Irene Forbes-Mosse
Laubstreu
Irene Forbes-Mosse

 << zurück 

Laubstreu

Novembertage! Wie liebe ich euch, dort in meiner Kinderheimat . . . Ergreifend wie das allererste Frühjahr und ihm ähnlich. Wie sie daliegt die Erde und uns anblickt, ganz arm, sie, die alles gegeben hat, so wird sie daliegen, wenn der Schnee geschmolzen ist; still atmend unter braunem Laubgemoder, die Büsche noch kahl, und hier und dort wird eine verschrumpfte rote Beere leuchten, die die Vögel unter dem Schnee nicht erspäht hatten. Nur der Geruch wird anders sein, und wo der Fuß in faulenden Blättern wühlt, wird er am Grabenrand kleine Primelvereine aufstören, noch in sich geduckt und ängstlich, und alles, was heute glitzert, wird auch dann glitzern, aber anders, froh und bänglich, und jeder Sonnenstrahl, der sich in Wasserlachen spiegelt, wird anders in den Spiegel sehen. Aber die Hügel werden so wie heut am blassen Himmel liegen, dasselbe zartgegliederte Gezweig der Wipfel, wie Seegräser im klaren Meerwasser, bräunlich-rosig und ganz still: Es könnten Fischchen darin ein und aus schwimmen!

Dort bist du schön, November, schön wie verwelkende Frauen, denen Liebe und Leid die Zeichen grub, alternde Frauen, die noch lächeln können wie Mädchen, die mütterlich sind wie schlanke schauernde Hirschkühe; die ein wohlriechendes Blatt mit den Fingern reiben, behutsam und begehrlich nach den feinen und flüchtigen Dingen dieser irdischen Bescherung.

Mütterchen Heimat, wie die Russen sagen, die so weich das Herz streichelnde Worte haben, als hätten Kinder sie erfunden; Mütterchen Heimat! Wie schön war der Tag, als ich zum letzten Mal hinaufstieg auf den Berg, der mir als Kind ebenso unerreichbar schien wie der Chimborasso: Erst durch feuchte, reifgraue Wiesen, an Kohlgärten und Kartoffelfeldern vorbei, wo Feuer knisterten und der weiße Rauch rein und bitter in die Luft schwelte. Vor mir die Höhen, braunviolett, schon entlaubt, nur hie und da, am Waldrand, eine Buche, aufflammend wie der Engel mit feurigem Schwert.

Die Birnbäume in den Wiesen – o ihr guten Holzbirnchen, die ihr den Mund zusammenzieht und doch süß seid unter eurer Herbigkeit – ließen ihre roten Blätter fallen, die schmalen Wasserrinnen im Grase trugen sie fort mit leisem Gluckgluck; Karren, mit Rüben 109 beladen, kamen des Wegs, die kleinen kurzbeinigen Kühe dampften in der Herbstluft, rötlich und weiß, mit nassen rosa Schnuten und faltigen Wampen, blondbewimpert wie Rubenssche Göttinnen. Dann tat sich der Wald auf und sein Wohlgeruch war wie ein Rausch. An der Erde, an den Abhängen, auf allen Pfaden lag das Laub, fußhoch; Leute harkten es herunter von den Hängen, soweit man durch die Stämme sah; zu hohen Haufen türmten sie's, der Duft von Pilzen und Erde und Gärung wurde immer stärker. Das wären Raschelnester gewesen für kleine Waldgötter mit Zottelbeinchen, sich darin einzuwühlen, bis nur die spitzen, bepelzten Ohren heraussahen; aber nun sollten die kleinen blonden Kühe darauf liegen, im Winter, in den warmen, dunstigen Ställen, wenn der Laternenschein über den Schnee huscht und der Rauch vom Dache aufsteigt, zum Zeichen, dass dort Menschen wohnen.

Der kleine Pfad war ganz schlüpfrig von den Blättern, immer höher zickzackte er; hier war nur junger Buchenbestand, glatte Stämme in grauer Atlashaut, ihnen zu Füßen der rostrote Teppich – und ein Sonnenstrahl ging vor mir her. Ganz droben begann wieder der Tannen Reich, ihre Wurzeln deckte Moos und Sauerklee, und Brombeeren wucherten da, die im Schatten grün geblieben; noch ein paar Schritte, und vor mir stand der plumpe, runde Turm. 1837 war über seiner Tür eingemeißelt, und ich sah sie hier wandeln, Mamas mit Krinolinen und komischen Sonnenschirmchen, wie man sie auf Porzellanvasen vor Königsschlössern wandeln sieht, und Papas in schachbrettartigen Beinkleidern, mit erstickenden Halsbinden und grauen Zylinderhüten; und die artigen Kinder erst! Wie die Bilder in »les petites filles modèles«, mit Pamelahüten und gestickten Höschen, mit Reifen und roten Luftballons! Der Turmwart kam und erzählte, dass sein Großvater der erste Turmwart gewesen. Er wohnte noch in demselben strohgedeckten kleinfenstrigen Häuschen, und seine dicke Frau kam und rief zu Kaffee und Zwetschgenkuchen. In der Küche war aufgetischt, und dort lief eine alte, zutrauliche Hasenmutter herum, deren dunkles Fell wie von Raureif übersilbert war, das schnuppernde Näschen und die glatten Hängeohren aber kohlschwarzer Spiegelsamt. Sie war's gewöhnt, auf den Schoß genommen zu werden, man reichte sie herum wie eine Wärmflasche, und dann trank sie Milchkaffee aus der Untertasse, wie ein Christenmensch! Dann ging der Turmwart auf den Turm, und 110 ich sah ihn in der düstern Wendeltreppe verschwinden, wo an den Balken die Fledermäuse schon im Winterschlaf hingen, zusammengerollt wie alte schwarze Glacéhandschuhe.

Alte Städtchen, an Bergen gelegen, haben in ihren Ausläufern halbländliche Wege und Gassen, die die Kirche, den Markt und die Schule mit den bäuerlichen Anwesen, den Wiesen und Äckern verbinden. Durch solche Wege kam ich herunter, im Nebel, an Werkstätten und Holzplätzen und fließenden Brünnchen vorüber, die in diesem quellenreichen Land durch eiserne Schlangenköpfchen in verwitterte Tröge rauschen, eiskalt mit einem Moosgeschmack vom Walde her. »Hähnchen und Hühnchen wollten zusammen auf den Nussberg« – so geht das Märchen an, das unvergessliche; und durch solche Wege und Gässchen sind Hähnchen und Hühnchen gewiss auch gekommen. Die Laternen schimmerten dunstig, Gaslaternen, die ein buckliges Männchen anzündete. Kleine, altväterische Häuser standen hinter Holzstaketen; in den niederen Stuben, hinter Geranien und Fuchsien kam Licht durch die Scheiben; nun saßen drin die Menschen beim Kartoffelsalat und tranken gelben Landwein aus dicken, grünlichen Gläsern dazu. Auch unsere Waschfrau wohnte da; in ihrer geblümten Kattunjacke, die Brille auf der Nase, wie eine kleine, aufmerksame Eule, stand sie und bügelte bei der himmelblauen Lampe. Ihr Kätzchen kam aus dem Gebüsch und lief eine Weile vor mir her mit kleinen, lockenden Turteltaubentönen. Alles war so heimlich, so lockend, die goldenen Ritzen in den Läden, der Schein, der über die Schwellen glitt, Laternen an Gartentoren, wo hohe Bäume Unverständliches rauschten, und die Stimme des Kätzchens, das sich im Dunkeln an mir rieb, sobald ich stille stand; alles, als müsst es mir etwas sagen.

Weiter unten, wo die reichen Leute wohnen, wird gebaut und eingerissen; wo einst Wiesen waren mit großen Margeriten und Zittergras und alle Gräben voll himmlischen Vergissmeinnichts, da steht jetzt Haus an Haus, die Häuser groß und die Gärten klein . . . früher war's umgekehrt. Und so vieles fand ich nicht mehr. Feine, einstöckige Häuser mit geschweiften, silbernen Schieferdächern, nach der Straße waren Mauern, von Efeu überhangen, aber dahinter wusste man – da war ein alter Garten, voll Platanen und rauschender Silberpappeln und Azaleengebüsch, die Wege ganz vermoost, und braune Schnecken krochen drüber hin la limace – le limaçon lernte ich, die eine hat 111 ein Schneckenhaus und die andere nicht – ja, wo ist das alles hin? Muttergotteshäuschen mit Bänken, damit die armen Frauen ihre Körbe absetzen und ein wenig verschnaufen konnten . . . Da war auch sonst ein kleiner, schattiger Friedhof; nicht der berühmte alte am Berghang, nein, ein ganz kleiner, noch älterer, abseits, im Tal; im Frühling voll Jasminduft und Finkengesang, im Herbst rostbraun vom Blätterfall und von zutraulichen Amseln bevölkert, der gab Kunde von denen, die von hier nicht mehr heimgekehrt sind. Hier lagen sie aus aller Herren Ländern, sogar unter russischen Kreuzen mit ihren Schrägbalken und unverständlichen Inschriften; aber manchmal waren sie ins Französische übersetzt und kündeten, dass da ein Chevalier de l'Ordre de Saint André von seinem hoffentlich verdienstvollen Leben ausruhte, oder ein armer junger Dmitri, eine sanfte Hélène, ravie à ses parents inconsolables à l'âge de dixneuf ans, sich hier zu Tode gehustet hatten. Denn Davos und Arosa waren damals noch nicht erfunden, und aus weiter Ferne kamen sie angereist, denen der Tod seine Rosen auf die Wangen geküsst hatte, und mussten dableiben, weil ihre Kraft sie verließ. »Sacred to the memory of Anne, the dearly beloved wife . . . aged twentytwo . . .« Eine schöne, breitschulterige Muttergottes, die einen rechten Königsmantel von Efeu trug, hütete den Eingang und sagte: Fürchtet Euch nicht. Kinder spielten zwischen den Gräbern, alte Großmütter saßen dort und strickten . . . Ja, das ist nun verschwunden und vieles ist neu und fremd geworden, und es ist wie mit geliebten Menschen, die sich verändert haben; man liebt sie noch – ach Gott, Liebe hat ja wohl auch neun Leben wie die Katzen – aber man wird ihrer nicht mehr froh.

Aber droben am Waldrand ist noch vieles geblieben wie es war; es riecht wie damals nach Erde und Moos und schwelendem Kartoffelkraut, und der Umriss der Hügel ist derselbe, über denen die Sterne stehen, so altbekannt – die ewig geheimnisvolle, goldene Schrift . . . Die Augen füllen sich mit Tränen, seid ihr's, bist du's? Und man wittert in die Luft wie ein Jagdhund, der den Dunst seines Herrn erkennt. Die Karren kehren heim aus dem Wald, mit Laubstreu hochbeladen, all das Laub, das im Frühling seine spitzen, seidigen Knospen aufgetan, mit dem Wind gestichelt hatte, dankbar der Sonne, dem Leben. Nun ist es vermodert und wird die Erde düngen, wird geben, nachdem es genommen. 112

Mütterchen Heimat, sanft gehst du um mit deinen Kindern. Hier ist Laubstreu für deine Erde!

 


 


 << zurück