Karl Emil Franzos
Die Hexe
Karl Emil Franzos

 << zurück weiter >> 

4

Die Tür fiel ins Schloß, ich horchte seinen verhallenden Schritten. Dann warf ich mich in einen Lehnstuhl und schloß die Augen. Ich fühlte mich plötzlich entsetzlich müde, geistig und leiblich. Und dabei zitterte doch jeder Nerv in mir vor Aufregung, und mein Blut jagte rasend schnell durch die Adern. In den Schläfen empfand ich ein überaus peinigendes Gefühl, als würden mir da blitzschnell glühende Nadeln eingetrieben und hinausgezogen. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen, rasch, schmerzhaft, Schlag um Schlag. Aber plötzlich schien es stillzustehen...

Ich sprang auf – einen Augenblick lang durchzuckte mich ein dunkles, übermächtiges, entsetzliches Gefühl, ich glaube, es war die Todesangst. Ich stürzte ans Fenster. Die Nachtluft schlug mir entgegen, schwül, erstickend schwül – schwerer Blumenduft schwamm darin. Ich starrte hinaus, angehaltenen Atems – alles schwarz, alles still. Ich blickte zum Himmel empor, der Mond mußte ja längst aufgegangen sein. Aber kein Lichtschein war zu gewahren, und auch den Himmel fand ich nicht. So weit das Licht der Kerzen hinausstrahlte, so weit konnte mein Auge sehen: grünes Gesträuch – ein Blumenbeet – eine kleine Figur aus Sandstein. Aber sonst war alles ringsum Finsternis – schwarze, undurchdringliche, drohende Nacht. Ich schaute und lauschte, lauschte bang. Sonst hat ja die Nacht tausend Stimmen: Windeswehen, Blättergeflüster, Leben und Weben nächtlichen Getiers und anderes, was wir nur hören und nicht erkennen – wer weiß, was alles sonst leise das Dunkel durchtönt?... Aber heute – Stille, grausame Stille! Mir war's, als hielte die Natur den Atem an in dieser unheimlichen Nacht und lauschte – lauschte bang – worauf?! – worauf?!...

Ein schriller Klang hinter mir, ein kurzes Kreischen – ich wandte mich um, die alte Wanduhr hatte die erste Stunde nach Mitternacht geschlagen. »So spät«, flüsterte ich vor mich hin, »ich sollte zu Bett gehen.« Ich fuhr mir über die Stirne, sie war von kaltem Schweiß bedeckt. Dann starrte ich in das ruhige Licht der Kerzen und – legte mich wieder ins Fenster.

Kein Lufthauch war wach. Das Gesträuch vor dem Fenster stand still – im ganzen Garten regte sich kein Blatt. Noch immer dieselbe dumpfe Stille und Finsternis. Da – auf einmal – blitzte es am Himmel auf, eine ungeheure Lohe. Taghell, in grellem weißem Licht stand eine Sekunde lang der Garten vor mir, die Flügel des Schlosses, der Wolkenhimmel. Ich schloß die Augen und trat einen Schritt zurück – ich erwartete das Gedröhne des Donners. Jedoch nur ein leises, unheimliches Flüstern ward hörbar, als ginge ein Windhauch durch die Blätter. Das war seltsam, denn die Luft war und blieb unbewegt, dabei unsäglich schwül, und dennoch zitterte der Strauch vor dem Fenster – ich sah es ganz deutlich – seine Zweige regten sich. Ich weiß nicht – die Pflanze erschien mir wie etwas Lebendiges – ich strich leise, fast zärtlich mit der Hand über die Zweige. »Der arme Strauch zittert vor dem Gewitter«, sagte ich laut vor mich hin.

Wieder schlug die Lohe auf, blitzschnell, übergewaltig. Und wieder kein Donner, nur jenes unheimliche Rascheln im Laub...

»Wetterleuchten!«sagte ich langsam und laut, »Oh! wenn nur das Gewitter käme!« Und dann nickte ich, als hätte dies ein anderer gesprochen und ich wollte ihm beistimmen...

»Was red' ich da mit mir selbst?« schrie ich dann plötzlich auf »Bin ich krank – wahnsinnig?« Ich legte die Finger an meine Pulse, sie jagten fiebrig. »Mein Blut kocht – mein Kopf brennt!« dachte ich – »warum?« Und wieder sagte ich laut: »Ist es diese Schwüle? Oder das Gespräch mit dem Alten? Oder sehne ich mich nach –«

Ich sprach den Namen nicht aus, ich flüsterte ihn nur, mir selbst kaum hörbar. Aber wie er mir aus der Kehle drang, da fuhr ein Zittern über meinen Leib, und ich wandte mich zur Tür – unwillkürlich – wie eine Puppe, die von fremder Hand bewegt wird.

Die Tür des Zimmers fiel hinter mir zu, ich tastete vorwärts im dunklen Korridor, rasch, heftig, wie ein Verzweifelnder. Ich fühlte nichts mehr – ich wußte nichts mehr – ich dachte nichts mehr – nur das Blut rannte und rauschte in mir: »Zu ihr, zu ihr!«

Der Korridor mündete in einen zweiten, ich stürmte weiter, bis ich an eine Treppe kam. Da blieb ich stehen. Aber was meinen Fuß bannte, war nicht etwa die Erkenntnis meiner sündigen Torheit, sondern der Gedanke: »Du kennst den Weg nicht, der zum Salon führt! Du mußt wieder dein Zimmer zu finden suchen und dir – eine Kerze mitnehmen!«

Und ich wandte mich und tastete wieder zurück – einen langen Gang hinab, an unzähligen Türen vorbei – immer hastiger – immer toller. Aber der Gang nahm kein Ende, das konnte unmöglich der Weg sein, den ich gekommen...

Wieder blieb ich unschlüssig stehen. Aber nur einige Sekunden lang. Dann trieb mich mein tolles Blut wieder weiter...

Da – ich hielt an und fuhr zusammen – da brach mir ein ferner Lichtschein ins Auge und kam näher und näher, ein langsamer, fester Schritt hallte durch den Korridor...

»Es ist Henryk«, dachte ich, »oder ein Diener... gleichviel – ich muß mich verstecken...« Und ich schmiegte mich in die nächste Türöffnung und drückte auf die Klinke...

Aber die Tür war verschlossen. Der Schritt kam näher und näher, es war Fedor, eine Lampe in der Hand...

Wieder drückte ich krampfhaft, verzweifelt auf die Klinke, aber sie gab nicht nach. Ich schloß die Augen. »Was wirst du ihm sagen?« dachte ich.

Der Alte bemerkte mich erst, als er dicht vor mir stand. Er wich erschreckt zurück.

»Wer –«, rief er, aber da erkannte er mich auch. »Sie, Herr Georg? Haben Sie nicht schlafen können? Es ist eine schwüle Nacht, wir bekommen ein furchtbares Gewitter, wenn auch erst gegen Morgen! Ich will darum alle Fenster – aber«, unterbrach der sich plötzlich, »wohin wollten Sie denn eigentlich?«

Ich erwiderte nichts, es fiel mir nichts ein und meine Kehle war wie zugeschnürt.

»Wollten Sie in den Garten?«

»Nein«, stammelte ich, »das heißt – ja!«

Er hob die Lampe und leuchtete mir ins Gesicht. Ich mochte wohl recht sonderbar aussehen, denn er schüttelte besorgt den Kopf.

»So verstört«, sagte er, »sind Sie krank, Herr Georg?«

»Etwas Kopfweh«, flüsterte ich scheu und blickte zur Seite.

Der Alte hob die Lampe noch höher und schaute mir scharf und prüfend ins Antlitz. Es waren wohl nur einige Sekunden, mich dünkten sie damals eine Ewigkeit voll Scham und Qual. Ob er erriet, wohin ich hatte gehen wollen – ich weiß es nicht genau. Nur das eine weiß ich, daß sein Blick immer düsterer, immer starrer wurde. Ich wich diesem Blick aus, ich schlug die Augen nieder, aber er bohrte mir durch die Lider und ins tiefste Herz.

»Kommen Sie«, sagte er endlich langsam, schwer, »wir wollen zu Ihrem Freunde gehen!«

Er faßte meinen Arm und führte mich, wie man ein Kind, einen Kranken führt. Ich folgte ihm willenlos.

»Wir haben auch Kopfweh«, murmelte er, indes er mich so sachte vorwärts schob.

Mir fiel die seltsame Redeweise nicht auf, noch minder lächelte ich darüber. Er aber fuhr bekümmert fort:

»Wir essen nichts mehr, wir trinken nur. Und in der Nacht schließen wir kein Auge. Wir werden ernstlich krank werden!«

»Weißt du«, begann ich mühsam und fühlte, wie mir dabei eine brennende Röte übers Antlitz schlug, »weißt du, ob Henryk in seinem Zimmer ist?«

Er schien die Frage überhört zu haben. Dann aber erzählte er:

»Ich bin eben im linken Flügel, da höre ich die Schelle aus dem Salon der Hexe klingeln – ganz wütend, wie man Sturm läutet. Ich laufe hin. Da steht die Braune, mitten im Zimmer, allein, mit zerzaustem Haar, und schluchzt:

›Wecke den Henryk oder den Zauberer – gleich! Ich fürchte mich vor dem Gewitter!‹

›Wir haben einen Blitzableiter auf dem Dach!‹ sage ich.

›Was?‹ ruft sie. ›Ich fürchte ja nicht den Blitz – ich weiß einen Spruch dagegen! Aber‹ – und da beginnt sie wieder zu schluchzen – ›die Mauern – das Dach – ich bin noch nie eingesperrt gewesen bei einem Gewitter – mir birst vor Angst das Herz. Hinaus – ich will hinaus in den Sturm! Oder rufe Leute, Leute! Oder bleib' wenigstens du hier, alter Hund!‹ Und dabei zittert sie wirklich an Händen und Füßen, und auf ihrem Gesicht liegt die Todesangst, deutlich wie ein Schleier, den man mit Händen greifen kann. Schon will ich, der ich ein alter Christ bin und kein alter Hund, trotz des Schimpfworts Mitleid mit ihr haben und eine Magd rufen, da miaut plötzlich der Kater im Garten, und sie schreit: ›Geh! Geh!‹

›Soll ich dir nicht die Kasia holen?‹

›Nein!‹ ruft sie und stampft mit dem Fuße. ›Ich will allein bleiben!‹ Ich gehe zur Türe, da schreit sie: ›Steige aufs Dach, fange den Kater.‹

›Aber er miaut ja im Garten‹, sag' ich.

›Nein auf dem Dach!‹ schreit sie. ›Ich befehle dir, steige sogleich aufs Dach – sonst lasse ich dich morgen davonjagen. Hörst du, aufs Dach!‹

Da bin ich gegangen, aber nicht aufs Dach, sondern in den linken Flügel, die Fenster zu schließen. Denn wenn sie alle Leute verrückt macht – mich nicht!«

Wir hielten vor Henryks Schlafzimmer. Die Tür war halb geöffnet, auf dem Tische brannten die Wachskerzen, aber das Lager war unberührt, das Zimmer leer.

»Wo mag er sein?« fragte ich, und wieder jagte mir eine Blutwelle über das Antlitz.

Fedor seufzte tief auf. Dann durchschritt er das Zimmer und trat ans geöffnete Fenster, durch welches die Nacht schwarz und drohend hereinstarrte.

»Wir sind ein armer Narr«, murmelte er. »Sehen Sie her, Herr Georg«, sagte er dann laut und wies auf einen Flecken am Fensterpolster. »Da sind wir hinausgesprungen und laufen nun seufzend im Garten herum. Ach! es könnte einen Stein erbarmen!«

Er beugte sich weit hinaus und spähte ins Dunkel.

»Herr Henryk!« rief er. »Herr Graf!«

Laut und durchdringend rief er es, und dabei zitterte doch seine Stimme und es lag ein Ton darin, nicht zu schildern. So ruft kein Vater, so ruft nur eine Mutter nach ihrem Kinde... Der Ton verhallte – die Nacht lag schweigend, wie früher – es kam keine Antwort.

»Kommen Sie, Herr Georg!« bat der alte Mann. »Das ist« – er warf einen scheuen Blick hinaus – »das ist eine unheimliche Nacht. So, als ob« – er stockte wieder – »als ob ein Unglück geschehen müßte! Kommen Sie, wir wollen ihn im Garten suchen!«

Er schritt mir voran, den Korridor hinab, bis an ein Pförtchen. Da stellte er die Lampe hin, schloß die Tür auf und trat hinaus.

»Willst du nicht die Lampe mitnehmen?«

Er schüttelte den Kopf

»Wozu? Ich sehe auch im Dunkeln gut. Und was gar mein Ohr betrifft – seinen Schritt höre ich aus der Ferne!«

An mich dachte er nicht. Erst als ich nach dem ersten Schritt zaudernd stehen blieb, brummte er etwas in den Bart, faßte meine Hand und zog mich hastig in den Garten.

Es war eine Nacht, wie ich nie eine ähnliche erlebt. So schwül, so furchtbar still, so tiefschwarz – ich hatte das Gefühl, als schlichen wir in einer Katakombe dahin, tief in der Erde. Aller Ton, alles Licht schien erstorben. Sonst gewöhnt sich das Auge allmählich an das Dunkel, die Gegenstände heben sich schwärzer ab vom Hintergrunde des mächtigen, wenn auch noch so dicht mit Wolken umhangenen Himmels. Heute war nichts von den Bäumen zu sehen, nichts vom Schlosse. Ich blickte auf den Boden, sonst schimmern die Kiesel weiß – heute war auch da nichts als gähnende Finsternis – in die Nacht, wie in einen Abgrund tastete der Fuß...

»Henryk!« rief Fedor plötzlich und hielt an. »Henryk!«

Keine Antwort.

»Er will nicht«, murmelte der Alte. »Denn gehört hat er mich!«

»Wie?«

»Haben Sie nichts vernommen?«

»Nein!«

»Ihr Ohr ist stumpf, Herr Georg. Es ist jemand, vielleicht dreißig Schritte von uns, vorbeigegangen – gewiß nur Henryk – wer anders? – obwohl er sonst nicht so vorsichtig schleicht!«

Ich lauschte, ich konnte nichts vernehmen.

»Jetzt wieder!« murmelte Fedor und faßte meine Hand fester.

Ich hörte noch immer nichts.

»Er ist es doch! Kommen Sie!«

Wir gingen weiter, so rasch, als es das Dunkel und die Taxushecken erlaubten. Fedor unterschied das Gesträuch, ehe es ihm entgegenschlug – mich peitschten die Zweige im Dahineilen. Es war ein schlimmes, unheimliches Umherirren.

Plötzlich blieb ich stehen.

»Was ist das?« rief ich erstaunt. Mitten in der ungeheuren Dunkelheit standen uns jählings, bei einer Wendung des Wegs, drei kleine, golden schimmernde Pünktchen vor den Augen. Eines dicht am Boden, die beiden anderen höher und fast in eins zusammenschwimmend. Es schien, als schwebten sie in den Lüften.

»Das Schloß!« sagte Fedor ruhig. »Die beleuchteten Fenster! Unten brennt der Kandelaber in des Herrn Zimmer, und oben hat die Hexe noch Licht! Die verd— Aber halt!« unterbrach er sich, und seine Stimme sank zu leisem Flüstern. »Hören Sie noch immer nichts?«

Ich hielt den Atem an und lauschte. Und diesmal hörte ich wirklich sehr fern und sehr leise einen rätselhaften Ton: ein Knistern und Rauschen.

»Wie eine Schlange!« flüsterte ich. »Das ist kein Menschentritt!«

»O doch!« gab Fedor noch leiser zurück. »Aber – ich fasse es nicht – ist er denn schon ganz verrückt, daß er bloßfüßig im Garten umherläuft?!«

Im selben Augenblick klang von fern ein Pfiff und das Bellen eines Hundes.

»Das ist Henryk!« sagte Fedor tief aufatmend. »Gott Lob! der Hektor ist bei ihm – da kann ihm nichts zustoßen. Aber – wer ist der andere?«

Mir ging – ich wußte nicht warum – ein kalter Schauer über den Rücken und rührte leise an alle Nervenausläufer der Haut.

»Irgendein Tier«, meinte ich.

»Nein«, flüsterte Fedor, »es schleicht jemand auf nackten Sohlen gegen das Schloß zu – kommen Sie! Aber leise, leise!«

Wir schritten auf die leuchtenden Pünktchen zu, so rasch und so lautlos, als wir vermochten. Dazwischen hielten wir inne und horchten. Aber nur einmal wieder wollte Fedor das Geräusch gehört haben, ich konnte nichts mehr vernehmen.

So waren wir auf vielleicht nur hundert Schritte Entfernung vom Schlosse angelangt. Aber trotzdem konnten wir nichts von dem Mauerwerk unterscheiden, nur die drei erleuchteten Fenster blickten uns entgegen, nicht mehr als Pünktchen, sondern als goldige Flächen – trotz der Nähe ganz klein – denn die Finsternis schmälerte und verschlang eifersüchtig den Lichtschein.

Da brauste mächtig und urplötzlich, wie aus sich selbst geboren, ein Windstoß im Gesträuch, und im selben Augenblick flammte eine ungeheure Lohe über Himmel und Erde, in grellweißem Licht, greifbar nah stand uns das Schloß – dann doppelt finstere Nacht, wieder ein jäher, aber schwächerer Windstoß und endlich ferner, lang anhaltender Donner.

»Das Gewitter! – in einigen Minuten entlädt es sich – kommen –«

Er sprach es nicht zu Ende.

»Miau! Miau!« klang es gellend, langgezogen, wie aus unserer nächsten Nähe, und schnitt ihm das Wort ab.

Das also war der Schleicher auf nackten Sohlen, dachte ich. Und mit dem Gedanken überkam mich überreizten, fiebernden Menschen eine ungeheure, unbezähmbare Lachlust.

»Hahaha!« brach ich los.

»Schweigen Sie!« keuchte mir Fedor ins Ohr und preßte mir die Hand auf den Mund. »Um Christi willen – hören Sie doch nur!«

Ein Fenster klirrte bei heftigem Öffnen – man hörte es ganz deutlich. Es war eins der beiden erleuchteten Fenster im ersten Stockwerk... Mit eisernem Druck umfaßte der Alte meine Hand und zog mich vorwärts – näher heran.

»Miau! Miau!« erklang es wieder in unserer Nähe – der natürlichste Katzenschrei, den man sich denken kann. Und wie ein Echo erklang es von oben, aus dem Fenster – fein, dünn, zärtlich: »Miau, miau!«

Was ist das? hatte ich in höchster Aufregung rufen wollen. Aber die Hand Fedors lag wieder auf meinem Munde und erstickte den Ton.

Oben beugte sich eine Gestalt aus dem Fenster – Aniula.

»Bist du's?« rief sie laut und fröhlich. »Komm nur – die Luft ist rein.«

»Ist niemand wach?« fragte eine gedämpfte Stimme unten.

»Nein! – sie schnarchen alle –«

»Aber mir war's, als ginge jemand im Garten herum?«

»Vielleicht der blasse Narr – der Graf! Aber der kommt dann nicht so bald heim! Ich habe dafür gesorgt, daß ihm der Schlaf vergeht!«

»Kannst du herabkommen?«

»Das Tor ist zu. Aber du hast doch die Stricke?«

»Freilich – warte nur!«

Einen Augenblick Stille, dann ein Hinschleichen auf den Kies und wieder Stille.

»Man entführt sie!« schrie ich auf und suchte mich den Händen des Alten zu entwinden.

Aber er hielt mich, wie man einen Wahnsinnigen hält, und meinen Aufschrei überheulte der Sturmwind, der wieder jählings alles Gesträuch aufwühlte, daß es mit tausend Stimmen rauschte und stöhnte.

»Noch ein Wort«, flüsterte Fedor dumpf, »und ich erwürge Sie, so wahr mir Gott helfe! Wollen Sie verhindern, daß der Teufel aus dem Hause kommt?«

Wieder ein Blitz, länger, greller als die früheren. In seinem taghellen Schein sahen wir, wie sich eine geschmeidige Gestalt an einem Pfeiler des Balkons hinaufwand.

»Ein junger Zigeuner!« murmelte Fedor.

Es war so. Wir sahen zu, wie zuerst ein Krauskopf, dann ein Paar Arme im Lichtkreis des Fensters erschienen. Die Zigeunerin beugte sich vor, umhalste den Emporklimmenden und küßte ihn auf den Mund, daß es bis zu uns hinabschallte.

»Nur zu! So ein Mund schickt sich für dich!« flüsterte Fedor grimmig. Der Bursche hatte sich inzwischen auf das Fensterbrett geschwungen und sprang nun ins Zimmer. Aniula umhalste ihn, aber er schüttelte sie ab und machte sich am Fensterkreuz zu schaffen.

»Er befestigt die Strickleiter!« wisperte mir mein Begleiter zu .

»Es ist der Josel!« seufzte ich.

»Wer? Kennen Sie ihn?«

»Ja! – nein!« stammelte ich – es war beides richtig. Ich hatte den Burschen erkannt, den ich am Tage vor dem Karren gesehen, und vermutete, daß es derselbe sei, von dem Aniula dem Grafen erzählt.

»Ja! – nein!« wiederholte Fedor spöttisch. »Aber wenn es der Antichrist in eigener Person wäre, ich möchte ihm einen Gulden schenken und höflich die Treppe hinableuchten, wenn er sich nur die Braune mitnimmt!«

Das Gewitter kam näher und näher; der Sturm heulte nun ohne Aufhör, immer wilder und schriller, mit grauenhaften Stimmen, die Blitze folgten sich immer dichter und der Donner brüllte dumpf und drohend. Aber wir standen regungslos und schauten empor. Ich weiß nicht, wie lange – vielleicht nur drei Minuten lang – mir waren es ebenso viele Ewigkeiten. Wenn ich heute daran zurückdenke, was ich damals empfand, so ist es mir zumute wie dem Wanderer, der in einen der unheimlichen Wassersprudel der Karpaten hinabblickt. Er steht auf festem Boden, im klaren Sonnenlicht, aber wenn er sich über die gähnende Tiefe beugt, dann betäubt ihn das unheimliche Spiel der dunklen Wasser, die, von rätselhafter Kraft gehoben, emporschäumen und sich überschlagen und deren dumpfes Rauschen klingt wie ein mühsam gedämpftes Klagegeheul...

»Die Elenden!« murmelte Fedor plötzlich und fuhr zusammen. »Diebe, Halunken!«

Die erleuchteten Fenster hatten sich verfinstert. Aber ein drittes, welches daran stieß, ward helle.

»Henryks Schreibzimmer!« stöhnte Fedor. »In der Lade liegen dreihundert Dukaten!«

»Sollen wir Lärm schlagen?«

»Nein!« rief er heftig. »Wir sollen nicht! Und wenn es das ganze Vermögen wäre!... Ah! da sind sie schon!«

Wieder wurden die Fenster des Salons hell. Und nun erschienen die beiden Gestalten am Fenster.

»Sturm!« hörten wir Aniula rufen. »Ein prächtiges Wetter!«

Dann schnallte sie dem Burschen ein großes Bündel um und setzte sich auf das Fensterbrett.

»Zurück!« flüsterte Fedor und zog mich hinter ein Gebüsch. »Der Schein der Blitze könnte uns verraten!«

Oben erlosch die Kerze. Aber das Gewitter gab von Sekunde zu Sekunde grellen Schein. Wir sahen, wie zuerst Aniula an der Strickleiter hinabglitt, dann der Bursche, das Bündel auf dem Rücken, eine Axt in der Hand.

Nun waren sie unten.

»Vorwärts!« rief er. »Der Regen beginnt!«

»Vorwärts!« jauchzte sie.

Wir hörten und sahen die beiden dicht an uns vorbeilaufen, in Nacht und Sturm hinaus.

Die Wolken entluden sich, der Regen stürzte herab in Strömen. Wir trieften binnen wenigen Sekunden vor Nässe. Aber noch standen wir regungslos, wie gebannt...

Da, urplötzlich – hörten wir, mitten durch das Rauschen des Wassers, durch das Dröhnen des Donners einen schrillen, halbverwehten Ton. Er klang so fremd, so unheimlich, daß ich zusammenfuhr.

»Was ist das?« rief ich entsetzt.

Der Ton schwieg und begann dann wieder und währte fort – ein langgezogenes, dumpfes Heulen...

»Der Hund!« schrie Fedor verzweifelt. »Mein Henryk! – Die Zigeuner haben ihn getötet...«

Wir stürmten dem Tore nach, über Stock und Stein, in die furchtbare Sturmnacht hinein. Das Heulen schwieg nur auf Sekunden, dann erklang es immer lauter, immer schauerlicher.

Mir sträubte sich das Haar vor Entsetzen, die Knie wankten unter mir, ich stürzte zusammen und raffte mich doch wieder auf und lief weiter.

»Fedor!« rief ich.

Keine Antwort. Aber nun klang das Heulen ganz nahe. Plötzlich verstummte es und schlug in ein Freudengebell um.

»Fedor!« rief ich wieder.

»Hier bin ich«, sagte er mit lauter, heiserer Stimme. »Und hier liegt auch Henryk – tot – sie haben ihn erschlagen...«

Ein Blitz leuchtete auf – ich sah die Gestalt des Freundes hingestreckt in den Schlamm. Da tat mein Herz noch einige langsame, schwere Schläge – dann stand es still –

Ich schlug zur Erde hin – lautlos, schwer – wie ein gefällter Baum...


 << zurück weiter >>