Leides angetan. Was widerstrebst du
So unversöhnlich ihm?

Hagen.                             Wenn ich nun sagte:
Ich hass' ihn, wie der Stier den Scharlach haßt,
Aus eingeborner Feindschaft der Natur,
Wär's nicht genug der Antwort? Doch mich treibt's,
Den stummen, mondenlang verhaltnen Groll
Dir auszuschütten, Volker. – Sieh, mir ward
Im Leben wenig gute Zeit beschert;
Des Glückes Stiefkind bin ich; niemals hat
Ein liebes Weib geruht in diesen Armen,
Ein Kind mich angelacht. Nicht Haus noch Gut
Erwarb ich mir, und selbst vom Siege waren
Der Schweiß, der Staub, die Sorge nur mein Teil;
Für andre blieb die Frucht und blieb der Ruhm.
Ich habe nie geklagt, denn eines wußt' ich,
Eins, was für mein mühselig Los vollauf
Ersatz mir gab, das stolze Selbstgefühl,
Der Pfeiler dieses Königtums zu sein.
Das war mir Weib und Kind und Gut und alles.
Und nun, nachdem ich zwanzig Jahr' allein
Dies Haus gestützt und hundertfach mein Blut
Verspritzt, um es zu fest'gen, – nun zum Schluß
Kommt dieser Knab' im blonden Haar, und zieht
In Haus und Herzen wie ein Sieger ein,
Gebeut in Rat und Feld, und ich, ich soll
Wie ein verrostet Waffenstück, das man
Um alte Dienste schont, im Winkel stehn!
Ha, Tod und Hölle!

Volker.                         Du mißkennst im Grimm
Dich selbst und andre. Wann hat Siegfried je
Um Gunst gebuhlt?

Hagen.                         Gleichviel! Ist's nicht genug,
Daß er zum Herrn sich aufwarf unsres Herrn,
Und uns zu Knechten macht aus Gunthers Freunden?
Ha, nimmer trüg' ich's, wenn mir in der Brust
Das Erbteil nicht hellseh'nder Ahnung wohnte.
Nun aber weiß ich's wie durch Götterspruch:
Dem Baum, der in den Himmel wipfelt, liegt
Die Axt schon an der Wurzel, und sein Teil
Ist jähes Ende. Hört denn mein Gebet,
Ihr Waltenden dort unten, hört mich an:
Wenn ihr dereinst, um diesen trotz'gen Stamm
Dahinzustrecken, eines Arms bedürft,
Hier bin ich, Hagen; wählet keinen andern!

Volker. Nicht weiter, Schrecklicher! Wie mag dein Herz
In solchen Träumen sich ergehn! Besinne
Dich auf die Gegenwart, die du verlorst.
Mich ruft der Dienst hinweg. – Und sieh, dort naht,
Geschmückt zur Feier, schon die Königin.

(Er geht im Hintergrunde ab. Hagen zieht sich zurück. Durch die Pforte vorne zur Rechten erscheint Brunhild, im Priestermantel, die Krone auf dem Haupte.)

Zweiter Auftritt.

Hagen. Brunhild.

Brunhild (langsam vorschreitend, ohne Hagen zu bemerken).
In meiner Seele toben Furcht und Hoffnung.
Selbst dieser priesterliche Mantel dämpft
Die Qual des Zweifels nicht, der mich bestürmt.
Gewißheit muß ich haben, sollt' ich dran
Zugrunde gehn.
        (Sie erblickt Hagen.)
                        Still! Hagen. – Kommst du schon,
Ins Heiligtum zum Fest mich zu geleiten?

Hagen. Noch eine Stunde währt's bis Mittag, Fürstin.
Auch nahn wir Männer erst den Tempelstufen,
Wenn ihr zu zweien drinnen am Altar
Mit Frauenhand den heil'gen Dienst vollbracht.

Brunhild. Zu zwein?

Hagen.                     So will's die Sitte, die wir nie,
Solang' ich denke, zu verletzen brauchten.
Im vor'gen Jahre stand Frau Ute noch,
Die königliche Greisin, bei Kriemhilden,
Die Abendröte bei dem Morgenrot.
Es war ihr letzter Gang. Nun tretet Ihr,
Des Fürsten Gattin, an der Mutter Platz.

Brunhild. Ich hoff' ihn nicht unwürdig auszufüllen.

Hagen. Gescheh es so. Sie war ein hohes Weib
Was sie beschloß, war Weisheit. Lebte sie,
Es stünde manches anders, als es steht.

Brunhild. Dein Lob der Toten klingt fast wie ein Vorwurf
Für die Lebendigen.

Hagen.                         Das sollt' es nicht;
Denn Ehrfurcht stets gebührt den Herrschenden.
Vor einer Sorge freilich hätt' uns wohl,
Die jetzt um dieses Hauses Zinnen flattert,
Frau Utens vielgeprüfter Geist bewahrt.

Brunhild. Was meinst du? Sprich!

Hagen.                                         Sie hätte nie ihr Kind
Vermählt mit Siegfried, eh' ihm Kron' und Land
Anheimgefallen, oder wenn sie's tat:
Sie hätt' ihn nie geduldet hier in Worms.

Brunhild. Den hochgewalt'gen Helden nicht? Warum?

Hagen. Weil er zu hoch und zu gewaltig ist.
Zwei Kön'ge taugen nicht für einen Stuhl.

Brunhild. Auch nicht, wenn sie die Freundschaft fest verbündet?

Hagen. Man soll kein Leben auf Gefühle baun,
Die mit den Dingen nicht im Einklang sind.
Das Herz ist wandelbar, die Dinge bleiben.

Brunhild. Du sagst, was wahr ist. Aber achtest du's
Für nichts, daß Kriemhild wohlgebettet ward?

Hagen. Vielleicht.

Brunhild.             Vielleicht? das heißt: vielleicht auch nicht.

Hagen. Nehmt's, wie Ihr wollt.

Brunhild.                                 Was läßt dich zweifeln, Mann?
Sprich, fürchte nicht, daß du mich kränkst.

Hagen.                                                           Das weiß ich,
Denn dieser Bund ist Euch verhaßt, wie mir.

Brunhild. Wer sagt dir das?

Hagen.                               Mein Herz, Frau Königin,
Das, selber hassend, fremden Haß errät,
Und Euer glühend Aug' am Hochzeitabend.

Brunhild. Ein kühner Schluß, nur schade, daß der kühnste
Am eh'sten trügt. – Doch reden wir von Kriemhild.
Du meinst? –

Hagen.                 Je nun, ich mein', er liebt sie nicht.

Brunhild. So starker Ausspruch fordert starken Grund.
Wer wird dir glauben, der die beiden sah?

Hagen. Vielleicht, wer das auch sah, was ich geschaut.
Seht, Frau, ich bin in Krieg und Sturm erwachsen,
Und des, was Brauch ist zwischen Mann und Weib,
Die sich gefallen, weiß ich wenig fast.
Nur mein' ich, Liebe weilt bei Liebe gern,
Zumal bei Nacht, zwei Tage nach der Hochzeit,
Und schweift nicht einsam draußen durch die Gänge
Der alten Burg im feuchten Mondlicht um.
Doch so tut Euer Schwäher.

Brunhild.                                 Traft ihr euch?

Hagen. Er sah mich nicht; mich barg des Pfeilers Schatten,
Doch desto deutlicher erkannt' ich ihn.
Zwei Stunden mocht' es sein nach Mitternacht,
Als ich auf meiner Rund' ihn kommen hörte.
Im Nachtgewand, langsamen Fußes, schritt er
Den Gang herauf; dann, wo der Steinaltan
Hervorspringt auf den Strom, trat er hinaus,
Den Blick emporgeheftet zu den Sternen,
Als wollt' er spähen, welche Zeit es sei.
Da, wie er stand, vernahm ich, daß er seufzte
Und leise vor sich hinsprach: Armes Weib!
Doch plötzlich fuhr er dann empor und ging.

Brunhild. Er seufzte, sagst du?

Hagen.                                   Ganz wie wenn ein Mensch
Bedauert, was er doch nicht ändern kann.
Ein Ton des Mitleids war es, nicht des Leids,
Das aber hört' ich deutlich: Armes Weib.

Brunhild. Seltsam, sehr seltsam! –

Hagen.                                         Nun? Genügt's Euch, Frau?
Wen konnt' er anders meinen, als Kriemhilden?

Brunhild. Ich kann's nicht leugnen, Hagen, dein Bericht
Ist mächtig, bangen Zweifel aufzuregen,
Und daß ein Leid hier waltet, scheint gewiß.
Bewahr in treuer Brust, was du erfuhrst.
Ich will das gleiche tun; es ziemt uns nicht,
Ein trüb' Geschick, das unsres Hauses Ehre
Vielleicht bedroht, ans Licht zu ziehn: das sei
Den Göttern, die nicht rasten, überlassen.
Jetzt geh! Unruhig wogt die Seele mir,
Und Sammlung heischt das Fest. Ich muß allein sein.

(Hagen geht.)

Dritter Auftritt.

Brunhild (allein).
Er liebt sie nicht! Was braucht es weiter Zeugnis!
Sie haben ihm mit Trank und Spruch den Sinn
Verwirrt, und was er tat, geschah im Rausch –
Doch wenn er sie nicht liebt – o dämpft, ihr Götter,
Dämpft diesen Sturm, daß ich den Schrecken nicht
Der allzu jähen Wandlung unterliege!
Denn alles schwankt, wie ihr errettend naht.
Die finstre Kerkerwand, die mich umfing,
Stürzt dröhnend ein, und trunken, glanzgeblendet
Vergeht in Hoffnungsschaudern mir das Herz!

(Indem sie sich zum Abgehen nach der Pforte im Hintergrund wendet, tritt ihr Siegfried durch dieselbe entgegen.)

Vierter Auftritt.

Brunhild. Siegfried.

Brunhild (bei Siegfrieds Anblick zusammenfahrend).
Ha, Siegfried! du?

Siegfried.                   Verstört mein Anblick dich,
So will ich gehn. Denn dich nicht sucht' ich hier.

Brunhild. Verweil. Ich hab' mit dir zu reden, Siegfried.

Siegfried. Wofern du meines Arms bedarfst, befiehl.
Der Fürstin dien' ich gern; wiewohl – du weißt es –
Nicht freundlich unser letzt Begegnen war.

Brunhild. Vergib mir, Siegfried, wenn mein stürmisch Herz
Mit blindem Wort unwollend dich verletzte.
Leicht reizbar ist, wen man aus goldnem Traum
Zu jäh emporgeschreckt. Das ist mein Los.
Es lastet viel auf mir, was ich zu tragen
Mich erst gewöhnen muß. Drum, wenn dir fremd
Und rätselhaft mein ganz Gebaren schien,
Seit Wochen schon, so rechte nicht zu streng
Und glaub': nie war's mein Wille, dich zu kränken.

Siegfried. Ich weiß dir Dank, daß du so freundlich sprichst.
Gewiß, ich wohnte gern mit dir in Frieden.

Brunhild. So sei denn jeder Groll hinweggebannt!
Sieh – viel erlebten wir in dieser Zeit,
So viel, daß ich mir oft durch Zauberspruch
Verwandelt schein' und mühsam mich besinne,
Was früher war. Da drängt sich – was verhehl' ich's! –
Die Sehnsucht nach dem alten Freund mir auf,
Und aus dem Strudel dieser Gegenwart
Flücht' ich zu dir; denn du nur magst mich fassen.
Die Löwin sahst du, die jetzt Sitte lernt,
In stolzer Freiheit noch, und kennst das Sonst,
Aus dem ich hergelangt – kaum weiß ich, wie.

Siegfried. Du wirst dir stark ein neues Leben gründen.
Das Sonst ist hin.

Brunhild.                   Ich weiß, doch möcht' ich's nie
Vergessen, Siegfried, niemals. Der ist feig,
Der scheu die Wimpern zudrückt, wenn's einmal
Von alter Zeit in Nacht versunknen Gipfeln
Wie Wetterleuchten ernst herüberblitzt.
Nein, offnen Auges starr' ich in den Glanz,
Und hoch schwillt mir die Brust. O Siegfried, war's
Nicht schön, nicht unsres Angedenkens würdig,
Als wir wie wilde Schwäne dort am Meer
Beisammen hausten, als wir täglich, kühn
Das Leben wagend, zwiefach es gewannen
Und jauchzten, wenn der Jugend Sturm gewaltig
Durch unsre Herzen, wie durch Harfen, ging?

Siegfried. Ei, wie vergaß' ich je der frischen Zeit!
Gewiß, noch heute dank' ich's jenem Wetter,
Das dazumal – drei Jahre sind's nun bald –
Mein Drachenschiff an deine Küste warf,
Dem frühen Winter, der mich dort gefesselt.
Denn Unerhörtes brachte jeder Tag,
Gefahr und Lust; da griffen wir im Tannicht
Den zott'gen Riesenwolf, da maßen wir
Abgründ' im Sprunge, rangen, wo sich schwindelnd
Der Felshang senkt, die Brut dem Greifen ab,
Und kämpften mit der Bärin auf dem Eis.
Und nachts, am Herdesfeuer, wecktest du
Mit Harfentönen die gewalt'gen Schatten
Begrabner Helden oder lehrtest mich
Der Runen Schrift verstehn. So floß die Zeit
Dahin, ich merkt' es kaum.

Brunhild.                               Weil sie beglückt war
Und ohne Wunsch. – Wer bringt uns heute, Siegfried,
Nur einen Tag zurück, so frisch und froh,
So reich an Hoffnung! – Warum trieb dich auch,
Da kaum der Lenz die eis'gen Schollen löste,
Dein Sinn hinaus von mir. Doch nimmer wollt' ich
Dich halten, wo der Ruhm den Helden rief,
Ob ich dich schwer auch ziehn sah. – O gedenkst
Du noch der Nacht, der letzten, eh' wir schieden?
Da hattest du den schupp'gen Seewurm endlich,
Das Ungeheuer, das du lang gesucht,
Am Klippenstrand erlegt und rittest nun,
Ich sah's vom Turm, langsam zur Burg herauf.
Beim Sternenlicht erkannt' ich deinen Hengst,
Wie stolz er bäumte, hinter ihm geschleppt
Den Riesenleib des Wurms. Der Wächter stieß
Ins Horn mit Jubelschall, und gleich als wollte
Der Himmel selbst mitfeiern deinen Sieg,
Ergoß er plötzlich überm Haupte dir
Ein glorreich Nordlicht, daß dein blond Gelock
Wie Feuer wallte. – O wie stolz empfand
Ich da des Gastes Herrlichkeit, wie schlug
In Lust aufjauchzend dir mein Herz entgegen!
Ein hoher Götterliebling schienst du mir
Zu jener Stunde, jedes Preises wert.
Schon sah ich dich mit ahnungsvollem Geist
Als einen König über alle Kön'ge
Den letzten Kranz, den herrlichsten, ergreifen,
Und nun –

Siegfried.         Vollende deinen Spruch! Und nun?

Brunhild. O daß ein Traum so treulos täuschen darf!
Daß so betrübt ein königlicher Geist,
Der mit den Schwingen schon die Sterne rührte,
Im Fluge sinken mag! Nun find' ich dich,
Den Helden, dem die Welt gehören sollte,
Im Dunkel hier als König Gunthers Mann.

Siegfried. Ich bin nicht Gunthers Mann, noch war ich's je.

Brunhild. So bist du doch Kriemhildens Ehgemahl.

Siegfried. Und allen Göttern dank' ich's.

Brunhild.                                             Frommer Sinn
Dankt freilich auch für Schwerverhängtes wohl.

Siegfried. Du sprichst in Rätseln.

Brunhild.                                   Wohl, so will ich klar sein,
So klar, wie deine Seele vor mir liegt.
Zwar weiß ich wohl, ihr Männer liebt es nicht,
Ein heimlich Leid einzugestehn; doch kein
Bekenntnis will ich ja, du sollst nur hören,
Daß ich dein Herz durchgründet. –
                                                    Armer Freund!
Der Pfad, auf dem der Held zur Größe wallt,
Ist steil und schmal; die meisten schritten ihn
In stolzer Einsamkeit. Dreimal glückselig
Der Auserwählte, der, Gefahr und Ruhm
Zu teilen, eine große Seele fand!
Das höchste fiel ihm unter allen Losen.
Doch weh dem Blinden, der, vom Sinnenreiz
Verhängnisvoll umstrickt, auf halbem Wege
Sein Leben ratlos an die Kleinheit band!
Denn unerbittlich zieht sie ihn nach unten,
Und Heimweh, rettungsloses, zehrt ihn auf. –
Siegfried, das ist dein Schicksal. Nieder ging
Dein Stern im Strome der Alltäglichkeit,
Als du mit diesem Kinde dich vermähltest;
Und elend bist du, weil du das erkennst.

Siegfried. Ich? Elend! – Träumst du?

Brunhild.                                         O, verleugn' es nur!
Hüll dich in Lächeln ein, in Zorn, in Staunen!
Dir sagt dein Herz doch, daß ich Wahrheit sprach.
Dir sagt's die Bitterkeit des Ungenügens,
Der Abfall von der Jugend stolzem Traum;
Dir sagt's dein Blut, das, einst wie Feuer wallend,
Schon kühl durch deine Adern schleicht, dir sagt's
Die ganze weite Welt, wo jedes Ding
Zu frohem Wachstum seinesgleichen sucht.
Es paart sich Flamm' und Flamme, Flut und Flut,
Und nur die Heldin langt zum Weib des Helden!

Siegfried. Das war es, das? O welch ein Gott hat dich
Verblendet, daß du mich, daß du die Sehnsucht,
Die tief im Manne wohnt, so ganz mißkennst!
Denn nicht des eignen Wesens Abbild, wisse,
Sein Widerspiel nur ist's, was uns die Seele
Mit Liebesmacht unwiderstehlich zwingt,
Und was uns selbst versagt blieb, suchen wir,
Vollendung dürstend, in der fremden Brust.
Der Schwache wähle sich ein starkes Weib;
Kraft greift nach Sanftmut; wahrlich, und je stolzer
Der Mann emporwuchs, desto mächt'ger rührt ihn
Der Zauber holdbedürft'ger Weiblichkeit.
Das ist es, was mich an Kriemhilden bannt,
Das schafft die Wonne, die aus ihrem Wesen
Wie Mondlicht über meine Seele strömt
Und all mein Ungestüm in Frieden taucht.
Was gilt am Weib mir Heldentum? Beim Thor!
Das hab' ich selbst, und neubegierig wohl
Bestaunen kann ich's; aber lieben? – Nie!
Ich hab's erfahren. Sah ich nicht im Nordland
Die blonden Schildjungfraun, die stahlumschient
Im Wagen stehend ihre Rosse zähmten?
Doch keine rührte mich. Und mehr als das!
Bist du nicht selber wie von Götterstamm?
Nicht hohen Geistes? Strahlst du blendend nicht
An Herrlichkeit und Kraft vor allen Schwestern?
Sah ich den strengen Liebreiz, der dich schmückt,
Nicht mondenlang vor den beglückten Augen
Von Tag zu Tage feuriger erblühn?
Und nie doch stieg mir, nie, selbst nicht im Traum,
Auch nur die Regung auf, als liebt' ich dich.

Brunhild. Ha! Übermüt'ger! Hast du nicht der Sonne,
Der ew'gen Sonn' auch deine Gunst versagt,
Weil sie mitleidig einen Strahl dir gönnte? –
Wer spricht von mir denn! Wohl dir, daß du nie
Gewagt, so hoch dein Auge zu erheben!
Denn, bei den Nornen, Schmach erspart' es dir.
Wie einen Knaben hätt' ich dich vom Hofe
Gegeißelt –

Siegfried.           Bänd'ge deine Zunge, Weib!
Vergessen könnt' ich –

Brunhild.                           O vergiß, vergiß!
Du bist ja doch in dieser Kunst ein Meister.
Denn was vergaßest du nicht schon? Dich selbst,
Und Ehr', und Treu', und jedes hohe Ziel;
Und alles um ein brünstig schmachtend Weib!
So geh denn hin zu ihr, der einz'gen, bade
In ihrer Seele Milch und Honig dich,
Bis alles Erz aus deiner Brust hinwegschmolz
Und jeder Tropfen Bluts von Heldenart
In Schäferwollust schamlos unterging!
Geh, geh! dein Täubchen girrt – Was zögerst du?
Doch dies nimm auf den Weg: ich hasse dich,
Von ganzer Seele hass' ich dich, und habe
Dich immerdar gehaßt, und will dich hassen,
Solang' ein Hauch des Lebens in mir wohnt! – –
O all ihr Götter!

Siegfried.                 Du bist außer dir.
Warum, ich mag's nicht ahnen. – Fasse dich!
Und was du sprachst, verlöscht sei's und begraben.«

(Er geht.)

Fünfter Auftritt.

Brunhild (allein).
Zu viel! Zu viel! Nun halte mich empor, mein Stolz,
Daß ich nicht hell aufklagend, wie die Nachtigall,
In Schluchzen sterbe! – Nein, nein, nein, des Sieges soll
Er nimmermehr sich rühmen, der Entsetzliche!
Bin ich nicht Königin, bin ich nicht Brunhild noch?
Nein! Leben will ich ihm zum Trotze. Jauchzen sei
Fortan und Schwärmen all mein Tun. Und wenn er ihr,
Der Blonden, liebkost, die mir seine Seele stahl,
Dann will ich lachen, lachen; denn was frommte sonst
Bei solchem Schauspiel! – Wehe, weh mir! Welche Qual
Schießt jach ins Herz mir! Wie ein Geier fällt's mich an,
Der, starkbeflügelt, willenlos dahin mich reißt;
Ein roter Schleier webt vor meinen Augen sich,
Und mir im Ohr erklingt es wie der Norne Ruf.
O Luft, Luft, Luft! Und, Götter, diesem Sturm ein Ziel!

(Sie stürzt fort.)

Verwandlung.

Freier Platz vor dem Heiligtum. Im Hintergrunde über Stufen eine hohe Bogenpforte.

Sechster Auftritt.

Eine Schar von Jungfrauen, festlich geschmückt, mit Fackeln, unter ihnen Gerda. Kriemhild tritt auf.

Kriemhild. Seid mir gegrüßt! Zum Fest bereitet find' ich euch?

Gerda. Wir sind's, o Herrin. Fackeln tragend, angetan
Mit weißen Kleidern, wie der heil'ge Brauch es will,
Geschmückt mit Blumen, feuerroten, siehst du uns,
Nur deines Winkes harren wir, hinaufzuziehn.

Kriemhild. Und niemand fehlt uns?

Gerda.                                           Niemand, als die Königin.

Kriemhild. Wohl. Warten wir hier außen, bis Posaunenton,
Die Sonn' im Scheitel grüßend, zum Altar uns ruft;
Bald muß er schallen. Künd' er uns ein glücklich Jahr!

Gerda. Verdrießt Brunhildens Zögern dich? Du bist so ernst.

Kriemhild. Ernst bin ich, ja; doch nur die Feier stimmt mich so.

Gerda. Die Feier? Wie versteh' ich dich, Gebieterin?
Denn fröhlich dünkt sie mich vor allen. Ist es doch
Des Sonnenjünglings Freudenfest, was wir begehn,
Sein Siegestag, an dem er liebend Strahl um Strahl
Zur Erd' herabgießt und von ihr nicht lassen will.

Kriemhild. Nicht lassen will und morgen dennoch lassen muß.
Das ist es, Liebe, was mit leisem Schauder mir
Die Brust erschüttert, daß an jede höchste Lust
Unwiderruflich sich ein banges Scheiden knüpft.
Was schön ist, währt nicht; alle die Erscheinungen
Des Jahrs verkünden's, die des Lebens Spiegel sind,
Und wie die Sonne wandelt unser Glück dahin.
Wohl steigt es fröhlich; aber kaum zum vollsten Glanz
Aufblühend, muß es wieder in die Nacht hinab.
Die Höh' ist Wend'. Und Wende singt vom Ende schon.

Gerda. O laß die Furcht den Schuld'gen!

Kriemhild.                                           Wer entgeht ihr dann!
Denn vor den Göttern, Gerda, wer ist rein von Schuld?

(Posaunenschall aus dem Innern des Tempels, dessen Pforten aufspringen.)

Gerda. Des Priesters Ruf!

Kriemhild.                       So schreit' ich denn ins Heiligtum,
Die hohe Feier zu beginnen. Folget mir!

Siebenter Auftritt.

Kriemhild schreitet die Stufen hinauf; in diesem Augenblick erscheint Brunhild mit Sigrun. Sie eilt auf Kriemhilden zu und sucht sie zurückzuhalten.

Brunhild. Zurück, Verhaßte! Weiche von der Schwelle dort!

Kriemhild. Was willst du? sprich! Was zerrst du meines Mantels Saum?

Brunhild. Mein ist der Vortritt. Heb' dich aus dem Wege mir!

Kriemhild. Der Bitte lernt' ich folgen, nicht dem Machtgebot.

Brunhild. Gebieten ziemt der Königin. Hinweg darum!

Kriemhild. Ich bin so gut von königlicher Art wie du.

Brunhild. Du wagst zu trotzen? Zittern lehrt dich mein Gemahl.

Kriemhild. Sein Gast ist meiner, und ein starker Held, wie er.

Brunhild. Jawohl; zum Hochmut aufgenährt an unserm Tisch.

Kriemhild. Laß diese Red', Unsel'ge, sie geziemt dir nicht.

Brunhild. Was mir gezieme, frag' ich keines Knechtes Weib.

Kriemhild. Himmel und Erde! Brunhild, nimm dies Wort zurück!

Brunhild. Ha, traf es, traf es endlich bis ins Herz hinein?
Und stöhnst du wie ein blutend Reh um Gnade nun?
Doch sieh, ich nehm' es nicht zurück. Ersticke denn,
Erstick an dieser Minne, die so brünstig flammt!
Du sollst noch schaun, wenn mein Gemahl zu Rosse steigt,
Daß Siegfried unterwürfig ihm den Bügel hält.

Kriemhild. Um deiner eignen Seele Heil beschwör' ich dich,
Brunhilde, schweig!

Brunhild.                     Nein, schweigen will ich nicht. Ich will
Den Trotz dir brechen, daß du nicht zum andernmal
Vermessen prahlend meinesgleichen dich bedünkst.
Dir sagen will ich, daß dein edler Gatte mir
Ein Bettler gilt, ja, daß du selbst, Hoffärtige,
Die goldnen Sohlen kniend mir zu lösen taugst!
Denn königlich ist jeder Tropfe Bluts in mir;
Du aber hast, abschwörend deiner Fürstlichkeit,
Dich selbst entehrt in dienstbar schnödem Ehebett!

Kriemhild. Ha, was war das! Von schnödem Eh'bett redest du,
Und von Entehrung? War's nicht also? Nun beim Thor!
Das wäre furchtbar, wär' es nicht so lächerlich,
So unermeßlich lächerlich von dir zu mir.
Ja, schürze nur die stolze Lippe, runzle nur
Die Brauen, Wölfin! Einen Spiegel zeig' ich dir,
Daß du die eignen Königsehren drin beschaun
Und dann, dem Basilisken gleich, zerbersten magst.
Denn dieser Siegfried, welchen du als schnöden Knecht
So ganz mißachtest, dieser selbe Siegfried hat
An dir getan, was nimmer dein Gemahl vermocht.
Er war es, er, in König Gunthers Bild verstellt,
Der einst im Brautkampf Freiheit dir und Sieg entriß.
Und wär' es das nur! – Aber nein! – Gedenkst du noch
Des ehernen Armes, der in tiefer Finsternis –
Zwei Nächte sind's – dich bändigt' und gewaltsam dir
Den starren Nacken beugte, daß du winseltest?
Gedenkst du sein? – Nun wisse: das war Siegfrieds Arm!
Da lagst du, Stolze, keuchend, mit gelöstem Haar
Zu Füßen ihm, und hieltest seine Knie umfaßt,
Und flehtest Schonung tiefzerknirscht und botest ihm
Dein ganzes hochgefürstetes Selbst zur Sühne dar.
Doch er, der Bettler – hörst du's? er verschmähte dich,
Um mich, um mich verschmäht' er dich, und ging davon,
Dich Gunthern lassend, deinem großen Könige!

Brunhild. Nieder in den Staub, du Schlange, die mit gift'ger Zunge sticht!
Lügnerin!

Kriemhild.     Die Wahrheit sprach ich, und dein Grimm verlöscht sie nicht.

Brunhild. Schweig! Wie Flaumen in die Lüfte blas' ich deiner Märchen Bau.

Kriemhild. Glauben willst du nicht dem Worte, rasend Weib, wohlan, so schau!
Kennst du diese Doppelspange? Dir vom Gürtel kam sie nie,
Bis der Held dich unterjochte –

Die Jungfrauen.                             Wehe! Wehe!

Kriemhild.                                                           Kennst du sie?

Brunhild. Gaukelspiel der finstern Mächte!

Kriemhild.                                                 Antwort gib!

Brunhild.                                                                       Wie Rabenflug
Schwirrt es düster mir vor Augen. Aber nein! Es ist ein Trug!
Du entwandtest sie!

Kriemhild.                   Du wagst es?

Brunhild.                                           Räuberin!

Sigrun.                                                               Laßt ab vom Streit!
Dort vom Schlosse naht der König.

Kriemhild.                                         Wohl, er kommt zur rechten Zeit.

Achter Auftritt.

Gunther tritt auf, im königlichen Schmucke, begleitet von Hagen, Volker und einem reichen Gefolge, das sich im Hintergrunde ordnet.

Gunther. Welch ein Zwist! Wer ist's, der frevelnd unsrer Hofburg Frieden brach?

Brunhild. Schütze, räche mich, mein Gatte! Räche deines Weibes Schmach!

Gunther. Was geschah?

Brunhild (führt ihn in den Vordergrund).
                                Es spricht die Stolze – meine Lippe bebt vor Scham –
Daß nicht deine Kraft, daß Siegfried mir zu Nacht den Gürtel nahm.

Gunther. Wort des Unheils! Wehe!

Sigrun.                                           Wehe, daß du diesen Zwist begannst!

Brunhild. Brich die Lästrung! Richte! Räche!

Kriemhild.                                                   Straf mich Lügen, so du kannst!

Brunhild. Ha, du schweigst? du zögerst? Rede! Bei der Hölle Pforten, sprich!
War es Siegfried?

Die Jungfrauen.         Wehe! Wehe!

Kriemhild.                                       Sein Verstummen richtet dich.
Sieh, nun zitterst, nun erbleichst du; deines Stolzes trunkner Wahn
Flattert hin, wie Rauch im Winde. Aber klage mich nicht an!
Du, nur du beschworst das Wetter, das um deine Schläfe grollt.
Stirb denn hin in seinen Blitzen! Denn du hast es selbst gewollt.

(Sie schreitet in das Heiligtum; ein Teil der Jungfrauen folgt ihr. Die übrigen samt dem männlichen Gefolge ziehen sich auf Hagens und Volkers leises Bedeuten langsam zurück. Brunhild steht wie zerschmettert im Vordergrunde; Gunther will sich ihr nähern.)

Gunther. Hör' mich, Brunhild –

Brunhild.                                 Fort, Verräter! Fort, aus meinem Angesicht!

(Gunther entfernt sich zögernd.)

Brunhild. Aber ich, wohin ich flüchte, meiner Qual entrinn' ich nicht.
Selbst die Rache, die zum dunkeln Priesteramt mich heute weiht,
Schafft mir nicht, wonach ich dürste, schafft mir nicht Vergessenheit.
Brich herein denn, Götterdämmrung, und durch Rauch und Trümmerfall
Stürmt empor, ihr Abgrundsriesen! Stieb in Aschen, Sonnenball!
Nacht, uralte, ström' in Wogen schwarz und uferlos herauf,
Nimm in deine tiefsten Tiefen mich und meinen Jammer auf!

(Der Vorhang fällt.)


 << zurück weiter >>