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Zweites Kapitel.

Die Verfolgung.

Als der alte Seemann seine kleine Warte bestiegen und einen raschen Blick über die sich allmählich entwickelnden Vorgänge am Himmel und auf der See geworfen hatte, gewahrte er, daß er einen jäh heranziehenden Gewittersturm vor sich habe, der die Insel noch nicht mit seiner vollen Wucht erreicht hatte, sondern nur einige Meilen südostwärts von derselben entfernt, in voller Wut daherbrauste. So war denn der Himmel über und hinter ihm noch ziemlich ungetrübt, nur einzelne kleine weiße Wölkchen, als Vorläufer des gewaltigen Luftstroms, flatterten angstvoll wie aufgescheuchte Tauben nach Westen und Norden, während am ganzen östlichen Horizont sich eine undurchdringliche Nebel- und Wolkenwand aufgebaut hatte, die sich vom Himmel herab bis in die See senkte und ihren drohenden Sturmeslauf gerade auf das kleine Eiland zu nahm. Obgleich der eigentliche Anprall nun noch meilenweit von der Ostküste desselben entfernt war, so war die ganze See, so weit sie vom hochgelegenen Kiekhause aus sichtbar, doch schon bis ans Gestade aufgewühlt und hatte sich aus ihrer kurz vorher so sanft fließenden Spiegelfläche in eine schneeweiße, auf- und niederstürzende Schaumwüste verwandelt, aus der hier und da, brodelnd und spritzend, sich eine Springwelle erhob und dabei jenes eigentümlich zischende Getön vernehmen ließ, wodurch die Kraft und das Ungestüm des wütenden Meeres schon aus weiter Ferne sich bemerkbar macht, wenn es in die Phase des Aufruhrs getreten ist. Und wenn der Himmel diese dämonischen Laute auch noch nicht mit seiner tiefen Donnerstimme begleitete, die überhaupt in diesen Gegenden seltener das rollende Krachen hören läßt, als auf dem Festlande, so gab doch das Meer selbst von Zeit zu Zeit jenes seltsame donnerartige Gebrüll von sich, das den Uneingeweihten erschreckt, wenn die Stille der Atmosphäre in einen Orkan übergeht oder ein Ungewitter sich drohend daherwälzt.

Der alte Seemann, der alle diese einzelnen Vorgänge, so oft er sie auch schon erlebt, immer wieder mit steigender Bewunderung betrachtete, weil er zu den Menschen gehörte, die das Meer und seine großartigen Erscheinungen lieben, es alle Tage, fast in jeder Stunde, neu finden und sein dämonisches proteusartiges Walten für ewig unbegreiflich halten, der alte Seemann, sagen wir, schauderte bei diesem Anblick vor heiligem Entzücken zusammen, und nicht zum ersten Male wünschte er sich an die Stelle der großen Strandmöven, die mit schneeweißem Fittig in jäher Hast dicht über dem kochenden Schaume flatterten, von seinen emporgeworfenen Perlen benetzt wurden und mit gierigem Behagen davon zu nippen schienen. Zuletzt sogar, und namentlich als der heulende Wind in bald seufzenden und ächzenden, bald brüllenden oder pfeifenden Stößen näher und näher kam und der Nebel schon die ganze Küste der Granitz überzogen hatte, so daß kein Land mehr nach irgend einer Richtung sichtbar war, wurde seine innere Erregung so lebhaft, daß er ihr sogar in kurzen stoßweise vorgebrachten Sätzen einen Ausdruck lieh.

– »So recht!« sagte er, indem er sein Glas mit einem derben Druck beider Hände zusammen schob, da es ihm bei der nebelverhüllten Ferne nichts mehr nützen konnte, »so recht, mein Mäuschen! Brumme nur zu, alter Junge, brülle dich aus wie ein trotziger Bube und zeige, was für eine gesunde Lunge du hast. Dein Wiegenlied gefällt mir, alte See, du weißt es ja, meinen Ohren ist dein Gebrüll eine lustige Musik, und ich begreife nicht, wie es Menschen geben kann, die sich davor wie vor etwas Schauerlichem oder Übernatürlichem fürchten. Wahrhaftig, ist das da alles nicht natürlich genug? Kann der Sturm und das große Wasser nicht so sprechen, wie der Mensch, der Löwe oder der Vogel, der in dem undurchdringlichen Forste lebt? – Hui! wie der schneeweiße Schaum da unten über die großen Felsblöcke fegt und die kleinen Gerölle unter seiner Wucht tanzen und springen macht – und da – da kommt erst die ganze schöne Sturmesbraut geflogen – ha! da war der erste Blitz – halloh! jetzt fängt der Himmel an, seine gewaltige Stimme mitsprechen zu lassen – ja, ja, das war einmal ein vernünftiger Donnerschlag, wie man ihn nicht alle Tage hört – nun werden sich die grollende See und der zürnende Himmel eine Schlacht liefern, wie es jetzt an der Tagesordnung ist, daß es die Armeen zweier feindlichen Nationen tun, die nicht zufrieden sind mit dem, was ihnen Gott der Herr in ihrem eigenen Hause gegeben; nun werden wir ein prächtiges Schauspiel hier haben, es wird lustig zu sehen und zu hören sein, was da unten vorgeht – aber halt, was war das! Das war keine Stimme des Himmels, kein Donner, kein Seegebrüll – das war ein Kanonenschuß – von der Greifswalder Oie her – heda! sollten Menschen in Not sein da drüben? Das wäre freilich übel, denn man kann nicht sehen bei dem vertrackten Nebel – da – noch einer – das ist wahrhaftig ein Schiff, das seinen Weg verloren hat und nun eine Ausgangstür aus seiner Not sucht.«

Er schwieg und horchte mit angehaltenem Atem nach Südosten hinüber. Es waren in der Tat zwei Schüsse abgefeuert, die, mit den Stimmen der kämpfenden Elemente verglichen, dumpf und beinah ängstlich gegen den hohen Inselstrand anprallten, dann aber von dem Wogengebrüll übertäubt wurden, so daß es zweifelhaft blieb, ob dem zweiten Schusse noch ein dritter oder gar mehrere folgten. Als er aber zu der Überzeugung gelangt, daß die Stimme der Menschen auf der See verstummt war, hob er die Augen, prüfend in die Höhe, um die düstern Nebelgebilde, die jetzt, in einzelne Gruppen und Schichten zerrissen, sichtbar über seinem Haupte hinflogen, zu betrachten, ob sie sich nicht bald teilen und dadurch den Blick in die Ferne frei machen würden. Und in der Tat, als wäre der Wunsch des Alten zu Gunsten der etwa gefährdeten Schiffer erhört worden, so jagte der heulende Wind, der jetzt wie ein Wettrenner über die Wasserwogen schnaubte, das Gewölk des Himmels auseinander, und hier und da wurde schon ein blauer Fleck bemerkbar, der sich bald da, bald dort siegreich ausbreitete und endlich lichte Himmelsstreifen zeigte, unter denen auch die Schaumwogen, der See eine lebhaftere Färbung annahmen.

»Halloh!« rief der Alte frohlockend wieder, »der finstere Vorhang rollt sich auf und wir werden bald das ganze Schauspiel vor Augen haben. Aber heda! Was laufen sie denn da unten zusammen? Da können sie doch noch viel weniger sehen, als ich hier oben. Halloh!«

Und er setzte sein Sprachrohr an den Mund und schmetterte seinen Anruf nach dem Strande hinunter, auf dem sich seit kurzer Zeit einige Männer in Sturmkitteln zeigten, wie der alte Granzow einen trug, und mit großer Spannung auf die See hinauslugten, die unmittelbar vor ihren Augen siedete und kochte.

Die also Angebraieten vernahmen sogleich den Ruf des Bewohners des Kiekhauses und verstanden ihn wohl. Sie wandten die Köpfe nach ihm empor und fochten mit den Armen hin und her, wobei sie vielleicht auch einige Worte hinaufschrien, die aber der Sturmwind auf halbem Wege verschlang und entführte.

»So kommt doch herauf zu mir, Ihr Tröpfe!« donnerte der Strandvogt hinunter, »hier oben ist's luftiger und frischer, als dorten. Heda, Ihr Männer, alle herauf!«

Die Fischer und Lotsen, die sich am Strande versammelt, hatten kaum diese Einladung vernommen, so beeilten sie sich, ihr zu entsprechen, und wenige Minuten später hatte die kleine Warte so viel Männer zu tragen, als sie fassen konnte, während zwei andere überzählige auf der Rasenbank unter ihr Platz nahmen und mit ihren schweren Stiefeln unbarmherzig das junge Gras zertraten, das Mutter Ilskes ganze Freude war.

Mehr als ein Dutzend guter Augen, von denen einige noch dazu mit einem Glase bewaffnet waren, strengten sich jetzt gemeinschaftlich an, den Nebel zu durchdringen, der über das schäumende Meer nach allen Seiten, vorzüglich aber nach Südost, der Erzeugungsstätte desselben, gebreitet war, und das Schiff zu erspähen, welches jene beiden Schüsse, die ohne Zweifel Notschüsse gewesen, abgefeuert hatte. Allein es sollte noch geraume Zeit verstreichen, bis ihr scharfes Ausschauen ein Ziel und ihre zahllosen Vermutungen eine Bestätigung fanden. Endlich aber sollte ihre Geduld belohnt werden, denn das Unwetter zog ebenso rasch vorüber, wie es heraufgestiegen, nur der Sturmwind, dessen Wut so leicht nicht zu beschwichtigen war, schien sein Ungestüm sogar noch zu steigern und blies anhaltend in der Richtung von Südost nach Nordwest fort. Dieser Wind jedoch trug wahrscheinlich am meisten dazu bei, das Gewölk des Himmels zu teilen, den Nebel zu verjagen und die dicke Atmosphäre von Land und See für's Auge durchdringbar zu gestalten. Zuerst aber wurden die düsteren Wolken im Süden zerrissen, die über der Halbinsel Mönchgut schwebten, und das Vorgebirge Peerd trat undeutlich aus seiner dunstigen Umhüllung hervor; dann tauchten die dunkelgestalteten Wälder der Granitz auf, und endlich zeigte sich in schön geschwungenem Bogen die Küste der schmalen Haide, so daß man von Sekunde zu Sekunde einen Blick weiter ost- und südwärts werfen und die in dieser Richtung auftauchenden Gegenstände ziemlich klar unterscheiden konnte. So hatte sich allmählich der halbe Horizont, der den auf der Höhe bei Sassnitz versammelten Männern zur Rechten lag, entschleiert; ein spielender Sonnenblitz fuhr plötzlich über die aufgeregten Gewässer und beleuchtete auf diese Weise ein Schauspiel, welches bei dem mit einem zischenden Schaumwirbel bedeckten gewaltigen Wasserbecken, von großartiger und unbeschreiblicher Schönheit war.

In demselben Augenblick nun, wie der eben erwähnte Sonnenblitz durch die Wolkenspalte herniederschoß, riefen alle Stimmen der Seeleute wie eine einzige dasselbe Wort aus: »Da ist es!« und in der Tat gewahrte man ein hoch auf den Wogenbergen schwebendes, bald wieder tief in die weiten Schlünde gerissenes Schiff in der Richtung der Greifswalder Oie, was auch mit dem Klange des Lärm- oder Notschusses übereinstimmte, der aus jener Gegend an die Küste gedrungen war. Der Grund, warum man es so spät und erst in jenem Strahle der Sonne erblickte, mochte wohl mit darin liegen, daß es fast alle seine Segel geborgen hatte, um bei dem herrschenden Südostwinde, einem der gefährlichsten an der Rügenschen Ostküste, nicht mit rasender Gewalt dem Strande zugetrieben zu werden. Demgemäß nahm man auch an, daß es jene Schüsse abgefeuert habe, weil es sich in Gefahr glaube und nun damit einen Lotsen an Bord verlange, um irgendwo sicher anlaufen oder eine Richtung einschlagen zu können, die von der gefahrdrohenden Insel abseits führe.

Allein nur sehr kurze Zeit blieb diese Voraussetzung unter den Seeleuten vorherrschend, denn bald nahmen sie wahr, daß jene Schüsse wohl keine Notschüsse gewesen, vielmehr einen ganz anderen Zweck im Auge gehabt hatten und zwar einen Zweck, den wir jetzt selbst zu enthüllen beabsichtigen.

»Da ist es!« riefen also die Lotsen sich untereinander zu, und gleich darauf tauschte man seine Meinung über die Landsmannschaft des bedrohten Schiffes aus.

»Nun, Herr Vogt,« brummte ein etwa vierzig Jahre alter Lotse von riesigem Wuchse und mit athletischen Armen, die er unaufhörlich im Winde hin und herschwenkte, »könnt Ihr uns sagen, was das für ein Landsmann ist, der da auf und ab stampft wie der Stier in der Tretmühle, und dem gewiß schlimmer zu Mute ist, als uns, die wir sichern Ankergrund unter unsern Füßen haben?«

Der Vogt hielt noch immer sein Glas vor den Augen und schaute unverwandt auf das höchst interessante Schauspiel hin. »Hm!« sagte er langsam, »wenn es denkbar wäre, daß ein einzelner Engländer sich so weit verlaufen – und wenn er die Lotsenflagge herausbrächte, ja, dann würde ich raten, so rasch wie möglich in die Boote zu springen und ihm entgegen zu kreuzen – aber –«

»Nein, nein, es ist kein Engländer!« schrie ein etwas jüngerer Lotse, »ebensowenig, wie er den uns geltenden Lappen zeigt. Mein neues Boot zum Pfande, es ist – hol mich der Teufel! – ein Franzose, der sich verfahren hat und nun zur gerechten Strafe Spießruten laufen muß. Lauf zu, lauf zu, Bursche, und gerätst du auf den Grund, dann wird wohl unsere Insel noch hart genug sein, dir deinen vorwitzigen Schädel einzustoßen!«

»Der Narr der!« schrie der alte Granzow mit komischem Eifer. »Warum zeigt er sein Gesicht nicht, damit wir ihm helfen – ich werde gar nicht klug aus ihm – seht mal, er geht gerade auf das Peerd los, das er in seiner Allerweltweisheit für einen Sicherheitshafen hält, und ehe wir hinüberkommen, gegen den Wind an, sitzt er fest und hat mit dem Seegrunde und den Geröllsteinen, die schon auf ihn lauern, Bekanntschaft gemacht.«

»Hollah! Nein – was ist das? Er will gar keinen Lotsen, so wahr mir Gott beistehe! Seht, seht, da ist ein kleines Boot dicht vor dem Peerd – da, jetzt kommt's in den Sonnenstrahl – das verfolgt er und treibt es wie ein blutgieriger Hetzhund zu Lande – halloh, Kerle, das ist eine Jagd, jetzt rieche ich den Braten.«

Allgemeines Stillschweigen. war auf diesen Ausspruch gefolgt, wodurch man genügend bewies, daß man der letzten Mutmaßung seinen vollen Beifall schenke, denn es war nur zu klar, daß das kleine Boot, welches mit unerhörter Kühnheit bei dem starken Sturme unter einem tiefstehenden Ewersegel dem Lande zuschoß, von dem großen Schiffe verfolgt wurde, welches, da es sich bei dem herrschenden Winde dem Lande nicht allzusehr nähern durfte, durch seine Schüsse die Aufmerksamkeit der am Lande befindlichen Mannschaften erregen wollte, damit diese den Flüchtling, sobald er gelandet, festhielten, eine Mutmaßung, die sich zu bestätigen schien, daß das jagende Schiff ein Franzose und das gejagte ein demselben feindliches, also wahrscheinlich deutsches oder schwedisches Fahrzeug sei.

Da sich letztere Annahme augenblicklich unter den vor dem Kiekhause versammelten Lotsen geltend machte, so blieben sie unbeweglich auf ihrem Posten stehen, der ihnen die Übersicht des ganzen Schauspiels außerordentlich erleichterte, zumal sie unter diesen Umständen nicht einmal daran denken durften, irgend einem der beiden Schiffe beizuspringen, bevor nicht das Zeichen der Lotsenforderung von seiten des großen Schiffes sie dazu zwingen würde.

»Halloh!« rief plötzlich der alte Granzow. »Da schießt er wieder – er will damit weiter nichts als Lärm am Lande machen – es ist wahrhaftig ein Franzose, der einen Schweden jagt. Na, wenn der nicht vorsichtig ist, und nicht weiß, daß eine französische Strandwache auf Peerd liegt, so ist er geliefert. Aber was ist das? Der große Herr ist selbst in Verlegenheit – der Wind ist ihm zu stark geworden, und er kommt dem Lande zu nahe – seht, seht, er fällt ab – sein dichtgereeftes Marssegel flattert schon – er setzt das Besahnsegel bei – da, jetzt ist er so weit, er braßt seine Raaen ins Vierkant und holt beide Fockschoten nach hinten –«

»Bravo! Bravo!« schrien die Lotsen, »er hat's gewonnen, gut gelensst – ob Franzose oder nicht, das war ein wacker Manöver, und nun geht er mit gutem halben Winde nach Norden!«

»Noch nicht!« rief der alte Granzow. »Er paßt noch immer dem Kleinen aufs Leder – baff! da schickt er ihm eine Kugel zu – aber Wetter noch einmal – der kleine Kerl hat Courage im Leibe – seht, er hat seinen Schnabel auch vom Lande abgedreht, das Peerd scheint ihm nicht geheuer, oder er hat die Franzosen gewittert, und nun streicht er mit vollem Winde am Lande entlang, ebenfalls nach Norden. Brav gemacht, mein Junge, der Große kann Dir nicht so nahe an das Ufer nach, und seine Kugeln, wenn er dir welche schickt, tanzen bei dem Winde hoch über Deinen niedrigen Bord fort.«

Wie der Alte es sagte, so geschah es. Als der kühne Schiffer, der mit dem Ewersegel fuhr, dem Lande auf einige hundert Faden nahe gekommen war, warf er sein Steuer herum und fuhr unter der Nase des großen Schiffes, das man jetzt für eine ansehnliche Korvette erkannte, nach Norden, strich aber so nahe am Strande entlang, daß sein Verfolger ihm unmöglich nahe kommen und nur noch seine Vorderdeckkanonen gegen ihn gebrauchen konnte, wenn er etwa die Absicht hatte, den Flüchtling in den Grund zu bohren, was aber bei dem wild tanzenden Gange des Schiffes und dem heftigen Sturm ein unsicheres Unternehmen war. So schoß denn das kleine Boot, das man nach und nach für einen kleinen Logger erkannte, unter seinem geschickt geführten Segel mit rasender Geschwindigkeit durch die Wellen, wandte sich, als es die Korvette überholt, wieder dem offenen Meere zu und nahm seine Richtung nach den Kreidefelsen Jasmunds, indem es in seinem Laufe ungefähr die Sehne des Bogens beschrieb, den die Küsten des Prorer Wiek bilden. Auf diese Weise kam es den Lotsen auf dem Kiekhause noch näher zu Gesicht, so daß die von dort darauf gerichteten Gläser es leicht bestreichen konnten, obgleich sein bald aufsteigender, bald niedersinkender Bord den Ausguck auf einen so kleinen Punkt außerordentlich erschwerte.

Viel langsamer aber und trotz seiner vielen Segel und seiner auserwählten Mannschaft, welch ersteren der starke Wind und die nahe Küste keine genügende Anwendung gestattete, schoß die Korvette, sich mehr auf das offene Meer hinaushaltend, hinterdrein, von Zeit zu Zeit eine Kanone lösend, deren Kugel auf dem Wasser tanzte, aber den Logger ebenso wenig berührte, wie der Steurer desselben sich um diese ernstliche Drohung zu kümmern schien.

So waren denn die beiden Schiffe, der Logger weit vorauf, ungefähr dem Kiekhause gerade gegenüber angekommen, als sich der Himmel wieder mit düsteren Wolken bedeckte, die Sonne für diesen Tag von der Insel Abschied nahm und der Abend mit seinen dunklen Fittigen merklich schnell hereinsank.

Sprachlos vor Aufregung standen die Männer oben auf der Warte des Kiekhauses. Allen klopfte das Herz beim Anblick des eben geschilderten Vorganges, und keiner war unter ihnen, der dem Flüchtlinge, von dem man weder wußte, wer er war, noch was er verbrochen, die glückliche Vollführung seines kühnen Unternehmens nicht gegönnt hätte.

Endlich aber sprach der alte Granzow zuerst wieder, indem er tief Athem holend sagte: »Ich gäbe was Großes dafür, wenn ich wüßte, was für ein Landsmann das Schiff dahinten, und wer der kühne Bursche ist, der so ungestüm wie sicher da hinauf nach Jasmund steuert. – Hol' mich der Geier, seh' ich recht? Leute, schaut, schaut, jetzt zieht der Dreimaster seine Flagge auf – ha! es ist ein Däne, so wahr ich lebe, ein verräterischer Däne, der es mit den Franzosen hält, und nun können wir darauf schwören, daß das gesagte Schiff einen Schweden oder Deutschen beherbergt. Halloh, Jungens, vor dem Dänen fürchte ich mich nicht, und er kann uns bei diesem Sturme nichts anhaben – wer es ehrlich meint, der folge mir; ich muß ein Stück auf die See hinaus, ehe die Nacht hernieder sinkt, und sehen, wie diese Jagd endet.«

Kaum hatte er es gesagt, so schob er sein Glas zusammen, ließ es an dem Riemen, den er um den Hals geschlungen, fliegen, ergriff sein Sprachrohr mit fester Hand, und wandte sich nach seinem Hause von allen Übrigen gefolgt, die gleich ihm vor Verlangen brannten, den Ausgang der geheimnisvollen Verfolgung von der See aus zu beobachten. In vollem Laufe sprangen sie die Schlucht hinab, durchrannten das Dorf, das alle seine Insassen dem Strande zugesandt, und kamen unten bei ihren Booten an, als eben die Korvette in gerader Linie vor ihnen stand und bei jetzt günstigerem Winde unter halben Marssegeln dem Flüchtlinge nachsetzte, der bereits einen großen Vorsprung gewonnen hatte.

Das Schauspiel, welches das Meer unmittelbar am Strande dem Vogt und seinen Gefährten bot, war ein ganz anderes, als sie bisher von der Höhe aus wahrgenommen. Man hatte nicht mehr den freien, vollkommenen Überblick über das unermeßliche Ganze, aber man war dem Sturme und Wogendrange näher und unmittelbar selbst in den Aufruhr der Elemente versetzt. Die aufgeregten Wellen rollten ungehindert auf den etwa acht bis zehn Fuß breiten Strand, nagten den Lehmsand der Hügelkette ab und spielten mit den kleinen Geröllsteinen, während die großen, die eine Strecke in die See hinaus lagen, bald unter den rollenden Wasserbergen verschwanden, bald wieder emportauchten, wenn die Brandung darüber weggeschlagen war. Dabei verursachten die kleinen Gerölle ein ganz eigentümliches Geräusch, welches man oft mit Recht die Musik der Steine genannt hat, indem sie, wenn die Brandung sie überspült und emporgehoben hatte, beim Rücktritt derselben knisternd zusammenschlagen, welcher Reibung, Jahrhunderte lang in dem Sturmwetter wiederholt, sie jene gefällige und abgerundete Gestalt verdanken, die den bei ruhigem Wetter auf ihnen herumwandelnden Strandbesucher veranlaßt, sie zu bewundern und wo möglich zur Erinnerung an Rügen zu sammeln.

Die Bewohner von Sassnitz aber, die an die Erscheinungen der See, an das Gelärm der Wogen und das Gebrüll des Sturmes gewöhnt waren, achten nicht auf diese sphärenartige Musik; sie alle vielmehr, die an diesem Tage haufenweise am Strande versammelt waren, hatten nur Augen und Ohren für die Vorgänge auf der See, die ihnen namentlich in den damaligen Kriegszeiten von ungleich größerer Bedeutung schienen, als die alltäglichen Erscheinungen, die Wind und Wasserwogen hervorriefen. Durch den Haufen wimmelnder und schreiender Menschen, unter denen Weiber und Kinder am reichlichsten vertreten waren, drängte sich jetzt der Strandvogt mit seinen Gefährten, und bald hatten sie den Strand erreicht, wo sie eins der auf Kieseln umgestülpt liegenden Boote erreichten, dasselbe auf den Kiel legten und in die Brandung stießen, worauf sie hastig hineinkletterten, Mast und Segel befestigten und, wie auf Kommando, sich mit Lösung des Loggersegels befaßten. Es war ein festgefügtes und großes Boot, welches zu ihrem Vorhaben ausgewählt, und wenige Minuten reichten hin, es zu seiner gefährlichen Fahrt fertig zu machen. Als das Segel aus seinen Reefen gelöst war, braßten sie es scharf beim Winde auf, drehten das Steuer, und augenblicklich richtete sich der Schnabel des Fahrzeuges den Wasserbergen entgegen, um mit ihnen den oft bestandenen Kampf von neuem zu versuchen. Kein Wort wurde dabei von den kühnen Männern gesprochen, jeder wußte, was er zu tun hatte, und so saßen sie, als die nächste Arbeit getan war, still auf ihren Plätzen, die düster glimmenden Augen seitwärts auf das große Schiff gerichtet, das seinen Lauf ohne Aufenthalt nach Norden verfolgte. Etwa eine Viertelstunde lang schoß so das Lotsenboot beinahe in der Richtung der Corvette dahin, so daß bald das Ufer hinter ihnen weit zurücktrat, aber ungehindert und unverzagt setzten sie, bergauf und bergab geschleudert, ihre gefährliche Bahn durch die pfadlose Wasserwüste fort.

So sahen sie nicht, wie das Ufer zu ihrer Linken sich immer höher erhob, wie die majestätischen Kreidefelsen des schönen Jasmunder Strandes, vom dämmernden Abendlichte phantastisch beleuchtet, an ihrer Seite auftauchten und ein schöner Punkt nach dem andern hinter ihnen zurückblieb. Da aber wurde ihre Fahrt unerwartet von dem dänischen Schiffe her unterbrochen, während zugleich die Nebelwolken, die allmählich in die Höhe gestiegen waren, sich in leisen Regen auflösten, der bald darauf in immer größeren Tropfen herniederrieselte.

Bereits hatten die Männer vom Strande das grüne Waldufer gleich nordwärts von Sassnitz, den Kalkhof, den gewaltigen weißen Kreidewürfel, genannt der Hengst, den weißgrauen Wischower-Ort, die Wischower-Klinken, die Mündung des Tipperbachs, den Fahrnitzer-Fall und das Fahrnitzer-Loch, das Kieler-Ufer und andere mehr hinter sich gelassen und eben die großartige Kreideformation, die man den Kolliker-Ort nennt, erreicht, wo der rieselnde Kolliker-Bach aus seiner düsteren Waldschlucht sich in die schäumende See ergießt, als sie ein scharfer Schuß aus einer der Hinterdeckkanonen des dänischen Schiffes vorsichtiger machte und wider Willen zwang, dem Ufer näher zu halten, um den unhöflichen Begrüßungen des feindlichen Nachbars zu entgehen.

»Da haben wir die Bescherung – halte ab auf den Kolliker-Bach, Piesing!« schrie der alte Granzow dem athletischen Lotsen am Steuer zu, »der Herr dort beliebt, ein verständliches Wort mit uns zu sprechen. Hoho, sachte, Kamerad, nur kein zu krauses Gesicht gemacht! – da tanzt die Kugel weit hinüber und stößt sich die Nase am Kreidefelsen ein – hui, wie die Splitter fliegen – hört Ihr sie?«

»Ja, ja,« murmelten die Lotsen und ballten in finsterem Grimm die Fäuste gegen den französisch gesinnten Dänen.

»Nur nicht ängstlich,« sagte nach einer Weile ein alter Lotse, der dem Steurer zunächst saß und sich gemütlich seine Pfeife angezündet hatte, »er wird uns nicht ernstlich zu Leibe gehen wollen, da er selbst für sich genug zu sorgen hat und überdies nicht weiß, ob wir ihm nicht zu Hilfe kommen wollen.«

»Falsch geloggt, Gingst!« erwiderte der Strandvogt. »Der Däne bedankt sich für unsere Hilfe und weiß aus Instinkt, daß wir sie ihm nicht aufdrängen. Er ist Mann genug, sich allein Respekt zu verschaffen. Aber schaut da – wo will der Bursche in der Nußschale da vorne hin? Er hat sein Steuer gedreht und hält wahrhaftig gerade auf Stubbenkammer ab. Das ist entweder ein Unwissender, der die Gefahren nicht kennt, die ihm zwischen den großen Geröllen drohen, oder ein Verzweifelter, der sich den Elementen in die Arme stürzt, um den erbarmungslosen Menschen zu entfliehen.«

»Ich glaube, er ist keins von beiden,« schrie der riesige Piesing mit seiner Stentorstimme, »der Bursche segelt mir zu geschickt und zu sicher auf dem Schaume einher, als daß ich ihn für unwissend oder gar für verzweifelt halten sollte. Es ist Methode in seinen Manövern, weiß es Gott, ich habe schon lange Respekt vor ihm. Schon daß er es wagt, bei solchem Wetter allein ein Schiff durch dieses Meer zu steuern, beweist Euch, daß er ein kühner Mann und ein Meister auf dem Wasser ist. Der ist das Kind eines Schwans und auf dem nassen Element geboren, verlaßt Euch darauf! Auch kennt er die Küste hier so genau, wie nur ein Landeskind sie kennen kann. Er steuert mit Bedacht dem einzigen Landungsplatze zu, der sich ihm in dieser Gegend bietet, denn lange hält er auf dem Wasser doch nicht aus, der Däne schießt immer näher heran und bohrt ihn, sobald er ihn sicher hat, ohne Gnade und Barmherzigkeit in den Grund.«

»Na, wenn das ist,« sagte der Lotse Gingst, »dann kommt er bei Stubbenkammer erst recht an den unrechten Mann. Dort oben halten die Franzosen Wache und schauen gewiß schon lange die Jagd mit an, wie wir vorher von dem Kiekhause aus. Kommt er wirklich glücklich ans Land, so fassen sie ihn, denn sie müssen den Danebrog, der ihnen zum Winke aufgesteckt ist, schon längst hinter ihm her flattern gesehen haben.«

»Hoho! Sie haben ihn noch nicht!« rief Piesing. »Wenn er nur halb so gut das Land kennt, wie die See, so sollte es den fremden Herren schwer werden, einen kühnen Mann in den Schluchten der Stubbenkammer oder den Wäldern der Stubnitz zu greifen.«

Während dieses Gesprächs hatte der alte Granzow geschwiegen und mit brennendem Auge das kleine Fahrzeug und die kühnen Manöver des dasselbe Steuernden verfolgt. Plötzlich erhob er sich in dem auf und niedersteigenden Boote, hielt sich an den Wanten des kurzen Mastes fest und schaute scharf nach Stubbenkammer hinüber, dem die Fahrenden jetzt allmählich näher kamen.

»Halt, Jungens,« rief er, »was wollen wir noch weiter unnütz ins Blaue jagen! Helfen können wir ihm nicht, und er kümmert sich nicht mehr um uns, als wir uns um den Dänen – da, da, er läuft wahrhaftig mit seinem Logger in die einzige fahrbare Straße ein – seht, er hat den Waschstein erreicht – der Logger dreht sich, das Segel sinkt – bah! er springt auf den Stein – er watet durch das Wasser – er hat das Ufer erreicht – es ist ein großer Mann, ich habe seine Gestalt gesehen –«

»Warum nicht gar! Ihr seht wohl auch die Knöpfe an seiner Jacke, Granzow? Wie wollt Ihr im Abenddunkel erkennen, daß er groß ist? Mann, Mann – doch ja, Ihr habt recht, groß ist einer, der so kühn und geschickt ist, und darum sollt Ihr für heute recht haben! – nun aber rückwärts, Ihr Männer, wir haben konträren Wind und sind vor Nacht nicht zu Hause. Was wir mit Augen gesehen abgerechnet, haben wir eben kein glänzendes Geschäft gemacht.«

»Du mußt auch noch die Ehre mit in Anschlag bringen, Piesing, von den Dänen angedonnert und nicht getroffen zu sein –«

»He, schaut, beim Teufel! Das Boot läßt der Flüchtling den Wellen zum Raube, er bekümmert sich nicht mehr darum, als ob es eine taube Nuß wäre.«

»Freilich, freilich, aber der Däne läßt es nicht im Stich – seht, er läßt ein Boot herab, der Geizhals – da schwebt es schon auf dem Wasser – ha, das charakterisiert die große Nation – kapern, kapern, das ist ihr Handwerk, und mit einem Großen im Bunde eine Nation nach der andern in den Dreck zu treten.«

»Vorwärts, Leute, nicht geschwatzt! Wir müssen halsen – herum mit dem Segel – aufgepaßt! So!« rief Piesing, und wenige Minuten genügten, um das Manöver auszuführen, das auf dem mit nur einem Segel fahrenden Boote nicht schwer war, und nicht lange dauerte es, so lavierte es gegen den Südwind, der indessen von dem Augenblick an, wo der Nebel sich in Regen verwandelte, bedeutend an Heftigkeit nachgelassen hatte. So war denn die Mühe der Lotsen bei weitem weniger groß, als man sich vorgestellt, noch weniger aber war an eine Gefahr zu denken, die, wenn sie wirklich vorhanden gewesen wäre, das Herz keines von allen den Männern erschüttert haben würde, die teils aus Neugierde, teils in der Hoffnung, einem Unbekannten sich nützlich zu erweisen, die späte Wasserreise unternommen hatten.

Während sie nun aber ihren Lauf südlich ihrem Heimatdorfe entgegen einschlugen, setzte die dänische Korvette, nachdem sie das leere Boot des geretteten Flüchtlings in Besitz genommen, bei ruhiger gewordenem Winde mehr Segel bei, um ihren einsamen Pfad nach Norden zu verfolgen, ohne Zweifel nicht sehr erbaut von dem schlechten Erfolg, den ihre Jagd auf ein so winziges Boot an diesem Tage gehabt hatte. Vielleicht indessen hegten sie die Absicht, an irgend einer Stelle der Insel zu landen und den entsprungenen Flüchtling am Lande verfolgen zu lassen, was sie augenblicklich aus dem einzigen Grunde nicht taten, weil sie glaubten, sie hätten die auf Rügen befindlichen Franzosen hinreichend von ihrer Willensmeinung in Kenntnis gesetzt, und diese möchten nun das Ihrige tun, sich des Flüchtlings zu bemächtigen, was ja keine so schwere Sache sein konnte, da sie Leute genug hatten, um einen einzelnen Mann zu umstellen und ihm den Ausweg nach dem Festlande abzuschneiden.


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