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Die Hochlandsnovelle

Der Briefträger ließ den Klopfer an der Türe laut erschallen, und ein halbes Dutzend Postsachen glitten durch den Schlitz der Außentüre. Pringle, der das Herniederfallen der Briefe zwischen den Doppeltüren gehört hatte, legte seine Zeitung beiseite und richtete sich mit lautem Gähnen auf. Dann öffnete er die innere Doppeltür und hob die Briefstücke auf. Es waren meistens Geschäftsempfehlungen, die er achtlos auf den Tisch warf, und er griff nach dem einzigen Brief, der sich darunter befand. Er war mit äußerster Genauigkeit adressiert an »S. Hochwohlgeboren Herrn Romney Pringle, Literarisches Bureau, 33 Furnival's Inn, London E. C.«

Eine derartige Adresse war in Pringles Leben etwas völlig Neues. Fing sein nicht existierendes literarisches Bureau endlich an, Beachtung zu finden? Er wunderte sich und öffnete kopfschüttelnd den Briefumschlag.

 

Chapel Street, Wurzleford
25. August

Sehr geehrter Herr!

Ich hatte vor kurzem Gelegenheit, einen Rechtsanwalt in Ihrem Hause wegen der Hinterlassenschaft eines verstorbenen Freundes aufzusuchen und nahm bei dieser Gelegenheit von Ihrer Adresse Notiz, da ich mich in Kürze Ihrer liebenswürdigen Mithülfe bei dem Erscheinen einer Novelle über die Mäßigkeitsfrage bedienen will. Ich beabsichtige, die Novelle »Böse Nachbarn« zu nennen, und gedenke, sie in die schottischen Hochlande zu verlegen und den schottischen Dialekt zu gebrauchen, der augenblicklich sehr in Mode gekommen ist, um, wie ich hoffe, damit einen großen Erfolg zu erzielen. Da ich aber nur geringe Kenntnisse der schottischen Ausdrücke habe, so möchte ich den Dialekt während meiner Ferien an Ort und Stelle studieren, vermutlich auf der Insel Skye, wo, wie ich glaube, der schottische Dialekt sich am reinsten erhalten hat. Ich will einen Monat fortbleiben und kann abreisen, sobald ich einen Stellvertreter gefunden habe; ich bitte Sie, falls es Ihnen nicht zu viel Mühe macht, für mich das beigeschlossene Inserat im »Banner der namenlosen Brüder« einrücken zu lassen. Ich hoffe, durch Ihre werten Bemühungen rascher zum Ziele zu gelangen, als wenn ich ein hiesiges Bureau beauftrage, und könnte auf diese Weise vielleicht eine Woche früher abfahren.

Indem ich Ihnen bereits im voraus besten Dank sage, zeichne ich mich mit der vorzüglichsten Hochachtung ergebenst

Ihr dankbarer
Adolf Honigseim, Prediger.

 

Obgleich »Literarisches Bureau« in großen Buchstaben an seiner Tür zu lesen war, war Pringle bisher noch niemals von einem Schriftsteller – auch nicht von dem blutigsten Anfänger – mit einem Auftrage beehrt worden, und vergnügt lächelnd und froh darüber, daß sein wirklicher Beruf so wohl verschleiert war, steckte er sich eine Zigarette an und setzte sich, um über Herrn Honigseims Vorschlag nachzudenken.

Wurzleford – Wurzleford? Der Name kam ihm doch so bekannt vor. Sicher hatte er ihn unlängst irgendwo gelesen. Er griff nach einer Zeitung, die besonders über die Vorfälle in der englischen Gesellschaft berichtete, und in der er beim Klopfen des Briefträgers gelesen hatte.

»Seitdem der Maharajah von Satpura Sandringham verlassen hat, ist er jetzt auf einer Rundtour begriffen, um bei einer Anzahl Familien des Hochadels seine Abschiedsbesuche zu machen, bevor er im Oktober nach Indien zurückkehrt. Seine Hoheit ist wohl bekannt als der Besitzer des berühmten Harabadi-Diamanten, der rote und violette Blitze bei jeder Bewegung seines Trägers schleudern soll, und seine Juwelen haben während der letzten Gesellschafts-Saison und bei allen amtlichen Veranstaltungen des Jahres das größte Aufsehen hervorgerufen.«

*

»Wie uns berichtet wird, wird der Maharajah ungefähr Ende nächster Woche in Eastlingbury, dem prunkvollen Schlosse des Lord Wurzleford in Sussex, erwartet, und ohne Zweifel wird Seine Hoheit als ein Mann von großer Bildung und feinem Geschmack mit besonderem Interesse diesen alten Stammsitz einer unserer ältesten und vornehmsten Adelsfamilien in Augenschein nehmen.«

*

Herr Honigseim dürfte keine große Schwierigkeit haben, einen Stellvertreter zu finden, dachte Pringle, als er die Zeitung beiseite legte. Er überlegte, ob es möglich wäre, wenn er – sicher war es gewagt, aber einen Versuch wert! Man soll nie eine gute Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lassen! Deshalb kam er auf den Gedanken, selbst den geistlichen Stellvertreter zu spielen. Wurzleford würde sicherlich ein sehr anziehender kleiner Ort sein und seine Anziehungskraft würde sicher durch die Ankunft des Maharajah nicht verlieren! Schließlich war es auf jeden Fall eine angenehme Erholungszeit, und es würde ihm sicherlich Vergnügen machen, neue Menschen in seiner Stellung als Geistlicher kennen zu lernen. Er mußte über die Kühnheit seiner Idee lächeln und trat vor einen Spiegel, um sein Gesicht zu betrachten. Er schien von seiner Betrachtung befriedigt zu sein, und wenn er sein Muttermal fortwischte, einen Kneifer aufsetzte, sein Haar schwarz färbte und einen schmalen Streifen Backenbart anheftete, würde die Verkleidung sicher genügen. Nachdenklich steckte er eine neue Zigarette an.

Von größter Wichtigkeit erschienen ihm zunächst die nötigen Zeugnisse. Warum sollte er nicht sagen, er hätte die Originalzeugnisse anderswohin geschickt, da er im Begriffe stand, sich um eine dauernde Stellung zu bewerben, und Honigseim nur die mit der Schreibmaschine geschriebenen Kopieen vorzeigen? Er schien ein harmloser alter Dummkopf zu sein, und Pringle wollte auf sein Glück und seine Kühnheit vertrauen, um die Sache durchzuführen. Er konnte nach Wurzleford von irgend einer Londoner Adresse aus schreiben und dem Brief persönlich folgen, bevor noch Honigseim Zeit zu einem Antwortschreiben hatte, und er zweifelte kaum daran, daß sich die Sache schon machen würde, wenn er nur erst Gelegenheit hatte, mit dem Prediger persönlich zu sprechen. Besonders da Honigseim ja viel daran zu liegen schien, sobald als möglich fortzukommen! Dann war noch ein Punkt zu überlegen, – nämlich die Predigten, die er halten mußte! Aber bei den Antiquaren in Farringdon Street gab es ja eine derartige Menge von alten Predigtbüchern, daß es merkwürdig zugehen müßte, wenn er nicht einen genügenden Vorrat für seine Zwecke fände. Inzwischen konnte er daran gehen, sich aus dem Konversationslexikon genügende Kenntnis von der Glaubenslehre der »Namenlosen Brüder« zu verschaffen. Ergriff deshalb ohne Zögern nach dem betreffenden Bande seines Lexikons und war bald in den gewünschten Gegenstand vertieft.

Herrn Honigseims Annonce erschien in der nächsten Nummer des »Banner der Namenlosen Brüder« und wurde durch ein Telegramm des Predigers Charles Courtley beantwortet, der seine Dienste anbot und seiner Botschaft auf dem Fuße folgte. Obgleich der Pastor über den wunderbar schnellen Erfolg seiner Anzeige äußerst erstaunt war, so konnte er doch nur über den glücklichen Zufall froh sein, und war zu begierig, seine Ferien anzutreten, um erst noch viel Zeit mit Nachforschungen zu vergeuden. Es war Tatsache, – er konnte fast an nichts mehr als an die Sammlung von Material für seine Novelle denken und fieberte, dieselbe anzufangen. Herrn Courtleys ganze Erscheinung und Auftreten – um garnicht erst von den außerordentlich lobenden Zeugnissen zu sprechen – waren so vorzüglich, wie man es nur wünschen konnte. Seine Kenntnis von den kirchlichen Lehren der Sekte war dabei eine tiefgehende. Deshalb hatte der Prediger, der sich im Innern wunderte, daß ein solch hervorragender Geistlicher bisher noch keine bessere Stelle in seiner kirchlichen Laufbahn gefunden hatte, auch die Vertretung rasch abgeschlossen.

»Also schön, lieber Herr Courtley. Ich muß sagen, Sie scheinen bereits alles, was ich von Ihnen erwarte, so gut zu wissen, daß ich es wirklich nicht für nötig halte, noch heute über Nacht hier zu bleiben,« bemerkte Herr Honigseim am Ende der Unterredung.

»Ich setze voraus, daß die Gemeinde keinen Anstoß daran nimmt, wenn ich öfters mein Rad benutze, das ich mitgebracht habe?« fragte Pringle bescheiden, getreu der durchzuführenden Rolle.

»Aber durchaus nicht! Ich habe selbst oft daran gedacht, eines zu benutzen. Einige von den Mitgliedern meiner Gemeinde wohnen ja weit entfernt, wie Sie eben gehört haben. Außerdem kann ich vom kirchlichen Standpunkt aus nichts Anstößiges darin erblicken. Lord Wurzleford z. B. fährt immer Rad und ebenso eine Anzahl von Herren, die augenblicklich bei ihm zur Jagd eingeladen sind. Ich glaube, unter ihnen befindet sich jetzt irgend ein indischer Fürst oder so etwas Ähnliches.«

»Ist es vielleicht der Maharajah von Satpura?« warf Pringle ein.

»Ja, ich glaube, so war der Name. Kennen Sie ihn?« fragte Herr Honigseim, der erstaunt über die Kenntnisse des andern war.

»Nein, ich fand nur die Nachricht in einer Londoner Zeitung erwähnt,« bemerkte Pringle ruhig.

So fuhr also Herr Honigseim noch am selben Abend nach London, und von dort nach dem Norden, und zwar noch mit einem früheren Zuge, als er in seinen kühnsten Träumen jemals gehofft hatte.

Ungefähr eine Stunde später befand sich bereits Pringle auf seinem Rade, um die Umgegend seines neuen Aufenthaltsortes kennen zu lernen. Er war die Chaussee entlang gefahren, die hier einige Meilen lang durch den uneingehegten Eastlingbury-Park führte. Da aber die Gegend äußerst hügelig war, so war er beim Emporklimmen der Bodenunebenheiten bald außer Atem geraten, deshalb sprang er zwischen zwei Hügeln von seinem Rade ab und lag bald auf dem weichen Rasen des Parkes an der Seite der Chaussee ausgestreckt, sich seinen Träumereien hingebend. Ein fast unmerklich leises Lüftchen ließ die Glockenblumen hin- und herschwanken, daß sie wie wirkliche kleine Glöckchen erschienen, und nichts unterbrach die wonnige Stille dieses wunderschönen Sommerabends. Während Pringle sich noch an den Schönheiten der Natur und dem herrlichen Blick, der sich ihm bot, erfreute, erschien plötzlich auf der Chaussee ein Radfahrer, der im Begriff stand, von dem Hügel, an dessen Fuße sich Pringle gelagert hatte, herabzufahren. Mit einem Mal schwankte er von einer Seite zur andern. Der Lauf seines Rades wurde immer unsicherer und unbestimmter und bewegte sich im Zickzack hin und her; man konnte sehen, daß er alle Gewalt über sein Rad verloren hatte. Während er mit immer größerer Geschwindigkeit den Hügel niedersauste, erschien auf der Anhöhe hinter ihm eine weiße Gestalt, die die Arme wild in die Luft warf und Schreckensrufe ausstieß, die der Wind zu den Ohren Pringles trug. In tollem Lauf jagte der Mann hinter dem Rade her.

In dem Tale unterhalb der beiden Hügel floß der Wurzle, und der Weg, der hier gerade eine scharfe Ecke machte, überschritt ihn auf einer kleinen Brücke, mit niedrigen Ziegelgeländern. Falls ein Radfahrer den Weg nicht genau kannte und nicht scharf aufpaßte, so war es sicher, daß er bei dem Herunterradeln des Hügels auf einer oder der anderen Seite der Brücke anprallen mußte, und es lag die Möglichkeit vor, in den Fluß zu stürzen oder einen noch schlimmeren Unglücksfall zu erleiden. Pringle übersah die ganze Sachlage mit einem Blicke, deshalb sprang er aus sein Rad, sauste hinunter bis zu der Brücke und kam gerade zur rechten Zeit, um den andern Radfahrer, der in so großer Lebensgefahr schwebte, noch bei der Lenkstange zu erwischen und das Rad zurückzureißen. Es war ein kräftiger Herr von dunkler Hautfarbe in einem eleganten Radfahrerkostüm, der sich verzweifelt an Pringle festhielt, als sie zusammen in den Graben rollten. Inzwischen war die weiße Gestalt, die ein eingeborener Diener zu sein schien, an die beiden herangekommen und half unter den tiefsten Ehrfurchtsbezeugungen seinem Herrn aufstehen, dann suchte er die zertrümmerten Überbleibsel des Rades zusammen.

»Ich muß Sie um Entschuldigung bitten, daß ich Sie vom Rade herunterriß,« sagte Pringle, als er selbst wieder auf die Beine gekommen war, »aber ich glaube, Sie waren nahe daran, in eine mißliche Lage zu geraten.«

»Es ist nicht nötig, sich auch noch zu entschuldigen, wenn Sie jemand das Leben gerettet haben, mein Herr,« erwiderte der starke Herr in ausgezeichnetem Englisch. »Mein Radreifen war auf dem Hügel defekt geworden, so daß die Bremse ihren Dienst versagte; aber dürfte ich Sie um Ihren Namen bitten?«

Als Pringle ihm seine Visitenkarte überreicht hatte, die auf »Prediger Charles Courtley« lautete, fuhr der andere fort: »Ich bin der Maharajah von Satpura, und ich hoffe, ich habe noch das Vergnügen, Ihnen bei einer weniger aufregenden Gelegenheit meinen wärmsten Dank auszudrücken.« Er machte eine höfliche Verbeugung, und sein Lächeln ließ eine Reihe prachtvoller, weißer Zähne sehen. Dann lehnte er sich auf die Schulter seines Dieners und schritt auf eine Gruppe von Radfahrern zu, die eben an dem Unglücksplatze angelangt waren.

In dem täglichen Einerlei des schläfrigen kleinen Ortes, wo ein Tag stets fast ebenso wie der andere verlief, und mit der Beobachtung der einfachen Leute, unter denen Pringle als Geistlicher eine ganz besondere Stellung einnahm, vergingen die Tage schnell. Einigen Gemeindemitgliedern war sein Rad zu Anfang recht befremdend und unpassend erschienen, aber Pringles natürliches Taktgefühl hatte ihm bald über alle solche Schwierigkeiten hinweggeholfen, und besonders der weibliche Teil der Gemeinde würde Pringle noch weit mehr als das vergeben haben; denn bei seinem einnehmenden Wesen verstand er es nur zu gut, sich mit der besseren Hälfte der Menschheit auf vertrauten Fuß zu setzen. Man sprach sogar davon, daß seine Beredsamkeit auf der Kanzel mehrere abtrünnige Schäflein zu der Herde zurückgeführt hatte, und verstohlen wisperte man, einige Male seien sogar Goldstücke in der Sammelbüchse vorgefunden worden – ein Vorfall, der bisher in der Geschichte der Gemeinde noch nicht vorgekommen war!

September war ein außergewöhnlich heißer Monat gewesen; aber in diesen Tagen war es ganz besonders schwül und drückend. Sogar der herannahende Abend hatte kaum einige Erleichterung gebracht, und in Eastlingbury war an diesem Abend die Hitze geradezu tropisch. Die Fenster in dem Speisezimmer des Schlosses standen zwar weit offen, aber die hereindringende Luft vermochte keine Kühlung zu schaffen. Die Kerzen bogen sich sogar vor Hitze, sodaß die Lichtschirme in Gefahr zu versengen kamen. Obgleich die Wolken hoch am Himmel eilig dahinzogen und auf die Rasenplätze rasch wechselnde Schatten warfen, so bewegte sich doch kein Blatt in dem Garten. Es war bereits spät geworden, und die Damen hatten lange die Tafel verlassen, nur die Herren saßen noch beim Wein und hörten aufmerksam den Reden Pringles zu. Er erzählte eine Geschichte aus dem Dschungel von einem Kampf zwischen einem Leoparden und einem Tiger, und die Pulse eines jeden Zuhörers hatten rascher geschlagen, und jeder einzelne hätte gewünscht, die Geschichte wäre länger gewesen.

»Ohne Zweifel, Sie sind ein kühner Forschungsreisender, Herr Courtley,« ergriff der Lord das Wort, als sein Gast geendet hatte.

»Und ein scharfer Beobachter,« fügte der Maharajah hinzu. »Ich habe niemals eine lebhaftere und wahrheitsgetreuere Schilderung eines Tierkampfes mit angehört. Ich habe unglücklicherweise niemals im Dschungel einen derartigen Kampf erlebt, und wenn ich auch oft Tierkämpfe – satmaris nennen wir sie – zur Belustigung meiner Untertanen in Satpura abhalte, so muß es doch weit interessanter sein, einen derartigen Kampf in freier Natur zu beobachten.«

Es war dem Maharajah nicht so leicht geworden, Lord Wurzleford zu überreden, seine Gastfreundschaft auch auf Herrn Courtley auszudehnen. Zunächst war der letztere ja nur ein Dissident von der Sekte der »Namenlosen Brüder« und dann auch nur der Stellvertreter eines Predigers. Ferner hatte auch der Maharajah seine Bekanntschaft in so wenig gesellschaftlicher Form gemacht, aber schließlich, um Seiner Hoheit gefällig zu sein –

Pringle hatte es an diesem Abend durch sein gewandtes Auftreten und seine gesellschaftlichen Talente bereits vortrefflich verstanden, die Vorurteile gegen seine Person abzuschwächen, und es will viel sagen, daß die Damen es einstimmig bedauerten, den Tisch nach Schluß der Mahlzeit verlassen zu müssen. In der Tat, von dem Augenblick seiner Ankunft an war er stetig in der Gunst aller Gäste gestiegen. Er hatte nicht nur selbst eine glänzende Unterhaltungsgabe bewiesen, sondern hatte auch den andern die Gelegenheit geboten, hierin ihre Fähigkeiten leuchten zu lassen, und seine Geschichten, die er zum besten gab, schienen aus einem unerschöpflichen Born geschöpft zu sein. Buchstäblich war er überall gewesen und hatte alles nur denkbare gesehen und erlebt. Was den Maharajah anbetraf, der sich schon in diesen vornehmen und gemessenen Adelskreisen recht gehörig zu langweilen anfing, so war Pringle ihm fast wie eine Erlösung erschienen! Als gegen Ende des Mahles ein junger Mann vertraulich zu der Dame an seiner Seite bemerkt hatte, daß »der Dissident wahrhaftig ein ganz anständiger Mensch zu sein scheine«, da hatte er damit nur die allgemeine Meinung zum Ausdruck gebracht.

Während Pringle mit Hilfe einer Fingerschale und einiger Dessertmesser die Einrichtung der Stauwerke des Nils der aufmerksamen Zuhörerschaft beschrieb, fand eine ernste Unterredung an dem oberen Ende der Tafel statt. Der Maharajah, Lord Wurzleford und der Haushofmeister flüsterten geheimnisvoll miteinander, und plötzlich sprang der erstere auf und zog sich in unverhohlener Erregung zurück. So deutlich sah man dem Gastgeber dieselbe Erregung auf dem Gesicht geschrieben, daß die Unterhaltung plötzlich stockte und ganz verstummte, und während der nun folgenden peinlichen Pause richteten sich zahlreiche fragende Blicke nach der Spitze des Tisches, wo der Haushofmeister mit leichenfahlem Gesicht immer noch mit seinem Herrn erregte Worte wechselte.

In der Absicht, das peinliche Schweigen zu unterbrechen, war Pringle gerade im Begriff, seine Erläuterung fortzusetzen, als Lord Wurzleford ihm zuvorkam.

»Bevor wir die Tafel verlassen,« sagte der Lord mit bebender Stimme, »möchte ich Ihnen nur noch das höchst unangenehme Ereignis mitteilen, das sich soeben unter meinem Dache zugetragen hat. Man ist in die Wohnräume des Maharajah von Satpura eingedrungen, und ein Teil seiner Juwelen wird vermißt. Wie mir eben gesagt wird, hat man vor kaum einer halben Stunde jemand in dem Zimmer des Maharajah gehört, und ein fremder Mann hat kurz nachher den Park in der Richtung nach Bleakdown hin durchschritten. Ich habe bereits Befehl gegeben, von Eastlingbury die Polizei herbeizuholen, und inzwischen durchsucht die Dienerschaft den Park. Bitte, sorgen Sie dafür, daß die Geschichte den Damen solange als möglich verschwiegen bleibt.«

Auf jedem Gesichte war die äußerste Bestürzung zu lesen, und unter lautem Fragen und Stimmengeschwirr sprang alles von der Tafel auf.

»Verzeihen Sie,« sagte Pringle, während er sich Lord Wurzleford näherte, der scheinbar alle Selbstbeherrschung verloren hatte, »ich kenne den Weg nach Bleakdown sehr gut und bin auf ihm bereits einige Male geradelt. Ich kam auf meinem Rad hierher, und vielleicht wäre es mir möglich, den Einbrecher einzuholen. Jeder Augenblick ist von Wichtigkeit, und es kann einige Zeit dauern, bevor die Polizei eintrifft.«

»Ich bin Ihnen für Ihre gute Absicht außerordentlich dankbar!« entgegnete der Lord und fügte mit dem schwachen Versuch, einen Scherz zu machen, hinzu: »Vielleicht gelingt es Ihnen, mit Ihrem Rade Seiner Hoheit noch einen weiteren Dienst zu erweisen.«

Ungefähr vier bis fünf Meilen von Eastlingbury entfernt verläßt die Landstraße den Park und überschreitet den Großen Südkanal. Die Brücke hat eine verhältnismäßig niedrige Spannung und von der Landstraße führt ein abschüssiger Weg zu dem Flußufer und dem Schlepppfad an demselben hinab. Da die Steigung des Weges nach der Brücke hin ziemlich groß wurde, so war Pringle gezwungen, langsamer zu fahren. Schließlich sprang er ab und lehnte sein Rad gegen die Hecke, die den Weg einsäumte. Er hatte die Gestalt eines Mannes erspäht, der ungefähr zwei-, dreihundert Meter vor ihm bewegungslos an dem Geländer der Brücke lehnte. Er schien zu horchen, ob er verfolgt würde. Alles blieb ruhig, und nur in der Ferne schlug eine Uhr elf, und die Gestalt wandte sich plötzlich zur Seite und verschwand. Als Pringle die Brücke erreichte, hörte er das Geräusch von sich loslösenden kleinen Steinchen, die durch die Tritte eines Mannes, der den abschüssigen Weg zum Flußufer hinabschritt, herunterkollerten. Mit äußerster Vorsicht stahl sich Pringle ebenfalls den Weg hinunter, und als er um eine Ecke bog, erblickte er gerade unter dem Brückenbogen den Mann.

Die Wolken waren inzwischen verschwunden, und der Mond, der sich im Wasser spiegelte, gab genügendes Licht, um die Szene unter der Brücke genau zu verfolgen. Der Mann lag jetzt auf den Knien am Rande des Wassers und band ein Bündel mit einem Strick sorgfältig zusammen. Er verschnürte das Bündel nach allen Richtungen hin und schob dann durch diese Verschlingungen einen Gegenstand, der wie ein Zollstock aussah, und den er aus seiner Tasche holte. Das übrigbleibende Stück des Strickes hielt er in der einen Hand und tastete mit der andern an der Holzeinfriedigung entlang, die hier den Kanal einsäumte. Schließlich fand er irgend etwas, an dem er das Strickende befestigen konnte und versenkte dann das Bündel mit dem Zollstock in den Kanal.

Schon vor geraumer Zeit hatte Pringle auf der Landstraße über sich deutlich das Geräusch von nahenden Fußtritten gehört, obgleich der andere, der mit seiner geheimnisvollen Tätigkeit voll beschäftigt war, nicht darauf geachtet hatte. Jetzt, als jener sich aus seiner zusammengekauerten Stellung aufrichtete und die Glieder streckte, stutzte er plötzlich und lauschte. In diesem Augenblick änderte Pringle ein wenig seine Stellung und brachte einen Stein ins Rollen, der mit lautem Geräusch in das Wasser plumpste. Der Mann blickte auf, erspähte ihn und zog sich mit einem unterdrückten Fluch nach der anderen Seite des Brückenbogens zurück. Eine Sekunde durchbohrte er seinen Verfolger mit den Augen, dann wandte er sich und begann, immer im Schatten der Bäume, den Schlepppfad längs des Kanals hinunterzulaufen.

»Sehen Sie hin, dort läuft er auf dem Schlepppfad!« schrie Pringle, als er wieder auf die Landstraße hinaufgeklettert war und zwei Landgendarmen vor Augen hatte, die sich gerade über das verlassene Fahrrad in Vermutungen ergingen. Der Flüchtling hatte sie inzwischen ebenfalls gesehen, und da er wohl einsah, daß ein bloßes Verstecken nutzlos sein würde, fing er nun an, ernstlich so rasch er konnte zu laufen, von den beiden Gendarmen und Pringle auf den Fersen verfolgt.

Aber Pringle blieb bald zurück, und als ihre Fußtritte sich in der Entfernung verloren hatten, ging er auf die Landstraße zurück, lud sein Rad auf die Schulter, trug es den Abhang hinunter und stellte es unter den Brückenbogen. Er tastete nun mit der Hand längs der hölzernen Einfassung des Kanals, hatte bald den Strick gefunden, faßte ihn mit beiden Händen, denn das Gewicht war nicht unbeträchtlich, und zog das Bündel ans Ufer. Was wie ein Zollstock ausgesehen hatte, erwies sich nun als ein sehr sorgfältig gearbeitetes Brecheisen, das mit einem Scharnier versehen und zusammenklappbar war. Pringle bewunderte es mit dem Interesse des Fachmannes, ließ es ins Wasser gleiten und knüpfte dann das Tuch auf, das das Bündel einhüllte. Obgleich er auf den Inhalt des Bündels wohl vorbereitet war, hatte er doch kaum geglaubt, ein derartig wunderbares Schauspiel zu erblicken, und als er mit den Händen in das Durcheinander von Gold und Edelsteinen fuhr, begann sogar in dem schwachen Mondlicht ein Flimmern und Glitzern, als hätte er die Sterne des Himmels heruntergeholt.

Eine Uhr schlug in der Ferne halb, es galt also, keine Zeit zu verlieren! Er nahm aus der Werkzeugtasche seines Rades einen Schraubenschlüssel, schraubte die Lenkstange ab und füllte sorgfältig das Gabelrohr des Rades und die Lenkstange mit den Juwelen und Edelsteinen voll. Einige der größeren und vielleicht auch weniger kostbaren Stücke konnte er nicht mehr unterbringen. So mußte er sie zurücklassen, packte sie deshalb wieder in das Tuch ein und warf sie, ebenso wie vorher das Brecheisen, in den Kanal. Dann zog er die Schraubenmuttern wieder an, trug sein Rad zurück auf die Landstraße, saß auf und radelte schnell nach Eastlingbury zurück.

»Halt! Halt!«

Er hatte vergessen, seine Laterne anzuzünden, und als plötzlich eine Blendlaterne vor ihm auftauchte und ein stämmiger Polizist ihn an der Lenkstange festhielt, überlegte Pringle innerlich, wieviel ihm die Unterlassung dieser polizeilichen Vorschrift wohl kosten würde. Aber fast im gleichen Augenblicke kam ein erregter Diener angelaufen, der gleichfalls eine Lampe in der Hand trug. Als dieser ihm ins Gesicht geleuchtet, begrüßte er ihn ehrfurchtsvoll.

»Es ist alles in Ordnung, Herr Parker,« rief der Diener. »Dieser Herr hier ist ein Freund Seiner Lordschaft.«

Der Polizist gab das Rad frei und begrüßte nun Pringle seinerseits.

»Verzeihen Sie, daß Sie angehalten wurden, Herr,« entschuldigte sich der Diener, »aber wir haben Befehl, alle Landstraßen zu bewachen, um den Einbrecher zu fassen.«

»Haben sie ihn denn noch nicht gefangen?«

»Nein, Herr! Er ist in den Park zurückgelaufen, und dort hat man ihn aus den Augen verloren. Einer der Reitknechte, den wir zu Pferd ausgeschickt hatten, traf unterwegs die Gendarmen, die erzählten, daß sie Sie gesehen hätten; aber sie konnten uns nicht sagen, wo Sie geblieben wären, nachdem sie den Einbrecher aus den Augen verloren hatten. Sie fürchteten, er würde auf die Landstraße zurückkehren und mit Hilfe Ihres Rades entwischen, das Sie ja dort stehen gelassen hatten, und sie befahlen dem Reitknecht, zurückzureiten und uns mitzuteilen, wir möchten unser Hauptaugenmerk auf alle vorüberkommenden Radfahrer richten.«

»So glaubten Sie also, ich wäre der Einbrecher! Aber wie, zum Himmel, ist er denn vorher eigentlich ins Schloß hineingelangt?«

»Ja, Herr, die Sache war so: Der Kammerdiener des indischen Königs ging ungefähr um zehn Uhr nach oben, um das Schlafzimmer des Königs in Ordnung zu bringen. Als er die Tür aufmachen wollte, fand er, daß er sie nicht öffnen konnte, deshalb rief er einige andre Inder zur Hilfe herauf, und als die auch die Tür nicht aufmachen konnten und fanden, daß die Tür überhaupt nicht mit dem Schlüssel verschlossen war, meinten sie, die Türe wäre verhext.«

Bei diesen Worten brach der Polizist in helles Gelächter aus und starrte dann in den Mond, als wolle er ihn als Quelle seiner Heiterkeit verantwortlich machen. Der Diener warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und fuhr dann fort:

»Sie kamen dann 'runter in das Dienerzimmer, und der eine von ihnen, der noch am besten englisch sprach, erzählte uns die ganze Geschichte. Da meinte ich: »Na, dann wollen wir einmal versuchen, durchs Fenster ins Zimmer zu kommen.« So gingen wir alle zusammen in den Garten zu dem Tennisplatz, der gerade unter den Zimmern des Königs liegt. Die Fenster standen alle, gerade wie vor Tische, wegen der Hitze offen. An der Mauer zieht sich ein alter, dicker Efeustamm hin, der die ganze Wand bedeckt, und der solch dicke Zweige hat, daß ein Mann ganz gut darauf stehen kann. An diesem kletterte Herr Strang, unser Haushofmeister, in die Höhe und wir immer hinter ihm her. Wir konnten zuerst gar nichts Unrechtes erblicken; aber der Kammerdiener des Königs fiel auf seine Knie und schlug sich an die Brust, rang die Hände und rief, er sei ein toter Mann! Als wir ihn fragten, warum, sagte er, daß alle Juwelen des Königs fort wären, und jetzt sahen auch wir viele Schachteln liegen, in denen Diamanten- und Rubinenbroschen und -halsbänder und andere Dinge gewesen waren – alles aufgebrochen und ausgeleert, und überall lagen Kästchen für Ringe und kleinere Gegenstände verstreut, die gleichfalls leer waren. Wir fanden, daß der Einbrecher Klammern an die Türen festgeschraubt hatte, und deshalb hatten wir sie auch nicht öffnen können. So schraubten wir die Klammern nun ab und machten die Türen wieder auf. Herr Strong ging hinunter und teilte alles Seiner Lordschaft mit, und der wieder berichtete es dem König. Aber der indische Kammerdiener sagt, der König wäre furchtbar in seinem Zorn gewesen, und er hat Angst, der König würde sich an ihm rächen, wenn er erst in Indien zurück ist, und würde ihn von einem wilden Elefanten zertrampeln lassen.«

Hier hielt der Diener einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen, und der Polizist ergriff die Gelegenheit, um nun selbst Erkundigungen einzuziehen.

»Würden Sie den Mann wiedererkennen, wenn Sie ihn nochmals sehen würden, Herr?« warf er ein.

»Das glaube ich sicher,« erwiderte Pringle.

»Ein so liebenswürdiger Herr, wie Sie ihn selten finden,« meinte der Diener zu dem Gendarmen, als Pringle davongeradelt war. Der Gendarm nickte zustimmend.

*

Als Pringle am nächsten Morgen die Nordstraße, die Hauptstraße des Örtchens, hinunterschritt, wurde er von einem Fremden angesprochen. Es war ein kleiner, aber gedrungener Mann in sauberer Kleidung, der den Eindruck machte, als wäre er ein herrschaftlicher Diener, der nur gerade seine Livree nicht anhatte.

»Verzeihen Sie, habe ich die Ehre, mit Herrn Courtley zu sprechen?« fragte er, indem er ehrerbietig seinen Hut zog.

»Ja, der bin ich. Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Ich möchte mit Ihnen im Vertrauen sprechen, Herr! Wann dürfte ich Ihnen meine Aufwartung machen?«

»Paßt es Ihnen heute abend um sechs?«

»Jawohl, Herr, ich werde mich einfinden.«

Pringle ging seines Weges weiter, in der Meinung, mit jemand gesprochen zu haben, der, durch seine Beredsamkeit gewonnen, der Gemeinde beizutreten beabsichtige. Er hatte gerade morgens einen Brief von Herrn Honigseim erhalten, der ihm seine Rückkehr anzeigte, und war recht zufrieden, daß mit dem vertraulichen Gespräch am Abend seine Maskerade enden würde. Zwar war ihm seine Stellung bisher noch nicht unangenehm geworden, aber alles, was er hatte erreichen wollen, war ihm geglückt und in Wurzleford nun nichts mehr zu holen, deshalb begann er, sich nach dem Londoner Pflaster zurückzusehnen. Der Prediger schrieb ihm, daß er seine Sprachstudien auf der Insel Skye vollendet hätte und deshalb entschlossen wäre, nach dem Süden zurückzukehren. Der Hauptgrund für ihn, seinen Aufenthalt abzukürzen, wären die schreckliche Eintönigkeit und das schlechte Wetter, da, wie die Einwohner von Skye sagen, Schnee dort die einzige Abwechselung in dem ewigen Regen ist. Außerdem fürchte er, daß der stetige Geruch von eingesalzenen Heringen bereits ernsthaft seine Verdauung beeinträchtigt hätte! Aus allen diesen Gründen hielte er es für das Beste, zurückzukehren, und könnte ungefähr zwölf Stunden später als sein Brief zu Hause zurückerwartet werden. Er sprach jedoch zum Schlusse die Hoffnung aus, daß Pringle auf jeden Fall bis zum Ende des Monats sein Gast bleiben würde.

Herrn Honigseims Studierzimmer war ein großer Raum im Erdgeschoß, dessen Fenster den Blick auf einen kleinen Teich und den Garten gestatteten. Es hatte etwas von einer Gefängniszelle an sich, denn die Tür war aus dickem schweren Eichenholz, und die Fenster waren, was für eine Landstadt ja recht ungewöhnlich ist, mit eisernen Gittern versehen. Diese Vorsichtsmaßregel hatte Herr Honigseim anbringen lassen, da er stets Angst vor Einbrechern hatte, besonders an Kollektetagen, wenn das ganze Geld hier die Nacht über liegen bleiben mußte. Nichtsdestoweniger war es aber ein sehr behagliches Zimmer, und Pringle hatte sich während seines Aufenthaltes in Wurzleford fast immer, wenn er sich zu Hause befand, darin aufgehalten. Er war damit beschäftigt, eine Anzahl Papiere und Schriftstücke zu ordnen, um sie für die Rückkehr des Predigers bereit zu halten, als pünktlich mit dem Glockenschlage sechs die Wirtschafterin an die Tür des Studierzimmers klopfte.

»Es ist ein junger Mann da, Herr Courtley, der mir sagte, Sie erwarteten ihn,« kündigte sie an.

»Ach jawohl, ich weiß schon. Bitte, lassen Sie ihn eintreten!« erwiderte Pringle.

Sein Bekannter vom Morgen trat ein, machte ihm eine ehrerbietige Verbeugung, stellte seinen Hut unter den Stuhl und nahm Platz. Aber kaum hatte sich die Tür hinter der Aufwärterin geschlossen, als in seinem Verhalten ein vollständiger Umschwung eintrat.

»Ich sehe, Sie erkennen mich nicht!« begann er, indem er sich vorwärts beugte und Pringle starr in die Augen blickte.

»Nein, ich muß gestehen, ich habe nicht den Vorzug, Sie zu kennen,« erwiderte Pringle trocken.

»Und dennoch haben wir uns getroffen, und zwar ist das gar nicht lange her.«

»Ich habe auch nicht die leiseste Erinnerung, Sie jemals früher als heute morgen gesehen zu haben,« äußerte Pringle zurückweisend. Er ärgerte sich über des Mannes Beharrlichkeit und wünschte, die vertrauliche Art und Weise, mit der jener zu ihm sprach, zu beenden.

»Dann muß ich Ihrem Gedächtnis auf die Beine helfen. Es war letzte Nacht, als ich zum ersten Male das Vergnügen hatte, Sie zu sehen.«

»Ich würde mich freuen, zu erfahren, wo das gewesen sein sollte.«

»Das werden Sie gleich hören.« Dann fuhr er äußerst langsam und jedes Wort betonend fort: »Es war unter der Brücke, an dem Großen Südkanal.«

Pringle fuhr trotz seiner gewöhnlichen Geistesgegenwart leicht zusammen.

»Ich sehe, Sie haben unsere Begegnung noch nicht vergessen. Ich glaube, es war ungefähr gegen elf Uhr nachts, nicht wahr? Na, das tut ja nichts zur Sache. Ich konnte im Mondlicht Ihr Gesicht besser erkennen, als Sie das meinige.«

Pringle fuhr fort, vorsichtig zu schweigen, und der andere lief im Zimmer aus und ab, wählte sich dann den bequemsten Stuhl des Zimmers aus und zog kaltblütig eine Zigarettendose hervor. Pringle bemerkte trotz seiner Aufregung, daß es eine sehr elegante goldene Zigarettendose mit einem Brillanten-Monogramm in der Ecke war.

»Wollen Sie rauchen?« fragte der Mann. »Nicht? Dann werden Sie mich entschuldigen,« und er zündete sich gemächlich eine Zigarette an, während er inzwischen Pringle auch nicht einen Augenblick aus den Augen ließ.

»Nun wäre es vielleicht das Beste, wenn wir uns miteinander richtig verständigten,« fuhr er fort, während er sich bequem in dem Stuhle zurecht setzte. »Mein Name tut nichts zur Sache, obgleich ich unter meinen Genossen als »der Stutzer« bekannt bin – arme Kerle die, sie haben eine so tiefe Ehrfurcht vor guter Erziehung und Bildung! – und ich will Ihnen nur gleich sagen, daß alle meine Freunde Ihnen erzählen könnten, daß ich nicht der Mann bin, der mit sich spaßen läßt. Wer Sie sind, weiß ich nicht genau, und schließlich kann mir das ja auch egal sein. Es ist wahrhaftig spaßig – unter uns gesagt – daß auch niemand sonst hier im Dorfe näher zu wissen scheint, wer Sie sind. Aber was Ihnen auf jeden Fall völlig klar sein muß,« hier richtete er sich auf und streckte drohend seine Faust nach Pringle aus, »und was Sie hoffentlich, wenn Sie verständig sind und Ihnen Ihr Leben lieb ist, einsehen werden, das ist: ich gehe heute abend von hier nicht fort, bevor ich das Zeug von Ihnen erhalten habe!«

»Mein lieber Mann, ich verstehe wahrhaftig nicht, worüber Sie eigentlich reden,« meinte demütig Pringle, der inzwischen seine Geistesgegenwart wiedergefunden hatte.

»Es hat keinen Zweck, die Zeit mit Redensarten zu vergeuden. Sie machen mir nicht den Eindruck eines Dummkopfes!« Der »Stutzer« zog einen Revolver aus der Tasche und zählte harmlos die Kammern, die sämtlich geladen waren. »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs! Ich habe sechs gute Gründe hier in meiner Hand für das, was ich behauptet habe. Also wollen wir die Probe machen; erstens: Sie sahen zu, wie ich das Zeug verbarg; zweitens: kein anderer war außerdem zugegen; drittens: jetzt ist das Zeug nicht mehr da; viertens: der Maharajah hat es nicht zurückerhalten: fünftens: ich habe auch noch nicht gehört, daß es von jemand anderem gefunden wurde; sechstens und letztens: deshalb haben Sie es!« Jedesmal, wenn er einen weiteren Grund anführte, drehte er eine Kammer des Revolvers um, so wie jemand anders vielleicht an den Fingern gezählt hätte.

»Sie verstehen vorzüglich, logische Schlüsse zu ziehen,« bemerkte Pringle trocken, »aber dürfte ich fragen, woher Sie mit solcher Sicherheit Ihre Behauptungen aufstellen.«

»Ich bin nicht der Mann, der sich so leicht übertölpeln läßt,« entgegnete der »Stutzer« mit gewisser Eitelkeit. »Ich habe den ganzen Morgen über Nachforschungen angestellt und diese gerade beendigt. Wie ich hörte, hat der arme alte Maharajah Scotland Yard bereits um Hülfe ersucht; aber ich fürchte, der Einbruch wird immer und ewig unaufgeklärt bleiben, und wie ich bereits sagte, scheinen auch Sie den meisten Leuten ein Rätsel zu sein. Sie kamen mir schon letzte Nacht recht verdächtig vor, aber ich wollte erst alles über Sie ausfindig machen, was von Ihren Gemeindemitgliedern zu erfahren war, bevor ich Ihnen Auge in Auge gegenübersaß. Nun wohl! Ich habe die besten Gründe, um zu vermuten, daß Sie ein Schwindler sind. Selbstverständlich geht mich das ja nichts an, aber Sie hatten gewiß Ihre guten Gründe, als Sie hierher kamen. Nun würde ein Wort zu Seiner Lordschaft und ein paar Winke, hier und da an verschiedenen Orten des Dorfes ausgestreut, bald genügen, um Ihnen den Boden unter den Füßen zu heiß werden zu lassen, und dann würde Ihr kleines Spielchen, was Sie auch immer beabsichtigen mögen, bald zu Ende sein.«

»Aber nehmen wir einmal an, ich wäre nicht in der Lage, Ihren Wünschen zu entsprechen!«

»Das würde völlig zwecklos sein! Ich werde an Ihnen, mein ehrwürdiger Herr, wie Pech und Schwefel kleben, und wenn Sie daran denken sollten, auszureißen,« er besah sich den Revolver, den er darauf in die Tasche steckte, »dann nehmen Sie meinen guten Rat an und denken Sie nur daran!«

»Weiter haben Sie mir nichts zu sagen?« fragte Pringle.

»Nein, das ist alles. Nun passen Sie mal auf: Ich habe an dem Plane die letzten vier Monate und ich glaube sogar noch länger gearbeitet, und denke nicht daran, das ganze Risiko allein zu tragen und Sie oder jemand anders nachher den ganzen Verdienst in die Tasche stecken zu lassen. Zum Henker, Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß ich so dumm wäre! Ich will Ihnen entgegenkommen und Ihnen einen Teil überlassen, und will Ihnen zehn Prozent des Wertes für Ihre Mühe abtreten, da Sie das Zeug ja in Verwahrung genommen und es an einen sicheren Ort geschafft haben. Aber jetzt heißt es: heraus damit!«

»Schön,« sagte Pringle, indem er sich erhob, »aber lassen Sie mich erst die Haushälterin fortschicken.«

»Ich bitte mir aus, keine Scherze jetzt,« knurrte der »Stutzer«, »ich bewillige Ihnen nur zwei Minuten und lasse die Tür offen!«

Ohne zu antworten, ging Pringle nach der Türe, schlüpfte durch dieselbe, schloß sie und drehte den Schlüssel zweimal im Schloß um, bevor der »Stutzer« noch Zeit gehabt hatte, auch nur von seinem Stuhle aufzuspringen.

»Du feiger Hund! Du verfluchte Schlange!« brüllte der letztere, während Pringle den Vorsaal durchschritt.

Da es noch Sommer war, so war in dem Studierzimmer auch noch keine Feuerzange vorhanden und andere Werkzeuge, mit denen der »Stutzer« hätte »arbeiten« können, gab es gleichfalls dort nicht. Ein Entschlüpfen durch die Fenster war durch die Fenstergitter völlig unmöglich gemacht. Deshalb war für den Augenblick der »Stutzer« als Feind in keiner Weise zu fürchten. Pringle lief rasch die Küchentreppe hinunter. Am Ende derselben befand sich ein Gasarm, und er streckte seine Hand aus und drehte das Gas auf, während er vorüberging. Aus der kleinen Küche hörte man das Klappern von Geschirr. Die Haushälterin war scheinbar damit beschäftigt, ein Festmahl für Herrn Honigseims Rückkunft zuzubereiten.

»Frau Johnson!« schrie Pringle laut, da gerade ein wütendes Klopfen vom Studierzimmer herklang.

»Was gibt es denn, Herr!« rief die erschreckte Frau.

»Es ist Gas ausgeströmt! Wir haben bereits oben nach der schadhaften Stelle gesucht! Riechen Sie denn gar nichts hier unten? Es ist das beste, Sie drehen den Hauptgashahn ab!« Er schien selbst so aufgeregt über die Sache, daß der Frau sein verstörtes Aussehen nicht weiter auffiel.

»Jetzt merk' ich es auch, es riecht nach Gas!« rief sie ängstlich aus, als ihr der bekannte Geruch in die Nase drang.

Nun befand sich der Hauptgashahn, wie das ja gewöhnlich ist, in dem Kohlenkeller, und als die vertrauensselige Person die Tür öffnete, um herunterzusteigen, fand sie sich plötzlich auf dem Boden liegen, während rundum die tiefste Dunkelheit herrschte. Es war ihr fast so vorgekommen, als hätte sie von hinten einen Stoß erhalten, und da ihr von dem unerwarteten Fall der Kopf dröhnte, so erhob sie sich mit Mühe von den Steinfließen und kroch langsam nach der Tür. Aber sie mochte an dieser ziehen und rütteln, soviel sie wollte, die Tür ging keinen Zoll weit auf. Als es ihr schließlich dämmerte, daß sie auf irgendwelche rätselhafte Art und Weise in Gefangenschaft geraten war, da begann sie zu weinen und kläglich um Hülfe zu rufen und hämmerte mit einem aufgehobenen Kohlenstück an die Kellertür.

Inzwischen war Pringle wieder die Küchentreppe in die Höhe gelaufen, guckte in den Hausflur, schob dann beide Riegel der Haustüre vor und befestigte sogar noch die Sicherheitskette. Der »Stutzer« schien jetzt einige Möbelstücke dazu zu benutzen, um die Tür einzuschlagen. Donnernde Schläge und das scharfe Absplittern von Holz bewiesen, daß er auch mangels besserer Werkzeuge seinem Gewerbe als Einbrecher treu zu bleiben verstand, und die Tür wackelte und klapperte gefahrdrohend unter den wiederholten Angriffen. Pringle stürzte in den ersten Stock hinauf und riß sich in atemloser Hast sein Predigergewand vom Leibe.

Bum! Krach!

Pringle wünschte, die Tür wäre von Eisen gewesen. Wie die Hiebe im ganzen Hause widerhallten, wie der »Stutzer« wild für seine Freiheit kämpfte! Und jedesmal, wenn er einen Augenblick innehielt, konnte man ein schwaches Klopfen aus dem Keller hören. Die Tür des Studierzimmers konnte derartigen Angriffen auf die Dauer nicht widerstehen. Zum Glück stand das Haus am Ende des Dörfchens, sonst wäre wohl die ganze Nachbarschaft inzwischen bereits zusammengelaufen.

Pringle suchte nach seinem Radfahreranzug. Wo konnte das dumme alte Weib ihn nur hingetan haben? Verdammte Ordnungsliebe! Er dachte schon fast daran, herunterzulaufen und sie zu befreien, damit sie ihm seine Sachen gäbe, denn jede einzelne Sekunde war hier von Wert. Ah, endlich! Wo war nur der verfluchte Schuhknöpfer? Wie schwer die Hosen anzuziehen waren – es war ihm vorher noch nie aufgefallen. Jetzt den Rock an! Kragen und Schlips? Ja, wahrhaftig, er hätte fast vergessen, seine Predigerbeffchen abzubinden! Das schadete schließlich nichts, ein dicker Wollschal würde alles verhüllen. Eine Mütze, und nun war er fertig. Handschuhe – es würde auch einmal ohne diese gehen.

Bum! krach! krach!!!

Er warf einen letzten Blick um sich, bevor er das Zimmer verließ, und blickte hastig zum Fenster hinaus. Ein kleines Stück auf dem Wege entfernt sah er einen Mann, der sich näherte. »Der kommt dir doch recht bekannt vor,« dachte er, und zudem schien er aus der Richtung des Bahnhofs zu kommen. Er sah schärfer hin und wahrhaftig, es war kein Zweifel mehr! Er war es – eingehüllt in einen schottischen Umhang, in der Hand eine kleine Reisetasche, näherte sich der Prediger Adolf Honigseim im Halbdunkel des Herbstabends fröhlich seinem Heim.

Pringle stürzte die Treppen hinunter, indem er immer drei Stufen zu gleicher Zeit nahm. Der »Stutzer« konnte ihn zwar hören, aber vorläufig noch nicht sehen. Die Tür des Studierzimmers wackelte schon bedenklich, und eine Türangel war bereits abgerissen. Als Pringle gerade am Fuße der Treppe anlangte, sah er, wie der »Stutzer« bereits eine Hand und dann den Arm durch die entstandene Öffnung aus der Türe heraussteckte.

»Ich hätte das verfluchte Schloß kaputt geschossen, hätte ich nicht meine Patronen sparen wollen!« knirschte der »Stutzer« so laut durch die Zähne, als er es bei seiner Atemlosigkeit nur vermochte. »Ich werde gleich frei sein, und dann werden wir unsere Rechnung miteinander machen!« Was er sonst noch ausrief, waren Kraftworte, die sich nicht gut wiedergeben lassen.

Krach! Bum! Krach!! schallte es von der Tür des Studierzimmers.

Tak! tak! tak! tak! tak! erklang plötzlich die Antwort von der Haustür. Das war Herr Honigseim, der den Klopfer erschallen ließ! Erschreckt durch dies neue Geräusch hielt der »Stutzer« einen Augenblick in seiner Arbeit inne, um zu lauschen.

Jetzt ging's die Küchentreppe hinunter. Das Pochen von Frau Johnson klang hier lauter, da die kräftigeren Geräusche der beiden Männer hier unten nur schwach zu hören waren. Nun begann der »Stutzer« wieder mit aller Kraft seine Arbeit aufzunehmen. Was für ein Lärm und Aufruhr! Herrn Honigseims Neugier konnte nicht mehr lange standhalten. Es würde nun nicht mehr lange dauern, und er würde um das Haus herum gehen, um von der Rückseite den Zugang zu versuchen, und Pringles Rad stand an der Hintertüre! Pringle schüttelte es leicht und ein leises Klappern tönte aus seinem Innern. Der kostbare Inhalt der Lenkstange und des Gabelrohres war noch in Sicherheit! Er öffnete behutsam die Hintertüre und schob sein Rad durch den kleinen Garten und hinaus auf den Feldweg hinter dem Hause.

Laut und lauter erklang der Klopfer an der Haustüre. Aber als ein letztes erfolgreiches Krachen und Splittern von Holzwerk von dem Hause herüberschallte, fuhr Pringle bereits auf seinem Rade in die mehr und mehr zunehmende Dunkelheit hinaus.

*

 


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