Gorch Fock
Nach dem Sturm
Gorch Fock

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Der Gebliebene.

Die Schollenzeit ist wieder ins Land gekommen und wie jeden Frühling sitzt die blinde Gesine vor der Tür im Stuhl, wenn die Luft geruhig und warm ist, und hört auf die Gespräche der vorübergehenden Leute, die um die überreichen Schollenfänge der Nordseefischer beim ersten Feuerschiff gehen. Sie horcht auf das dumpfe Schlagen der Segel und auf das Geklapper der Winschen und Spillen auf den Kuttern und Ewern, die Lappen oder Anker fieren oder hieven, die aufgekommen sind oder fahren wollen. Sie riecht die Scharben, die zum Trocknen aufgehängten Schollen, die den Deich umkränzen, und bei rauhem, nördlichem Winde auch den Teer und die Lohe, denn ihre Nase hat sich sehr geschärft, seitdem ihre Augen erloschen sind.

Wie die Sonnenstrahlen um sie spielen, als der Wind die weiße Wolke weggeblasen hat, hebt sie den blonden Kopf, als könne sie wieder in die Weite sehen. Unverwandt ist das Antlitz gegen die Elbe gewendet. Und sie träumt und sieht! Mit den Augen der Seele sieht sie in die Schollenzeit des sonnigsten Jahres ihres Lebens, als sie Harm Dankers Braut war und die Welt noch sehen konnte, als Harm sie mit weit über Wanten, Segel und Gaffel wehendem, blauweißem Stander begrüßte oder in der Abenddämmerung mit loderndem Flackerlicht, wenn er mit seinem großen, neuen Kutter, mit mächtigen, braunen Segeln die Elbe heraufkam, den Bünn voll von Schollen und das Herz voll von Freude und in seinen achttägigen Bart hineinlachte. Sie sieht ihn vorbeisegeln, den »Wanderer«, den grünbugigen, schlanken Jäger, der nur wenige der anderen Kutter auf der Rechnung hatte, wenn der Wind steif genug war. Jetzt ist er ins Fleet hereingekreuzt und hat die Segel schon nicht mehr stehen: geruhig spiegelt er sich in dem blanken Wasser und schaut groß nach dem Deich herüber. Der sie aber mit dem Boot vom Müggenloch abholt, wie sie geht und steht, um ihr sein Fahrzeug einmal zu zeigen, das ist Harm. Sie sträubte sich erst und ging dann doch lachend mit und ließ sich das Schiff zeigen, von buten und von binnen. Von binnen auch, nachdem sie gesehen hatte, daß der Koch in der Kombüse saß und Kartoffeln schälte. Ohne einen Seuten ging das aber doch nicht ab, denn Harm schob kurzerhand die Kojentür zu, als sein Speisemeister kluge Nasenlöcher machte, und sie sagte nichts, als er sie umfaßte an diesem schönen Sonntagmorgen und sie küßte wie Störtebeker die Tochter des hamburgischen Bürgermeisters. Die Tasche voll von glänzenden Schollentalern, ging Harm mit ihr den Deich entlang, der Tür bei Tür mit Stühlen besetzt war, und war sehr dahinter her, daß sie ihm nicht weglief. So mußte sie denn mit rotem Kopf einen »Godendag« nach dem andern sagen und sich von Gretjen, Veeken, Trina und Sill versteckt nach der Hochzeit fragen lassen. Was in der Woche schusterte, schlachtete, schneiderte und die Haare schnitt, das machte Sonntags Musik im Saal, und was in der Woche fischte, pflügte, melkte und schruppte, das tanzte zu dieser lauten Musik, und mitten im Gedränge und Gejuche drehte sie sich mit ihrem Harm, der den ganzen Abend nur mit ihr tanzte und die anderen Mädchen gar nicht sah. Wenn dann der letzte Tanz aus war, der Rutsmieter, gingen sie Arm in Arm den Deich entlang, den stillen Mond über sich und die Elbe mit den hellen Lichtaugen zur Seite und fanden der Küsse und des Weges kein Ende, bevor die Hähne an zu krähen fingen. Wenn sie sich dann in ihrer Bodenkammer auszog, klang der Lärm der Winschen auf den Kuttern, die fahren wollten, in ihre Träume hinein. Das hörte sie so gern, daß sie das Fenster offen ließ und der kalten Morgenluft nicht achtete ...

Gesine schüttelte den Kopf.

Vor zehn Jahren ist das gewesen – so lange geht sie nun schon blind durch das Leben, und so lange ist Harm jetzt schon auf See geblieben! Und doch ist alles noch ein Gestern für sie, doch ist ihr noch kein Augenblick von diesen schönen Tagen verloren gegangen, doch hat sich noch keine von den Stimmen dämpfen lassen und kein Blatt ist welk geworden!

Einmal hat Harm sie im St. Georger Krankenhause besucht, als sie alle Dinge noch wie im Dämmerlicht sehen konnte, hat mit ihr gesprochen und hat ihre Hände gedrückt, als wollte er sie nicht wieder loslassen. Er fische jetzt Zungen, sagte er, und die Reisen wären jetzt, im späten Sommer, länger als sonst: aber wenn ihm keine Stillen oder Stürme in die Quer kämen, sei er in zwei Wochen wieder da und wolle sie wieder besuchen, wenn sie dann nicht schon wieder am Deich sei und ihn aufkommen sehen könne.

Dann hatte die Krankheit ihre Augen gänzlich ausgelöscht, und wie die Sonne hatte sie auch ihren Harm nicht wieder gesehen. Auch seine Hände faßte sie nicht wieder. Der Schmerz um das verlorene Augenlicht brachte ihr ein schweres Fieber, von dem sie erst ganz allmählich genas. Sie fragte nach Harm, aber es hieß, er sei noch nicht da, der böse Ostwind ließe ihn nicht die Elbe herauf, er führe nach der Weser oder nach Esbjerg, oder sie sagten, er sei gleich wieder gefahren, habe der Tide wegen keine Zeit mehr gehabt! Sie verstand das alles nicht und fragte immer wieder, härmte sich Tag und Nacht um ihn und horchte immer auf seinen Schritt! In ihren Träumen aber schrie sie nach ihm. Sie konnte nicht genesen, – deshalb sagte die Mutter ihr zuletzt, daß Harm nicht wiederkommen könnte, weil er geblieben wäre. Ein starker Sturm hätte ihn mit seinem Kutter in die Tiefe gedrückt. Das Seeamt hätte ihn auch schon für verschollen erklärt.

Ihre Antwort war kein Aufschrei – war ein heißes Gebet zu Gott, daß er ihr ihren Harm gelassen hatte, daß er ihr nicht untreu geworden war, daß er sie nicht verlassen und vergessen hatte. Rein und treu war er in den Tod gegangen – heiß bat sie ihm alle Gedanken ab, die andere Wege gegangen waren, und was die Unruhe nicht gekonnt hatte, das trat jetzt ein: sie genas, sie lebte wieder auf, nun sie ihren Bräutigam wiedergefunden hatte. Sie war die Braut des treuen Verschollenen, den sie nun in ihrem Herzen zu einem Heiligen, zu einem Gott machte. Ihr ganzes Leben wurde nun zu einem einzigen Gedanken an Harm. Immer sah sie ihn, die von der Welt nichts mehr sehen konnte. Sie sprach nur von ihm und fragte alle Menschen, die ihn gekannt hatten, nach seinem Leben, um immer wieder und immer mehr von ihm zu hören. Die Mutter schalt oft und hieß sie vergessen: aber Gesine lächelte nur und sprach stets wieder von ihrem schönen, jungen Bräutigam, der bis in den Tod getreu gewesen war, von ihrem Harm.

Jung und schön ist Gesine dabei geblieben, als sei der Zeit keine Macht über sie gegeben. Eine heilige, keusche Schönheit spricht aus dem feinen Gesicht mit den geschlossenen Lidern, auf dem der Friede Gottes liegt.

Manchmal, an stillen Tagen, wenn Gesine vor der Tür sitzt und auf Schritte und Stimmen horcht, kommt mit einem Male eine wunderliche Unruhe über sie, daß sie sich aufrichten und vorbeugen kann. Sie steht und horcht und wendet sich, wenn die Schritte verklingen, als müsse sie dem Vorübergegangenen nachgehen. Lange steht sie mitunter so, dann setzt sie sich wieder auf ihren Stuhl, schüttelt den Kopf und sagt versonnen: »Mi wür dat eben, as wenn Harm vörbigohn dä – ober de is jo lang bleben ... mien gode Harm ...«

Gesines Mutter, die schwarzgekleidete Frau mit den strengen Zügen, erwidert dann nichts, aber sie blickt dem vorbeigeschrittenen Seefischer starr und feindselig nach. Denn Harm Danker ist es! Harm Danker ist nicht tot! Harm Danker lebt, wenn sie auch von ihm als von dem »Gebliebenen« sprechen, er atmet und segelt, er lebt und fischt! Nicht zwischen Sand und Felsen auf dem Meeresgrunde liegt sein Kutter, sondern dwars von der Nienstedtener Kirche ankert er und spiegelt seinen Bug ebenso geruhig im Wasser wie vordem auf dem Köhlfleet! Harm Danker lebt, und Gesines Mutter sieht ihm finster nach, bis er um die Ecke gebogen ist. Dann erst verschwindet die tiefe Falte von ihrer Stirn.

* * *

Als Harm damals nach vier Wochen wieder im Köhlfleet lag, hatten sie ihm allemann und allefrau von der gänzlichen Erblindung und von dem schweren Fieber Gesines erzählt. Es sei keine Hoffnung, daß ihre Augen wieder gut würden, hätten die Ärzte gesagt. Gesines Mutter selbst warnte ihn, zu der Kranken zu gehen, weil sie glaubte, daß die Aufregung ihr schaden könnte.

Tief atmet Harm Danker auf. Er kann es jetzt nicht mehr begreifen, warum er damals nicht sofort zu ihr lief, warum er sich auf Grübeleien einließ und auf die alten Weiber hörte, die ihm sagten, daß er als Fischermann keine blinde Frau gebrauchen könne und daß er Gesine und sich nicht unglücklich machen dürfe. Er kann es nicht mehr begreifen! Wohl konnte er als Fischermann keine blinde Frau gebrauchen: aber wie war es möglich gewesen, die Liebe in seinem Herzen so unterzukriegen, wieder zu fahren, ohne Gesine gesehen zu haben, wie war es möglich, sie so zu vergessen, daß er Anna Setten freien konnte! Wie war es möglich gewesen! Was für schwere Träume hatten auf ihm gelegen und ihn überwältigt!

Erst als er mit dem Segelmacher über eine neue Besan ins Gespräch kommt, wird der große Seefischer Herr über diese schweren, sonderbaren Gedanken, die ihn wieder wie ein Sturm in der Nordsee überfallen haben.


Harm Danker wohnt jetzt auf dem Neß. Er konnte nicht mehr in der Nähe der Blinden leben und ist deshalb nach dem andern Ende des Eilandes gezogen. In harter Austernfischerei, in drängendem Schollenkurren, in mühsamer Zungenfahrt hat er sich Haus und Hof und ein Stück Deiches aus der See geholt. Drei Jungen wachsen ihm heran und werden ihm tüchtige Knechte und Köche, wenn sie aus der Schule kommen. Anna ist eine rechte Fischerfrau, die spinnen und winnen kann und deren Fenster blinken, der niemals ein Haar um die Zähne hängt. Harm Danker gilt in der Flotte wie nur einer der Fahrensleute. Er sitzt schon seit Jahren im Vorstand des Seefischer-Vereins und führt das große Wort an Bord so gut wie an Land. Aber so laut sein Wort ist: irgendwo muß er schweigen! So stark er auftritt: irgendwo muß er schleichen! So gerade sein Weg: irgendwo muß er einen Bogen machen. Irgendwo: vor den Ohren und vor dem Hause der blinden Deern auf der Müggenburg.

Und das liegt auf dem sturen, sturmgewohnten Mann wie der Nebel auf der Elbe! Mehrmals hat er schon mit Gesines Mutter gesprochen – sie soll der Blinden sagen, daß er lebt, er will es, daß sie es weiß, er will nicht als Toter angebetet sein, will und will es nicht, aber die Mutter hat ihn schroff abgewiesen. Unerbittlich und unzugänglich bleibt sie. Niemals soll ihre Tochter das erfahren, sagt sie, niemals soll sie diesen Schmerz fühlen, das Erwachen aus ihrem Traum würde ihr den Tod bringen.

Für die Leute und ihre Alltagsaugen geht Harm Danker stolz und unerschütterlich seinen Weg. Auch Anna weiß nichts von seiner Seele. Aber die gewaltigen Winterstürme, die die Wikingbank und die Austerngründe aufwühlen, daß die Kutter vor Sturmankern treiben müssen, die Gewitternächte hinter Helgoland, die den Heben in Feuer und Flammen setzen, die Windwochen hinter den Dünen von Norderney und Spiekeroog, die stillen, warmen Sommernächte auf der See, in denen ein einsamer Mensch im Schatten der schwarzen Segel am Ruder steht und nach den Sternen hinaufblickt, die wissen, wie gewaltig sich die Liebe zu der schönen Blinden in Harm Dankers Herz aufgereckt hat, wie sie alles verdrängen will, was es außer ihr auf der Welt gibt, die Freude an Weib und Kind, am Wasser und an der Fischerei! Die Tage und Nächte auf See wissen darum und sonst niemand als der Eine, der die Sehenden blind und die Blinden sehend machen kann.

* * *

Am Deich aber bekränzt das schöne, blinde Mädchen das Bild des »Gebliebenen« mit Blumen ihres Gartens und spricht alle Tage wie im Traum mit ihm.


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