Theodor Fontane
Mathilde Möhring
Theodor Fontane

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SIEBENTES KAPITEL

Die »Jungfrau« kam zur Aufführung, mit Rybinski als Dunois, aber weder die Möhrings noch ihr Mieter Hugo Großmann wohnten der Aufführung bei, da dieser letztre krank geworden war. Er fieberte ziemlich stark und bat, nach einem Arzt zu schicken; dieser kam und war mehrere Tage lang im unsichern, bis es sich eines Morgens herausstellte, was es war. Er ging mit zu Möhrings hinüber und sagte: »Es sind die Masern, nichts Besondres und nichts Gefährliches. Aber Vorsicht, liebe Frau Möhring, sonst haben wir einen Toten, wir wissen nicht wie.«

»Gott, Herr Doktor, er is ja erst sechs Wochen bei uns und denn so was. Und wenn die Leute das hören, da will ja denn keiner einziehn, und vertuscheln geht auch nich; es sind immer so viele schlechte Menschen, und Schultzens wird es auch nicht recht sein.«

»Wohl möglich. Aber das hilft nicht; vor allem nicht gleich so ängstlich; noch lebt er und wird auch wohl weiterleben. Ich habe Sie nur warnen wollen, daß Sie aufpassen und immer nasse Lappen über den Bettschirm hängen. Mit dem Bazillus is nicht zu spaßen. Und vor allem kein Zug. Zug ist das schlimmste, da tritt alles zurück und wirft sich auf die edleren Teile...«

»Gott, is es möglich...«

»Und dann haben wir casus mortis

Mathilde war dabei nicht zugegen. Als sie von einem Gang in die Stadt nach Hause kam und hörte, was der Arzt gesagt, sagte sie: »Mutter, du kannst doch auch gar nichts vertragen. Masern. Gar nichts. Masern sind Masern. Jedes kleine Wurm hat sie; sie sollen sogar gesund sein, es kommt alles raus, und das is immer die Hauptsache. Natürlich müssen wir aufpassen und auch sorgen, daß er die Runtschen nich zu sehn kriegt, er ist so empfindlich in manchem und hat mir mal gesagt, er graule sich vor der Runtschen.«

»Ach, das hat er bloß so gesagt...«

»Nein, ganz im Ernst, Mutter. Solche, die immer Stücke lesen und ins Theater gehn, die sind so. Und das schwarze Pflaster es ist auch zum Graulen.«

»Ach Thilde, was unsereiner auch alles erleben muß. Und das nennen sie dann Fügungen, und man soll sich auch noch bedanken.«

»Rede nicht so, Mutter, das bringt Unglück, denke an Hiobbendenke an Hiobben: soviel wie: Klage nicht, hab Geduld (wie die alttestamentarische Gestalt Hiob, die Gott mit schwerem Leid heimsucht, um ihr Vertrauen auf die göttliche Gerechtigkeit zu prüfen).. Und Fügungen. Natürlich sind es Fügungen, und die Leute haben auch ganz recht, wenn sie von Bedanken reden. Wenigstens wir. Denn das kann ich dir sagen, für uns is es eine sehr gute Fügung, und wenn ich mir was hätte denken sollen, auf so was Gutes wie diese Masern wäre ich gar nich gekommen.«

»Meinst du?«

»Freilich mein ich.«

»Aber wie denn, Thilde?«

»Das erzähl ich dir ein andermal, wenn's da ist. Wenn man drüber redt, dann beruft man's.«

»Ach, Thilde, du rechnest immer alles aus, aber du kannst auch falsch rechnen.«

»Kann ich. Aber du sollst sehn, ich rechne richtig.«

 

Hugo Großmann überstand seine Masern und war im Abschülberungszustand, als der Doktor sagte: »Ja, liebe Frau Möhring, den haben wir nu mal wieder raus. Das heißt aus'm Gröbsten. An Gesundheit ist noch nich zu denken, und die Vorsicht muß verdoppelt werden; der kleinste Fehler, und es wirft sich auf die Ohren oder, wenn er zu früh Licht kriegt, auf die Augen, und dann is er blind. Andrerseits hätt ich's gern, er könnte hier raus; die nassen Lappen sind gut, aber immer nasse Lappen geht auch nicht. Könnten Sie ihn nicht umbetten, ich meine umlogieren, vielleicht neben[an] in das Entree. Sie müssen dann freilich zuschließen und allen Verkehr mit der Welt abschließen, und wer zu Ihnen will, muß durch die Küche. Krankheit entschuldigt alles. Überlegen Sie's mit Fräulein Mathilde, die ist findig, die wird schon Rat schaffen.«

Und damit ging er.

Mathilde rechtfertigte natürlich das gute Vertraun, das der Doktor zu ihr hatte, und sagte: »Doktor Birnbaum hat ganz recht. Er muß raus. Ich kann die Lappen schon gar nich mehr riechen. Aber das mit dem Entree, das geht nich. Entree. Das sieht so weggesetzt aus, so nich hü und nich hott; er ist doch ein studierter Mann und ein Burgemeisterssohn, und die Masern hat er bei uns gekriegt. Er muß in unsre Stube...«

»Ja, Thilde, das geht doch nich. Wir haben ja doch bloß die eine. Und dann ein Bett und ein fremder Mann drin, es geht doch nich.«

»Es geht alles. Aber das mit dem Bett is gar nich nötig. Das Bett bleibt stehn, wo's steht, und abends bringen wir ihn rüber und packen ihn ein und seine Reisedecke drüber, daß er sich nich bloßwirft.«

»Und bei Tage...«

»Bei Tage is er bei uns drüben. Er wird nichts tun, was uns genieren kann, und ich kann immer rausgehn. Du freilich, du bist eine alte Frau, und er könnte dein Sohn sein, und an dich muß er sich wenden. Aber er wird nich, er is viel zu anständig, er schadet sich lieber. Und da haben wir ihn denn, solange die Rekonvaleszenz dauert, immer drüben und müssen die Rouleaux halb runterlassen, daß er kein Licht kriegt, und müssen ihm was vorlesen und müssen ihm was erzählen. Aber erzähle nich zuviel von Vatern, du gehst immer so ins einzelne, und so was Interessantes war Vater nich.«

»Aber er war ein sehr guter Mann...«

»Ja, das war er.«

»... Ein sehr guter Mann. Und dann, Thilde, was ich sagen wollte, wie denkst du dir das eigentlich mit ihm. Sein Bett bleibt drüben, und auf einen Stuhl können wir ihn doch nich setzen; so lange kann er sich doch nicht gerade halten, er is ja noch krank und schwach.«

»Nein, das kann er nich. Und da siehst du nu wieder, wie gut es ist, daß wir die Chaiselongue haben. Ich wußte, daß sich das verlohnen würde.«

»Ja, findst du, daß das geht? Es ist doch sozusagen unser Prachtstück, der Stehspiegel hat den Riß und sieht nich recht nach was aus. Aber die Chaiselongue. Du mußt doch nich vergessen, vierzehn Tage oder vier Wochen dauert es, und dann is es hin. Er wird Kuten einliegen und alles eindrücken, denn Kranke sind so unruhig und liegen mal hier und mal da.«

»Das ist ja grade das Gute. Da verteilt es sich aufs Ganze, und von Kuten-Einliegen is keine Rede. Und wenn auch, Mutter. Wer was will, der muß auch was einsetzen. Er sieht dann, daß wir ihm unser Bestes geben, und wie ich ihn kenne, wird ihn das rühren, denn er hat was Edles, das heißt so auf seine Art. Zuviel darf man von ihm nich verlangen.«

 

Gleich am Tage, wo dies Gespräch geführt wurde, wurde Hugo Großmann in die Möhringsche gute Stube herübergenommen und auf der Chaiselongue installiert. Er nahm sich da ganz gut aus. Ein kleines Tischchen stand neben ihm, mit einem Heliotrop darauf. Er roch aber zu stark und wurde durch weiße Astern ersetzt. Auf einem grünen Weinblatteller lagen zwei Apfelsinen. Daneben eine Klingel, bloß als Putzstück, denn Mutter und Tochter waren immer da und brauchten nicht erst zitiert zu werden.

 

Der Arzt war mit dieser Umlogierung sehr zufrieden und sagte, als er mit Hugo allein war, allerlei Verbindliches über so »gute Menschen«, in deren ganzem Verhalten sich die einzig wahre Bildung ausspräche, die Herzensbildung. Fräulein Mathilde sei übrigens überhaupt gebildet und, wenn man ihren Kopf öfter gesehn und sich so mehr hineingelebt habe, fast eine Schönheit.

Draußen im Entree standen Mutter und Tochter und stellten allerlei Fragen, was wohl für den Kranken erlaubt sei und was nicht. »Immer in Dämmer«, sagte der Doktor, »am besten ist es, wenn er auch in einem geistigen Dämmer bleibt.«

»Aber wir dürfen doch mit ihm reden?«

»Gewiß, liebe Frau Möhring, alles, was Sie wollen. Bloß nichts Aufregendes.«

»Oh, du mein Gott, wie werd ich denn was Aufregendes...«

»Und Vorlesen ist vielleicht auch erlaubt?« unterbrach Thilde, die sah, daß sich die Alte noch weiter über das »Aufregende« verbreiten wollte.

»Ja, Vorlesen geht, aber nicht viel und nichts Schweres.«

Als sie wieder bei Hugo eintraten, erzählte ihm Thilde, was der Doktor alles erlaubt habe, nur immer abends ein grüner Lichtschirm, eine grüne Lampenglocke sei nicht genug, und wenn er Lust hätte, so dürfte ihm auch was vorgelesen werden, drei-, viermal des Tages, aber nie länger als eine halbe Stunde.

Hugo nickte sehr erfreut, denn sein Kranksein fing ihm an langweilig zu werden, und als Thilde fragte, »was er denn wohl wünsche? Bücher seien ja da die Hülle und Fülle«, da sagte er: Ja, die Geschichte von Zola, wo das Paradies drin vorkäme, die möchte er wohl hören, er sei grade bis dahin gekommen, wo das Paradies beschrieben würde. Freilich, es käme so manches darin vor, und er wisse nicht, ob er an Fräulein Thilde das Ansinnen stellen dürfe...

Thilde merkte gleich, daß er dies in Erinnerung an das kurze Jungfrau-von-Orleans- und Dunois-Gespräch sagte, darin sie den »Bastard«, übrigens sehr taktvoll, abgelehnt hatte, und wenn sie damals geglaubt hatte, sich den sittlichen Standpunkt sichern zu müssen, so hatte sie jetzt das Gefühl, daß man den Bogen der Sittlichkeit und den Eindruck des Engen und Kleinlichen, was immer eng und kleinlich und spießbürgerlich wirkte, nicht überspannen dürfe. Sie sagte denn also, während sie sich an das Fußende der Chaiselongue stellte und mit einem gewissen sittlichen Ernst zu ihm hinübersah, in der Schilderung des Paradieses, wenn auch ein Sündenfall darin vorkäme, der ja fast dazu gehöre, sähe sie kein Hindernis. Auf einem so niedrigen Standpunkte stünde sie nicht. Ein Mädchen müsse freilich auf sich halten, im Leben und im Gespräch und in Theaterstücken, und dürfe nicht alles sehn und hören wollen, denn grade die Neugier sei ja der Versucher gewesen, aber ein Mädchen müsse sich auch vor Prüderie zu bewahren wissen, wenn ihr ihr Gefühl sage, selbst das Stärkste stehe hier um einer großen Sache willen. Und das sei nicht bloß in Theaterstücken und Romanen so, das sei auch schon so beim Lernen und im Konfirmandenunterricht. Sie habe früher bei Pastor Messerschmidt aus der Bibel vorlesen müssen. Da wären mitunter furchtbare Worte gekommen, und sie denke noch mitunter mit Schrecken daran zurück. Aber immer, wenn sie gemerkt hätte, »jetzt kommt es«, dann habe sie sich zusammengenommen und die Worte ganz klar und deutlich mit aller Betonung ausgesprochen. Wie Luther.

Hugo nickte nur und fand bestätigt, was Doktor Bolle eben über Thilde gesagt hatte. Wie richtig, wie gebildet war das alles, und er freute sich über ihre tapferen und aufgeklärten Ansichten. »Es ist ein merkwürdiges Mädchen«, so gingen seine Betrachtungen, »nicht eigentlich schön, wenn man sie nicht zufällig im Profil sieht, aber klug und tapfer, ich möchte sagen, ein echtes deutsches Mädchen, charaktervoll, ein Wesen, das jeden glücklich machen muß, und von einer großen Innerlichkeit, geistig und moralisch. Ein Juwel.«


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