Karl Emil Franzos
Aus der großen Ebene
Karl Emil Franzos

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Vorwort

Den beiden Sammlungen von Kulturbildern aus dem östlichen Europa, welche ich unter dem Titel »Aus Halb-Asien« und »Vom Don zur Donau« habe erscheinen lassen, schließt sich das vorliegende Werk in gewissem Sinne als eine Fortsetzung und Ergänzung an. Es setzt bei dem Leser nicht die Kenntniß jener beiden ersten Werke voraus und darf als völlig selbstständig und in sich abgeschlossen gelten, da es fast durchweg andere Erscheinungen aus dem eigenthümlichen Leben jener Länder und Völker vorführt; auch in der Art der Behandlung wird ein Unterschied wahrnehmbar sein. Das Stoffgebiet im Ganzen und Großen aber ist dasselbe, und ebenso wird man das gleiche Gesammturtheil wiederfinden, welches ich dort über jenes sonderbare Gemisch von Kultur und Barbarei abgegeben.

Dies Letztere zu betonen, erscheint mir schon mit Rücksicht auf den langen Zeitraum, welcher dies Buch von seinen Vorgängern trennt, nicht überflüssig. »Aus Halb-Asien« ist zuerst vor zwölf, »Vom Don zur Donau« vor elf Jahren erschienen. Wohl liegt zwischen der Entstehung der einzelnen Aufsätze, welche diese beiden Sammlungen enthielten, und jener des vorliegenden Werkes kein gleich großer Abstand; dieselben sind (ich habe die Jahreszahlen der ersten Veröffentlichung beigefügt) zum größeren Theile im vorigen Jahrzehnt, nur einige seither geschrieben, aber ich sammle sie eben deshalb in Buchform, weil ich sie auch heute noch vertreten kann. Nun sind zwölf Jahre eine lange Frist, besonders wenn sie sich zwischen das Erstlingswerk eines jungen Schriftstellers und ein Buch seiner reifen Mannesjahre legen, und es ist beinahe undenkbar, daß sich nicht während dieser Jahre seine Anschauungen vielfach vertieft, gemildert oder verschärft hätten. Dies ist, wie bei Jedermann, auch bei mir der Fall gewesen, und insbesondere wird mir hoffentlich keine einsichtige Prüfung das Zeugniß versagen, daß ich mich noch sorglicher als bisher gemüht, gerecht zu urtheilen und mein Urtheil zu begründen. Aber meine Anschauungen über Wesen und Werth der Kultur, meine Ueberzeugung, welche Entwicklung und Strömung im Volksleben nützlich und löblich, welche schädlich und verdammenswerth ist, haben sich nicht wandeln können, und weil sich die Zustände des Ostens im Laufe des letzten Jahrzehnts nicht erheblich verändert haben, so hat auch mein Urtheil dasselbe bleiben müssen und ich habe von jenen Worten, welche ich im Herbst 1877 im Vorwort zur Sammlung »Vom Don zur Donau« schrieb, auch jetzt nichts hinwegzunehmen:

»Ich kann die Zustände des Ostens weder an sich erfreulich finden, noch scheinen sie mir für die nächste Zukunft zu frohen Hoffnungen zu berechtigen. Theils sind sie noch völlig barbarisch, theils durch eine Scheinkultur modifizirt, welche an den inneren Kern des Volksthums nicht rührt und vielfach weitaus mehr schadet als nützt. Zu einem organischen Fortschritt, zu einer Herausbildung nationaler Kulturen sind theils gar keine, theils nur sehr dürftige Keime zu gewahren. Kultur und Fortschritt sind eben nur durch ernste Arbeit zu erreichen. Diese Arbeit muß begonnen werden und darf, wo sie begonnen ist, weder in's Stocken gerathen, noch überhastet werden. Soll sie gelingen, so müssen vor allem zwei Vorbedingungen erfüllt sein: Erstens dürfen sich diese Völker westlicher Kultur nicht hochmüthig verschließen, aber sie dürfen auch nicht den Schein für das Sein nehmen und glauben, daß mit einer Nachäffung bloßer Formen Alles erreicht ist, sie müssen den Einfluß einer echten, großen Bildung auf sich wirken lassen, aber nur dazu, um ihre eigene schlummernde Kraft anzuregen und wachzurufen. Die deutsche Kultur scheint mir durch ihre Gründlichkeit und Selbstlosigkeit zu dieser Segensmission vor Allem berufen und darum kämpfe ich dafür, daß sich der slavisch-rumänisch-jüdische Osten zu seinem eigenen Heil dem Einfluß des deutschen Volkes nicht entziehe. Zweitens aber kann Kulturarbeit nur da glücken, wo Friede herrscht, darum kämpfe ich für die Gleichberechtigung der Nationalitäten und Religionen jenseits der Karpathen, darum stehe ich gegen die Unterdrücker für die Bedrückten. Ich bekämpfe den Druck, welchen die Russen auf die Kleinrussen und Polen üben, aber wo die Polen, wie dies in Galizien der Fall, ein Gleiches thun, da kämpfe ich gegen den Druck, welchen sie den Kleinrussen, Juden und Deutschen auferlegen. Ich trete für die Juden ein, weil sie geknechtet sind, aber ich greife die Knechtschaft an, welche die orthodoxen Juden selbst den Freisinnigen ihres Glaubens bereiten. Ich bin für den berechtigten Einfluß des deutschen Geistes im Osten, aber wo in seinem Namen gewaltsame Germanisirung versucht wurde, da geißele ich diese verhängnißvollen Bestrebungen.« Und wiederholen darf ich auch heute noch, was ich vor elf Jahren des ferneren ausführte, daß ich mich frei weiß von jeglichem nationalen oder religiösen Vorurtheil und, um nur ein Beispiel anzuführen, gewiß lediglich die ungerechte Hegemonie der galizischen Polen, nicht aber die Polen als Nation bekämpfe.

Auch hinzuzufügen ist nicht viel, namentlich nicht viel Erfreuliches. Rußland und die Balkanländer stehen vielleicht nicht einmal materiell, geschweige denn kulturell höher und gefesteter da, als nach dem Berliner Congreß; in Rumänien haben sich die Zustände nur um ein Weniges stabilisirt und gehoben; Galizien aber bietet heute ein noch betrüblicheres Bild, als vor einem Jahrzehnt, weil der Rassen- und Glaubenshaß sich noch gemehrt hat und der Einfluß der deutschen Kultur, welche erziehend und vermittelnd wirkte, in stetem Sinken begriffen ist.

Dies Letztere ist leider eine in allen Ländern des europäischen Ostens immer deutlicher hervortretende und im wahren Interesse dieser Länder kaum genug zu beklagende Erscheinung. Zwei Umstände waren es, welche einst die Einwirkung des deutschen Geistes auf die Kulturentwicklung Halb-Asiens ermöglicht und gesichert haben. Erstlich eine gewisse Sympathie für das Volk der Dichter und Denker, welche ebenso in der Anerkennung der Vorzüge des idealen deutschen Geistes, wie in einem gewissen Mitleid mit unserer politischen Ohnmacht ihren Grund hatte. Wir boten keinerlei Anlaß zu Furcht und Neid, im Gegentheil konnten sich die Halbbarbaren, wenn sie deutsche Lehrer, Aerzte, Ingenieure, Handwerker u.s.w. beriefen und dadurch das Uebergewicht des deutschen Volkes auf allen Gebieten menschlichen Schaffens anerkannten, durch billigen Spott über die »Nation von Ideologen« schadlos halten. Seit 1870 ist dies anders; begründeter Neid auf Deutschlands Größe und grundlose Furcht vor seiner Eroberungslust und Herrschsucht haben die Sympathie in Haß gewandelt; wo sich der Deutsche entbehren läßt, wird er verdrängt, wo er unentbehrlich ist, nach Kräften behindert und gedemüthigt. Man hat sich vor fünfzehn, vor zehn Jahren über diese Erscheinung damit getröstet, daß sie ja vernünftigerweise bald vorübergehen müsse; sie ist aber in steter Zunahme begriffen und der Deutschenhaß im Osten zu einer geistigen Krankheit geworden, deren Ende nicht abzusehen ist. Nun, wir Deutschen haben zwar sicherlich auch keinen Grund, uns dieser Strömung zu freuen, aber uns bleibt der doppelte Trost, diesen Haß nur eben unseren politischen Erfolgen zu verdanken und andererseits seine Consequenzen im Ganzen doch recht wohl ertragen zu können. Für Halb-Asien aber bedeutet die feindselige Ablehnung der deutschen Kultur einen unermeßlichen, auf Menschenalter hinaus wirkenden und in absehbarer Zeit nicht gutzumachenden Schaden. Sie verschuldet jene beiden Extreme, von denen kaum zu sagen ist, welches gefährlicher und thörichter ist: den blinden, unbedingten, haltlosen Anschluß an die Formen französischen Wesens, – und das Auftauchen der »autochthonen«, »ur-nationalen«, keines fremden Einflusses bedürftigen »Kultur«, mit welcher z.B. die Aksakow und Nachfolger Rußland beglücken möchten. Die Einen wollen um jeden Preis Pariser werden und die Anderen Barbaren bleiben – das langsame Heranreifen nationaler Kulturen unter der Aegide des deutschen Geistes, welcher sich gerade im Osten zumeist als selbstlos erwiesen, erscheint überall unterbrochen.

Aber auch jener zweite Umstand, welcher einst den deutschen Einfluß im Osten begründet, hat sich in sein Gegentheil gewandelt: die innere Politik Oesterreichs. Die seit 1879 herrschende »Versöhnungs«-Aera hat überall einen selbst in diesem unglücklichen Staate unerhörten Hader der Nationalitäten herbeigeführt, mit den schlimmsten auch in Galizien und der Bukowina. Das Deutschthum, im Westen schwer bedrängt, liegt im Osten völlig zu Boden; jene edle Saat, welche der größte Habsburger, Josef II., ausgestreut und die auch seine nächsten Erben nie ganz vernachlässigt, wird heute zerstampft und zernichtet, während das Unkraut frech und fröhlich emporschießt. Kein Zweifel, der Traum vom deutschen Kulturstaat Oesterreich scheint wirklich zu Ende. Hoffentlich scheint dies nur so, denn ein Verharren auf den bisherigen Bahnen würde das altehrwürdige, im Interesse Europas notwendige Staatswesen zur Ohnmacht, wenn nicht zu schlimmerem Geschick führen. Eben deßhalb haben wir Deutschen in- und außerhalb der schwarzgelben Grenzpfähle vollen Grund, die Taaffe'sche Politik zu bekämpfen, so weit uns die Kraft reicht. Man hört in Deutschland zuweilen äußern, das sei ein innerer Streit, welcher das reichsdeutsche Interesse nicht berühre: die äußere Politik sei eine tadellose und das genüge. Es genügt nicht; eine Politik, welche nach Außen als Bundesgenosse Deutschlands auftritt und im Innern das Deutschthum befehdet, krankt an einem Widerspruch, der sich früher oder später – möglicher Weise in einem sehr verhängnißvollen Augenblick – aus der Theorie in die Praxis übersetzen kann, und selbst wer dies leugnen wollte, muß zugeben, daß der Föderalismus die Kraft und Macht des verbündeten Staates schwächt. Stellt man sich vollends, was wir Deutsch-Oesterreicher von den Reichsdeutschen wohl fordern dürfen, auf den nationalen Standpunkt – wie werden Einem dann die heutigen Geschehnisse in Oesterreich erscheinen! Darüber auch noch des Weiteren zu sprechen, ist wahrlich überflüssig; wohl aber darf gefragt werden, wem diese Politik eigentlich dauernden Nutzen bringen kann. Den Deutschen sicherlich nicht, dem Staate ebenso wenig; und sind die Siege der Czechen, Polen und Slovenen nicht wahre Pyrrussiege, da sie ja auf Kosten der Kraft und Widerstandsfähigkeit jenes Reichs errungen werden, das allein im Stande ist, sie vor ihrem schlimmsten und gefährlichsten Feinde, dem Moskowitismus, zu bewahren?! Den schwersten Schaden aber erleidet heute weder Oesterreich, noch das Deutschthum, sondern die Kultur. So lange Galizien und die Bukowina im Sinne des Josefinismus von deutschen Beamten verwaltet wurden, herrschte Friede im Lande, Friede in nationalen und Glaubensfragen; der Wohlstand begann emporzukeimen; Gerichts- und Schulwesen standen auf derselben Höhe, wie im westlichen Oesterreich; der Pole, der Ruthene und Rumäne konnten, da Wind und Sonne unparteiisch zwischen ihnen getheilt waren, in friedlichem Wettstreit, vom deutschen Vorbilde angeeifert und geleitet, an der Entwicklung ihres geistigen Lebens arbeiten, der Jude sich der deutschen Kultur ausschließen. Wie anders heute! Die »polnische Wirthschaft« hat die materielle Lage verschlechtert; die Gerichte sind – eine offenkundige Thatsache! – zum beträchtlichen Theil corrumpirt; die nationalen Schulen schlecht oder mittelmäßig. Wenn es nun schon für den Polen ein fragwürdiger Profit bleibt, lieber von polnischen Lehrern einen mittelmäßigen, als von deutschen einen gediegenen Unterricht zu erhalten, und lieber im Schneckengange durch ein polnisches, als rasch durch ein deutsches Urtheil zu seinem Recht zu gelangen – was sollte vollends den Ruthenen und den Juden über diese Polonisirung trösten? Der Deutsche stand ihm unbefangen gegenüber und tastete an seine Nationalität nicht, der Pole ist sein nationaler Todfeind! Und wie viel Kraft, die sonst trefflich genützt werden könnte, verschlingt der wüste Glaubens- und Nationalitäten-Hader, der nun das Land durchtobt! .... Noch ist in der Bukowina die Sachlage etwas besser, aber auch dort hat die »Versöhnung« bereits recht bedenkliche Erfolge aufzuweisen. Schon stehen Rumänen und Ruthenen einander feindlich gegenüber; das Deutschthum, bisher das vermittelnde Element, wird nun von beiden Seiten befehdet, das Polenthum gewinnt an Einfluß und schon liegen sich in demselben Ländchen, welches noch vor zwölf Jahren ein Eldorado der unbedingtesten Toleranz gewesen, die Confessionen in den Haaren. Die deutschen Gymnasien der Bukowina waren einst Musteranstalten, denen die Schüler aus allen benachbarten Ländern zuströmten, heute ist ihr Ruhm verblichen. Und was hätte die deutsche Universität Czernowitz für den gesammten Osten bedeuten können, während sie jetzt, von der Regierung als Stiefkind betrachtet und auf das Kärglichste ausgestattet, ein armseliges Dasein fristet! Nur mit Wehmuth kann ich mich der Tage ihrer Gründung erinnern oder jene Blätter lesen, die ich in meinem Buche »Aus Halb-Asien« ihr und ihrer Kulturmission gewidmet.

Gewiß, es wird Einem nicht fröhlich zu Muthe, wenn man sich dessen erinnert, wie die Dinge im Osten hätten kommen können und wie sie nun gekommen sind. Wir Alle, die wir an Österreich und seinen Kulturberuf im Osten geglaubt, und, Jeder an seiner Stelle und nach seiner Kraft, für denselben gekämpft, vermögen kaum ein Gefühl der Bitterkeit zu überwinden. Muthlos aber wollen wir nicht werden und den Kampf nicht aufgeben. Wir haben Schlachten verloren, nicht den Krieg. Man hat Österreich nicht umsonst das Land der Unwahrscheinlichkeit genannt; hat dieser Staat plötzlich und zu einer Zeit, da dies Niemand für möglich gehalten hätte, das Deutschthum im Osten und seine eigenen besten Interessen preisgegeben, so ist es möglich, daß sich ebenso plötzlich und zu einer Zeit, da dies nur Wenige mehr zu hoffen wagen, ein Umschwung vollzieht. Tritt derselbe nicht ein, bleiben die Polen und Rumänen Sieger und verschütten sie nun den Born der Bildung, aus dem sie sich Kraft getrunken, so wird uns der Trost bleiben, unsere Pflicht treulich bis zum Letzten gethan zu haben. Und wenn im »Exoriare aliquis...« etwa auch ein Trost steckt, so wird uns auch dieser nicht fehlen – gewiß nicht!

Noch ruhiger und zuversichtlicher sehe ich der Lösung einer anderen Kulturfrage des Ostens entgegen, mit welcher sich die vorliegende Sammlung in einer Reihe von Aufsätzen beschäftigt; ich meine die Judenfrage. Wie ich darüber denke, sagt dies Buch, namentlich der Essay: »Ein Befreier des Judenthums.« Und mag der Antisemitismus zeitweise noch so wüst emporflackern, im Westen wird er die vollständige Assimilirung der Juden nicht mehr zu hindern vermögen; die Zeit, wo man nicht mehr von deutschen, englischen oder französischen Juden, sondern jüdischen Deutschen, Engländern und Franzosen sprechen wird, wie man von katholischen und evangelischen Deutschen spricht, und genau nur in demselben Sinne, wie von diesen, wird kommen. Und gleich unerschütterlich ist meine Ueberzeugung, daß auch im Osten aus dem nationalen Juden dereinst ein gleichberechtigter und treuer Sohn jenes Volkes werden wird, unter dem er lebt und dem er sich anschließt. Welche Hindernisse sich diesem Endziel entgegenthürmen, verkenne ich nicht; es wird Jahrhunderte währen, bis es erreicht ist, aber erreicht wird es werden. Denn die Judenfrage ist lediglich eine Kulturfrage; sie hört auf eine Frage zu sein, sobald die Kultur zum vollen Siege gelangt ist. »Jedes Land hat die Juden, die es verdient«; so lange der Jude wie ein Paria behandelt wird, müssen in seinem Wesen einige Züge hervortreten, wie sie eine unterdrückte und mißhandelte Rasse im Kampfe um's Dasein entwickelt; aus den Juden gute und nützliche Staatsbürger zu machen, ist nicht etwa blos ein Gebot der Humanität oder der Gerechtigkeit, sondern noch weit mehr ein Gebot der Staatsklugheit; human, gerecht, staatsklug können Barbaren oder Halbbarbaren nicht handeln. Aber auch noch in anderem Sinne muß jenes Wort als ein Mahnwort gelten; der Jude ist bildungsfähig und kann bis zu einem gewissen Grade aus eigener Kraft fortschreiten; die rechte Kraft und der rechte Fortschritt kommen ihm nur aus der Kultur des Volkes, unter dem er lebt. Die Zustände des östlichen Judenthums lassen sich nur dann recht begreifen und gerecht beurtheilen, wenn man sie im Zusammenhange mit der gesammten Kultur-Entwicklung Halb-Asiens betrachtet. Wie diese im Allgemeinen keine erfreuliche ist, so ist auch über diese spezielle Frage aus letzter Zeit nicht viel Tröstliches zu berichten. Daß der Einfluß des deutschen Geistes im Osten eine so erhebliche Abschwächung erfahren, wirkt auch auf den Fortschritt der Juden in Galizien und der Bukowina höchst ungünstig ein. Wie corrumpirt auch ihr Jargon ist, so ist er doch ein deutscher Jargon und die Aneignung des Hochdeutschen fiel und fällt ihnen daher am leichtesten. Der Besitz einer Kultursprache ist freilich nur der erste, aber zugleich der wichtigste Schritt; die anderen folgen. Heute soll der Jude nicht mehr das Deutsche, sondern das Polnische oder Rumänische erlernen, und das fällt ihm nicht blos weit schwerer, sondern davon hat er auch weit weniger; statt direct auf sein Ziel, die Aneignung westlicher Bildung loszugehen, soll er es nun auf einem Umweg erreichen, dem er nicht ohne Grund mißtraut. Früher konnte man ihn vor die Frage stellen: »Willst du ein Jude bleiben oder ein Deutscher werden?« und ihn durch Vernunftgründe zu dem Letzteren zu bestimmen suchen; ein Pole oder Rumäne zu werden, erscheint ihm schon weniger lockend. Auch suchte jene Macht, welche das Deutschthum im Osten repräsentirte, die österreichische Regierung, ihm die Wege zum Anschluß zu ebnen; der Pole und der Rumäne jagen ihn mit Kolbenstößen in sein Ghetto zurück. Keine politische Allianz ist natürlicher als jene des parlamentarischen Polen-Clubs mit der orthodoxen Judenschaft – beide haben dasselbe Ziel: Aufrechterhaltung der Barbarei innerhalb des Judentums; beide handeln aus Egoismus, der Pole auch noch aus Judenhaß, der sich zudem durch die saubere Mode des Antisemitismus verschärft hat.

Auch diese geistige Krankheit wuchert heute im ganzen Osten, gerade wie der Deutschenhaß und genau aus denselben Gründen: Neid und Furcht. Auch der Antisemitismus ist in stetem Wachsen begriffen und sein Ende nicht abzusehen. Aber er wird es finden, wie der Deutschenhaß – es gibt Zeiten, wo die Menschheit auf dem Kopfe zu stehen scheint, aber endlich stellt sie sich doch wieder auf die Füße und marschirt tapfer vorwärts.

Im unerschütterlichen Glauben an einen Fortschritt, an eine Verbesserung und Veredlung der Völker des Ostens ist dies Buch geschrieben, aber eben weil es das Düster erhellen will, so weit ihm die Kraft dazu gegönnt ist, muß es auf dasselbe hinweisen und die Wahrheit bekennen. Sie findet sich überall in diesem Buche ausgesprochen, auch da, wo nach den bisherigen Erfahrungen die Gefahr einer böswilligen Mißdeutung nahe liegt. Man hat wiederholt einzelne Stellen aus meinen früheren Büchern, welche harte Urtheile über diese oder jene Unsitte der östlichen Juden ausgesprochen, aus dem Zusammenhang gerissen und auf die Juden des Westens angewendet, mit dem Beifügen, daß ja ich wohl meinen Glaubensgenossen kein Unrecht thäte. Ich kann Niemand verwehren, das Fälscherstück auch diesmal auszuführen und dadurch Sinn in Unsinn, Wahrheit in Lüge zu verwandeln. Aber daß dies eben nur ein Fälscherstück wäre, sei schon hier ausgesprochen.

»Vincit veritas!« – mit diesem Wort habe ich das Vorwort meiner beiden ersten Sammlungen geschlossen und weiß auch für diese kein besseres. Es ist eine trübe Zeit, in der wir leben; wir aber wollen fortfahren an das Licht zu glauben und auf seinen Sieg zu hoffen. Vincit veritas!

Berlin, 24. Juni 1888.

Der Verfasser.


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