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Die Eidechsenschuppe

Sie werden sehr vorsichtig mit dem Grundköder angeln müssen,« sagte der gesprächige alte Herr, »denn sonst werden Sie nicht viele Rochen erwischen. Ich habe das gestern genau ausfindig gemacht.«

»In welchem Flußarm des Broad ist es jetzt am günstigsten zu fischen?« fragte Pringle, während er nach der Kaffeetasse auf dem Tische langte.

»Hecht? Ja, da wird jetzt wenig zu machen sein,« war die wenig passende Antwort. »Da ist vor September nicht viel zu wollen.«

Pringle wiederholte seine Frage.

»Wie? Ja, ich bin bereits auf dem Rückwege nach Stanlowe und fahre sofort nach dem Frühstück ab. Tut mir leid, daß ich Sie nicht gleich verstanden habe. Ich bin, seit wir uns zum letzten Mal trafen, wirklich ein bißchen schwerhörig geworden, und zudem habe ich heute Morgen mein Hörrohr nicht finden können.«

Seitdem Pringle an dem Frühstückstische Platz genommen, hatte ihn der taube Herr mit ungewöhnlicher Vertraulichkeit behandelt, was um so wunderbarer erschien, da sie ja einander völlig fremd waren, und es wurde Pringle allmählich immer klarer, daß der alte Herr ihn sicher mit jemand anderem verwechseln müsse. Pringle befand sich auf einer Erholungsreise an der Ostküste Englands; er hatte sein literarisches Bureau für eine Zeit lang geschlossen und war bereits von der Sommersonne bei dem ständigen Aufenthalte in frischer Luft gehörig braun verbrannt. Zwar hatte er beim Angeln keine großen Erfolge zu verzeichnen, aber er hatte in fleißigem Segeln einen gewissen Ersatz gefunden, und die Ruhe des kleinen Landwirtshauses wirkte erquickend auf die abgespannten Nerven des Stadtbewohners.

»Habe ich bereits das Vergnügen gehabt, Sie irgendwo früher zu treffen?« brüllte Pringle so höflich, als sich das mit dem Schreien vereinbaren ließ.

»Windrush? Ich habe ihn schon seit einer Woche nicht mehr gesehen. Als ich das letzte Mal bei ihm war, fragte er mich, ob ich etwas von Ihnen gehört hätte.«

Er war scheinbar außerordentlich schwerhörig, und es schien hoffnungslos, eine zusammenhängende Unterhaltung mit ihm zu führen.

»Wer ist das? Es tut mir leid, ich kenne ihn nicht!« schrie Pringle mit höchster Anstrengung seiner Lungen.

»Ach so, ich verstehe; er lebt jetzt in Axford House unter Fernhursts Obhut, wissen Sie. Ich vergaß ganz, daß Sie damals gerade nach dem Norden abgereist waren.«

»Das wird schlimmer und schlimmer,« dachte Pringle; er gab infolgedessen jeden weiteren Versuch, sich verständlich zu machen, auf, und begnügte sich damit, zu lächeln und von Zeit zu Zeit eine Verbeugung zu machen, während der andere mit so lauter Stimme, wie sie den Schwerhörigen eigentümlich ist, seine Erklärungen weiter fortsetzte.

»Ja, es war eine traurige Geschichte,« fuhr der alte Herr fort, »aber ich wüßte nicht, was wir hätten machen sollen, hätten wir nicht Percy gehabt. Böswillige Leute mögen vielleicht sagen, daß das für ihn ein großes Glück war, und daß er jetzt herrliche Tage hat; aber schließlich ist er doch Johns nächster Verwandter, und es war wirklich rührend, wie aufopfernd er stets für seinen Bruder gesorgt hat. Tatsächlich ist er während der ganzen Zeit mit der größten Rücksichtnahme vorgegangen und hat bei allen Maßnahmen stets meinen Rat eingeholt. Ich kann Ihnen ja im Vertrauen sagen, ich habe ihn früher nicht gerade besonders geschätzt, und er kam mir oft wie ein rücksichtsloser Abenteurer vor, aber ich habe jetzt meine Meinung über ihn völlig geändert.«

Er stand auf und suchte sein Angelgerät zusammen. »Sie sollten sich aufmachen und John in Axford besuchen. Es ist ja nur die vierte Station hinter Stanlowe, aber natürlich, Sie kennen ja den Weg! Sagen Sie ihm, falls Sie hinfahren, daß ich ihn nächste Woche besuchen würde.« Er schüttelte nun freundlich Pringle die Hand, dann bestieg der gesprächige alte Herr einen leichten Jagdwagen, der eben vorgefahren war, und fuhr davon.

»Wer ist der taube alte Herr?« fragte Pringle den Sohn des Gastwirts, der eben ins Zimmer trat.

»Was? Den kennen Sie nicht? Das ist Dr. Toddington. Haben Sie ihn denn niemals gesehen, Herr, wenn Sie in Thorpe Stanlowe waren? Er ist in letzter Zeit schrecklich taub geworden.«

Pringle war verblüfft. War denn der ganze Ort von Verrückten bewohnt, fragte er sich, oder war er selber nicht recht bei Sinnen?

»Nun passen Sie einmal auf,« sagte er ungeduldig. »Ich habe niemals vorher den alten Herrn gesehen, und war nie zuvor in meinem Leben in Thorpe oder wie das Nest heißt.«

»Sind Sie denn nicht Herr Coatbridge?«

»Aber ganz gewiß nicht!« versetzte Pringle.

»Zum Henker! Ja, jetzt, wo ich mir Sie näher ansehe, fällt's mir ja auch auf, daß er nicht so einen Fleck auf der Backe hat wie Sie. – Entschuldigen Sie, daß ich das erwähnte.«

»Aber wer ist denn Coatbridge?«

»Er war der beste Freund von Herrn Windrush.«

»Und wer zum Kuckuck, ist Herr Windrush?«

»Mein früherer Herr in Thorpe Stanlowe.«

»Bin ich denn Herrn Coatbridge so ähnlich?«

»Wie ein Ei dem andern, Herr!«

Pringle besann sich, daß, als er in dem Gasthaus angekommen war, ihn niemand nach seinem Namen gefragt hatte, sondern daß er im Gegenteil mit größtem Zuvorkommen bewillkommnet worden war, Tatsachen, die er der Weltabgeschiedenheit und den einfachen Sitten des Örtchens zugeschrieben hatte.

»Ich vermute, Dr. –, nicht wahr, Sie sagten Toddington – hielt mich wohl auch für Herrn Coatbridge?«

»Ja, Herr! Ich erzählte ihm, daß Sie da wären, als er gestern hier ankam, und er sagte, er würde hier über Nacht bleiben, um mit Ihnen ein paar Stunden zu verplaudern, aber gestern abend waren Sie schon früh zu Bett gegangen.«

Nach alledem war also, überlegte Pringle, der geschwätzige alte Herr durchaus nicht so verdreht, als es den Anschein hatte. Pringle besaß also einen Doppelgänger! Das ließe sich vielleicht in richtiger Weise ausnutzen!

»Lebt der Doktor weit entfernt von hier?« fragte er schließlich.

»Oberhalb Thorpe Stanlowe, Herr, ungefähr elf Meilen von hier aus. Übrigens hat der Regen völlig aufgehört, und wenn Sie ein bißchen segeln wollen, könnte ich jetzt mitkommen, und Vater würde inzwischen die Wirtschaft besorgen.«

Als sie den kleinen Anker lichteten und das Segel gesetzt war, machte Pringle es sich am Heck bequem, ergriff das Steuerruder und lenkte gewandt die kleine Barke, die gegen den Strom anzukämpfen hatte, so daß das Wasser an ihrem Bug aufsprühte.

»Sehen Sie das Tier, Herr!« rief der junge Mann plötzlich aus, »wie es funkelt! Nicht wahr?« Das Schilf des Ufers raschelte, schwankte und teilte sich dann, während eine graugrüne Schlange von ungefähr einem Fuß Länge, die zwei gelbe halbmondförmige Flecke am Halse hatte, pfeilschnell aus dem Schilfe hervorschoß. Einen Augenblick glitzerte ihre Haut in der Sonne, dann glitt die Schlange graziös ins Wasser, wobei sie einen zappelnden Frosch zwischen ihren kräftigen kleinen Kiefern festhielt.

» Tropidonotos natrix Die Ringelnatter.« murmelte Pringle gähnend.

»Haben Sie je eine Feuerschlange gesehen, Herr?«

»Meinen Sie Feuerwerk?«

»Nein, eine wirklich lebende Feuerschlange!«

»Tut mir leid, bis jetzt noch nicht. Sie vielleicht?«

»Nein, aber Herr Windrush sah oft solche.« Er holte die Segelleine mehr an und setzte sich dann auf die Bank an der Windseite des Bootes, da der Wind gleich einem kleinen Sturme über die weite Fläche des Broad zu wehen begann, so daß sich die kleine Barke auf die Seite legte. »Ja, er sah immer die verrücktesten Geschichten und die merkwürdigsten Dinge, wie Sie sie überhaupt noch nie gesehen haben. Ach, ich kann Ihnen sagen, er war der beste Herr, der je gelebt hat. Ich war mehr als drei Jahre lang Untergärtner in Thorpe Stanlowe, ich war achtzehn, als ich hinkam und blieb dort, bis die Verhältnisse sich änderten. Herr Percy wollte zwar, daß ich bleiben sollte, aber ich wollte mit dem nichts zu tun haben, und da ja Vater bereits recht alt geworden ist und nicht mehr allein recht fertig wurde, so bin ich nach Hause gekommen.«

»Wer war denn Herr Percy?«

»Der Bruder meines Herrn oder wenigstens sein Halbbruder. Sein Vater heiratete zweimal, erzählen sie, aber jetzt ist er der Herr. Ach, ich wünschte, statt Herrn Windrush wäre ihm die Geschichte passiert.«

»Ist denn Herr Windrush gestorben?«

»Schlimmer als das!« erwiderte der junge Mann, indem er bedauernd den Kopf schüttelte. »Ja, ja, das ging alles seinen richtigen Gang, bevor Herr Percy kam, um bei unserem Herrn zu wohnen; aber nach kaum sechs Monaten wurde Herr Windrush in seinem Kopf ganz verdreht. Dr. Toddington sagte, er dürfte nicht allein gelassen werden, so schlief denn Herr Percy immer in des Herrn Ankleidezimmer. Ich habe gar keinen Unterschied an ihm bemerkt, er schien mir immer noch derselbe freundliche alte Herr zu sein, der er immer gewesen war. Na ja, aber die werden's ja besser wissen, denn sie ließen einen andern Doktor aus London kommen, und ich hörte, daß sie ihn nach einer Beratung für schwachsinnig erklärten, und daß er schließlich entmündigt wurde. Sie sagten, er müßte in eine Heilanstalt gebracht werden, und jetzt ist er in Axford. Aber der Doktor aus London scheint nicht sehr viel verstanden zu haben, denn ich hörte, er hätte gemeint, Herr Windrush tränke zu viel Schnaps, und einen nüchterneren Menschen gibt's doch überhaupt nicht! Da war ganz jemand anders, der gerne einen hinter die Binde goß, aber das war nicht Herr Windrush.

O je! wenn ich mich besinne, wie der alte Percy an einem dunkeln Abend über das Geländer fiel, Kuckuck nochmal! Sah der aber verschwiemelt aus! Der konnte acht Tage lang nicht aus den Augen sehen. Und am nächsten Tage, da ließ er das ganze Geländer mit dem teuern weißen Zeug anstreichen, das im Dunkeln so glänzt und scheint, und das Schlüsselloch ließ er auch anstreichen, so daß er es am Abend nicht verfehlen konnte. Sie sehen, das ist nicht gerade der beste Bruder! Nein, nein, die beiden Brüder waren ganz voneinander verschieden, und wissen Sie, Percy, der sieht keinen Menschen an und kümmert sich um niemand, wenn er einen nicht gerade braucht und einem irgend einen Auftrag gibt. Das einzige Mal, wo ich mich besinnen kann, daß er überhaupt mit mir gesprochen hat, war damals, als Herr Windrush mit mir ein Gespräch über das Segeln führte, und Percy stand dabei und hörte zu und grinste von einem Ohr zum andern, und schließlich sagte er, ich verstände nicht viel vom Segeln, und auf Süßwasser zu segeln wär' auch keine Kunst, und das sagte er so recht höhnisch und niederträchtig. Nun stellen Sie sich mal vor, ich, der hier am Broad geboren und ausgewachsen bin, und zu mir spricht man derartig! Die Leute sagen, er wäre selbst zur See gegangen, und ich habe auch gehört, er soll studiert haben, um Doktor zu werden. Außerdem meinen die Leute, wenn Herr Windrush sich seiner nicht angenommen hätte, dann hätte man ihn ins Arbeitshaus gesteckt. Ach, ich kann Ihnen sagen, Percy hat so manches auf dem Kerbholze und hat's faustdick hinter den Ohren!«

»Versteht er denn zum Beispiel auf dem Broad zu segeln?« meinte Pringle lächelnd.

Der junge Mann zuckte verächtlich die Achseln. »Ich weiß nicht, was er versteht und was er nicht versteht. Man könnte über den ein dickes Buch schreiben. Was der alles versucht hat, ist garnicht zu sagen. Da hat er alle möglichen Dummheiten mit Tieren gemacht. Die Töchter vom Kutscher halten sich Meerschweinchen, und die pflegten sie immer Percy zu bringen, wenn sie sich zu stark vermehrt hatten. Ich hörte sie sagen, er habe von ihnen alle möglichen lebenden Tiere verlangt, solche Schlangen, wie das Vieh, das Sie eben gesehen haben, und Eidechsen und derlei. Eines Tages fand ich ein Meerschweinchen, das gerade am Verenden war, und als ich es berührte, da zuckte es gräßlich zusammen. Es sah aus, als ob es erst rasiert und dann über und über mit klebrigem Zeug angestrichen war. Na ja, ich dachte, das wär' so eine von Percys Geschichten. Fast der einzige Freund, den er je gehabt hat, war der Doktor von dem Irrenhaus in Axford, wo unser Herr jetzt ist. Er und der Doktor Fernhurst waren die dicksten Freunde. Jetzt wird das Haus von Herrn Windrush vermietet und Percy lebt in London. Er hat jetzt das ganze Geld von Herrn Windrush zu verwalten und meiner Seel'! da haben sie so richtig den Bock zum Gärtner gemacht!« Nun begann der junge Mann die ganzen Alltagsereignisse des Örtchens auszukramen, und Pringle, der bis dahin ein äußerst aufmerksamer Zuhörer gewesen war, ging nunmehr seinen Gedanken nach und verhielt sich während des Restes der Segelfahrt schweigend.

Dieser Morgenausflug hatte Pringle tüchtigen Appetit gemacht, und er nahm deshalb ein kräftiges Mahl zu sich, dann ging er eilig nach dem kleinen Bahnhof und fuhr mit dem nächsten Zug nach Axford. Er hatte keine Mühe, Dr. Fernhurst's Heilanstalt zu finden. Es war ein großes dreistöckiges Gebäude, das in dem zwar soliden, aber etwas geschmacklosen Stile aus der Zeit der Königin Anna gebaut war, und als Pringle durch den Garten schritt, der das Haus rings umgab, bewunderte er mit dem Auge des Kenners die hübschen Pfeiler, die zu beiden Seiten der Haustüre emporstrebten und die einen Giebel von schöner Zeichnung und reinem Stil trugen. Er klingelte, fragte nach Herrn Windrush und wurde in ein Wartezimmer geführt. Hier wurde er nach einigen Augenblicken von einem geschmeidigen jungen Mann empfangen, der wie ein besserer Kammerdiener aussah und sich ihm als der erste Assistent des Krankenhauses vorstellte.

»Dr. Fernhurst ist leider augenblicklich ausgegangen,« sagte er, »aber Herr Windrush wird sich freuen, Sie zu sehen. Bitte, wollen Sie mir hier herauf folgen. Ich glaube, mein Herr, Sie sind einer seiner alten Freunde, nicht wahr?«

»Nicht gerade der älteste,« erwiderte Pringle zweideutig.

Sie stiegen die Treppe hinauf und betraten ein Zimmer im ersten Stock, das eine entzückende Aussicht über einen gutgepflegten mit Taxusbäumen umsäumten Garten bot, die fantastisch in der Form von Pilzen, Truthähnen, Hühnern, Gläsern und Flaschen geschnitten waren. »Herr Windrush, Ihr Freund Herr Coatbridge ist hier, der Sie gern sprechen möchte,« meldete der Assistent Pringle an, während er sich gleich darauf zurückzog und die Tür hinter sich schloß. Ein stattlicher, jedoch recht vergrämt aussehender Mann mit fast ganz grauem Haar und leicht gebeugtem Rücken erhob sich zögernd mit einem Ausruf der Überraschung von dem Stuhle, in welchem er lesend gesessen hatte.

»Was soll das heißen, Sie sind ja nicht Coatbridge!« rief er aus.

»Hsch! Bitte sprechen Sie nicht so laut. Ich habe Ihnen etwas im Vertrauen mitzuteilen, das kein anderer hören darf.« Pringle sprang zurück an die Tür, öffnete sie und spähte einen Augenblick hinaus. »Entschuldigen Sie die kleine Täuschung, die ich mir erlaubte,« fuhr er fort, als er seinen Platz wieder eingenommen hatte. »Ich legte mir allerdings den Namen jenes Herrn, von dem ich weiß, daß er Ihr Freund ist, bei, um leichteren Eintritt zu Ihnen zu erlangen.«

Der Geisteskranke schien unentschlossen, was er tun sollte, und begann nervös in dem Buche zu blättern, das er in der Hand hielt. Er hatte zwar seine Augen auf die Blätter des Buches gerichtet, las aber nicht darin, sondern warf von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick nach Pringle, während dieser fortfuhr:

»Mein wirklicher Name ist Pringle. Ich lebe gewöhnlich in London und habe zufälligerweise Kenntnisse erlangt, die mir die Überzeugung aufdrängten, daß die Tatsachen, die mit Ihrem Fall in Verbindung stehen, einer näheren Untersuchung wert sind.« Windrush sprang auf und öffnete seine Lippen, als wolle er sprechen, aber er beherrschte sich und hörte auch weiter aufmerksam zu. »Wie ich von der ganzen Sache erfahren habe, ist ja schließlich gleichgültig. Es ist mir geglückt, Sie allein anzutreffen, und da wir jeden Augenblick unterbrochen werden können, so dürfen wir auch keine einzige Minute unserer kostbaren Zeit mit müßigen Erörterungen verlieren. Ich wünsche nur, daß Sie mich völlig verstehen lernen. Ich bin einzig und allein in der Absicht hierher gekommen, Sie aus dieser scheußlichen Lage zu befreien.«

Auch jetzt noch erwiderte Windrush nichts, aber sein Blick hellte sich auf, er betrachtete Pringle nunmehr offen und mit etwas geringerem Mißtrauen.

»Mir hat es so scheinen wollen,« fuhr Pringle fort, »daß Ihr alter Hausarzt, Dr. Toddington, das Opfer einer Kette sehr verdächtiger Machenschaften geworden ist.«

»Aber natürlich,« unterbrach Windrush schließlich sein Schweigen, »haben Sie doch sicher Ihre Mitteilungen nicht von ihm erhalten? Er ist doch gewiß der letzte Mensch in der Welt, der neues Licht in die Sache bringen würde. Ich bin davon überzeugt, der alte Einfaltspinsel glaubt steif und fest, daß ich verrückt bin, denn auf sein Betreiben hin hat man mich ja erst hier eingesperrt!«

»Nein, nein! Ich erfuhr von der Geschichte aus ganz anderer Quelle.«

»Ich muß gestehen,« sagte Windrush nach kurzer Pause, während er tief nachzudenken schien, »ich muß gestehen, daß ich sehr neugierig bin, auf welche Weise Sie denn als ein völlig Fremder so außerordentlich viel über meine Privatangelegenheiten in Erfahrung gebracht haben.«

»Es wird mir das größte Vergnügen machen, Ihnen das später genau auseinanderzusetzen, aber wie ich bereits vorher sagte, ist unsere Zeit kostbar, und ich muß Sie bitten, mich nicht zu unterbrechen; ich will mich so kurz als möglich fassen.« In wenig Worten erzählte ihm Pringle von dem zufälligen Zusammentreffen mit dem Doktor und dem Gespräch mit dem Sohne des Gastwirts. »Nun,« so schloß er, »darf ich Sie wohl bitten, mich als Ihren Freund zu betrachten und zu mir rückhaltslos zu sprechen?«

»Ich weiß wahrhaftig nicht, auf welche Weise Sie mir helfen könnten, Herr Pringle, aber ich kann Ihnen nur das eine sagen, daß ich einem jeden ewig dankbar sein werde, der mich aus dieser scheußlichen Patsche zieht. Es ist völlig wahr, daß ich nachts alle möglichen Gegenstände sehe, und ich schwöre Ihnen, daß das keine Einbildungen, sondern wirkliche Dinge sind. Sogar letzte Nacht sah ich wieder einen feurigen Gegenstand von ganz bestimmter Form, während ich im Bette lag. Er war ungefähr sechs bis acht Fuß lang und schien längs des Fußbodens zu laufen. Ich bin mir nur zu klar darüber, daß, wenn das noch lange so fortgeht und ich immer aufs neue wieder solche Erscheinungen sehe, die mich maßlos aufregen, ich schließlich noch verrückt werden werde.« Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und seufzte schmerzlich.

»Sie müssen mich entschuldigen,« sagte er, nachdem er seine Fassung wiedergewonnen hatte, während Pringle scheinbar in den Garten blickte, »aber wenn Sie wüßten, was ich alles während der letzten Monate durchgemacht habe, würden Sie sich nicht mehr wundern, daß ich so fassungslos bin, wie Sie mich augenblicklich sehen. Ich wundere mich manchmal über mich selber,« fügte er mit wehmütigem Lächeln hinzu.

»Wenn ich Sie recht verstehe, so sehen Sie diese feurigen Erscheinungen nur nachts?« fragte Pringle.

»Sie sind niemals bisher am Tage erschienen. Für gewöhnlich sehe ich sie, wenn ich mich kaum zu Bett gelegt habe, und habe deshalb nicht einmal den schwachen Trost zu glauben, daß mich nur schreckliche Träume quälen.«

»Ich würde mir gern einmal das Zimmer ansehen, in dem alle diese Dinge passieren. Ist Ihr Schlafzimmer hier irgendwo in der Nähe?«

»Bitte, wollen Sie mir folgen.« Windrush führte ihn in das anstoßende Zimmer, in dem ein Mann lesend saß. »Das ist mein Wärter,« sagte er, als der Mann bei ihrem Eintritt aufstand und sich verbeugte.

»Wollen Sie ihn freundlichst fragen, ob vielleicht jetzt Dr. Fernhurst zu sprechen wäre; ich würde ihn gern einmal sehen,« sagte Pringle.

Als der Mann fortgegangen war, um seinen Wünschen zu entsprechen, fuhr Pringle mit leiser Stimme fort: »Ich wollte ihn nur los werden!«

Windrush nickte verständnisvoll und öffnete eine Tür an der Rückseite des Zimmers. Das Schlafzimmer, in das sie nun traten, war einfach, aber geschmackvoll ausgestattet und ging nach einer anderen Seite des Gartens hinaus, wo statt der beschnittenen Taxusbäume blühende Sträucher angepflanzt waren, und von wo der Duft von Jasmin und Flieder durch das offene Fenster flutete.

»Wohin führt diese Tür?« fragte Pringle, indem er auf eine Tür an der hinteren Seite des Zimmers wies.

»Die führt nach Dr. Fernhursts Zimmer. Tagsüber ist sie verschlossen, aber entweder er oder sein erster Assistent Bonting schläft immer dort, im Falle, daß ich während der Nacht ihrer Dienste bedürfe. Außerdem schläft mein eigener Wärter Jenkinson immer in dem Vorzimmer. Sie sehen also, man paßt scharf auf mich auf!« Er lächelte trübsinnig. Pringle kniete nun nieder, und auf Händen und Füßen kriechend, begann er eine außerordentlich genaue Untersuchung des Fußbodens. Das Zimmer war mit schokoladenbraunem Linoleum ausgeschlagen. Hier und da lag ein kleiner Teppich, und scheinbar lohnte das unverdächtige Aussehen des Fußbodens nicht die Mühe einer derartig genauen Untersuchung. Nach einem langen Herumkriechen in dem Zimmer, währenddessen Pringle auch zeitweise unter der Bettstelle verschwand, richtete er sich wieder auf und legte einen Gegenstand sorgfältig zwischen die Blätter eines Büchleins mit Zigarettenpapier, gerade als der Wärter, der von seiner fruchtlosen Suche zurückkehrte, sich wieder hören ließ.

»Dr. Fernhurst ist nirgends zu finden, mein Herr, und dürfte auch erst spät abends zurückkehren!« meldete der Mann.

»Na, schließlich tut das nichts,« sagte Pringle wohlgelaunt, »ich kann ihn ja das nächste Mal sprechen, und jetzt, mein lieber Windrush, muß ich gehen. Es freut mich, daß Sie so behaglich untergebracht sind und daß man so gut für Sie sorgt. Bleiben Sie guten Mutes. Ich hoffe, Sie recht bald wiederzusehen!« Er umfaßte Windrush's Hand mit kräftigem Druck, den dieser dankbar erwiderte.

Pringle wanderte nun langsam nach dem Bahnhof zurück, nahm den Zug nach Thorpe Stanlowe und sprach bei Dr. Toddington vor. Da er in Axford einige Zeit auf den Zug hatte warten müssen, begann es bereits Abend zu werden, als er das Haus des Arztes erreichte. Der Doktor las gerade in seinem Studierzimmer, oder war vielmehr halb eingeschlummert, als der Diener anmeldete: »Herr Pringle.« Der Doktor griff nach seinem Höhrrohr, das neben ihm lag, erwischte es aber zu spät, um noch den Namen seines Besuchers aufzufangen, sprang jedoch sofort auf, um die bekannte Erscheinung Pringles zu begrüßen, als dieser leichtfüßig und flott wie immer eintrat.

»Entschuldigen Sie mein Eindringen zu so später Stunde,« entschuldigte sich Pringle in höflichem Tone. »Aber dürfte ich vielleicht etwas in Ihrem Konversationslexikon Nachlesen?«

»Der Doktor wies Pringle höflich nach einem an der Rückwand befindlichen Bücherregal und betrachtete ihn neugierig, während Pringle in einem der Bände die Tafel »Eidechsen« aufschlug, die er von Zeit zu Zeit mit einem Gegenstand in seiner Hand durch ein Vergrößerungsglas genau verglich.

»Es ist nun an der Zeit,« sagte Pringle schließlich, als er den Band an seinen Platz zurückstellte, »mich bei Ihnen zu entschuldigen, daß ich derart ungezwungen von Ihren Büchern Gebrauch gemacht habe, zumal ich Ihnen mitteilen muß, daß ich nicht der bin, für den Sie mich halten.«

»Ich verstehe Sie nicht und vermag Ihnen nicht zu folgen, Herr Coatbridge,« sagte der Doktor verwundert.

»Um mich kurz auszudrücken – ich heiße nicht Coatbridge, obgleich ich ihm sehr ähnlich zu sein scheine. Mein wirklicher Name ist Pringle. Hier ist meine Karte. Ich bin Inhaber eines literarischen Bureaus in London.« Er hielt es nicht für nötig dieser Erklärung hinzuzufügen, daß sein Bureau nur in der Einbildung existierte!

Der Doktor sprang vor Erstaunen auf, wobei er in seiner Aufregung sein Höhrrohr fallen ließ. Pringle bückte sich, um es ihm aufzuheben; aber der alte Herr wehrte ihn hoheitsvoll ab, und die Beiden standen sich Auge in Auge gegenüber.

»Ich bin neugierig, Herr,« begann der Doktor langsam, indem er sich jedes Wort überlegte, »in welcher Weise Sie sich rechtfertigen werden, um mir Ihr so außerordentlich wunderbares Benehmen zu erklären; unter einem falschen Namen, und indem Sie ein falsches Mitgefühl mit einem unglücklichen Manne heucheln, haben Sie mich zu einem schwerwiegenden Bruch des ärztlichen Geheimnisses zu verleiten vermocht.«

»Entschuldigen Sie,« erwiderte Pringle, indem er an das freie Ende des Höhrrohrs faßte, als der Doktor in seiner zornigen Rede einen Augenblick innehielt, »ich habe niemals einen fremden Namen angenommen und bin auch nicht verantwortlich für den Irrtum des Gastwirtes. Ich versuchte Ihnen heute morgen zu erklären, daß ich nichts von alledem, worüber Sie mit mir sprachen, verstand, aber ich konnte mich Ihnen nicht verständlich machen, und bin jetzt hierher gekommen, zum Teil um diese Angelegenheit aufzuklären, zum Teil um Ihnen mitzuteilen, daß ich gerade von Herrn Windrush komme.«

»Von Herrn Windrush? Ich kann mir zwar nicht denken, aus welchen Gründen, mein Herr, Sie Herrn Windrush aufgesucht haben, aber wenn ich Ihre ganze Handlungsweise in Betracht ziehe, so scheint mir, daß Ihre Absichten nicht gerade die lautersten sind.«

»Es tut mir außerordentlich leid,« entgegnete Pringle, »daß mein bisheriges Verhalten Ihre Meinung über mich so ungünstig beeinflußt, aber alles, worum ich Sie bitte, ist nur, mir einen Augenblick Gehör zu schenken. Durch einen reinen Zufall wurde ich dahin gebracht, zu glauben, daß Herr Windrush das Opfer eines Bubenstreichs geworden ist, der bezweckte, ihn als geisteskrank erklären zu lassen, und das scheint das Werk des Mannes zu sein, der hieraus den größten Nutzen zieht. Ich meine Percy Windrush!«

»Darf ich Sie fragen, woher Sie denn eigentlich Ihre Kenntnisse haben, die geeignet wären, auf meine ärztliche Stellung und meine medizinischen Kenntnisse ein derartig eigentümliches Licht zu werfen?«

»Als Sie mich heute morgen verließen, unternahm ich eine kleine Segelpartie auf dem Broad. Der Sohn des Gastwirtes erzählte mir, er hätte in Herrn Windrush' Diensten gestanden, und im Laufe der Unterhaltung stellte er Tatsachen fest –«

»Und Sie wollen mir erzählen, mein Herr, daß Sie auf das Geschwätz eines unwissenden Tölpels solches Gewicht legen, daß Sie hier derartige Behauptungen aufstellen!«

»O nein! Aber seine Worte ließen auf alles mögliche schließen, und je mehr ich über die Sache nachdachte, um so stärker wurden meine Verdachtsgründe.«

»Ich habe wirklich nicht die Absicht, mit Ihnen weiter über diesen Gegenstand zu reden,« erwiderte der Doktor in frostigem Tone, »aber was ich gern noch wissen möchte, ist das, in welcher Weise Sie Zutritt zu Herrn Windrush erlangten. Ich will Ihnen aber noch mitteilen, daß z. Z. eine genaue Untersuchung des Geisteszustandes von Herrn Windrush stattfand, und daß einer der bedeutendsten Ärzte auf dem Gebiete der Geisteskrankheiten sich meiner medizinischen Ansicht völlig anschloß; daraufhin wurde Herr Windrush von den Gerichtsbehörden entmündigt, so daß Sie sich wahrscheinlich durch das Eindringen in die Heilanstalt gesetzlich strafbar gemacht haben und hierfür zur Rechenschaft gezogen werden dürften.«

»Um meine Ansicht von der Sache zu bestätigen,« fuhr Pringle unbeirrt fort, »war es von der größten Wichtigkeit, mit Herrn Windrush einmal zu sprechen. Da ich seinen Freund Coatbridge so außerordentlich zu gleichen scheine, so habe ich allerdings, aber nur bei dieser einzigen Gelegenheit, dessen Namen angenommen. Auf diese Weise wurde mir der Zutritt zu Windrush gestattet, und als Erfolg meiner Bemühungen habe ich nunmehr keinerlei Zweifel darüber, daß Percy fortgesetzt Schlangen und andere Tiere, die er mit im Dunkeln glänzenden Farben anstreicht, in Windrush' Schlafzimmer hineinbefördert hat. Hieraus erklärt sich auch seine angebliche Besorgnis für seinen Bruder, die ihn dazu veranlaßte, stets in einem Raume neben dessen Schlafzimmer die Nacht zuzubringen, und der Sohn des Gastwirtes erzählte mir auch, daß Windrush erst seit Percys Ankunft krank geworden wäre.«

»Aber wie erklären Sie sich denn, daß diese Erscheinungen immer noch wiederkehren?« fragte der Doktor nachdenklich.

»Natürlich, die kehren immer noch wieder,« entgegnete Pringle, »und werden auch solange noch wiederkehren, als er in dem Hause Dr. Fernhursts bleibt.«

»Wie, wollen Sie etwa behaupten, daß Dr. Fernhurst ebenfalls an dem Anschlage beteiligt ist?«

»Ich bin dessen sicher. Als ich heute Mittag nach Axford fuhr, war er glücklicherweise ausgegangen. Ich erlangte Windrush' Vertrauen nach einer kleinen Auseinandersetzung, besonders als er merkte, daß ich seine Mitteilung, er hätte erst in der letzten Nacht wieder ein feuriges Tier gesehen, völlig ernsthaft auffaßte, und dann gelang es mir, ihn zu überreden, daß er mich auf den Schauplatz der Erscheinungen führte. Ich verstand es, den Wärter für eine Weile zu entfernen und so eine genaue Erforschung des Zimmers vorzunehmen. Wie ich es geahnt hatte, so war es. Das Schlafzimmer stand mit des Doktors eigenem Zimmer durch ein Loch in Verbindung, und unter dem Bette fand ich dieses Überbleibsel von dem »feurigen Tier«, das er sah.« Pringle legte sein Büchlein mit Zigarettenpapier auf den Tisch, schob vorsichtig auf seine Handfläche ein dünnes Häutchen, das fast aussah, als sei es eines der Papierblättchen, händigte Dr. Toddington sein Vergrößerungsglas ein und bat ihn, den Gegenstand durch dasselbe genau zu betrachten.

»Dies hier,« erklärte Pringle, »scheint eine kleine Schuppe oder ein Hautstückchen zu sein, wie es die Eidechsen oft abwerfen, und die Zeichnung auf demselben stimmt mit der überein, die man auf dem Kopf der gewöhnlichen grünen Eidechse findet. Um festzustellen, ob mich mein Gedächtnis nicht etwa im Stich ließe, habe ich nun hier Ihr Konversationslexikon nachgesehen, und dieses gibt gerade die bestimmten Linien, die Sie hier sehen, als das Mittel an, um die einzelnen Gattungen der Eidechsen voneinander zu unterscheiden. Daher weiß ich es jetzt ganz genau, daß es die gewöhnliche grüne Eidechse war, die Herr Windrush in voriger Nacht in seinem Zimmer sah!«

»Aber wenn ich Sie recht verstanden habe, so erzählten Sie mir, das Tier wäre »feurig« gewesen?«

»Bitte, drehen Sie die Gasflamme aus, während ich das Häutchen umwende. Danke! Nun bitte, sehen Sie her.« Als der Schein der Lampe erlosch, war das Zimmer völlig dunkel, und als der Doktor hinblickte, sah er ein schwach schimmerndes Glühen von Pringles Hand ausgehen, das bei längerem Hinsehen deutlicher und deutlicher wurde.

»Sind Sie nun befriedigt?« fragte Pringle lächelnd.

»Wunderbar!« rief der andere überrascht aus. »Sie müssen mir wirklich gestatten, mich für alles, was ich vorher gesagt habe, zu entschuldigen, und ich hoffe nur, ich habe sie nicht verletzt. Aber wenn Sie sich selbst in meine Lage versetzen, werden Sie verstehen, wie außerordentlich peinlich es für mich war, als ich erfuhr, daß ich über die Privatangelegenheiten eines Patienten und Freundes einem völlig Fremden Auskunft gegeben hatte.«

»Ich kann das wohl verstehen,« erwiderte Pringle freundlich; »aber die Frage ist nun die, wie können wir Herrn Windrush helfen?«

»Ich fürchte, die andern werden für uns zu schlau sein. Percy Windrush ist seines Bruders Kurator und Vormund und leitet in dieser Eigenschaft seine ganzen Geschäfte und Angelegenheiten, und der andre Kurator, mit dem er sich in die Vormundschaft über die Person seines Bruders teilt, ist Dr. Fernhurst. Ich fürchte, die beiden haben alles derart eingerichtet, daß nichts zu machen ist. Wie Sie schon richtig bemerkten, wird er nie völlig gesund werden, solange er sich in ihren Händen befindet. Es dürfte deshalb auch keinen Zweck haben, die Aufmerksamkeit der Behörden auf unsere Entdeckungen zu lenken – und ihm zur Flucht zu verhelfen, würde eine strafbare Handlung sein.«

»Auf alle diese Weisen ist nichts zu erreichen,« entschied Pringle. »Percy spielt ein außerordentlich überlegtes und scharfsinniges Spiel, und dieser Dr. Fernhurst muß ein durch und durch geriebener und hartgesottener Schurke sein, der ohne Zweifel für seinen Anteil an der Geschichte gut bezahlt wird. Nein, das einzige, was wir machen können, ist, den Stier bei den Hörnern zu packen und die beiden Lumpen aus dem Lande herauszuschrecken! Dann werden die Erscheinungen aufhören, und Windrush kann von der Behörde wieder als völlig gesund erklärt werden.«

»Dieser Gedanke gefällt mir nicht gerade sehr,« entgegnete Toddington unentschlossen.

»Aber es wird sich nichts anderes machen lassen. Wo haben Sie genügende Beweise? Ihre moralische Überzeugung ist kein gesetzlicher Beweis. Nehmen wir einmal an, Sie erhöben Anklage und verlören, wie das wegen Mangel an Beweisen wahrscheinlich ist, so würden Sie sicher wegen böswilliger Verleumdung und was weiß ich nicht alles sonst noch, zur Rechenschaft gezogen werden. Nein, nein! Übergeben Sie mir alle Urkunden und Dokumente, die Sie über den Fall da haben, und alle Briefe, die Fernhurst an Sie gerichtet hat, und ich will versuchen, ob es mir gelingt, den beiden Furcht und Entsetzen einzujagen.«

Als Pringle Abschied nahm, waren seine Taschen mit einer ganzen Sammlung von Urkunden und Briefen, die er darin untergebracht hatte, zum Platzen angefüllt.

*

Ein oder zwei Tage später saß Percy Windrush in seinem Wohnzimmer in London, als sein Diener ihn benachrichtigte, daß ein Bote von Dr. Fernhurst da wäre, der ihn zu sprechen wünschte.

»Was will er denn?« fragte er.

»Er wollte es mir nicht sagen, Herr,« erwiderte der Diener, er sagte nur, seine Botschaft wäre einzig für Sie bestimmt und außerordentlich wichtig.«

»So laß ihn denn herein!« entgegnete Percy, der ungeduldig an den Nägeln kaute. Er hatte das Besitztum seines Bruders in Thorpe Stanlowe verlassen und sich in Piccadilly eine Wohnung gemietet, in der er ein schlemmerhaftes und leichtsinniges Junggesellenleben führte.

»Was ist denn los?« fuhr er auf, als der Bote, ein sauber gekleideter, gut aussehender junger Mann, der einen Backenbart trug, das Zimmer betrat.

»Dr. Fernhurst beauftragte mich, Ihnen diesen Brief zu übergeben, mein Herr, und auf Antwort zu warten,« sagte er mit einer respektvollen Verbeugung. Percy öffnete ziemlich zaghaft den Brief und las:

 

Axford, den 25. Juli.

Mein lieber Percy!

Ich sende Ihnen diesen Brief durch meinen ersten Assistenten (Bonting), da ich Ihre Antwort noch heute Nachmittag haben muß. Jenkinson, der Wärter, den ich für John ausgewählt hatte, und der nicht gerade allzu scharfsinnig zu sein schien, kam gestern Abend völlig betrunken nach Hause, und als ich ihn dieserhalb zur Rede stellte, wurde er vor den anderen Wärtern unverschämt, so daß ich gezwungen war, ihn auf der Stelle zu entlassen. Heute Morgen bat er mich um ein Gespräch unter vier Augen; er wolle mit mir über John sprechen, und dann teilte er mir mit, daß er alles wüßte! Er fügte hinzu, es wäre ihm schon ganz recht, fortzugehen, da er sowieso seinem Bruder nach den neuerschlossenen Goldfeldern von Adansi folgen wolle, aber falls ich ihm nicht fünfhundert Pfund zu diesem Zwecke geben wolle, so würde er bei den Behörden Anzeige erstatten. Ich kann mir nicht denken, wie er die Geschichte herausbekommen hat, aber er sagte genug, um mir zu beweisen, daß er wirklich alles weiß, und so wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als seinen Wünschen zu entsprechen. Glücklicherweise will er mit dem nächsten Schiff, das bereits in einigen Tagen abgeht, England verlassen und wie ich hörte, pflegen die meisten Leute in Andansi bald zu sterben! Bonting wird ihn bis ans Schiff begleiten, so daß wir über seine Abreise völlig beruhigt sein können. Bitte, geben Sie Bonting die Summe in kleinen Banknoten. Ein Check würde nur eine Verzögerung hervorrufen und damit möglicherweise neue Verwicklungen. In Eile.

Ihr
Arthur Fernhurst.

 

Nachdem Percy diesen Brief beendigt hatte, las er ihn nochmals durch, als hoffe er, falsch gelesen zu haben, aber die Worte standen da, und an ihrem Sinn ließ sich nicht drehen und deuteln.

»Der Doktor war wohl sehr in Eile, als er diesen Brief schrieb?« bemerkte er schließlich.

»Ich war nicht dabei, mein Herr, als er ihn schrieb; aber ich weiß nur, daß er heute morgen außerordentlich aufgeregt war.«

Windrush schrieb hastig ein paar Zeilen, füllte einen Check aus, den er in einen Umschlag steckte, und klingelte. »James,« wandte er sich zu dem Diener, »bringen Sie diesen Brief auf die Bank und warten Sie auf Antwort, aber kommen Sie so rasch als irgend möglich zurück.«

»Worüber war denn der Doktor so aufgeregt?« fuhr Percy fort.

»Ja, ich glaube, mein Herr, es war deshalb, weil Herrn Windrush's Wärter gestern Abend so betrunken war und dann zu dem Doktor so unverschämt wurde, daß dieser ihn entlassen mußte; aber er will, wie ich hörte, nach Afrika auswandern, und der Doktor in seiner Güte beabsichtigt, für ihn das Geld für die Überfahrt zu bezahlen.«

»So, so, das ist wirklich sehr gütig von dem Doktor,« bemerkte Percy trocken. »Ich erinnere mich auf Sie garnicht mehr. Sind Sie denn bereits lange bei Dr. Fernhurst?«

»O nein! Erst seit kurzem, mein Herr.«

Percy griff nun wieder zur Feder. Er war kein gerade sehr schneller Briefschreiber und kaute an seinem Federhalter zwischen jedem Satz eine ganze Weile, so daß er gerade erst mit seinem Brief fertig geworden war, als der Diener von der Bank zurückkehrte. Er nahm das Paket, das ihm der Diener übergab, schloß es zusammen mit seinem Brief in einen großen, dicken Briefumschlag und händigte diesen dem Boten von Dr. Fernhurst ein.

»Bitte, kehren Sie so rasch als irgend möglich zu Dr. Fernhurst zurück!« sagte er. »Er braucht dieses hier sobald als möglich; aber seien Sie vorsichtig, denn der Inhalt dieses Briefes ist äußerst wertvoll.«

Pringle, denn er war der Bote, zog sich zurück und zwar mit einem Gefühl der Befriedigung, daß ihm der erste Akt in diesem Lustspiel, das zur Entlarvung der beiden Gauner dienen sollte, so gut gelungen war. Er beglückwünschte sich, daß seine Meisterschaft im Nachahmen fremder Handschriften ihn auch diesmal nicht im Stiche gelassen hatte. Es schien zwar fast so, als hätte Percy einen Unterschied in der Handschrift Dr. Fernhursts bemerkt, aber das war schließlich bei der großen Aufregung desselben ja leicht begreiflich. Nun, die beiden Hallunken würden in nächster Zeit noch viel mehr Grund zu Aufregungen bekommen! Es war ein glücklicher Umstand, daß er sich bei seinem neulichen Besuche in der Anstalt eine Anzahl Briefbogen mitgenommen hatte, auf deren Kopf der Name der Heilanstalt aufgedruckt war. Die Sache wäre auch nicht so einfach gewesen, wenn der alte Dr. Toddington ihm die Mitnahme des ganzen Briefwechsels verweigert hätte.

Pringle stieg in einen Omnibus, der nach dem Osten Londons bestimmt war, öffnete Percys Brief und las, nachdem er die darin befindlichen Banknoten vergnügt in seine Tasche gesteckt hatte, mit sichtlicher Befriedigung:

 

Lieber Fernhurst!

Ich füge diesem Schreiben die fünfzig Zehn-Pfund-Noten bei, um die Sie mich ersuchen; aber, bitte, wollen Sie mich genau verstehen, das kann so nicht weitergehen! Wenn Sie nur ein wenig vorsichtig gewesen wären, so wäre es undenkbar gewesen, daß jener Lümmel Sie, oder vielmehr mich in dieser Weise erpreßt hätte. Ich werde gezwungen sein, Ihnen den Betrag bei der nächsten Zahlung zu kürzen, da ich selbst außerordentlich knapp bei Gelde bin. Bitte, seien Sie sehr vorsichtig in der Wahl des zukünftigen Wärters für John. Oder vielleicht ist es noch besser, wenn Sie zu mir herüberfahren und wir diese Angelegenheit mündlich besprechen, sobald Sie Jenkinson losgeworden sind und über die Sache etwas Gras gewachsen ist.

Der Ihrige
Percy.

 

Als Pringle in seiner Wohnung angekommen war, war es seine erste Sorge, seinen Backenbart abzulösen und sich das gewohnte Muttermal wieder auf die Backe anzumalen, dann verwandte er den Rest des Tages auf die Herstellung von zwei Briefen, die die Geschichte zum Klappen bringen würden.

Der erste Brief lautete:

 

Axford.

Lieber Windrush!

Ich schaffte Jenkinson mit seinen 500 Pfund gleich am nächsten Tage, nachdem Bonting bei Ihnen war, fort. Als er mein Haus verlassen hatte, untersuchte ich genau sein Zimmer und fand eine Anzahl zerrissener Papierfetzen, die ich in meiner Neugier zusammensetzte. Der gemeine Schuft scheint ein doppeltes Spiel gespielt zu haben. Soweit ich aus den Papieren ersehen kann, hat er die ganze Geschichte dem alten Toddington erzählt, und da stand auch noch etwas über eine Zahlung, die er dafür erhalten hatte, daß er schriftlich eine eidliche Zeugenaussage zur Vorlage an die Behörden gemacht hatte! Wie sich die Sache nun auch verhalten mag, ich halte es für besser, auf Ihre Kosten einstweilen einen kleinen Ferienausflug zu machen und bitte Sie, mich in Paris im Grand Hotel zu treffen. In Eile!

Ihr
Arthur Fernhurst.

 

Und der zweite Brief lautete:

 

Lieber Fernhurst!

Geben Sie mir durch die »Vermischten Nachrichten« des Standard Nachricht, wo ich sie treffen kann. Ich verlasse sofort England und würde Ihnen raten, dasselbe zu tun. Ich habe gerade entdeckt, daß der alte Toddington von der ganzen Geschichte Wind bekommen hat und einen Detektiv anstellte, der vor einigen Tagen John während Ihrer Abwesenheit besuchte. Toddington beabsichtigt, die Angelegenheit der Behörde zu übergeben und Anklage wegen Freiheitsberaubung und Betrug zu erheben. Sie können mich in einigen Tagen in Paris treffen, wo wir abwarten können, wie sich die Angelegenheit weiter entwickelt.

Der Ihrige
Percy.

*

»Die Blumen sind wundervoll!« meinte Pringle. »Es ist wirklich außerordentlich freundlich von Herrn Windrush, mir so viel schöne Blumen zuzuschicken! Ist dies Ihr erster Besuch in London?«

»Bin zum ersten Male hier, Herr, und entschuldigen Sie, ich wundere mich, wie Menschen hier leben können. Es kommt mir immer so vor, als könnte ich in diesen Straßen nicht atmen.«

»So sind Sie also wieder in Herrn Windrush's Diensten?« fragte Pringle, als er seinen Dankbrief beendigt hatte.

»O jawohl! ich war wirklich riesig froh, als ich wieder meine alte Stellung hatte. Ich wäre beinah' vor Freude aus der Haut gefahren, als mein Herr mich aufforderte, als Obergärtner wieder bei ihm einzutreten. Es war mir schon sehr langweilig geworden, den ganzen Tag in dem Wirtshaus zu stehen, und Vater war das Nichtstun auch bereits recht lästig, und er meinte, er könnte die Wirtschaft noch ganz gut ein oder zwei Jahre allein weiterführen.«

»Ich denke, das Haus von Herrn Windrush war vermietet?«

»Ja, aber das wurde letzten Monat rückgängig gemacht. Der Herr hat solange bei Dr. Toddington gewohnt, bis es wieder frei wurde.«

»Dann ist also wieder alles so, wie es früher war?«

»Alles wieder in derselben Weise, mit Ausnahme von einem!« Der junge Mann grinste vergnügt.

»Und das wäre?«

»Herr Percy. Thorpe Stanlowe wird ihn sobald nicht mehr sehen. Ich hörte, er wäre aus England verduftet, sie würden ihn einlochen, weil er, während der Herr krank war, mit dessen Gelds zu toll gewirtschaftet hätte. Er scheint also ein recht schlechtes Gewissen zu haben!«

»Das dürfte so sein,« stimmte Pringle bei. »Dann werde ich Sie also nicht mehr im Gasthause vorfinden, wenn ich mal wieder zu Euch komme, um ein bißchen zu segeln?«

»O, Vater wird sich freuen, Sie wiederzusehen, und wird Ihnen schon unser Segelboot leihen. Ich danke Ihnen bestens, Herr, und recht schöne Empfehlung, Herr! Auf Wiedersehen!«

*


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