Irene Forbes-Mosse
Laubstreu
Irene Forbes-Mosse

 << zurück weiter >> 

Zoologie

In Erinnerung eines kleinen Tiergartens, der verschwunden ist

1. Die Kastellanin

Damals war ich oft bei der Kängurumutter. Sie hatte liebe, staubige, kurzsichtige Augen, als hätte sie bei Lampenlicht zu viel schwarze Strümpfe gestopft, und einen verschwiegenen Zug an den Mundwinkeln wie alte Kinderfrauen, die in der Familie geblieben sind und vieles haben mit ansehen müssen. Sie hätte einen kleinen Kapotthut tragen sollen, mit Glaskirschen oder Samtpensees und eine Mantille; und Klatschkaffees geben und immer wieder nötigen, man möge doch zugreifen: »Denn es ist alles mit reiner Butter, meine Damen, Kokos und Margarine und all diese schrecklichen Erfindungen dürften Sie umsonst in meiner Speisekammer suchen; einfach aber prima das ist mein Wahlspruch.«

Die Kängurumutter und ich, wir verstanden uns. Wenn sie mich sah, kam sie gesprungen. Aber gleichsam entschuldigend, sie könne nun einmal nicht anders. Ich brachte ihr das Angebackene vom Schokoladenpudding. Süßigkeiten und ihr Kuhlchen im Heu, das war ihr Schönstes. Ich konnte das begreifen. Es kommt einmal die Zeit, wo man Äußerlichkeiten verachtet. Und dann offenbart das Leben andere, stillere Reize.

Als ich Frau Känguru kennenlernte, hatte sie ein ganzes Schurzfell voll Kinder, das letzte Andenken von dem Herrn Känguru, der selber im australischen Busch geblieben war. Wie ein Briefträger zur Neujahrszeit lief sie daher, aber statt Päckchen und Kreuzbandsendungen waren es kleine Kängurus, die aus ihrer Tasche kullerten. »Nun ist mir leichter«, sagte sie, als die Kleinen größer geworden, zu groß für den Schlafsack, »aber nun friert mich beständig. Ja, ja, die Kinder gehören der Mutter, doch nur so lange sie klein sind.« Denn ihre Schwäche waren wohl gewisse, etwas rührselige Gemeinplätze. Damals schon hätte ich ihr gern ein Schaltuch geschenkt. 101

Später dann wanderten ihre Kinder aus, in andere Gärten, und sie blieb allein. Mit den übrigen Nachbarn konnte sie sich nicht anfreunden. Es fehlte die Resonanz. Sie bezog ein leidlich großes Quartier, mit einer Trauerweide in der Mitte und ihrem Borkenhäuschen in einer Ecke, das mich immer an eine alte illustrierte Ausgabe von Paul et Virginie erinnerte, die wir auf dem Lande besaßen. Aber mit zwei Sprüngen war sie doch gleich am anderen Ende. Und das nagte an ihr. Bis sie dann älter wurde und ruhiger.

»Sie glauben nicht, was ich früher für ein Temperament hatte«, sagte sie. »Aber nun ist man ja zufrieden, wenn man sein Essen hat und sein Plätzchen im Grünen.«

Die Kängurumutter wäre eine entzückende Kastellanin gewesen. Im grauen, gehäkelten Seelenwärmer, den Schlüsselbund am Gürtel, wie wäre sie emsig die weißen, hallenden Treppen auf und ab gerannt; wie pflichttreu hätte sie Staub gewischt. Wie hätte sie andachtsvoll die seufzenden Mahagonisekretärs geöffnet und aus der griechischen Tempelarchitektur im Hintergrund jene schicksalsschwere Wedgwoodtasse hervorgeholt und den Auserwählten gezeigt, wie auch das Original des berühmten, herzzerreißenden Sonetts, das der Dichterfürst damals, am Tag der Abreise, auf einen alten Brief gekritzelt hatte!

Wie würde sie mit der Überzeugungskraft steter Wiederholung, all die längst berichtigten Unwahrheiten über das Damenporträt im fürstlichen Alkoven den lauschenden Amerikanern versetzt haben, die gläubig und starr, in riesenhaften grauen Filzschuhen einen Halbkreis um sie bildeten, hypnotisierten Strandläufern vergleichbar! Und mit welcher Ehrfurcht würde sie den weißen Überzug eines Tapisseriesessels gelüftet und mit leiser Stimme versichert haben, die übrigen elf seien genau ebenso und alle, alle seien sie von der Hand der hochseligen Maria Pawlowna gestickt . . .

2. Das Marmutzchen

Ganz im Dunkeln, hoch oben in einem Winkel hockt das Marmutzchen. Aber eigentlich heißt es Lemur und lebt in Madagaskar, wo ich auch leben möchte, denn ich glaube, ich könnte alles Böse vergessen, wenn ich eine Schar solcher Marmutzchen mein eigen nennte. Oder 102 auch nur eins. Sie haben buschige Schwänze, wie Eichkaterchen, nur viel länger; spitze Schnäuzchen und spitze Öhrchen mit kleinen Haarbüscheln, große, große Glühaugen und kleine streichelnde Hände wie Affen. Aber sie sind nur Halbaffen und es wird gar kein Aufhebens mit ihnen gemacht.

Sie sollten ganz große Käfige haben – so groß wie der Käfig vom Lämmergeier –, um von einem Baum zum anderen zu springen, und überall kleine, verschwiegene Höhlen für Familienglück, und Bananen und Kirschen in Fülle. Sie machen den Menschen nichts nach wie die wirklichen Affen, die so traurig und beschämend sind, denn man taugt doch, weiß Gott, nicht zum Vorbild; nein, sie haben gar nichts vom Menschen, bis auf die kleinen schwarzen Hände, die innen kühl und zart und faltig sind; so wie ich mir Rumpelstiltzchens Hände denke.

Armer kleiner Lemur, ganz allein in seinem finsteren Winkel. Und dann pfeife ich – die ersten zwei Takte der Serenade aus Don Juan, und er klettert herunter und lässt sich krauen, so gut es durch das Gitter geht. Ach, wenn man doch Gottvater wäre, oder vielleicht besser noch Direktor des Zoologischen Gartens, da könnte man dem Marmutzchen noch glückliche Tage schaffen, ehe es stirbt. Denn schon ist es alt, sein Pelz ist schäbig geworden und die großen Glühaugen werden trübe, die kleinen Händchen können sich nicht mehr festhalten. O Wälder Madagaskars, o flüsterndes Schilfrohr, wo sich die Bäume im Abendrot der Sümpfe spiegeln . . . Möchte die Seele des armen Marmutzchen zurückfinden in euer Dämmergrün, auf den Lianen schaukeln, die sich von Ast zu Ast schlingen, wenn die laue Luft durch die Wipfel geht und in der Lichtung der Mond über die Gräser trippelt.

3. Vom Seelöwen

Ich sagte zum Seelöwen: »Ihre schlichte Haartracht eignet sich wunderbar für das Element, in dem Sie leben. Aber es gehört Ihre Kopfform dazu, um so, aller Einrahmung bar, zu bestehen.«

Der Seelöwe schniefte. Ich wollte ihm mein Taschentuch geben, aber es war doch besser, nichts zu bemerken. Er hatte sich in seinem nassen Dekolleté ganz über die steinerne Brüstung seines Behälters gelehnt; mit der unbekümmerten Schamlosigkeit einer alten, fetten 103 Palastdame, die einsam in der Hofloge einer kleinen Residenzstadt thront, wo die besseren Damen sonst nur in Seidenblusen, hoch herauf, erscheinen.

»Ihre abfallenden Schultern«, fuhr ich fort, »würden den seligen Winterhalter zu unsterblichen Werken begeistert haben. In meiner Kindheit war sein Ruhm auf dem Höhepunkt und die stolzesten Fürstinnen bestürmten sein Atelier. Schultern wie die Ihrigen waren damals Vorschrift; an ihnen rieselten die Mantillen nieder wie elegische Wasserfälle. Ja gewiss, er würde Sie gemalt haben, am Arm ein Körbchen mit ganz unwahrscheinlichen Weintrauben, bläulicher Parknebel und irgendetwas Gerafftes im Hintergrund. Vielleicht auch eine Balustrade. Solche lächelnden Damen hingen dann im Dämmerlicht in Salons mit Boulemöbeln, die sich immer kalt anfühlten, und karmesinfarbenen Sesseln und Sofas, wo die kleinen Mädchen Clementi übten oder etwas Leichteres von Chopin, zur Weihnachtsüberraschung für den Vater. Die Sonne glitzerte ab und zu in den Kristallkronen und alle Samstag kam der kleine asthmatische Uhrmacher und zog stöhnend die schwarze Marmorpendüle auf. Die Dame an der Wand sah lächelnd vor sich hin. Eine Tante, die im Ausland gestorben war . . .«

»Sagen Sie mir«, sprach ich zum Seelöwen, »wenn Sie so vor sich hinsehen, kurzsichtig vor lauter Weitsichtigkeit, was ist's, das sich in Ihnen spiegelt? Die matte, tausendmal durchatmete Luft dieses Gartens weckt die Sehnsucht, aber tötet sie nicht die Erinnerung? Wenn Sie doch sprechen könnten! Stundenlang wollte ich Sie hinter Ihren kleinen Ohrlöchern krauen, wenn Sie mir von damals erzählen wollten, von den grünen, unmenschlichen Mondnächten über den Klippen, oder von der Tiefe, wohin die Stürme nicht mehr dringen, wo man zwischen Seepflanzen schwimmt, die beinah Tiere sind, die sich zusammenziehen und wieder auftun wie Fäustchen saugender Kinder. O wie begreife ich nun Ihr Schniefen, aus dem ich Ihnen beinah einen Vorwurf gemacht hätte. Ja, Sie fahren auf den Grund, Sie suchen, aber da ist nichts, alles zementiert, nur verfaulte Äpfel und aufgeweichte Brotrinden, womit Unwissende Ihr Becken verunreinigten; und dann fahren Sie hoch und prusten, und suchen in der Luft nach Salz, nach treibendem Seegrasduft . . . Ja, und dann schwillt Ihr Hals an, mehr und mehr und pendelt wie irrsinnig von links nach rechts, Ihr kleiner Schlangenkopf biegt hintenüber, Ihr glitzernder Rachen öffnet sich und 104 schleudert den Schrei hinaus, zweimal, dreimal, den großen, harten, heiseren Schrei, der Ihre glatten, gehorsamen Weibchen vor sich hertrieb, im Morgengrau, der Sandbank zu . . . O Salz, Salzschaum in den Bartstacheln, gutes, beißendes Salz, das durch die kleinen, runden Naslöcher hochgepumpt, das Hirn spült und als eisklare Träne zurückrinnt in den tropfenden Bart. Ach, ich fühle es wohl, Sie sind hier gänzlich deplatziert. Aber wer wäre es nicht in einem Gefängnis . . .!

Wie Sie diese Philister verachten müssen mit ihren Kuchentüten und Sonnenschirmen, mit ihren Brautpaaren und Kindern, die nicht gehorchen und doch vor allem Furcht haben. Wie erbärmlich ist dies Geschlecht, das seine Glieder versteckt und unter Wasser erstickt!

Sie in ihrem Niedergang sind jedenfalls ehrlich, leben nur noch für den Augenblick, wenn der Mann in der blauen Jacke Ihren Eimer voll kleiner, weißbäuchiger Fische in das Bassin schüttet. Und im Übrigen grunzen Sie in der Sprache der Meergötter, die niemand versteht, und machen Wassergymnastik, und es wäre zu wünschen, Wagners Rheintöchter hätten Sie zum Lehrmeister gehabt.

Meine Hochachtung. Aber ich will gehen. Es hat mich alles etwas deprimiert. Wenn möglich, bringe ich Ihnen das nächste Mal einen Seefisch. Seien Sie mir gegrüßt!«

4. Myra

Es ging gegen Abend und ich wollte gehen, aber da lernte ich eine Amme kennen, ach, eine verzweifelte Amme, denn sie durfte nicht mehr zu ihrem Pflegekind. Manchmal hört man Mütter sagen, dass sie ihre Kinder vor Liebe fressen möchten, aber hier war es der Säugling, der die Mutter fressen würde. Ziemlich gelangweilt saß er hinter den Gitterstäben. Eine ganze Weile hatte er mit der dummen Holzkugel gespielt, denn das wurde von ihm erwartet. Was aber nun? Ab und zu blinzelte er hinunter zu ihr, die aus verschleierten Goldtopasen unverwandt zu ihm aufsah und nur ab und zu einen kurzen, sehnsüchtigen Blaff ausstieß. Er aber kniff die Augen zu; sein Schmerz war schon von der Watte Gewohnheit umwickelt; er träumte von seiner neuesten Entdeckung: Beefsteak. 105

Der Wärter kam und scheuchte sie hinaus; aber die Türen blieben der Wärme wegen geöffnet, so kehrte sie immer wieder auf ihren Platz vor dem Käfig zurück. »Ja, das Vieh kann einem dauern«, sagte der Mann. »Nun sind es schon vier Wochen, dass Cäsar II. entwöhnt ist, aber sie gibt noch immer keine Ruhe. Und gelitten hat sie auch, sie schwoll so furchtbar an und hatte richtig Milchfieber. Wir wollten ihr kleine Hunde anlegen, damit ihr leichter würde, die Jungen von der Polarhündin, die eingegangen ist. Mein Kollege hat alles versucht, aber nein, sie ließ sie nicht ankommen; sie ist nun mal an Löwen gewöhnt.«

Ich sah ihn an. »Ja, dies ist das drittemal, dass sie bei Löwen Amme ist. So eine gibt's bald nicht wieder. Aber jedes Mal ist's beinah zum Sterben mit dem Absetzen, bis sie sich drein ergibt.«

 

Wie viel vernünftiger, dachte ich, handeln die Menschen. Ein deutlicher Fingerzeig, dass sie zum Herrschen erkoren sind. Da war Teresina, die Toskanerin. Sie kam, vom deutschen Arzt unter vielen Aspirantinnen auserwählt, zu meiner jungen Freundin, die sanft und erschöpft in ihren schönen Kissen lag. Teresina schien eine Bettlerin – sie kam in Lumpen. »Das«, sagte der blonde Germane, »darf Sie nicht irremachen, meine Gnädigste. Zu Haus hat sie Schränke voll Kleider und Wäsche. Dies ist hier nun einmal Geschäftsusance. Aber sehen Sie her . . . ist sie nicht prachtvoll? Apri«, sagte er kurz und geschäftsmäßig.

Teresina öffnete ihr grobes und zerrissenes Hemd. Maria Beata wunderte sich. Sie hatte mehr erwartet. Gerade hier in der Heimat Michelangelos. »Klein«, sagte sie schüchtern. »Klein?«, wiederholte der Blondbärtige verächtlich. »Juno könnte stolz sein auf eine solche Brust. Man bringe den Säugling«, setzte er sachlich hinzu.

Der Säugling wurde gebracht, von Maria Beata mit großen ängstlichen Augen verfolgt, ähnlich einer Katze, die zusehen muss, wie man ihre Jungen aus dem Neste hebt, um sie teils zum Leben, teils zum Stadtbach zu verurteilen. »Lege ihn an«, sprach der Teutone zur Toskanerin.

»Tesoro mio!«, schrie Teresina auf, kaum dass sie ihn im Arm hatte. Und nun kam der Paroxysmus: »Subito si è attacato, povero bimbo, ma che tu hai patito la fame? Ah birbone, ah figlio d'un cane, ma che tu sei 'na sanguesuga? Eh Coccodrillo, eh rospo di macchia, ma la 106 guardi come poppa!« Denn in jenem Lande versteckt sich mütterlicher Enthusiasmus schamhaft unter Injurien. Aber schon leckten ihre Augen gleich braunen Schlängelchen der Liebe und Eifersucht an den rosigen Gliedern ihres kleinen Milchsohns auf und nieder. Und Maria Beata erkannte, dass hier eine Mitregentin sei.

Als nach neun Monaten Teresina, mit einem rhapsodischen Zeugnis und zahllosen Geschenken versehen, das Haus der Tedeschi verließ, war dem ein kurzer aber rasender Schmerzensausbruch vorangegangen. Aber der Kopfputz aus dunkelroten, getollten Seidenbändern, der sie in eine Dahlie verwandelt hatte, die zitternden Silbernadeln und Korallenketten, die gestickten Busentücher und großen Musselinschürzen, die Hemden und Röcke, die Schuhe und Zwickelstrümpfe: Alles ging mit, alles kam in den großen Cassettone zu Füßen von Teresinas mächtigem Ehebett. Und das war tröstlich. Ja, nun ging es heim zum Marito, der vor Porta Romana eine Droschke innehatte mit einem einäugigen Schimmelchen, la Stellina benannt, das mit grüner, heimlich ausgeraufter Gerste gefüttert wurde. Heim in den kleinen Vorort, wo die Frauen so gemütlich in Nachtjacken vor ihren Haustüren sitzen, mit Strohflechterei beschäftigt; wo es sich so nett und gründlich mit den Nachbarinnen tratscht, während über einem an den Hausmauern in praller Sonne, in vielen winzigen Käfigen, die kleinen, geblendeten Vögel unaufhörlich trillern, weil sie ja nicht wissen können, ob Tag oder Nacht ist.

»Ich habe sie gleich wieder vorgemerkt«, sprach der blonde deutsche Arzt. »Beim Principe O. hat soeben Donna Faustina, die älteste Tochter, sich vermählt. Ich denke, das kann gerade stimmen. Es ist immer gut für solche Fälle gerüstet zu sein. Und Teresina ist meine beste Nummer.«

Die schöne Ausstattung von Maria Beata würde natürlich verkauft oder im Cassettone verschwinden und Teresina würde auch dort ärmlich und abgerissen zum Antritt erscheinen, aber im Besitz ihrer göttlichen Brust und ihrer Zeugnisse auch dort ihre Mitbewerberinnen aus dem Felde schlagen. Um dann, den kleinen Principe im Arm, als königliche Dahlie in den historischen Gärten der fürstlichen Villa auf und nieder zu gehen; gefürchtet und geehrt . . . 107

 

Ich kam noch einmal durchs Raubtierhaus. Cäsar II. trank gerade Milch aus einer Blechschüssel; aber er schien nicht recht bei der Sache: Noch war ihm der Wärter das heutige Beefsteak schuldig. Myra aber, die Dogge, wurde soeben beim Halsband hinausgeschleift. Sie stemmte sich mit allen vier Pfoten, sie wandte den Kopf rückwärts, anklagend, verzweifelt, und ihre armen runzligen Zitzen baumelten leer und sinnlos wie ein Glockenspiel ohne Klöppel. 108



 << zurück weiter >>