Karl Emil Franzos
Die Hexe
Karl Emil Franzos

 << zurück weiter >> 

2

... Es war schon Nacht, als wir endlich vor dem Schlosse hielten, einem großen, weißen Hause im Kasernenstil, vor etwa zwanzig Jahren erbaut, nachdem das alte Schloß niedergebrannt. Fedor, der Kammerdiener, auch eine alte Bekanntschaft, öffnete mir den Schlag, im erleuchteten Hausflur aber kam mir Henryk entgegen und wir lagen einander wortlos in den Armen, wie einst unter der Buche – zwei gute, treue Kameraden, als wären die langen zwölf Jahre ein Tag gewesen.

Unsere Augen waren feucht geworden.

»Mensch!« rief Henryk fröhlich, »du siehst aus wie der leibhaftige Marcellinus!«

Aber leider konnte ich ihm nicht so Erfreuliches sagen. Ach! was hatten diese Grisetten und Herzoginnen aus meinem Henryk gemacht! Die Gestalt schlank, aber die Haltung schlaff, die einst so hellen Augen müde und verschleiert, das schöne braune Haar gelichtet..

Er erriet meine Gedanken.

»Lieber Junge«, rief er mit komischem Entsetzen, »du hast doch nicht etwas Moraltheologie oder Kanzelberedsamkeit studiert?! Nur jetzt keine...«

»Predigten«, hatte er wohl sagen wollen. Aber –

»Henryk! Henryk!« klang eine silberhelle Stimme aus dem ersten Stockwerk – fast wie Vogelgezwitscher, »willst du gleich kommen?! Du unausstehlicher Henryk! laß den dummen alten Zauberer, komm!«

Henryk lachte wie toll, und selbst der dumme alte Zauberer mußte lächeln.

»Henryk!« klang es noch einmal. »Aniula langweilt sich, und kommst du nicht zu ihr, so...« Und schnell wie ein Gedanke hüpfte ein leichter Schritt die Treppe hinab, und ein wundersames Wesen lag in Henryks Armen und sah mich an mit großen, glänzenden, erstaunten Augen.

Ein wundersames Wesen – es irrlichtert noch heute vor meinen Augen... Schön wie die Sünde und lasterhaft, toll, sinneberückend wie diese – die schönste Teufelin, die je über diese dunkle Erde gegangen und armen Menschenkindern den Kopf verdreht, eine böse Fee. Wie soll ich sie nur beschreiben? Denkt euch, der größte Maler aller Zeiten hätte als sein wundervollstes Bild die Sinnlichkeit gemalt und in seinen Tinten all' die süße, wilde, jähe Lust zusammengebraut, die nur je in Menschenadern gekocht, und dieses Bild sei plötzlich aus dem Rahmen gesprungen und zucke nun vor euren Augen hin und her... Oder denkt euch, eine flackernde, lodernde Flamme habe plötzlich Fleisch und Blut bekommen und sich in eine Mädchengestalt gewandelt, aber dennoch sehe man ganz deutlich die Flamme und das Lodern und das Flackern... Aber das taugt ja doch alles nichts! Also kurz: es war ein wunderschönes Zigeunermädchen von fünfzehn Jahren.

Janko, der eben mein Gepäck vorübertrug, blinzelte mich fragend an, als wollte er sagen: »Nun – he? – ist das eine Hexe?« Ach! der Mensch war gar nicht so dumm als er aussah! – das war wirklich eine Hexe, und noch dazu der allergefährlichsten eine. Ich spürte das an mir selbst, und mein Henryk – der stak vollends bis über die Ohren im bösen Zauber. Das sah ich an der wilden Glut, mit der er die Braune in seinen Armen auffing und an sich preßte.

Sie wandte den Kopf und sah mich einen Augenblick an – ihr Blick zischte nur so in den meinen. Dann riß sie sich von Henryk los, tanzte einmal, zweimal, dreimal um mich herum, daß es mir zu schwindeln begann, und schrie und lachte wie besessen:

»Hahaha! das will ein Zauberer sein!... hahaha! dick! rot! jung!... hahaha! das ist zu dumm, ich muß dich für deine Dummheit küssen.«

Und jäh sprang sie mich an und küßte mich auf die Lippen, daß es mich glühendheiß überlief. Ich wollte sie halten und – schwups! brannte ihre Hand auf meiner Wange, so fest, daß es mir vor den Augen flimmerte. Und in gleichem Atemzuge hatte Henryk auch seinen Backenstreich und ein Dutzend Küsse auf den Mund dazu, wilde, lange, gierige Küsse, wie ein Vampir Blut trinkt. Und dann fühlte ich plötzlich wieder ihre Lippen auf den meinen und dabei meine beiden Ohren, an denen sie sich festhielt, schmerzhaft zusammengepreßt in ihren kleinen braunen Fäusten. Und husch – fort war sie und lachte vom Treppenabsatz neckisch auf uns herab. Und wir großen, vernünftigen Menschen rannten wie besessen hinter ihr her – die Treppe empor und durch den Korridor, bis wir atemlos in einem kleinen Salon hielten.

Da hockte sie schon in der Mitte auf einem Teppich, auf dem eine Menge halbverwelkter Feldblumen lag.

»Hört ihr«, empfing sie uns, mit dem Stolz und der Würde einer Prinzessin, »ihr setzt euch jeder in einen Winkel auf die Erde; du, Henryk, dorthin und du, Zauberer, neben den Balkon. Augenblicklich!...«

Und wir?

Nun – wir lachten laut, aber – wir gehorchten, gehorchten wie die Schuljungen und hockten jeder in die angewiesene Ecke hin. Es war komisch, täppisch, unmännlich, aber – wir mußten's tun. Ich weiß selbst nicht – warum? Ich wußt' es damals nicht und weiß es heute noch weniger.

Die Hexe schien sich nun nicht weiter um uns zu bekümmern. Sie sah uns an und nickte befriedigt, musterte dann die Verwüstung im Salon und nickte nochmals. Und dann begann sie plötzlich leise zu singen und wand dabei aus den Blumen einen Kranz.

Ich weiß nicht, wie wir aussahen, aber mit dem, was sie aus dem Salon gemacht, konnte dieses wunderschöne, nichtsnutzige Ding wirklich zufrieden sein. Da sah's gerade so aus, als wären unsere alten Feinde, die Tataren, wieder einmal nach Podolien gekommen und hätten just hier acht Tage lang gehaust. Der eine Spiegel war zerbrochen, und über den anderen hing ein mitten durchgerissenes Damasttuch – »ich weiß ja ohne das Glas, daß ich schön bin«, lachte die Teufelin. Das Madonnenbild, eine schöne Kopie der Sixtina, hatte einen Zwickelbart von Kohle, hingegen trug der heilige Joseph gegenüber eine Haube. Die Sessel lagen am Boden oder hinkten auf drei Beinen, ein Tischchen mit wunderschöner, eingelegter Arbeit war auf das Mutwilligste zerhackt, und aus den Kissen des Sofas quoll das Roßhaar hervor. Und die Balkontüre neben mir hatte lauter zerbrochene Scheiben.

Ich fragte demütig um den Grund.

»Weil das Türöffnen langweilig ist«, erwiderte sie lachend. »Frische Luft – ich will immer frische Luft. Übrigens – still, Zauberer! Sei artig, dann darfst du herkommen. Du auch, Henryk! – hieher!« Wir setzten uns neben sie. Und nun spielte sie eine Weile mit unseren Köpfen, wie sie mit den Blumen gespielt. Jetzt küßte sie Henryk und schlug mich, dann bewarf sie mich mit Blumen und brannte jenen mit Nesseln. Man konnte sich kaum etwas Wilderes, Schöneres, Abscheulicheres denken. Dann sprang sie plötzlich auf und begann im Zimmer umherzutanzen. Bei jedem Schritte richtete sie irgend ein kleines Unheil an. Der schönen Kosciuszkobüste in der einen Ecke hieb sie den Kopf ab – »weil ich keinen alten Herrn leiden kann«. Und gewiß hätte auch den Mickiewicz in der anderen Ecke dasselbe Schicksal erreicht. Schon holte sie zum Schlage aus, da ermannte ich mich und trat dazwischen:

»Halt! den rührst du nicht an!«

»Warum, Zauberer?!« blitzte sie mich an.

»Weil der selbst einer der größten Zauberer ist«, erwiderte ich furchtbar ernst. Und log ich denn – bezaubert Adam Mickiewicz nicht in der Tat jeden, der ihn kennt?! »Wenn du den anrührst, so wirst du augenblicklich eine Katze!«

Sie lachte toll auf – diese Aussicht schien ihr außerordentlich ergötzlich.

»Miau! Miau!« machte sie wie ein junges Kätzchen und fuhr sich mit den Pfötchen anmutig über das Gesicht und wand sich, beängstigend nahe, an mich heran. »Miau! Miau!...« mir bangte um mein glattes Gesicht.

Da, horch! ein wahrhaftiger schriller Katzenschrei aus dem Garten. »Miau! Miau!« erklang es laut und gellend in langgezogenen Tönen, wie ein verstärktes, mißtöniges Echo.

Aniula ließ die Arme sinken und taumelte förmlich zurück. Sie war sehr blaß geworden, ihre Glieder bebten, sie warf aus halbgeschlossenen Augen einen Seitenblick nach dem Fenster und sah uns dann scheu und furchtsam an.

Die Veränderung war so sichtlich, daß sie selbst dem liebeblinden Henryk auffiel.

»Was hast du nur?« fragte er zärtlich.

»Miau! Miau!« erklang es noch einmal gellend. Und mit kühnem Satze sprang durch die zerbrochene Scheibe ein großer schwarzer Kater auf den Teppich und blickte uns an, rauchend, hochgebuckelt, mit gesträubtem Schwanze.

»Heisa!« Die Braune machte einen Luftsprung; ihre Augen leuchteten wild auf »Heisa! – du bist's! Na – warte!« Sie stürzte auf das Tier zu. »Gestern hab' ich dir den Schwanz eingeklemmt, heut reiß' ich dir den Kopf ab. Komm nur – liebes, liebes Tierchen, du süßes Herzchen, komm!« Aber das schwarze häßliche Tier zeigte keine Lust dazu. Im Gegenteil – mit einem Satze war es am Fenster und verschwand in die Nacht.

»Ihr holt mir das Tier!« Ihre Augen flammten, sie streckte die Hand gebieterisch gegen uns. »Und wenn ihr die ganze Nacht suchen müßt! Auf! – gleich! – ich will's. Durchsucht den Garten! hei! – den Kater her.«

Und Henryk, der stolze Henryk, Henryk Graf Kornicki wollte sich schon erheben und ich – hm! – ich auch! Aber Aniula wurde nachdenklich und warf wieder einen sonderbaren, scheuen Seitenblick hinaus.

»Nein! – ich – ich bin müde.« Und plötzlich saß sie auf Henryks Knie und legte das Köpfchen an seine Brust und schloß die Augen und zwitscherte so leise zwischen den schwellenden, halbgeöffneten Lippen hervor: »Aniula ist so müde. Aniula will schlafen... Der Henryk wird jetzt gehen!« Sie sprach immer langsamer, sie schien in seinen Armen einzuschlafen. »Geh – wenn ich dich – wieder küssen will – so werd' ich – dich – rufen.«

»Laß uns noch eine Weile bei dir bleiben«, bat er und drückte sie wild an sich.

Ihre Zähne schimmerten – oh! – wie sie lächelte, so sanft, so süß! Aber sie erwiderte nichts mehr, in sanften, gleichmäßigen Atemzügen hob und senkte sich der junge Busen. Er ließ sie vorsichtig aus seinen Armen gleiten und gab mir einen Wink – wir schlichen leise hinaus. Als wir wieder auf dem Korridor standen, da atmeten wir tief auf, als erwachten wir aus einem Traume.

Er fuhr sich über die Stirne.

»Es ist eigentlich gut, daß sie uns fortgejagt hat. Ich hätte sonst ganz vergessen, daß du hungrig und müde bist. Komm – unser Souper wird kalt geworden sein!«

Und er führte mich in den anderen Flügel, in einen kleinen Salon desselben Stockwerks, wo wirklich Fedor neben einem gedeckten Tische auf uns wartete.

Wir sprachen zuerst wenig – so einiges von unseren Schicksalen. Aber es war kein rechtes Leben in der Unterhaltung, wir dachten ja doch immer an etwas anderes. Nach dem Speisen aber, als die Zigarren glühten und der Champagner in den spitzen Glaskelchen schäumte und wir noch einmal anklangen auf die alte, ewig neue Freundschaft, da begann ich ernst:

»Und eben, weil ich dein Freund bin – Mensch, was hast du dir da für eine Bescherung ins Haus gesetzt?«

Er zuckte zuerst die Achseln und lachte halblaut, so recht frivol. Dann aber wurde auch er sehr ernst.

»Was willst du? Sie ist mein größtes Glück und meine größte Plage! Aber ich kann ohne das Glück nicht mehr leben, absolut nicht, eher ohne Luft. Also muß ich auch die Plage geduldig ertragen!« Aber trotz dieser Philosophie seufzte er doch tief auf.

»Aber du kennst sie ja kaum!«

»O – seit drei Tagen schon. Da reite ich Montag frühmorgens aus – mein Fedor, das gute alte Weib, warnt vor dem unglücklichen Tag, aber ich lache ihn aus und sprenge so mit verhängten Zügeln ins Land hinein – gegen Chorostkow zu. Die Sonne scheint und die Vögel singen und die Luft geht frisch – ein prächtiger Sommermorgen, für mich fast eine große, wunderbare Neuigkeit – in Paris vergißt man ja, daß jeder Tag auch einen Morgen hat. Und dabei geht es mir auch durchs Herz, wie lange ich fortgeblieben bin, und ich erinnere mich der Kindheit, und auch an dich hab' ich dabei gedacht – auf Ehre! – auch an dich! Kurz – ich bin so ein bißchen wehmütig und doch sehr lustig, so recht in der Stimmung, daß mich nichts überrascht und nichts langweilt. So komme ich zu den Zigeunereichen und sieh! da liegt das schöne braune Ding im Grase und schläft im Schatten, und die Sonnenstrahlen huschen ihm so leise um Brust und Antlitz. Ich reite nahe heran – sie erwacht nicht oder vielleicht – sie will nicht erwachen. Ich springe vom Pferde und beuge mich über sie, sie schläft fort. Ich breche einen Grashalm und fahre ihr damit um Mund und Nase. Da beginnt das Gesicht zu zucken, und plötzlich fährt sie auf und lacht toll drauf los – freilich war sie schon früher wach, die Schelmin! Und dabei streicht sie sich die Haare zurück und blinzelt mich an.

›Was tust du da?‹ frag' ich.

›Was? – übernachtet hab' ich.‹

›Hier?‹

›Natürlich!‹ Und mit einer Miene, als würde sie mich in ihrem Palast empfangen, sagt sie weiter: ›Hier ist meine Wohnung!‹

›Immer?‹

›Ach! immer!... gestern – heute – vielleicht morgen!‹

›So, und wovon lebst du?‹

›Gestern hab' ich mit meiner Bande gegessen, und heute‹ – sie legt das Köpfchen auf die Achsel und blickt mir von unten herauf in die Augen und streckt die hübsche, schrecklich schmutzige Hand aus – ›heute schenkst du mir was, schöner Panicz (Jungherr)!‹ – Ich ziehe meine Börse hervor – ihre Augen glühen vor Freude und Habgier – und schenke ihr einen Zwanziger. – ›Noch einen!‹ bettelt sie – ich geb' ihn.

›Wo ist denn heute deine Bande?‹

›Das weiß ich nicht‹, erwidert sie gleichgültig, ›wahrscheinlich dort in der Stadt.‹

›Warum bist du allein fort?‹ frag' ich.

›Ich hab's ja nicht gewollt‹, erwiderte sie, ›ich hab' mich so verloren – ich weiß selbst nicht wie – in Biala. Die anderen haben im Dorf gearbeitet, aber ich war zu faul und bin ins Getreide gegangen und bin da eingeschlafen. Und wie ich erwache, ist schon Dämmerung, und wie ich ins Dorf komme – hei! fort sind sie – wer weiß wohin?! Da bin ich hierher gegangen – über die Felder – im Mondschein. Hierher kommen sie gewiß – heute noch.‹

›Wer sind denn die anderen?‹ frag' ich weiter

›Wer? – der alte Andrasch und sein Weib, die Marinka, und dann ist noch ein Bursch dabei, der Josel, und dann die Kinder.‹

›Und wovon lebt ihr?‹

›Von den Bauern‹, erwidert sie. Ich muß laut lachen, dann sag' ich:

›Gut – aber wofür gebens euch denn die Bauern?‹

›Wofür?! Sie müssen ja – die Tölpel!‹ Sie sieht mich trotzig an. ›Sie sollen's nur versuchen und nicht geben! Übrigens – wir arbeiten ja auch in den Dörfern.‹

›So – auf dem Felde?‹

›Ach – was!‹ Sie zuckt verächtlich die Achseln. ›Dazu sind ja diese Bauern da! Nein – wir arbeiten in unserer Art – zigeunerisch.‹

›Das mag eine saubere Arbeit sein‹, lachte ich. ›Ihr stehlet alle!‹

›Nicht alle!‹ erwidert sie ganz gleichmütig. ›Nur der Josel stiehlt. Oh! er ist sehr geschickt! Aber der Andrasch, der ist ein Schmied, der beschlägt die Pferde und bessert die Pflüge, die Kessel und die Sensen aus, die Marinka, die wahrsagt und verkauft, was der Josel gestohlen hat, die Kinder betteln und ich –‹

›Und du?‹

›Nun, ich tanze vor den Gutsherren oder in der Schenke – das heißt, wenn reiche Bauern da sind. Wahrsagen kann ich aber auch –‹

›Und stehlen auch‹, falle ich ein.

›Ja!‹ – ganz ernst! – ›stehlen und dann verkaufe ich auch Liebestränke und Hexenmittel, denn ich kann sehr gut hexen‹, schließt sie sehr selbstbewußt.

›Nun, dann behexe einmal mich!‹

›Meinetwegen‹, sagt sie und reißt mir drei Haare aus und spricht allerlei dummes Zeug über sie und verbirgt sie dann an ihrem Busen. Aber – der Hokuspokus war gar nicht notwendig – ich versichere dich, behext bin ich schon von Anfang an gewesen. Und darum bitt' ich sie: ›Komm aufs Schloß!‹ und sie weigert sich nicht, und ich nehme sie vor mich aufs Pferd und wir sprengen gegen Gonisko. Rechts und links bleiben die Leute stehen und sehen uns starr nach, wie – weißt du – wie das neugierige Weib jenes alten Juden in der Bibel. Vor dem Tore aber befiehlt sie mir abzusteigen, und sie bleibt majestätisch oben, und richtig muß ich die Zügel ergreifen und sie wie ein Diener in den Schloßhof führen, wie so ein Page aus dem Mittelalter. Du – das Gesicht meiner Leute – unbeschreiblich! Das war der Anfang.«

»Recht heiter«, sagte ich. »Wie aber wird das Ende sein?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte er leise. »Sie hat schon heute gesagt: ›Die Mauern drücken mir auf die Brust!‹ Wenn sie heimlich entwiche... Aber«, schrie er dann plötzlich auf, »sie darf nicht fort, sie darf nicht – ich werde sonst wahnsinnig... So hab' ich noch kein Weib geliebt – ich bin ja toll vor Liebe.«

»Vor Begierde«, verbesserte ich. »Derlei Liebe zu nennen, wäre Sünde.«

»O du kluger, kluger Philosoph!... Aber gleichviel – ich muß sie halten! Gibt es kein anderes Mittel, so heirate ich sie.«

»Henryk!« rief ich wahrhaft erschreckt – »du faselst – dieses Geschöpf...«

Er lachte bitter.

»Ja – so seid ihr alle... alle! Bierphilister, trotz der Lieder und der Narrenmützen! Wenn in einer Novelle ein König mit einer Hirtin zusammengekuppelt wird, so klatscht ihr Beifall – 's ist ja romantisch, 's ist ja demokratisch! Aber im Leben – ja, Bauer, das ist etwas anderes! O wie –«

»Henryk –«

»Laß mich – hör mich an. Ich gebe dir mein Ehrenwort als Mann, als Pole, als Kavalier: Ich bin entschlossen, sie zu heiraten. Ich nehme sie mit nach Paris, da entläuft sie mir nicht...«

»Mensch!« beschwor ich ihn. »Das wäre ja Selbstmord. Mißversteh mich nicht. Heirate meinetwegen eine Bettlerin – doch deiner Achtung muß sie wert sein. Aber dieses Geschöpf, welches jeden gleich küßt, dieses Geschöpf, an dem nichts ist als das bißchen Glut und Schönheit, dieses Geschöpf, welches eigentlich...«

Er sah mich spöttisch lächelnd an, ich stockte.

»Nun – welches eigentlich?«

»Welches dir gewiß nur zu deinem Unheil in den Weg gelaufen ist«, lenkte ich ab. Ich weiß nicht – sein Blick genierte mich.

»Da kannst du Recht haben«, bestätigte er. »Aber im übrigen?! – warum hast du, du überaus kühler, überaus vernünftiger Mensch, auf einen Wink ihrer Augen tausend Narrheiten getan? Oder gehört es sonst zu den Gewohnheiten junger deutscher Gelehrter, auf der Erde zu hocken, sich ohrfeigen zu lassen und schwarze Kater zu fangen?! Ei – so antworte doch, mein Lieber, warum? Ich«, fügte er fast grausam hinzu, »habe doch wenigstens zur Plage das Glück...«

»Ich beneide dich nicht«, erwiderte ich lächelnd. Aber ich mußte mich mühsam zu diesem Lächeln zwingen. Ich log – ich beneidete ihn ganz entsetzlich.

Er war offenherziger.

»Ich aber beneide dich«, brach er los. »Ich beneide dich um jeden Blick, um jeden Kuß – hörst du? – ich beneide dich um jeden Schlag von ihrer Hand...«

Ich erwiderte nichts. Dieser Mensch war mir ein Rätsel, ich war mir ein Rätsel – mir wirbelte das Hirn...

In ihm mochte ähnliches vorgehen; er schwieg und vermied es, mich anzusehen.

»Aber – beim allerschwärzesten Höllenhund!« brach ich endlich los, »beim allerschwärzesten Höllenhund, wie unser Marcellinus zu sagen pflegte – wir sind ja die größten Narren unter dem Monde – reif für die Zwangsjacke! Nach zwölf Jahren treffen wir zusammen, und das sind unsere Gespräche, das unsere Freundschaft! Und das alles um eine Zigeunerin! Wir sind ja behext!«

Ich sprach sehr laut, um mir selber Mut zu machen, und besonders das Nachfolgende schrie ich förmlich, denn ich glaubte es selbst nicht.

»Henryk – umsonst sollst du mich nicht zum Hexenmeister ernannt haben – ich versichere dich! – umsonst nicht! Ich kuriere dich und mich! Wir sind närrisch, wir wissen, daß wir närrisch sind und sollten's dennoch auf die Dauer bleiben?! Ich bitte dich – das ist ja unmöglich!«

»Wir wollen sehen«, sagte Henryk mit trübem Lächeln und drückte mir die Hand.

»Gute Nacht, Henryk!«

»Gute Nacht, Georg!«


 << zurück weiter >>