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Sechstes Kapitel.
Baron Haas spielt seinen Trumpf aus.

Der Morgen des großen Festtages auf der Grotenburg war angebrochen, und Gertrud hatte ihn mit Recht im voraus als einen sehr schönen bezeichnet. Wie herrlich und goldklar aber auch die Sonne am blauen Himmel über dem lieblichen Wesertale thronen, wie farbenreich sich die Felsen, die Bäume, die Wiesen in dem ruhig seine Bahn verfolgenden Flusse spiegeln mochten, der Legationsrat von Sellhausen sah und empfand davon nichts, denn er saß seit dem frühesten Morgen bei ununterbrochener Arbeit, mit einer Emsigkeit und Ausdauer, als wolle er absichtlich das Nachdenken über das Bevorstehende vermeiden, vielmehr seine Gedanken auf ganz anderem Felde in weit abgelegener Ferne sich tummeln lassen, um erst dann mit festem Entschlusse zur Tat zu schreiten, wenn die Stunde geschlagen hätte, die ihn zum Kampfe gegen ein gewiß unverdientes Geschick rief.

Doch – unverdientes Geschick! Wer kann von sich sagen, daß er sein Geschick verdient oder nicht? Würde unser Leben, unser Genießen, unser Dulden und Leiden nach Verdienst abgemessen, wer dürfte dann mit Recht sich in Purpur und Geschmeide kleiden, wer möchte nicht oft mit Murren sein tränengebadetes Gesicht zum Himmel erheben und rufen: »Mein Gott, warum muß denn gerade ich das ertragen?« Nein, nein, nein, nach Verdienst werden die Fülle köstlicher irdischer Gaben und die Schmerzen und Leiden auf diesem Planeten nicht ausgeteilt, und das ist vielleicht einer der gerechtesten Vorwürfe, den ein bedrücktes Herz in dem Wust und Chaos dieses Lebens gegen ein unbegreifliches Geschick ausstöhnen kann, denn was wäre es für ein göttliches Dasein hier unten schon, wenn jedem Verdienst seine Krone und jedem Laster seine Strafe allen Augen erkennbar zu teil würde!

Doch wir kehren zu unserm einsamen Freunde zurück, der Briefe über Briefe schrieb, als wolle er sich damit Wochen der Freiheit erkaufen und als fühle er schon mit seinen zarten Empfindungsorganen, seinem Ahnungsvermögen im voraus, daß eine lange Zeit vergehen würde, ehe er wieder Ruhe und Gelassenheit dazu fände. Ja, er schrieb so anhaltend und hatte sich einen solchen Berg voll Arbeit aufgehäuft, daß er keine halbe Stunde opfern durfte, wenn er sie ganz bewältigen wollte, und so hatte er Rieke beauftragt, ihm diesmal sein zweites Frühstück auf sein Zimmer zu bringen und ihn bei den Damen zu entschuldigen, daß er sie an diesem Morgen nicht begrüßen könne.

»Na, was ist denn das?« seufzte die Treuhold auf, als sie diese Botschaft empfing. »Das hat er noch nie getan! Nun soll man nicht einmal mehr sein Gesicht sehen und seine Stimme hören? O Gott, was sagst denn du dazu, Trude? Du stehst ja so steif und starr da wie eine Bildsäule von Stein!«

»Was soll ich dazu sagen,« lautete es still und leise von Gertruds jetzt so oft geschlossenen Lippen. Er hat zu schreiben, Tante, und das ist alles. Das muß man entschuldigen.«

»Trude!« rief Fräulein Treuhold fast ärgerlich. »Du bist mir schon lange unbegreiflich mit deiner Ruhe und wirst mir jeden Augenblick unbegreiflicher. Hast du denn gar kein Gefühl, bist du aus deiner Gelassenheit durch nichts aufzuscheuchen?«

Gertrud richtete einen Blick auf ihre Tante, so vielsagend, von so tiefem Gefühl zeugend und eine solche Fülle von Unruhe und Sorge verratend, daß jedermann sie begriffen haben würde; Fräulein Treuhold indes, die nur ganz in sich und ihrem Kümmernis lebte, begriff nichts außer sich, und also auch Gertrud nicht. So gingen denn die beiden Frauen unverständigt auseinander, und doch – und doch lief ihr beiderseitiges ganzes Sinnen und Trachten, Sorgen und Bangen so auf einen einzigen Punkt zusammen, daß es nur eines Wortes bedurft hätte, um sich zu verständigen, dies Wort aber sollte ebensowenig gesprochen werden, wie andere Worte, die noch tief im Herzen zweier Menschen schlummerten, zweier Herzen, deren Auferstehung aus bitterer Qual mit der Enthüllung ihres stillen Geheimnisses ihnen an diesem Tage leider noch nicht vom Schicksal beschieden war.

Die Stunde des Mittagessens hatte geschlagen, und Fräulein Treuhold und Gertrud, nachdem sie sich jetzt erst wieder zusammengefunden, standen am Fenster, schweigend und brütend nach dem Hofe hinaussehend und im stillen jeden Augenblick zählend, ob der Legationsrat noch nicht erscheinen würde, denn daß er zum Essen herunterkäme, schlossen sie beide daraus, daß er nichts darüber durch Rieke hatte sagen lassen. Ehe er aber noch erschien, gesellte sich Herr Hinz in seinem besten Anzuge zu ihnen, ein Umstand, den Fräulein Treuhold an einem andern Tage gewiß bemerkt hätte, der ihr aber heute entging, wie so vieles, was außer ihrem eigenen Empfinden lag.

Da ging die Tür auf, und der Legationsrat trat mit freundlicher Miene ein, nur sah er etwas erregt von der so emsig betriebenen Arbeit aus. Nachdem er die Anwesenden der Reihe nach begrüßt und man sich am Tische niedergelassen hatte, erhob er plötzlich sein Auge gegen den Verwalter und bemerkte, daß er in seinem besten Rocke dasaß.

»Nun,« sagte er, »was haben Sie denn vor, Herr Hinz? Sie sehen ja ganz feierlich aus?«

»So bin ich auch fast gestimmt,« erwiderte der Angeredete mit etwas befangener Miene, was sonst nicht in seiner Art lag, »aber wenn Sie nichts dagegen haben, Herr von Sellhausen, so will ich heute – es ist ja ein Sonntag – zu meinem Freunde, dem Pächter auf der Grotenburg reiten. Er hat mich zu einem Feste eingeladen, das nicht alle Tage bei ihm vorkommt.«

»So, so! Also Sie wollen auch nach der Grotenburg? Nun, da habe ich ja unterwegs Gesellschaft. Das ist gut. Oder reiten Sie früher als vier Uhr?«

»Nein, Herr von Sellhausen, eher nicht, und wenn Sie erlauben, reiten wie zusammen.«

Bodo nickte freundlich und aß seine Suppe ruhig weiter.

»Aber wie ist mir denn,« fing Fräulein Treuhold mit einem Male zu reden an. »Sie wollen heute wieder zu Pferde nach der Grotenburg, Herr Legationsrat? Ich dachte, heute würden Sie lieber fahren?«

»Warum denn? Bin ich so oft hingeritten, kann ich es auch diesmal tun.«

»Das tut mir leid!« sagte die Treuhold mit ironisch lächelnder Miene gegen die ruhig und schweigsam dasitzende Gertrud hin, die nur selten einen hastigen Blick über die verschiedenen Personen gleiten ließ.

»Bitte, erklären Sie mir das!« fuhr Bodo fort, nach seiner Gewohnheit ein Stück Brot in kleine Stücke brechend und sie dann langsam, ohne es zu wissen, verzehrend.

»Nun, das ist sehr einfach, denke ich. Ich hatte mir vorgenommen, Fräulein Klotilde zu ihrem heutigen Festtage ein Bukett mitzuschicken, aber wenn Sie reiten, können Sie es doch nicht mitnehmen?«

»Warum nicht?« fragte Bodo lächelnd. »Immer her damit, es wird schon gehen. Aber wickeln Sie es in Papier, damit die Leute unterwegs nicht sehen, daß ich – daß ich Ihr Liebesbote bin.«

Herr Hinz warf bei diesen leicht hingeworfenen Worten sowohl der Haushälterin wie Gertrud einen bedeutsamen Blick zu, aber er wagte keine Bemerkung zu machen. Der Legationsrat merkte nichts davon oder tat wenigstens so, vielmehr scherzte er, zum Erstaunen aller Anwesenden mit Fräulein Treuhold über ihre Aufmerksamkeit und bat sie zuletzt, das Bukett ja recht schön einzurichten.

»Das ist schon alles besorgt,« murrte die Treuhold, »Trude selbst hat es gebunden, und die versteht es.«

Jetzt leuchtete des Legationsrats Auge hell auf, und er wob fast mit dem Glanz desselben Gertrud ein, die errötend die Augen niedergeschlagen hielt und dem scharfen Auge Bodos, das sie auf sich ruhen fühlte, nicht zu begegnen wagte.

»Das ist hübsch von Ihnen,« sagte er, »und die Baroneß« – er betonte dies Wort mit seltsamem Nachdruck – »soll von Ihrer Güte Kunde erhalten.«

»O, bitte,« flehte Gertrud sanft, »tun Sie das lieber nicht!«

»Ich sehe keinen Grund ein, es zu verschweigen. Lassen Sie mich nur machen.«

»Es würde die Baroneß viel mehr erfreuen,« nahm die Treuhold das Wort, »wenn Sie ihr sagten, Sie hätten es selbst gebunden.«

»Das wäre die erste Lüge, die ich dieser Dame ins Gesicht schleuderte,« erwiderte Bodo, »und das darf ich nicht. Zwischen ihr und mir muß Wahrheit walten, und das soll sie. Heute und immer.«

Er richtete bei diesen Worten zufällig sein Auge auf einen ihm dargebotenen Teller und sah so die Glut nicht, die in den Gesichtern beider Damen aufloderte. Der Verwalter aber nahm die Gelegenheit wahr, ihnen wieder ein stummes Nicken des Einverständnisses zukommen zu lassen und damit war das Gespräch über die Grotenburgs zu Ende. –

Man hatte abgespeist. Bodo war wieder auf sein Zimmer gegangen, um noch einige Briefe zu schreiben, die letzten an diesem Feiertage. Dann aber kleidete er sich sorgsam an und gegen vier Uhr kam er herunter, so ruhig in Haltung und Miene, so heiter in Blick und Wort, als ob er zum größten Jubelfest gehen wollte.

Bevor er aber bei der Treuhold eintrat, ging er noch einmal in den Garten, durchspähte ihn überall, fand aber nicht, was er zu suchen schien.

Bald darauf kam er in die Stube des alten Fräuleins und seine erste Frage lautete: »Wo ist Ihre Nichte, Liebe? Im Garten habe ich sie nicht gefunden und bei Ihnen scheint sie auch nicht zu sein!«

»Sie würden sie auch im ganzen Hause vergeblich suchen,« erwiderte die Treuhold, »denn sie ist gleich nach Tische nach Allerdissen zu ihrem Vater gegangen, zu dem sie ja überhaupt, wie verabredet war, am 2. August zurückkehren wird.«

Bodo stutzte und über sein freundliches Gesicht lagerte sich ein dunkler Schatten. »O,« sagte er, »warum hat sie mir heute mittag nichts davon gesagt? Das ist unrecht, bestellen Sie ihr das in meinem Namen. Nun kann ich ihr nicht einmal Adieu sagen.«

»Ach!« rief die Treuhold in einem etwas bitteren Tone, »das sprechen Sie auch wohl nur so hin. Wie konnte sie denken, daß Sie sich aus ihrem Lebewohl etwas machten, wenn Sie einen Brautritt unternehmen?«

Bodo lachte fast hell auf, denn er nahm diese Worte von einer scherzhaften Seite, und indem er der Treuhold mit dem Finger drohte, sagte er:

»Treuhold, liebe Freundin, Sie werden wieder lustig! Aber dafür sollen Sie büßen. Warten Sie, wenn ich zurückkomme, bringe ich Ihnen kein Bukett mit.«

»Aber was anderes vielleicht –«

»Ja, möglicherweise ein Stück Kuchen, wenn ich es nicht vergesse.«

»Den mögen Sie allein essen, mir schmeckt mein selbstgebackener besser.«

Unter solchen Scherzen, mit denen man sich oft das Herz zu erleichtern sucht, wenn es recht voll von Kümmernis ist, war die Zeit bis zum Abritt vergangen. Die Pferde wurden vorgeführt. Herr Hinz stand schon bei ihnen, und der Legationsrat ging nun auch vor die Tür, um aufzusteigen. Als er es eben tun wollte, brachte die Treuhold ein in feines Seidenpapier gewickeltes Bukett heraus, das nur klein war, aber nach seinen Spitzen zu urteilen, die aus lauter halb aufgeblühten Rosenknospen bestanden und zum Teil zu sehen waren, mußte es sehr kostbar sein.

»Da haben Sie es,« sagte die Treuhold, die mit Mühe ihre Tränen zurückhielt, »nun bringen Sie es unversehrt hinüber.«

»Soll ich es tragen?« fragte Herr Hinz, der seines Herrn Bügel hielt.

»Wenn es Fräulein Gertrud nicht gebunden hätte,« erwiderte Bodo mit tiefem Gefühl, »ja; so aber werde ich es selbst halten, bis es mir eine andere schöne Hand abnimmt. Und nun leben Sie wohl, liebe Treuhold. Hüten Sie das Haus gut. Wenn nicht heute abend, so sehen wir uns doch morgen früh recht fröhlich wieder.«

»Das kann ich mir denken!« stieß die Treuhold mit einem lauten Seufzer hervor. »Na, Gott gebe seinen Segen – leben Sie wohl!«

Die beiden Männer ritten langsam ab. Herr Hinz in tiefes Schweigen versunken, Bodo aber von Zeit zu Zeit mit lächelnder Miene auf sein Bukett schauend, welches er in der rechten Hand hielt und an dessen duftigen Blüten er oft unterwegs mit Wohlgefallen roch.

*

In der Grotenburg waren zu dem bevorstehenden Familienfeste, mit dem sich aller Wahrscheinlichkeit nach noch eine viel größere Feier verbinden würde, die umfassendsten Vorbereitungen getroffen worden. Schon mehrere Tage vorher waren an Freunde und Bekannte in Nähe und Ferne, sodann aber auch an einige reiche begüterte Edelleute von Ansehen und Auszeichnung, deren Gegenwart man an diesem so wichtigen Tage nicht entbehren zu können vermeinte, Einladungen ergangen, und das giftzüngige Gerücht – von wem es eigentlich ausgegangen, blieb für immer ein Geheimnis – hatte überall das Seinige getan, um alle Eingeladenen über die glücklichen Vorfälle aufzuklären, denen man in den gastlichen Räumen des alten Baronenschlosses entgegensah.

Daß man im Hause selbst alles mögliche aufgeboten, das Geburtsfest des schönen Fräuleins auf das Glänzendste zu begehen, bedarf kaum noch erwähnt zu werden; um es aber an nichts gebrechen zu lassen, nach allen Seiten hin Ehre einzulegen und das Grotenburger Schloß als einen Sammelplatz herrlicher Freuden und Genüsse vor die bewundernden Augen der ausgewähltesten Gesellschaft zu stellen, hatte Baron Haas in weiser Fürsorge nicht nur seine disponiblen guillotinierten Bedienten, sondern sogar seinen rotnasigen Kellermeister mit einem fahrbaren Flaschenkorbe und seine unvergleichliche Köchin herüber geschickt.

So war denn für alles gesorgt, an alles hatte der umsichtige Wirt und die liebenswürdige Wirtin gedacht, und auch der Himmel selbst schien seinen Anteil an der häuslichen Familienfeier dadurch aussprechen zu wollen, daß er seine Sonne freundlich wie selten scheinen ließ und gerade die Wärme sandte, die das richtige Maß hielt, um allen Wünschen gerecht zu werden.

Punkt vier Uhr trat Baron Grotenburg zu seinen Damen in den blitzenden Salon und war schier entzückt, seine liebe Amalie und sein reizendes Töchterchen in einem bewundernswerten Putze zu sehen. Die Baronin trug an diesem großen Tage ein eben erst fertig gewordenes mattgelbes Moirékleid von Lyoneser Seide, mit einer Schleppe, die eigentlich zwei Pagen statt eines erfordert hätte, obgleich leider kein einziger vorhanden war. Auf dem mit Perlengeschmeide und Bändern übervoll frisierten Kopfe schwebten drei ganz neue Straußenfedern von kolossaler Größe und blendender Weiße, und um die züchtig nur halb entblößten Schultern floß diesmal ein schleierartiger Überwurf, der eigens für große Hitze berechnet schien, denn für eine Hülle konnte ihn wegen seiner durchsichtigen Nichtigkeit wohl kein Mensch von gesundem Verstande halten.

Fräulein Klotilde dagegen erblickte der entzückte Vater in einer weißen wolkenartigen Spitzenrobe, die durch ihre vielen Volants der etwas mageren Figur der jungen Dame eine Fülle zugefügt, daß es eigentlich nicht möglich war, sich ihr auf weniger denn vier Schritte zu nähern. Hals und Schultern – und noch etwas mehr – waren natürlich vollkommen entblößt und erschienen an diesem Tage von einer so blendenden Frische, daß das Spitzenkleid selbst matt dagegen aussah. Auf ihren wirklich schönen blonden Haaren saß ein umfangreicher Vergißmeinnichtkranz mit obligatem Efeu, aus welchem ellenlange Bänder von blaßblauer Farbe bis auf die Hüften herabfielen. Ihre schneeigen bloßen Arme endlich waren bis fast zum Ellbogen hinauf mit einer solchen Fülle von Spangen, Armbändern und Ketten belastet, daß ein Juwelier seine Freude daran hätte haben können, vorausgesetzt, daß er das Konto dafür in seinem schwarzen Schuldbuche schon gestrichen hatte.

So nun, die feinen Hände in enganschließende Handschuhe gepreßt, die schweren Goldlorgnetten dicht vor die Augen haltend, fand der Baron seine liebe Familie an dem kleinen Guckfenster im Salon und den Weg bewachen, den von Norden, Süden und Westen her die geladenen Gäste betreten mußten. O, wie gespannt blickten die kleinen Äuglein in die Ferne und wie hoch auf schlugen ihre Herzen voll Erwartung – nur voll Erwartung, denn an diesem Tage waren alle Sorgen verbannt, die augenblickliche Geldnot war, Dank der Zuvorkommenheit des getreuen Haas, beseitigt und nur die schöne Hoffnung war lebendig und frisch, daß sich von heute an alle Kümmernisse verflüchtigen und eine glanzvolle Reihe neuer herrlicher Tage heraufdämmern würde.

Als der Baron in den Salon trat, erhoben sich beide Damen, traten ihm einen Schritt entgegen und ließen sich von allen Seiten betrachten und bewundern. Nachdem er Augen und Herz eine Weile geweidet, machte er nach beiden Seiten hin eine galante Verbeugung und sagte: »Amalie – Klotilde, meine lieben Kinderchen, Ihr wißt, ich bin kein Mann von überflüssigen Worten, aber so viel muß ich sagen, wer euch heute nicht schön, hinreißend, verführerisch findet, der – ja, der muß mit Blindheit geschlagen sein.«

Die Baronin lächelte »göttlich« über diesen ihr zu Teil werdenden Beifall, klopfte dem Baron mit ihrem Fächer liebevoll auf den Arm und nannte ihn mit kokettem Augenblinzeln einen liebenswürdigen Schmeichler. Klotilde dagegen schlug – verschämt? ach nein, nur mit befriedigtem Selbstgefühl die mattblauen Augen nieder – betrachtete noch einmal, zum letzten Mal ihre Volants, ob sie sich auch nicht verschoben und die noble Rundung behalten hätten, da sie die Unvorsichtigkeit begangen, sich zu setzen, bevor der Matador des Festes, Legationsrat von Sellhausen, der Freund des Hauses, Pilatus von Bökenbrink, und die ganze übrige Reihe ausgezeichneter Gäste ihre »wundervolle« Toilette in Augenschein genommen.

Aber die Damen sowohl wie der ungeduldig hin und her trabende Baron sollten noch ziemlich lange auf das Erscheinen des ersten der Gäste warten müssen. Freilich war er, als er endlich kam, noch bei weitem der erste von allen, aber das hatte man ja absichtlich so eingefädelt, denn Herr von Sellhausen mußte wenigstens eine Stunde für sich allein haben, um Fräulein Klotilden näher kennen zu lernen und vielleicht – vielleicht schon vor der Tafel, wo Baron Haas erst seine Trümpfe verheißen, das eine kleine Wort zu sprechen, von dem jetzt »Leben und Tod« bei den Grotenburgs abhing.

Endlich, etwa um halb sechs Uhr, erspähte das durch Mutterliebe geschärfte Auge der wachsamen Baronin zwei Reiter, die in der Ferne auf dem Wege nach dem Schlosse sichtbar wurden. Sie näherten sich langsam dem mit grünem Schlamme ausgepolsterten Burggraben und schienen es also nicht eilig zu haben. Plötzlich hielten sie sogar ganz still und der eine Reiter trennte sich mit ehrerbietigem Gruße von dem andern, um dem Pächterhause zuzureiten, das nur zweihundert Schritte vom Herrensitze seitwärts lag.

» Mais mon dieu!« rief da die Baronin angstvoll aus, »Grotenburg, komm her und sieh – ist das der Legationsrat? Wie, zu Pferde, wieder auf dem alten Gaul, und selbst heute kommt er nicht in seinem Wagen gefahren?«

Allgemeines Schweigen folgte auf diesen wehmütig verhallenden Ausruf, nur sechs Augen bohrten sich mit fast stechender Luchsaugenschärfe auf den einsamen Reiter, der gemütlich angetrottet kam, ohne seinem alten Braunen auch nur die geringste Eile aufzunötigen.

»Er ist es, wahrhaftig!« rief der Baron. »Nun, laßt es nur gut sein mit euren Bemerkungen und tadelt nicht gleich von Anfang an. Seht doch, er ist ja höchst elegant gekleidet – weiße Halsbinde – ha! und ich glaube – er trägt alle seine Orden an dem feinen schwarzen Frack!«

»Ich sehe keine,« rief die Baronin mit Bedauern, durch ein zierliches Opernglas den näher kommenden Reiter betrachtend – »aber was hat er denn da in der Hand? O Klotilde – du Glückskind – das ist dein Brautgeschenk, gib acht! Er ist ein seltsamer Mann, ein Sonderling, ja, aber nehmen wir ihn, wie er ist – zustutzen wollen wir ihn künftig schon. Nun aber geh' in den Garten, Liebe, und mach' ein recht liebliches Gesicht – du weißt ja! Ich werde ihn dir senden. Dort seid ihr allein und von keinem Menschen gestört. Vielleicht ist die Sache abgemacht, wenn du es richtig anfängst, ehe noch irgend ein anderer Gast kommt.« –

Wenige Minuten später trat der Legationsrat, von dem Baron schon an der Tür bewillkommnet, in den Salon und fand die Baronin allein darin. Er sah in seiner schwarzen Kleidung, obgleich er keinen Orden trug, dennoch untadelig aus. Seine edle Haltung, sein geistreiches, ausdrucksvolles Gesicht, seine höflich ruhige und doch gefällige Miene, alles, alles riß die Frau vom Hause zu dem stillen Gedanken hin:

»Ach! Er ist doch ein interessanter Mann! O mon dieu! Möge es uns gelingen, ihn dauernd an uns zu fesseln!«

»Frau Baronin,« begann Bodo seine kurze Anrede, »ich komme heute früh, vielleicht zu früh, wie ich sehe, aber mich trifft die Schuld davon nicht; Ihr Herr Gemahl hat es so gewünscht und ich bitte deshalb um Verzeihung.«

»Mein lieber Herr von Sellhausen,« erwiderte die Dame des Hauses mit »himmlisch süßem« Lächeln, »ein Mann wie Sie kommt nie zu früh, sondern immer noch zu spät, so angenehm ist er stets. Das soll keine Schmeichelei sein, sondern ist nur die Wahrheit, die mir aus dem Herzen dringt. Aber – Sie blicken sich um, ich merke es. Sie suchen meine Tochter, nicht wahr?«

»Ja, Frau Baronin, ich glaubte sie hier zu finden, um ihr meinen Glückwunsch zu ihrem heutigen Geburtstag auszusprechen – in Ermangelung ihrer aber spreche ich ihn vor der Hand Ihnen aus, denn den Eltern kann man mit demselben Recht Glück wünschen, daß sie die Freude erleben, ihre Kinder bis zu solchem Tage erhalten zu sehen.«

»O, o, ich verstehe Sie – mein mütterliches Herz quillt über vor Wonne – und Rührung über solchen Glückwunsch. Aber, um so eher wünschte ich, daß meine gute Klotilde ihn ebenfalls bald empfinge. Wenn Sie sie zu sprechen wünschen, so werden Sie unser aller Liebling im Garten finden, wohin sie sich mit ihren stillen Herzenswünschen bescheiden zurückgezogen hat.«

Bodo hielt dies, was es auch war, für einen artigen Wink, die Tochter des Hauses im Garten aufzusuchen. Er erhob sich daher von dem eben erst eingenommenen Stuhle wieder und machte Miene, hinauszugehen.

Die Baronin legte ihm kein Hindernis in den Weg; der Baron aber geleitete den Gast bis an die Gartentür und da er dann von weitem seine Tochter vor einer Laube stehen sah, sagte er: »Da ist sie, lieber teurer Vetter, jetzt bringen Sie Ihre Glückwünsche an – Sie bleiben gänzlich ungestört.«

Mit diesen Worten verließ er Bodo und stürzte Hals über Kopf in den Salon zurück, um seiner süßen Amalie um den Hals zu fallen – natürlich, so weit ihre Toilette das erlaubte – und auszurufen: »Amalie! Er ist bei ihr! Er schien mir ganz entzückt bei ihrem Anblick – denn er lächelte! O, Gott segne das große Werk!«

Die Frau Baronin löste sich etwas hastig von ihrem zärtlichen Gemahl los und ging mit klopfendem Herzen im Salon auf und ab, jeden Augenblick nach außen horchend, ob nicht die eine oder der andere, oder gar beide vom Garten hereingestürzt kommen und rufen würden: »Vater! Mutter! Hier sind wir – segnet unsern Bund!«

Aber nichts von dem allen geschah. Wir jedoch wollen uns in den Garten begeben und die Mienen und das Gespräch der beiden Personen belauschen, auf deren Verhalten jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit gerichtet war.

Fräulein Klotilde stand also, nur halb sichtbar, vor dem Eingang einer Laube, damit beschäftigt, eine arme unschuldige Rose zu zerpflücken und dann und wann einen Blick über die vor ihr liegende niedrige Gartenmauer zu werfen, um zu sehen, ob nicht bald ein neuer Gast, vielleicht Herr von Bökenbrink selber käme, der, wie sie wußte, heute den größten Angsttag seines Lebens zu überstehen hatte. Da sah sie den Legationsrat langsam und ruhig, wie er immer ging, sein Bukett noch in das Seidenpapier gewickelt in der Hand haltend, daher kommen, und als sie den schönen, stattlichen Mann näher ins Auge faßte, drängte sich auch ihr der sehr natürliche Gedanke auf: »Ein schöner Mann ist er, das ist wahr, aber – kalt – ohne Herz

»Mein Fräulein,« sagte Bodo, ehrerbietig den Hut ziehend, als er in ihre unmittelbare Nähe gelangt war, »Sie machen es, wie ich bisher, wenn ich meinen Geburtstag recht sinnig feiern wollte, – Sie ziehen sich in die Einsamkeit zurück und denken nach. Verzeihen Sie also, daß ich Sie in diesem Nachdenken unterbreche. Ich tue es in der einzigen Absicht, um Ihnen den aufrichtigen Wunsch auszusprechen, daß Ihre künftigen Tage noch schöner und gehaltreicher sein mögen als die jetzigen.«

»Ich danke Ihnen ebenso aufrichtig, Herr von Sellhausen,« erwiderte die Baroneß, ihre kleinen Augen mit den blassen Wimpern schmachtend niederschlagend, »ja, ich danke Ihnen. Aber was haben Sie da?«

»Ein einfaches Bukett, mein Fräulein, welches Ihnen,« fuhr er langsam fort, indem er das Papier von den köstlichen Blüten streifte, »ein treues Herz sendet, ein Herz, dem ich selbst mit ganzem Herzen, eben wegen seiner treuen Anhänglichkeit, ergeben bin.«

Fräulein Klotilde nahm das ihr hingereichte, aus Rosen, Kamelien, Granaten- und Orangenblüten reizend zusammengefügte Bukett mit zitternder Hand entgegen, roch mit tiefem Atemzuge daran und erwiderte mit etwas verwunderungsvollem Augenaufschlag: »Ich danke Ihnen nochmals, aber ich verstehe Sie nicht recht. Ein treues Herz sendet es mir?«

»Ja, mein Fräulein, das meiner guten Treuhold, meiner Haushälterin, die es mir einhändigte, als ich fortritt, mit der Bitte, es als den Ausdruck ihrer Ergebenheit Ihnen freundlichst darzubieten.«

Die Baroneß blickte bei diesen so klaren Worten fast erstarrt auf den ruhig redenden Mann und in ihrer beklommenen Zerstreutheit schickte sie sich an, einen Fußsteig zu verfolgen, wobei Bodo nun sogleich neben ihr hinging.

»Ihre Haushälterin!« sagte sie kleinlaut. »Ah, die kenne ich nicht einmal und sie denkt schon an mich. Aufrichtig gesagt, ich dachte mir, Sie selbst hätten es für mich gebunden.«

»O nein, darin täuschen Sie sich, dergleichen verstehe ich nicht. Aber wenn es zu Ihrem Troste gereichen kann, will ich bekennen, daß es eine viel schönere als meine und der Haushälterin Hand gebunden und also eigentlich für Sie zurechtgelegt hat.«

Die Baroneß stand einen Augenblick still und sah mit noch verwunderteren Augen zu dem seltsamen Kavalier auf, der ein unerwartetes Geheimnis nach dem andern und mit einer Ruhe vor ihr ausschüttete, die wenigstens zu beneiden war. »Eine noch schönere Hand hat es für mich zurechtgelegt?« fragte sie lauernd. »Wie soll ich das verstehen?«

»Es ist ein ganz einfaches Rätsel, mein Fräulein. Die Nichte meiner Treuhold hat es gepflückt, Gertrud, die Tochter des Meiers von Allerdissen, die jetzt bei ihrer Tante in Sellhausen weilt.«

»Ah!« entschlüpfte es den Lippen der Schönen an seiner Seite, und sie ließ augenblicklich das Bukett von ihrem Gesicht niedersinken, wo sie es, um daran zu riechen oder um ihre Verlegenheit zu verbergen, bisher gehalten hatte.

Bodo betrachtete mit unausgesetzt scharfem Blick die Miene und Geberde der jungen Dame, und sein Gesicht behielt unveränderlich seine Ruhe, aber auch seinen höflichen Ausdruck bei.

»Sie kennen auch diese Dame nicht?« fragte er nach kurzem Stillschweigen.

»Nein, ich kenne sie nicht!« klang es ihm fast rauh entgegen.

»Und doch haben Sie sie neulich bei mir gesehen.«

»Ich? Bei Ihnen? Ich erinnere mich nicht.«

»Es war das junge Mädchen, welches –«

»Ah – Sie meinen doch nicht – das war keine Dame, so viel ich weiß –«

»Das war sie doch, mein Fräulein, sie trug nur die Kleider, die sie auf dem Hofe ihres Vaters häufig trägt und die ihr, denke ich, nicht übel stehen.«

Fräulein Klotildens Gesichtszüge nahmen einen stechenden, fast verächtlichen Ausdruck an, der am wenigsten geeignet war, den Redenden eine freundlichere Miene abzugewinnen. »Ich wenigstens habe sie für eine Dienerin gehalten,« sagte sie kalt und wegwerfend, »und wie konnte ich anders, da sie mir den Kaffee präsentierte.«

»Den Sie aus ihrer Hand nicht annahmen, ich weiß es wohl. Aber hätten Sie sie nur einen Augenblick ordentlich angesehen, so würden Sie in ihr keine Dienerin, sondern nur eine junge Dame erkannt haben, die keine Erniedrigung ihrer Person darin erblickte, Ihnen eine Tasse Kaffee anzubieten.«

»Mag sein. Sie ist und bleibt aber doch nur eine Bauerntochter.«

»Um Verzeihung, nein, ich muß leider nochmals widersprechen. Ihr Vater ist kein Bauer, was man gemeinhin darunter versteht, sondern einer unserer reichsten und gebildetsten Grundbesitzer von uralter, untadliger, sogar bedeutender Abkunft, und er hat seiner Tochter eine Erziehung geben lassen, die diese berechtigt – ich sage berechtigt, mein Fräulein – ihren Platz unter den edelsten und besten Töchtern des Landes einzunehmen.«

»So. Das ist mir neu. Dann scheint sie mir aber um so weniger in Ihr Haus zu gehören.«

»In mein Haus? Da ist sie ja nicht, denn das Haus meines Vaters ist noch lange nicht mein Haus, wie Sie gewiß oft gehört haben. Und wenn sie ihrer alten Tante in deren Einsamkeit Gesellschaft leistet, so gehört sie ebenso gut dahin, wie Sie in das Haus Ihrer Mutter, die Sie nie verhindert, jeden Augenblick, wie zum Beispiel jetzt, mit einem Manne allein spazieren zu gehen.«

»Sie sprechen ganz wundersame Dinge aus, Herr von Sellhausen, ich kann Ihnen das nicht verhehlen. Ich finde es nicht passend, daß diese – diese junge Dame in Sellhausen ist.«

Bodo blieb stehen und lächelte still vor sich hin. »Das tut mir leid,« sagte er; »wenn Sie eine so strenge Sittenrichterin sind, dann muß ich fürchten, daß Sie es auch nicht passend finden, mit mir hier in einem einsamen Garten allein auf und ab zu wandeln.«

Jetzt blieb auch die Baroneß stehen. »Sie haben ganz eigentümliche Ansichten,« versetzte sie bitter, »aber freilich, Sie haben in der großen Welt gelebt und da mag man oft für Recht halten, was wir schonungslos verurteilen.«

»Recht bleibt immer recht und vieles wird gerade in Ihrer Welt verurteilt, was ganz gerecht in andrer Sinn und Urteil ist, freilich schonungslos, wie Sie sagen – ich aber bitte Sie in diesem Augenblick, schonender mit einem abwesenden Mädchen zu verfahren, welches sich nur durch meinen Mund verteidigen kann.«

»Da hat sie sich einen wackeren Ritter erkoren, das muß ich sagen.«

»Ich danke Ihnen für diese Bezeichnung und werde ihr Ehre zu machen suchen. Doch still – da kommt jemand – ah, es ist Herr von Bökenbrink. Das ist auch ein Ritter –«

»Ja, mein Herr, das ist er, und ein echter

»So will ich unechter ihm Platz machen, wenn Sie es wünschen.«

»Ich bitte, bleiben Sie, er darf nicht glauben, daß wir uns gezankt haben.«

»O, gezankt! Was denken Sie!«

Er konnte nicht weiter reden. Herr von Bökenbrink hatte sich von seiner Unruhe und Herzensangst getrieben, an diesem Tage eines kühnen Handstreiches bedient, um nicht auf dem gewöhnlichen Wege in den Garten der Grotenburg zu gelangen. Er war vor die dem Eingange entgegengesetzte Seite des Gutshofes gefahren, hatte hier einen ihm bekannten Steg über den Graben beschritten und war auf diese Weise ganz unerwartet ein vielleicht beiden Teilen willkommener Störenfried geworden, der zur rechten Zeit kam, um einen kleinen Zwist zu verhüten, der, ganz wider Wissen und Erwarten der Eltern des schönen Fräuleins, gleich im Anfange ihres Freudenfestes auszubrechen drohte.

Pilatus XXII. kam in einer wie gedrechselt steifen Haltung heran, zog schon in der Ferne seinen neuesten formlosen Filz und grinste so bittersüß, wie ein eifersüchtiger Liebhaber nur grinsen kann, der seine Angebetete mit dem Gegenstande seiner Eifersucht allein wandeln sieht. Er war in einen bis an den Hals zugeknöpften blauen Frack und weiße Pantalons gekleidet, trug im Knopfloch einen blitzenden Orden und hielt in der Hand ein rotes Maroquinkästchen, dessen Inhalt und Bestimmung nicht schwer zu erraten war.

»Mein allergnädigstes Fräulein!« schnarrte er schon von weitem. In diesem Augenblick drehte sich Bodo zufällig um und sah den Baron Grotenburg in einem Seitengange lauschend stehen, als wolle er sich aus der Ferne von den Vorgängen unterrichten, die zwischen den Brautleuten » in spe« sich zutragen. Augenblicklich wandte sich Bodo lächelnd zu ihm und ließ Pilatus XXII. seinen untertänigsten Glückwunsch dem allergnädigsten Fräulein zustammeln, den mit anzuhören er keine Lust empfand.

»Aber was ist denn das?« rief ihm der Baron halb außer Atem entgegen. »Wie kommt denn der da hier herein?«

»Das ist mir auch ein Rätsel, Herr Baron,« erwiderte Bodo achselzuckend mit echt diplomatischem Wesen und Ton. »Ich erkläre es mir aber so, daß der Herr von seinen Freundschaftsrechten vollen Gebrauch gemacht hat und irgendwo über den Zaun gestiegen ist, um meine Unterhaltung mit Ihrer Tochter zu stören, die auf dem besten Wege war, außerordentlich interessant zu werden.«

Der Baron stand wie versteinert vor dem in seinen Augen tief gedemütigten Gaste. »Aber reitet denn den Menschen der Teufel?« knirschte er. »O mein Gott, Sie haben sich alteriert, ich sehe es –«

»O nein, Herr Baron, ich bin ganz ruhig, aber –«

»Aber – ich weiß, was Sie sagen wollen – es ist abscheulich, hinterlistig, verräterisch, mit einem Wort!«

»Still, beruhigen Sie sich – da kommen schon wieder einige Herren. Ah, es ist Ihr Schwager, Baron Kranenberg mit Frau Gemahlin.«

»Ach – und der Kaplan auch! Na, das ist zum Verzweifeln, wo kommen denn die schon so früh her?«

Es ließ sich nicht ändern, die Herrschaften waren da und mußten empfangen werden. Das geschah denn auch und da bald noch mehr Damen und Herren erschienen, so fanden sich alle allmählich in das Unvermeidliche und die Vorstellungen der bisher sich noch Unbekannten begannen.

*

Gegen sieben Uhr war die nach der Grotenburg geladene Gesellschaft vollständig versammelt. Es mochten einige vierzig Personen sein, von denen der Legationsrat bei weitem nicht die Hälfte kannte, allen Fremden aber als ein Mann vorgestellt wurde, den man als Nachbar und Kamerad mit Freuden in der Heimat willkommen heißen dürfe. Unter den Anwesenden befanden sich einige adelige Familien, die mit den drei uns bekannten Baronenfamilien an Standesvorurteilen, Dünkel und Hochmut wetteifern konnten, aber auch wieder andere, die Bildung, Schicklichkeitsgefühl und wahrhaft edelmännischen Sinn besaßen, wie man ja unter allen Ständen dergleichen abweichende Richtungen bei ähnlichen zahlreichen Versammlungen vertreten findet. Fast sämtlichen Eingeladenen war, wie schon angedeutet, auf irgend eine Weise der geheime Hintergrund des heutigen Festes gelichtet worden, und während nun die einen, die mit den Grotenburgern auf vertrautestem Fuße standen und von ihrer Finanzkalamität gründlich unterrichtet waren, den Legationsrat mit heimlicher Schadenfreude als einen Mann betrachteten, der ganz geschaffen wäre, einigen der Ihrigen aus einer fatalen Klemme zu helfen, begegneten die andern demselben mit allen Zeichen persönlicher Achtung, womit freilich eine leise Verwunderung gemischt war, daß ein so reicher, kluger und unabhängiger Mann, wie er, sich entschließen könne, mit der Tochter einer Familie eine Verbindung einzugehen, die ihm nach keiner Richtung hin irgend einen Segen verspreche. Einige von ihnen zuckten freilich spöttisch die Achseln, indem sie meinten, der Geschmack der Menschen sei verschieden, und das sei gut, in diesem Falle wenigstens für Fräulein Klotilde, die unter ihren näheren Bekannten gewiß keinen so heißen Verehrer gefunden haben würde, daß er seinen Besitz ihretwegen einem halb bankerotten Vater zu Füßen lege. Daß also Baron Grotenburg mit seiner schönen Tochter eine Art konventionellen Handels schlösse, indem er sie mit allen Mitteln an einen so vermögenden Mann zu bringen und diesen selbst an sein sinkendes Schiff zu fesseln suche, um es vielleicht doch noch mit heiler Haut in einen Sicherheitshafen zu führen, war vielleicht keinem der Anwesenden unklar.

Bodo bemerkte im ganzen wohl die mit seltsamer Spannung auf ihn gerichteten Mienen vieler Gäste, auch die eigentümlich feierliche Haltung der Versammlung, als erwarte man eine ganz besondere Überraschung, entging ihm nicht; wie weit man sich aber bereits gegen ihn vergangen habe und worauf es zuletzt an diesem Abend abgesehen sei, das wußte er nicht und konnte er nicht wissen, und erst im Laufe des Abends selbst dämmerte ihm allmählich eine bestimmtere Ahnung auf, die von der Wahrheit nicht gar weit entfernt liegen mochte.

Nachdem man etwa eine Stunde im Garten auf und ab promeniert, in größere oder kleinere Gruppen zerteilt hier und da ein Gespräch geführt, alte Bekanntschaften erneuert und neue geschlossen hatte, ließ sich plötzlich in einer entfernt stehenden Gruppe, die fast nur aus leichtblütigen Lebemännern bestand, ein lärmvolles Freudengeschrei vernehmen. Baron Haas war soeben erschienen, hatte mit gewöhnlicher Zungengeläufigkeit seine Gegenwart verkündet und in seiner jovialen Weise sogleich einen lachlustigen Zuhörerkreis um sich versammelt, der schon gewohnt war, aus dem Munde des kugelrunden Barons die reizendsten Späße und die witzigsten Anspielungen zu hören. Baron Haas schien heute bei überquellend guter Laune zu sein und zu diesem Behufe bereits zu Hause durch einige vorzügliche Flaschen einen guten Grund gelegt zu haben, wenigstens sah er kupferfarbiger aus denn je, roch auf sechs Schritte nach Wein und ließ in seinem ganzen Gehaben einen Mann erkennen, der weiß, daß ihm eine schwere Aufgabe zugefallen ist und der deshalb Vorkehrungen getroffen hat, zu jederlei Angriff oder Verteidigung jeden Augenblick gerüstet zu sein.

Nachdem er die oben erwähnte Gruppe mit einigen zweideutigen Scherzen zu einmütigem Lachen gebracht, näherte er sich dem lieben Brüderchen, und Bruder Herz tauschte mit ihnen einige Winke und Flüsterworte aus und begab sich dann zu Fräulein Klotilde, die zwischen einigen Damen auf- und niederschritt, aber dabei den »echten Ritter« nie aus den Augen verlor, der am liebsten sich an einen ihrer Volants geklammert hätte, um nur das teure Kleinod bis zum äußersten Augenblick an sich zu fesseln. Nachdem nun der lustige Onkel auch dieser seinen Glückwunsch ausgesprochen, wandte er sich zu dem Legationsrat, begrüßte ihn übermäßig laut und legte vor allen Anwesenden eine solche Vertraulichkeit gegen ihn an den Tag, daß jedermann glauben mußte, beide seien die besten Freunde, und es bestehe bereits eine Übereinstimmung zwischen ihnen, die nichts auf der Welt mehr stören und lösen könne.

Nachdem man nun der Gesellschaft lange genug den Genuß des warmen Abends und der getrennten Unterhaltung vergönnt, wurde gegen neun Uhr vom Wirt das Zeichen zum Eintritt in das Haus gegeben und einzelnen Herren, deren Zahl die überwiegende war, wurde bedeutet, welche Damen sie zu dem bevorstehenden Mahle zu geleiten hätten.

»Darf ich Sie bitten, mein lieber Herr Vetter,« wandte sich Baron Grotenburg mit liebeglühender Miene an den Legationsrat, »meiner Tochter den Arm zu bieten?«

Bodo verbeugte sich auf eine sehr zeremoniöse Weise, näherte sich der Baroneß und machte sie mit dem Wunsche ihres Vaters bekannt. Sobald sie mit zartem Erröten – die Zeit hatte bereits ihren Groll etwas besänftigt – den Arm angenommen, führte er sie, den Vorangehenden folgend und von anderen Paaren gefolgt, in das Haus ein, vor dessen hinterer Tür ein ganzes Heer guillotinierter Bedienten stand, um mit untertänigster Verbeugung der noch sichtbaren Köpfe ein recht ansehnliches Spalier zu bilden.

Die Gäste wurden von dem voranschreitenden Wirte, der eine ältere Dame führte, zuerst durch verschiedene Prunkgemächer in einen überaus hell erleuchteten und glänzend dekorierten Raum geleitet, in dessen Mitte der mit Blumen und Geschenken aller Art ausgestattete Festtisch des so geliebten Geburtstagskindes stand. Nachdem es den Gästen vergönnt gewesen, beim Herumgehen um diesen Tisch, die zärtliche Liebe und Opferwilligkeit ihrer Eltern und näheren Freunde zu bewundern, trat man in den von Wachslichtern strahlenden Speisesaal ein, wo eine lange glänzende Tafel den »unzweifelhaften« Reichtum und die Prachtliebe der Grotenburgischen Familie völlig übersichtlich zur Schau stellte.

Baron Grotenburg, der vor Ungeduld nicht die Zeit erwarten konnte, bis alles in den richtigen Gang gekommen, beeilte sich mit glühendem Kopfe, seinen lieben Gästen die ihnen bestimmten Plätze anzuweisen, und so fand sich Bodo plötzlich in der Mitte der Tafel, hinter einem tempelartigen Baumkuchen, an Fräulein Klotildens Seite, während zu seiner Linken Baron Haas Platz nahm, der seinerseits nicht genug das »zufällige« Glück preisen konnte, welches ihm sein lieber Schwager durch diese Vergünstigung verschafft habe. An den beiden äußersten Enden der Tafel, quer vor derselben sitzend, hatten der Wirt und die Wirtin ihre Plätze gefunden; Bodo gegenüber saßen ein paar ihm bisher unbekannte Herren, die sich mehr auf den Inhalt der Schüsseln und Flaschen als auf irgend etwas anderes zu freuen schienen, und an Fräulein Klotildens rechter Seite, wie Bodo an ihrer Linken saß, hatte Pilatus von Bökenbrink seine Stelle zu finden gewußt, so laut auch Baron Grotenburg dagegen protestiert hatte. Allein das Geburtstagskind hatte sich diese Nachbarschaft ihres treuen Freundes auszubedingen verstanden, wozu Baron Haas nicht das wenigste beigetragen, indem er seinem Schwager begreiflich gemacht, daß er den Legationsrat so viel wie möglich für sich selbst zu behalten wünschen müsse.

Ehe sich Bodo an der glänzenden Tafel zwischen den beiden genannten Personen niedersetzte, ließ er einen raschen Blick über die Versammlung schweifen und orientierte sich in der beliebten Gruppierung der Gäste, wobei er zu seinem Bedauern bemerkte, daß niemand in seiner Nähe saß, mit dem er ein verständiges Gespräch hätte führen können, daß er also auf Gnade oder Ungnade dem Baron Haas, der Tochter des Hauses und den ihm gegenübersitzenden Junkern überliefert sei. Wenn ihn etwas darüber hätte trösten können, so war es vielleicht das Bukett, welches er der Baroneß überreicht und das nun die Fürsorge der zärtlichen Mutter in einer kleinen Porzellanvase vor die Augen des Geburtstagskindes gestellt hatte, um ihr jeden Augenblick den Geber zu Gemüte zu führen, da sie leider nicht wußte, welches Unheil diese unschuldigen Blumen schon unter den beiden Hauptpersonen des Tages anzurichten so unglücklich gewesen waren.

Es war für den still in sich gefaßten und seine Lage mit unnachahmlicher Ruhe hinnehmenden Legationsrat ein eigentümlicher Genuß, die Gesichter der rings um ihn her sitzenden bekannten Personen einer flüchtigen Musterung zu unterwerfen. Gleich von Anfang der Tafel an fiel ihm die erwartungsvolle, gespannte und fast ängstliche Miene des Wirtes und seiner Gemahlin auf, die, obgleich weit voneinander entfernt sitzend, doch in geheimem Rapport zu stehen schienen und sich durch Augenzwinkern, Nicken und Deuten nach verschiedenen Richtungen hin zu unterhalten wußten.

Baron Kranenberg, der nicht weit von der Wirtin saß, zeigte ein fast jammervolles, von innerer Angst und Besorgnis gefoltertes Gesicht; seine Gemahlin dagegen, die fromme Theodolinde, ihren Schatten wie immer zum Troste neben sich habend, schien im Geiste und mit der Miene einer Märtyrerin ihre Hände in Unschuld zu waschen, und der Kaplan, der einzige Bürgerliche bei Tisch, faltete, sobald er nicht aß oder trank, fast unablässig die Hände vor der Brust, als sei er in beständigem Gebete begriffen, daß der gute Geist da oben oder vielmehr die Mutter Gottes, die gewiß auch über diesem Liebesmahl wachte, ihre Augen offen halten möge, um alles, alles, was es auch sei, zum Guten zu wenden.

Pilatus den XXII. konnte Bodo nur selten zu Gesicht bekommen, die Schleifen, sowie die Blätter- und Blütenfülle auf dem Haupte der wie eine regierende Fürstin hoheitsvoll sich nach allen Seiten umblickenden Klotilde verdeckten den kleinen Mann fast ganz. Indessen, was er von ihm erhaschte, war so wenig anziehend, daß er diesen Verlust nicht bedauerte, denn Pilatus sah gerade so aus, als ob er noch an diesem Abend gehenkt werden sollte und als gestattete man ihm nur noch eine kurze Gnadenfrist, um seinen irdischen Leib, der nun bald aufhören werde zu vegetieren, noch einmal mit süßem Weine zu füllen. Das tat er denn auch redlich, sprach aber soviel mit seiner Angebeteten, daß er Bodo der Mühe überhob, seine Aufmerksamkeit in dem Umfange auf sie zu richten, wie es sich eigentlich, nach Meinung der meisten Anwesenden, gebührt hätte.

Baron Haas endlich war anfangs nur bemüht, sich gehörig zu erwärmen, denn ein von Zeit zu Zeit ihn durchdringender leiser Schüttelfrost machte sich bei ihm auf höchst empfindliche Weise bemerkbar. Nur dann und wann einige Worte mit dem Nachbar wechselnd, füllte er desto häufiger sein Glas und aß dann in den Pausen mit solcher Hast, daß er gar nicht einmal imstande war, zu unterscheiden, ob die genossene Speise aus den Händen seiner edlen Kochkünstlerin oder einer untergeordneten Küchendirne ins Leben getreten sei.

Im Anfang nun ging alles wie bei jedem ähnlichen Mahle in bester Ordnung, Regelmäßigkeit und nicht allzu lauter Fröhlichkeit her. Je mehr man aber der Flasche zusprach, und das geschah fast überall im reichsten Maße, um so heiterer und lachlustiger wurde die Gesellschaft und um so eifriger bemühte man sich, Stachelreden und Witzworte einander zuzuwerfen, die nicht immer, wie ihre Erzeuger, »von Adel« waren. Mit am lautesten und ungezügeltsten erwiesen sich die drei Junker, die Bodo gegenüber saßen; sie flüsterten sich bisweilen verstohlen einige Worte zu, blickten dann spöttisch nach dem stillernsten Legationsrat hinüber und schlugen plötzlich ein halblautes Gelächter auf, als ob sie sich auf irgend eine Heldentat, die sie auszuführen beschlossen, im voraus freuten.

In einer kurzen Gesprächspause nun, wie sie auch in der größten und lautesten Gesellschaft seltsamerweise bisweilen zu entstehen pflegt, glaubte einer von den Herren sich berufen, auf des Legationsrats Kosten der Versammlung eine angenehme Unterhaltung gewähren zu müssen, und richtete an diesen, der ihn zufällig ansah, als hätte er das Nächstfolgende vorausgefühlt, die lauten und nach allen Seiten hin verständlichen Worte:

»Herr von Sellhausen, ich habe heute zum erstenmal das Vergnügen, Ihnen vis-à-vis zu sitzen, aber ich hoffe, es wird nicht das letzte Mal sein. Wir streiten uns eben hier über einen gewissen Punkt und Sie allein dürften imstande sein, uns darüber genügende Auskunft zu geben.«

Die ganze Gesellschaft, die auf den »gewissen Punkt« neugierig geworden war, schwieg natürlich noch ferner und aller Blicke wandten sich auf den Befragten hin. Dieser aber, den ihn so unberufen Anredenden mit ruhigem Auge betrachtend, sagte, nicht höflich, nicht kalt, sondern eigentlich mit sehr gleichgültigem Tone: »Haben Sie die Güte, sich näher auszusprechen.«

»Ha, ja,« fuhr der lustige Junker etwas brutal fort und warf einigen Fernsitzenden einen Blick zu, als wolle er sie zur Aufmerksamkeit auffordern: »Ihren Vater habe ich sehr wohl gekannt. Er verstand zu leben und leben zu lassen und war in fröhlicher Gesellschaft etwas munterer als Sie, aber Ihre Mutter, bester Herr, die hat niemand von uns je mit Augen gesehen. Sagen Sie mir – was war sie doch für eine Geborene?«

Während einige der Anwesenden über diese Taktlosigkeit unwillig die Köpfe schüttelten, grinsten andere vor Freude hell auf, alle aber schauten auf den Befragten hin, voll lautloser Spannung, was derselbe auf diese in verschiedener Beziehung ungehörige Frage antworten würde.

Bodo verzog keine Miene, nur wurde sein edles Gesicht etwas blasser als gewöhnlich und indem er, wie zur Herzstärkung, das kleine Bukett ergriff, welches vor der Baroneß stand, und daran roch, sagte er mit seiner klaren, tiefen Stimme, die bis in die entferntesten Ecken des Saales verständlich klang: »Meine Mutter, Herr Baron, war wie die Ihrige von einem Menschenkind geboren.«

»Ja, freilich, aber ich meine: aus welchem Geschlecht?« lautete die etwas weniger keck gesprochene Frage herüber.

»Aus einem unvergänglichen, mein Herr!«

»O, o! Sie verstehen mich noch nicht – ich meine den Namen und Stamm?«

Jetzt schleuderte Bodo einen Augenblitz nach dem übermütigen Frager hinüber, der bewies, daß auch in ihm eine empfindliche Saite zu straff angezogen werden könne. »Mein Herr Baron,« erwiderte er mit kaltem, schneidenden Ton, der wie ein Messer in der Hörenden Ohren drang, »wenn Sie mir einmal die Ehre Ihres Besuches zuteil werden lassen sollten, so will ich Ihnen den Stammbaum und die Stammrolle meiner Mutter zeigen. Sie ist etwas lang, und ich weiß sie daher nicht auswendig. Da sie aber in verschiedenen fremden Sprachen geschrieben ist, die Sie wahrscheinlich nicht verstehen werden, so bitte ich Sie, sich mit allerlei Lexiken zu versehen, wobei ich Ihnen im Nachschlagen gern behilflich sein will.«

Mit diesen Worten wandte er sich an seine leise lächelnde Nachbarin, hob sein Glas in die Höhe und gleichsam mit Verachtung von den drei Herren abbrechend, die mit langen Gesichtern vor sich nieder schauten, sagte er laut: »Auf Ihre Gesundheit, mein Fräulein!«

Dieser Zwischenfall, der ganz außer der Berechnung des Wirtes lag, hatte diesen und seine Verwandten in eine wahre Höllenangst versetzt; da er aber so rasch und anscheinend ohne Folgen vorüberging, gleich darauf auch von einem auf allen Seiten ausbrechenden Gesprächslärm vergessen gemacht wurde, faßten sie wieder Mut, nur bemerkten Baron Grotenburg und Gemahlin zu ihrem neuen Schrecken, daß Klotilde mehr mit Pilatus flüsterte, als mit dem Legationsrat sprach, und ersterer eilte sogleich zu Baron Haas, um mit ihm eine leise Beratung darüber zu halten.

»Laß gut sein, tut nichts,« tuschelte Baron Haas. »Ich habe ihn sicher und beginne bald. Sieh, er trinkt tüchtig. Schicke mir jetzt den bewußten Burgunder. Aber die Kerle da drüben müssen ihr ungewaschenes Maul halten, sonst stehe ich für nichts.«

»Dafür werde ich schon sorgen. Aber, lieber Haas, noch eine Bitte! Trinke du selbst nicht zu viel, du verlierst am Ende dein Gedächtnis.«

»Bruder Herz, welche blasse Sorge! Laß gut sein, sage ich. Ich brauche Courage – es gilt eine große Bouteille – – wollt' ich sagen – Bataille. Da – die da unten trinken mehr als ich – geh nur hinunter und halte sie im Zaum, damit sie nicht zu laut werden und soviel Vernunft behalten, mich nachher vernünftig aussprechen zu lassen.«

Baron Grotenburg kehrte mit schwerem Herzen auf seinen Platz zurück, nachdem er noch seiner Frau ein paar ermutigende Worte zugeraunt. Baron Haas aber hatte recht. Bisher hatte man nur getrunken, jetzt fingen einige Herren an zu zechen und je leerer die Flaschen wurden, um so lauter tönten ihre Worte, und schon entstand hier und da fast ein kleiner Lärm, aus dem nur einzelne Worte, wie: »Verlobung,« »Verbindung,« »herrliches Paar« und dergleichen wie einzelne Blitze aus Gewitterwolken herüber schossen.

Bodo, den solches Gebaren stets anwiderte, wo er es auch fand, ward immer stiller und aufmerksamer dabei, und da er nirgends ein zusammenhängendes Gespräch führen konnte, unterhielt er sich mit der eigenen Beobachtung alles Vorgehenden, wobei ihm denn aus einigen aufgefangenen Redensarten allmählich Zweck und Ziel des Ganzen einzuleuchten begann.

Sobald er aber zu dieser Wahrnehmung gelangt, zog er sich gleichsam in sich selbst zurück, wechselte nur dann und wann einige Worte mit seiner Nachbarin, die immer näher an Pilatus' Seite rückte, und wandte sich endlich an Baron Haas, der jetzt seinen schweren Burgunder trank, von dem er eine ganze Batterie Flaschen vor sich und seinen Nachbar hatte aufpflanzen lassen.

»Sie blicken etwas finster darein,« begann Baron Haas mit schon leidlich schwerer Zunge, »und Sie haben recht. Abgeschmackte Kerle da drüben – ohne allen Takt! Was gehören unsere Mütter hierher, he? Selbst ist der Mann! Basta! Und nun kommen Sie, lassen Sie uns eine Flasche zusammen ausstechen – die da – stammt zwar nicht aus Griechenland, aber auch nicht aus Lappland. Sackerlot, der schmeckt, nickt wahr?«

Bodo kostete den schweren Burgunder und nickte bejahend.

»Ja,« fuhr Baron Haas fort, dicht an seinen Nachbar heranrückend und ihm von Zeit zu Zeit, zur Bekräftigung seiner Worte, mit dem Ellbogen einen vertraulichen Rippenstoß versetzend, »das ist Wein, lieber Vetter, und mein Schwager hat ihn schon. Er ist ein Kenner in allen Dingen, überhaupt ein liebenswürdiger Mensch, man muß ihm nur erst näher stehen. Ach, und seine Familie! – Unter uns gesagt, wir sprechen ja im Vertrauen – seine Frau ist ein wahrer Edelstein, eine Perle, man muß sie nur erst – begriffen haben. Wissen Sie – daß sie meine erste Liebe war? Bei Gott, das war sie und – ist es noch – uff! Ach wenn die mal Witwe würde – ich wünsche das auf Ehre nicht – aber ich könnte sie noch heiraten – eins, zwei, drei!«

»Das glaube ich!« sagte Bodo, lächelnd mit dem Kopfe nickend.

»Nun, das können Sie auch glauben, denn ich, Baron Haas von Haasencamp, sage Ihnen das. Doch ich möchte auch von Klotilden mit Ihnen reden. Haha! Ja. Die soll mich einst beerben – auf Ehre!«

»O, Sie wollen doch noch nicht sterben? Das wäre schade!«

»Ob ich will? O, Sie kleiner Schäker! Den Teufel will ich! Aber wie gesagt, ich meine nur, die wird einmal ein ungeheuer reiches Mädchen oder vielmehr eine reiche Frau werden, wollte ich sagen, einzige Tochter – Erbschaft des grünen Pelzes – Sie verstehen, und dann ihr – ihr künftiger Mann wird doch auch etwas haben – nicht?« schnalzte der Baron, seinen Nachbar liebevoll von der Seite anschmunzelnd.

»Gewiß,« erwiderte Bodo. »Der Mann, der sie einst nimmt« – und er warf dabei einen vielsagenden Blick auf Pilatus XXII. hinüber – »erbt, soviel ich weiß, einmal ein recht hübsches Vermögen.«

»Aha, soviel Sie wissen – sehr schlau bemerkt, Sie sind ein Pfiffikum! Na, Alterchen« – und hierbei legte er vertraulich seinen Arm um Bodos Leib – »übermorgen weiß dieser Mann, was er erbt, nicht?«

Bodo ging bei diesen unverhüllten Worten, sozusagen, ein bisher nur dämmerndes Licht in vollem Glanze auf. Indessen auf die eigentümliche Lage, in der er sich befand, Rücksicht nehmend, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lächelte still vor sich hin. »Also Sie meinen?« fragte er, um nur irgend etwas Gleichgültiges zu sagen.

»Nu, was ich sage! Was ich weiß, Alterchen, das weiß ich. Aber eigentlich, da wir doch einmal davon sprechen, war es nicht so ganz recht von Ihrem Alten, so ein vertracktes Testament zu machen – nicht wahr?«

»Was denn für ein Testament?« fragte Bodo mit eisiger Ruhe, »ich weiß ja davon nichts.«

»Nicht? Na, dann hören Sie – wir reden im Vertrauen. Ich bin nämlich eingeweiht, wie wir drei Schwäger alle – Ihr Vater war ja der vierte Schwager – und Sie müssen es endlich auch werden. Die Zeit drängt. Sehen Sie – er hat, Ihr Alter, meine ich, der Klotilde oder ihrem Vater sein Gut vermacht, wenn Sie nicht – na, Sie wissen schon –«

»Ah! Meinen Sie?«

»Natürlich, das ist die ganze abgekartete Geschichte. O, bitte – trinken Sie doch. Auf Ihr Wohl! – Ich meine es ehrlich. So. Und nun, mein Alterchen, unter diesen Umständen werden, können Sie sich nicht länger besinnen –«

»Ich besinne mich auch gar nicht, Herr Baron.«

»Ach was, lassen Sie das »Herr Baron« weg, ich bin Haas – sagen Sie mal Haas!«

»Haas!« sagte Bodo, unwillkürlich lächelnd.

Der Baron gab ihm einen Liebespuff in die Seite, daß ein anderer Mann davon hätte umfallen können, aber Bodo bewegte sich nicht einmal. »Prächtiger Kerl sind Sie, das muß wahr sein,« flüsterte jener weiter. »Na, nachher trinken wir Brüderschaft. Nun aber lassen Sie uns weiter im Vertrauen reden. Sehen Sie, wie die Kerle da drüben – uff! saufen! Haha, aber solchen Burgunder haben nur wir. Den Teufel auch, man wird die Perle doch nicht vor die Säue werfen! – Nun aber sagen Sie mir mal ganz im Vertrauen – was werden Sie denn für eine Antwort auf die Frage bei der Testamentseröffnung geben, he?«

»Sollten Sie das noch nicht wissen, Sie überschlauer Mann?«

»Darf ich es denn nicht wissen?«

»Wenn Sie es sich selbst sagen, wer kann dann dafür? Raten Sie einmal.«

Baron Haas goß ein großes Glas Burgunder auf einen Zug hinter. Es galt jetzt, sich Courage zu trinken, und er fühlte sie bereits in solchem Maße, daß seine linke Hand schon nach der Brusttasche der andern Seite zuckte, wo er ein beträchtliches Paket stecken hatte, das Bodo schon gefühlt, als er ihn vorher wiederholt an sich gedrückt. »Ich soll raten?« fragte er mit gläsern zublinzelndem Auge. »Haha! Da kommen Sie bei mir zu spät. Wenn ich nun schon lange geraten hätte?«

»Ei, sollten Sie wirklich?«

»Ach was?« rief Baron Haas plötzlich mit einem ganz anderen Gesicht und nichts mehr um sich her bemerkend. »Wir sind ein paar Männer von Ehre – schlagen wir das Visier voreinander auf und sehen wir uns dreist ins ehrliche Gesicht. So. Auf Ehre, Sellhausen, ich habe schon lange erraten, was Sie vor Gericht antworten werden, und meine Anstalten danach im voraus getroffen. Soll ich es Ihnen mal zeigen?«

»Immer dreist!«

»Aber werden Sie mir auch den kleinen Scherz nicht übelnehmen, der eigentlich vierzig Stunden zu früh geboren wird?«

»Einen Scherz nehme ich niemals übel und am wenigsten dem Baron Haas, wenn er ein bißchen tief ins Glas geguckt hat.«

»Haha! Sie sind mein Mann – ich sag's ja. Aber ich frage noch einmal – nehmen Sie mir auf Ehre nichts übel?«

»Auf Ehre? Das ist ein Wort, das ich bei Scherzen niemals gebrauche. Doch still – da will jemand sprechen.«

Baron Haas schaute wie aus einem Traum erwachend auf und runzelte die Stirn. Bodo blickte sich um und bemerkte folgendes. Baron Grotenburg und seine Frau schienen wie auf Kohlen zu sitzen, sie behielten nur Haas und Bodo im Auge, die so eifrig und zärtlich miteinander sprachen, alles übrige aber hatten sie wie Haas selber vergessen. Baron Kranenberg hatte den albernen Mund weit geöffnet und starrte mit angstvollem Blick nach derselben Stelle hin. Die übrige lachende und lärmende Gesellschaft aber wurde in diesem Augenblick durch den lauter wiederholten Klang eines angeschlagenen Glases in ihrem Jubel unterbrochen – es folgte eine allgemeine aufmerksame Stille und ein bis dahin sehr ruhiger Baron stand von seinem Stuhle auf und schickte sich an, eine Rede zu halten.

Er hielt sie auch in ernsten und der Feier des Tages völlig angemessenen Worten, indem er Baron Grotenburg und seiner Gemahlin Glück wünschte, eine Tochter zu besitzen, die nicht allein ihnen, sondern auch dem ganzen Freundeskreise ein Quell so vieler Freuden, wohlgemeinter Wünsche und trostvoller Hoffnungen wäre.

Als er das Hoch auf die ganze Familie Grotenburg ausgebracht, entstand ein furchtbares Beifallsgeschrei und Hurrarufen; alle Herren sprangen von ihren Sitzen auf und liefen mit vollen Gläsern die Reihe herum, überall anstoßend, gratulierend und zum Teil dabei schon so von Gott Bacchus erhitzt, daß sie bereits Küsse austauschten, die mehr nach Wein als nach Liebe rochen.

Nachdem sich der Lärm etwas gelegt und alle wieder ihre Plätze eingenommen hatten, nahm auch Baron Haas rasch seine vorige Steilung dicht neben seinem Nachbar ein und sagte: »Na, der Kerl sprach mit dem Munde, aber nicht mit dem Herzen. Jetzt komme ich, und ich werde ihm zeigen, was ein To – Topas, wollt' ich sagen, ein Toast an solchem Tage ist. Doch halt – zuerst sollt' ich Ihnen ja zeigen, ob ich richtig raten kann, nicht wahr?«

»Zeigen Sie!« erwiderte der Legationsrat mit steinernem Gesicht, das bis in die entfernteste Ecke Kälte verbreitete und dem wieder wachehaltenden Baron Grotenburg die Haut schaudern machte.

Baron Haas trank erst noch ein Glas aus, griff dann mit der Linken in die weite Brusttasche seines Fracks und holte ein großes Paket hervor, das er schnell wie der Blitz unter den Tisch führte und dort mit zitternden Händen von seiner Umhüllung befreite. Es waren sehr schön in Kupfer gestochene Verlobungsanzeigen, und er deutete mit dem rechten Zeigefinger darauf hin, während er mit wahrem Faunenauge seines Nachbars Antlitz studierte.

»Können Sie bis hierher lesen?« fragte er, ein Licht etwas näher heranziehend und eins der Blätter ein wenig erhebend.

Bodo bückte sich und las:

»Die Verlobung unserer einzigen Tochter Klotilde mit »dem Legationsrat a. D. Herrn Bodo von Sellhausen auf »Sellhausen beehren wir uns hiermit ergebenst anzuzeigen.

Baron und Baronin Grotenburg.«

Bodo erhob sein blitzendes Auge wieder und ließ einen dolchartigen Blick auf Baron Haas fallen. Sein Gesicht war ganz bleich geworden, sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, aber es gelang ihm, vollständig seine äußere Ruhe zu bewahren. »Herr Baron, sind Sie der Vater von diesem Witz?« fragte er mit kaum verständlicher und vor innerer Erregung bebender Stimme.

»Ja!« stammelte Haas freudetrunken, der nichts sah, nichts hörte, sondern nur in dem einmal begonnenen Gefecht, das zum Siege führen mußte, wie ein tollkühner Kämpe vorwärts schritt.

»So. Dann sind Sie also auch geneigt, die Verantwortung allein davon zu übernehmen?«

»Das will ich, auf Ehre, ich bin ganz der Mann dazu.«

Bodo wollte noch etwas erwidern, aber er kam nicht mehr dazu. Lautes Geschrei von allen Seiten unterbrach ihn und die Zurufe: »Haas! Haas! Eine Rede halten!« übertönten jedes einzelne verständliche Wort.

Baron Haas war von diesen Zurufen in diesem Augenblick, der alle seine nur noch geringen Lebensgeister in Anspruch nahm, selbst überrascht. Eigentlich nicht wissend, was er tat, erhob er sich, behielt aber das Paket Papiere in der linken Hand und legte diese damit auf den Tisch. Mit der Rechten in furchtbaren Gesten hin- und herfahrend und mit dem Fuße kräftig auf den Boden stampfend, wenn die Worte nicht aus seinem Munde wollten, schrie er in halber Geistesverwirrung:

»Meine Herren! Der geehrte Vorredner hat sich an die hier versammelten und – die Braut – ich wollte sagen, Tochter gewandt –«

Allgemeines Gelächter oder eigentlich wieherndes Geschrei unterbrach ihn schon bei diesen ersten Worten und während aller Augen auf sein wie von Entzücken strahlendes Gesicht geheftet waren, was auch dem Baron Grotenburg alle Angst benahm, bemerkte fast kein Mensch, daß der Platz neben dem Redner plötzlich leer ward und der Legationsrat mit gleichsam gleitenden Schritten den Saal verließ. Baron Haas aber, der es im ersten Augenblick noch weniger als alle übrigen merkte, fuhr gleich darauf mit siegreichem Lächeln fort:

»Ja, er hat nur der Eltern und der – Tochter gedacht und von dem Geburt – Geburtstag gesprochen. Auch ich, meine Herren, ich bin einmal geboren und ich weiß – wie wichtig das für alle Menschen ist. Aber, meine Herren, ich sage auch: Gratulabo ! aber zu einem ganz andern Zweck. – Hier, mein geliebter Nachbar,« – er suchte Bodo neben sich – »aber zum Teufel, wo ist er denn? Na, er ist nur einen Augenblick hinausgegangen, aber er wird gleich mit strahlendem Gesicht wiederkommen – und eigentlich kann ich in seiner Abwesenheit mein Herz – noch besser sprechen lassen. Wohlan denn! Mein Nachbar also, der nicht da ist, sage ich, ist ein vortrefflicher Mann und er hat mich beauftragt – beauftragt –«

Bei diesen Worten gestikulierte der kleine korpulente Mann so heftig, daß er eine Flasche Burgunder umstieß, die dicht vor ihm stand und nun weit über den Tisch nach seiner rechten Seite hinrollte, ihren Inhalt umhergoß und damit das schöne weiße Spitzenkleid Fräulein Klotildens wie mit Blut färbte.

Ein allgemeiner Aufschrei ließ sich von allen Seiten vernehmen; Zurufe, Gelächter wirbelten durcheinander, aber Baron Haas, der mitten in der Aktion war, ließ sich nicht stören, sondern schrie, abwechselnd mit beiden Füßen stampfend, mit einer Stentorstimme:

»Still, meine Herren, ich bitte um Ruhe – ich habe das Wort – schad't nichts, Klotildchen, ich schenke dir ein neues – und darum sage ich –«

Hier wandte sich der Redner heftig zur Linken, aber er war merkwürdig schwach auf den Beinen und da er strauchelnd, sich irgendwo mit der Rechten halten wollte, faßte er das Tischtuch, riß eine Lampe, ein Paar Leuchter, den Baumkuchen und eine ganze Reihe Flaschen um und ließ dabei vor Schreck seiner linken Hand das Paket Papiere entschlüpfen, die nun teils auf den Tisch, teils auf die Erde fielen und nach allen Seiten auseinander flatterten.

Dieses Unheil hatte Baron Haas in seiner Siegesgewißheit nicht vorhergesehen, noch weniger erwartet; der Schreck verwirrte ihn, er wollte sich bücken, um rasch die entfallenen Papiere aufzuheben, und dabei fiel er selbst auf einen Stuhl, einen tiefen jammervollen Seufzer ausstoßend, als habe ihn ein Schlagfluß getroffen.

Jetzt entstand eine allgemeine Verwirrung. Alle Gäste auf dieser Seite sprangen auf und griffen nach den fallenden Flaschen, die Bedienten aber stürzten herbei, den Schaden so gut auszubessern, wie es ging, und einige lasen die zerstreuten Papiere auf, von denen einer der Gäste, ein vorlauter Herr, rasch eins ergriff und im Fluge durchlas.

Kaum aber hatte er es gelesen, so schlug er mächtig mit einem Messer an ein Glas, und da gleich darauf eine tiefe Stille entstand, stellte er sich mit wichtiger Miene hin und rief:

»Meine Damen und Herren! Baron Haas, der sonst ein so guter Redner ist, hat, da er nicht weiter kann, mir das Wort abgetreten und mich beauftragt, in seinem Namen der geehrten Gesellschaft folgende entzückende Mitteilung zu machen«: – und hierauf las er der erstaunten, bestürzten Versammlung die Verlobung der Tochter des Hauses vor.

Einen Augenblick darauf herrschte ein, wie von allgemeiner Lähmung herrührendes Stillschweigen, während Baron Haas stöhnend und ächzend auf seinem Stuhle lag. Gleich darauf aber brach ein schallendes Freudengeschrei und Gejauchze aus. Alles sprang von den Plätzen auf und stürzte mit vollen Gläsern auf die Braut und deren Eltern zu, die, in der Meinung, der ganze Vorgang sei zwischen dem Legationsrat und Haas verabredet, sich durch die Menge Bahn brachen und, als sie sich erreichten, einander um den Hals fielen, um gleich darauf der starr dasitzenden Tochter zuzueilen. Dabei klangen die Gläser laut zusammen, einer wollte den andern überschreien, und da keiner auf den andern hörte, kam, wie das in der Regel geschieht, niemand zu Worte, bis einer der drei vorlauten Barone, die Bodo gegenüber gesessen, mit durchdringendem Basse brüllte: »Stille, stille, meine Herrschaften! Wo ist denn der Bräutigam?«

Dieses eine Wort, von allen vernommen, brachte eine ungeheure Sensation und damit ein Stillschweigen hervor, daß man eine Mücke im Zimmer hätte summen hören können. Alle blickten nun, nachdem sie sich vergeblich ringsum geschaut, wie auf geheimen Antrieb auf Baron Haas; der aber kauerte halb vernichtet auf seinem Stuhl, bis er, mit Wasser und Wein besprengt, sich plötzlich ermannte, aufsprang und wie ein wütender Truthahn kreischte:

»Ich trage keine Schuld und übernehme keine Verantwortung – gar keine! Warum fallen die Flaschen um – wer hat dem Herrn da das Wort gegeben? Ich pro – prozessiere dagegen!«

In diesem Augenblick, als wieder ein wieherndes Gelächter ausbrach, drang Baron Grotenburg mit entstellter Miene zu seinem Schwager durch. »Wo ist mein Schwiegersohn, Haas?« rief er mit vor Angst klappernden Zähnen.

»Beim Teufel meinetwegen – woher soll ich denn das wissen?« rief Baron Haas, noch wütender werdend.

Nach diesen Worten, während Pilatus XXII. noch entsetzt und gleichsam zermalmt sich wie ein getretenes Würmchen auf seinem Stuhle krümmte, Fräulein Klotilde aber krampfhaft schluchzend am Busen der Mutter lag, malte sich eine namenlose Bestürzung oder auch Schadenfreude auf den Gesichtern der Anwesenden. Flüsternde, murrende, fragende Gruppen bildeten sich in allen Ecken, ein Gewirr von Stimmen, Gelächter, Vorwürfen, Fragen und Antworten – alles tobte wie ein Chaos durcheinander und kein Mensch war da, der irgend eine Auskunft, irgend eine Lösung des verworrenen Rätsels hätte geben können.

*

Wo war unterdessen der Bräutigam? Das war vor der Hand die Hauptfrage, doch sie sollte zuerst gelöst werden, wie wir sogleich hören werden.

Der Legationsrat, den es nach dem eben Erlebten keine Minute länger in der Mitte von Menschen duldete, die mit den heiligsten Gefühlen ihres Nächsten ein so heilloses Spiel treiben konnten, hatte den Speisesaal geräuschlos und fast unbemerkt verlassen und war auf den Korridor hinausgetreten, um irgendwo in einem stillen Winkel den Aufruhr seines Innern austoben zu lassen und seine männliche Fassung wiederzugewinnen, die er äußerlich zwar nicht verloren zu haben schien, die aber doch im ersten Augenblick stark erschüttert war. Indessen auch diesmal rang sich sein kräftiger Geist rasch aus dem Wirrwarr des Augenblicks empor, sein Auge sah alles vor ihm Liegende klar und unverschleiert, und auf der Stelle war er zum Handeln entschlossen, wie es ihm jetzt vor allen Dingen erforderlich schien.

Ein Diener, der unbeschäftigt auf dem Flure lungerte, brachte ihn zunächst auf einen guten Gedanken. Er winkte ihn herbei und fragte ihn mit ernster Miene: »Können Sie mich auf ein stilles Zimmer führen, wo ich ungestört einige Worte schreiben kann?«

»Ja, Euer Gnaden. Ich bitte mir zu folgen.«

Bodo schritt dem mit einer brennenden Wachskerze voranschreitenden Diener nach und trat mit ihm in dasselbe Zimmer, worin einst der wichtige Familienrat abgehalten worden war. »Kommen Sie mit herein,« sagte er zu dem betroffenen Diener, »und schließen Sie von innen die Tür zu, damit niemand mich störe.«

Der Diener gehorchte und stand unbeweglich innerhalb der sogleich fest verriegelten Tür. Bodo aber setzte sich an den Schreibtisch des Barons, auf dessen offener Platte alles zum Schreiben Notwendige lag. Rasch ergriff er einen Bogen Papier, nahm eine Feder und warf mit hastigen Zügen folgende Worte hin:

»Herr Baron! Ich bin wider meinen Willen genötigt, auf der Stelle Ihr Haus zu verlassen. Es ist darin eine Infamie gegen mich verübt worden, als deren Teilnehmer auch Sie zu betrachten sich alle Fasern meines Innern sträuben. Ihr Haus, Ihre Gesellschaft, Ihre Familie ist mir dadurch auf ewig entfremdet, denn noch nie ist wohl das Gastrecht gegen einen Mann, der nie etwas Böses gegen Sie im Schilde geführt, auf eine gröbere Weise verletzt worden. Wie und wodurch das geschehen, wird Ihnen Ihr Schwager, Baron Haas, wenn er ein ehrlicher Mann ist, auf das Genaueste enthüllen können. Er allein hat die Verantwortung des Vorgefallenen auf sich genommen und er mag sie für sich und alle an seiner Tat Beteiligten tragen. Übermorgen vormittag elf Uhr – und ich bitte Sie, mich vor dieser Zeit weder durch schriftliche noch mündliche Erklärungen Ihrerseits beunruhigen zu wollen, – werde ich Ihnen an geeigneter Stelle eine Antwort auf die Frage erteilen, die Sie kraft der letzten Willensmeinung eines Verstorbenen, den ich, wie mein Schicksal sich auch wenden möge, stets als Sohn achten und ehren werde, von mir verlangen können, und diese Antwort, die Sie, meiner Meinung nach, eher mit Ruhe hätten erwarten, als vor der Zeit mit Gewalt herbeiführen sollen, was Sie wenigstens in meiner Achtung höher gestellt haben würde, wird hoffentlich das letzte Wort sein, welches ich jemals im Leben noch mit Ihnen zu wechseln verpflichtet bin. Feiern Sie Ihr heutiges Fest, von mir unbelästigt, bis zu Ende, und Ihr eigenes Gewissen wird Ihnen sagen, ob ich, ob Sie oder irgend ein anderer der Störenfried desselben gewesen ist.

Bodo von Sellhausen.«

 

Nachdem Bodo das Geschriebene noch einmal überlesen, faltete er das Blatt, siegelte und adressierte es und reichte es dem ihn aufmerksam beobachtenden Diener. »Hier,« sagte er, »diesen Brief übergeben Sie in zehn Minuten dem Baron Grotenburg, und so lange bleiben Sie in diesem Zimmer.«

Der Diener sah nach seiner Uhr, verbeugte sich und öffnete dann dem Legationsrat die Tür.

Dieser ging nun rasch nach dem Hofe und auf den Stall zu, der von fremden Pferden übervoll war, während es sich die Kutscher und Stallknechte in einem Gesindezimmer bei Braten und Wein wohl sein ließen. Ein einziger trunkener Kutscher lag auf einem Strohbund und schlief. Bodo nahm die neben ihm stehende Laterne und suchte sich sein Pferd unter den übrigen heraus. Er fand es sehr bald, denn es war noch gesattelt, nur das Zaumzeug hing vor dem Ständer an einem Haken.

Der alte Braune wieherte, als er die ihn anredende Stimme seines Herrn hörte. Schnell zäumte dieser ihn auf, zog den Sattelgurt fester, führte ihn aus dem Stall und schwang sich auf. Erst jetzt merkte er, daß er seinen Hut irgendwo im Hause gelassen, da er ihn aber nicht ohne Aufenthalt wieder bekommen konnte, ritt er im Trabe ab, und in wenigen Augenblicken hatte er die verhängnisvolle Zugbrücke hinter sich, so wie das hell erleuchtete Schloß des vornehmen Barons, dessen Gäste noch immer so laut tobten, lachten und durcheinander riefen, daß man ihre Stimmen bis weit auf das Feld hinaus schallen hören konnte.

Zehn Minuten später aber, während Bodo schon längst das freie Feld gewonnen, trat der Diener mit dem eben geschriebenen Brief in den Speisesaal und überreichte ihn dem Baron. Dieser empfing und las ihn – nicht mit Erstaunen oder Schreck – sondern mit einer an Betäubung grenzenden Verzweiflung. Kaum hatte er seinen Inhalt begriffen, so sank er ohnmächtig auf einen Stuhl und um ihn her stellte sich eine Szene so unbeschreiblicher Verwirrung, des Jammers, der Scham, der vollsten moralischen Niederlage dar, daß die Phantasie des Lesers sie sich weit besser zu zergliedern wissen wird, als unsere Feder sie zu schildern vermag.

Verlassen auch wir dies Haus mit unserm Freunde und geleiten wir ihn lieber in seine Heimat, der er anfangs mit leidenschaftlicher Hast, später aber mit der Ruhe eines guten Gewissens und der Zuversicht eines gegen alle Schicksalsschläge gestählten Herzens zueilte.

In der ersten Viertelstunde sah Bodo in der Tat nichts um sich her, sein Inneres flutete noch immer hoch auf, sein Herz pochte in heftigen Schlägen, und in seinem Kopfe wirbelte alles bunt durcheinander. Allmählich aber, als der kühlende Nachtwind durch sein unbedecktes Haar strich und ihm eine willkommene Labung damit zufächelte, wurde er ruhiger und sogar zufriedener, daß er einen Tag überstanden, wie ihn nicht viele Menschen in ihrem Leben zu überstehen haben, und daß ihm etwas Ähnliches fernerhin nie mehr begegnen könne. Als aber infolge dieses Gedankens seine Sinne sich klärten, als er sein Auge erhob und über sich den flimmernden blauen Sternenhimmel und den vollen Mond in prächtigem Glanze seine Bahn still und friedlich wallen sah, war ihm zu Mute, als ob er das große helle Nachtauge des ewig wachenden Gottes selbst auf sich gerichtet fühlte. Ein feierlicher Schauer durchzitterte ihn bei diesem tröstlichen Gedanken, der, er wußte nicht wie es kam, auf wunderbare Weise mit einer Art unbestimmter und ihm unerklärlicher Seligkeit verbunden war.

Lange blickte er zu diesem großen Nachtauge empor, während sein braves Pferd munter seinen Weg verfolgte, und endlich war sein Gemüt so weit beruhigt, daß er seine Gedanken in abgerissene Worte fassen und vor sich hinmurmeln konnte:

»Vorbei, vorbei! Mit denen bin ich fertig. Aber welche Schmach, welche Hinterlist, welche Frechheit von einem so alten Mann! Fort, fort von ihnen, ich will nicht mehr an sie denken. Sie liegen schon weit hinter mir und – vor mir – ah! nun begreife ich das selige Gefühl von vorher! Das ist es! Aber heute nicht mehr, heute nicht – ich bin nicht in der Stimmung dazu – morgen aber, morgen, dann haben wir einen Ruhetag, und den wollen wir nutzen!«

Eine Stunde später hatte er den Hof von Sellhausen erreicht und sah schon von weitem zu seiner Ueberraschung noch Licht im Zimmer der Treuhold, obgleich es nahe an Mitternacht war. Langsam ritt er in den Hof ein, gab sein Pferd dem alten Kutscher, der ihn, halb im Schlafe, erwartete und schritt nun leise die Rampe hinauf, um so wenig Geräusch wie möglich zu machen.

Die Haustür war noch nicht geschlossen, die Treuhold wachte also noch, und mit wachsamem Geiste, denn eine aufmerksame Gesellschafterin wachte mit ihr. Als der Legationsrat noch nicht die oberste Treppenstufe erreicht hatte, öffnete sich schon der guten Haushälterin Tür, und sie selbst trat mit einer brennenden Lampe heraus, den heimkehrenden Herrn mit freundlichem Gruß und Wort zu empfangen.

Aber wie erstaunte, wie erschrak sie, als sie ihren guten Herrn mit so bleichem Gesicht, unbedeckten Hauptes und mit vom Winde zerzausten Haaren vor sich hintreten sah. Rasch zog sie die Tür ihres Zimmers hinter sich zu und rief:

»Um Gotteswillen, mein lieber, teurer Herr, was ist Ihnen geschehen?«

»Still, Treuhold, still, machen Sie kein Geräusch!« flüsterte er rasch. »Mir ist nichts Übles begegnet – ich habe nur meinen Hut beim Reiten verloren. Heute aber kann ich Ihnen nichts mehr erzählen, ich bin müder und abgeschlagener als mir lieb ist. Morgen mit dem Frühstück sollen Sie alles hören, kommen Sie um acht Uhr zu mir hinauf. So – gute Nacht! Grüßen Sie Gertrud – herzlich!«

Er war schon den Korridor entlang geeilt und hatte die Treppe zu ersteigen begonnen, während die Treuhold sich nicht von der Stelle rühren konnte, so erschrocken war sie. Als sie aber nach einer Weile zu Gertrud ins Zimmer zurückkehrte, fiel sie fast auf einen Stuhl, und nur mit Mühe konnte das liebe Mädchen erfahren, was für einen seltsamen Anblick ihre Tante soeben gehabt.

Beide saßen bleich, furchtsam, sprachlos einander gegenüber, endlich aber schüttelte die Treuhold den Kopf und stöhnte dumpf vor sich hin: »Na, da ist etwas Merkwürdiges passiert, so viel ist gewiß. Aber wie einer, der sich eine Braut und eine Erbschaft geholt hat, sah er nicht aus.«

»Tante!« flüsterte Gertrud mit immer bleicher werdenden Wangen. »Wenn er so schrecklich aussah, wie du sagst, dann könnte man eben daraus schließen, daß man ihn dazu genötigt hat, diese Braut und die Erbschaft anzunehmen.«

»O mein Gott, Trude,« ächzte die alte Dame, »mögest du nicht recht haben. Aber es ist wahr – es kann so sein, wie du sagst, denn wenn er sich frei fühlte, würde er, so viel ich ihn kenne, froh und heiter blicken. O mein Kind, heute bitte ich dich, noch bei mir auf und munter zu bleiben, denn ich kann noch lange nicht schlafen gehen – und ach! was werden wir morgen zu hören bekommen!« –

Sie sollten auch wirklich noch lange nicht schlafen gehen und sogar noch heute viel Neues zu hören bekommen, was ihr Erstaunen, den Schrecken auf eine noch viel höhere Höhe zu erheben geeignet war. Nachdem beide wohl noch eine Stunde auf dem Sofa gesessen und über die vorliegenden Verhältnisse gesprochen hatten, hörten sie noch einmal die Hunde anschlagen und einen verspäteten Reiter in den Hof eintraben.

Es war Herr Hinz, der von seinem Freunde, dem Pächter der Grotenburgschen Güter zurückkam. Auch er sah noch das Licht in Fräulein Treuholds Stube durch die Vorhänge schimmern, und es zog ihn ganz wider Erwarten nach dem Herrenhause hinauf, obgleich er darin seine Wohnung nicht hatte.

»Fräulein Treuhold!« hörten die beiden Frauen ihn leise unter dem Fenster rufen. »Sind Sie noch auf?«

Die Treuhold öffnete das Fenster und sagte, daß sie noch munter sei, worauf sie fragte, was er von ihr wolle.

»Kann ich Sie nicht einen Augenblick sprechen?« lautete seine mit einer gewissen Hast gesprochene Antwort. »Ich habe Ihnen etwas höchst Wichtiges mitzuteilen.«

Zwei Minuten später stand er im Zimmer und erzählte – doch wir wollen dem Gange unserer Erzählung nicht vorgreifen. Es wird sich am nächsten Morgen auf andere Weise enthüllen, was er in so später Stunde den beiden Frauen so höchst Wichtiges mitzuteilen hatte. Lassen wir vielmehr die weit vorgeschrittene Nacht friedlich auf die so unruhigen und von qualvollen Schmerzen gepeinigten Herzen in Sellhausen niedersinken. Eine Sommernacht ist kurz; ihren geisterhaft dämmernden Schatten folgt rasch das Licht, wie der Schatten dann bald wieder dem Lichte folgt. So ist der ewige Wechsel im Menschenleben einmal von der Vorsehung eingesetzt – Flut und Ebbe, Glück und Unglück, Freude und Leid lösen sich ab im rauschenden Windesschritt, und wohl dem, der daraus die rosige Hoffnung schöpft, daß nach allem Unheil und Kummer auf dieser Erde einst auch das ewige Glück und die unvergänglichen Freuden folgen werden, die uns nun schon seit beinahe zweitausend Jahren aus dem Munde des göttlichsten der Menschen verheißen sind. –

Ende des dritten Bandes.


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