Irene Forbes-Mosse
Laubstreu
Irene Forbes-Mosse

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Die Verirrten

Das ausgeweidete Reh hing mit verglasten Augen vom Balken herab, von seiner Zunge troff langsam ein schwarzer Tropfen auf den Lehmboden nieder.

Nachdem die Frau des wilden Mannes es mit Wacholderreisern ausgelegt hatte, wandte sie sich, zum Brunnen zu gehen. Da liefen ihre kleinen Töchter auseinander, die in der braunen Dämmerung der Tür gestanden hatten, vom Blutduft angelockt.

Aber eine saß auf dem Brunnenrand im letzten Abendglast. An ihren baumelnden Füßen hatte sie runde Schuhchen aus Baumrinde, mit bunten Wollbändern um die Beine verschnürt.

»Geh heim, Bärhild«, sagte die Frau, »die Abendkost steht auf dem Tisch.«

Das Mädchen grinste. Ihre hellen Augen standen ein wenig schräg, wie bei Katzen. Um den Hals hatte sie ihren zahmen Marder gelegt, man wusste nicht, wer von beiden spitzere Zähne hatte; sonst aber ähnelten sie einander nicht, die Kleine breit und stämmig, mit kurzem sehnigen Hals, mit kurzer, zerzauster Mähne, rotblond wie alle Töchter des wilden Mannes.

»Jetzt geh ich Schlingen legen«, sagte sie mit rauer Knabenstimme und schlüpfte davon.

Die Frau seufzte und bückte sich zu den Blumentöpfen, die beim Brunnen standen und einsam dufteten in die Abendstille hinein. Sie beugte sich über den Brunnenrand und sah hinunter in die Finsternis. An den schleimigen Wänden wuchsen Farn und Moose, nur selten kam ein Lichtstrahl und glitzerte sie wach. Hinter ihr lag das Haus gekauert zwischen Weiden und Erlen; wohin man trat, gab die schwarze, schwammige Erde nach; im ersten Frühling, wenn alles voll gelbstäubender Kätzchen war, drängten sich die großen, breitblättrigen Dotterblumen in den Sümpfen zwischen den Erlenwurzeln; jetzt waren die Gräben blau von Vergissmeinnicht. Die Frau verstand schöne, feste Kränzchen daraus zu binden und hätte sie gern ihren kleinen Töchtern aufgesetzt, die aber hatten sie abgeschüttelt mit Geschrei. Sie wollten nichts auf ihren wilden Mähnen dulden, nur manchmal setzten sie die Kupferreifen auf, die der wilde Mann ihnen mitgebracht, fremde 86 Schmiedearbeit aus Norden, wunderliche Zeichen drin eingesetzt, sahen aus wie Beile und Galgen.

Ja, wie kam sie zu diesen Wildkatzen, die mit spitzen Zähnchen zur Welt gekommen, ihr die Brust zerbissen und ihr Blut getrunken hatten; man hatte sie den zottigen Stuten anlegen müssen, die sie mit Stampfen und Schlagen in Ordnung hielten; und von der wilden Milch waren sie stark geworden. Nun fingen sie sich die Fohlen, ihre Milchbrüder, ein und trabten auf ihnen durch Weidengebüsch und seichtes Gewässer und über den toten weißen Sand.

Wie anders sah die Erde hier aus als dort, wo sie daheim war. Hier Busch und Binsen, düsterer Erlenwald, wo das Wasser zwischen den geschwärzten Silberstämmen gluckerte und man die schmalen Dämme kennen musste, um nicht zu versinken. Man konnte sich verkriechen und war doch preisgegeben dem Regen, der Schwüle, den Mückenschwärmen im Dunst. Und weiter, da hörte auch das niedere Gebüsch auf, die Erde wurde karg und steinig, wilde Schafe mit bösen, schwarzen Fratzen schrien in den Wind. Dort begannen die großen, verlassenen Steinbrüche mit ihren Höhlen und Labyrinthen, ihrem schräg geschichteten Stein, als hätten Riesen sich große Stücke herausgeschnitten; Wacholder und Berberitzen wucherten in den Narben. Dort war die Welt zu Ende, weiter wusste sie den Weg nicht; da war ein strenges Verbot, und niemand, der das Geheimnis nicht kannte, hätte aus dem Irrsal heimgefunden. Als Warnung dienten noch die Knochen des Trödlers, der es gewagt hatte, und die betrunkenen Hochzeitsgäste, die auf eine Wette hin, um abzukürzen, den Weg genommen, sie hatten dasselbe Los gehabt.

Daheim, bei ihr, im Hochwald, schlüpfte die Sonne durch das Wipfeldach und streichelte den roten Pelz der Eichkatzen, die großen Bäume waren ihr Freunde gewesen, wie Helden stiegen die Stämme aus der rostigen Blätterdecke. Da war alles redlich. Und ihr Vater, der hasste die Fallen und Schlingen. Ein Pfeil ins Herz, ja, das konnte dem freien Wild recht sein, und die Mütter und Kinder blieben geschont; aber es gab kein Quälen mit zerschmetterten Läufen, kein Würgen und Zerren, keine Todesangst mit blutender, flatternder Schwinge. Der Vater! Wie silberweiß war sein Bart, wie scharf sein dunkles Auge, wie gut hatte er's immer gemeint. 87

Die Frau sog die Luft ein; es ging ein süßes Duften über den Geruch der Sümpfe, der Gräben voll braunen, faulenden Erlenlaubs dahin. Da hatte wohl irgendwo ein Jasminstrauch seine weißen Blumen aufgetan. Und der Duft tat ihr weh; denn so hatte der Strauch am Jägerhäuschen geduftet, an jenem Tage, als der Jäger nicht heimkam; als wolle er ihr helfen, ihr etwas sagen mit seinem Düften: Sie saß den halben Tag dort und sah ihn versinken im Dämmergrau und wieder auferstehen im weißen, traurigen Mondlicht. Aber der Vater kehrte nicht zurück. Da brach sie sich einen blühenden Zweig ab und ging in den großen unbekannten Wald.

Erst war sie mit schweren Füßen, mit schwerem Herzen gegangen, aber um sie her all das Summen und Säuseln machte ihr auch den Kummer zum Traum. Es ging sich so sacht über das tote braune Laub, gefleckte Salamander saßen unter den moosgrünen Steinen wie in Märchenhöhlen, und die Sonne glitt an den geraden Buchenstämmen hinab wie einer Mutter Lächeln über wohlgeschaffene Söhne. Dann, im Tannenwald, war's noch stiller, Bernsteintropfen glühten an den rissigen Rinden, und die Wipfel waren reglos. Aber das Schönste war der Abhang, wo die Holzfäller ihr Werk getan; da kam der Fingerhut zu seinem Recht; in Völkern stand er zwischen den Baumstümpfen und öffnete den warmen Samtschlund der Sonne und den Bienen. Und die Stechpalme wucherte und die wilde Himbeere warf die Arme aus nach dem Geißblatt, und das war so voll Süßigkeit, kein Bienchen konnte dran vorüber. Dort war sie lange gewesen, die Hände um die Knie gespannt, der Berghang ihre Lehne, das Erdbeerkraut ihr Teppich; unter ihr die Wiesen lagen im Dunst, und aus dem Wald läutete der Kuckuck tief und eindringlich, und weil sonst alles still war, ging sie seiner Stimme nach.

Wie dann der Abend kam, stand sie in einer Lichtung; da war ein Teich und spiegelte schwarze Binsen im gelben Widerschein, Libellen standen in der Luft mit gläsernen Glotzaugen, das feine Waldgras nickte, die Hummeln lagen, vom Tau verklebt, in der Disteln seidenem Schoß. Da legte auch sie sich hin auf ihr Bündelchen, und hinter ihr öffnete der schwarze Wald seine Hallen.

Trapp, trapp, kamen die wilden Männer geritten, weich schlugen die Hufe auf den federnden Waldboden; als sie die Augen auftat, traten sie in die Lichtung mit finsterroten Gesichtern im Abendlicht. Stumm 88 und gewaltig ritten sie an ihr vorbei, mit harten Stirnen und harten Lippen, leise klirrend die Speere und eisenbeschlagenen Knüttel. Aber der zuletzt ritt, hielt bei ihr an und streckte die Hand aus. Da streckte auch sie ihre kleine Hand empor, und es rieselte ihr durch den Arm bis ins Herz. Und der Wald summte um sie her. Da zog er sie hoch und aufs Pferd und nahm sie an sich . . .

Die Frau beugte sich tiefer über den Brunnen. Da unten wohnte die Brunnenfrau, dort ging sie auf goldenen Wiesen mit ihrem kleinen silbernen Hund. In hellen Nächten, hieß es, könne man ihr weißes Kopftuch sehen. Nun fing es an zu dunkeln; das Haus versank in Grau, in Weiden und Erlen. Nur unter dem Dachrand blinkte ein kleines Fenster; dort lagen wohl schon ihre kleinen Töchter; sobald die Sonne sank, gingen sie schlafen, aber früh, kaum dass der Himmel fahl wurde, liefen sie schon und sammelten sich in der taugrauen Wiese, wo man sie schreien und schnattern hörte, ehe sie auseinanderstoben.

Die Frau ging ins Haus zurück. Heute Nacht wollte der Mann heimkehren von einem Beutezug; da musste sie auf sein und helfen, die Säcke verstauen an geheimen Plätzen; sie setzte sich an den Herd, um die Kittel ihrer kleinen Töchter zu flicken, aber die Arbeit sank ihr in den Schoß, und sie lauschte den Geräuschen der Nacht, all dem Seufzen und Knarren draußen in den Bäumen und drinnen im Gebälk. Nun wurden die Nachtvögel in den Wipfeln lebendig, sie wanden sich durch die Äste, plump und seidenweich, bis sie sich aufschwingen konnten, lautlos in die freie Finsternis. Sie wussten, wo die wolligen Junghasen lagen, die sie heimtrugen zu ihrer eigenen Brut, die mit bösen, gelben Augen nach frischem Fleisch schrie. Und durch die Baumwurzeln schlüpften Marder und Wiesel, sie hatten ihre Gänge und Höhlen, ihre Vorräte und Kinderstuben wie die Menschen, und wenn ihre Wege sich kreuzten, gab es da unten einen kurzen, bitteren Kampf mit heißem Gefauch, die Erde schluckte ein wenig Blut, aber darüber lag verschwiegen der moosige Teppich mit tausend nickenden Flockblumen, die faulenden Blätter des Vorjahrs, durch die sich die gelben Taubnesseln drängten.

Durch den Ladenausschnitt kam ein Mondstrahl und tastete über Bank und Tisch und über die Hände in ihrem Schoß; da stützte sie den schmalen Kopf und dachte an die Abende daheim, wie sie auch 89 dasaß und die Quelle im Dunkeln hörte, und dann des Vaters Schritt, immer näher, bis er die Tür auftat und sein weißer Bart im Monde noch weißer war.

Wie sie so gesessen ist, hat sie auf einmal wirkliche Schritte gehört, viele kleine Schritte und Klopfen an der Tür, und wie sie geöffnet hat, haben da vier kleine Buben gestanden, einer immer ein wenig kleiner als der andere, und der kleinste wie ein kleiner Kater, man hätte ihn in der Schürze tragen mögen; die baten um Einlass.

 

Die Bübchen hatten die Schüssel geleert, die sie ihnen hingestellt, saßen mit schweren Augenlidern um die kleine Öllampe und erzählten weinerlich von Mutter und Vater und wie sie in die Irre gegangen seien. Die Frau ging von einem zum anderen, streichelte dem den Kopf, rückte dem das Halstuch zurecht, beugte sich verstohlen über sie, immer wieder musste sie den Dunst ihrer braunen Hälschen einatmen, wie er sie aus dem Ausschnitt ihrer Kittel ankam, diesen Duft, in den sich ein Ruch mischte von Harz und Kohlenmeilern und fetter ungebleichter Schafwolle. Ach, und ihre singende Sprechweise war wie Amselzwitschern. Von einem guten, geplagten Vater, von einer harten geplagten Mutter erzählten sie, von dem Hündchen Strupp und den Meilern tief im Wald, von Bucheckern und Pilzen, und sie meinte, wieder tief drinnen zu stehen, die Füße im Heidelbeerkraut, die Sonnenstrahlen um sie her, als würde das Licht zur Orgel . . . Aber auch von einem Dorf erzählten sie, wo sie zur Schule gingen, früh, wenn es kaum Tag war, die einsame Straße hin, wo Krähen auf verschneiten Steinhaufen saßen und schweren Flugs in die graue Luft stießen. Manchmal kam ein Planwagen und der Fuhrmann ließ sie aufsteigen, da kauerten sie unter dem Zeltdach im Stroh, über ihnen die schwankende Laterne, wo das irdene Geschirr verpackt lag, oder zwischen Mehlsäcken, und schliefen und träumten von frischem Brot. Die Kinder waren so müde, sie nickten beim Erzählen ein, und auf einmal fuhr die Frau zusammen und sagte: »Ihr dürft nicht hier bleiben, o um Heilands Namen, Ihr müsst fort, kommt, wir müssen gehen . . .«

Denn sie meinte, sie habe die Treppe knarren hören, und sie rannte die morschen Stufen hinauf, wo in der großen, niederen Stube ihre kleinen Töchter schliefen. Aber die rührten sich nicht, lagen 90 nebeneinander im Mondlicht, mit zurückgebogenen schneeweißen Gurgeln; und ihre Zähne glitzerten und der laue Atem ging aus und ein.

Draußen wusste sie keinen sicheren Winkel; die bösen Hunde spürten alles auf. Da brachte sie die Kinder in die Kammer, wo das ausgeweidete Reh hing, dort war Holz aufgestapelt, ein gutes Versteck. Dort würde sie keiner wittern vor Wildgeruch. Aber still sollten sie sein wie die Mäuse. Ach, durch die Nacht meinte sie schon die raue Stimme zu hören, und das Pferd, wie es müde, mit gebeugtem Kopf, die Hufe aus den schmatzenden Pfützen zog. So hüllte sie sich ganz in eine graue Decke ein, die nur ihre dunklen Augen freiließ, dass er das Beben ihres Mundes nicht gewahr werde, und zog den schweren Riegel zurück, als er näher kam.

 

Wie dann der wilde Mann, von Wein beschwert, eingeschlafen war, winkte die Frau den kleinen Buben, und sie krochen aus ihrem Versteck hervor mit ängstlichen Augen. Da drückte sie sie ans Herz, die kleinen runden Köpfe, und küsste sie ins Genick und sog noch einmal den Duft ihrer sonnverbrannten Hälschen. Dann aber, den Finger am Mund, ging sie vor ihnen her, wo das Wasser zwischen den Erlen gluckste und der Mond schmalfingerig durch die Zweige griff. Und weiter, wo nur noch Gebüsch war und seichte, silberne Pfützen, wo der tote weiße Sand begann und der Pfad mählich aufstieg und dann am Rande des Steinbruchs vorbei, wo der Wind durch die Hallen und Höhlen fuhr und schwarze Gewässer tief unten heraufstarrten zum Mond wie Seelen, die kein Lichtstrahl mehr erhellen kann . . . dort ging die Frau und trug den kleinsten im Arm, ein anderer hielt sie am Kleid und die größten folgten ihr nach; an Abgründen und Kreuzwegen kamen sie vorbei, aber keines sprach ein Wort; sie gingen mit blassem Angesicht, und die Frau irrte sich nicht und hielt auch nirgends an; sie sah nur gerade in die Luft, denn ihr Herz war ihr zum Wegweiser geworden. Dann, allgemach, senkte sich der Weg, die Steinbrüche blieben liegen, und schon schimmerte die Landstraße und ging von Nebelgrau zu Nebelgrau, aber in der Ferne blinkten Lichter . . . Da kniete sie vor den Kleinen nieder und küsste sie, so jammervoll, und wies sie den Weg und flüsterte ihnen zu, guten Rat oder waren's nur Töne, wie brütende, säugende Tiere sie ausstoßen, in Angst und Liebe. Und wandte sich ab von ihnen in scharfem Schmerz, die nun 91 still und ernsthaft im Mondlicht weiterstapften, kleine Buben, die so große Schatten warfen.

Vor ihr der Weg stieg wieder an, den sie zurückgehen musste; erst durch Wiesen, wo hier und dort ein Steinblock lag, weich eingebettet im feuchten Thymian, dann aber karg, umlagert von Geröll, graues Gesträuch klomm aus den Fugen. Dem Steinbruch zu wand sich der Pfad zurück, schon wieder fühlte sie den kalten Wind aus den Höhlen, der ihr das Kleid um die Knie straffte. Wie schwer waren ihr die Füße, wie leer das Herz. Daheim? Dort würden die bösen Hunde im Verschlag winseln, dort stand der Brunnen, das Haus, grau im ersten fahlen Licht. O Herzeleid, o Ersticken.

Gradaus ging sie mit weiten Augen, die Hände über dem erstorbenen Herzen, und wie der Kreuzweg kam, redete der Wegweiser in ihrem Herzen nicht mehr. Hinauf ging der Pfad, so steil, so steinig; war das der, den sie gekommen? Und der andere führte hinunter ins Geklüft, der ging sich leichter. Im Steinbruch wisperte es und seufzte, und immer tiefer ging sie hinein, und der graue Nebel rollte hinter ihr zusammen. 92



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