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Die Similibrillanten

Unser Freund Romney Pringle sah eines Nachmittags eine große Mappe mit Kupferstichen durch. Einer der alten Stiche, die die Wände seines Wohnzimmers zierten, war vor kurzem heruntergefallen. Der Strick war gerissen, und der Stich war vollständig beschädigt an die Erde gefallen. Da auch noch eine Blumenvase in den Sturz mit hineingezogen und ihr Wasser über das zerbrochene Glas geflossen war, so war der Stich hierdurch vollständig vernichtet worden. Pringle mußte also sehen, einen Ersatz zu finden, wählte schließlich als würdigen Nachfolger einen Diogenes von Salvator Rosa aus – einen prachtvollen alten Stich – und war gerade dabei, die Mappe beiseite zu legen, als sich an der äußeren Türe ein lautes Klopfen vernehmen ließ. Er stand auf und ließ einen großen, leicht gebeugten, grauhaarigen, einfach gekleideten Herrn herein, welcher sich sofort auf ihn losstürzte und seine Hand aufs wärmste drückte.

»Wahrhaftig! Sie scheinen mich ganz vergessen zu haben!« rief der Fremde aus, als er den verwunderten Ausdruck im Gesichte des andern bemerkte. Pringle sah ihn näher an, dann glitt ein Lächeln des Verständnisses über seine Züge, das sein Äußeres zuweilen so einnehmend machte und ihn oft alle Herzen im Fluge gewinnen ließ.

»Was? Ist es möglich? Sehe ich Herrn Windrush vor mir?«

»Na natürlich bin ich das, aber wie töricht von mir! Ich hätte mich daran erinnern sollen, daß Sie mich ja überhaupt nur einmal vorher gesehen haben, und damals sah ich gewiß ganz anders aus als heute.«

»Der Unterschied ist nicht so bedeutend,« war Pringles taktvolle Erwiderung. »Gewiß, Sie litten unter seelischer Niedergeschlagenheit, aber Sie zeigten dabei soviel Widerstandskraft und Selbstbeherrschung wie wenige.«

»Ach, die verfluchte Heilanstalt! Ich werde sie mein Lebtag nicht vergessen, noch die Art und Weise, in der man mich verrückt machen wollte, und vor allem werde ich nie die vornehme Art und Weise vergessen, in der Sie für meine Befreiung wirkten, nachdem Sie den Bubenstreich meines Bruders und seines Mitschuldigen entdeckt hatten.«

»Sie haben mir ja für meine kleinen Bemühungen schon weit über Gebühr gedankt, also – bitte, sprechen wir von etwas anderem! Es ist wirklich außerordentlich liebenswürdig von Ihnen, daß Sie mir einen Besuch abstatten.«

»Ja, Sie sind in der ganzen Zeit trotz meiner Einladungen niemals bei mir gewesen, und so bin ich schließlich hergekommen, um nachzusehen, ob Sie überhaupt noch leben!«

»Meine Zeit, müssen Sie wissen, ist leider so außerordentlich knapp. Mein literarisches Bureau nimmt mich so vollständig in Anspruch, daß ich leider nicht dazu komme, meinen Freunden Besuche abzustatten. Sie glauben gar nicht, welche Menge von Manuskripten ich durchzulesen habe,« log Pringle, indem er mit der Hand nach dem leeren Schreibtisch hinwies.

»Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, kam ich nebenbei auch her, um Ihren Rat einzuholen, und, wie Sie sich denken können, auch Ihre bewährte Hilfe.«

»Wenn Sie glauben, daß mein Rat etwas wert ist, so stehe ich Ihnen selbstverständlich mit größtem Vergnügen zur Verfügung; aber ich fürchte, Sie überschätzen mich.«

»Aha, ich sehe, Sie sind bescheiden wie die wahrhaft großen Männer; aber ich will nicht mit Komplimenten unsere Zeit verschwenden. Die Sache ist nämlich die: Eine Cousine von mir lebt jetzt in meiner Nähe. Ihr Mann entstammt einer der ältesten Familien unseres Landes, und ich habe immer mit ihr in den freundlichsten Beziehungen gestanden. Nun ist meine Cousine leider Gottes letzthin in eine schwierige Lage geraten, da sie für ihre Toilette zu viel Geld ausgegeben hatte, und brauchte außerordentlich nötig ungefähr tausend Pfund. So beging sie, statt sich an mich zu wenden, die Unklugheit und brachte einen wundervollen Stern aus Brillanten, der eine Art von Familienerbstück ist, zu einem Juwelier im Londoner Westend, der derartige Geschäfte macht, und ließ sich auf diesen ein Darlehen geben, da sie nicht wollte, daß ihr Gatte von der Geschichte erführe. Sie mußte den Kerlen natürlich ihren Brillantstern als Pfand da lassen, und sie fertigten ihr als Ersatz einen völlig ähnlichen Stern in Similibrillanten an. Ungefähr vor ein oder zwei Wochen fand sie nun, daß der mittelste Stein herausgefallen war. Die Juweliere erklärten ihr, daß sie denselben frühestens in einer Woche wieder einsetzen könnten, und sie war dadurch in heller Verzweiflung; denn sie hatten gerade eine Anzahl Freunde bei sich zum Besuch, und ihr Gatte hätte sich sicher gewundert, wenn sie die ganze Zeit über niemals die Brillanten getragen hätte. Die Juweliere schlugen ihr deshalb vor, ihr den echten Stern gegen eine Entschädigung von fünfzig Pfund solange zu leihen, bis der Similibrillant wieder eingesetzt wäre; aber sie bestanden darauf, daß sie einen Check über die tausend Pfund, die sie ihr mit Zinsen geliehen hatten, ausstellen mußte, den sie ihr wiedergeben wollten, sobald sie die echten Brillanten wiedergebracht hätte. So trug sie den Stern ein- oder zweimal an Gesellschaftsabenden und tat ihn dann beiseite. Als ihre Freunde gestern abgereist waren, fand sie zu ihrem Entsetzen, daß der Juwelenkasten leer war und, wie sie meint, an den Scharnieren geöffnet wurde.«

»Ah, ich verstehe, durch Herausschieben der Stifte.«

»So wird's gewesen sein. Nun können Sie sich denken, war sie in völliger Verzweiflung. Die Juweliere würden den Check einlösen, wenn sie den Brillantstern nicht wiederbrächte, und da sie augenblicklich nur ungefähr hundert bis zweihundert Pfund auf der Bank liegen hatte, so würde die Einlösung des Checks verweigert werden, und dann würde ihr Gatte die ganze Sache erfahren und zwar in der denkbar unangenehmsten Darstellung. Deshalb kam sie gestern zu mir herüber und schüttete mir ihr Herz aus. Natürlich war ich sofort bereit, ihr das Geld zu leihen, kam heute morgen nach London, löste ihren Check ein und habe jetzt ihn und die Similibrillanten in meinem Besitz. Aber begreiflicherweise wünschen wir, die echten Steine wieder zu erlangen, und da sie, wie Sie sich denken können, mit der Polizei nichts zu tun haben will, so kam ich zu Ihnen, um Sie um Ihren Rat zu fragen.«

»Haben Sie irgend welche Spuren eines Einbruches entdeckt?«

»Wenn ich meine Cousine recht verstanden habe – nein, aber es wäre ja möglich, daß ein Sachkundiger irgendwelche Spuren gefunden hätte.«

»Mir scheint,« bemerkte Pringle, »daß der Diebstahl eines Gegenstandes, dessen Spuren so leicht zu verfolgen sind und der so schwierig loszuwerden ist, nur von einem ganz dummen Anfänger oder von einem außerordentlich geschickten Diebe begangen sein kann. Da die Sache so fein ausgeführt ist, so werden wir wohl auf den Letzteren schließen müssen. Ein erfahrener Juwelendieb wird nun sobald als möglich die Steine los zu werden versuchen, deshalb ist es recht zweifelhaft, ob Sie dieselben jemals in der gleichen Fassung Wiedersehen werden.«

»Würde es Sie interessieren, den unechten Stern zu sehen?«

»Aber ganz gewiß, haben Sie ihn bei sich?«

Als Antwort zog Windrush einen schwarzen Lederkasten aus seiner Tasche, öffnete ihn, und auf einer Unterlage von blauem Sammet erschien ein Brillantstern von so wunderbarem Feuer, daß selbst ein Sachverständiger im ersten Augenblicke an seiner Echtheit nicht gezweifelt hätte.

»In der Tat eine wundervolle Nachahmung!« bemerkte Pringle. »Sicher das Werk eines erstklassigen Künstlers. Wäre es Ihnen möglich, mir den Stern für einige Zeit zu überlassen?«

»Wie lange wollen Sie ihn denn behalten?«

»Das kommt darauf an, wie lange Ihre Cousine denselben entbehren kann.«

»Ihr Gatte unternimmt eine zwei- bis dreiwöchige Segelfahrt. So könnte sie ihn also für diese Zeit entbehren?«

»Das würde auch völlig genügen,« meinte Pringle und als der andere aufstand, um sich zu empfehlen, fügte er hinzu: »Kehren Sie noch heute nach Norfolk zurück?«

»Nein; ich fürchtete, Sie vielleicht nicht anzutreffen, und nahm mir deshalb im Eisenbahn-Hotel der Großen Osteisenbahn ein Zimmer. Außerdem ist es jetzt auch schon sechs Uhr vorüber, deshalb würde ich auf jeden Fall gezwungen sein, hier zu übernachten.«

»Wenn es Ihnen recht ist, würde es mir ein Vergnügen machen, Sie bis nach Ihrem Hotel zu begleiten. Übrigens, um von etwas anderem für Sie recht Unliebsamen zu sprechen – haben Sie in letzter Zeit etwas von Ihrem Bruder Percy gehört?«

»Ganz wie Sie sagen – es ist eine unliebsame Geschichte! Ich habe ihm stets nur immer wieder Gutes erwiesen, und zum Dank dafür heckte er den Plan aus, mich geisteskrank erscheinen zu lassen, und es fehlte wahrhaftig nicht viel daran, so wäre ich es wirklich geworden! Sie, lieber Herr Pringle, wissen ja besser wie jemand anders, was ich gelitten habe. Ich bin wirklich kein rachsüchtiger Mensch, aber es ist mir dennoch, wenigstens vorläufig, unmöglich, irgendwelche Beziehungen mit ihm zu unterhalten. Meine Cousine sah ihn vor kurzem, und wenn ich Sie recht verstanden habe, war er letzte Woche bei ihr zum Besuch; denn ich habe es so eingerichtet, daß, obwohl jedermann weiß, daß wir nicht miteinander verkehren, doch der wahre Grund ein Geheimnis geblieben ist.«

»Das begreife ich und ist auch ganz gut so; denn es hat keinen Zweck, seine schmutzige Wäsche öffentlich zu waschen.« –

»Glauben Sie,« meinte Windrush, als sie eine Stunde später in der Vorhalle des Hotels standen, »glauben Sie, es wäre zweckmäßig, wenn Sie nach Norfolk führen und sich die Wohnung meiner Cousine einmal ansähen? Ich bin überzeugt, meine Verwandte würde sich sehr freuen, Sie kennen zu lernen, und ich brauche Ihnen wohl erst nicht zu versichern, welche Freude Sie mir bereiten würden, wenn Sie bei mir wohnten.«

»Vorläufig kann ich noch nicht, aber jedenfalls besten Dank,« lehnte Pringle ab. »Vielleicht komme ich später darauf zurück, und da ich gerade daran denke, so werde ich auf den Bahnhof gehen und mir ein Kursbuch kaufen. Also vorläufig leben Sie wohl! Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Sie ungefähr eine Woche lang oder so ähnlich von mir nichts hören.«

Pringle entfernte sich und betrat den Bahnhof. Es war jetzt fast halb acht Uhr und ein großes Drängen und Hasten in der Halle, da um acht Uhr der Schnellzug abging, der Anschluß an den Dampfer nach dem Kontinent hatte. Pringle hatte sich ein Kursbuch gekauft und war im Begriffe, wieder auf die Straße zu treten, als ein großer Lärm vor dem Bahnhofe entstand, der ihn veranlaßte, einen Augenblick stehen zu bleiben und zuzuhören.

»Ich sage Dir, die Droschke hielt da, wo ich stand! Zum acht Uhr-Zug, nicht wahr, Herr?«

»Der Herr gab mir seine Tasche! Nicht wahr, Herr? Und Sie wollen ein zweiter Klasse Kupee nach Harwich?«

Zwei Gepäckträger hatten die beiden Bügel einer Handtasche ergriffen und zankten sich um dieselbe, während der Eigentümer der Tasche, ein großer, recht wohlbeleibter Herr scheinbar mit vielem Vergnügen diesem Streite zusah. Wie derselbe geendet hätte, läßt sich nicht absehen, wenn in diesem Augenblicke nicht einer der beiden Männer eine ältliche Dame erspäht hätte, die eine riesige Menge von Gepäck mit sich schleppte, und deshalb plötzlich seine Beute losließ und auf die Dame zueilte, von der er noch mehr Verdienst zu erlangen hoffte. Die Erscheinung des Reisenden mit der Handtasche hatte durchaus nichts Auffälliges an sich, aber als er sich nun in Begleitung des siegreichen Gepäckträgers entfernte, wurde es Pringle klar, daß er ihn bereits früher gesehen haben mußte und sogar, daß das nicht sehr lange her sein konnte. Er blickte deshalb dem Manne unverwandt nach und ließ in seinem Gehirn alle möglichen und unmöglichen Orte vorüberziehen, an denen er mit ihm zusammengetroffen sein konnte, bis es plötzlich seinen Geist durchblitzte und er ein elegant möbliertes Zimmer vor sich sah. Selbstverständlich – das war Nr. 256 in Piccadilly gewesen und ebenso selbstverständlich – der Reisende war niemand anders als Percy Windrush! Harwich, das er mit dem acht Uhr-Schnellzuge erreichen wollte, war sein Ziel! Pringle überlegte, wohin Percy möglicherweise fahren könnte. Mit so wenig Gepäck ließ sich keine größere europäische Reise machen, und Rotterdam, wohin der Dampfer bestimmt war, war kein Vergnügungsort. Pringle wurde mißmutig, daß das Rätsel nicht so leicht zu lösen war. Er kehrte sich ärgerlich um, um nach Hause zu gehen, als er Plötzlich stehen blieb, da eine zufällige Bemerkung von John Windrush in seiner Erinnerung auftauchte: »Meine Cousine sah ihn vor kurzem, er war letzte Woche bei ihr zum Besuch!«

Pringle setzte sich auf eine Bank, die am Bahnhof stand, und überlegte. So war also scheinbar die Sachlage: Percy war es mißlungen, seinen Bruder in der Heilanstalt festzuhalten, und der darauf erfolgte Bruch ihrer Beziehungen hatte ihn der Mittel beraubt, ohne Anstrengung sein flottes Leben weiter zu führen. Ohne Zweifel brauchte er äußerst nötig Geld und trug sicher keine Bedenken, auch das Schlechteste zu vollführen, um Geld zu erlangen. Er kannte genau alle Zimmer im Hause seiner Cousine, konnte leicht durch diese Kenntnis den günstigsten Augenblick zur Ausführung seines Vorhabens erspähen, und durch seine Verwandtschaft war er sicher über jeden Verdacht erhaben! Was war also wahrscheinlicher, daß er selber sich die Brillanten angeeignet hatte, und wenn das der Fall war, dann war es wohl auch selbstverständlich, daß er jetzt im Begriffe stand, dieselben loszuschlagen! Pringle warf einen Blick in sein Kursbuch. Die Ankunft des Dampfers in Rotterdam sollte am nächsten Morgen stattfinden. Also schließlich würde er nur drei Tage brauchen, wenn er Percy nach Holland folgte und eventuell wieder erfolglos zurückkehrte, und die Spur war sicher wert, daß man sie verfolgte!

Der laute Ton einer Glocke ließ sich jetzt hören. Es war keine Zeit zu verlieren, und die Gepäckfrage mußte auch noch gelöst werden. Rasch löste Pringle sich ein Billet, und da neben der Billetausgabe ein Barbierladen war, in dem Reisende auch alle möglichen Reisegegenstände erwerben konnten, so trat er hastig dort ein, kaufte eine Anzahl Toilettenartikel, ein Nachthemd und andere unentbehrliche Dinge, ließ sie in eine Handtasche packen und stürzte nach dem Schnellzuge, der wenige Sekunden, nachdem er seinen Sitz eingenommen hatte, den Bahnhof verließ.

Als der Zug in Harwich angekommen war und auf dem Quai neben dem Dampfer hielt, sah er gerade noch, wie Percy Windrush als erster von allen Reisenden an Bord des Paketbootes eilte und alsbald unter Deck verschwand. Da es eine dunkle, stürmische Nacht war, so folgte Pringle seinem Beispiel und war bald fest eingeschlafen.

Die Nordsee war außerordentlich bewegt, als er am nächsten Morgen durch das Hin- und Herrollen des Dampfers aus seinem Schlummer erwachte. Die »Hook of Holland-Route« war damals noch nicht eingerichtet, und die Überfahrt dauerte für gewöhnlich zwölf Stunden, zog sich aber bei dieser stürmischen, schweren See über sechzehn Stunden in die Länge. Fast alle Passagiere litten fürchterlich unter Seekrankheit, und als die Glocke zum Frühstück rief, waren die meisten völlig unfähig, sich zu erheben. Außer Pringle hatten es nur wenige Mitreisende nach dem Frühstück gewagt, der Nässe, der Kälte und dem Winde an Deck zu trotzen, und erst als der Dampfer in die Maas einbog und Rotterdam mit seinem Walde von Bäumen und Masten am Horizonte auftauchte, kam ein langer Zug von verstört und krank aussehenden Menschen an Deck, die froh waren, die schreckliche Seereise hinter sich zu haben. Als das Deck sich zu füllen begann, zog sich Pringle, der bisher auf- und abgegangen war, in die entfernteste Ecke ans Heck des Schiffes zurück. Der Dampfer fuhr nun nur noch mit halber Kraft, bog jetzt in das Hafenbassin ein, in dem die Paketboote von Hüll und Dünkirchen festlegen, und war bald an den mit Bäumen bepflanzten »Boompjes« festgemacht, als bereits die Schatten der Sonne länger zu werden begannen. Da die Zolluntersuchung schon während der Fahrt auf dem Strome stattgefunden hatte, so gab es für die Passagiere keinen weiteren Aufenthalt und sie eilten über die Laufbrücke, froh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Percy war der Letzte, der auftauchte und der die ganze Zeit über unter Deck zugebracht hatte. Pringle erinnerte sich, daß ihm seinerzeit der Sohn des Gastwirtes erzählt hatte, er wäre ein erfahrener Seemann. So konnte es also nicht der Seekrankheit zuzuschreiben sein, daß er sich bisher nicht hatte sehen lassen. Deshalb war es wohl klar, daß er nur unter Deck geblieben war, um einer Beobachtung der Mitreisenden zu entgehen, und Pringle war daher mehr denn je entschlossen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Es lag für Pringle keine Gefahr vor, von Percy wiedererkannt zu werden. Obgleich er keine Gelegenheit gehabt hatte, sein gewöhnlich getragenes Muttermal zu entfernen, so würde Percy ihn doch kaum erkennen können, selbst wenn er sich an den bärtigen Assistenten der Heilanstalt erinnerte, denn die glattrasierte Gestalt in dem langen Reisemantel, die ihm nun folgte, hatte keinerlei Ähnlichkeit mit jenem.

Pringle schüttelte die aufdringlichen Hausdiener der Hotels, die am Schiff auf die Reisenden einstürmten, von sich ab und kreuzte den mit Ulmen bestandenen Quai. Er sah, daß Percy bereits auf einer der unzähligen Brücken Rotterdams den Scheepmakers Haven überschritten hatte und sich nun auf einer anderen befand, die den Wijn Haven überspannte. Pringle folgte ihm stets auf dem Fuße, und Percy schlug die Richtung nach dem Zentralbahnhofe ein. Hinter der Börse wandte er sich nach links dem Fischmarkt zu, kreuzte die Zoete Brücke, ging an der Boijman Gemäldegalerie vorbei und trat in Zand Straat ein. Der Weg schien unendlich, und Pringle begann sich zu wundern, wann endlich der Marsch enden würde, als Percy plötzlich verschwand, da er rechts um die Ecke in Spoorweg Straat eingebogen war, die nach dem Delfsche Kanal führt, und er konnte noch gerade sehen, wie er die Treppe eines bescheiden aussehenden Hauses emporstieg, auf dessen Schild der Name »Hotel Rotterdamsche« stand.

Pringle bummelte noch ein Stück Zand Straat herunter und bemerkte, daß ihn seine Verfolgung in einen Teil der Stadt geführt hatte, der nichts weniger als vornehm war. Die Gegend der besseren Hotels und öffentlichen Gebäude lag längst hinter ihm, und obgleich die meisten Häuser noch recht ansehnlich aussahen, so war es doch klar, daß sie nur von ärmeren Leuten bewohnt wurden. Als er einen genügend langen Zeitraum hatte verstreichen lassen, um ein etwaiges Mißtrauen von seiten des andern zu vermeiden, kehrte Pringle wieder in Spoorweg Straat zurück und betrat das Hotel, in dem er in seiner Muttersprache um ein Zimmer ersuchte. Als Antwort überreichte ihm der Angestellte, dessen Kenntnisse des Englischen recht mäßig zu sein schienen, ein schmutziges Fremdenbuch. Pringle nahm eine Feder zur Hand und sah nach dem zuletzt eingetragenen Namen, dessen blasse Buchstaben andeuteten, daß er eben erst mit dem Löschblatt abgetrocknet war: »Philip Winter.« So hatte also Percy seine eigenen Anfangsbuchstaben beibehalten, obgleich er aus einem bestimmten Grunde seinen Namen gewechselt hatte! Pringle dachte noch über die Unterschrift nach, als bereits der Angestellte ungeduldig mit seinem Finger auf die erste leere Linie wies und so Pringle wieder in die Wirklichkeit zurückrief. In kühnen Buchstaben trug er sich als: »John M'Hugh« ein, da dieser Name mit dem Hotel, das von Geschäftsreisenden bewohnt zu werden schien, wohl in Einklang stand.

»Wollen Sie haben Zimmer nach »de Straat« oder nach »de Vest«,« fragte der Angestellte, indem er als Erklärung hinzufügte: »Für feine Leute am besten de Best.« Pringle begriff sofort, daß er zwischen einem Zimmer, das nach der Straße oder dem Kanal hinausging, wählen wollte, und da er sich selbst für einen »feinen Mann« hielt, so beeilte er sich zu erwidern: »Nach dem Wasser – Vest, Vest!«

Er folgte dem Hausdiener, der seine Tasche trug, und wurde in ein Zimmer des ersten Stockes geführt, das am Ende eines langen und ziemlich dunklen Ganges lag. Eine Balkontür statt eines Fensters öffnete sich auf einen schmalen Balkon, der längs des ganzen Hauses entlang lief, und bot einen malerischen Blick auf den Kanal. Es war eigentlich nur ein Wasserbassin, der Endzipfel einer jener vielen Abzweigungen des Hauptstromes und, wie gewöhnlich in Holland, von schönen Bäumen umstanden, deren Zweige weit über das Wasser hingen, so daß man nur in der Mitte zwischen ihnen einen schmalen Wasserspiegel sehen konnte. Pringle schritt durch die Türe, die weit offen stand, und lehnte sich an die Brüstung des Balkons, während er zerstreut die den Kanal entlang gleitenden Schiffe betrachtete, und da die Stille durch keinen Laut unterbrochen wurde, so zwang ihn das einschläfernde Bild in seine Gewalt, und er träumte gedankenlos vor sich hin. Aber das plötzliche Schließen einer Tür nahebei und einige englische Worte rissen ihn aus seinen Träumereien, und sofort waren seine Gedanken wieder bei Percy Windrush.

»Endlich sind Sie also da! Ich dachte. Sie wären bereits vor mir angekommen,« so tönte eine Stimme durch das nächstgelegene Fenster, das wohl offen sein mußte, obgleich seine hölzerne Jalousie heruntergelassen war, die keinen Einblick in das Zimmer gestattete.

»Mein lieber Herr Winter! Ich habe eine lange, lange Reise machen müssen, um herzukommen. Ich bin ein armer Mann, und die Hotelkosten sind sehr, sehr groß.«

»Jawohl, ich weiß das alles! Ich weiß, daß Sie der reichste arme Mann in ganz Amsterdam sind. Haben Sie sich ein Zimmer hier im Hotel genommen?«

»Jawohl, Nr. 18, gerade gegenüber.«

»Schön, es ist mir schließlich gleichgültig, wo Sie wohnen, wenn Sie nur hier sind. Haben Sie Geld mitgebracht?«

»Ja, ein bißchen.«

»Schön, das ist also in Ordnung. Ich hoffe, Sie brachten Gold, wie ich's wünschte.«

»Nein, aber gute englische Banknoten.«

»Alter Schwindler! Ich kenne Eure Schliche. Natürlich gestohlene und außer Kurs gesetzte Banknoten, deren Nummern bereits bekannt sind und die Sie mit 20 Prozent ihres Wertes erstanden, und die Sie mir jetzt natürlich zum vollen Werte andrehen wollen,« fuhr der erste Sprecher verächtlich fort.

»Im Brillantengeschäft sind wir alle Hebräer und deshalb anständige Menschen,« war die würdevolle Antwort.

»Das kann ich mir wohl denken!« erwiderte Windrush bissig. »Schön, also kommen wir zum Geschäft. Ich habe Sie nicht hierhergerufen, um Komplimente mit Ihnen auszutauschen.«

Jetzt entstand eine Pause in der Unterhaltung, und Pringle schlich sich auf den Balkon vorsichtig bis ganz in die Nähe der Jalousie, er ging jedoch nicht zu nahe an diese heran, sondern begnügte sich, durch eine Ritze hie und da einen flüchtigen Blick in das Zimmer zu werfen, wodurch er die beiden Männer leidlich gut zu sehen vermochte. Windrush hatte Rock und Weste abgelegt und löste eben einen Sack aus weichem Leder, den er auf der Brust getragen hatte, von seinem Bande. Nun schnitt er mit seinem Taschenmesser den Sack auf und wickelte einige Lagen Seidenpapier und schließlich eine Menge Watte auf, die einen Brillantstern umgaben. Als er diesen nun seinem Gefährten hinhielt, faßte Pringle unwillkürlich an seine eigene Tasche, um sich zu überzeugen, ob er die Similibrillanten noch bei sich habe, so völlig ähnlich waren die beiden Stücke auch in der geringsten Kleinigkeit. Was nun den Juden anbetraf, so konnte er dessen Augen funkeln und vor Lüsternheit blitzen sehen, während er den Brillantstern in seiner Hand hin- und herbewegte, und die Brillanten ihre funkelnden und glitzernden Strahlen warfen.

Schließlich, als der Jude nur fortfuhr, die Steine anzustarren, brach Percy das Schweigen.

»Nun, Israels, was sagen Sie dazu?«

»Es sind sehr hübsche Steine.«

»Hübsch! Hübsch nennen Sie sie! Solche Steine wie diese sehen Sie nicht jeden Tag und sicher auch nicht jedes Jahr einmal!«

»Sie sind gut, aber ich kann nicht sagen, daß es die besten sind, die ich bisher gesehen habe.«

»Passen Sie auf, mein lieber Amsterdamer. Was Sie sagen, das ist mir ganz gleichgültig; aber ich weiß ganz genau, wie sie sind, verstehen Sie mich? Ich weiß ganz genau, was die Steine wert sind!«

»Nun, was sind sie denn wert?«

»Ich weiß ganz genau, daß sie dreitausend Pfund und nicht einen Penny weniger wert sind.«

Israels ließ den Stern auf den Tisch fallen, als hätte er sich an ihm die Hand verbrannt.

»Dreitausend!« rief er mit entsetzter Stimme aus, als ob sich sein ganzes Innere gegen einen derartigen Preis sträube.

»So habe ich gesagt.«

»Dreihundert Pfund meinen Sie sicher?«

»Ich habe dreitausend gesagt und meinte es auch so, und das wissen Sie ganz wohl!«

»Sie machen Spaß, mein lieber Herr Winter, das von mir zu verlangen.«

»Alter Dummkopf! Ich habe bis jetzt noch garnicht gesagt, daß ich dreitausend Pfund für sie verlangt habe, nicht wahr?« erwiderte Percy.

»Was verlangen Sie denn?« stöhnte Israels schwach.

»Fünfzehnhundert,« erwiderte Percy entschieden.

»Sie haben mich scheinbar bloß hierher gerufen, um mich zu berauben!« jammerte der Jude mit schriller Stimme.

»Durchaus nicht,« entgegnete Percy verächtlich. »Wenn ich Sie hätte berauben wollen, so hätte ich mir dazu einen anderen Ort ausgesucht als dies Hotel.«

Der Jude gab keine Antwort, sondern blickte nur unbehaglich durch das Fenster auf den Kanal zu seinen Füßen.

»Nun werden Sie mal ernstlich vernünftig,« fuhr Percy fort. »Ich habe die dummen Scherze jetzt satt. Falls Sie die Steine für diesen Preis nicht haben wollen, dann werde ich mir einen andern Juden kommen lassen, der das Geld gern zahlt.«

»Ich kann wahrhaftig nicht so viel zahlen,« warf der Jude kläglich ein.

»Fünfzehnhundert Pfund ist der Preis und nicht ein Penny weniger,« wiederholte Percy, während er sich vorbeugte und nach dem Stern griff, um ihn wieder einzupacken.

»Ich habe nicht so viel,« beteuerte der Jude.

»Schön, dann werde ich jemand anders finden, der so viel Geld hat,« sagte Percy unnachgiebig, während er das Juwel bereits mit Watte umhüllte.

»Tausend Pfund will ich geben,« warf Israels ein.

Percy stand auf und wies mit dem Finger nach der Tür.

»Lassen's liegen,« fuhr der Jude ächzend fort, »ich werde Ihnen zwölfhundert geben.«

»Fünfzehnhundert,« erwiderte Percy fest.

»Nehmen Sie zwölf!« rief Israels und zog eine alte schmierige Brieftasche hervor, aus der er eine Handvoll Banknoten nahm und Percy vor die Augen hielt.

»Nein, ich sage zum letzten Male fünfzehn, und das ist wahrhaftig noch wenig genug,« brüllte jetzt Percy wütend, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug.

Während er Gott zum Zeugen anrief, daß er ein ruinierter Mann wäre, zählte Israels die Banknoten vor dem unerschütterlichen Percy auf dem Tisch auf, der so tat, als betrachte er die Diamanten, die er immer so hielt, daß der andere von ihrem Glanze fast geblendet wurde. Als die Noten auf dem Tisch lagen, schob Percy den Stern dem Juden über den Tisch zu, der sich sofort auf ihn stürzte und ihn nach einem anderen bewundernden Blicke in eine kleine Handtasche packte, die er vorsichtig zuschloß.

Percy zählte währenddessen mit sorgloser Miene die Banknoten nochmals durch, indem er dazu gleichgültig pfiff, dann wandte er sich zu Israels:

»Gut, alter Schmierfink!« sagte er schließlich liebenswürdig. »Ich werde Ihnen ein Festmahl stiften und zwar will ich mich nicht lumpen lassen, im Restaurant Weimar, denn hier im Hotel bekommt man doch nichts Gescheites. Nachher können wir nach dem Zoologischen Garten gehen; das ist zwar auch langweilig, aber schließlich alles, was man in diesem ekelhaften Neste anfangen kann.«

»Sie sind sehr freundlich, ich komme gern mit, mein lieber Herr Winter,« erwiderte der Diamantenhändler, sich vergnügt die Hände reibend, während er mit der kostbaren Handtasche das Zimmer verließ.

Es war fast fünf Uhr, als Pringle nach dem Speisezimmer hinabstieg und sich einen Sitz an der Table d'hote des Hotels belegen ließ. Dann steckte er sich eine Zigarette an und bummelte auf die Straße hinaus, scheinbar völlig beschäftigt mit dem Betrachten der Schaufenster in Zand Straat. Er hatte das Hotel noch nicht lange hinter sich gelassen, als Percy Windrush an ihm in lebhaftem Tempo vorbeischritt, so daß Israels, der entzückt war, ein gutes Essen auf anderer Leute Kosten zu erhalten, gezwungen war, neben ihm einherzutraben. Immer noch zeitweise die in den Schaufenstern ausgelegten Waren betrachtend, folgte Pringle ihnen unauffällig, bis er sah, wie sie in dem Restaurant Weimar, dem einzigen wirklich guten Restaurant in Rotterdam, an einem Tische Platz genommen hatten. Dann sprang er in die nächste Pferdebahn und kehrte nach Norden zurück, so daß er gegen sechs in seinem Hotel anlangte, wo er bereits durch den Geruch merkte, daß das Essen im vollen Gange war.

Tatsächlich schien sich das ganze Hotel beim Mittagessen zu befinden, und der Korridor des oberen Stockes war völlig verlassen, als er zu seinem Zimmer emporstieg. Der lange Flur war dunkler denn je, und die Zimmertüren waren so dunkel, daß man sie kaum von einander unterscheiden konnte. Kein Laut ließ sich hören, ausgenommen ein entferntes Murmeln, das von dem Erdgeschoß aufstieg, und nachdem er einige Minuten gewartet hatte, versuchte er, die Tür des Zimmers Nr. 18 zu öffnen. Wie er es nicht anders erwartet hatte, war die Tür geschlossen, deshalb ging er in sein eigenes Zimmer, zog hier den Schlüssel ab und untersuchte ihn. Der Bart desselben war äußerst einfach. Deshalb, dachte er, würden die andern Schlüsselbärte jedenfalls recht ähnlich sein. Er nahm also einen Bund von Nachschlüsseln aus seiner Westentasche und wählte denjenigen, der seinem Zimmerschlüssel am meisten glich. Nun versuchte er nochmals sein Heil an der Tür Nr. 18, und nach einigen Schwierigkeiten schloß der Dietrich das Schloß auf und er trat ein. Vorsichtig schloß er die Tür hinter sich, riegelte sie auch noch ab und sah sich dann im Zimmer nach der Handtasche um. Diese war nirgends zu sehen! Konnte sie der Jude dem Gastwirt zur Aufbewahrung übergeben haben? Aber die mißtrauische Natur des Steinhändlers schien eine derartige Vorsichtsmaßregel nicht zuzulassen, und nach kurzer Untersuchung des Zimmers fand er sie in der entferntesten Ecke unter dem Bett verborgen. Wie bei den meisten auf dem Kontinent angefertigten Handtaschen bot das Schloß einem Sachverständigen wenig Schwierigkeiten, und nach wenigen Minuten gelang es Pringle, sie zu öffnen. Sofort wickelte er den echten Stern aus, packte den falschen an seine Stelle sorgsam in die Umhüllungen des echten, schloß die Tasche vorsichtig und verwahrte sie wieder an ihrem Versteck. Dann steckte er den echten Stern in seine Tasche und lauschte. Alles war ruhig wie zuvor. Leise öffnete er nun die Zimmertür, schloß sie geräuschlos mit seinem Nachschlüssel wieder zu, und begab sich nun ins Erdgeschoß zur Table d'hote, ohne jemand getroffen zu haben.

Als das Essen vorbei war, machte er einen Bummel in die Stadt, um sich zu unterhalten, aber Rotterdam erschien ihm so unglaublich langweilig, daß er es bald vorzog, in sein Zimmer zurückzukehren, und obgleich die Nacht äußerst warm war, lag er schon um zehn Uhr im Bett und erfreute sich bald eines gesunden Schlafes. Es schien ihm, als hätte er bereits Stunden geschlafen, als er plötzlich auffuhr, da das Bett zitterte, als hätte es einen heftigen Stoß erhalten. Er sprang aus dem Bett heraus, und sein erster Gedanke richtete sich auf den Juwelenkasten. Dieser befand sich aber sicher unter dem Kopfkissen, wohin er ihn am Abend vor dem Schlafengehen gelegt hatte. Der Mond verschwand zwar von Zeit zu Zeit hinter Wolken, aber durch das breite Fenster drang doch genügend Licht, um sehen zu können, daß im Zimmer alles in Ordnung war. Die große Turmuhr von St. Lorenz schlug eins. Plötzlich eine andere Erschütterung, dann ein dumpfer Fall und ein kräftiger Fluch, der aus der Nähe herschallte. Er ging an die Balkontüre, öffnete diese und sah auf den Balkon hinaus. Die Jalousien des Nebenzimmers waren hochgezogen, und er konnte gerade noch sehen, wie die Balkontüre seines Nachbars plötzlich aufsprang, als hätte sie unter einer schweren Last nachgegeben.

Leise kroch Pringle an das Fenster, sah vorsichtig hinein und konnte den Schöpfer all dieser Störungen in Percy Windrush entdecken, der nach einem fruchtlosen Versuch, seine Stiefel auszuziehen, gegen die Tür gefallen war und nun ganz angezogen, völlig betrunken, schnarchend auf der Zimmerdiele lag. Pringle wartete und horchte, aber der ganze Lärm war scheinbar nirgends in der Nachbarschaft bemerkt worden, und das Schnarchsolo wurde durch keinen anderen Laut unterbrochen.

Percy war bei seinem Falle nach innen zu gerollt, und so war es Pringle ein leichtes, in das Zimmer einzutreten. Er hatte nur einmal vorher Gelegenheit gehabt, Percy ganz aus der Nähe zu sehen, und damals war dieser auf der Höhe seines Glückes gewesen, aber wie hatten sich seither die Zeiten geändert! Der jüngere Windrush war wahrhaftig kein anziehendes Bild, als er so da lag. Seine Züge, die sicher einstmals recht angenehm gewesen sein mochten, waren jetzt verwüstet und vom Trunke aufgedunsen. Alles an dem Manne erschien schlaff, und auch sein Anzug war bereits äußerst schäbig und fadenscheinig. Seine Wäsche war schmutzig, und sein ganzes Äußeres ließ auf den Gauner schließen, der er war. So sah also der Mann aus, gegen den er seinen Witz versucht und den er besiegt hatte! Wie die meisten großen Schurken, so hatte Percy wohl genügende Schlauheit, um einen klugen Plan auszuhecken und ihn durchzuführen, aber nach Gelingen desselben schien sein Glück oder seine Energie ihn völlig verlassen zu haben.

Es schlug nun bereits Viertel von St. Lorenz, und es war daher gefährlich, lange da zu bleiben. Percys Schlummer war nicht so fest, daß er nicht daraus hätte aufgerüttelt werden können, und gerade als die Uhr schlug, wandte er sich um und murmelte den Refrain eines Liedchens vor sich hin, das er wahrscheinlich am Abend in einer Singspielhalle gehört hatte.

In diesem Augenblick kam Pringle ein großartiger Gedanke. Was für eine günstige Gelegenheit! Jetzt oder nie! Behutsam schaute er sich um. Percys Reisenecessaire lag umgefallen und leer in einer Ecke, wohin er es nach dem Auspacken geworfen hatte. Auf einem Tische in der Nähe stand seine kleine Reisetasche. Pringle drückte vorsichtig auf das Schloß und sah hinein. Nur wenige Reiseeffekten, eine Reiseflasche, ein Nachthemd, ein Heilmittel gegen Kopfschmerzen, eine Pfeife, eine Reisemütze, Morgenschuhe, ein Baedeker, ein Paar Socken, das war alles.

Wunderbar, daß die Banknoten nirgends zu sehen waren, aber wahrscheinlich würde andernfalls auch die Handtasche nicht unverschlossen gewesen sein! War Percy vielleicht schlauer gewesen als der Jude und hatte sie dem Gastwirt zur Aufbewahrung übergeben? Pringle warf einen neuen Blick um sich, dann öffnete er die Schubladen eines gebrechlichen Toilettentisches, doch sie waren leer und nur Staub und Schmutz war darin. Das war begreiflich; denn nur ein Verrückter oder ein Trunkenbold hätte Wertgegenstände dorthin tun können! Vielleicht befanden sie sich in seinen Taschen? Das Bündel mit Banknoten war zu dick, um sich leicht verbergen zu lassen. Er schritt deshalb vorsichtig auf den Schläfer zu. Dieser schnarchte noch so laut wie vorher, nur seine Lippen hatten aufgehört, sich zu bewegen. Es war eine recht unbequeme Stellung, die er einnahm; der eine Arm lag zusammengekrümmt unter ihm, und er schien in seiner Betrunkenheit nichts mehr von der Außenwelt wahrzunehmen. Pringle bückte sich nun auf den Körper Percys nieder. Der von außen hereindringende Lichtschein war nur schwach, und deshalb war er einzig auf sein Tastgefühl angewiesen. Der Rock stand weit offen und in seinem Innern befand sich scheinbar ein dickes, großes Paket. Vorsichtig zog Pringle ein Bündel aus der Brusttasche. Als er es berührte, wußte er, ohne es anzusehen, daß es eine Brieftasche war, die zum Bersten mit Papieren vollgestopft war. Es waren die Banknoten, die Israels am Nachmittage gezahlt hatte. In diesem Augenblick brach der Mond durch die Wolken, und Pringle zählte fieberhaft die Banknoten. Es waren hundertundvier Zehn-Pfund- und dreiundzwanzig Zwanzig-Pfund-Noten. Sie in seine eigene Tasche stecken und die leere Brieftasche in die Brusttasche ihres Eigentümers, war das Werk eines Augenblicks. Zum zweiten Male, und Percy noch unbewußt, hatte Pringle ihn übertrumpft! So mag ihm also das verächtliche Lächeln vergeben werden, mit dem er seinen bewußtlosen Gegner betrachtete. Das Schnarchen tönte noch in der Dunkelheit fort, als er über seinen Körper hinwegstieg und auf den Balkon hinaustrat. Die einzige Schwierigkeit bestand nur darin, die Balkontür zu schließen; aber nach einigen Bemühungen gelang es ihm, den Vorreiber wieder ins Schloß zu drücken und die Tür zu schließen, so daß es den Anschein hatte, als wäre sie nie geöffnet gewesen. Auf diese Weise konnte er seinen Rückzug verbergen.

*

Pringle hatte lange und gesund geschlafen, und es war schon fast Mittag, als er aus seinem Schlummer durch lautes Schreien und Schimpfen aufgeweckt wurde.

»Sie sind ein Dieb! Ein Räuber, ein schuftiger Spitzbube!« Die Stimme wurde immer gellender bei jedem neuen Schimpfwort, das die englische Sprache aufzuweisen hatte.

Pringle war noch so schlafbefangen, da er nach den aufregenden Ereignissen der letzten Nacht tief und traumlos geschlafen hatte, daß es eine ganze Weile dauerte, bis er sich zurechtfinden konnte. Aber er hatte rasch seine Gedanken gesammelt und war nun überzeugt, daß der ganze Aufruhr nur seinem eigenen Gebühren zuzuschreiben war. Die Scheltworte kamen aus dem Nächstliegenden Zimmer. Er öffnete deshalb seine Balkontüre ein wenig, um besser hören zu können, und begann gemächlich Toilette zu machen, während aus dem Nebenzimmer immer neuer Lärm herüberschallte.

»Zum Teufel noch mal! Weshalb wecken Sie mich denn eigentlich mit Ihrem unverschämten Geschrei auf!« brummte eine tiefe Baßstimme, die zu der schrillen Stimme des andern einen spaßigen Gegensatz bildete.

» Gij hebt mij bezwendelt! Hets altemaal fopperij!! Ik zal voor den vrederegter doen verschijnen!!!« Sie haben mich beschwindelt! Alles Betrug!! Ich werde Sie vor den Friedensrichter schaffen lassen!!! Die Worte endeten in einem Wutgeheul, und man konnte hören, wie der Sprecher vor Erregung in dem Zimmer auf und ab lief.

»Wovon reden Sie denn eigentlich, Sie alter Esel? Was wollen Sie von mir?«

» Der ster diamant

»Zum Kuckuck noch mal! Wollen Sie wohl englisch reden.«

»Ich will meine Steine! Sie haben mich beschwindelt! Wo haben Sie die echten?«

»Seien Sie ruhig! Scheren Sie sich aus dem Zimmer raus, Sie sind betrunken!«

»Ich betrunken? Gij bebt mij bezwendeld

»Dann sind Sie eben verrückt, wenn Sie das lieber wollen,« brüllte die Baßstimme, während ein Hagel von Faustschlägen auf den Tisch herniederrasselte.

»Sie sind eine Schweinehund!« erwiderte die Fistelstimme und, nach einem Geräusch zu schließen, schien der Sprecher hinter einen Tisch zu retirieren.

»Lassen Sie mich dann doch mal das verfluchte Ding sehen.« Eine kurze Pause. »Na ja, also was soll's denn nun damit?«

»Das sind Similibrillanten! Geben Sie mir mein Geld wieder!«

»Simili? Sie sind verrückt!«

»Ich will mein Geld wieder oder ich rufe die Polizei!«

»Hier, nehmen Sie Ihr Geld wieder. Ich werde meine Steine jemand verkaufen, der mehr davon versteht als Sie. Zum Kuckuck! Wo sind die –« Eine andere Pause. Dann begann plötzlich die Baßstimme zu brüllen: »Sie höllischer Jude, Sie haben mich beraubt!«

» Sie haben mich beraubt! Geben Sie mir mein Geld oder ich hole die Polizei!«

»Sie schmutziger alter Lümmel! Sie wissen recht gut, daß Sie das Geld bereits haben!«

»Ich habe es nicht!«

»Wo sind die Banknoten denn hingeraten? Haben Sie mich nicht gestern Abend im Restaurant Weimar betrunken gemacht? Sie dachten sich vielleicht, Sie würden die Steine umsonst bekommen, nicht wahr? Aber jetzt habe ich sie, und zum Teufel noch mal, wenn ich sie mir wieder nehmen lasse!«

»Sie sind aus Glas!«

»Mit dem Glas bin ich ganz zufrieden. Sie können Ihre Banknoten, die Sie mir in voriger Nacht gestohlen haben, ruhig behalten.«

»Nicht ich, sondern Sie sind ein Dieb!«

»Sie verfluchter alter Hund! Ich werde Ihnen gleich den Hals umdrehen!«

» Policie – Moord! Moord! Policie!« erklang es jetzt ängstlich und keuchend, als ob jemand bei der Kehle gepackt sei, die man ihm zudrücken wollte.

Pringle ging ruhig die Treppe hinab und bezahlte seine Rechnung.

»Mir ist es so vorgekommen, als ob oben zwei Herren miteinander in Streit geraten wären,« bemerkte er in besorgtem Tone.

Als er das Hotel verließ, um sich zur Rückfahrt nach England an den Quai zu begeben, hörte er lautes Gebrüll und ohrenbetäubenden Lärm, der von dem Krachen von zersplittertem Glas und zertrümmerten Gegenständen herrührte, und der entsetzte Hotelbesitzer, begleitet von einer Schar von Kellnern, stürzte auf den Kampfplatz.

*


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