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Erstes Kapitel.
Der Familienrat.

Nicht viel weniger unruhig, obgleich in ganz anderer Weise, hatte man diesen Abend in Sellhausen zugebracht. Fräulein Treuhold und Gertrud hatten berechnet, daß der Legationsrat, wenn er zwei Stunden auf der Cluus bliebe, was für einen ersten Besuch, namentlich unter den bekannten Umständen, eine ziemlich lange Zeit war, doch schon um sieben Uhr wieder auf seinem Gute zurück sein könne, aber er war weder zu dieser Stunde, noch um acht, noch um neun Uhr eingetroffen und von nun an gaben sich die beiden Frauen einer lebhaften Unruhe hin. Sie konnten sich auf keine Weise erklären, was den Herrn so lange auf seinem Wege aufhalte; und wie man stets bei solchen Gelegenheiten eher an ein Mißlingen irgend eines Planes oder Unternehmens, das heißt also eher an ein Mißgeschick als an das Gegenteil denkt, so war es auch hier der Fall und namentlich die erregbare Phantasie der älteren Dame malte sich die seltsamsten Verhältnisse und Ereignisse aus.

Endlich aber gab sie der schon wiederholt von Gertrud geäußerten Vermutung Gehör, daß ihr lieber Herr beim Meier eingekehrt sei, und bei diesem Glauben blieb sie bis um halb zehn Uhr, wo der Verwalter, der in der Stadt gewesen war, zurückkam und erzählte, daß er den Meier vor der Tür seines Hauses gesprochen und von ihm gehört habe, daß Herr von Sellhausen keinen Augenblick bei ihm gewesen und allem Vermuten nach bis zum späten Abend auf der Cluus geblieben sei.

Die beiden Frauen warfen sich bei diesem Berichte einen bedeutungsvollen Blick zu und waren froh, als Herr Hinz sie bald darauf wieder verließ und sie ihre Gedanken nun in Worte kleiden konnten.

»Das will mir nicht gefallen,« sagte zuletzt Fräulein Treuhold, – »was meinst du, Gertrud?«

»Ich meine gar nichts, Tante. Wer kann wissen, was auf der Cluus vorgefallen oder welchen anderen Weg Herr von Sellhausen eingeschlagen hat?«

»Nein, nein, er hat keinen anderen eingeschlagen, ich kenne ihn darin. Er reitet nie lange in der Irre umher und kommt gar zu gern früh nach Hause; ich weiß es bestimmt.«

»Nun, dann gedulde dich,« versetzte Gertrud mit fester Entschlossenheit, »du kannst hier nichts anderes tun als warten!«

Fräulein Treuhold rollte ihr Strickzeug zusammen und legte es fort. Nach einer Weile, die sie unruhig hin und her gehend verbracht, sagte sie mit fast eigensinniger Bestimmtheit: »Aber ich bleibe auf, wenn er auch die ganze Nacht nicht kommt. Ich muß wissen, was vorgeht.«

Gertrud lächelte still vor sich hin. »Das wirst du wohl nicht erfahren,« sagte sie nach einer Weile, ihre Bücher und die jüngst erhaltenen Kupferstiche nun ebenfalls zuschlagend und beiseite bringend. »Herr von Sellhausen wird nicht überaus redselig sein, wenn er so spät nach Hause kommt.«

»Wer weiß es! Etwas spricht er immer und ich lese wenigstens auf seinem Gesicht, ob er Glück oder das Gegenteil gehabt hat.«

Plötzlich hob Gertrud das sanfte, schöne Gesicht gegen die Tante auf, als sei ihr ein neuer Gedanke in den Kopf gefahren. »Was gibt's?« fragte das alte Fräulein rasch. »Hast du dir etwas ausgedacht?«

»Ja,« entgegnete Gertrud leise, als dürfe niemand ihren Gedanken vernehmen; »am Ende ist er so still nach Hause gekommen, wie damals, als er auf der Grotenburg gewesen.«

Fräulein Treuhold blieb mitten in ihrem Gange stehen und sah ihre Nichte groß und verwundert an. »Bei Gott, du kannst recht haben,« rief sie, »daran habe ich noch gar nicht gedacht. Das muß ich gleich untersuchen!«

Sie zündete einen Wachsstock an und verließ das Zimmer, Gertrud in einer größeren Spannung zurücklassend, als sie vermutete. Als die alte Dame gegangen war, trat Getrud ans Fenster, öffnete es, horchte hinaus und schloß es dann nach einer Weile wieder. »Nein, nein,« sagte eine innere Stimme zu ihr, die sich immer mehr Bahn brach, »er ist noch nicht da; er ist – ich hoffe, ich wünsche es, – bei Tante Grete geblieben. Doch still – da kommt Tante wieder!«

Fräulein Treuhold trat langsam zur Tür herein, blies ihren Wachsstock aus und sagte: »Nein, das war ein Irrtum, Liebe. Sein Zimmer ist leer und Rieke patrouilliert auf und ab auf dem Gange, sie hat sich das Nämliche gedacht, was du vorher sagtest.«

Die beiden Frauen setzten sich nun an das Fenster, sprachen noch einiges über den vorliegenden Fall und horchten dabei fleißig nach dem Hofe hinaus. Es war schon elf Uhr, soeben verkündeten die verschiedenen Uhren im Hause die späte Stunde mit lautem Schlage.

Da sollte ihre auf das Höchste geschraubte Erwartung endlich gestillt werden. Etwa fünf Minuten waren nach dem letzten Schlage wieder verrauscht, da schlugen die Hunde auf dem Hofe heftig an.

Fräulein Treuhold riß ein Fenster auf und lauschte hinaus, hinter ihr Gertrud, mit gleicher Aufmerksamkeit und hoch schlagendem Herzen das Ohr nach dem Hofe richtend. Gleich darauf hörte man ein rasch herantrabendes Pferd die Steine des Pflasters berühren, der Reiter ritt eilig durch das Tor und hielt vor dem Pferdestalle – er war es, Herr von Sellhausen war endlich nach Hause gekommen.

Wenige Minuten später hörte man ihn die Rampe ersteigen und nun nahm Fräulein Treuhold die Lampe vom Tisch und trat mit glühendem Gesicht und mit vor Aufregung blitzenden Augen dem Ankommenden auf dem Flur entgegen.

Soeben öffnete Bodo die Haustür. »Guten Abend, Fräulein Treuhold!« rief er mit einer Stimme, die frisch und heiter klang, so heiter, daß Gertrud sich nicht enthalten konnte, zu sich selbst zu sprechen: »Gott sei Dank! Ich werde das Rechte getroffen haben!«

Bodo trat in das Zimmer. »Was!« rief er freudig, als er Gertrud sah. »Sie sind auch noch wach? Ah, das ist hübsch, das habe ich nicht mehr erwartet. Nun, da bin ich, aber freilich ist es etwas spät geworden.«

Dabei reichte er erst der alten Dame, dann Gertrud die Hand, sah beide freundlich an und nahm sogleich seinen Platz in der Sofaecke ein.

Die Augen der beiden Frauen hafteten jetzt fast gleich scharf auf dem Gesichte des Legationsrats und bemerkten auf der Stelle, was zu bemerken war. Sein Gesicht strahlte von innerer Zufriedenheit, seine Miene trug einen unaussprechlichen Ausdruck der Behaglichkeit und in seinen Augen lag ein so warmer, lebensvoller Glanz, wie beide ihn noch nie an ihm wahrgenommen hatten.

»Aber mein Gott,« begann Fräulein Treuhold wie gewöhnlich ihre Frage, »wo sind Sie denn so lange gewesen, Herr Legationsrat? Wir haben uns beinahe die Augen nach Ihnen ausgesehen und konnten uns Ihr Ausbleiben gar nicht erklären.«

Bodo warf einen raschen fragenden Blick auf Gertrud, und da diese stillschweigend dasselbe zu sagen schien, nickte er erfreut und erwiderte: »Sie wußten ja, wo ich war – auf der Cluus.«

»Auf der Cluus? So lange? Die ganze Zeit? Das ist doch wohl nicht möglich!«

»Doch, liebe Alte!« erwiderte Bodo mit freudiger Hast. »Ich kam erst nach drei Uhr hin und hielt mich etwas im Fährhause auf. Dann führte ich mit der alten Dame fast zwei Stunden lang ein ernstes Gespräch –«

»Und dann?« fragten Gertruds wie Diamanten blitzende Augen mit einer Sprache, die zu entziffern dem Legationsrate keine allzu große Mühe verursachte.

»Dann,« fuhr er fort, seine Worte mehr an Gertrud als an die Treuhold richtend, »dann führte mich Frau Birkenfeld in ihren Garten, zeigte mir alles und jedes und ich mußte mit ihr zu Abend speisen und köstlichen Johannisberger trinken. Sehen Sie also da – wie sehr ich mir Ihre Ratschläge zu Herzen genommen habe und wie wenig heftig ich gewesen bin!«

Über Gertruds liebliches Gesicht breitete sich plötzlich eine tiefe Purpurglut aus. »Wie,« rief sie verwundert und doch erfreut aus, »Tante Grete hat Sie in ihren Garten geführt?«

»Ja, mein Fräulein, gewiß. Warum sollte sie nicht?«

»Nun, dann sind Sie ihr sehr willkommen gewesen, denn im Garten nimmt sie nur wenige Menschen an.«

»Es scheint so,« erwiderte Bodo, stand auf und goß sich ein Glas Wasser ein, das in einer Karaffe frisch auf dem Tisch stand.

»Das ist Gertruds Glas! Hier ist ein reines!« fuhr Fräulein Treuhold auf und trat hastig gegen den Tisch heran.

Bodo aber hatte das Glas schon an die Lippen gesetzt, lächelte dabei, trank es rasch ganz leer und setzte es dann beiseite, indem er zu Gertrud sagte: »Verzeihen Sie – aber es hat mir trefflich geschmeckt! Es scheint,« fuhr er dann fort, »daß es auf der Cluus so war, wie Sie soeben sagten, oder vielmehr, ich habe den Beweis erhalten, daß ich dort wirklich willkommen war, obgleich es im Anfange nicht so schien. Als wir uns aber erst gegenseitig näher kennen gelernt, ging der alten Frau das Herz auf und so plauderten wir bis nach neun Uhr. Dann erst ritt ich eiligst heim und hier bin ich, herzlich müde und doch seelenfroh.«

Gertrud schlug unwillkürlich die Hände zusammen, sie konnte ihre Freude kaum stillschweigend tragen, aber was sie sagte, lautete nur: »O, wie wird mein Vater sich freuen!«

»Wir wollen ihn morgen besuchen, Fräulein Gertrud, wir alle drei – wollen Sie mit?«

»Wie Sie so fragen können!« entgegnete Fräulein Treuhold, an welche die letzten Worte gerichtet gewesen. »Aber nun sagen Sie mir doch, wie hat Ihnen Frau Birkenfeld gefallen? Sie ist wohl am Ende nicht so schlimm, wie die Leute sagen?«

Bodo lächelte auf eine etwas geheimnisvolle Weise.

»Ah,« versetzte er, »Sie wollen nur auf den Zahn fühlen. Na, das habe ich mir wohl gedacht. Allein ich kann Ihnen nur soviel sagen, daß man dieser alten Frau großes Unrecht tut, wenn man so herzlos und absprechend über sie urteilt. Im Gegenteil, Ihr Vater, Fräulein Gertrud, hat sehr recht gehabt, als er ihr gutes Herz pries. Sie hat wohl ihre Eigenheiten, aber wer hat die nicht, zumal, wenn er alt wird? Im ganzen jedoch halte ich sie für eine unglückliche Frau –«

»Für eine unglückliche?« fragt Gertrud verwundert.

»Ja, gewiß. Sie ist längst über die jetzige Generation hinausgerückt, hat sie überlebt und das meiste verloren, was sie liebte; nur durch die gebrechlichen leiblichen Bande wird sie noch an die Erde geknüpft. Gerade darum, weil ich das in ihrer Nähe fühlte, dauerte sie mich und ich gewann sie schneller lieb, als ich es für möglich hielt. Doch ich will Sie beide nicht länger aufhalten. Hören Sie nur noch meine Pläne für die nächsten Tage. Doch halt – ich wollte Ihnen noch sagen, liebe Treuhold, daß Frau Birkenfeld uns nächstens besuchen wird.«

»Wie?« riefen beide Frauen, aus verschiedenen Gründen erstaunt, in einem Atem aus, »sie will Sellhausen besuchen?«

»Das will sie, ja, und ich freue mich schon im voraus darauf. Wir wollen Sie herzlich und warm empfangen, wie es uns wirklich ums Herz ist. Und daß sie kommt, will ich morgen Ihrem Vater selbst sagen, Fräulein Gertrud.«

Gertrud blieb stumm vor innerer Bewegung und erging sich nur in dem Gedanken, was ihr Vater zu dieser Neuigkeit sagen würde.

»Sie sprachen von Plänen?« fragte die immer neugierige Treuhold.

»Ja, so hören Sie denn! Morgen mittag also wollen wir nach Allerdissen. Sie können fahren und ich werde reiten. Übermorgen machen wir einen Ausflug nach Breitingen. Ich habe Verlangen, die stille Pfarre wiederzusehen, und dann wollen wir den Prediger und seine hübsche Frau zum nächsten Tage hierher laden, damit Fräulein Gertrud doch auch einige Abwechslung hat.«

»Sie sind außerordentlich gütig!« flüsterte Gertrud. Mehr und lauter konnte sie vor Freude nicht sprechen.

»Aber mein Gott,« fragte Fräulein Treuhold wieder, »wollen Sie denn nicht auch bald nach der Grotenburg?«

Bodos Gesicht überschattete eine düstere Wolke. »Das hat Zeit,« erwiderte er, »und Sie hätten besser getan, meine Gedanken heute nicht mehr in die Richtung zu lenken. Indessen – nur nicht verzagt, liebe Freundin« – und er klopfte ihr freundlich die Wange, da sie betreten den Kopf senkte – »es tut nichts – die Gedanken sind mit Flügeln begabt und – husch, sind sie schon wieder in andere Richtung gelenkt. Jetzt aber gute Nacht, meine Damen, und ich danke Ihnen, daß Sie mich noch erwartet haben.«

Er grüßte beide freundlich, nahm ein Licht und ging rasch aus dem Zimmer, viel rascher, als er sonst zu gehen pflegte, wenn er schlafen ging.

Als er fort war, blieben die beiden Frauen vor einander stehen und sahen sich verwundert an. »Na, das muß ich sagen,« entschlüpfte es Fräulein Treuhold ganz leise, »der ist in einer merkwürdigen Stimmung. So habe ich ihn noch nie gesehen.«

»Ich erkläre es mir leicht,« erwiderte Gertrud mit ruhig nachdenklichem Gesicht. »Er hat sich auf der Cluus keinen so warmen Empfang versprochen, wie er gefunden und das tut immer wohl, Tante.«

»Was du klug bist, Kind! Aber ich glaube, du hast recht. Doch jetzt komm, wir wollen auch schlafen geben. Ah, nun lege ich mich ruhig zu Bette – ein großer Stein ist wieder von meiner Brust gewälzt!« –

*

Wie der Legationsrat es gesagt, so geschah es. Am nächsten Tage nach Tische besuchte er mit Gertrud und ihrer Tante den Meier und brachte in dessen Hause einige glückliche Stunden zu, wie er auch dem Meier mit der Erzählung seines unerwarteten Erfolges auf der Cluus eine große Freude bereitete. Am zweiten Tage fuhr und ritt man nach Breitingen, und den Tag darauf verlebte die Pfarrersfamilie auf Sellhausen. Am darauffolgenden Tage war der Meier zum Besuche gekommen und so ging fast eine ganze Woche in ununterbrochener stiller Freude hin, während welcher Zeit der Legationsrat stets die beste Stimmung behielt und noch mancherlei von der alten Einsiedlerin auf der Cluus erzählte, wofür namentlich der Meier und Gertrud stets offene Ohren hatten. Den seltsamen Gesprächsgang zwischen der alten Frau und ihm aber offenbarte er nicht, und doch merkte ihm der kluge Meier wohl an, daß er nicht so freundlich empfangen wie entlassen worden sei. Indessen drang er nicht in ihn, das Nähere darüber hören zu lassen; er war ein Mann, der das Schweigen anderer zu achten wußte und sich nie um Dinge bekümmerte, die ihn, wie man zu sagen pflegt, nichts angingen, obwohl das Verhältnis zwischen Frau Birkenfeld und dem Legationsrat ihm ernstlicher am Herzen lag, als er sich gegen irgend jemand mit einziger Ausnahme seiner Tochter merken ließ. –

In keiner so angenehmen Gemütsstimmung und mit viel geringerer Seelenruhe sahen dagegen die auf der Grotenburg lebenden Personen die Tage verfließen und unaufhaltsam die Zeit näher heranrücken, die für ihre gegenwärtigen und zukünftigen Interessen eine so große Bedeutung gewonnen hatte. Dem Baron vor allen war sein Besuch auf Sellhausen, der den Beweis seiner diplomatischen Fähigkeiten hatte liefern sollen, eine Quelle unsäglicher Verdrießlichkeiten und Demütigungen geworden und er dachte jetzt nur noch mit einem Schauer geheimer Angst daran zurück, wenn irgend jemand in seiner Umgebung nur die geringste Anspielung darauf versuchte.

Anfangs zwar, als er in dem rauschähnlichen Zustande der Befriedigung und der Hoffnung nach Hause zurückgekehrt war, hatte er diesen Besuch selbst für ein Meisterstück geistiger Überrumpelung gehalten und auch der Baronin goldene Berge als den nächsten Erfolg desselben verheißen. Allein die stürmisch vorgebrachten Ergießungen in Betreff seiner geistreichen Unterhaltung mit dem Legationsrat waren im ganzen überaus verworren gewesen, die Baronin wenigstens war nicht ganz klug geworden und sie hatte über die schnellfüßigen Illusionen ihres Gemahls bedenklich den Kopf geschüttelt, da er in seinem überreizten Zustande von gar keinen Schwierigkeiten mehr in bezug auf die bevorstehende Verbindung seiner Tochter hatte wissen wollen.

Jedoch schon nach wenigen Stunden und namentlich am nächsten Morgen entdeckte der Baron selbst, daß er merkwürdig nüchtern geworden war, und jetzt kam ihm die Sachlage ein wenig anders vor, als er sie am Tage vorher aufgefaßt und verkündigt hatte. Der übermütige Rausch seines bevorstehenden Triumphs war verflogen, seine Siegesgewißheit hatte einer bedenklichen Besorgnis Platz gemacht und nur die bestimmte Hoffnung auf einen baldigen Besuch des lieben Vetters und Schwiegersohnes » in spe« hielt ihn aufrecht, indem sie ihm noch einige Aussicht auf eine gewissermaßen günstige Wendung der Dinge übrig ließ. Allein je mehr Tage verstrichen, ohne daß der so sehnlichst Erwartete kam, um so entmutigter wurde der Baron, und endlich sah er nur zu deutlich ein, daß sein diplomatischer Versuch eigentlich mehr geschadet als genützt habe, indem er ihn in eine zweifelhafte Stellung gebracht, die noch unerträglicher als die schlimmste Gewißheit war.

Wenn er nun aber schon in seiner eigenen Haut sich unbehaglich genug und über alle Maßen besorgt fühlte, so war ihm noch ein viel unbequemerer Druck von seiten seiner Gemahlin aufgebürdet. Ihr gegenüber lag er, nachdem erst drei oder vier Tage unter vergeblicher Erwartung des Legationsrates verstrichen, im wahren Sinne des Worts auf einer kaum erträglichen Folter. Die von Hause aus schon leicht zu heftigen Auftritten geneigte Frau, sobald etwas nicht ganz nach ihrem Kopfe ging, war entrüstet über den nachlässigen Freier, den sie leider nach seinem täuschenden Aussehen zu günstig beurteilt, und da sie ihren Groll nicht über ihn selbst ausschütten konnte, so mußte der arme Baron herhalten, der ja in ihren Augen auch die meiste Schuld an dem vorläufigen Mißlingen des großen Planes trug. Und um so erboster trat sie gegen den schwachen Mann auf, als sie seiner diplomatischen Heldentat anfangs Glauben geschenkt, seinen Versicherungen getraut und sich infolge davon in glänzenden Träumen einer durchaus wolkenlosen Zukunft gewiegt hatte.

Zunächst nun, als sie keinen Erfolg jener gerühmten Heldentat sah, bekrittelte und bespöttelte sie mit giftigen Worten seine Leistungsfähigkeiten in so delikaten Sachen überhaupt; dann griff sie seine Leichtgläubigkeit und Verblendung mit wahrhaft dämonischen Sticheleien an und plagte den armen Mann vom Morgen bis zum Abend unablässig mit Vorwürfen und Anklagen, auf die er in seiner an Vernichtung grenzenden Niedergeschlagenheit keine Antwort mehr vorbringen konnte.

Bittere, bittere Worte, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem seltsamen Chaos durcheinander warfen, machten sich auf diese Weise zwischen den Wänden der stolzen Grotenburg vernehmbar, und zuletzt, als bereits acht Tage verstrichen waren, ohne daß man auch nur irgend eine Nachricht vom Legationsrat empfangen, trat ein Krieg des Schweigens und Grollens ein, in dem nur durchbohrende Blicke gleich glühenden Kugeln abgeschossen wurden, die den Baron mitten ins Herz trafen, so daß er endlich das Feld zu räumen beschloß, da ihm sein glänzendes Haus zu einer siedenden Hölle und seine Gemahlin darin zu einer unnahbaren Furie zu werden anfing.

So flüchtete er denn zu seinen Schwägern, ritt einen Tag nach dein Kolkhof, wo er seinen Unmut in dem süßen Weine des guten Haas ersäufte, und den andern nach Kranenberg, um sich durch die Trostsprüche der frommen Theodelinde zu stärken, die ihm, wie auch sonst schon in ähnlichen Lebenslagen, das einzige gegenwärtige und zukünftige Heil in den Segnungen der allein seligmachenden Kirche vor Augen führte.

Allein die flüssigen Trostgründe des einen waren so wenig geeignet, seinen Kummer auf die Dauer zu bannen, als das Gebet und die frommen Sprüche der anderen, und der Baron kehrte mit gänzlich zerknirschtem Gemüte in seine vier Pfähle zurück, um in männlicher Ergebung – das Haupt unter das schwere Joch zu beugen und sein Schicksal ruhig hinzunehmen, da es für den Augenblick keine Abhilfe dagegen gab.

Jedoch, wenn wir hier nur einen oberflächlichen Blick auf die beiden Gatten in der Grotenburg geworfen haben, da uns eine nähere Auseinandersetzung ihres »zarten« Verhältnisses zu weit abseits führen würde, so müssen wir auch noch einen zweiten auf die Hauptperson werfen, die, wenn sie ähnlich wie ihre Mutter empfand, gewiß unsäglich tief leiden und nie dagewesene Schmerzen ausstehen mußte. Allein dem war durchaus nicht so.

Fräulein Klotilde hatte sich zwar anfangs durch das unerwartete längere Ausbleiben des Legationsrates, der ihr zu gefallen »begonnen«, gekränkt gefühlt, jedoch bis in das Herz war der Stich nicht gedrungen, der ihrer Mutter, und noch mehr ihrem Vater, so heillose Sorgen bereitete. Sie gehörte nicht zu jenen empfindlichen Wesen, deren Nerven in krampfhafte Schwingung oder Zuckung geraten, wenn ihnen irgend ein Plan mißlingt oder ein kurzer Sommernachtstraum sich in Nebel und Schatten auflöst, und der Grund davon lag darin, daß sie kein Herz besaß, wie andere Frauen, daß sie nur ein leises Prickeln fühlte, wo andere einen tiefen Schmerz empfanden, daß sie, mit einem Wort, mit dem Geiste kaltsinniger Gleichgültigkeit begabt war, der sich über alles hinwegzusetzen vermochte, was nicht in ihrer eigenen Seele entsprungen war, und diese Verbindung mit Herrn von Sellhausen war keineswegs daraus hervorgegangen, man hatte ihr dieselbe als einen dringenden Wunsch der Eltern, als ein äußerst notwendiges und dabei angenehmes Hilfsmittel für eine gewisse bedrängte Lage vorgestellt, und folglich schien sie sich selbst mehr das Opfer blinder Elternzärtlichkeit als eine selbstagierende Person zu sein, die dergleichen Verhältnisse aus eigener Machtvollkommenheit zu schließen fähig ist.

So kam es denn, daß sie das Schmollen und Grollen der Mutter mit scheinbar ergebener Resignation, in Wahrheit aber mit höchst gleichgültiger Lässigkeit betrachtete, daß sie auf den ratlosen Vater mit höhnischem Kopfschütteln blickte und ihn sogar im stillen bedauerte, daß er keine Hilfe für sich wußte, wo er so sehr derselben zu bedürfen schien – eine Art und Weise kindlich lieblosen Betragens, die ihre Mutter für den Ausfluß einer ergebungsvoll duldenden schönen Seele hielt und rühmte, wodurch ihr Zorn gegen den schlaffen Gemahl und den »Mann ohne Anstand und Bildung« auf Sellhausen, der seinen leider mißbrauchten Adel allein der Protektion ihrer Familie verdankte, nur noch heißer angefacht wurde.

So lagen die Verhältnisse in der Grotenburg, während Bodo und seine Freunde gemütlich miteinander verkehrten und einen Tag nach dem andern in größter Ruhe verstreichen sahen, ohne daß ersterer auch nur die geringste Lust verspürte, sein Pferd satteln zu lassen und nach dem Baronssitze zu reiten, wo er dennoch mit seltsam gemischten Gefühlen des Hasses und der lebhaften Sehnsucht immer und immer wieder erwartet wurde. –

Der Monat Juni ging allmählich zu Ende, und nichts hatte sich in der allgemeinen Sachlage geändert. Am letzten Tage dieses Monats aber – es war ein böser Regentag – schien sich ein neuer Sturm über den ehegattlichen Himmel in der Grotenburg zusammenziehen zu wollen, denn schon früh morgens erhielt der Baron von seiner Gemahlin eine Botschaft, daß sie ihn um zwölf Uhr mittags in ihrem Zimmer zu sprechen wünsche.

Als der Baron diese Botschaft empfing, erschrak er heftig und fühlte ein leises Beben in allen Gliedern; wie aber in den bewegtesten und hoffnungslosesten Momenten unseres Lebens uns oft die heilsamsten Entschlüsse gleichsam aus der Luft angeweht kommen, so erging es auch ihm – es tauchte plötzlich ein Gedanke in ihm auf, von dem er sich Hilfe in der Not versprach, und mit diesem ausgerüstet, schritt er getrost der Zusammenkunft mit der »teuren Amalie« entgegen.

Die Baronin saß oder lag vielmehr, die heiße Stirn unablässig mit »kühlender« Eau de Cologne waschend, auf ihrer Chaiselongue, als der Baron eintrat. Ihre Brust keuchte schwer, als hätte sie eben einen schmerzhaften Nervenanfall überstanden, und ihre bleichen Wangen, die von schlaflosen Nächten zeugten, hatten diesmal sogar die verschönernde Schminke verschmäht, um »das Bild gräßlichen Jammers« mit voller Macht und in ganzer Wahrheit auf den duldsamen Gemahl wirken zu lassen.

Der Baron seufzte, als er seine Gemahlin in diesem aufgeregten Zustande erblickte, kaum wagte er das Auge gegen sie aufzuschlagen, und er stammelte daher seinen »guten Morgen, liebe Amalie!« mit dem süßesten Stimmlaut, den seine gequälte Ritterbrust hervorbringen konnte.

Die Baronin antwortete ihm nichts auf diesen Gruß, sondern fing heftig an zu weinen, indem sie das Gesicht in das duftende Tuch verbarg – ein Symptom, welches den Baron unzweifelhaft ermutigte, da er aus Erfahrung wußte, daß, wenn erst diese Krisis eintrat, die eigentliche Tobsucht vorüber und die Gewalt des Angriffs gegen ihn selber gebrochen sei.

»Du weinst, Amalie,« sagte er weich. »O, wenn du wüßtest, wie weh mir das tut!«

Die Baronin erhob ihr in Tränen von Eau de Cologne schwimmendes Auge zu dem Gemahl und sah ihn verwundert an, denn seine seltsame Weiche und Milde setzte sie in Erstaunen.

»Du willst mir etwas sagen,« begann sie, »sprich, ich erwarte deine Meinung.«

»O nein,« erwiderte er, »du hast mich ja rufen lassen, um mir ohne Zweifel deine – deine Meinung auszusprechen.«

»Ich bin damit zu Ende – ich weiß nichts mehr. Die letzte kummervolle und schlaflose Nacht hat meine Kraft gebrochen, und ich appelliere an deine Mannesehre, daß du mir, dir, uns allen zu helfen wissen wirst.«

Der Baron atmete auf. »Ja,« versetzte er, sich mannhaft aufrichtend, »ich habe einen Plan gefaßt, Amalie, und den wirst du hoffentlich billigen.«

Die Baronin erhob sich etwas aus ihrer Lage und lächelte unter Tränen. »Sprich, mein wackerer Grotenburg,« sagte sie mit ermutigendem Tone, »was ist das für ein Plan? Willst du noch einmal nach Sellhausen, um –«

»Bitte!« rief der Baron mit flehendem Blick und abwehrender Hand. »Nein, nein, Teuerste, fürs erste nicht, oder es müßte denn – aber ich habe einen anderen Plan. Mit einem Wort: ich habe mich zur Abhaltung eines Familienrates entschlossen und will meine Schwäger berufen, um ihnen ernst und würdig, wie eine solche Sache es verlangt, meine und deine Sorgen vorzulegen und gemeinsam mit ihnen die weiteren Schritte zu unserer – unserer Unternehmung zu überlegen.«

Die Baronin sprang auf – die schon halb verlorene Kraft und mit ihr der Mut und die Lebenslust kamen rasch wieder. »Das billige ich,« rief sie, »und nun kein Wort mehr darüber, alles weitere ist unnütz. Ja, ein Familienrat!« wiederholte sie mit stolzer und würdevoller Kopfschwenkung – »das ist ein glücklicher Gedanke, und ich gratuliere dir dazu.«

Der Baron atmete noch tiefer auf, als vorher. »Ich wußte es,« sagte er, »daß du mir beistimmen würdest, Geliebteste, ich kenne ja deine große Seele und deine Kraft –«

Die Baronin hob mit einer gebieterischen Miene die Hand gegen ihn auf, daß er schweigen solle, und er schwieg auf der Stelle. »Zu welchem Tage wirst du den Familienrat einberufen?« fragte sie.

»Zu morgen, dem ersten Juli, denn die Zeit drängt, und wir müssen bald über unsere Handlungsweise einig werden.«

»So tue es sogleich, ich billige es. Geh – bis heute abend werden wir Antwort von den Schwägern haben.«

Der Baron war froh, als er wieder in seinem Zimmer stand. Sein Gedanke hatte gezündet, er mußte also gut gewesen sein. Er setzte sich sogleich an den Schreibtisch und entwarf zwei Briefe, worin er die Schwäger zu einem wichtigen Familienrat Punkt drei Uhr nachmittags auf sein Schloß beschied und von ihrer »brüderlichen Liebe und ritterlichen Ehre« erwartete, daß sie mit allen ihren Fähigkeiten erscheinen würden, um ihm aus dem heillosen Dilemma zu helfen, in das er und seine ganze trostlose Familie gefallen sei.

Der Bote ritt mit den wichtigen Schreiben ab, und nun trat eine wohltätige Ruhe in der Grotenburg ein, wo einstweilen Friede und Übereinstimmung herrschte, wie selten zuvor, denn auch Fräulein Klotilde hatte sich dem Vorschlag der Eltern genehm gezeigt und ihr eigenes Wohl und Wehe dem Beschlusse des großen Familienrats unterworfen.

*

Der erste Juli war angebrochen, und auf der Grotenburg machten sich schon zeitig die Anordnungen zur würdigen Abhaltung des wichtigen Familienrates bemerklich. Die Versammlung sollte nach dem Willen der Baronin eigentlich in einem der prunkvollen Gemächer abgehalten werden, die man für hohe Gäste aufzubewahren pflegte, da aber der Baron behauptete, weder Baron Kranenberg, noch Baron Haas würden sich bei so anstrengender Arbeit das Rauchen versagen können, gab die Baronin endlich nach und räumte ein, daß auch das Wohnzimmer ihres Gemahls würdig genug für die Beratung sei. So wurde denn alles bereit gemacht, und der Leibjäger des Barons erhielt Befehl, gleich nach Ankunft der Herren den Kaffee zu servieren, dann aber in bescheidene Ferne sich zurückziehen.

Ein Familienrat war in der Grotenburgschen Familie immer ein sehr ernster und nur bei höchst wichtigen Veranlassungen gebräuchlicher Akt gewesen. So nahmen ihn die beiden Schwäger auch jetzt auf, und pünktlich kamen sie in ihren Equipagen angerollt, stellten sich nur wenige Augenblicke mit würdevollen Mienen den Damen vor und folgten dann dem Familienhaupte in sein Zimmer, wo ein großer, feierlich behangener Tisch, mit Kaffeegeschirr, Zigarren und Zubehör beladen, sie schon »in vollem Ornate« erwartete.

»Schlechtes Wetter, Brüderchen!« sagte Baron Haas zu Ambrosius, ans Fenster tretend und nach dem trüben Himmel hinaufschauend, der bis vor einer Stunde einen Regenschauer nach dem andern niedergesandt hatte. »Stimmt einen recht melancholisch! Paßt ganz zu dem verteufelten Geschäft, was wir heute vorhaben, denn ich kann mir denken, was wir hören werden.«

Baron Kranenberg strich sich mit seiner großen Hand über den kahlen Schädel, als wollte er sich überzeugen, ob er auch noch fest und dauerhaft sei, brannte dann eine Zigarre an und trat zu seinem Schwager, der eben eine Tasse Kaffee in der Hand hielt und behaglich ein Stück Kuchen eintauchte.

»Ja, es ist schlecht Wetter, lieber Haas,« sagte er, »wenns nur nicht bis zur Ernte so bleibt. Aber Grotenburg komm mal rasch her – wer ist denn das, der da wie rasend über das Feld geritten kommt – mein Gott, ist das nicht Pilatus der Zweiundzwanzigste?«

Baron Grotenburg, der sich bisher noch irgend etwas an seinem Schreibtisch zu schaffen gemacht und den Jäger eben fortgeschickt hatte, kam eilig herbeigesprungen, warf einen Blick durch das Fenster und rief: »So wahr ich lebe, er ist's! Na, der kommt mir jetzt immer zur unrechten Zeit. Da wollen wir unsern Kaffee nur langsam trinken, ein paar Worte mit ihm reden und ihn dann zu den Damen schicken.«

Herr von Bökenbrink kam in der Tat ziemlich durchnäßt, trotzdem er einen Regenrock trug, auf dem Wege vom Felde her geritten, und zwar in solcher Hast, als habe er eine Botschaft auf Leben und Tod zu überbringen. Auf dem Hofe angelangt, sprang er geschickt aus den Bügeln, gab seinem edlen Pferde einen wütenden Fußtritt in die keuchenden Flanken und trat dann, von dem Jäger geführt, in seltsam heftiger und ungestümer Weise bei den Baronen ein, die er mit kurzen Worten begrüßte und deren verwunderte Gesichter ihn nur noch mit neuer Leidenschaft zu erfüllen schienen. Denn der kleine, steife Mann sah erhitzt und wütend aus, wie ihn noch keiner seiner Freunde gesehen; er warf seinen triefenden Hut heftig auf einen Stuhl und reckte sich dann straff in die Höhe, als suche er wieder seine gewöhnte majestätische Haltung anzunehmen.

»Aber, mein Gott, lieber Bökenbrink,« rief Baron Grotenburg, »was haben Sie denn? Sie sehen ja aus, als ob Sie eben aus der Kampagne kämen und eine große Schlacht verloren hätten?«

»Auf Ehre!« war Pilatus XXII. erstes Wort, »ich glaube es wohl. Aber den Racker – schieß ich tot! Er hat mich völlig decontenanciert!«

»Aber was ist denn los?« rief Haas. »So sprechen Sie doch!«

»Ich spreche ja, ich spreche ja – es ist eine himmelschreiende Geschichte – und ich schieße ihn tot – auf Ehre!«

»Wen denn?« riefen die drei Barone durcheinander, die schon den Mann bedroht glaubten, um dessen willen sie eben eine Sitzung halten wollten, da sie wußten, daß Pilatus einen unbezwinglichen Groll gegen ihn gefaßt.

»Wen denn anders, als meinen Fuchswallach!« schrie Pilatus mit einer wahren Trompetenstimme.

Die drei Barone fuhren fast zu gleicher Zeit mit den Köpfen in die Höhe, sahen sich an und brachen in ein lautes Gelächter aus.

»Meine Herren,« rief Pilatus, fast von neuem decontenanciert, »das ist nicht zum Lachen, das ist eine ernste Geschichte, denn sie greift meine Ehre an!«

Die drei Barone wurden wieder ernst, sie glaubten nun wirklich, daß dem armen Freunde ein ernsthaftes Abenteuer begegnet sei. »So reden Sie denn,« sagte Baron Grotenburg, sich nun ebenfalls die Zigarre anbrennend, »wir wollen Sie anhören und womöglich trösten.«

»Wenn Sie einen Sekunda – Sekundaner gebrauchen, Pilatus, so erbiete ich mich dazu!« rief Baron Haas begeistert aus.

»Ah, Sie meinen einen Sekundanten! Aber Gott bewahre, so was ist es nicht. So hören Sie denn, es ist eine verteufelte Geschichte.«

Die drei Barone bildeten einen Kreis um den Erzähler, der nun in der Mitte zwischen ihnen stand und sich steif, wie ein hölzerner Kegelkönig, bald zu dem einen, bald zu dem andern wandte, auf wessen Gesicht er nun gerade die meiste Teilnahme an seinem Vortrage zu erkennen glaubte.

»Sie wissen doch,« begann er, »daß mein Onkel, Pilatus XXI., eine große Schafzucht treibt. Nun ja! Die größte ringsum hier. Da hatte sich nun der alte Mann in den Kopf gesetzt, auch die größten, fettesten und schwersten Hammel zu haben, um bei der Tierausstellung in ... voriges Jahr den Preis zu gewinnen. Mit seinen Hammeln natürlich. Da hatte er nun seit langer Zeit von aller Welt Enden her Hammel auf Hammel verschrieben, alle Rassen gekreuzt – und in der Tat einen Schlag gezogen, der sich sehen lassen kann, wie alle Welt zugestehen muß.«

Die drei Barone warfen sich seltsame Blicke zu, da sie gar nicht begriffen, wo der gute Pilatus hinaus wollte, den sie in ihrem Leben noch nicht so zusammenhängend hatten sprechen hören.

»Das wissen wir ja aber schon!« wagte Baron Kranenberg zu sagen, indem er wieder seinen kahlen Schädel befühlte, und die beiden Schwäger nickten ihm stillschweigend Beifall zu.

Herr von Bökenbrink aber ließ sich dadurch nicht stören, sondern fuhr eifrig fort: »Da kam der Oktober vorigen Jahres heran und die Tierausstellung begann. Ich war mit meinen Hammeln, oder vielmehr mit meines Onkels Hammeln, richtig zur Stelle und die Prüfung nahm ihren Anfang. Hahaha! Es war zum Lachen, wie alle Hammel gegen die unsrigen zu Kreuze krochen. Einer wog 215 Pfund, war beinahe so groß wie ein Stier und flößte jedermann Respekt ein. Ich glaubte den Preis schon gewonnen zu haben – es wäre ein Sieg für ganz Deutschland gewesen – da kommt der verdammte Meier von Knoller – Knaller – Allerdissen herüber und stellt – auf Ehre! – zwei Hammel vor, von denen der eine 216, der andere sogar 22l Pfund wiegt. Er hatte also unsere Hammel um sechs Pfund geschlagen und – zog mit dem Preis auf und davon, der dumme Bauer, und wir Kavaliere – es ist zum Entsetzen – wir hatten das Nachsehen.«

»Aber mein Gott,« rief Baron Grotenburg, dem der Aufschub seiner wichtigen Sitzung schwer aufs Gewissen zu fallen begann, »das ist ja eine alte bekannte Geschichte. Alle Welt weiß ja, daß der Meier zu Allerdissen das größte Vieh im Stalle und auf der Weide hat – aber ich bitte Sie um Gottes willen, lieber Pilatus, was hat denn das mit Ihrem Fuchswallach zu schaffen, den Sie totschießen wollen?«

»Ja, ich schieße ihn tot, die Bestie, so wahr ich Pilatus heiße. Aber so haben Sie doch nur Geduld – das hängt ja ganz nahe damit zusammen. Jetzt kommt es. Pilatus, sagte gestern mein Onkel zu mir, der Oktober kommt wieder heran und der Meier bringt am Ende nochmals die größten Hammel zum Vorschein. Es wäre eine Schande für alle Edelleute in der ganzen Gegend. Reit' doch 'mal hinüber und sieh dir seine Herde an, aber laß dir nicht merken, warum du reitest, man muß solchem Bauernvolk auch nicht einmal die Schadenfreude gönnen. Da haben Sie nun meinen Ritt. Ich lasse also heute meinen Fuchswallach satteln und trabe hinüber, trotz Regen und Wind. Ich komme auch glücklich an, frage einen Kerl, wo die Hammel des Meiers sind, und der zeigt mir den Weg. Wahrhaftig! Da hatte ich sie vor mir – eine Hammelherde, sage ich Ihnen – abscheulich groß, fast wie die Ochsen. Mir fährt es wie ein Stich in die Seele und ich fange an für meinen armen Onkel zu zittern. Da höre ich ein Pferd hinter mir schnauben. Ich drehe mich um – Teufel! kommt der Meier selber geritten, auf einem Rapphengst, der so laut wiehert, als wollte er meinen Fuchswallach auslachen. Wie mich der Meier von weitem sieht, grüßt er, sich ausschüttend vor Freude, mich auf seinem Anger zu finden. Ich aber bemerke den Kerl kaum, so gebe ich meinem Fuchswallach die Sporen – will zeigen, was er kann, und über einen breiten Graben setzen. Aber was geschieht da, meine Herren? Was, sage ich? Was mir im Leben nicht geschehen: Mein Fuchswallach versagt und – geht nicht hinüber. Dreimal kehrte ich um, dreimal versagt der Racker. Da lacht der Meier auf und ruft mir zu: Ich will es Ihnen vormachen, vielleicht folgt er! Und heidi, setzt er mit seinem Rappen hinüber, daß es eine Lust ist. Ich aber, ich nehme meinen Fuchswallach zusammen, presse ihn mit den Schenkeln halb tot, gebe ihm alle Hilfen, die ein Mensch in meiner Lage und von meiner Erfahrung einem solchen Beest geben kann – aber nein, er versagt wieder und der verdammte Meier lacht und ruft: Er will nicht; auch Tiere haben ihren Willen, Herr von Bökenbrink! – Da faßt mich eine kannibalische Wut. Ich drehe meinen Fuchswallach um, setze ihm die Sporen in die Weichen – sehen Sie 'mal da, wie blutig ich bin – und querfeldein über die Wiese jage ich zwei Meilen weit bis hierher, um ihn totzureiten – aber er stürzt nicht, ist munter und vergnügt dabei, und ich habe den ganzen Ärger allein im Leibe. Ist das nicht schändlich, nicht gemein? Aber ich schieße ihn tot, den Racker – auf Ehre!«

Der kleine Mann warf sich, halb außer sich, auf einen Stuhl und fächelte sich mit seinem Schnupftuch Kühlung zu. Die drei Barone aber wandten sich ab, kicherten leise, versicherten jedoch hinterdrein, daß es allerdings eine schandbare Geschichte wäre, sowohl die mit den Hammeln, wie die mit dem Fuchswallach, und daß sie letzteren gar nicht begriffen.

»Ah, was da begreifen!« tobte Pilatus XXII., »Totschießen, das ist das Einzige, um seine und meine Ehre zu retten!«

»Mein lieber Pilatus,« sagte Baron Grotenburg mit feierlicher Würde, »Sie haben recht, es ist fatal. Aber nehmen Sie es sich nicht zu Herzen, es gibt noch schlimmere Dinge auf Erden. Kühlen Sie sich lieber ab, trinken Sie eine Tasse Kaffee, und dann – lassen Sie sich reinigen und gehen Sie zu den Damen – sie sind drüben in meiner Frau Zimmer. Uns aber, mein Freund, entschuldigen Sie wohl – wir haben heute einen Familienrat zu halten, der einen noch wichtigeren Gegenstand als Ihre Hammel und Ihren Fuchswallach betrifft.«

Pilatus XXII. erhob sich in seiner ganzen würdevollen Steifheit. »Einen Familienrat?« schnarrte er, seinen spitzen Schnurrbart noch spitzer drehend. »O, warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt? Dann will ich keinen Augenblick stören. Meine Herren – ich habe die Ehre!«

Als die Tür hinter dem abgehenden Pilatus zugefallen war, schloß sie Baron Grotenburg rasch ab und dann wandte er sich zu seinen Schwägern um und lachte mit ihnen aus vollem Halse über das Unglück des guten Mannes. Allein bald beruhigten sich die Herren wieder, setzten von neuem ihre Zigarren in Brand und nahmen dann auf einen Wink des Vorsitzenden des Familienrats ihre Plätze um den Tisch ein.

»Meine lieben Brüder,« begann nun Baron Grotenburg seinen Vortrag, »Ihr wißt schon oder ahnt wenigstens, weshalb ich euch zu diesem Familienrate berufen habe: es betrifft das Verhältnis, in welches der Legationsrat von Sellhausen kraft des letzten Willens seines verstorbenen Vaters zu mir und meiner Familie, also zu uns allen getreten ist. Wir sind unter uns, mithin können wir ganz offen und harmlos über den vorliegenden Punkt reden. Das Verhältnis im ganzen kennt Ihr, aber des Zusammenhanges wegen will ich es in Kürze von seinem Ursprunge an bis zu seinem gegenwärtigen Stande noch einmal entwickeln. Die Verbindlichkeiten, die der alte Sellhausen uns schuldig war, indem wir und nur wir allein ihn zu einem angesehenen Manne machten, sind euch bekannt. Ich hatte eine ältere Schwester, deren Versorgung uns späterhin große Mühe gemacht hätte, und wir waren also recht froh, dass der reiche Rittergutsbesitzer Sellhausen sie heiratete. Da wir jedoch nicht zugeben konnten, daß ein Glied unserer alten und edlen Familie einem Bürgerlichen, dem Abkömmling eines simplen Krämers, seine Hand reichte, so setzten wir alle Hebel in Bewegung, den Sellhausen zu einem Mann zu machen, und Ihr wißt, es gelang: Unser Schwager war ein Herr von Sellhausen geworden. Dafür nun und in gerechter Anerkennung unserer Mühe und Aufopferung gelobte er ewige Dankbarkeit und die hat er so ziemlich bis an sein Ende gehalten – wie ich wenigstens hoffen will, denn die letzte Probe derselben steht leider erst in kurzem bevor. Bis zu dem Tode meiner Schwester nun, der unerwartet früh erfolgte – Gott habe sie selig – hielt unser Schwager die beste Freundschaft mit uns und machte seinem erhabenen neuen Stande Ehre – da aber bekam sie plötzlich einen Riß, denn er heiratete kurz darauf eine zweite Frau, deren Abkunft uns nicht genau bekannt geworden, was uns auch ziemlich gleichgültig sein kann, da sein Verhältnis zu uns nur inbetreff des einmal ausbedungenen Geldpunktes in Frage kam. Diese Frage nun erledigte sich dadurch, daß er bereit war, eine Summe, gewissermaßen als Abstands- oder Reugeld, zu zahlen, die wir damals alle sehr wohl gebrauchen konnten.«

Die beiden Schwäger nickten bei diesen Worten mit brüderlicher Einstimmigkeit, nur Baron Haas sagte: »Wir können es noch gebrauchen, Bruder Herz – jeden Augenblick!«

»Ach ja!« bekräftigte der stille Ambrosius mit wehmütig zum Himmel aufgeschlagenen Augen.

»Nun weiter!« fuhr Baron Grotenburg fort, »das versteht sich ja von selbst. – Unsere alte Freundschaft und Brüderlichkeit war also dadurch wieder hergestellt, aber ich schaute mit Bangen in die Zukunft, da die zweite Ehe unseres Schwagers nicht kinderlos blieb wie die erste mit unserer Schwester. Doch daß ich mich kurz fasse – der Junge aus dieser Ehe wuchs allmählich heran und der alte Knabe, unser Schwager – er war ja viel älter als wir – schien ihm merkwürdig zärtlich zugetan zu sein. Ich mußte also vorsichtig zu Werke gehen und beizeiten an alle möglichen Fälle denken. Eines Tages nun nahm ich die Gelegenheit wahr und – sorgte für uns alle. Unser Schwager war krank und ich besuchte und tröstete ihn, aber ich war dabei verstimmt und das war sehr natürlich. Er bemerkte es und sagte zu mir: Dir liegt etwas auf dem Herzen, Bruder. – Ach ja, sagte ich. – Was ist es? – Dein Junge, erwiderte ich – er war damals auf der Universität – ist dir eigentlich abtrünnig geworden und hat sich den Studien gewidmet. Die Landwirtschaft liebt er nicht und wenn du einmal die Augen zumachst, wird das schöne Sellhausen verwaist stehen, wird verpachtet werden und – wo bleibt alles, was du mit so vieler Mühe angelegt und gegründet hast! – Ach ja, sagte er, leider hast du recht. Darüber habe ich mir schon oft Sorge gemacht und ich fürchte, ich habe meine Hände vergebens geregt, und meine schönen Pläne werden nie ausgeführt werden. – Ich weiß eine Abhilfe, Bruder, sagt' ich da, und nun stellte ich ihm vor, wie ersprießlich und zweckmäßig in der Zukunft eine Verbindung seines Sohnes mit meiner Tochter sein würde, wenn – die jungen Leute einst eine Art Neigung für einander faßten. – Das ging ihm offenbar zu Herzen und er überlegte es sich die Nacht hindurch. Am anderen Tage kam ich wieder und fand ihn kränker, so daß ich schon das Schlimmste besorgte, weshalb ich den eingeleiteten Plan nur noch eifriger betrieb. – Ja, sagte er da, ich habe es mir überlegt, laß uns die Bedingungen aufstellen. Na, da war nun das Eis gebrochen, und ich stellte meine Bedingungen, die er nach einigem Hin- und Herreden annahm. Sie lauteten dahin, daß er seinen Sohn nur für den Fall zum alleinigen Erben seines Gutes und Vermögens einsetzte, wenn er meine Tochter heirate, dagegen er nur das ganze bare Vermögen erhielt und das Gut mir zufiel, wenn er aus irgend einem Grunde diese so überaus vorteilhafte Vorbindung ausschlüge.«

Der Baron hielt im Sprechen inne: er mochte selbst fühlen, in welchem Lichte er, einem Unparteiischen gegenüber, infolge dieser ziemlich wahrheitsgetreuen Darstellung stehen möchte, und daß sein Gewissen nicht ganz lauter war, verriet die fliegende Hitze, die sein sonst gleichmäßig gefärbtes Gesicht mit lebhaften Flecken bedeckte. Glücklicherweise für ihn war aber kein Unparteiischer zugegen, und nur Baron Haas machte seinen Empfindungen dadurch Luft, daß er bemerkte:

»Ja, ja, wir kennen die Geschichte, Bruder Herz. Der alte Sellhausen muß damals schon etwas schwach gewesen sein, sonst hätte er diese Bedingungen gewiß nicht in ihrem ganzen Umfange angenommen, sondern noch andere dabei gestellt.«

»Ich verstehe dich nicht ganz, lieber Bruder,« erwiderte Baron Grotenburg etwas verlegen. »Er ging ja diese Bedingung aus natürlicher Liebe zu mir ein und weil er dadurch seine große Anhänglichkeit an unsere Familie beweisen wollte, der er so viel verdankte. Außerdem aber hielt er an der Einsicht fest, daß dadurch das Glück seines Sohnes wesentlich befestigt würde, indem das Gut einerseits ihm ja auf keine Weise entzogen wurde, wenn er sich nicht selber demselben entzog, anderseits das Gut selbst, wenn er es mit meiner Tochter behielt, unter meiner Oberaufsicht und mit meiner Beihilfe jedenfalls besser gedieh, als in den Händen eines schuftigen Pächters.«

»Nun ja, aber verzeih mir, lieber Bruder,« nahm Baron Kranenberg das Wort. »Du bist gerade auch kein Musterlandwirt, wie mir scheint.«

»Das sind wir alle nicht,« sagte Baron Haas beschwichtigend, »daraus darfst du ihm keinen Vorwurf machen. Hol' der Teufel die Landwirtschaft, wenn sie kein Geld einbrächte, und man dabei nicht recht artig faulenzen könnte. Wofür hätte uns der liebe Gott auf unsere Scholle gesetzt, wenn wir sie nicht genießen sollten?«

»Ganz meine Meinung!« bemerkte Baron Grotenburg. »Wir sind darauf geboren und nun wollen wir auch darauf sterben – ein ehrenvolleres Schlachtfeld kann es nicht geben, wenn man das Leben, wie manche es tun, für einen ewigen Krieg betrachtet. Doch still davon – mein Vortrag ist noch lange nicht zu Ende. Genug, unsere Bedingungen wurden ausgetauscht, festgestellt und das Bündnis zwischen uns war fertig, und so blieb es bis an sein Lebensende, obwohl der alte Knabe so dann und wann doch noch einige Bedenken äußerte, die ich aber stets mit triftigen Gründen beseitigte, denn ich verstand es, dem alten Herrn ein wenig zu imponieren.«

»Wir hoffen es wenigstens,« sagte Baron Haas, »daß sein Sinn dem Bündnis bis an sein Lebensende treu geblieben ist.«

»Nun, er wird doch nicht sein Wort gebrochen haben?« fuhr Baron Grotenburg auf.

»Ganz gewiß nicht, – er mußte ja an den Himmel denken!« fügte Baron Kranenberg mit einem vollen Augenaufschlag nach – der Zimmerdecke bei.

»Na, ja,« fuhr der Vorsitzende fort, »mit einem Wort: Er starb und zwar leider ganz plötzlich, infolge einer Jagd, sagt man, aber das ist nicht wahr. Er war alt und schwach und so mußte er einmal sterben. Also er starb und so weit war alles gut. Da fällt es mit einem Male seinem Herrn Sohn ein, seine schöne diplomatische Stellung im Auslande aufzugeben und nach Hause zu kommen. – Na, ich ließ es mir gefallen, er mußte doch die Klotilde kennen lernen, und daß er den Willen seines Vaters bald erfuhr, dafür war lange gesorgt. Der Alte hatte ein Schreiben hinterlassen, dessen Inhalt ich nur billigen konnte, denn ich habe es mehr als einmal gelesen. Der Herr Sohn kommt, liest das Schreiben seines Vaters und muß also den Willen seines Vaters und unsern Plan kennen gelernt haben. – Hier nun aber, meine lieben Brüder, beginnt die Verwickelung. Wie wir alle erwarteten, mußte der Herr Legationsrat gleich zu mir fliegen, sich vorstellen und als guter Sohn das Wort seines Vaters einlösen, wenigstens seinen guten Willen dazu zu erkennen geben. Aber nein, nichts von dem allen geschieht. Er bleibt ruhig in seinem Hause sitzen, läßt sich von keinem Menschen sehen, und als er endlich – zu unser aller Erstaunen – erst nach fünf Monaten erscheint, gibt er vor, er habe die Trauerzeit nicht durch eine Werbung entweihen wollen. Na, das klang aus seinem Munde ganz gut und ich nahm es anfangs für bare Münze an, denn der Mensch gefiel mir über die Maßen –«

»Mir auch!« warf Baron Kranenberg ein.

»Mir nicht ganz!« bemerkte Baron Haas. »Er trinkt nur abends Wein –«

»Still, still doch!« fuhr Baron Grotenburg mit einer salbungsvollen Handbewegung auf. »Ich sage, er gefiel mir, denn er wußte sich zu benehmen – das muß man ihm zugestehen. Es gelang ihm sogar, meine kritische Amalie zu besänftigen, und das will etwas bedeuten, wißt Ihr. Was aber die Hauptsache war, meine sanfte Klotilde, das gute Kind, fing Feuer, sie hatte sogar eine unruhige Nacht nach seinem ersten Besuche und gestand mir am nächsten Morgen auf Befragen, daß sie mit Freuden einwillige, die Frau dieses Mannes zu werden. Ach, meine Lieben, wer war glücklicher als ich! Ich war außer Rand und Band –«

»Ja, ja,« bemerkte Baron Haas, »das war auch ganz natürlich. Es schien sich zu machen – aber nun weiter!«

»Ja freilich – weiter! Nun beginnt mein Wein etwas sauer zu werden,« fuhr Baron Grotenburg mit immer länger werdendem Gesichte fort, »Ihr wißt ja, was weiter geschah. Der Herr Legationsrat ritt von meinem Hause ab und –«

»Roß und Reiter sah man niemals wieder!« rief Baron Haas.

»Bruder!« entgegnete der Vorsitzende mit einiger Empfindlichkeit, »scherze nicht über so ernste Dinge! Wenn dir etwas Ähnliches mit einer Tochter begegnete, du würdest aus der Haut fahren. Ich wenigstens halte dies Benehmen für empörend.«

»Ich auch und wir alle!« bemerkte Baron Kranenberg. »Meine Theodolinde hat Tag und Nacht vergebens gebetet – ach!«

»Na,« fuhr der Vortragende fort, »es war also nicht anders. Aber damals war ich noch nicht so empört, im Gegenteil, höchstens verwundert, daß er nicht am nächsten Tage wiederkam. Um das Eisen jedoch zu schmieden, so lange es warm war, fuhr ich am nächsten Tage hinüber, machte dem Herrn eine feine Visite, lade ihn zu Tisch ein, da – und nun gebt Acht – da beginnt seine diplomatische Aalschlüpfrigkeit – er empfängt mich sehr artig, sehr höflich, mit überraschender Tournüre. wie Amalie sagt, – das muß man sagen, aber – er schlägt meine Einladung aus, aus Gott weiß was für Gründen. Um mich aber zu kirren, mich einzuschläfern – und ich bin so dumm und gehe in die Falle – setzt mir der höllische Mensch ein sehr nettes Frühstück vor, tischt einen verteufelten Wein auf, der mir eine merkwürdige Hitze macht, so daß mir alles, was er mir mit diplomatischer Finesse vorschwatzt so lange ich bei ihm war, ganz außerordentlich einleuchtend erschien und ich erst zu Hause an meiner katzenjämmerlichen Niedergeschlagenheit bemerkte, wie er mich eigentlich ganz abscheulich gefoppt hatte. Ich schreibe das natürlich diesem Wein zu, der mir übrigens köstlich schmeckte und mir das ganze Leben vor und hinter mir, die ganze Welt rings um mich her in einem himmlischen Blau erscheinen ließ –«

»Donnerwetter! Den müssen wir kosten!« unterbrach ihn Baron Haas mit lechzender Zunge. »Was war es denn wohl für eine Sorte?«

»Er war verteufelt süß – er nannte ihn einen echten Griechen – glitt wie Öl die Kehle hinunter und drang in Kopf und Herz zugleich ein, so daß ich den Menschen hätte umarmen und küssen können, so rosig kam mir alles vor. Aber die Zunge, zum Teufel, wurde mir bei jedem Glase schwerer und ich glaube, ich habe zuletzt eben so gut ganz was andres gesagt, wie ich wahrscheinlich auch alles anders verstanden, was er gesprochen. Wenigstens hat mir Amalie das zu Hause sehr begreiflich gemacht. – Mit einem Wort, ich fahre glückselig nach Hause, halte alles für abgemacht, falle meiner Amalie um den Hals und rufe: Es ist fertig, alles fix und fertig – laß die Karten drucken! – Da, meine Brüder, fängt mit einem Mal, wie vom Himmel gefallen, oder vielmehr wie aus der Hölle aufgestiegen, ein ganz anderer Akt an.«

»Haha!« lachte Baron Haas laut auf, »du bist also, wie man sagt, benebelt gewesen, hast den Himmel für einen Waschbär gehalten oder umgekehrt – haha! Das kenne ich, Brüderchen, mir ist es oft so ergangen!«

»Nein, mir niemals, in der Art wenigstens nicht. Na, mit einem Wort, jetzt bricht der Krieg in meinem Hause aus. Es sind heute zehn Tage, daß ich jenen schauerlich köstlichen Wein trank, und seitdem ist mir die Welt wieder klar und der Himmel weniger blau geworden. In diesen zehn Tagen hat der Legationsrat nichts von sich hören lassen. Amalie ist außer sich – hat alle Tage Krämpfe und tobsüchtige Anfälle gehabt – mein Gott! Klotilde hängt den Kopf wie eine welke Blume, mein Herz ist zerrissen – was soll ich tun? Und nun, meine Brüder, sind wir auf den Punkt gelangt, wo unsere Beratung eigentlich erst ihren Anfang nimmt. Ihr wißt, um was es sich handelt – Ihr kennt mein Übereinkommen mit dem Vater des Herrn – mein Recht – Ihr kennt auch die Personen, mit einem Wort alles – nun so sprecht denn, was haltet Ihr davon, wozu ratet Ihr? Du, Ambrosius, als der Jüngste von uns und am wenigsten dabei beteiligt, hast zuerst das Wort.«

Baron Grotenburg lehnte sich nach dieser langen und angreifenden Rede wie erschöpft in seinen Stuhl zurück, knöpfte sich die Weste auf und rieb sich mit dem feinen Taschentuche das schwitzende Gesicht ab. Baron Kranenberg aber geriet bei den direkt an ihn gerichteten Worten in eine unbeschreibliche Verlegenheit. Sein langes Gesicht wurde noch um einige Zoll länger und bedeckte sich mit einer tugendhaften Röte. Seine Lippen zitterten und sein gläsernes Auge blickte bald auf Baron Haas, bald auf den Vorsitzenden, während seine beiden Hände abwechselnd nach einander über den kahlen Schädel fuhren, als befürchteten sie wirklich, der Kopf sei ihrem armen Rumpfe abhanden gekommen.

»Ja,« sagte er endlich, tief aufseufzend, »was soll man davon halten, wozu soll man raten? Ich weiß es noch nicht und möchte Eurer Meinung nicht vorgreifen. Erwogen muß es jedenfalls werden, ja, das sehe ich ein. Theodolinde sagte: der Legationsrat sei ein ganz hübscher Mann, und das Heil seiner Seele könne noch gerettet werden. Das erste sage ich auch, und für das zweite mag sie selber sorgen. Aber wie man sich selbst jetzt gegen ihn benehmen soll, davon – hat sie mir nichts gesagt, und ich muß also bedauern, für diesen seltsamen Fall keine – keine Instruktion zu haben. Indessen, wenn ich es mir recht überlege, so handelt rechtschaffen – ich meine – versteht mich – so, gerade so, wie es sich ziemt – nur müßt Ihr damit zum Zweck kommen, denn das ist die Hauptsache. Und das ist meine Meinung!«

Der gute Ambrosius faltete die Hände und drückte sie gegen die Brust; er hatte sich mit diesen Worten ganz ausgesprochen; Baron Grotenburg aber lächelte nur und blickte herausfordernd auf das Brüderchen Haas, der seine kleinen Augen so fest zugekniffen hatte, daß er gar nichts sah, weil er wußte, daß jetzt die Reihe an ihn kommen würde, seinen studierten – Rat abzugeben.

»Haas!« rief der Vorsitzende mit lebhaftem Tone. »Hast du gehört, was Ambrosius gesagt? Du nickst – ei, mein Gott, so mach' doch die Augen auf und sieh mich an – so, Mann, nun, was sprichst du?«

Baron Haas legte bedenklich den rechten Zeigefinger an die dicke kupferrote Nase und sah ungemein geistreich dabei aus. »Ja, Bruderherz,« sagte er langsam und bedächtig, das ist ein sehr schlimmer Ca – Casum , sagt der Lateiner. He? Nun gut. Also du willst meine Meinung hören? Nun, im allgemeinen stimme ich Ambrosius vollkommen bei –«

»Ja mein Gott,« rief Baron Grotenburg voller Angst, »der hat ja eigentlich gar nichts gesagt!«

»Oho, doch, mein Brüderchen! Er hat gesagt: geht rechtschaffen zu Werke! und das ist nicht ganz ohne Bedeutung. Ich aber – und nun kommt meine unvorgreifliche Meinung – ich gehe als ein Mann der Tat noch weiter. Ich sage: wenn du das Recht hast, wie du sagst, und du mußt das am besten wissen, so bist du im Recht, und das ist schon viel gewonnen. Ich gehe aber als Mann der Tat noch weiter und sag: wenn du im Recht bist, so kannst du als Mann schon etwas wagen – also wage es! Mit einem Wort: setze ihm Daumschrauben an, rücke ihm tüchtig auf den Pelz – lasse Karten drucken, ganz im geheimen. Dann lade ihn ein zu einer großen Finte – ich wollte sagen Fête. Und wenn alles bei der Flasche sitzt, pro – pro – proklariere die Verbindung – er ist Kavalier, er kann nicht ausweichen, denn blamieren kann er doch deine Tochter nicht – basta! da hast du ihn!«

Baron Grotenburg senkte traurig den Kopf und überlegte. Ohne Zweifel hatte er bessere Ratschläge von seinem Familienrate erwartet und namentlich »der Mann der Tat« ging ihm zu rasch zu Werke. »Nein,« sagte er endlich, »das geht nicht, Haas. Der Legationsrat ist ein feiner aalglatter Mann und mit allen Hunden gehetzt, wie einer. Zwang schlägt bei ihm nicht an, am allerwenigsten ein so auffälliger Zwang.«

Baron Haas riß seine kleinen funkelnden Augen weit auf und starrte seinen Schwager ergrimmt an. Er ärgerte sich, daß sein guter Rat nicht gleich Beifall fand. »Nun, dann laß ihn fahren und das Gut auch!« rief er fast überlaut und höhnisch hinterher lachend.

»Wie du so sprechen kannst, Haas!« versetzte der Vorsitzende ruhig, nachdem der Mann der Tat ausgelacht. »Du weißt, ihn und das Gut aufgeben, heißt bei meinen Verhältnissen soviel als: mich bankerott erklären.«

»Nun, dann fange es anders an, was weiß ich! Ich weiß keinen andern Rat, als den ich gegeben habe.«

»Nein, nein, Kinder,« fuhr Baron Grotenburg begütigend fort, nun auch warm werdend, »so geht das nicht. Aber ich will Euch jetzt alle meine Gedanken sagen. Seht mal – und das ist wohl zu bedenken – ich bin da heute morgen plötzlich in eine ganz neue Angst geraten. Wenn mir der alte Sellhausen nun ein X für ein U gemacht hätte, wie? Wenn er mir gesagt: Grotenburg, du sollst unter den dir bekannten Umständen mein Gut haben, mein Sohn ist ja selbst daran schuld, wenn er es nicht kriegt – aber im stillen, vielleicht in den letzten Stunden seines Lebens – ich bin ja beim Sterben nicht zugegen gewesen – einen andern Brief an seinen Sohn geschrieben oder letztwillig anders über seinen Besitz verfügt hätte, wie dann?«

»Bah!« machten die beiden Barone und hoben ihre entsetzten Gesichter mit einem wahrhaft stupiden Ausdruck in die Höhe.

»Nun seht Ihr, das wäre doch schrecklich! Ich kann also den Legationsrat nicht ganz fahren lassen und muß ihn so lange wie möglich für mich zu gewinnen suchen. Und bedenkt doch, das Gut Sellhausen ist mit das schönste in der ganzen Gegend – denkt nur an die Aussicht nach der Weser hinab – es kann, es darf also unter keinen Umständen unserer Familie entzogen werden – es hängt Leben und Sterben davon ab!«

»Still!« rief Baron Kranenberg plötzlich und sah wie ein Priester der Isis aus. »Ich hab's – ich komme auf meine erste Meinung zurück – handelt rechtschaffen – das heißt, übereilt Euch nicht, wartet ruhig die Zeit ab – es sind noch vier Wochen –«

»Wie?« rief Baron Grotenburg entrüstet, »ich soll noch länger warten, das heißt zwischen Himmel und Erde schweben – zappeln mit Händen und Füßen – mein Gott, dazu ratet Ihr mir? Denkt Ihr denn gar nicht daran, wie ich meiner Amalie gegenüberstehe? Nein, nein, Ambrosius, das kann nicht dein Ernst sein – sprich du, lieber Haas, was sagst du dazu?«

Baron Haas legte wieder den Finger an die Nase und sah abermals sehr geistreich aus. »Es ist nicht ganz ohne, was Ambrosius spricht,« sagte er mit Bedeutung und schief geneigtem Kopfe. »Ich halte auch dafür, wir tun am besten, wenn wir Zeit gewinnen, mit einem Wort, wenn wir la – lav – lavementieren

»Um Gottes willen!« schrie Baron Grotenburg, »du meinst lavieren, Brüderchen!«

»Es ist ganz einerlei, was ich meine,« schrie Baron Haas, vor Ärger kirschrot werdend. »Ein vernünftiger und gebildeter Kerl versteht es doch, ob ich es so oder so ausspreche. Haha! Und hier – wenn Ihr mich doch zum Äußersten treibt – hier ist mein Ul – Ulimatum. Ambrosius und ich, wir sind noch nicht auf Sellhausen gewesen und haben unsern Gegenbesuch noch nicht gemacht. Nun wollen wir alle zusammen, Ihr mit Frau und Kind, in einem großen Zuge hinfahren, wollen den Herrn ganz unvorbereitet überfallen – uns das Gut und den Mann im Hause betrachten – uns soll sein Grieche oder Türke, was es nun für eine Sorte ist, nicht benebeln, ich stehe dir dafür – und dabei werden wir alle wie mit einem Auge, einem wahren Familienauge sehen, ob er es ehrlich mit uns meint oder uns an der Nase herumzieht. Ich werde dabei einmal nach meiner guten alten Weise ein bißchen auf den Busch klopfen, und dann wird sich das übrige schon finden. Mein Plan geht dann zu allerletzt dahin: du ladest ihn noch einmal ein – halt, da fällt mir etwas sehr Wichtiges ein – wann ist Klotildens Geburtstag? Er muß ja in diesem Monat sein?«

»Am dreißigsten Juli!« sagte Baron Grotenburg seufzend.

»Gut, das paßt vortrefflich. An dem Tage, zwei Tage vor Eröffnung des Testaments muß die Verlobung stattfinden. Ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß sie pro – prokraniert wird. Ich werde das schon machen – laß mich nur alles einrichten. Abends trinkt er Wein – es muß also ein Abendessen sein, – motabene ein fürstliches! Ich sitze neben ihm auf der einen, Klotilde auf der andern Seite. Ihr bleibt ganz aus dem Spiel. Ihr seid zu ängstlich und keine wahren Männer der Tat. Dann mache ich ihn warm, so warm, daß er am ersten August noch nicht nüchtern sein soll, und wenn er dann nicht laut und offen vor aller Welt erklärt: Klotilde von Grotenburg ist die schönste Dame auf dem ganzen Erdenrund – dann heiße ich nicht Haas von Haasencamp, sondern bin ein Haase – auf Ehre!«

Baron Grotenburg kratzte sich, weniger überzeugt als überrannt, hinter den Ohren und sah zweifelhaft auf den mit siegesgewisser Miene sich behaglich fühlenden Schwager hin. »Na, das wollen wir uns noch überlegen, Haas,« sagte er. »Aber daß wir alle zusammen nach Sellhausen fahren und eine Generalfamilieninspektion anstellen, das gefällt mir. Daraus kann sich etwas entwickeln. Ja, das lobe ich. Wann wollen wir hin?«

»Morgen, gleich morgen!« schrie Baron Haas, entzückt, daß seine Meinung endlich den Ausschlag gegeben.

»Halt!« rief Ambrosius, der schon lange ganz still geworden war. »Das geht nicht, Brüderchen; morgen kann Theodolinde nicht und ich – ich darf nicht.«

»Warum denn nicht?«

»Morgen ist ja Mariä Himmelfahrt.«

»Ach so!« erwiderte Baron Haas sehr gleichgültig. »Na, ich weiß die Feiertage nicht mehr recht auswendig. Aber gut, dann wollen wir übermorgen hin, wie?«

»Ja, ich bin dabei,« sagte Baron Grotenburg, »und Gott gebe seinen Segen!«

»Er gebe ihn!« flüsterte der bescheidene Mann der frommen Frau.

»Also dann wären wir fertig mit dem Familienrat?« rief Baron Haas aufspringend und sich dehnend und reckend, als hätte er eine übermäßige Anstrengung überstanden. »Na, Gott sei Dank, das war ein sauer Stück Arbeit, Brüderchen und – recht trocken dabei!« flüsterte er heimlich Ambrosius zu.

»Ja, nun bleibt uns nichts weiter übrig,« bestätigte Baron Grotenburg, »als den Damen die Beendigung des Familienrats anzuzeigen und ihnen dessen Beschlußnahme mitzuteilen. So kommt denn, wir wollen unsere nächste Pflicht auf der Stelle erfüllen und den lieben Kindern unsre Aufwartung machen.«

Er ging schon nach der Tür, wurde aber durch einen lauten Zuruf Baron Kranenbergs zurückgehalten, der mit höchst würdevoller Miene und unnachahmlich stolzer Haltung sagte: »Mein teurer Bruder, wäre es nicht passend, ihnen den Beschluß des Familienrates an dem Ort und der Stelle mitzuteilen, wo derselbe gefaßt ist? Das ist wenigstens früher immer so üblich gewesen.«

»Ja, ja, natürlich!« stimmte Baron Haas bei. »Das ist ein Vorschlag, den ich kon – konstituieren muß. Dies Zimmer ist auf ewige Zeiten durch unsre Beratung geheiligt, und sie werden künftig sagen können, wenn sie erst die süße Frucht unserer Mühen genießen: auch wir haben die geweihte Stätte betreten, wo die Männer und Väter unserer Familie ebenso wacker wie ausdauernd gestritten und gesiegt haben.«

Baron Grotenburg lächelte über das mannhafte Pathos seines Schwagers; in solchen Dingen aber leicht zum Nachgeben bereit, zog er die Glocke und schloß die Tür auf, worauf sogleich der dienstfertige Jäger eintrat und nach den Befehlen des gnädigen Herrn fragte.

»Geh zur Frau Baronin,« gebot dieser, »und melde ihr im Namen des versammelten Familienrats, daß derselbe zu Ende, und daß die Damen uns die Ehre erweisen und kommen möchten, den gefaßten Beschluß zu vernehmen.«

Der Jäger schnitt ein mordmäßig wichtiges Gesicht, verbeugte sich tief vor dem Baron, der als Präsident des Familienrates ihm noch ein viel vornehmerer Herr geworden zu sein schien, und stürzte hastigen Laufes den Korridor entlang, den Damengemächern zu.

Es dauerte auch nicht lange, so hörten die drei Herren das gewichtvolle Heranrauschen der beiden Damen; der Jäger riß die Tür auf und meldete die Ankunft der Gnädigsten. Aber da sollte sich ein unerwartetes Zwischenspiel ereignen. Denn kaum war die Baronin auf der Schwelle erschienen, so stieß sie einen lauten Schrei, halb der Überraschung, halb des Schreckens aus und taumelte jählings fast in die Arme des Jägers zurück.

Die drei Herren im Zimmer, welche Zeugen dieses seltsamen Vorfalls waren und schon an eine plötzlich ausbrechende Ohnmacht dachten, sahen sich bestürzt an und begriffen gar nicht, was ein solches Ereignis in diesem Augenblick hervorrufen konnte. In ihrem Eifer aber und im Vollgefühl des hochwichtigen Moments hatten sie nicht bemerkt, daß das Beratungszimmer, in dem sie gesessen, dermaßen mit Tabaksrauch angefüllt war, daß es eine einzige undurchdringliche Dampfwolke bildete, in welcher so recht eigentlich von dem ganzen Familienrat keine Spur zu sehen war.

»O mein Gott,« rief die Baronin aus, »Sie verlangen das, meine Herren? Aber es ist ja nicht möglich, wie können wir darin atmen? Ich wäre augenblicklich ein Kind des Todes!«

»Geschwind, meine lieben Brüder,« rief Baron Grotenburg, der zuerst den richtigen Grund der Zögerung erkannte und sich nicht wenig beschämt fühlte, »sie hat recht – wir haben hier, ohne es zu wissen, etwas viel Rauch gemacht. Nun so kommt denn in ein anderes Zimmer, man muß stets aus der Not eine Tugend zu machen verstehen. Biete meiner Frau den Arm, Haas, und du, Ambrosius, laß dich von Klotilden beglücken. Ich komme sogleich nach.«

Die beiden Männer sprangen wie Blitze aus der Rauchwolke hervor, boten mit zärtlichem Geflüster ihre Arme dar und führten die Damen in das Zimmer zurück, welches dieselben soeben verlassen hatten und wo in einer Ecke, von Neid und Eifersucht zusammengepreßt, Pilatus XXII. saß, dessen Gegenwart von den Männern in ihrem Amtseifer zuerst ganz unbemerkt blieb und der sich daher ganz mäuschenstill verhielt, besonders nachdem er von Fräulein Klotilde einen heimlichen Wink zum Dableiben erhalten hatte.

Baron Grotenburg trat alsbald auch herein und teilte mit erhitztem Gesicht den letzten Beschluß des Familienrates mit, der, wie sich von selbst verstand, von den Damen mit stiller Ergebung aufgenommen ward, denn sich gegen einen solchen zu sträuben, wäre ein ganz undenkbarer Eingriff in die durch Tradition geheiligten Gebräuche der Grotenburgschen Familie gewesen.

Die Baronin sann nur einen Augenblick über das Vernommene nach und sagte dann mit vornehm zurückgeworfenem Kopfe: »Gut, meine Herren, ich genehmige den Beschluß des Familienrates, oder vielmehr ich unterwerfe mich ihm, übermorgen in Gemeinschaft nach Sellhausen zu fahren und mit eigenen Augen uns von den daselbst vorgehenden Dingen zu überzeugen. Allein ich erlaube mir die Klausel beizufügen, daß wir mit gehörigem Nachdruck« – hier trat sie hörbar mit einem Fuße auf und reckte den Kopf noch einmal mit einem starken Schneller nach hinten – »und in dem geziemenden Glanze auftreten, was ich namentlich Ihrer lieben Frau Gemahlin freundlichst mitzuteilen bitte, Schwager Ambrosius. Wir wollen nicht allein, nein, wir müssen auch dem Herrn Legationsrat den Beweis liefern, daß wir eine Familie bilden, die nicht nur einig in Sinn und Herzen ist und auf ihre geheiligten Traditionen etwas hält, sondern daß wir diese Familie auch mit Glanz zu umgeben wissen, eine Familie, in deren Reihen es keine Emporkömmlinge gibt und in deren Mitte aufgenommen zu werden jeder Mann von Auszeichnung für eine besondere Ehre halten muß.«

»Bravo, bravissimo!« rief Baron Haas entzückt und klatschte vor Freuden in die Hände, während die beiden andern Schwäger ganz unmerklich mit den Augen zuckten. »O gnädige Schwester,« fuhr er emphatisch fort, »was sind Sie für eine Frau und mit welchem Recht kann mein Bruder Herz stolz auf Sie sein! Ja, solch eine Rede adelt unser ganzes Geschlecht und sie kann dreist derjenigen an die Seite gestellt werden, die ich selbst vor kurzem zu halten die Ehre gehabt habe. Frau Baronin von Grotenburg – ich mache Ihnen mein de – despotischstes Kompliment!«

Nach einigem stillen Lächeln über die despotische Devotion des guten Haas begrüßte man sich nun weniger zeremoniös und auch Fräulein Klotilde wurde von dem kleinen kugelrunden Onkel beglückwünscht und auf die Wichtigkeit des hauptsächlich von ihm vorgeschlagenen Beschlusses aufmerksam gemacht.

»Ja, ja, ich glaube es schon, lieber Onkel,« sagte die schöne Klotilde, sich angelegentlich nach Herrn von Bökenbrink umschauend, der jetzt allmählich hinter den weiten Röcken der Damen auftauchte. »Hören Sie, Herr von Bökenbrink,« rief sie, »übermorgen geht es in Gala nach Sellhausen. Ich hoffe, ich werde auf Ihre Begleitung rechnen können.«

Pilatus XXII. sprang ganz verdutzt, aber dennoch beglückt von seinem Stuhle auf, näherte sich, den Bart streichend, mit steifen Verbeugungen und sagte dann: »Meine Gnädigste, wenn Sie befehlen, fahre ich mit – zur Hölle, obgleich ich gewiß nicht von – von Herrn von Sellhausen eingeladen bin.«

»Das lassen Sie meine Sorge sein,« erwiderte Fräulein Klotilde, kokett das blonde Haupt wiegend, »ich glaube etwas über den seltsamen Herrn zu vermögen.«

Pilatus beugte stumm sein Haupt, so tief er es wegen des steifen Nackens beugen konnte – da fuhr er plötzlich in die Höhe und sagte: »Aber ich stelle eine Bedingung dabei, Gnädigste!«

»Was,« rief der joviale Baron Haas aus, »stellt der auch schon Bedingungen? Meine Damen, meine Damen, haben Sie schon die neueste Hammelgeschichte gehört?«

»Ja, lieber Onkel,« erwiderte Fräulein Klotilde, leicht errötend, »Herr von Bökenbrink hat uns sein Mißgeschick mitgeteilt und ich stimme ihm bei, daß der Fuchswallach –«

»Ich schieße ihn tot!« murmelte Pilatus wütend zwischen den Zähnen.

»– Daß der Fuchswallach seinen Tod verdient hat – die Lage muß gräßlich gewesen sein – aber sprechen Sie weiter, Herr von Bökenbrink, welche Bedingungen stellen Sie auf?«

»Daß ich die Ehre habe, meine Gnädigste, Sie ganz allein in meinem neuen Brakewagen hinzufahren.«

Fräulein Klotilde lächelte mit wahrhaft göttlicher Milde. »Wie Sie meine Wünsche schon aus der Ferne zu erraten vermögen, mein lieber Herr von Bökenbrink!« sagte sie. »O, das ist reine Sympathie der Seelen. Ich habe Sie schon darum bitten wollen, denn Papas Wagen sind alle zu eng, um auch nur meine kleinste Krinoline anständig aufzunehmen.«

»O, o,« rief Pilatus XXII. entzückt, »ziehen Sie die allergrößte an – auf meinem Brake haben Sie Platz genug, denn Sie schweben ganz in der Luft, und nichts auf der Welt wird Sie irgend behindern. Selbst ich werde mich zusammendrücken wie ein Mäuschen, und Sie sollen mich kaum sehen.«

Baron Haas lachte überlaut, als er dies hörte. »Ein schönes Mäuschen!« sagte er. »Schade, daß ich kein Kater bin, gerade jetzt hätte ich Lust, einen recht großen Braten zu speisen. Brüderchen, heda Grotenburg, du da! Laß jetzt ein paar Flaschen bringen, sonst falle ich vor Hunger und Durst in Ohnmacht, wie deine Frau vor Rauch. Die Schlacht war auch heiß genug – aber der Sieg ist unser. Haha! Bruder Herz, komm her und laß dich umarmen! Es wird übermorgen einen Ka – Kapitularspaß geben, wenn wir den Legationsrat überfallen und der Mann ganz verblüfft dasteht und nicht aus und ein weiß, um uns würdig zu empfangen. Haha! ich lache jetzt schon!«

Baron Grotenburg ließ sich – nicht an die Brust – wohl aber an den dicken Bauch des kleinen, ungeheuer nach Wein und Tabak riechenden Mannes drücken, sprach jedoch kein Wort, denn es wollte ihm das bevorstehende Unternehmen nicht so ganz behagen, obgleich Haas sich einen großen Erfolg davon vorzuspiegeln beliebte. Ein gewisses, selten trügliches, inneres Vorgefühl machte sich ganz leise bei ihm bemerklich und stimmte ihn eher traurig als glücklich, indem es ihm sagte, daß der Sieg jenes Tages am Ende auf einer ganz anderen Seite liegen würde, als auf der des Familienrates, trotzdem der Beschluß desselben von allen Seiten als ein ganz vortrefflicher und würdevoller betrachtet wurde.


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