Irene Forbes-Mosse
Laubstreu
Irene Forbes-Mosse

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Wie es die Kinder erlebten

Es hatte damit angefangen, dass Tischler Dominik, der im Übrigen auch Nachtwächter war und den inneren Menschen der Turmuhr in Ordnung zu halten hatte, schließlich doch geholt werden musste; denn es war unausstehlich mit der untersten Schieblade der alten Schreibkommode, immer stellte sie sich schief; »wie ein eigensinniger Bock«, sagte die Kleudchen, und erst durch angestrengtes Rütteln konnte sie in eine normale Lage zurückgebracht werden.

»Und da wir schon einmal dabei sind«, sagte der Meister und starrte tiefsinnig über seine Stahlbrille ins Weite, »so woll'n wer auch gleich das übrije nachsehn, denn so was is eftersmalen en Familjenfehler.«

Ali und Adallah, die meist für Zwillinge gehalten wurden (es war aber ein Jahr Altersunterschied), fanden das ja nun äußerst interessant; denn wenn dabei auch nur Frau Kleudchens puritanische Nachtjacken, der »Pharus am Meere des Lebens« in verschossenem, violettem Einband, ein kleines Paket zusammengeschnürter Briefe und eine Feige aus Marmor – von Papa vor Jahren aus Italien heimgebracht – zum Vorschein kamen: Sachen von Erwachsenen, die so kühl feierlich daliegen, wie in Königsgräbern, haben immer etwas Apartes an sich, wenn sie plötzlich hervorkommen an die Tageshelle.

Aber nun hatte Dominik nach vielem Suchen in seinem Bund klirrender Haken, der ihm etwas angenehm Einbrecherhaftes verlieh, auch noch die schräge Klappe geöffnet, auf deren braunpolierten Fläche eine Wildschweinsjagd in gelbem Holz zwischen vier Tannenbäumen in grünem Holz dargestellt war. Dahinter wurden zwei kleine Fächer sichtbar. Das linke enthielt rostige Angelhaken, mehrere längliche Garnröllchen und ein dünnes rotes Buch, »Des Anglers Vademekum«. Dominik sah zu der Kleudchen hinüber, sie wollte etwas sagen, schloss aber wieder den kleinen, vergrämten Mund. Dann zog er auch das andere Schiebfach auf; es hatte sich ein Heft darin festgeklemmt. Er reichte es der Kleudchen; sie tat einen Blick hinein: »Die Wappensammlung vom jungen Herrn«, sagte sie und drückte das Heft wie schützend gegen ihr gestricktes Umschlagetuch. Aber unter dem Hefte hatte noch etwas gelegen, eine Fotografie, vergilbt und verblasst. 28

»Das ist die Frau, die bei Papa im Ankleidezimmer hängt«, sagte Ali. Seine Augen sahen alles. Ja, es war das nämliche, weichgerundete Gesicht, mit leicht zusammengeknifften Lidern, großem, lächelndem Mund, reichem, unglaublich reichem Haar, altmodisch kunstvoll aufgesteckt. Aber hier hatte sie ein komisches großkariertes Kleid an und einen kleinen Jungen in russischem Kittel auf dem Schoß.

»Dah«, sagte Adallah, der oben in der Nase etwas hatte, das demnächst operiert werden sollte, »das is Vate's este Fau, abe weh is de Junge?«

»Ihr müsst Mama fragen«, sagte die Kleudchen. Es war dieselbe Abwehr, die sie gebrauchte, wenn Adallah allzu genaue Auskunft über gewisse naturgeschichtliche Vorgänge von ihr verlangte.

Die Kleudchen hatte jetzt einen roten Fleck auf der Wange und telegrafierte mit den Augen. Tischler Dominik gab Ali das Handwerkszeug zu tragen und hielt Adallah seine kurze, breite Hand mit dem gespaltenen Daumennagel hin: »Nu kommt, Junkerkens«, sagte er einladend, »nu woll'n wer'n Leimtopf heißmachen«; und die Aussicht auf eine gemütliche, übelriechende Mantscherei ließ für diesmal alle anderen Spekulationen erblassen. Und Mama fragen? Ach, das war ja nicht möglich. Fragen konnte man Kleudchen oder den Kuhknecht oder Fritz Dralle (Dralle sen. war schon weniger ratsam), und allenfalls Papa, wenn er sehr guter Laune war; aber Mama? Nein, Mama antwortete man, aber fragen, das ging nicht.

Doch es kamen Wiederholungen, allerhand kleine Begebenheiten, die auf denselben Punkt zu deuten schienen und sich allmählich zu etwas Nebelhaftem verdichteten, von dem die Kinder nicht recht wussten, war es Erinnerung an Dinge, die sie schon erlebt hatten, oder Ahnung von etwas, das erst kommen sollte: Papa und Mama redeten zusammen, leise und erregt, Mamas große Augen wurden dunkel, so als sagten sie »Mut« oder »Rechtschaffenheit«; aber sie brach ab, wenn die Kinder ins Zimmer traten, und der Blick wurde wieder durchsichtig wie ein geschlossenes Fenster. Oder Papa trat plötzlich aus dem unbewohnten Zimmer auf halber Treppe, stand, als sähe er nichts, in der schrägen Nachmittagssonne, wo es nach Holz roch und nach Kleudchens Vesperkaffee; er, den man sonst nur in einer ganz besonderen Luft von Zigaretten und Juchten kannte, im Dämmerlicht auf dem Ledersofa ausgestreckt, wo über ihm die Rennpreise, die Pokale und 29 silbernen Reitpeitschen aufblitzten, wenn ein Sonnenstrahl durch die Läden drang. Papa hatte rote Augen gehabt und zuerst gar nichts verstanden, als Ali, die Gelegenheit wahrnehmend, ihn anpiepste: »Ach, Papa, Dralle will das Gefleckte versäufen, weil es ein Weibchen ist, und es ist doch so wunderschön« – und Adallah eine Terz höher einstimmte: »Ach, nur nicht das Gefleckte, Vaterchen, abe das Baune auch nicht!«

Wenn Tante Brunislawa und die Kleudchen beisammen saßen, war ein Gewisper und Geseufz; beinahe wie schuldbewusst sahen sie sich um, oder als stünde eine Tür ins Dunkle hinter ihnen offen. Tante Brunislawa schien noch öfters als sonst mit ihrem Orenburger Schal an allen Türklinken hängen zu bleiben, um dann, wenn man sie losgeheddert hatte, ganz verschüchtert weiterzuflattern wie eine wunde Schwalbe. War das auch immer so gewesen, dies Nach-der-Uhr-sehen, wenn die Postzeit nahte, dieser rasche Blick ins Vorzimmer, wo doch nur Papas Zeitungen lagen, oder Rechnungen in blauen und grauen Umschlägen, selten nur ein Brief? Und die Stühle und Sessel im Wohnzimmer, wenn die Großen weggegangen waren und man kam auf Fußspitzen zurück, um den kleinen Zinnjäger zu suchen, der unters Sofa gefallen war: Standen die sonst auch so kurios zusammen, wie Verschwörer, die unterbrochen wurden in heimlichen Gesprächen?

Dazwischen schwand den Kindern wohl tage- und wochenlang dies ungewohnte Gefühl, als ob »etwas vorginge«; Papa hatte wirklich das Gefleckte begnadigt, und es war, nebst seinem Brüderchen, dem Braunen, zur Sonne geworden, um die sich der Knaben Leben drehte, das ja trotz Vater und Mutter, trotz der freundlich flatternden Tante Brunislawa und der treuen Kleudchen ein seltsam verschwiegenes, heimliches Leben war.

Mama! Ja – das war viel eiskaltes Wasser in der Frühe und harte Bettchen zur Nacht, und beileibe kein Nachtlicht und absolutes, strengstes Verbot, das Gefleckte nach oben zu nehmen. Mama war Morgenandacht mit einem Hintergrund von Kaffeegeruch und weißen, raschelnden Schürzen, aber nicht Abendgebet; letzteres gehörte zu Kleudchens Departement, die sich wie die Fledermäuse, denen sie ähnlich sah, mehr in den Dämmerstunden bemerkbar machte. Mama bedeutete ferner für Ali Kerbelsuppe und für Adallah Apfelreis, beides so über alle Maßen grässlich, und da war kein Entrinnen. Aber Mama 30 bedeutete auch Dinge, die fein waren, wo man sich selber fein werden fühlte, wie die dünne, schwingende Gerte in der Hand, wenn man aufs Pferd geklettert war und sich zuerst nur festklammerte, so gut es ging, denn das Einzige, was man absolut nicht durfte, war herunterfallen, und dann allmählich, beim Traben, seine Muskeln und Gedanken zusammenfand, sich aufreckte und ins Lot kam. Mama sagte: »So ist's besser«, wenn man an ihr vorüberkam, dann musste Dralle die Longe weglassen und später noch ritt man mit Mama querfeldein, und das war ehrenvoll, aber beileibe nichts zum Lachen. Nur dies Gefühl, als würde man feiner und biegsamer und härter dabei, das wuchs und war sonderbar ausfüllend und aufregend; man konnte an nichts anderes denken. Überall ging's so her, wo Mama dabei war, so mit angespannten Sehnen bis aufs letzte Haarbreit; aber doch immer, als dürfe man dabei nicht verweilen, als käme viel anderes nach, das noch zu bewältigen sei. Auch wenn Mama einen küsste, war das so, hoch oben auf die Stirn, in die Haarwurzeln hinein, ganz rasch, wie ein Stoß, und dann weg und was anderes. Neulich hatte Ali gezuckt, als der kleine Fuchs beim Striegeln auskeilte. »Ich glaube gar, der Junge hat Angst«, sagte Mama, und in ihre Augen kam der blaue Funken, der zurücksprang zu den alten, vertriebenen Sachsengöttern, die an Pferdeopfern Freude hatten . . .

In solch straff gehaltenen Kinderexistenzen entwickelt sich Geschwisterliebe nachdrücklicher, wie das Zusammenhalten junger Pflanzungen an exponierten Stellen. Ali und Adallah brachten es fertig, in ihrem fest eingeteilten Dasein Augenblicke berauschender Opposition zu erhaschen, und das ganz absichtslos, denn sie waren gutartige Kinder und, ihrem Vater ähnlicher als ihrer Mutter, nervös und rasch aufflammend, aber ohne die nötige Ausdauer für ein richtiges Verschwörertum. Mama war ungemütlich, wenn auch durchaus nicht unheimlich, denn es gab bei ihr keine Überraschungen; hingegen musste man Papa nur aus dem Wege gehen, wenn er gerade seinen Nervenschmerz hatte, sonst aber nahm er für die Unterdrückten Partei, konnte einen allerdings im kritischen Augenblick unerwartet im Stich lassen. So schlossen sie sich ohne Verabredung eng aneinander; sie waren zu klein und zu unklar, um sich über das, was sie peinigte, miteinander auszusprechen. Winzige Igel im Nest, alles noch weich und verwundbar; ein Rascheln, ein Lufthauch, der Witterung bringt fremder, 31 feindlicher Dinge, und sie liegen da, zusammengerollt, mit allen zarten Stacheln in der Abwehr, und fühlen, es gibt etwas Schmerzliches, Grausames irgendwo, das auch sie in ihrem Schlupfwinkel eines Tages aufspüren wird.

Wie grässlich zum Beispiel waren doch die Schlachttage! Die kaltblütigen Vorbereitungen am Abend vorher, die armen Verurteilten, die ahnungslos – wer weiß? – ihre Henkersmahlzeit verzehrten, die Gänse und Enten, die Schweine und, was am schauderhaftesten war, das Kalb! Dieses wurde zwar nicht auf dem Gutshof gemördert, aber in aller Frühe, wie aus blutigem Nebelgrau hervor, kam ein grässlicher Mann mit rotem Gesicht, mit rotbesudelter Schürze; das Kälbchen musste heraus, ganz dumm und warm und verschlafen, in die kalte, beißende Luft, es stemmte sich, es wollte nicht, seine Augen waren voll Entsetzen, es hörte seiner Mutter ängstliches Muh. Aber es wurde am Strick fortgezerrt, über die hölzerne Brücke, wo seine armen, unbeholfenen Füße polterten. Hatte es nicht etwas Revoltierendes, wenn bald darauf die Frühstücksglocke die Hausbewohner versammelte und Mama die Morgenandacht hielt? »Also hat Gott die Welt geliebt«, las sie. Und derweil wurde das Kälbchen auf der Landstraße fortgezerrt, der böse Mann fluchte, es bekam einen Tritt, wenn es stehen blieb. Mama dankte für Gottes Hut in der vergangenen Nacht . . . Ach, die arme Kuh in dem dunklen, feuchtwarmen Stall; das Kälbchen war ihre einzige Freude gewesen; wenn sie es leckte bekamen ihre großen düsteren Augen blaue Lichter, ihre Weichen schauderten glückselig, wenn das Junge nach dem Euter suchte, es hochstieß beim Saugen. Nun brüllte sie, gedehnt, in regelmäßigen Absätzen, man konnte zählen dazwischen. Und das würde noch tagelang dauern, sagte der Knecht.

Aber Mama war doch sehr gut dabei. Zu allen Kranken wurde sie geholt, wenn es was Ernstes war; sie wusste, was nötig war, und tat alles, ruhig und tröstend. Manchmal wachte sie viele Nächte durch bei den Kranken. Und wie Fritz Dralle in die Häckselmaschine geraten war, hielt sie seinen Arm, während er so entsetzlich stöhnte und Doktor Moldenhauer nähte. Sie selbst aber war nie krank. Qualvolles Kopfweh, ja, dann zuckte es im Augenlid und in der Schläfe ging's wie ein Hammer, da, wo die blauen Adern sind; aber sie gab nicht nach, immer zur Stelle, sommers um sechs und winters um sieben. 32 Tante Brunislawa, welche die Cousine der ersten Frau war, fuhr schuldbewusst zusammen, wenn Mama sie bei ihren ewigen Patiencen ertappte. Und doch sagte Mama nie ein Wort und half Kleudchen mit ihrer endlosen Flickarbeit. In Tante Brunislawas Zimmer waren Heiligenbilder, goldene mit Schlitzaugen, und weiße mit blauen Mänteln, auf kleinen Postamenten; Tante kniete davor und sah zu ihnen auf, mit braunen, kurzsichtigen Augen wie Samtpensées. Wo es doch heißt: Du sollst dir kein Bildnis machen und keinerlei Gleichnis, dachte Ali. Aber nie sagte Mama etwas, eher noch Papa, der Witze machte über Beichtväter und dergleichen. Mama kämpfte sogar für Tante um die Kutschpferde, wenn Tante zum Ablass fahren wollte, gar jetzt, wo man sie doch so nötig brauchte, um Wasser zu fahren . . .

Ali und Adallah mussten sich in Selbstkasteiung üben. Ihre Anzüge und Schuhwerk wurden von Dorfkünstlern angefertigt; die Hemden aus grobem Leinen scheuerten fürchterlich, solange sie neu waren, auch war ihnen nahegelegt worden, den Zucker im Milchkaffee zu sparen zugunsten der Stadtmission oder als Beitrag zur Weihnachtsbescherung im Armenhaus. Seitdem tranken sie ihren Kaffee ohne Zucker, hatten sich seiner so entwöhnt, dass es sie keine Überwindung kostete, aber sie spürten auch weiter keine Freude an ihrem Opfer; vielleicht waren ja auch Opfer nicht dazu da.

Alle Donnerstag kam Herr Doktor Löschwitz zum Kaffee. Dies war die schlimmste Prüfung; denn weil sie nur einmal wöchentlich stattfand, konnte man sich nicht dagegen abstumpfen. Herr Doktor Löschwitz war ein gestrandeter, nicht mehr junger Philologe, der vor Jahren Papa durchs Abitur gelotst hatte; nun bekam er Kost und Wohnung, zwei Stübchen im Seitengebäude, mit dem Blick auf den Hühnerhof. Herr Doktor Löschwitz trug eine Art Respirator aus schwarzem Taft über der Nase befestigt, fast wie eine kleine Maske; darunter war etwas Schreckliches, das für Herrn Doktor Löschwitz den Tod bedeutete; man konnte es ahnen, denn die Entzündung hatte schon Wangen und Oberlippe ergriffen. Ali gewann es über sich, hinzusehen, er konnte ganz steinern werden, wenn er sich so Gewalt antat; aber Adallah wurde rot und blass und senkte die Augen, sobald nur Doktor Löschwitzens Schritt im Flur ertönte. »Albrecht und Adelbert, gebt Herrn Doktor Löschwitz die Hand«, sagte Mama, die es gewiss fertiggebracht hätte, den armen Lazarus aus dem Gleichnis 33 zu küssen. In aller Stille dachte Adallah, das Schicksal zu beschwören. Am Mittwoch schon überkam ihn das Grauen; er stand nachts auf, fröstelnd in seinem kurzen Hemd stand er auf der Diele und horchte auf die Turmuhr. Wenn er eine ganze Stunde reglos ausharrte und immer an das nämliche dachte, würde Doktor Löschwitz irgendeine kleine unschädliche Krankheit bekommen, so dass er morgen absagen musste. Aber das Zaubermittel versagte, während es doch damals bei dem Kalbe so wunderbar geholfen hatte, und da hatte er doch um etwas viel Durchgreifenderes gebetet. Das Kalb hatte etwas mit dem Bein. Es lag stöhnend im Stroh, und Adallah hörte den Inspektor zum Knecht sagen, es solle den nächsten Morgen geschlachtet werden. Da hatte er denn die halbe Nacht auf der kalten Diele gekniet; und wirklich, es half, das Kalb war in der Nacht von selbst gestorben, ganz still. O lieber, lieber Gott, nein, aber du bist doch wirklich gut, dachte Adallah, als er's erfuhr; als müsse er Gott Abbitte leisten für voreilige, abfällige Urteile.

 

Es war ein glühender, regenloser Sommer, wie es hier die Regel war, aber so wie dieses Jahr doch seit langer Zeit nicht. Schon im Mai hatte die Dürre eingesetzt, und jetzt war alles verbrannt. Das Akazienlaub hing gelb und tot von den Stängeln, die Linden waren auf der Windseite wie versengt. Alles schlich matt einher, der Inspektor wie ein schwarzes Gewölk. Papa, der, schon ganz elend von all den Hiobsposten, richtig auch seinen Nervenschmerz bekommen hatte, ging mit Kölnischwasser und einem Zerstäuber durch die Stuben und spritzte die Gardinen an. Tante Brunislawa sagte: »Gott, bester Thilo, wenn du doch Patience lernen würdest, das beruhigt und die Zeit geht so schön vorbei.« – »Ja, und die Gehirnerweichung tritt ein«, knurrte Papa. Mama schwieg mit hochgezogenen Brauen, aber in der Schläfe ging der kleine Hammer.

Pastor Gordon hatte am Vormittag Unterricht gegeben: Kopfrechnen und Geografie und natürlich auch Religion; an Alis Horizont machte sich außerdem das Lateinische unangenehm bemerkbar.

Mama saß im Vorplatz, der mit Strohmatten, Korbmöbeln und undeutlichen Aquarellen an den Wänden als Gartensaal gedacht war; winters über standen hier auch die Oleander und Geranien in ihren grünen Kübeln. Sie half der Kleudchen beim Erbsenauspahlen; es war 34 die höchste Zeit mit dem Einmachen, sie fingen schon an runzlig zu werden. Adallah hätte gern geholfen, er liebte derartige Beschäftigungen über die Maßen, der Küchenjunge im Märchen erregte stets seinen unverfälschten Neid; aber nun sollte er schon wieder hinaus, und nicht etwa in den Stall zum Gefleckten, das seit einigen Tagen wässerige Äugelchen geöffnet hatte und bedeutend klüger zu werden versprach als das Braune, sondern ans andere Ende vom Dorf, mit einem Paket für die alte Schröder, die doch bloß ächzte und krächzte und keine Ruhe ließ, bis man eins von ihren unappetitlichen Malzbonbons nahm. So trollte er missvergnügt von dannen.

Die Erbsen fielen hart wie kleine Kugeln in die Schüssel. Mama blickte auf zum Gatten, der in einem Korbsessel lag und sich mit der schmalen, sensitiven van-Dyk-Hand ab und zu nervös durchs Haar fuhr, dies allzu krause Haar, das die Gerüchte, die über den Stammbaum seiner Großmutter umliefen, zu rechtfertigen schien.

»Gordon ist mit den Fortschritten der Kinder nicht recht zufrieden«, sagte sie.

»Gott, die armen Bengels« – der Gatte zuckte übers ganze Gesicht, die Fliegen waren heute geradezu ekelhaft – »bei dieser Hitze auch noch lernen! Und dann so langweilig, immer nur zu zweien, so 'ne Intensivkultur. In der Schule kann man sich doch mal durchschwindeln, und schließlich, wenn man kein absolutes Kamel ist, lernt man ja doch das Nötige. Eine Schule wäre viel besser für die Jungens.«

»Aber das lässt sich jetzt doch nicht einrichten, Thilo, wo's mit den Pferden so knapp ist – allenfalls hinradeln könnten sie, aber zweimal des Tags all die Kilometer – dazu sind sie doch noch sehr klein . . .«

»Ach, so meine ich's nicht, das weißt du ganz gut; Kadettenhaus oder Ritterakademie, das ist das einzig wahre für ein paar ordentliche Jungens.«

»Die Erfahrungen, die du damit gemacht hast, dürften doch wohl genügen.«

Der Gatte murmelte etwas, das wie »Duckmäuserei« klang, und die Kleudchen, die, obwohl ganz zur Familie gerechnet, genau wusste, wann sie lieber nicht gegenwärtig war, wollte taktvoll mit ihrer Erbsenschüssel verschwinden. Er flog ihr nach und öffnete mit gewohnter Ritterlichkeit die Türe für sie. Mit seinem etwas zu tief ausgehöhltem Kreuz und der geschmeidigen Gebärde erinnerte er an jene tadellos 35 ajustierten Bereiter, die im Zirkus zu beiden Seiten des Eingangs stehen und der lächelnden Dame im Flitterröckchen mit federnder Eleganz aufs Pferd helfen, die Reitgerte überreichen . . .

Seine Frau blinzelte an ihm vorbei, auf die hellgetünchte Wand gegenüber: »Ich glaube nicht, dass Kinder, deren Selbstbeherrschung täglich geübt wird, zu Duckmäusern werden«, sagte sie. »Mein Blut neigt überhaupt nicht dazu.« Ihre Stimme bebte, aber sie sammelte ruhig die leeren Schoten in ihrem Schoß zusammen und legte sie in den Korb. Dann band sie ihre große Hausschürze ab und begann sie zu falten: »Ich habe von Anfang an auf Abhärtung, auch in Gefühlssachen, geachtet. Du hast dich nie gefragt, ob mich das nicht selber hart ankam. Aber es erschien mir das Wichtigste, viel wichtiger als alles, was man aus Büchern lernt. Überhaupt meine ich, wie einer lernt, ist mehr wert, als was einer lernt. Jedenfalls bild' ich's mir ein, und darum muss ich danach handeln. Sonst verlange ich nichts für die Kinder. Es sind gute Jungens, nicht unbegabt, aber nichts Außergewöhnliches. Vielleicht wären sie besser dran, wenn sie Holzpantinen trügen, und so mancher Firlefanz, der ihnen einmal noch das Herz schwer machen wird, träte gar nicht erst an sie heran.«

Sie war aufgestanden und hatte vor sich niedergesehen, mechanisch die Schürze immer schmaler zusammenlegend; nun blickte sie auf; ihre Augen waren warmdunkel geworden und der Klang der Stimme passte zu den Augen: »Eins aber«, sagte sie, »sollen die Kinder haben, ihr Leben soll auf klarer Bahn beginnen, sie sollen mit harten Sehnen losgehen und an Wahrheit gewöhnt sein; damit, wenn je die Stunde für sie käme, wo es schwer ist, sich zur Wahrheit zu bekennen, sie auch dann . . . nicht anders könnten. Was sie an Hindernissen auf ihrem Weg finden werden, das verfügt unser Herr und Gott, was von außen kommt, liegt nicht in unserer Macht. Wir können nur den Willen bereiten. Das müssen wir. Denn ich meine, das ganz Furchtbare, das, was nicht heil zu machen geht, ist, wenn der Hahn kräht und einer einsieht, dass er seinen Mann nicht gestanden hat. Erkennen, was die Hauptsache ist und was die Nebendinge sind, ja, wer das hat, was kann ihm schaden, wer kann ihn besiegen? . . .«

Dem Gatten waren solche Aussprachen – die meistens als Monologe verliefen –, wenn seine Frau ihr Veledagesicht aufsetzte und das Gesetz verkündete, geradezu fürchterlich. Es fiel ihm ja gar nicht ein, gegen 36 ihren Wunsch Entscheidungen zu treffen; man konnte aber doch wohl seine Ansicht sagen. Zum Glück kamen derartige Explosionen selten vor; für gewöhnlich war Gerta sehr zurückhaltend. Aber er fühlte immer etwas durch: Misstrauen von vornherein und einen kindischen Eigensinn in Dingen, über die er kein Wort verlor. Gouvernantenhaft, das drückte es am besten aus. Seit der albernen Freundschaft mit den überspannten Livländerinnen wurde es immer ärger. Er war gewiss für Religion; mein Gott, wohin geriet man auch sonst, schon allein der unteren Klassen halber war sie ganz unentbehrlich. Und eine Frau ohne Religion war ja ganz wider die Natur. Aber diese Hyperfrommen hatten etwas direkt Aufwieglerisches an sich – sie konnten reden wie die rötesten Sozialdemokraten, geradezu bedenklich; und taktlos waren sie auch alle, weil in ihren Augen der höhere Zweck die ärgsten moralischen Anrempeleien rechtfertigte – ja, sogar wenn sie schwiegen, brachten sie's fertig, rechthaberisch zu sein.

Er stand auf und sagte: »Wir wollen uns doch nicht über Grundsätze und dergleichen ereifern; dazu ist es heute viel zu warm. Jedenfalls, ich bin wie eine tote Fliege und gänzlich kampfunfähig. Meine Ansicht in der Sache, die uns vor allen andern beschäftigt, kennst du. Möglichste Schonung nach allen Seiten. Auch gegen uns selbst. Auch gegen die konventionellen Hühneraugen unserer Nachbarn und Standesgenossen. Man lebt eben nicht auf einer Robinsoninsel, nur mit einem Lama und einem Papagei. Aber die Zeit ist der beste Alliierte, und die Menschen vergessen nur zu gern, wenn sie dadurch einer Unbehaglichkeit aus dem Wege gehen können. In einigen Jahren kann man das Gras mähen, das darüber gewachsen ist.«

»Ja, in Dingen der Weltklugheit rede ich nicht mit, das liegt mir nicht. Hier im Haus aber, wozu das Versteckspiel? Ich will Freud und Leid tragen, ohne Scham, wo ich doch keine empfinde. Warum auch, es liegt ja alles so einfach. Man macht so oft die Dinge kompliziert, bloß aus Furcht. Und ich hasse die Furcht. Es ist etwas Fremdes, es soll nicht an uns heran. O Thilo, du musst mir ja recht geben. Sollen wir denn erröten, wenn das Evangelium vom verlorenen Sohn gelesen wird? Was ist uns das Geschwätz von Nachbarn und Standesgenossen? Nicht mehr als der Rauch deiner Zigarette. Denk an die großen Jagdrennen, früher, oh, wie stolz war ich auf dich, Thilo. Immer der 37 erste, kein Gedanken an Gefahr. Willst du dich vor dem Gerede mehr fürchten als vor dem irischen Wall in Iffezheim?«

In ihre Augen war feuchter Glanz gekommen, ihre Farbe kam und ging. Ganz jung sah sie wieder aus, wie damals . . . Schumanns »Widmung« fiel ihm plötzlich ein, die sein Vetter Landrat – Theo mit den Lakritzenaugen – am Polterabend hinter der kleinen Bühne gesungen hatte; er hörte noch die gaumige Baritonstimme, die ihn damals tief gerührt hatte: »Mein guter Geist, mein bessres Ich!« Und an den Tag in Iffezheim hatten ihre Worte gemahnt. Eine rasche, heiße Welle des Erinnerns ging ihm durchs Blut. Wie sie dort auf einem schmalen Brett gestanden hatte, hochgereckt, in dem weißen Sommerkleid, das der Wind fest zurückblies um ihre feinen, mädchenhaften Glieder, den Hut etwas nach hinten geschoben, das Haar verwirrt um die leuchtende Stirn, und ihre großen reinen Augen so strahlend und voll Vertrauen auf seinen Sieg, sie, die in ihrer Unschuld doch schließlich auf das Körperliche hereingefallen war und dem stählernen, furchtlosen Reiter auch Seelenstärke und Unabhängigkeit des Denkens angedichtet hatte; warum eigentlich? Weil er einen geraden, guttrainierten Körper besaß und eine gewisse Art physischer Furcht nicht kannte? Jugend, Jugend! Von ihrem Glauben getragen war er sich schließlich selbst wie ein famoser Kerl vorgekommen, auserwählt, dieses scheue und doch unendlich aufrichtige Geschöpf an sich zu fesseln . . . Er seufzte auf und küsste, sich plötzlich vorbeugend, ihre herabhängende Hand. Der Schmerz zog wieder so elend in seinem Genickwirbel. Da stand er auf und ging in sein halbdunkles Zimmer zurück, wo auf dem Schreibtisch so viel angesammelte, aufgeschobene Arbeit wartete.

 

Das war am Dienstag gewesen, Mittwoch kam, nicht heißer, das war nicht möglich, aber noch bleierner, schon seit dem frühen Morgen. Die Pferde fuhren mit großen Tonnen zum See hinunter, es sollte heute wieder im Gemüsegarten gegossen werden; Park und Blumen musste man ihrem Schicksal überlassen, da war für diesmal nichts mehr zu machen, die Fliederbüsche standen grau und matt und an den Wegrändern häuften sich ihre zusammengerollten Blätter, die braunen Grasflächen dehnten sich wie schäbige Löwenfelle, und auch die Linden auf der Terrasse ließen runzlige Blätter niedersinken; wär' es nicht so furchtbar heiß gewesen, es hätte Oktober sein können. 38

Papa saß unter den Platanen, gerade oberhalb der Wiesen, die sich bis zum See erstreckten. Er wurde stets sentimental, wenn er von diesem etwas erhöhten Platz die Landschaft überblickte.

»Hier will ich einmal ruhen, unter einem schlichten Stein«, sagte er, und seine Stimme bebte ein wenig bei dieser Vorstellung; er legte wie segnend die Hand auf Alis kleinen, frischgeschorenen Kopf (Ali wünschte sich in solchen pathetischen Momenten klaftertief unter die Erde, das Erhabene lag ihm nicht), »das ist das rechte Grab für einen ehrlichen Reitersmann.« Papas Augen blickten verschwommen. Nachdem die Post am Vormittag gekommen war, war's mit den Nerven ganz bös geworden, da hatte wieder das winzige Spritzchen helfen müssen. Ali war gerade dazugekommen. »Sage nichts an Mama«, flüsterte Papa und sah sich etwas schuldbewusst um, »du weißt ja, wie gut sie ist; sie macht sich dann immer gleich Sorgen. Aber bei dem verdammten Bohren ist es nun mal das einzige . . .«

Der Himmel über dem See war blauschwarz; er schien sich immer tiefer zu senken, der große Roggenschlag jenseits leuchtete fahl, unheimlich deutlich unter dem finsteren Gewölk. Papas Hand lag noch immer schwer auf Alis braunem Maulwurfsfell. Nun kam der Knecht mit den letzten Tonnen. »Heut Nacht wird's losgehen, Herr Rittmeister«, sagte er und legte militärisch grüßend die Finger an die alte, verfärbte Soldatenmütze. Die Räder ächzten, aber das hartgebrannte Wiesenland gab kaum nach unter der Last . . .

Auf der Terrasse vor der Haustür stand Mama in ihrem leinenen Reitkleid; sie hatte eben noch mal nach dem Vorwerk reiten wollen, um die neue Mamsell zu beraten – da war eben das Telegramm gekommen. Mit ihrem glatt zurückgestrichenen Haar unter der Mütze glich sie einem lang aufgeschossenen Jungen, wie sie da an der Rampe lehnte, die Hände in den Jackentaschen, der Fuß ungeduldig tappend. Sie händigte ihrem Mann das Telegramm ein.

»Der Bote wartet.«

»Mein Gott, warum hast du nicht aufgemacht?«

»Bitte, es ist an dich adressiert«, sagte Mama, die in solchen Dingen äußerst empfindlich war; Tante Brunislawas naiv gründliche Art, Ansichtspostkarten zu studieren, die nicht an sie gerichtet waren, konnte ihr Gänsehaut verursachen. 39

»Heute, acht Uhr zwanzig«, las Papa leise. Das Blut war ihm zu Kopf geschossen. »Lass Dralle rufen, bitte«, sagte er, schon an seiner Tür im Erdgeschoss.

»Ich gehe selbst.«

Mama ging hinaus in die bleierne Glut.

 

Dralle saß in Hemdsärmeln und gestreifter Weste auf der Bank vor der Sattelkammer und vesperte. »Dralle«, sagte die gnädige Frau, »Sie möchten zum Herrn kommen, er braucht Sie heut Abend zur Bahn.« Die Hände am Gürtel stand sie vor ihm, ganz blass in der flimmernden Luft. Reglos, aber doch bebte alles an ihr. Wäre sie ein junges nervöses Pferd gewesen, so hätte der Alte gewusst, was zu tun; mit seiner breiten, ruhigen Hand und tiefen Brummstimme verstand er's, allem, was in seine Obhut kam, Ruhe und Vertrauen einzuflößen. So aber fuhr er in die Höhe und stand still: »Zu Befehl! . . .« Aber in seine Augen unter den schräghängenden Lidern war der wachsame Hundeblick gekommen, den sie kannte, und der tat ihr wohl. Denn der Alte war aus ihrer Heimat, dort im Lüneburgschen, wo die Menschen so herrlich mundfaul waren; als sie heiratete, war er, ganz selbstverständlich, mitgekommen, der sie als Kind schon reiten und fahren gelehrt hatte und wie man sein Pferd selber putzt und sattelt. Zwischen ihnen waren nie viel Worte nötig gewesen.

»Ich wollte Ihnen längst schon sagen, Dralle«, fuhr sie etwas unsicher fort, und das zuckende Grübchen in der Wange kam und ging, »wie dankbar ich Ihnen bin, dass jetzt alles in den Ställen so ruhig und ordentlich zugeht, zumal mit den neuen Leuten.« Dann wandte sie sich zum Stall. Dorthin ging sie so manches Mal.

Drinnen waren die Fenster verhängt; alles kühl dämmerig und totenstill, die Stände leer, die Pferde noch auf dem Felde. In einer Ecke, neben der Haferkiste, krochen Erdas Kinder, das Braune und das Gefleckte, auf weichen Gummibeinchen im Stroh. Sie stießen flehende Tönchen aus, wie sie Gerda kommen sahen, und blickten zu ihr auf mit dem tieftraurigen Blick und den sorgenschweren Stirnen, die jungen Hühnerhunden eigen sind. »Ihr Armen«, sagte sie, von Mitleid plötzlich überfallen; so etwas Junges, Wehrloses; ganz hoffnungslose Augen machten sie . . . 40

Weiter zurück wieherte es leise. Das war Thilos altes Rennpferd, Cara, die schon mehrere wertvolle Fohlen gebracht hatte und dort, etwas entfernt von den robusteren Stallgenossen, das abgesonderte Dasein einer entthronten Königin führte. Feingefesselt, blank und seidig wie reife Edelkastanien stand sie in der Box und hatte den schönen, kleinen Kopf über die Wand gelegt. »Cara«, sagte die Frau und öffnete, und schon fühlte sie die warmen Nüstern an ihrer Wange. Ein Sonnenstrahl schlüpfte herein, die großen Pferdeaugen glühten wild und zärtlich auf. Sie stellte sich dicht an die alte Mutterstute und drückte das Gesicht in die warme Höhlung zwischen Schulter und Hals, wo das Netzwerk der Adern schauerte. Ihr war, als stünde sie an eine Schwester gelehnt, die verzaubert war und nicht reden konnte, aber alles verstand; alles was kühn und heiß und traurig ihr Herz aufrauschen ließ und plötzlich ihren Blick verdunkelte.

»Du und ich, Cara, du und ich –«, sagte sie und wusste nicht, dass sie gesprochen hatte. Und dann musste sie gehen, und die alte Cara legte wieder den Kopf über die Wand und sah ihr nach, diesmal ohne zu wiehern . . .

 

Die Kinder hatten noch Aufgaben für morgen. Aber sie blieben in dem langen, hellen Gang stehen, an dessen äußerstem Ende sich ein hohes Fenster nach dem Park zu auftat. Heute waren die weißen Vorhänge zugezogen, es herrschte ein totes, weißes Licht; es war ganz still, nicht einmal eine Wespe summte. Wie auf dem Meeresgrund, dachte Ali. Er hatte zu Weihnachten ein Buch bekommen mit Bildern von Korallen und Seeanemonen, die Schatten warfen auf den glatten weißen Sand, viele hundert Faden tief.

Die Kleudchen saß dort am Fenster, klein und dunkel, wie am Ende der Welt, vor ihr der Tisch, wo sich sonst die Flickwäsche türmte. Heute stand eine Schüssel darauf, und die Kleudchen hatte Minka, ihre kleine, fette Wachtelhündin, auf dem Schoß; sie fing ihr die Flöhe.

»Da«, sagte Adallah, der gleich Feuer und Flamme wurde, solche Jagd war doch zu interessant, »du musst den Finger nass machen, Fau Kleudchen, dann geht's besser.«

»Ja, die kleinen Schwarzen sind zu fix«, sagte die Kleudchen, »das sind die Männchen. Die großen Braunen können nicht so rennen.« 41 Sie steckte wieder einen ins Wasser. »Da könnt ihr zappeln«, sagte sie rachsüchtig.

»Fau Kleudchen«, sagte Adallah, »Vate fäht zu Bahn; es is 'n Tegamm gekommen.« Die Kleudchen ließ Minka zur Erde gleiten. Ihr kleiner, zahnloser Mund schnurrte zart und gramvoll zusammen. Sie blickte vor sich hin. Dann stand sie auf und ging mit kleinen, knappen Altweiberschritten den Korridor hinunter; der Kamm steckte in der Tasche ihrer schwarzen Moiréschürze; Minka watschelte kurzatmig hinterdrein.

»Kinder, Kinder«, sagte die Kleudchen. Und dann: »Macht euch nun an eure Aufgaben, nicht wahr?«

Sie ging die Treppe hinauf, es krachte bei jedem Schritt, sie musste sich am Geländer festhalten; auf halber Stiege machte sie halt. Die Kinder hörten sie in das verschlossene Zimmer gehn; dann machten sie sich an ihre Aufgaben für Herrn Pastor Gordon.

 

Nun war die abendliche Milchsuppe glücklich vertilgt, ein Gericht der Ewigen Wiederkehr, dem ebenso regelmäßig eine Schüssel der Jahreszeit entsprechenden Kompotts folgte. Adallah, der Obst nur in rohem, wenn möglich unreifem Zustande würdigte, hatte namentlich vor gekochten Pflaumen einen Abscheu, während ihnen Ali einen sekundären Reiz abgewann, indem er später die Kerne gegen die geschwärzten Ahnenbilder im Korridor spuckte. Er hatte sich darin zu einem wahren Scharfschützen ausgebildet.

Auch diesmal räsonierte Adallah leise mufflich vor sich hin, und die Kleudchen hatte ein Einsehen und räumte alles ohne Gegenrede weg. Sie schien heute nur auf eins zu drängen, dass die Kinder möglichst bald schlafen gingen.

Das Gewitter war noch immer zu keinem Entschluss gekommen. Auf der Seeseite zuckte es ab und zu fahl auf, und die Haufen dürrer Lindenblätter wirbelten plötzlich auseinander, wenn ein kleiner Windstoß sie aufkescherte. Die Schwüle hatte sich eine Spur gehoben, wer konnte sagen, ob heute Nacht noch die Erlösung kam.

Nachdem sie ein wenig an einem Lampenschirm für Papas Geburtstag gepappt hatten, gingen die Brüder, ziemlich klebrig und deprimiert, hinauf in den Giebel, wo ihr Zimmer war. Sie schliefen dort allein. Es war eine Diele in der Mitte, auf welche drei Türen mündeten; ihnen 42 gegenüber ein dem ihren ähnlicher Raum, wo Kleudchen die besseren Äpfel und allerhand Kräuter verwahrte, Fenchel, Krauseminze und Zitronenmelisse; es roch nach Apotheke durch die Türritzen. Im Hintergrund aber war ein Verschlag, wo Koffer und Körbe aufgestapelt standen, auch mancherlei ausrangiertes Mobiliar, kummervoll aussehende Lehnstühle und Etageren, denen Dominik bei Gelegenheit zu neuem Jugendglanze verhalf. Im Dämmerlicht gab es dort kuriose Umrisse, Schatten und Geräusche.

Die beiden genossen ihre Freiheit im Giebel, aber es gab auch Momente, wo sie lieber unten geschlafen hätten oder im Seitengebäude, wo Kleudchen ihr Reich hatte. Aber sie schämten sich, es einzugestehen. »Ich glaube gar, ihr habt Angst?«, würde Mama sagen und die Augenbrauen hochziehen. Nein, lieber knackende Schränke und unmotivierte, schlurrende Geräusche als das! Heute aber, mit dem Gewitter in den Gliedern, lagen sie recht klein und kümmerlich in ihren Bettchen, mit großen Augen zum Gebälk aufschauend, wo ein pelziger Nachtschmetterling mit Gebrumm seine Kreise zog.

»Will Satan mich verschlingen,
So lass die Engel singen:
Dies Kind soll unverletzet sein«,

betete Ali mit Nachdruck; sie hatten beide eine Vorliebe für diese hochdramatische Stelle. Und »Amen« klang es leise stockschnupfig aus Adallahs Bett an der anderen Wand. Diesem war der Gedanke an »Satan« heute Abend gar nicht so genussreich wie sonst.

Die Kleudchen sah mit dem Licht in der Hand mehr denn je aus wie eine treue, zuverlässige Hexe; den Kindern kam sie vor wie ihre einzige Rettungsplanke. Es war einsam und schwül hier oben, und morgen war Doktor-Löschwitz-Tag; sie würden wieder mit ihm spazieren gehen müssen, so langweilig; er wollte nie aus dem stickigen Park heraus. Herr Doktor Löschwitz kam stets im Bratenrock, er führte sie bei der Hand, er sagte ab und zu: »Nun, meine kleinen Freunde, und was machen die Wissenschaften?«, oder: »Nun, Freund Albrecht, wie sagt der Lateiner?« Lauter so einfältige Fragen, auf die man gar nichts zu antworten wusste; aber er ließ nicht los, und seine 43 Hände waren heiß und knöchern in den knirschenden Zwirnhandschuhen.

»Frau Kleudchen, bleib doch da«, sagte Adallah weinerlich, er war nun schon ganz haltlos. Sie saßen noch aufrecht, vom Beten her; ihre Hälschen streckten sich nach ihr aus wie Vogelhälse über den Nestrand. Die Kleudchen stand zögernd mit dem Licht; ihr Schatten schwankte langnasig über die Tapete. »Ich komme in zehn Minuten und bring' euch noch frisches Wasser«, sagte sie. Bis dahin würden sie eingeschlafen sein. Doch die beiden wurden wohl schläfrig, aber darunter blieb eine eigentümliche Unruhe bestehen. Papa war noch vor dem Abendbrot mit Dralle weggefahren, bei der Dürre konnte man den kürzeren Sandweg nicht nehmen. Unten saßen jetzt Mama und Herr Pastor, der immer am Mittwoch zum Tee kam. Aber heute blieb er nicht, das war seine knappe Art zu reden, auf dem Vorplatz, und nun Mamas tönende Stimme: »Ja, da ist der Regenschirm«; und dann ging die Haustür und fiel ins Schloss. Nun war es totenstill, nein, war das nicht Mama, die im Gartensaal auf und ab ging? Wenn sie ans andere Ende kam, drehte sie sich mit einem kleinen Ruck. Abends trug sie immer ein seidenes Kleid, und es war ihr im Wege, und dann sagte sie: »Ach, das grässliche Kleid . . .«

Ja, die Frau im Gartensaal ging schon eine Weile auf und nieder, die Hände auf dem Rücken, den Blick geradeaus, ohne viel zu sehen. Manchmal stand sie an der Glastür still und sah in die Finsternis, und wenn ein Blitz kam, blieben ihre Augen ruhig, als schauten sie andere Dinge.

Dieser Pastor gehörte also auch zu den Menschen, die »zum Guten« reden. Sie hatte Thilo beredet, die Stelle an Gordon zu geben. Seine schottische Abkunft, seine hagere, asketische Erscheinung, sein physischer Mut – damals, als sich der Bulle losgerissen hatte –, das alles hatte sich in ihr mit Vorstellungen von Cromwells ernsten Scharen zu einem Bilde puritanischer Einfalt und Furchtlosigkeit gestaltet, das eine heimliche, romantische Saite in ihr zum Schwingen brachte. Aber sie wurde seit einiger Zeit die Empfindung nicht los, dass Gordon bei allem, was er tat, in seinem eigenen Bewusstsein ein unsichtbares Publikum besaß. Es war nicht der gewöhnliche, äußerliche Ehrgeiz, den sie durchfühlte, nein, etwas Raffinierteres, den Ehrgeiz der Entsagung, der seiner Demut den heimlichen, erquickenden Stachel gab. Und sie 44 erkannte, dass er in schwierigen Momenten versagen musste, weil er nicht einfach genug war für all die Kompliziertheiten des Lebens.

So hatte sie denn allein, wie sie es gewohnt war, in diesen Tagen tief in die letzten Winkel ihres Herzens hineingeleuchtet, eine jener Generalrevisionen vorgenommen, wie sie ihr die frommen, livländischen Freundinnen als ordentliche und außerordentliche Exerzitien – ähnlich den Alarmübungen der freiwilligen Feuerwehr – so liebevoll eindringlich empfohlen hatten, und wenn sie dabei auch in anderem Geiste verfuhr als die sanften Gemeinschaftlerinnen, ihr war solche Übung von Zeit zu Zeit recht. In den zehn Jahren, die sie hier lebte, hatte sie Thilo mehr und mehr das Geschäftliche, die Rechnerei, die ihn so furchtbar irritierte, abgenommen, hatte mit mancher Unordnung und Unredlichkeit aufgeräumt, für die sie ihm im Stillen schwerere Schuld gab als denen, die träge Vertrauensseligkeit in Versuchung führte. Dabei hatte sich ihr Blick geschärft, sich gewöhnt, Ursache und Wirkung fast gleichzeitig zu erkennen und auseinanderzuhalten. Nun wollte sie auch sich selbst nicht schonen, nein, um jeden Preis mit ihrem Gott ins Reine kommen. Und da hatte sie manches gefunden, was sie beschämte, Selbstüberhebung, Herrschsucht, Heftigkeit, sogar gegen Untergebene, die sich nicht wehren konnten – recht erbärmlich war's gewesen; aber Menschenfurcht und Eigennutz waren nicht dabei. Sie hatte Thilo angefleht, hatte darum gekämpft, den Fremdgewordenen, das zertrümmerte Leben, das heute nur auf wenig Stunden hier einkehren sollte, nicht wieder von sich zu lassen. Er hatte doch nun seine Sünde verbüßt, nach dem Rechtsspruch, der bei all den braven, hochgeachteten Leuten galt, die unversucht in Ehren starben und begraben wurden, und für deren Gesetze, die trotz aller Tüftelei nie bis zu den letzten verwirrten Wurzeln einer Handlung drangen, sie dieselbe Geringschätzung empfand wie ein überzeugter Naturarzt für die Pflaster und Schlafmittel der berufsmäßigen Doktoren. Was half's, das Evangelium vom verlorenen Sohn zu bekennen, wenn man das Herz nicht hatte zu tun, was jener israelitische Vater getan? Aber das war eben die Halbheit, die Willensschwäche, dasselbe, was Thilo die unangenehmen Abrechnungen von Woche zu Woche verschieben oder ihn zu der feigen Spritze greifen ließ, sobald es stärker in der Schulter bohrte, dasselbe, was ihn seine jüdische Großmutter verleugnen ließ, aus deren Mitgift doch die Vorwerke 45 zurückgekauft, der englische Park und die nunmehr verfallenen Treibhäuser angelegt worden waren. Unbegreiflich! Hätte sie auch nur einen Tropfen des verpönten Blutes in den Adern gehabt, nie hätte sie's verleugnet. Ach, sie hatte sie gesehen, damals, in Livland, diese heimatlosen, jüdischen Leute, auf kleinen, öden Bahnhöfen gestrandet, im rieselnden Landregen oder in Glut und Staub zusammengekauert, gleich aufgescheuchten Nachttieren, denen plötzlich das Licht scharf und ohne Erbarmen in die Augen brennt. Diese Kinder, denen das bittere Leben schon so viel unkindliche Pfiffigkeit beigebracht hatte, diese engbrüstigen Männer, die etwas Weichzähes hatten, Geschöpfe, die sich zugleich anschmiegen und festklammern müssen, um zu bestehen; diese uralten Judenmütter, unbeweglich, ganz verwittert wie Steinbrüche; nicht ihr eigenes Alter, nein, all die tausend Jahre ihres Volkes schienen in ihre Runzeln eingezeichnet. Vor wenig Wochen saßen sie zwischen Kindern und Kindeskindern, am schöngedeckten Tisch, vor sich den heiligen Leuchter, den Kuchen und den Wein, und nun hockten sie hier, die Füße im Graben! Oh, ihr Wasser Babylons! Ein junger rothaariger Jude hatte traurig auf der Ziehharmonika gespielt. Und sie hatte sich so brennend gewünscht, ein großer Maler möchte das malen, wie sie es sah, den flimmernden Staub, die trostlose Landstraße, die Jammervollen da am Graben entlang. Aber hinter ihnen, riesengroß, geisterhaft, silberglühend in der gelben Mittagsglut, ein Kreuz, und unser Herr und Heiland daran, der die blutenden Hände von den Nägeln losgerissen hat und hinunterstreckt zu den Ausgewiesenen in unendlichem Jammer! Aber sie wurden verleugnet. Und verleugnen kam doch gleich nach verraten; ja, war's nicht noch schmählicher, so etwas Passives, Bequemes? Man hielt einfach den Mund, wo man hätte reden müssen, weiter nichts!

Aber ihre eigenen kleinen Söhne dort oben – es kam ein kurzes, trockenes Aufschluchzen in ihre Kehle –, die sollten unberührt bleiben von der Welt. Sie sollten nur wahr sein und deshalb furchtlos, ganz ohne Furcht und darum wahr. Vertuschen, schweigen oder sagen: Ich kenne ihn nicht – nein, das würde ihren Jungen unmöglich sein; da hatten ihre eigenen Vorfahren ein Wort mitzureden, die alten Niedersachsen, die lieber mit ihren toten heidnischen Brüdern verdammt sein wollten, als ohne sie himmlische Freuden gewinnen. Auf einen Augenblick sprühte der blaue Funken in ihren Augen auf, der die 46 Kinder, wenn sie ihn erhaschten, eine fremde, ungezähmte Mama ahnen ließ, die ihren eigenen Weg ging, auf den so kleine Jungens nicht mitgenommen wurden.

Wahr sein! Ach, nur das, nur das, alles andere legte sie gern in Gottes Hand, wollte heiter sein, nicht sorgen um den kommenden Tag, so wie die Freundinnen es ihr anempfohlen, deren tiefe Herzensruhe alles um sie her glättete und ganz einfach machte. Aber in dieser einen Sache, da musste sie selber Posten stehen, zur Stelle sein mit Augen und Händen und ihrem ganzen Verstand; da galt der Spruch, der ihrem Wesen entsprach: Mensch, hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Denn sie wusste, wenn es später hiermit nicht stimmen sollte, würde sie nie vermögen, sich ein X für ein U zu machen, es als eine Schickung hinzunehmen, es dem allwissenden Gott in die Schuhe zu schieben, sozusagen.

So ging sie auf und ab. Der lange Raum war halbdunkel, die Lampe über dem Teetisch machte nur die eine Ecke hell und heimlich. Aber die Blitze zerrissen die Nacht in immer kürzeren Intervallen. Unter ihrem Augenlid fing es wieder an zu zucken, das Kleid hing ihr schwer um die Glieder. Einmal griff sie nach dem Türpfosten und lehnte den Kopf auf den Arm, sekundenlang: Wie mochte wohl Frauen zumute sein, die ruhevoll und ohne Zweifel den anderen entscheiden ließen und wussten, es würde gut sein, was er auch erwählte? So ein Mann wie ein großer schützender Baum! Solche Frauen mussten doch einen wunderbaren Frieden haben, so großen Frieden, dass die Werktage fast wie Sonntage wurden . . . Oh, die dummen, schmerzhaft-süßen Gedanken, ganz matt wurde man davon; besser, sie nicht weiter zu spinnen.

Neben ihr auf einem Gartentisch standen allerhand blühende Töpfe. Sie knipste ein wohlriechendes Geraniumblatt ab und steckte es an den Gürtel, die herbe Süße tat ihr wohl. Sie hatte so ganz verschwiegene Vorlieben unter den Blumen. Nun war wieder ein Lächeln in ihre Augen gekommen.

Es schlug zehn. Da ging sie zu der erleuchteten Ecke. Mit ihren schönen ruhigen Händen zündete sie das Flämmchen unter dem Teewasser an, rückte Schüsseln und Blumen zurecht. Gleich würde die arme Brunislawa geschlüpft kommen und sich schüchtern und gewichtlos auf der Sofakante niederlassen, als hätte sie kein Recht 47 dazu. So überbescheidene Menschen waren im Grunde doch nervenangreifend. Ja und nun in ein paar Minuten musste der Wagen da sein.

 

Ali und Adallah waren, nachdem ihnen die Kleudchen Wasser gebracht, doch eingeschlafen. Aber nun wachten sie, ziemlich gleichzeitig, heiß und unruhig auf.

Das Gewitter schien jetzt Ernst zu machen. Das war kein Wetterleuchten mehr, sondern scharfes, bläuliches Blitzen. Der Donner kam immer näher und die Stimme des Windes hatte etwas zornig Pfeifendes, ähnlich wie der Bulle, wenn er ganz böse war und den Kopf zwischen die Vorderfüße bohrte. Die Fensterflügel zerrten in den Haken, und irgendwo war ein Laden locker geworden und klappte mit jedem Windstoß. Man hörte Baumwipfel sausen, tief und unheilvoll, Blätter huschten am Fenster vorbei; dann war es wieder ganz schwarz. Einmal mischte sich auch Rädergeroll in das Donnern. Die Haustür ging, Pferde stampften. »Oooda« – das war Dralles Stimme, die Braunen wollten nicht stehen bei dem Blitzen.

Die Kinder lagen steif unter ihren roten Wolldecken; der Wind fuhr ihnen abwechselnd heiß und kühl über die Haare. Oh, wenn sie doch jetzt unten wären bei den Großen, die gewiss um den runden Tisch, bei Tee und Lampenlicht saßen und sich gar nicht fürchteten, oder im Stall, wo Fritz Dralle im Verschlag schlief und die Laterne im Pferdedunst zwinkerte und Erda in der Kiste lag, das Braune und das Gefleckte liebevoll umringelnd.

Die Blitze folgten einander rascher; der Donner kam jetzt krachend, fast gleichzeitig; das war nicht mehr das tiefe Löwengebrüll des Anfangs. Unten gingen Türen, man hörte Stimmen, Papa krähend aufgeregt, Tante Brunislawas unverkennbarer Klagelaut, so perlhuhnartig, und zwischendurch die Kleudchen wie eine besorgte, vernünftige Truthenne: knapp, knapp, knapp. »Ich werde selbst hinaufgehen«, das war Mamas weicher Alt, »komm auch du, Stanja«, und Papa: »Nein, nein, später«, und wieder Mama: »Doch, Thilo, heute.«

Im selben Augenblick fuhr es blau zum Fenster herein; das Zimmer leuchtete hell auf, man sah jeden kleinen Riss in der Tapete; ein kurzes, scharfes Knistern, als ginge feines Glas entzwei, dem ein ohrenbetäubendes Knattern, eine hohe tückische Salve folgte; es roch seltsam 48 schweflig. Aber nun prasselten schon die Regenmassen aufs Dach, in die Baumkronen hinein; sie wühlten den Kies auf; sie bildeten sofort eine Menge kleiner, aufgeregter Ströme, die über die Terrasse liefen, immer eiliger, immer wütender, die Brüstung entlang, bis sie Ritzen fanden, zu denen sie vereint wie Dachtraufen hinausschossen in den verdorrten, versengten Apfelgarten hinunter.

Adallah hatte aufgeschrien. Ali blickte wie versteint nach der Türe. Dort, mit übergehängter Joppe, stand Mama, blass, mit feuchtem Haar, ihre Augen glänzten so sehr, sie lächelte. Würde sie sagen: »Ich glaube gar der Junge hat Angst?« Aber sie sagte nichts dergleichen, sie wandte sich zurück, ein Fremder stand hinter ihr. »Siehst du, Stanja, deine kleinen Brüder sind wach«, sagte sie, »nun müsst ihr gleich Freundschaft schließen.« Ein langer, schlaksiger junger Mensch mit fahlem, kurzgeschorenem Haar ging verlegen von einem Bett zum anderen. Er murmelte »Guten Abend«, er lächelte, aber so als täte es ihm weh.

»Gebt eurem Bruder einen Kuss«, sagte Mama, »denn ihr müsst euch sehr freuen, dass er wieder bei uns ist.« Ihre Hände klammerten sich um Alis Bettpfosten. Die Hände dort, in die sich nun die kleinen, zerkratzten Pfoten ihrer Kinder so zutraulich legten, sie hatten Menschenblut vergossen in tierischer Wut. Und bis es soweit kam, hatten sie anderes verübt, was die Menschen milder beurteilen und das Gesetz milder bestraft, und das ihr viel schrecklicher schien, weil es ihr unbegreiflicher war. War das nun ausgelöscht durch die Strafe? Oder blieb einer, der solcher Vergehen fähig war, dadurch gezeichnet für immer, zu einer Menschenschicht gehörig, die man bedauern, aber nie begreifen konnte? Und schlief vielleicht in ihren eigenen kleinen Söhnen ebenso giftiges Samenkorn und schlief sich nach Gottes Ratschluss zu Tode oder wachte plötzlich auf, mit unbändiger Triebkraft, wenn alles sicher und befestigt schien? Aber war das ein Grund, nachsichtiger zu urteilen, weil man selbst oder das eigene Fleisch und Blut ähnlich straucheln konnte? Wie die Menschen, die feige zu allem schweigen, um ihr eigenes Glashaus nicht zu zertrümmern. Was half Denken und Abwägen? Eines war gewiss: Er hatte zahlen müssen mit dem, was am kostbarsten ist, mit der unwiederbringlichen Zeit, mit Sonne und Luft und dem Rausch freier Glieder in der Morgenfrische, dort in der Enge und dem Schweigen, bei grauer, eintöniger Arbeit, ohne 49 Kameradschaft, ohne helles Ziel. Er hatte gezahlt mit langen Jahren der kurzen Jugendzeit und die vergrämten, alten Fältchen an seinem Mund waren die Quittung darüber. Aber was an ihr lag, das sollte geschehen, auf dass er noch einmal in Klarheit, ohne Vertuschen und gerade darum nicht ganz ohne Stolz, sein schweres Leben neu beginnen konnte; und wenn es ihn jetzt in weite Ferne führte, auch dort sollte er wissen, dass sie zu ihm stand in seinem neuen Leben.

»Wo warst du denn die ganze Zeit?«, fragte Adallah, dem der Fremde stumm und hilflos über den kleinen Hemdsärmel strich.

Der junge Mensch wurde rot, er murmelte den Namen einer fremden Stadt.

»Stanja ist in einer Schule gewesen«, sagte Mama. »Wir Menschen müssen alle in die Schule. Aber nun hat er ausgelernt.« (Wie geschraubt das klang, dachte sie, gleich als sie's gesagt hatte.)

»Bleibst du nun hier?«, piepste Adallah weiter, dem sich schon berauschende Aussichten auftaten, Kombinationen von Stanja mit dem Kahn und Haselnussexpeditionen mit Stanja und dem Gefleckten.

»Nein, morgen reise ich weiter«, sagte der neue Bruder. Er hatte eine verschleierte Stimme, die den Kindern wie ein fremdartiges Instrument vorkam; und es war da etwas Nettes mit seinen haselfarbenen, etwas schräg gestellten Augen, wenn er beim Lächeln das untere Lid so hochzog.

»Ja, aber du kommst wieder und kommst oft wieder, und schließlich bleibst du da und wirst unsere rechte Hand.« Mama hatte ihr leises Mädchenlachen und wurde rot. »Du bist ja unser Ältester. Ja, mein Junge«, und sie legte ihm die Hand auf die Schulter und strich sanft an seinem Arm herab, und aus ihrer Handfläche schoss ein heißer Strahl zurück in ihr Herz, »ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, dass du ganz bald wiederkommst in dein Elternhaus. Wo auch deine liebe Mutter gelebt hat. Ja und siehst du, mir gehorcht man.«

Der blasse Mensch lächelte wieder gequält, es war alles so freundlich gemeint, aber oh, beinahe sehnte er sich zurück, dorthin, woher er kam, wo er selbstverständlich war und dazu gehörte wie das eiserne Bett, der Schemel, der hässliche Blechkrug auf dem Tisch. Und sie fühlte es und quälte sich auch. Was half die beste Absicht – da waren eben noch Wunden. Es war, wie wenn man einem Schwerkranken sagt: So, nun schlafe schön, morgen ist dir besser; dann lächelten die 50 Kranken auch so mühsam, um ihren guten Willen zu beweisen. Wund war alles; was man auch sagte, es war zu deutlich. Ach, ihre Hand war nicht leicht genug für so schwere Dinge!

Sie wandte den Kopf dem offenen Fenster zu. Es hatte noch ein paarmal geblitzt, aber schwächer; der Donner klang weit ab, als habe das Ungetüm mit dem einen Schlag seine Wut verbraucht. Der Regen rauschte nieder in großen, ruhigen Wogen, ein unendlicher Segen.

»Lieber Gott, der Roggen!«, sagte Mama und horchte auf; ihr Mund bebte ein wenig. »Nun ist der Regen noch zur rechten Zeit gekommen.«

Sie ging zum Fenster; sie lehnte sich hin, als wolle sie das Rauschen trinken, als sei sie selbst ganz ausgedörrt gewesen. Es war ihr lieb dazustehen, unbemerkt; so konnten ihre Augen die beiden brennenden Tränen zurücksaugen, ungesehen.

Hinter ihr, bei den kleinen Betten, war nun ein Gewisper und Gekicher entstanden; sie merkte es wie im Traum. Und sie stand regungslos, ohne sich zu wenden; sie spürte, dass dort etwas vor sich ging, ganz außerhalb ihres guten Willens, etwas, das von Recht und Unrecht nicht wusste und nicht von Belohnen oder Verzeihen. Nein, ungerufen, sanft erobernd, wie das neue Gras hier früher und dort später die verdorrten Stellen durchbricht und belebt, heilend wie der Saft, aus der Wunde selbst bereitet, den Baumschnitt überzieht, dass er nicht faulen kann. Sie fühlte, sie konnte nichts dazu tun; aber abseits stehen, sich nicht drein mischen, nicht stören, das konnte sie. Demut! Sie hatte das Wort oft gebraucht, aber doch nur auf andere angewandt. Jetzt eben meinte sie, es in sich selbst zu erkennen.

Diese ereignisvolle Nacht, die die Kinder im Halbwachen durchlebten, dieses Gemisch von Donner und Wagengeroll, die kurze Erscheinung des großen Bruders, der von nun an wie ein unsichtbarer Kriegsgott bei allen Abenteuern der Schiedsrichter war, und, fast ebenso erstaunlich, Mamas Erscheinen hier oben, ihr leiser Duft, ihre Stimme, wie von Regentröpfchen durchglitzert, als sie dort am Fenster lehnte, abseits, freundlich, schwach erhellt . . . das alles wurde für Ali und Adallah zu einem unauflöslichen Ganzen, wie Dinge, die man im Nebel gesehen, sich getrennt nicht vorstellen kann.

Beinahe das Allermerkwürdigste aber war, dass, als sie bei gleichmütigem Regenakkompagnement wieder allein lagen, Dralle im 51 Gummimantel erschien, nass und wortkarg, aber doch wie ein rechter Himmelsbote, denn er hatte das Braune und das Gefleckte auf dem Arm, setzte dieselben auf die beiden Bettchen nieder und erklärte, es geschähe dies auf Befehl der gnädigen Frau. 52



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