Irene Forbes-Mosse
Laubstreu
Irene Forbes-Mosse

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Etüde

1.

Wenn am Nachmittag die Sonne durch die Läden drang und goldene Leitern auf Tisch und Sessel malte, übte Amsel ihr Adagio. Anfangs ging es glatt, aber das war trügerisch, bald wurde es schwarz von kleinen wimmelnden Noten, die alle untergebracht sein mussten; da waren die schrecklichsten Fallstricke, sogar Triller im Bass, wie eingesperrte Brummfliegen. Aber sie arbeitete sich durch, wie ein Maulwurf durch lichtlose Gänge, und dann kam die Belohnung, das Allegretto: still gefasst, auf feinen Füßchen, sah sich's versonnen um in dem dämmernden Raum, und irgendwie schien es den Ausdruck der Dinge umher zu haben, sich zu vermischen mit dem Duft der Herbstveilchen, mit dem sonngebleichten Gelb und Grau der Kretonnerosen; eine schöne, weiße Hand leuchtete auf, ein schleifender Schritt kam gegangen, ein Lachen war dabei, dunkel und zärtlich.

Die feine, zerbrochene Seele, die über Amsels Kindheit wachte, kam seit Jahren an diesen winters so verlassenen Ort, wo für sie in den großen Alleen, vor den Säulen des weißen, langgestreckten Kurhauses, die Erinnerung wandelte, angetan mit der Krinoline des zweiten Kaiserreichs, jener Zeit, da alles jung und erwartungsvoll gewesen und sie selbst, die schöne Anselma, den Menschen ins Herz gedrungen war wie ein Wohlgeruch. Kalte Winde ließen sie erschauern, für den Süden aber fehlten ihr die Mittel, so kam sie, wenn der Herbst zu Ende ging, immer wieder in das stillgewordene Tal. Dann taten die großen Gasthäuser die Läden zu, in den Gärten roch es nach moderndem Laub, und auf den Wegen war es menschenleer, aber oh, so voll von Erinnerung. Sie passte nicht mehr in Menschengewühl; Gespenster, ja, die drängten sich heran, aber wie sanft gingen die mit ihr um. Und mehr und mehr zog sie sich zurück; wie ein krankes Tier, fühlend, dass der Kampf zu Ende geht, sich unter Hecken in eine Mauerritze verkriecht in der stillen Anspruchslosigkeit des Todes.

Schon zum vierten Mal war sie in die Villa an der Berglehne eingezogen. Wie der Wasserfinder die Quelle, so spürte sie Häuser auf, die 53 bessere Tage gekannt und nun, im Alter verwahrlost, einen eigenen Lockreiz hatten. Mit silbrigen Dächern, mit schönbemessenen Räumen und schlanken Fenstern hinter geflickten Markisen, träumten sie in der Herbstsonne. Der Hausrat alt und fadenscheinig, die Kretonne gedemütigt durch allzu häufige Wäsche; aber da waren noch schöngearbeitete Türschlösser, wie man sie nicht mehr macht, schmale Goldleisten fassten die Tapeten ein, Kamine warteten auf Winterabende, und hinter weißen Holzpaneelen, die kniehoch um die Wände liefen, raschelten die Mäuse. Alles aus einer Zeit, als die Häuser fein und zierlich und die Gärten groß waren, und die Menschen anmutig, aber ganz ohne Prunk den guten Dingen dieser Welt die Türen auftaten. Und wenn das gesternte Parkett in der Sonne knackte, ging ein Knistern alter Modenjournale durch die Zimmer und Erinnerung an Lavande ambrée, von sachttretenden Dienern auf zischende Schaufeln getröpfelt. Hier standen noch Hortensien in grünen Holzkübeln und Fuchsien mit ihrem feinen Glockenspiel; auf die gefleckten Sandsteinstufen sanken Blätter und Beeren, Pappeln säuselten golden in der stillen Luft. Der nächste Sturm würde alles mitnehmen, aber noch waren die Tage warm, die Nächte gütig, und im Grase lagen süße, wurmstichige Birnchen, und die letzten Wespen nagten sich hinein, bis der erste Frost sie lähmte.

An der Wand, gradüber dem Flügel, hing Tante Anselmas Jugendbild. Mit den leuchtenden, weich gleitenden Schultern, dem Grübchen in der Wange, dem kurzsichtigen, amüsierten Blick zwischen zusammengezogenen Lidern, in Spitzenwolken gehüllt, eine Garbe ziemlich unwahrscheinlicher Blumen im Arm, einer der schönsten unter den schimmernden Schwänen, wie sie einst, unnahbar und doch empfindsam, und alle mit einer leisen Familienähnlichkeit, aus Winterhalters Atelier hervorgerauscht kamen. Amsel starrte hinauf. Nun waren Wange und Kinn zart gewelkt, wie die Ränder der Malmaisonrose, die es so rasch verrät, ob sie am Tage vorher gepflückt ward. Aber das Grübchen war noch dasselbe, das kam und ging wie Sonnenflecken durch die leisklappenden Jalousien.

Abends, wenn das Lampenlicht die Möbel streichelte und hier und dort ein Bildrahmen, ein Türschloss aufglühte, ließ Tante die graue Häkelei sinken und ging an den Flügel, auf dem das Bild der schönen, unglücklichen Großfürstin stand. Sie blinzelte ihr zu, während sie 54 spielte, mit zurückgeneigtem Kopf, die Zigarette im Mundwinkel. Und es war, als ob Chopins feines Filigran mit dem Rauchgekräusel zusammenflösse, aufstiege in immer leichteren, immer durchsichtigeren Spiralen. Amsel saß an der Erde, die Hände um die Knie, und feine Klingen stachen ihr ins Herz; denn süß und zögernd ging die Melodie an ihr vorbei, und sie hätte bitten mögen: »Bleibe, bleibe«, aber schon war sie in breiterflutenden Gewässern untergegangen, Dinge, die wild und herrlich waren und vergangen sind, hoch aufrauschend von ritterlichem Opfermut und goldenem Leichtsinn . . . nur zum Ende noch ein paar Takte wie am Anfang, Arme, die sich auftun, schüchtern flehend. Wie stand doch unter dem Marienbild, dort in dem kleinen Bergdorf: »Mein armes Kind, wo gehst du hin, weißt nicht, dass ich deine Mutter bin?«

Tante Anselma ließ die Hände sinken; die große Müdigkeit war über sie gekommen. Stromab; wie leicht ist das, wenn man müde wird; und die Mündung war nicht mehr fern.

Wenn sie dann wieder bei ihrem Buche saß, starrte Amsel darauf hin, ohne die Blätter zu wenden. Sie musste an so vieles denken, was ihr Tante erzählt hatte und was da, während der Musik, an ihr Herz gepocht hatte, wie Zweige ans Fenster pochen, wenn der Wind geht: Tante als kleines Ding auf dem Schoß des großen Verbannten, inmitten feurig redender Männer und Frauen mit leidvollen, brennenden Augen. Da klirrten Waffen, da zogen Revolutionen dröhnend durch die Nacht. Und andere Menschenzüge wanderten, stumm, verzweifelt, endlos durch den Schnee, und neben jedem Mann stapfte eine Frau . . . dann wieder Lichterglanz und Rauschen, und immer tönte Musik, wild oder zärtlich, wie hinter einem Vorhang. Die schöne Anselma ging durch große Menschenmengen, wie heute durch die Einsamkeit, fein und etwas spöttisch und ganz ohne Furcht, Verfolgten und Geächteten hatte sie Treue gehalten. Aber auch in die Mächtigen dieser Erde hatte sie ihr Vertrauen gesetzt und war nicht getäuscht worden. Folgte sie einer Witterung, wie Tiere und wilde Völker sie haben, die sie den einen zugänglichen Punkt in eisernen Herzen finden ließ?

Ganz jung war sie mit Onkel verheiratet worden, und mit ihm hatte sie wohl so manches durchgemacht. Zeitweise mussten sie auf das verwahrloste Gut ziehen, von dem die alte Kammerfrau noch heute mit Schaudern sprach. Dann lagen ihre Perlen auf dem Leihhaus, 55 ja schließlich kamen sie nicht wieder. Vor ein paar Jahren war Onkel noch einmal aufgetaucht; elegant und verwittert und etwas kreuzlahm, mit großen Saphiren an den nikotingelben Fingern und der ganzen überströmenden Galanterie des schlechten Gewissens. Man saß bei Tische, die Kerzen knisterten, die Malmaisonrosen, die er gekauft hatte, in ihrer Mitte. »Votre fleur, chere amie«, sagte er, und Amsel wand sich; wozu sprach er eigentlich französisch, er schnurrte das R so, dann war er ihr erst ganz antipathisch. Von Biarritz erzählte er, von Monte Carlo und den »potins de Florence«, denn jeden Winter war er an einem anderen Ort. Tante sah geistesabwesend vor sich hin; es war doch seltsam, dieser fremde Mensch, dessen Namen sie trug . . . Aber voller Fürsorge war sie doch, konnte sich nicht genug tun an Aufmerksamkeiten für seine Gesundheit und sein Behagen. »Der Arme«, sagte sie, »er hat sich sehr verändert, und es hat etwas Schmerzliches, wenn jemand so begnügsam geworden ist, der früher so verwöhnt war. Ach und etwas Nachsicht und Fürsorge, das Kleingeld hat man ja immer übrig. Den andern freut es, und er hält es für gutes Gold. Nun, Gott verzeih uns allen.« Es lag ihr nun einmal nicht, mit jemand abzurechnen, mit dem sie auch nur eine gute Stunde verlebt hatte. »Es ist so schrecklich umständlich, Buch zu führen über Recht und Unrecht«, sagte sie; »das ist eine Arbeit, die ich gern unserem Herrgott überlasse.«

Nun aber kam Onkel nicht mehr. Tante ließ alljährlich eine Messe für ihn lesen, und es war aus irgendeinem Album ein Bild von ihm auferstanden, aus seiner schönen Zeit, als beau ténébreux an einer Säule lehnend, halb Taschenspieler, halb Fürst der Finsternis. Wenig Bekannte nur drangen in ihre Einsamkeit; ein paar alte Russinnen, die hier das ganze Jahr verbrachten, waren die Getreuesten. Ihr Haus lag rosenumsponnen über den großen Klosterwiesen, eingenistet in dem verwilderten Garten, in Tulpenbäumen und Linden und riesenhaftem Azaleengebüsch. Ewig froren sie, und im Salon flackerte zu allen Jahreszeiten das Feuer im Kamin. Man konnte sich kaum zu ihnen durchwinden vor fürstlichen Andenken: Malachittischchen und gestickte Wandschirme und lebensgroße Katzen aus Porzellan. Die Luft war blau von Zigaretten, und es wurden Bonbonnieren herumgereicht, unerhörte Pariser Fondants, die wie Taufkinder in gepolsterten Atlasschachteln lagen, rosa oder strohgelb oder pistaziengrün. Dort 56 traf man bejahrte Diplomaten, wichtig und geschwollen, voll dunkler Rankünen und einer Fülle einbalsamierter Anekdoten. Oh, wie schnatterten die alten Russinnen und stießen kleine Schreie aus wie teilnahmsvolle Papageien und nannten einander beim Vatersnamen wie in den Büchern von Tourguénief, und immer die Zigarette im welken Mund, die Lippen vom ewigen Rauchen schlaff geworden, wie bei den drei Spinnerinnen im Märchen, redeten sie von Politik und Liebe und Verstorbenen. Amsel saß derweil über juchtenlederne Albums gebückt und besah sich die Menschen, wie sie früher ausgesehen hatten; Herren, romantisch schmerzlich mit ihren Vatermördern und schwarzen Halsbinden, den Zylinder in die Hüfte gestemmt, ein ganzes Adagio im Blick; und feine Frauen in seidenen Krinolinkleidern, wie die Püppchen, die man aus umgestülpten Mohnblumen macht; elegisch über Balustraden gelehnt, eine Weintraube essend: kleine erlöschende Gespenster, die in den alten duftenden Büchern langsam vergilbten.

Wenn sie dann wieder daheim waren, konnte es nichts Schöneres geben, als wenn Tante »Albumgeschichten« erzählte, gerade jetzt, wo es früh dunkelte. Draußen seufzten die Pappeln; die Moderateurlampe stand milde auf dem Tisch, von den Rosen löste sich ab und zu ein Blatt, und in der Lampe fiel, still und zuverlässig, ein Tropfen Öl in den Behälter. In ihrem Schein liefen Herbstmotten über den Tisch, die winzigen, perlmutternen und die großen mit weißen Pelzröckchen und Gesichtern wie kleine Eulen. Dann erzählte Tante. Und wie sie erzählte, wurden Länder und Bauten zu etwas zauberisch Kleidsamem, in dem sie herumging, jung und fremd, und war doch wie beim Träumen ganz selbstverständlich, sie durch die fernen Perspektiven kommen und schwinden zu sehen. Da war Venedig. »Dort sitzt die Markuskirche wie eine große goldene Henne«, sagte sie. Und Amsel sah alles in Gedanken, sah die braungoldenen Tiefen, wo die Säulen wie Orgeltöne aufsteigen und wieder verschwimmen in Weihrauchblau und Schatten, all das wimmelnde, traumartige Gehen und Stehen der Menschen, sanftbewegt wie Algen auf dem Meeresgrund. Draußen auf dem Platz war Musik. Da saß Tante in einem weißen Kleid mit vielen schwarzen Samtbändchen benäht und aß Eis mit den jungen österreichischen Offizieren, die so fabelhaft dünne Taillen hatten. Rauschende, wiegende Musik. Und Kähne kamen von den Inseln, mit Melonen und Trauben und Paradiesäpfeln ganz beladen, tief 57 schwammen sie im Wasser, und andere, aus Murano, mit farbig glitzernden Glasperlen, hineingeschüttet wie Sand. Einer zog langsam vorüber, mit einer gehäuften Last von schwarzem Schmelz und Flitter – wie funkelte das traurig-prächtig. Wie der Tribut einer trauernden Königin sei es gewesen.

Compiègne! Die mächtigen Alleen, die am Ende zusammenliefen in einem grüngoldenen Punkt; die uralten Bäume bilden ein Gewölbe, unter dem Tante mit der schönen Kaiserin fährt. Beide in bauschenden Kleidern, mit gestickten Bolerojäckchen, winzige Barettchen auf dem schweren Haar, eine Feder wallt ins Genick. So, immer die breite, dämmrige Allee hinunter, trott, trott, mit schweren, glänzenden Karossiers in den grüngoldenen Punkt hinein. Dort, in der Sonne, träumt der schlanke Pavillon, mit Bildern berühmter Jägerinnen in den Stuck der Wände eingelassen; dort liest der feine, ironische Schriftsteller seine Novellen vor; Sehnen und Entsagen, wie kühl, wie knapp in Worte gekleidet . . . Manchmal kommt auch der Kaiser. Fett und müde, mit schweren Augenlidern, man wusste nie, schlief er oder hörte er zu. Aber immer ritterlich und voll behäbiger Grazie.

Andere Bilder. Tante in Galizien. Um zu sparen. Das war auch eine Abwechslung. Nachher konnten wieder Smaragden und Brüsseler Spitzen an die Reihe kommen. Ihr war das Lumpenleben recht – sie lachte zu allem. Nur mit der Leibwäsche, ach Gott, ja, da war sie wohl sehr verwöhnt. Madame Céline flickte und stopfte, es war so fein, so mürbe. Und dann, dass sie immer Blumen haben musste, auch im Winter . . . Aber sonst? »Du lieber Gott«, sagte Madame Céline, »Madame gab ja alles her. Es kam ihr nicht darauf an, immer dasselbe zu tragen. Wenn sie dann den Hals so reckte, was ihr die Leute als Hochmut auslegten, aber es war doch nur, weil sie kurzsichtig war – und groß und schlank in einen Salon hereinglitt – une déesse, quoi? – wer dachte da an Kleider!«

Das Leben auf dem Gute, mit den Tanten, war ein Hauptthema für Madame Céline. »Ah le vilain pays, mademoiselle«, klagte die kleine Französin mit dem verwitterten Gesicht, den rastlosen Augen, dem glatten, korrekten Veuve d'employé-Kleide: »Nichts als Stoppeln und Sümpfe und la boue haut comme çà. Weiden standen an den Landstraßen, schwarz von Krähen. Wie sie schrien, die Unglücksvögel. Das Haus, nur ein Stockwerk, aber lang wie eine Schlange. Wenn Madame 58 klingelte, musste ich erst durch sechs andere Zimmer, alle gingen ineinander wie ein Korridor. Le palais des taupes, quoi! Gott, wie es da aussah. Überall lagen die Tanten herum, auf allen Sofas, des vieilles avec des burnous, mit gelben Babuschen an den bloßen Füßen und die Hände voll kostbarer Ringe – und die Nägel gelb von Tabak. Denn immer wickelten sie Zigaretten und spielten Patience, schon am Vormittag. Et toujours un tas de petits chiens – unter den Plümos, es war wie Erdbeben. Oder sie schlampten im Garten herum in Frisierjacken und Papilloten und pflückten Beeren; dann wurde Saft gekocht oder Gurkenwasser gegen die Sommersprossen. War das nun ein Milieu für meine junge Dame, die an allen Höfen Regen und Sonnenschein gemacht hat und in allen Sprachen korrespondierte avec des personnages illustres? Aber der Engel, sie lachte nur. Abends stieg sie gern auf eine Anhöhe, wo eine Windmühle war; da stand sie, und ihr Kleid wehte . . . man sah so weit ins Land, der Himmel war wie eine Feuersbrunst, die Fohlen liefen herum mit wilden Mähnen. C'est beau, sagte Madame. Nun ich konnte mir Schöneres denken, so ein Apriltag auf den Boulevards, wenn's eben noch geregnet hat, aber die Sonne scheint aufs nasse Pflaster, und die Blumenkarren mit Veilchen duften so frisch . . . Ich wäre dort an Melancholie gestorben, wenn nicht der Bücherschrank gewesen wäre. Er roch nach Schimmel, der Atem verging einem, wenn man aufschloss. In dem einen Sommer las ich zweiunddreißig Bände Paul de Kock. Er rettete mich vor Tiefsinn. Kein Wort verstand ich, was diese Wilden sprachen. Die Mädchen gingen mit bloßen Beinen und hatten Ketten aus Vogelbeeren um den Hals, aber die Betten wurden von Männern gemacht; struppig waren sie comme le père Noël und hatten außer ihren gestickten Hemden auch nichts Nennenswertes an. Es war ja tief drinnen in dem barbarischen Lande, »sur la route de Varsovie. Si mademoiselle voulait se tolurner un peu«, sagte Madame Céline, denn sie probierte Amsel ein neues Kleid an, aber die Stecknadeln in ihrem Munde hinderten nicht ihren Redefluss.

»Am Nachmittag«, fuhr sie fort, »kamen die Nachbarn, geritten und gefahren. Dann fuhren die Damen aus dem Mittagsschlaf, avec des cris de paon, und zogen sich endlich an. Das waren kuriose Toiletten. Aber meine junge Dame war immer duftig, und wenn ich die Nacht hätte durchbügeln müssen. Damals trug man Mullkleider mit 59 Volants, so etagenweis bis oben . . . Sie sah aus wie eine Glockenblume aus ›fleurs animées‹. Dann gab es Tee und Framboise und zwanzigerlei Konfitüren, und Melonen, nie sah ich solche Melonen. Die Damen schrieben einander Rezepte ab. Wenn dann die Lampen kamen, wurden die Karten geholt, sie spielten die halbe Nacht durch. Oft flogen Fledermäuse herein, ich hätte geschrien vor Angst, aber die Alten banden sich Antimakassars um die Köpfe und spielten ruhig weiter; das gab Schattenbilder an der Wand, die reinen Hexen; aber sie blieben totenernst dabei. Ihre Tante langweilte das ewige Kartenspielen, sie setzte sich an den Flügel, un Erard passablement vermoulu, dann sahen die alten Damen von den Karten auf und nickten den Takt mit den Köpfen. ›Ah, Beethoven, il n'y a que çà‹ – sagten sie. Aber wenn sie Chopin spielte, weinten sie, denn sie hatten ihn alle geliebt und an seinem Sterbebett gesessen. Junge Herren kamen auch, sie lagen Ihrer Tante zu Füßen, wie auch konnte es anders sein! Da war der Stefan Czartorisky, Gott, wie distinguiert, des pieds d'enfant et toujours le mot pour rire. Wir alle beteten ihn an. Aber er hatte eine viel ältere Frau, eine hässliche Viper, sie verklatschte meinen Engel, und da gab es dann des embêtements avec Monsieur le comte . . . Zum Herbst wurde es ganz einsam, die Wege waren ein Morast. Da saßen sie dann im Salon und stickten auf Stramin, Rosen und Pensees, ich seh' das Muster noch, un vrai cauchemar, ›c'est un peu monotone, ma pauvre Céline‹, sagte Madame, wenn ich alles wieder auftrennen musste, denn mit Handarbeiten ist sie nie ein Held gewesen. Gott, sie war noch so jung. Man musste sie lachen hören . . . Ja, damals waren Sie noch gar nicht auf der Welt! . . .«

 

Amsels Erziehung war, nächst dem Gott Zufall, einer Reihe mehr oder minder verdienstvoller Fräuleins anvertraut, deren Kommen und Gehen durch den Wechsel des Aufenthalts bedingt war, aber auch durch plötzliche Erkenntnisblitze, dass Tantes Mitleid ihrer Menschenkenntnis Dunst vorgemacht hatte. Eine Deutsche, bieder und schwärmerisch, die in Amsels Erinnerung mit dem Lied von der Glocke und einer fürchterlichen Brosche aus Elfenbein verschmolz, denn beim Hersagen jener ebenso unsterblichen wie langatmigen Dichtung hatte sie immer, wie der Vogel auf die Schlange, dorthin gestarrt. Einmal gastierte auch eine Pariserin mit dünner Taille und kleinen Füßen. Mit ihrem 60 schmalen Kopf, ihren schwarzen, zusammengewachsenen Augenbrauen, saß sie wie ein gereizter Schwan, der gleich beißen wird, hinter den Büchern. Aber sie verschwand meteorartig. »Der himmlische Akzent war schuld«, hörte Amsel Tante sagen, »der ist für mich wie für den Schweizer der Kuhreigen.« Nach ihr kam ein Fräulein aus dem Waadtland, mit flachem, kalvinistischem Strohhut und hüpfender Intonation, die an Heimweh litt. Sie erzählte vom Pasteur und dessen Sohn, le missionnaire, un jeune homme si bon, si doué, und wie sie zusammen im Frühling in die Berge zogen »pour cueillir la gentiane«. Durch diese junge Helvetierin wurde Amsel mit der ebenso vortrefflichen wie findigen Familie des Robinson Suisse bekannt. Nichts brachte diese Menschen außer Fassung. Denn immer, im kritischen Augenblick, spürten sie die außergewöhnlichsten Dinge auf, um ihren Hunger zu stillen, essbare Ameisen, Stachelschweine und Schildkröten, oder auch Faultiere, die wie Räucherwaren stumpfsinnig an ihrem Aste hängen blieben, bis sie gebraucht wurden; von unerhörten Früchten zu schweigen, die den Nährwert der Kartoffel mit dem Wohlgeruch der Ananas verbanden. Man brauchte um das leibliche Wohl der Familie wirklich nicht bange zu sein. Aber auch für geistige Stärkung sorgte der Himmel. Denn im Augenblick tiefster seelischer Depression, als sie mit ihrem Schicksal zu hadern begannen, kam von dem unerschöpflichen Wrack eine Bibel angeschwommen. Beschämt sanken sie am Strande auf die Knie, und Vater Robinson sprach ein Dankgebet. Und das alles in tadellosem Passé Défini vorgetragen! Ja, es war beinahe zu viel der Tugendhaftigkeit, so als ob einer Lebertran einnähme und dazu auch noch lächeln würde.

 

Die alten Bäume in der Allee waren braun geworden, kleine Buben in gestrickten Mützen suchten Eicheln im dürren Laub, und auf den Klosterwiesen, wo die Laienschwestern, großen Elstern gleich, das letzte Grumt geharkt hatten, standen nun die Herbstzeitlosen, blass und zerbrechlich. Der blaue Dunst, der klares Wetter verhieß, schlug morgens in glitzernden Tröpfchen an den Fensterscheiben nieder. Der Herbst war milde hier, der Winter kurz; nur einmal ausschlafen wollte die Erde, nach all dem Blühen und Schenken; bald, schon im Februar, fing es wieder an zu wispern und zu keimen. 61

Tante sah still in die Luft. Hier hatte sie als junge leichtherzige Frau gute Tage erlebt und dann noch einmal, ein paar Jahre später, als das ganz große Glück Besitz nahm von ihrem Geist, ihren Gliedern, von jedem seligen Tropfen Bluts. Ach, gut war es gewesen, gut!

Auf der Promenade hatten die kleinen, eleganten Buden geschlossen, nur der Mann mit den böhmischen Gläsern und der Mann mit den Kuckucksuhren saßen noch hinter ihren Waren wie verklammte Vögel. Und der alte Tiroler mit dem Quastenhut und seine stattliche Frau, die allen Fürstlichkeiten der Erde Handschuh anprobiert hatte, waren auch noch da, aber sie packten ihre Schachteln zusammen. Vor der Bude standen Tisch und Stühle, die Blumenverkäuferin kam mit Herbstveilchen und den kleinen, ausdauernden Monatsrosen. Tante schwatzte mit ihr. Es ging immer gemütlich zu, wenn sie dabei war, das leichte Blut ihrer süddeutschen Mutter redete seine Sprache. »Wenn ich nur wüsste, warum es oft bei herzensguten und gar nicht dummen Menschen so furchtbar langweilig zugeht«, sagte sie. »Ich schwör' dir, Amsel, ich wollt' den Kaiser mit unserer Frau Schwämmle zu einem Kaffee bitten und die Stimmung sollte großartig sein. Man muss sich nur fest einbilden, dass man sich für die Antworten der Menschen interessiert, und das Kuriose ist, dass man es dann schließlich wirklich tut. Und ob's nun ein König ist oder eine Waschfrau, alle brauchen sie halt Verständnis, aber sie merken's ganz genau, ob es echt ist oder nur so Getu. Wenn ich vier Wochen lang Königin wär', ich sag' dir, ich wollte die Leute königstoll machen.«

Das Kurhaus lag weiß und langgestreckt im Nachmittagslicht. Tante ging hin und her, blieb manchmal stehen. Sie sah da wohl mehr, als für andere zu sehen war. Dort, unter dem »russischen Baum«, hatte sie oft mit den Cousinen gesessen. Sie spielten Domino mit dem alten galanten Staatsmann, und die Adjutanten des Königs stellten sich dazu, schlanke, preußische Tannen, und gaben Ratschläge, denn die alten Russinnen nahmen es furchtbar ernst mit dem Spiel.

Hier traf sich die Tugend zu Fahrten und Landpartien nach alten Jagdschlösschen und Ruinen, wo man auf Türme stieg und in die schauernden Wälder niedersah und weit in die Ebene, die glitzernde, in Sonne und Dunst. In Char à bancs und englischen Mailcoaches, vier- und sechsspännig, ging es los. Sie saß meist auf dem Bock neben dem dicken, rothalsigen Mister Tomlinson, der seines zarten 62 Töchterchens wegen hier lebte . . . Es war ein fast traumhaftes Gefühl des Ausruhens neben dem vierschrötigen Riesen. Einmal waren sie in ein Wagenknäuel geraten, die Pferde bäumten sich, alles schrie und fluchte. Der starke Mann neben ihr zupfte kaum ein wenig an den Zügeln, und seine kleinen, hellblauen Augen blitzten in dem ziegelroten Gesicht. »Sit tight, you are quite safe, little girl«, hatte er gesagt, denn in ihrer holden Jugendschlankheit kam sie ihm kaum älter vor als sein eigenes kleines Mädchen. Und dann zwang er die vier Pferde mit unmerklicher Gewalt, rückwärts zu treten, und schon hatte sich das Chaos entwirrt. Ihr war gar nicht bang gewesen, eher schläfrig; wenn er dabei war, fühlte sie sich geborgen wie einst als Kind in ihrem kleinen Gitterbett. Ach, wie gut war das Leben! An Rebenhügeln ging die Straße vorbei, die blauen, duftbestäubten Trauben wurden geerntet. Hübsche, sonnverbrannte Mädchen lachten unter roten und gelben Kopftüchern. Zwischen den Weinstöcken ragte ein großes graues Kruzifix in die Luft, und die Leute setzten ihre schweren Butten zu seinen Füßen und wischten sich den Schweiß von Hals und Stirne. Manchmal fuhr man im Tal, das Flüsschen hinauf, bis zu dem Wasserfall, wo es Forellen gab und säuerlichen Landwein. Wie flammten die Bauerngärtchen, Rosenstöcke ganz beladen, Kapuzinerkresse und blaue Winden in luftigem Gerank; große reife Kürbisse lagen in der Sonne, und unter den Dächern hingen Girlanden von Welschkorn. Aber von den Wiesen kam der Geruch vom zweiten Schnitt, der so scharf ins Herz greift, wie Anklammern an ein letztes Glück, und über den Höhen lag Dunst, damals wie heute der Bote milder Tage.

Sie hatte das alles ganz unbewusst geschaut und in die Scheuern gesammelt; heute zehrte sie davon. An Abende dachte sie zurück bei der berühmten Sängerin, die sich in einem Seitental, von Erlen umdämmert, einen kleinen Musiktempel erbaut hatte. Mit halbgebrochener Stimme trug sie die alten feierlichen Arien vor. Ihre großen, furchtlosen Gebärden, ja ihre düstere Hässlichkeit passten zu der Meisterschaft, mit der sie Licht und Schatten breit und unbekümmert hinwarf. Oder sie sang spanische Volkslieder mit ihren Töchtern, jungen, mageren Geschöpfen, bräunlich wie Hindumädchen, aneinandergelehnt . . . Wie das von ihren Lippen kam, die heiseren Rufe des Maultiertreibers, der langgezogene Schrei des Melonenverkäufers; und die Mutter am Klavier, die mit dunkler Stimme ihren Part mehr knurrte als sang . . . 63 Zerstoben, verstummt. Wer konnte sie noch singen, diese schmerzlich gefassten Rezitative in königlichem Faltenwurf, diese gramvollen Arien, in denen es wetterleuchtet von niedergepresstem Gefühl? Der kleine Musiktempel war abgerissen, das Wohnhaus in andere verbaut, die Bäume gefällt. Und daneben, wo der verbannte Dichter wohnte, einer der vielen seines Landes, die verfolgt wurden um der Gerechtigkeit willen; ja, das Haus war noch da, aber tot, mit geschlossenen Läden, die Wege von Moos übersponnen, stand es zwischen großen Platanen über dem kleinen Gehölz, wo im Mai die Nachtigallen im Faulbaum schluchzten. Und sie dachte an den schönen, grauhaarigen Mann, wie er, weißgekleidet, mit schweren und doch weichen Schritten, einem guten Bernhardinerhund ähnlich, im Garten auf und ab ging, wenn in dem versumpften Erlenwäldchen, ihm zu Füßen, die Frösche quarrten. »J'aime les grenouilles, ça me rappelle la Russie«, sagte er. Oft plagte ihn die Gicht, dann ruhte er im Gartensaal zu ebener Erde, sein Fuß, zu einem unförmigen Bündel gewickelt, wie eine gekränkte Gottheit auf einem besonderen Taburett. Die Wände mit Büchern austapeziert, das still brennende Kamin und auf dem Tisch ein großer Strauß Heliotrop. Dazu rauchte er die kleinen blonden Papyros seiner Heimat und bekritzelte lange schmale Papierstreifen, die den Teppich bedeckten. Hier waren viele seiner Erzählungen entstanden, mit ihrem eigenen, ureigenen Duft wie von Frühlingswald und allerkostbarstem Tee. Aber nun hing am Gitter ein Plakat: Baustellen zu verkaufen. Wie lange würden sie hier noch rauschen, die Silberpappeln, die Birken und Platanen?

Oh, wie hatten sie damals seine Bücher verschlungen, wie hatten sie geschwärmt, gehofft und prophezeit. Musik und Philosophie und Menschenrechte, alles wurde leidenschaftlich diskutiert; da war so vieles, das zum Licht begehrte, überall schäumten kleine Wirbel über dem tiefkochenden Meer. Und vieles war eingetroffen seither, was sie herbeigesehnt hatten, aber in plumperen Umrissen, mit Abzügen und Zugeständnissen, die ihrem kühnen Hoffen fremd gewesen. Denn verwirklichte Ideale sehen wohl immer aus wie die Stiefmutter, die den Schmuck der rechten Mutter trägt.

Wo waren sie hin, die zarten, rastlosen Frauen, die sich im milden September zusammenfanden, wenn die Trauben so süß und die zweite Rosenblüte noch erlesener war als die, die der Juni beschert? 64 Wenn Johann Strauß seine Walzer dirigierte, während am Nachthimmel große Raketenbündel hoch fuhren und knisternd niedersanken, goldener Hafer und blaue strahlende Sterne, zögernd, trauernd um die eigene kurzlebige Schönheit? Viele waren tot, ach, wer nannte sie noch? Andere lebten, fern von hier, von neuen Pflichten, neuen Generationen beschlagnahmt: Großmama, Nonna, petite tante . . . Ach und jene Allersüßeste, Allerkostbarste, deren Herz überschäumte in Bewunderung alles Schönen, in leidenschaftlicher Abwehr aller Enge und Halbheit, sie lebte hinter Mauern; ja, lebte sie noch? Sie, deren göttlich schöne Füße die Bildhauer toll gemacht hatten, ging sie barfuß auf kalten Steinen? »Diane vaincue« hatten die Freundinnen sie genannt, nach einer tiefgelben Rose, die damals neu war; deren schmalen, bräunlichen Knospen sie ähnlich sah. Ach, Runzeln und Gebrechen passten nicht zu ihr, wollte Gott, dass sie schon lange in irgendeinem totenstillen Klosterhof lag, wie eine Schmetterlingspuppe in ihre kleine braune Kutte gewickelt, dort, wo die Zikaden in der Mittagsglut sägen und der Lorbeer die Luft mit bitterem Dunst erfüllt!

Ja, sie hatten sich alle mit dem Leben eingerichtet, so oder so, und da waren manche, denen das große Glück nie genaht war, oder die es nicht erkannt hatten, da waren auch die kleinen Hermeline, die nichts riskieren wollen. Aber viele hatte das Leben wissend gemacht. Und ab und zu hörten sie voneinander. Sie, die für Zukunftsmusik und Befreiung der Geknechteten geschwärmt, die über Tolstoi und Schopenhauer diskutiert hatten, als ginge es um ihr Leben, so edelmütig und verschwiegen in der Freundschaft, so weich und rückhaltlos in der Liebe . . . »Ma chère belle«, so fingen ihre Briefe an; ja, aber nun mussten sie Brillen aufsetzen, um sie zu lesen.

Das große Glück, das nur wenige finden; der einsame Weg, den nur wenige gehen! Ach, mit zitternder Hand griff sie ans Herz, den Mund gespannt in unvergesslich süßer Qual: Mein Schmerz, mein Eigen! Und wenn sie die Augen schloss, spürte sie mit suchenden Nüstern Heuduft und Jasmin in der Sommernacht, spürte die kühle Glätte des Flügels, an den sie die Stirn gelehnt hatte – oh, wie oft –, damals, wenn er ihr mit leichter, fast knabenhafter Stimme die neuen Opern sang, welche zu jener Zeit die Welt aufwühlten und in feindliche Lager teilten. Ob unter seiner Leitung das Orchester zu einem großen, gebändigten Instrument wurde, einer Republik der Stimmen, von seines 65 Blutes Rhythmus befeuert und gezügelt, oder ob sie beide, träumend, zuhörend, schweigend genossen, es waren dieselben Schauer, es war dieselbe Weite und Enge, die sie im Herzen erlitten, eine Gemeinschaft, ein äußerstes Durchdringen, das den Menschen in dieser unfasslichsten und doch körperlichsten aller Künste gegeben ist.

Um sie her fielen die Kastanien ins gelbe Laub; unter der Säulenhalle war es leer, die Stühle aufeinander getürmt, leer der runde Musiktempel am Eingang. »Si vous n'avez rien à me dire« – oh, diese kleine zuckerige Melodie! Damals war sie neu, und man spielte sie zum Überdruss. Nun ging sie ihr auf einmal durch den Sinn, ein kleines betrübtes Gespenst. Sie fühlte ihre Augen brennen und wie ihr Mund sich verzog. Nach Hause, nach Hause, die Sonne wärmte nicht mehr.

2.

Amsel war mit Madame Céline einkaufen gegangen. »D'abord les petites brioches pour madame«, sagte die kleine Französin. Der Sommerkonditor Romplemayère, wie Madame Céline es aussprach, hatte sein Zelt schon abgerissen, aber sein Rivale, der den märchenhaften Namen Schababerle trug, gleich dem Efeu bodenständig, überwinterte hier. Eigentlich müsste es umgekehrt sein, hatte Tante gesagt, denn sie fand, dass sie beide die Jahreszeit verwechselt hätten. Rumpelmaier war doch sicherlich ein Abkömmling von Rumpelstilzchen und passte daher weit besser zu Schnee und Christbäumen und krausem Winterspuk als zu der Côte d'Azur. Während Schababerle, den konnte man sich nur mit einem Turban denken, wie er Sorbet und Limonaden bereitete, kühl-wohlig in der Sommerschwüle, und schließlich wurde er Pastetenbäcker des Kalifen und erhielt die jüngste Tochter des Großwesirs zur Frau.

Sie gingen durch Gassen und Gässchen, die den Berg hinaufkletterten, bis zum Schloss mit seinen Höfen und Brunnen und überdachten Treppchen und der großen Lindenterrasse. Die Tore waren verschlossen, die freundlichen, grauhaarigen Lakaien gingen nicht mehr aus und ein, und die Linden standen in einem Teppich raschelnder Blätter. Staffeln führten hinab zu kleinen Plätzen, wo im Dämmerlicht Brunnen rieselten, an sauberen Häusern vorbei mit Transparenten an den 66 Fenstern, hinter denen Waisenratswitwen im Lehnstuhl saßen und sich nicht entschließen konnten Licht zu machen, ehe die Laterne an der Ecke brannte; so sahen sie vor sich hin, die Hände im Schoß, und sannen über das Alter des Kanarienvogels nach, ihr eigenes darüber vergessend. Kuriose Lädchen gab es hier, Althändler, in deren Schaufenster stockfleckige Lithografien verblichener Landesväter zwischen gestickten Klingelzügen und alten, gedemütigten Regenschirmen lächelten, daneben ein Sargtischler, der kleine Sargmodelle ausgestellt hatte, in verschiedener Ausstattung, wie für alle verstorbenen Puppen – geringe und vornehme – der Nachbarschaft. Beim Seifenhändler hingen die großen Altarkerzen aus gelbem Wachs, honigduftend, die in kühlen hallenden Kirchen von Sommergärten und summenden Bienenkörben erzählen, dazwischen die schlanken Kommunionskerzen, symbolisch umwunden mit Weinlaub und gläsernen Trauben, und am Griff ein kleines, steifes Spitzentuch für die kleinen zerkratzten Hände, die an diesem Tag in weißen Baumwollhandschuhchen prangen. Bei der Vogelhändlerin kamen sie vorbei, die in der offenen Ladentür saß, ein schwarzes Kaninchen im Schoß, und hinter ihr aus dunklen Ecken leises, unaufhörliches Trillern wie aus zarten Wasserpfeifen, das war wie im Märchen von Jorinde und Joringel und der bösen Zauberin. Zwischen Mauern ging der enge Weg hinab, über die hier und dort ein erfrorener Rosenzweig nickte, und Häuser, die auf der einen Seite einstöckig kauerten, ragten auf der anderen aus Abgründen. So denk' ich mir Capri, sagte Amsel.

Als sie heimkehrten, stand Tante, in ihren großen Orenburger Schal gewickelt, am Fenster und sah nach ihr aus. Von den Pappeln segelten gelbe, herzförmige Blätter durch die Luft, Schneebeeren lagen weich und verregnet auf den Gartenwegen, bald würde nun der Winter kommen, auf Samtpfoten, eine große, weiche, weiße Katze.

»Nun wollen wir uns einwintern«, sagte Tante. »Das alte Murmeltier und das kleine Murmeltier, eigentlich beneidenswerte Geschöpfe, so die ganze kalte Zeit zu verschlafen, so gut haben wir's nicht, und ein bisschen Französisch musst du auch wieder treiben; der Mensch kann immer noch zulernen, und wenn er auch schon siebzehn Jahre alt ist.« Und ein paar Tage später sagte sie: »Ich habe Rächerchen gemacht, denn so sprach ich's als Kind aus, wenn ich meinem Vater vorlesen musste; und nun hab ich die Perle gefunden, eine schwarze Perle, 67 denn sie ist Witwe, und nur Französinnen verstehen es, so gründlich Witwen zu sein, ich glaube, sie genießen das wie ein Moorbad; also, sie heißt Benoît und sieht aus wie ein Kokon aus Trauerkrepp, und ihr Seliger war auch Sprachlehrer, ja, sie sagte, er sei ein Vater der Syntax gewesen, und das ist doch gewiss eine Seltenheit.«

So erschien denn Madame Veuve Benoît in ihrer ganzen überzeugenden Witwenhaftigkeit, in einem Trauerschal aus Kaschmir, ein düsteres Gebäude auf dem Haupt, von Schleiern umflutet. Am Arm hing ihr ein schwarzer Beutel, der ihre Lehrbücher enthielt, wie auch ein Flakon Melissengeist und ein Döschen mit Pastillen – cachou des orateurs. Und sie saß da wie eine weiße, fette, gutgepflegte Made in all dem raschelnden Krepp und hörte lächelnd, aber unbestechlich zu, wie Amsel mit Vokabeln rang, deren sie sich wohl nur selten in Gesprächen bedienen würde, la pelouse und le bocage, le nénuphar, le guéridon und les brises embaumées; oder über den unberechenbaren Seitensprüngen des participe passé nachsann, die der verewigte professeur in einem schmalen, aber inhaltsschweren Bande festgenagelt hatte, dessen Exerzitien Spaziergängen zwischen Fußangeln glichen. Zum Schluss wurde sie mit verdienstvollen, wenn auch keineswegs kurzweiligen Autoren bekannt gemacht, der gefrorenen Langeweile Racines, den Grabreden Bossuets – Madame se meurt, Madame est morte – und den »Conseils à ma fille«, die mit dem Satze schlossen: »et maintenant, chère Sophie, pose ta plume et embrassons nous«; aber auch mit Paul und Virginies träumerischem Dasein auf einem tapetenartigen Hintergrund von Palmen und Papageien, wo die Mütter des Liebespaars, der Lehren Jean Jacques Rousseaus eingedenk, ihre Kinder im Schatten des Brotbaums säugten, und später dann Virginies vorbildliche Schamhaftigkeit sie lieber ertrinken ließ, als sich den rettenden Armen eines nackten Matrosen anzuvertrauen. »Une des plus admirables pages de la littérature française«, sagte Madame Benoît mit Grabesstimme und nahm einen cachou des orateurs, und Amsel dachte: Würde wohl auch Madame lieber ertrunken sein, in all dem nassen Krepp oder würde sie . . . aber das war nicht auszudenken. Und Tante kam ins Zimmer mit ihrem schleifenden Schritt und sagte: »Gott, sind denn diese vortrefflichen Philister immer noch am Leben? Mit denen wurde ich ja auch schon geplagt.« Wenn es dunkelte, wurde Madame Veuve von Monsieur Jean Claude Benoît junior abgeholt, denn der Vater der 68 Syntax war auch Vater eines einzigen Sohnes gewesen, eines trotz Brille und Bart mädchenhaften Jünglings, der mit einer Neigung zu Bronchialkatarrhen behaftet war. Und ma mère war in tausend Ängsten: »Mon fils, as-tu mis tes mitaines? Et tes Caoutchoucs, et ton cachenez?« Aber er sagte: »Vous« zu ma mère, und überhaupt verkehrten sie mit der ganzen urbanité, wie sie einst dem Hotel Rambouillet zur Zierde gereichte, und nie irrten sie sich im Gebrauch des passé défini oder des noch eindrucksvolleren passé du subjonctif. Ja, der Vater der Syntax konnte zufrieden sein mit seinen Werken.

Wenn sie dann schließlich unter ihren Regenschirmen fortgeschwankt waren, ließ sich Tante in einen Sessel fallen und lachte, lachte, sie konnte nicht aufhören, es klang weich und dunkel und aus ihren zusammengekniffenen Augen flossen Tränen. »Wie eine wahnsinnige Turteltaube«, hatte eine Freundin von ihrem Lachen gesagt; es war ansteckend. Und Amsel sah darin ein neues Vorrecht, wie es einer heißangebeteten Tante und Patin zukam. Sie selbst fand all diese Menschen nur sehr kurios, wie sie in ihrem Leben auftauchten und wieder verschwanden, Silhouetten, in ein Schattenhaus zurück. Nur vor einem hatte sie eine an Abscheu grenzende Angst: Eines dieser fremden Wesen könnte sie anrühren oder gar küssen. Denn sie besaß die tiefe, unnahbare Scheu der Ausschließlichen, Leidenschaftlichen. Nein, nur Tante durfte sie küssen. Ganz kalt wurde sie, zur Eisblume erstarrt, wenn die feinen Lippen sie berührten, die schöne Hand über ihr Haar strich. Und sie konnte vor sich hinträumen, Heldentaten ersinnen, Schmerzen und Geduldsproben, die sie für Tante bestehen würde, unerkannt, schweigend, in unbegreiflich süßer Pein.

3.

Es war eine schöne Fahrt gewesen, ein letzter milder Tag, wie ein Geschenk über die Erde gekommen. Erst die Allee hinunter an den geschlossenen Gasthäusern, den schlafenden Villen, dann an bescheidenen Wirtschaften, an spielzeugartigen Schweizerhäuschen vorbei. Ein jedes spannte seine kleine Brücke über den seichten, plätschernden Bach, der hier flache grüne Ufer hatte. Dann weiter, am Kloster vorüber, durchs Dorf, immer vom Flüsschen begleitet, das durch die 69 Wiesen schlüpfte, durch Garnbleichen und Sägemühlen. Und nun rechts hinauf, dem Landhaus zu, das einst den russischen Cousinen gehörte, wo das große, sengende Glück ihr Herz getroffen hatte. Tante war ausgestiegen, die paar Stufen hinauf bis an die Gittertür in der Hecke; nun hielt sie sich mit einer Hand am Gitter fest und sah, halb zurückgewendet, noch einmal hinunter in das liebe, nie vergessene Tal.

Dort, im Grund, sandten kleine geduckte Häuser ihren Rauch empor; am Abhang, in den Wiesen, standen Nussbäume, halb entlaubt, Vögelchen schlüpften durch die Hecken, es roch nach Moos und Erde. Im Dunst schien sich alles zusammenzuschmiegen, so bescheiden und liebreich war ihr dies Land noch nie erschienen wie heut in seinen stillen braunen Farben, geduldig den Winter erwartend. Kein lauter Ton, nur das Gurgeln kleiner Rinnsale im Gras, auf denen rote und braune Blätter schwammen.

Auf dem Fahrweg, der sich in weiter Kurve emporwand, waren Radspuren. Damals – wie kamen sie angefahren, die Freunde und die Fremden, zu dem immer fröhlichen Haus, wo sie bei den Cousinen den Sommer verbrachte. Den zweiten. Es waren Jahre vergangen, seit sie zum ersten Male hier gewesen, sie war feiner noch, ja, und auch härter geworden, wie ein gespannter Bogen hart ist; der erste weiche Duft war geschwunden von den Dingen und auch von ihr, und oft lag Erwartung in ihren Zügen, als sei ihr Herz hellhöriger geworden und horche auf irgendetwas, einen Ton, einen Schritt, den Hornruf des Glücks? Und ihr Mund konnte spöttisch sein damals, wenn ihre Augen zu viel gesagt hatten, und trotz aller Leichtlebigkeit war sie ein verschlossener Schrein. Und dann – o wie unabwendbar war das große Glück auf einmal da!

Sie sah hinauf zu den hohen Glastüren des Musikzimmers, aus denen einst Lichterglanz strahlte und Akkorde hinausströmten, all das Unaussprechliche, das nur in Klängen Worte fand. Rosen hatten auf den Tischen gestanden, und zu den Türen herein atmete Jasmin von allen Büschen, aber auf den Wiesen wurde das erste Heu gemacht – Juniduft, unvergesslicher! Und heute nun stand sie am Gitter, und es war ihr Haus nicht mehr. Der Spätherbst war im Land, aber sie witterte die vergangenen Sommer, sie suchte in der Luft nach den Harmonien, die seine zaubernden Hände, seine nur andeutende Stimme 70 ihr ins Blut, in die Seele gedrängt hatten, bis Tag und Nacht zu einem einzigen, seligen Schlafwandeln geworden, jede Minute voll bis zum Rande. Bis eines Tags der eine Tropfen mehr ihr Herz zum Überfließen brachte. Ein Blick, eine Bewegung . . . ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, wie bei der Stelle in ihrer Lieblingssinfonie, wenn die Hörner einsetzen, leise erst und immer drängender, ach unerbittlich in ihrer Süßigkeit; da war nur eins, das dieser tiefen Pein Ruhe geben konnte: Hingabe. Denn wie der Durst nach Wasser, wie das Fieber nach Schlaf, so begehrt Liebe nach Erfüllung. Ihr ganzes Leben wollte sie ihm schenken, alles – und kein Ende; nie wieder hatte sie sich selber angehört.

Aber an das Schwinden ihres Glücks dachte sie heute nicht mehr. Die Ammen streichen Bitteres auf die Brust, um die Kinder zu entwöhnen; so entwöhnt uns Leid und Verlust vom Leben. Aber, Herr Gott, sie hatte doch einmal alles besessen. Gewinnen, verlieren, was sollten die Worte? War er ihr nicht eben nahe gewesen? Nur eine große, hilflose Dankbarkeit erfüllte sie. Einen Augenblick sah sie hinauf und ihre Augen tranken . . . tranken. Dann ging sie, ohne sich umzusehen, zum wartenden Wagen zurück.

Am selben Abend ließ sie den alten Badearzt rufen, den sie aus jener Zeit her kannte, der aber sonst nicht mehr praktizierte. Er blieb lange mit ihr allein. Dann bat er um Schreibzeug und setzte ein Telegramm auf. An den berühmten Mann in Heidelberg. Dabei putzte er sich heftig die Nase in ein großes rotseidenes Taschentuch. Er sah über die Brille Amsel lang und zweifelnd an, als wolle er reden. Aber er seufzte nur und ging.

Der berühmte Mann kam und befahl Ruhe, als ob man bisher in einem Vergnügungstaumel gelebt hätte, und abends kam nun Schwester Ludovika und löste Madame Céline ab, die vom Aufsitzen und nächtlichen Kaffeetrinken elend war. Die Schwester war schlank und durchsichtig mit dunkelumwimperten Augen. »Wie Genovefas Hirschkuh«, meinte Tante. »Aber weißt du, Amsel, als Kind besaß ich einen Tintenwischer, der stellte eine Nonne dar, mit einer Menge Flanellröckchen – du verstehst – für die Federn, aber sonst nichts, und da dachte ich eigentlich, dass Nonnen gar keine Beine hätten.«

Sie lachte mit den Augen und wandte den Kopf dem Licht zu; ihr Haar lag schwer und feucht auf den Kissen, im Lampenschein war 71 die Stirne so klar nach den Qualen der Nacht. Als sei sie jünger geworden durch die Schmerzen.

Amsel führte ihr Leben wie sonst, all ihre kleinen Pflichten, viel Warten und Harren. Flüsternde Stimmen legten sich ihr aufs Herz. Da war ein schimmernder Punkt am Ende des finstern Ganges: Hoffnung. Dorthin strebte sie, jeden Tag ein winziger Schritt. Aber manchmal sah sie das ferne Licht nicht mehr.

Heut aber saß Tante endlich wieder im langen Zimmer, wo der Flügel war und das Kamin. Neben ihr die kleine Boulekommode, mit offenen Fächern; da waren so viele zusammengebundene Briefe. Am Nachmittag war Frau Schwämmle dagewesen, hatte köstliche Birnen gebracht und einen großen Busch Herbstastern. Zu solchen Visiten presste sie sich in ein braunes Kaschmirkleid, und auf dem glatten Scheitel balancierte dann ein kleiner Kapotthut mit schwarzem, nickenden Hafer. »Püh«, sagte sie beim Eintreten und riss die Hutbänder unter dem Doppelkinn auf, denn sie war vollblütig und erzählte mit finsterer Genugtuung, dass alle in ihrer Familie am Schlagfluss stürben. In ihrer Waschküche musste man sie hantieren sehen, in Wolken von Dampf und Seifenschaum, silberne Schweißtröpfchen auf der Oberlippe, den Niobebusen ausgebreitet in der rosa Kattunjacke, an der viele Knöpfe fehlten. Jedes Jahr kam ein Kind, nicht immer um zu bleiben. »Unser Vatter« war Droschkenkutscher. »Ja, der Deifel isch en Eichhörnle«, sagte sie, wenn sie neuen Zuwachs ankündigte.

Tante hatte ein Briefpaket geöffnet, es stand eine Jahreszahl auf der Hülle, verschiedene Handschriften waren darin. Sie blätterte ein wenig, dann legte sie's auf die Glut; ein Kräuseln, ein Aufflammen – pht . . . und nun war es nicht mehr. Und das Herz zog sich ihr zusammen, denn nun erst waren sie ganz tot, die ach so bescheidenen Toten, die nur noch leben vom leisen Atem der Erinnerung. Eigentlich eine Hinrichtung, als ließe man vor der Abreise einen alten Hund erschießen, damit er nicht in gleichgültige Hände falle. Manchmal zögerte sie, glättete die Seiten. Da war der englische Freund, der so resigniert und losgelöst über den Zeitverlust aller Politik, aller Ambitionen redete, der zart und unaufdringlich jeden ihrer Wünsche erriet und erfüllte. Sie hatte sich nichts dabei gedacht: sie ganz jung und leichtherzig, er so viel älter. Seine Fürsorge, seine väterlich-ironische Art: Sie hatte alles für Spielerei gehalten. Und nun las sie: »Oh don't be constant, 72 for the fear of losing you is one of your greatest charms« – und begriff (denn das Alter macht auch geistig fernsichtig), warum er die Tür der Ironie immer offengehalten hatte: um sich hinein zu flüchten, weil sie ihn niemals recht verstand.

Hier knisterte der Brief einer alten Freundin, sie auch schon lange tot. Damals wurde viel geredet über eine gemeinsame Bekannte. Aber die alte Dame hatte nie mit eingestimmt: »Je sais qu'on me trouve bien large. Non, je ne veux être que juste et j'ai horreur de la médisance. A part les plaies de Notre Seigneur, auxquelles je crois sans avoir vu, je ne veux rien croire sans voir. Je sais que vous pensez de même, car vous n'écoutez que votre cœur qui est meilleur conseiller que la tête.«

Der Brief flackerte auf, sie öffnete einen anderen. »Maria ist in Rom, sie ist bei den Karmeliterinnen eingetreten. Der allerstrengste Orden. Sie gehen barfuß und dürfen nie, nie wieder heraus. Ihre Augen, ihr Lächeln, ihr entzückender Gang, wir werden sie nie wiedersehen. Warum nur? Zu bereuen hatte sie nichts, wusste ja gar nicht, was Hass und Sünde sind. ›Terra gentile‹, wie die Italiener sagen. Es ist ein Rätsel . . .«

Aber in einem anderen Brief war die Lösung. Da stand mit großen eiligen Buchstaben auf vielen kleinen, abgerissenen Blättern, wie man noch rasch ein Abschiedswort kritzelt, wenn das Gepäck schon fort ist und sich nur noch das winzige Notizbuch in der Tasche findet: »Lebewohl und Dank Dir zum letzten Mal, Du Einzige, die alles verstehen wird. Immer hatte ich mir gewünscht, einmal zu lieben, ohne geliebt zu werden. O ich Unselige, welch ein wahnsinniger Wunsch. Nun ist er erfüllt und es ist die Hölle . . .«

Da waren Briefe alter Diener, Danksagungen für manche geleistete Hilfe. Auch ein armer Tanzlehrer, den sie in seinem Alter und Elend besuchte, schrieb: »Heute danke ich Gott und den Grazien, weil noch einmal die Anmut unter mein armes Dach gekommen ist. Wie gut werde ich diese Nacht schlafen.« Immer wieder fuhren die hungerigen Flammen auf. Nun war nichts mehr übrig. »Amsel«, sagte Tante und ihre Lippen bebten, »das waren lauter gute Menschen. Ich werde sie nie wiedersehen.«

Amsel kroch ganz nah an sie heran, sie legte den Kopf an ihre Schulter, dicht am Hals, und atmete den geliebten Duft, der ein wenig wie Bergamottbirnen war. Dies mit anzusehen war eine große Qual 73 gewesen. Als ob ein Mensch zur Reise rüstet und sein Hündchen steht dabei mit flehenden Augen und weiß ja doch, es wird nicht mitgenommen.

Tante legte die Wange an den kleinen aschblonden Kopf. Armes Kind, es war für sie gesorgt, was man in der Welt darunter versteht. Aber sie musste durchs dunkle Tor und das Kind würde allein weitergehn. Würde sie ihr sehr fehlen, wenn der erste, scharfe Schmerz vorüber war? Denn sie hatte erlebt, wie sich Wunden schließen, die man für unheilbar hielt, und im Grunde war sie sehr bescheiden, was sie selbst betraf: Warum sollte gerade ich unentbehrlich sein? Aber so recht hatte sie das Kind doch nie verstanden, denn zwei Schamhafte hören oft aneinander vorbei, gerade weil sie dieselbe Sprache sprechen.

Ihre Gedanken gingen wieder zu der schönen Marie, die so sehr geliebt worden war, und doch . . . was war ihr Leben gewesen? Und plötzlich fing sie zu singen an, sang hin zu ihr, die doch unerreichbar war, mit der lieben atemlosen Stimme, in der man das arme, arbeitende Herz keuchen hörte:

»La notte tutti dormono,
Io non dormo mai . . .
«

Ihre Farbe kam und ging, ihre Augen standen voll Tränen. Aber Amsel lag wie ein Vogel unter Mutterflügeln; sie horchte auf den geliebten Klang, die fremden Worte verstand sie nicht.

»I quarti d'ora suonano
Le una, le due, le tre . . .
Ti voglio bene assai,
Ma tu non pensi a me . . .
«

So viele Nächte hatte sie nur halb geschlafen, die Angst im Herzen, sie könnte gerufen werden; aber nun kam der Schlaf – unwiderstehlich. Und Tante lächelte, wie der aschblonde Kopf immer schwerer wurde und hinunter glitt auf ihren Schoß.

Die Uhr tickte deutlich in der Stille, sie hatte es eilig mit ihrer Aufgabe. Und die Rosen dufteten. Schöne, gütige Blumen, wenn sie starben, erblühten neue, aber niemals dieselben. Warum sollte ich 74 weiterleben, dachte sie, habe ich das ewige Leben mehr verdient als eine Rose? Aber wer konnte Recht sprechen, auch über sich selbst? Und alle Schuld war doch Strafe zugleich, es ging gerechter her, als man dachte. Etwas Hartes, Hässliches getan zu haben, das musste wohl sein wie ein heimliches Gebrechen, wie wenn schöne Frauen hässliche Füße haben: Es lässt sie nicht froh werden. Hatte sie auch Hässliches und Hartes getan oder gedacht in ihrem Leben? Es war wohl ihre große Müdigkeit, sie konnte sich durchaus an nichts Böses erinnern, nicht an solches, das ihr andere zugefügt, nicht an solches, das andere um ihretwillen erlitten. Neben ihr lag ein abgegriffenes Gebetbuch, Maries letztes Geschenk; ohne ein Wort dazu war es aus Rom geschickt worden, denn auch das hatte sie nicht besitzen dürfen. Da war ein Gebet, es schien ihr so viel menschlicher als alle anderen, das Buch öffnete sich von selbst an dieser Stelle, und sie las die leicht unterstrichenen Zeilen:

»O Marie, mère si heureuse dans le Ciel, n'oubliez pas les tristesses de la terre. Ayez pitié de ceux qui s'aiment et que Dieu a séparés. Ayez pitié de l'isolement du c[œ]ur, si plein d'abattement et même de terreur.« Und etwas weiter: »Ayez pitié de ceux que nous aimons, o Marie, ayez pitié de ceux qui s'aiment, de ceux qui ne savent pas se faire aimer.« Ja das, das musste das Bitterste sein: qui ne savent pas se faire aimer. Aber für sie waren diese Worte nicht geschrieben; eins war gewiss, sie hatte grenzenlos geliebt und sie war heiß geliebt worden. Und als es dann zu Ende ging . . . Wenn der Sommer zu Ende geht, nennt man ihn darum einen Verräter? . . . Und nun kam anderes; etwas Großes, Fremdes tat sich auf, es wehte kühl. Schleier fielen auf die Dinge und sie konnte nicht mehr greifen und halten; nur noch das Aller-Allernächste war zu erkennen.

Ihr Blick ging langsam von einem zum anderen, über ihr Klavier, über die Bilder und das Glas mit den Rosen, wie sie standen und dufteten. Und ihr schien, als ginge sie selbst, unbeholfen und schon fremd geworden durch die bekannten Räume, mühsam Dinge beim Namen nennend, an denen doch ihr Herz nicht mehr hing. 75



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