Theodor Fontane
Mathilde Möhring
Theodor Fontane

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NEUNTES KAPITEL

Der Vierundzwanzigste kam und ging, die Verlobung war proklamiert worden, und die sechs Menschen, aus denen die ganze Gesellschaft bestand, waren ausnahmslos sehr vergnügt gewesen. Eine halbe Stunde lang sogar Schultze, der auf Thildens Aufforderung in einer gewissen Paschalaune, sein Volk beglückend, in der kleinen Möhringschen Wohnung erschienen war, zurückhaltend in bezug auf alles, was an Speis und Trank aufgetragen war, aber desto intimer mit Rybinskis Braut. Rybinski selbst lachte, versicherte dann und wann, daß er sich mit dem Rechnungsrat über das Schnupftuch schießen müsse, weil ihm ein solcher Eingriff in geheiligte Rechte noch gar nicht vorgekommen sei, und versprach schließlich, beim Rat und der Rätin eine Visite zu machen, spätestens zu Neujahr, aber ohne Braut. »Man kann doch nicht wissen, wie sich die Rätin stellt«, flüsterte er seinem neuen Freund Schultze zu. Und Schultze zwinkerte.

Den Toast auf das Brautpaar brachte der Vetter Architekt aus. Man werde nicht überrascht sein, wenn er seinerseits, als ein Mann des Baus, auch die Ehe, als deren Vorkammer die Verlobung anzusehen sei, wenn er auch die Ehe als einen Bau ansehe. »Das Fundament, meine Herrschaften, ist die Liebe; daß wir diese hier haben, ist erwiesen, und der Mörtel, der bis in alle Ewigkeit den Bau zusammenhält, das ist die Treue.«

Schultze nickte; Rybinski rief »Bravo« und drohte seiner neben Schultze stehenden Braut mit dem Finger, indem er mit dem Zeigefinger eine Stechbewegung machte, als müsse Schultze auf dem Platze bleiben. Der Vetter Architekt aber fuhr fort:

»Der Mörtel, sage ich. Aber auch der bestgefügteste Bau, bei den Erschütterungen, die das Leben mit sich führt, bedarf noch der Klammern und Stützen, und diese Klammern und Stützen, das sind die Freunde, das sind wir. Auch Schmuck hat ein gutes Haus, und in seine Nischen sehen wir gern allerhand liebe kleine Gestalten gestellt, putti sagen die Italiener, Putten sagen wir selbst. Ich weiß, ich greife vor, aber in dieser heitren Stunde wird auch ein heitrer Blick in die Zukunft gestattet sein. Es lebe das Brautpaar, es lebe die Zukunft, es leben die Putten.«

Rybinski umarmte den Redner und sprach etwas von dem geheimnisvollen Reiz der gefälligen oratorischen Begabung, die sei wie ein Quickborn: ein Schlag mit dem Pegasushuf, und die Quelle springe. »Gesegnet die, die diesen Huf haben.«

Erst gegen Mitternacht ging man auseinander, und die Tochter der alten Runtschen, eine schmucke Person, die an einen Bahnhofsgepäckträger verheiratet war [und] die schon beim Mantelabnehmen und dann beim Mohnpielen präsentieren die Bedienung gemacht hatte, begleitete die Herrschaften runter. Selbst Schultze nutzte seine Sonderstellung nicht aus und gab ihr, als er auf dem ersten Treppenabsatz in seine Wohnung abschwenkte, ein Trinkgeld. Alles benahm sich in dieser Beziehung sehr anständig, und oben angekommen teilte die alte und die junge Runtschen die Beute, was von der jungen Runtschen sehr anständig war. Die Alte war aber über die ganze Aushülfe verstimmt und konnte mit einer Hälfte nicht zufrieden sein, die eben die Hälfte und nicht das Ganze war. »Du hast es doch nicht so nötig, Ulrike«, sagte die Alte.

»Gott, Mutter, du kannst doch nich runterleuchten mit deinem einen Auge, erst fällst du und das Licht, und dann fallen die andren auch. Du vergißt immer das mit das eine Auge. Und manche graulen sich auch. Und was denkst du denn! Glaubst du denn, daß der alte Schultze sich so honorig gemacht hätte, wenn du runtergeleuchtet hättest? Ich sage dir, der sieht sich seine Leute ordentlich an.«

 

Mutter und Tochter saßen noch lang in ihrem Bette auf. Es gab viel zusprechen. Für die Alte war Schultze die Hauptperson, er habe doch feiner gewirkt als die andern und man hätte doch merken können: der hat's. »Es gibt einem doch so 'n Gefühl, und das hat er.«

»Ach, Mutter, du verstehst ja so was nich. Schultze war der einzige, der in die Gesellschaft nicht paßte. Von uns will ich nich reden. Aber die andern. Ja, das waren ja lauter feine Herren, alle studiert und Kunst dazu; der Vetter auch, wer so was baut, das ist auch 'ne Kunst. Und nur von Vorkammer hätt er nich sprechen sollen und von Putten erst recht nicht. Aber daran siehst du's gerade; feine Leute, die sind so und die behandeln all so was spielrig und lassen immer, wie Doktor Stubbe sagte, den rechten Ernst vermissen. Aber es kommt doch immer so was raus, was nich jeder sagen kann. Und nu Schultze. Ja, du mein Gott, wenn er nicht das sonderbare Zeug zu Rybinskis Braut gesagt hätte, so hätt er so gut wie gar nichts gesagt. Und dann is es auch nicht fein, daß er gar nichts nahm, und is bloß Tuerei, sehr viel Gutes kriegt er unten auch nich. Aber du hast seine großen Manschettenknöpfe immer angesehn, [und] weil er die zwei Steine vorn im Chemisette hatte und weil er Wirt ist, so denkst du, es war was Feines. Ich hab ihn auch nur raufgeholt, weil du doch nu mit ihm durchkommen mußt, wenn ich mal weggehe.«

»Na, wann denkst du denn?«

»Ich denke mir, so zu Johanni

»Hast du denn schon was?«

»Nein, noch nich, Mutter. Aber ich werd es nu in die Hand nehmen. Morgen und übermorgen sind Feiertage, da kommt keine Zeitung, aber den dritten Feiertag abends, da steht es drin. Und Verlobung haben wir nu gehabt, und nu is es an mir, nu werd ich es in die Hand nehmen.«

 

Die alte Runtschen hatte sich schließlich beruhigt und gab zu, daß Ulrike sehr anständig gehandelt habe. Sie hätte ja gar nichts zu teilen brauchen oder wenigstens mogeln können, aber daran war gar nicht zu denken, dazu war es viel zuviel. »Überhaupt, es is eigentlich ein gutes Kind, und bloß daß sie nur immer dran denkt, daß sie die dicken blonden Zöppe hat, Runtsch war schwarz, und ich erst recht; sie sagten immer die ›Schwarze‹; es muß aber doch so Bestimmung gewesen sein.« In dieser Richtung gingen die Gedanken der Alten, das Versöhnliche herrschte vor, aber auch wenn sie verbittert gewesen wäre, so hätte diese Verbitterung nicht anhalten können, weil sie vom frühen Morgen des andern Tages an ein Gegenstand besondrer Aufmerksamkeit im ganzen Schultzeschen Hause und in der Nachbarschaft war. Jeder wollte was wissen, und wohin sie kam, wollte man hören, wie die Verlobung gewesen wäre. Zu begreifen war es nicht, darin waren alle einig. Solch feiner Herr und ein Studierter und nu diese Thilde mit ihrem geelen Teint; und früher hatte sie auch noch Pickel; alle Morgen mußte sie bei die Herrens rein machen und ausgießen und nu doch Braut, und eh Gott den Schaden besieht, steht sie da mit Atlas und Myrte. So hieß es bei den Portiersleuten und namentlich in dem Keller gegenüber, wo sie Sellerie, Petroleum und Semmelfrühstück holte.

Zuletzt kam sie zur Leutnant Petermann, und hier erst, weil diese wegen eines Unfalls am Abend vorher noch im Bette lag, blühte ihr Weizen.

»Gott, Frau Leutnant, Sie liegen noch; was is denn los?«

»Ach Runtschen jetzt geht es ja wieder. Aber bis viere habe ich kein Auge zugetan. Solche furchtbaren Schmerzen...«

»Hier?«

»Nein, hier nich. Diesmal nich. Das hätte bloß noch gefehlt, daß ich auch aufgemußt hätte bei dem kalten Fußboden und dem Zug draußen. Nein, hier ... Zahnschmerzen. Der halbe Backzahn is weg.«

»Na, aber wie denn?«

»Ja, wie das so geht. Da hatt ich mir nu das Bäumchen angesteckt und sein Bild druntergestellt und wollte seine Briefe noch mal lesen, das heißt, bloß die ersten, wo er noch wie rapplig war. Er war so. Und als ich da nu so sitze und lese und den Teller ranrucke und zu knabbern anfange, erst ein kleines Marzipanherz und dann eine Pfeffernuß und dann ein Stück Steinpflaster, da beiß ich in das Steinpflaster rein, grad an eine Mandelstelle, und da sitzt nu grade ein Stück Mandelschale, was man ja nich sehn kann, weil alles dieselbe Farbe hat, und weil ich scharf zubiß, war der halbe Zahn weg.«

»Un mit runtergeschluckt?«

»Nein, so weit kam es gar nicht. Es tat gleich so weh, und ich kriegte gleich solchen Schreck, daß ich darauf verzichtete. Und war immer, als säße noch was drin, und ich holte mir eine Stopfnadel. Aber da wurd es immer toller, und ich fing beinah an zu schrein. Ein Glück, daß ich warm Wasser im Ofen hatte. Da hab ich dann gespült und gespült, und nu hat es sich beruhigt. Und nu sagen Sie, Runtschen, wie war es eigentlich? Setzen Sie sich auf den Rohrstuhl, aber nicht zu nah, da neben den Ofen, ein bißchen Wärme wird er wohl noch haben.«

»Ja, Frau Leutnant, wie soll es gewesen sein? Sehr fein war es. Rechnungsrat Schultze war auch da ...«

»Mit ihr?«

»Nein.«

»Na, das konnt ich mir denken. Er nimmt es nicht so genau, die Rätin aber hält auf sich, wie alle Frauen. Und wer war dennoch da?«

»Ja, die Namens weiß ich nich, Frau Leutnant, bloß eine Braut war noch da, die sie Fräulein Bella nannten, und alle sehr drum rum, well sie sehr hübsch [war]. Schultze fand es auch, und was denken Sie wohl, was sie Ulrike gegeben hat? Die war nämlich auch mit da und mußte runterleuchten.«

»Ja, wer will das sagen.«

»Einen richtigen Taler hat ihr das Fräulein gegeben.«

»Ach, das ist ja Unsinn.«

»Nein, Frau Leutnant, es ist so. Ulrike hat es mir alles erzählt und wird doch nich mehr gesagt haben, weil sie mit mir teilen mußte. Das heißt, müssen war es eigentlich nich. Und wie Ulrike die Lampe hingesetzt hatte und aufschließen wollte, [sagte das Fräulein:] »Hans, gib mir mal dein Portemonnaie«, und dann nahm sie's heraus und sagte: »Wir berechnen uns morgen.« Und es ist nur schade, daß es Schultze nicht mehr hörte, oder vielleicht war es auch nicht gut. Der war schon vorher ganz weg, und es war wohl gut für ihn, daß er allein gekommen war.«

»Und wie war denn die Braut? Was hatte sie an?«

»Ihr lila Seidnes mit 'm Einsatz.«

»Und war wohl eine große Zärtlichkeit? Solche, wie Fräulein Thilde, wenn's da mal kommt, die sind immer sehr zärtlich.«

»Nich daß ich sagen könnte, Frau Leutnant. Ich habe nichts gesehn, und die Wohnung ist so, daß man eigentlich alles sehn muß. Alles wie aufs Tempelhofer Feld und kein Vorhang und keine Schirme. Und Lichter waren überall. Fräulein Thilde war auch immer bloß um die Schüsseln rum und präsentierte, wenn Ulrike nich da war, und der Herr Hugo, was der Bräutigam is, der stand immer so da und sah so genierlich vor sich hin, und als ein Ältlicher, aber noch nich so ältlich wie Schultze, das Brautpaar leben ließ, da sah er so verflixt aus, als wenn er nich so recht zufrieden wäre.«

»Kann ich mir denken.«

»Oder eigentlich bloß als ob er gar nich so recht da wäre. Vielleicht is das noch so von seiner Krankheit, denn ein bißchen spack sieht er noch aus, oder vielleicht is es auch nich ganz richtig mit ihm.«

»Das is es, Runtschen; es ist nich ganz richtig mit ihm... Und wenn Sie gehn, nehmen Sie sich das Steinpflaster mit, das noch neben dem Baum liegt, aber sehn Sie sich vor damit.«

»Ach, Frau Leutnant, bei mir is es nich mehr ängstlich.«

 

Thilde war am andern Morgen in einer gehobenen Stimmung. Sie war nun Braut, und das andre mußte sich von selber geben. Solange sie bloß Fräulein Thilde war, die den Tee zu bringen und eine Bestellung auszurichten hatte, da lag die Sache noch schwierig genug, jetzt aber hatte sie das Recht, zu sprechen und zu handeln. Das mit den Theaterstücken war ein Unsinn und mit dem ewigen Lesen auch, und Rybinski und seine Braut - die ihr übrigens, trotzdem sie klarsah in allem, sehr gut gefallen hatte - mußten über kurz oder lang beseitigt werden. Rybinski war eine Gefahr, noch dazu eine komplizierte. Zunächst aber konnte von einem Vorgehn keine Rede sein, weil sie deutlich einsah, daß sie zur Erreichung ihrer Zwecke der Fortdauer guter Beziehungen zu Rybinski durchaus bedurfte. Wenn ihr feststand, wie sie Hugo zu trainieren habe, so stand ihr auch ebenso fest, daß sie so was wie Zuckerbrot beständig in Reserve haben müsse, um Hugo bei Lust und Liebe zu erhalten, und dazu war Rybinski wie geschaffen. Überhaupt nur nichts Gewaltsames, nur nichts übereilen. Alles mit Erholungspausen.

Ihrem natürlichen Gefühle nach hätte sie den ersten Feiertag nicht vorübergehn lassen, ohne mit ihrem Bräutigam über ihre Zukunft zu sprechen und ein bestimmtes Programm aufzustellen, aber in ihrer Klugheit empfand sie, daß etwas Nüchternes und Prosaisches darin liegen würde, den Tag nach der Verlobung, der noch dazu der erste Weihmachtsfeiertag war, zu Behandlung solcher Fragen heranziehen zu wollen, und so bezwang sie sich und nahm sich vor, ihm eine Woche Weihnachtsferien zu bewilligen und ihn zu kleinen Vergnügungen anzuregen. Er sollte sehn, wie gut er's auch im Behaglichen getroffen habe und daß Thilde durchaus verstehe, sich seinen Wünschen anzupassen. Am Ende dieser Ferienwoche wollte sie dann mit der Prosa herausrücken, unter Hinweis darauf, daß ohne Durchführung ihres Programms von Glück und Zufriedenheit und überhaupt von einem Zustandekommen ihrer Ehe gar keine Rede sein könne.


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