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Kapitel IX.

Unterwegs! der Himmel ist blau, die Sonne glänzt, und wir fühlen in den Füßen die Lust, auf dem Grase zu gehen.

Von Crozon bis Lendevenec ist das Land offen, ohne Bäume und Häuser; ein wie fadenscheiniger Sammet rotes Moos dehnt sich unabsehbar über platten Boden. Bisweilen erheben sich mitten unter kleinem, verkümmertem Ginster Felder reifen Getreides. Der Ginster blüht nicht mehr, er ist wieder wie vor dem Frühjahr.

Tiefe Wagengleise, die an ihren Rändern einen Wulst trockenen Lehms zeigen und sich unregelmäßig nebeneinander vervielfältigen, erscheinen vor uns, führen lange fort, bilden Knie und verschwinden dem Auge. Große Strecken weit wächst das Gras zwischen diesen eingedrückten Furchen. Der Wind pfeift über die Heide; wir kommen vorwärts; die lustige Brise schweift durch die Luft; sie trocknet mit ihren Stößen den Schweiß, der auf unseren Backen perlt, und wenn wir Halt machen, hören wir trotz des Pochens unserer Adern ihr Geräusch, das über das Moos läuft.

Von Zeit zu Zeit steigt, um uns den Weg anzugeben, eine Mühle auf, die ihre großen weißen Flügel rasch in der Luft dreht. Das Holz ihrer Rahmen kracht ächzend; sie schwingen herab, streifen den Boden und steigen wieder. In seiner offenen Dachluke steht der Müller und blickt uns nach, wie wir vorüberziehen.

Wir gehen weiter; als wir an einer Rüsterhecke hingingen, die ein Dorf verbergen muß, sahen wir auf einem bebauten Hofe einen Mann in einem Baume; unten stand eine Frau, die in ihrer blauen Schürze die Pflaumen auffing, die er ihr von oben herabwarf. Ich erinnere mich einer Masse schwarzen Haars, das ihr in Wellen über die Schultern fiel, zweier in die Luft gehobener Arme, einer Bewegung des nach hinten geworfenen Nackens und eines klangvollen Lachens, das mich durch das Zweigwerk der Hecke erreichte.

Der Pfad, dem man folgt, wird enger. Plötzlich verschwindet die Heide, und man steht auf einem Vorgebirge, das das Meer beherrscht. Auf der Seite von Brest verliert es sich und scheint es unendlich, während es auf der andern seine Buchten ins Land hineinstreckt, das es zwischen buschholzbedeckten Hügeln ausschneidet. Jeder Golf ist zwischen zwei Berge eingeengt; jeder Berg hat zwei Golfe zu seinen Seiten, und es gibt nichts Schöneres als diese großen, grünen Hänge, die fast lotrecht über der Meeresfläche stehen. Die Hügel runden sich am Gipfel, breiten ihre Basen flach, höhlen sich am Horizont in gesperrterer Ausweitung, die zu den Hochflächen führt, und binden sich untereinander mit der graziösen Kurve eines maurischen Rundbogens, während sie durch die Wiederholung auf jedem die Farbe ihres Grüns und die Bewegung ihres Geländes weiterleiten. Zu ihren Füßen drängten, vom Wind des offenen Meeres geschoben, die Wellen ihre Falten. Die Sonne traf darauf und ließ den Schaum erglänzen; unter ihrem Feuer schillerten die Wellen wie Silbersterne, und alles andere war eine ungeheure glatte Flache, deren Azur zu betrachten man nicht satt wurde.

Über den Tälern sah man die Sonne hinstreifen. Eins, das sie schon verlassen hatte, schattierte die Masse seiner Wälder unbestimmter, und auf ein anderes stieg ein breiter und schwarzer Schatten herab.

In dem Maße, wie wir den Pfad hinunterkamen und uns so dem Niveau des Ufers näherten, schienen uns die Berge uns gegenüber alsbald höher zu werden, die Golfe tiefer; das Meer wurde größer. Wir ließen die Blicke aufs Geratewohl schweifen und marschierten, ohne acht zu geben, und die vor uns hergejagten Kiesel rollten rasch hinab und verloren sich in den Strauchbüschen am Rande des Weges ...

. . . . . . . . . . . . .

... Die Wege wendeten sich an den dichten Hecken hin, die kompakter waren als Mauern. Wir stiegen aufwärts, wir stiegen abwärts; inzwischen füllten die Pfade sich mit Schatten, und das Land entschlummerte schon in jener schönen Stille der Sommernächte.

Da wir niemandem begegneten, der uns unseren Weg sagen konnte, und zwei oder drei Bauern, an die wir uns gewandt hatten, nur durch unverständliche Rufe geantwortet hatten, zogen wir unsere Karte hervor, nahmen den Kompaß zur Hand, orientierten uns nach dem Sonnenuntergang und beschlossen, auf Vogelschwingen nach Daoulas zu eilen. Also kam unseren Gliedern alsbald die Kraft zurück, und wir stürzten uns quer durch Hecken, über Gräben in die Felder, schlugen alles nieder, warfen es um, schoben es beiseite und zerbrachen es, ohne uns darum zu kümmern, ob Gatter offen blieben oder Ernten beschädigt wurden.

Oben auf einer Steigung sahen wir in einer Weide, durch die ein Fluß floß, das Dorf l'Hôpital liegen. Den Fluß überspringt eine Brücke, auf dieser Brücke steht eine Mühle, die sich dreht; hinter der Wiese steigt der Hügel wieder; wir kletterten lustig hinauf, als wir auf der Böschung einer Terrasse beim Licht eines Tagesstrahls zwischen den Füßen einer üppigen Hecke einen schönen schwarz und gelben Salamander sahen, der auf seinen gezähnten Pfoten vorwärtsschlich und seinen langen, schlanken Schwanz, der sich zu den Windungen seines fleckigen Rumpfes bewegte, auf dem Staube nachzog; er kam aus seiner Höhle, die unter irgendeinem großen Kiesel liegt, der im Moos vergraben ist, und er ging aus, um im vermodernden Stamm der alten Eichen auf Insekten Jagd zu machen.

Ein spitzsteiniges Pflaster erklang unter unseren Schritten, eine Straße erhob sich vor uns; wir waren in Daoulas. Es war noch hell genug, um an einem der Häuser ein viereckiges Schild zu erkennen, das an seiner in die Mauer gelassenen Eisenstange hing. Übrigens hätten wir auch ohne Schild das Gasthaus erkannt, denn wie die Menschen tragen die Häuser ihr Handwerk auf dem Gesicht geschrieben. Wir traten also sehr ausgehungert ein und baten vor allem, man solle uns nicht lange warten lassen.

Als wir in der Tür saßen, um unsere Mahlzeit abzuwarten, trat ein kleines Mädchen in Lumpen mit einem Korbe Erdbeeren, den sie auf dem Kopfe trug, in die Herberge ein. Bald darauf ging sie wieder hinaus und trug statt dessen ein großes Brot, das sie mit beiden Händen hielt. Sie entfloh mit der Behendigkeit einer Katze, indem sie gellende Rufe ausstieß. Ihre struppigen, vom Staub grauen Kinderhaare hoben sich im Winde um ihr mageres Gesicht, und ihre kleinen nackten Füße, die fest auf den Boden schlugen, verschwanden beim Laufen unter den zerfetzten Lumpen, die ihr um die Knie flogen.

Nach unserer Mahlzeit, die außer dem unvermeidlichen Omelett und dem verhängnisvollen Kalbfleisch zum großen Teil aus den Erdbeeren des kleinen Mädchens bestand, stiegen wir in unsere Zimmer hinauf.

Die Wendeltreppe mit den wurmstichigen Holzstufen ächzte und Krachte unter unseren Schritten, wie die Seele einer empfindlichen Frau unter einer neuen Enttäuschung. Oben lag ein Zimmer, dessen Tür man wie die der Scheunen mit einem Haken schloß, den man außen vorlegte. Dort übernachteten wir. Der Gips der Wände, die einst gelb getüncht waren, fiel in Schuppen ab; die Deckenbalken bogen sich unter der Last der Dachziegel, und auf den Scheiben der Fallfenster milderte ein Überzug von grauem Schmutz das Licht wie bei mattgeschliffenem Glase. Die Betten waren aus vier schlecht gefügten Nußbaumbrettern hergestellt und hatten runde, wurmstichige und vor Trockenheit ganz gespaltene Beine. Auf jedem lag ein Strohsack und eine Matratze, die mit einem grünen, von Mäusebissen durchlöcherten Bezug bedeckt waren, dessen Franzen aus ausfasernden Fäden bestanden. Ein Stück zerbrochenen Spiegels in seinem blindgewordenen Rahmen; eine Jagdtasche, die an einem Nagel hing, und dicht daneben eine alte seidene Halsbinde, deren Knotenfaltung man erkennen konnte – das alles wies darauf hin, daß dieses Bett von jemandem bewohnt wurde, und daß man ohne Zweifel jeden Abend darin schlief.

Unter einem der Kopfkissen aus roter Baumwolle zeigte sich etwas Scheußliches, nämlich eine Haube von derselben Farbe wie die Bettdecke, deren Gewebe zu erkennen jedoch eine Fettlasur hinderte: sie war abgenutzt, aufgeweitet, welk geworden, ölig, kalt für die Berührung. Ich habe die Überzeugung, daß ihr Herr sehr daran festhält, und daß er sie wärmer findet als jede andere. Das Leben eines Menschen, der Schweiß eines ganzen Daseins ist dort in dieser Schicht ranziger Salbe konkresziert. Wie vieler Nächte hat es nicht bedurft, um sie so dick zu machen! Wie viele Albe haben sich darunter geregt! wie viele Träume sind hindurchgegangen! Und schöne vielleicht – warum nicht? ...

... Wenn man kein Ingenieur, Baumeister oder Schmied ist, macht einem Brest kein bedeutendes Vergnügen. Der Hafen ist schön, das gebe ich zu; großartig vielleicht; gigantisch, wenn einem sehr daran liegt. Das imponiert, wie man sagt, und das gibt die Vorstellung von einer großen Nation. Aber all diese Haufen von Kanonen, Kugeln, Ankern, die unendliche Länge dieser Kais, die ein Meer ohne Bewegung und Unterbrechung einschließen, ein unterworfenes Meer, das aussieht, als sei es auf die Galeeren geschickt, und diese großen, geraden Werkstätten, in denen die Maschinen knirschen, das fortwährende Geräusch der Ketten der Sträflinge, die in Reihen vorüberziehen und im Schweigen arbeiten, dieser ganze finstere, unerbittliche, gezwungene Organismus, diese Anhäufung organisierten Argwohns füllt einem die Seele gar schnell mit Langeweile und ermüdet den Blick. Er schweift bis zur Sattheit über Pflaster, Haubitzen, über die Felsen, in die der Hafen eingeschnitten ist, über die Eisenhaufen, über die umreiften Bohlen, über die Trockendocks, die das nackte Gerippe der Fahrzeuge enthalten, und immer stößt er sich an den grauen Mauern des Bagno, wo ein an die Fenster gelehnter Mann die Einkittung ihrer Gitter prüft, indem er sie unter einem Hammer erklingen läßt.

Hier ist die Natur, wie nirgends sonst auf der Erde, abwesend, hier sieht man ihre Verleugnung, den eigensinnigen Haß auf sie, sowohl im Eisenhebel, der den Felsen zerbricht, wie im Säbel des Sträflingsaufsehers, der die Galeerensträflinge jagt.

Außer dem Arsenal und dem Bagno sind nur noch Kasernen, Wachtstuben, Befestigungen, Gräben, Uniformen, Bajonette, Säbel und Trommeln vorhanden. Vom Morgen bis zum Abend dröhnt einem Militärmusik unter den Fenstern, die Soldaten ziehen durch die Straßen hin und her, kommen, gehen, exerzieren; stets tönt die Trompete, und die Truppe geht im Schritt. Man versteht sofort, daß die eigentliche Stadt das Arsenal ist, daß alles andere nur dadurch lebt, daß es die Stadt überströmt. Unter allen Formen, an allen Orten, in allen Winkeln erscheint die Verwaltung, die Disziplin, das gestreifte Papierblatt, der Rahmen, die Regel. Man bewundert die künstliche Symmetrie und die blöde Sauberkeit sehr. Im Marinehospital zum Beispiel sind die Säle so gebohnert, daß sich ein Rekonvaleszent, der versucht, auf seinem kurierten Bein zu gehen, im Fallen das andere brechen muß. Aber das ist schön, es glänzt, man spiegelt sich drin. Neben jedem Saal ist ein Hof, in den aber nie die Sonne scheint, und dessen Gras man sorgfältig ausrodet. Die Küchen sind prachtvoll, aber so weit entfernt, daß im Winter alles eisig zu den Kranken kommen muß. Aber es handelt sich nicht um sie! Glänzen die Kasserollen nicht? Wir sahen einen Menschen, der sich durch einen Sturz von einer Fregatte den Schädel gebrochen und der seit achtzehn Stunden noch keine Hilfe erhalten hatte; aber seine Laken waren sehr weiß, denn die Wäsche wird vortrefflich gehalten.

Im Hospital des Bagnos hat es mich wie ein Kind gerührt, als ich auf dem Bett eines Sträflings einen Wurf kleiner Katzen sah, die auf seinen Knien spielten. Er machte ihnen Papierkügelchen und sie liefen ihnen auf der Decke nach, indem sie sich an den Rändern mit ihren Krallen festhielten. Dann drehte er sie auf den Rücken, streichelte sie, küßte sie, steckte sie sich ins Hemd. Wenn er wieder an die Arbeit geschickt ist, da wird er ohne Zweifel auf seiner Bank mehr als einmal von diesen ruhigen Stunden träumen, die er mit ihnen allein verbrachte, indem er in seinen rauhen Händen die Weichheit ihres Flaumes und auf seinem Herzen ihre kleinen warmen Körper kauern fühlte.

Ich glaube jedoch gern, daß das Reglement solche Erholungen verbietet, und ohne Zweifel war es eine Nachsicht der Schwester.

Übrigens ist die Regel so wenig dort wie anderswo ohne Ausnahme, auch abgesehen davon, daß zunächst der Unterschied der Stände nicht erlischt, was man auch sagen mag (denn die Gleichheit ist eine Lüge, selbst im Bagno). Denn aus der numerierten Haube fällt oft ein sein parfümiertes Haar herab, wie sich am Rande des roten Hemdes oft ein Manschettenstreif abhebt, der eine weiße Hand einrahmt. Außerdem gibt es für gewisse Professionen, für gewisse Leute besondere Vergünstigungen. Wie haben sie sich trotz des Gesetzes und der Eifersucht der Kameraden diese exzentrische Stellung erobern können, die fast Amateursträflinge aus ihnen macht, und die sie trotzdem wie ein erworbenes Gut bewahren, ohne daß jemand sie ihnen streitig macht? Am Eingang des Bauhofs, wo man Boote baut, findet man einen Zahnarzttisch, der mit allen Werkzeugen des Berufs versehen ist. An der Mauer reihen sich in einem hübschen Glasrahmen offene Gebisse, neben denen der Künstler steht und, wenn man vorübergeht, seine kleine Reklame macht. Er bleibt den ganzen Tag lang dort bei seinem Stande, beschäftigt, seine Werkzeuge zu putzen und Rosenkränze aus Backenzähnen aufzuziehen. Dort kann er, jedem Wärter fern, behaglich mit den Spaziergängern plaudern, die Neuigkeiten der medizinischen Welt erfahren, seine Industrie wie ein Mann mit seinem Diplom ausüben. Zur Stunde muß er ätherisieren. Wenig fehlt, so würde er Schüler haben und Kurse halten. Aber der bestgestellte Mann ist der Pfarrer Lacolonge. Ein Vermittler zwischen den Gefangenen und der Obrigkeit, bedient die Macht sich seiner, um auf die Sträflinge zu wirken, die sich ihrerseits wieder an ihn wenden, um Gnaden zu erlangen. Er wohnt abseits, in einem sehr sauberen kleinen Zimmer, hat einen Diener zur Bedienung, ißt große Schüsseln voll Erdbeeren aus Plougastel, trinkt seinen Kaffee und liest die Zeitungen.

Wenn Lacolonge der Kopf des Bagno ist, so ist Ambroise sein Arm.

Ambroise ist ein prachtvoller Neger von fast sechs Fuß Höhe, der im sechzehnten Jahrhundert für einen vornehmen Mann einen wundervollen Bravo abgegeben hätte. Heliogabal muß sich einen Kauz dieser Art gehalten haben, um sich beim Souper damit zu unterhalten, daß er ihm zusah, wie er einen numidischen Löwen in seinen Armen erdrosselte oder Gladiatoren mit Faustschlägen totschlug. Er hat eine glänzende Haut von einem glatten Schwarz mit stahlblauen Reflexen, eine schlanke Taille, kräftig wie die eines Tigers, und Zähne, so weiß, daß sie einem fast Angst machen.

König des Bagnos durch das Recht der Muskeln, fürchtet man, bewundert man ihn; sein Herkules-Ruhm macht es ihm zur Pflicht, die Ankömmlinge zu probieren, und bis jetzt sind diese Proben alle zu seinem Ruhm ausgefallen. Er biegt Eisenstangen überm Knie, hebt drei Menschen mit gestreckter Faust, wirft acht um, indem er die Arme auseinanderbreitet, und täglich ißt er dreifache Portionen, denn er hat einen schrankenlosen Appetit, Appetite jeder Art, eine heroische Konstitution.

Wir sahen ihn im botanischen Garten, als er Pflanzen begoß. Man findet ihn immer dort in seinem Treibhause, hinter den Aloen und Zwergpalmen, beschäftigt, das Erdreich der Beete zu lockern oder die Fensterrahmen zu reinigen. Donnerstags, am Tage des öffentlichen Zutritts, empfängt Ambroise dort hinter den Orangenkübeln seine Geliebten, und er hat mehrere, mehr als er will. Er versteht es wirklich, sie sich zu verschaffen, sei es durch seine Vorführungen, sei es durch seine Kraft oder durch sein Geld, von dem er gewöhnlich eine Menge bei sich trägt, und das er königlich ausstreut, sobald es sich darum handelt, seiner schwarzen Haut eine Freude zu machen. Daher wird er auch von einer gewissen Klasse von Damen sehr überlaufen, und vielleicht sind die Leute, die ihn dorthin gebracht haben, nie so sehr geliebt worden.

In der Mitte des Gartens schwimmt in einem Bassin klaren Wassers, das am Rande von Pflanzen eingefaßt ist, und das eine Trauerweide beschattet, ein Schwan. Er schwimmt dort spazieren, durchfährt es ganz mit einem einzigen Schlage des Beins, schwimmt hundertmal herum und denkt nicht daran, herauszusteigen. Um sich die Zeit zu vertreiben, fängt er die roten Fische.

Weiterhin hat man die Mauer entlang ein paar Käfige gebaut, um die seltenen Tiere aufzunehmen, die von Übersee kommen und für das Pariser Museum bestimmt sind. Sie sind meist leer. Vor dem einen richtete in einem kleinen vergitterten Hof ein Sträfling mit seinen Schuhen eine kleine Tigerkatze ab und lehrte sie, wie ein Hund dem Wort gehorchen. Er hat also an der Sklaverei nicht genug, der da? Er wälzt sie auf einen andern ab. Die Stockschläge, mit denen man ihm droht, gibt er der Tigerkatze, die sich ohne Zweifel eines Tages dafür rächen wird, indem sie ihr Gitter überspringt und den Schwan erdrosselt.

Eines Abends, als der Mond auf dem Pflaster strahlte, hielten wir es für unsere Schuldigkeit, die sogenannten verrufenen Straßen aufzusuchen. Sie sind zahlreich. Die Linientruppen, die Marine und die Artillerie haben jede ihre eigene, ohne das Bagno zu rechnen, das für sich allein ein ganzes Stadtviertel inne hat. Sieben parallele Gassen, die hinter seinen Mauern enden, bilden, was man das Keravel nennt; sie werden nur von den Geliebten der Aufseher und der Sträflinge bewohnt. Es sind alte übereinander gehäufte Holzhäuser, alle mit verschlossenen Türen, verhängten Fenstern, herabgelassenen Jalousien. Man hört dort nichts, man sieht niemanden; kein Licht in den Dachluke; nur hinten läßt in jedem Gäßchen eine Laterne, die der Wind bewegt, ihre langen gelben Strahlen auf dem Pflaster spielen. Im Mondschein warfen diese stummen Häuser mit den ungleichmäßigen Dächern unheimliche Lichter zurück.

Wann öffnen sie sich? zu unbekannten Stunden, im verschwiegensten Moment der finstersten Nächte. Dann tritt dort der Aufseher ein, der sich heimlich von seinem Posten schleicht, oder der Sträfling, der seinen Bann überschreitet, und oft helfen und schützen sich gar alle beide gemeinsam; wenn dann der Tag zurückkommt, klettert der Sträfling über die Mauer, der Aufseher wendet den Kopf ab, und niemand hat etwas gesehen.

Im Matrosenviertel dagegen zeigt sich alles, breitet sich alles aus. Es flammt, es wimmelt. Die lustigen Häuser werfen einem, wenn man vorbeikommt, ihr Gesumm und ihre Lichter zu. Man schreit, man tanzt, man streitet sich. In großen, niederen Sälen im Parterre sitzen die Frauen in der Nachtjacke auf den Bänken die getünchte Wand entlang, an der eine Lampe befestigt ist; andere stehn auf der Schwelle und rufen einen, und ihre aufgeregten Köpfe lösen sich von dem Hintergrund des erleuchteten Hauses ab, wo der Stoß der Gläser mit den groben Liebkosungen der Leute aus dem Volke ertönt. Man hört Küsse auf den fleischigen Schultern schallen, und das gute rote Mädchen, deren nackte Brust aus dem Hemd herausschlüpft wie das Haar aus ihrer Haube, in den Armen eines braungebrannten Matrosen, der sie auf den Knien hält, vor Vergnügen lachen. Die Straße ist voll, das Haus ist voll, die Tür steht offen, man tritt ein. Die draußen sind, blicken durch die Scheiben, oder plaudern leise mit einer halb nackten Schelmin, die sich über ihr Gesicht beugt. Die Gruppen bleiben stehn, sie warten. Das geht ohne Förmlichkeiten, und wie die Lust einen drängt.

Wir traten in eins dieser Lokale ein. Es war keins von den letzten, noch weniger eins von den ersten.

In einem rot tapezierten Salon saßen drei oder vier Damen um einen runden Tisch, und ein Freund, der auf dem Sofa seine Pfeife rauchte, grüßte uns höflich, als wir eintraten. Sie zeigten bescheidene Haltung und hatten Pariser Kleider an.

Die Mahagonimöbel waren mit Ütrechter Samt gepolstert, der rote Boden gewachst, und die Mauern mit den Schlachten des Kaiserreichs geziert. O Tugend, du bist schön, denn das Laster ist gar dumm!

Da ich eine Frau neben mir hatte, deren Hände genügt hätten, ihr Geschlecht vergessen zu lassen, und da wir nicht wußten, was wir beginnen sollten, zahlten wir der Gesellschaft zu trinken.

Dann zündete ich mir eine Zigarre an, streckte mich in einem Winkel aus, und dort, sehr traurig, und den Tod in der Seele, sagte ich mir, während die krächzenden Stimmen der Weibchen krächzten, und die kleinen Gläser sich leerten:

– Wo ist sie? wo ist sie? Ist sie der Welt gestorben und werden die Menschen sie nie mehr sehen?

Sie war schön, einst, am Rande der Vorgebirge, als sie das Peristyl der Tempel hinaufstieg und die Goldfranzen ihrer weißen Tunika auf den rosigen Füßen schleifte, oder als sie, auf persischen Kissen sitzend, mit den Weisen plauderte, indem sie ihr Kameenhalsband in den Fingern drehte.

Sie war schön, als sie nackt auf der Schwelle ihrer cella stand, in der Straße von Suburra, unter der Kienfackel, die in die Nacht hin knisterte, als sie ihre kampanische Klage fang, oder als man auf dem Tiber langen Widerhall von Orgien hörte.

Sie war schön auch in ihrem alten Hause in der Stadt, hinter ihren Butzenscheiben, unter den lärmenden Studenten und den ausschweifenden Mönchen, als man ohne Furcht vor den Gendarmen die großen Zinnkrüge laut auf den Tisch schlug, und als die wurmstichigen Betten unter dem Gewicht der Leiber zerbrachen.

Sie war schön, als sie auf einem Spieltisch lehnte und mit ihren hohen Absätzen und ihrer Wespentaille und ihrer Reifperücke, deren duftendes Puder ihr auf die Schultern fiel, mit einer Rose an der Seite und einem Schminkpflästerchen auf der Backe auf das Gold der Provinzialen fahndete.

Sie war schön noch unter den Ziegenhäuten der Kosacken und den englischen Uniformen, als sie sich in die Menge der Männer drängte und auf der Stufe der Spielhäuser, unter dem Schaufenster der Goldschmiede, beim Licht der Cafes zwischen dem Hunger und dem Gelde ihre Brust leuchten ließ.

Was weint ihr ... ich sehne mich nach dem Freudenmädchen.

... Auf dem Boulevard habe ich sie noch eines Abends vorübergehen sehen, als sie unterm Licht der Laternen lebhaft ihre Augen warf und ihre schleifende Sohle über das Pflaster gleiten ließ. Ich habe ihr blasses Gesicht an der Ecke der Straßen gesehen, und wie der Regen auf die Blüten ihres Haares fiel, als ihre leise Stimme die Männer rief und ihr Fleisch am Rande der schwarzen Seide fröstelte.

Das war ihr letzter Tag; am andern Tage erschien sie nicht wieder.

Fürchtet nicht, daß sie wiederkomme, denn sie ist tot, jetzt, ganz tot! Ihr Kleid ist hoch, sie hat Sitten, sie erschrickt über grobe Worte und trägt die Groschen, die sie verdient, auf die Sparkasse.

Die gefegte Straße ihres Daseins hat die einzige Poesie verloren, die ihr noch blieb; man hat die Gosse filtriert, den Unrat durchgesiebt ...

. . . . . . . . . . . . .

... In einiger Zeit werden auch die Possenreißer verschwunden sein, um den magnetischen Sitzungen und den Reformatorenbanketten Platz zu machen, und die Seiltänzerin, die mit ihrem Flitterkleid und großen Balanzierstab in die Luft schnellte, wird uns so fern sein wie die Bajadere vom Ganges.

Aus dieser ganzen schönen, farbigen Welt, lärmend wie die Phantasie selber, so melancholisch und so klangvoll, so bitter und so übermütig, voll von Intim-Pathetischem und von glänzenden Ironien, in der das Elend warm war oder die Anmut traurig, du letzter Schrei aus jener verlorenen Zeit, du fernes Geschlecht, von dem man meinen möchte, es sei vom anderen Ende der Welt gekommen, und das uns im Lärm seiner Glocke etwas wie ein blasses Gedächtnis und ein ersterbendes Echo der vergötterten Freuden brachte! Irgendein Wohnwagen, der die Straße dahinzieht und auf dem Dache aufgerollte Tücher und schmutzige Hunde unter dem Kasten führt, ein Mensch in gelber Jacke, der die Kugel im zinnernen Becher verschwinden läßt, die armen Marionetten der Champs-Elysées und die Gitarrenspieler der Kneipen vor dem Tor – das ist alles, was von dir bleibt!

Freilich sind uns dafür viele Schwanke einer höheren Komik zuteil geworden. Aber kommt die neue Groteske der alten gleich? Ist euch Hans Däumling lieber oder das Versailler Museum? ...

. . . . . . . . . . . . .

Auf einer Holzestrade, die den Balkon eines viereckigen Zeltes aus grauer Leinwand bildete, schlug ein Mann in Bluse die Trommel; hinter ihm hing ein gemalter Anschlagzettel, der einen Hammel, eine Kuh, Damen, Herren und Militärs darstellte. Es waren die beiden jungen Phänomene von Guèrande, mit einem Arm, vier Schultern. Ihr Vorführer oder Herausgeber selber schrie sich die Lunge zum Halse heraus und kündigte außer diesen zwei schönen Dingen noch Kämpfe wilder Tiere an, die zur Stunde selbst beginnen sollten. Unter der Estrade sah man einen Esel, – daneben schlummerten drei Bären, und aus dem Innern der Baracke drang Hundegebell hervor und mischte sich in den tauben Lärm der Trommel, in das stoßweise Rufen des Eigentümers der beiden Phänomene und in das Geschrei eines weiteren Kauzes, der nicht wie er untersetzt, vierschrötig, jovial und schalkhaft war, sondern groß und hager, von finsterem Gesicht und bekleidet mit einem Plaid in Fetzen: das ist sein Teilhaber; sie sind sich unterwegs begegnet und haben ihre Geschäfte vereinigt. Der eine hat die Bären, den Esel und die Hunde eingebracht, der andere die beiden Phänomene und einen grauen Filzhut, der beiden Vorstellungen dient.

Das Theater, das obenhin offen ist, hat als Mauer die graue Leinwand, die im Winde zittert und ohne die Pfähle, die sie festhalten, davonfliegen würde. Eine Balustrade, die die Zuschauer enthält, beherrscht die Seiten der Arena, wo wir in einem Winkel abseits wirklich, ein dünnes Heubündel knuppernd, die beiden jungen Phänomene unter ihrer großartigen Decke erkennen. In der Mitte ist ein hoher Pfosten in die Erde gerannt und in bestimmten Abständen sind mit Bindfäden an weitere kleinere Holzstücke Hunde angebunden, die sich wild geberden und bellend daran zerren. Die Trommel schlägt immer noch, man schreit auf der Estrade, die Bären brummen, die Menge kommt.

Zunächst führte man einen armen, dreiviertel lahmen Bären herein, der beträchtlich gelangweilt aussah. Er trug einen Maulkorb und außerdem um den Hals ein Halsband, von dem eine Eisenkette herabhing, eine Schnur, die ihm durch die Nasenlöcher gezogen war, damit er folgsam manövrierte, und eine Art Lederkappe, die ihm die Ohren schützte. Man band ihn an den mittleren Pfahl da verdoppelte sich das gellende, heisere, wütende Bellen. Die Hunde richteten sich auf, sträubten sich, kratzten die Erde, den Schwanz hoch, die Schnauze gesenkt, die Pfoten auseinandergestellt, und in einem Winkel standen die beiden Herren sich gegenüber und heulten, um sie noch mehr aufzuregen. Zunächst ließ man die drei Doggen los; sie stürzten sich auf den Bären, und er begann um den Pfahl zu laufen und die Hunde rannten, sich stoßend, beißend hinterher, bald umgeworfen, unter seinen Tatzen halb zermalmt; dann rafften sie sich wieder auf und sprangen und hängten sich ihm an den Kopf, den er schüttelte, ohne diese verteufelten Leiber, die sich wanden und ihn bissen, loswerden zu können. Das Auge auf sie gefesselt, lauerten die beiden Herren auf den genauen Moment, in dem der Bär erwürgt werden würde; dann stürzten sie darauf los, rissen sie von ihm ab, zerrten sie am Hals und bissen sie, damit sie loslassen sollten, in den Schwanz. Sie winselten vor Schmerz, aber gaben nicht nach. Der Bär wehrte sich unter den Hunden, die Hunde bissen den Bären, die Menschen bissen die Hunde. Eine junge Bulldogge zeichnete sich vor den anderen durch ihre Erbitterung aus; mit den Krallen an den Rücken des Bären geklammert, mochte man dem Hunde den Schwanz kauen, ihn ihm zusammenfalten, ihm die Hoden pressen, ihm die Ohren zerreißen, er ließ nicht los, und man sah sich gezwungen, einen Spaten zu holen, um ihm die Zähne auseinanderzubrechen. Als alles getrennt war, ruhte sich jedermann aus, der Bär legte sich hin, die Hunde keuchten mit hängender Zunge; die Männer schwitzten und zogen sich die Hundehaare, die ihnen zwischen den Zähnen geblieben waren, aus dem Munde, und der durch das Getümmel aufgewirbelte Staub verteilte sich in der Luft und fiel rings auf die Köpfe des Publikums nieder.

Man führte nacheinander zwei weitere Bären herein, von denen der eine den Gärtner nachahmte, auf die Jagd ging, tanzte, einen Hut aufsetzte, die Gesellschaft grüßte und den Toten machte. Nach ihm kam der Esel an die Reihe. Er verteidigte sich gut; wenn er ausschlug, flogen die Hunde wie Ballons davon; den Schwanz eingezogen, die Ohren gesenkt, die Schnauze gestreckt, lief er schnell und versuchte immer, sie unter seine Vorderfüße zu bekommen, während sie um ihn herumliefen und ihm unters Kinn sprangen. Als man ihn fortzog, war er trotzdem ganz außer Atem, er fröstelte vor Angst und war von Bluttropfen bedeckt, die ihm die von den Narben seiner Wunden räudig gewordenen Beine hinabliefen und ihm zugleich mit dem Schweiß das abgenutzte Horn seiner Hufe benetzten.

Aber das schönste war der allgemeine Kampf der Hunde unter sich; darunter war alles: große, kleine, Wolfshunde, Bulldoggen, schwarze, weiße, gefleckte und rote. Eine gute Viertelstunde verging, bis sie genügend gegeneinander aufgebracht waren. Die Herren hielten sie an den Beinen, drehten ihre Köpfe ihren Gegnern zu und stießen sie heftig zusammen. Vor allem der Magere arbeitete aus ganzem Herzen; er holte mit einem brutalen Ruck einen Strom rauher, heiserer, wilder Stimmen aus der Brust, die der ganzen gereizten Bande Wut einflößten. Ebenso ernsthaft wie ein Kapellmeister an seinem Pult sog er diese dissonierende Harmonie in sich, leitete sie, verstärkte sie; aber als die Doggen losgekettet waren, und sie sich alle heulend gegenseitig zerrissen, ergriff ihn die Begeisterung, er letzte sich, kannte sich nicht mehr, er bellte, applaudierte, wand sich, stieß mit dem Fuß, machte die Geste eines angreifenden Hundes, warf wie sie den Rumpf nach vorn, schüttelte wie sie den Kopf; er hätte auch beißen mögen, mögen, daß man ihn biß, Hund sein mögen, ein Maul haben, um sich da drinnen zu wälzen, mitten im Staub, Geschrei und Blut, um seine Krallen in dem zottigen Fell zu fühlen, um voll in diesem Wirbel zu schwimmen, um sich nach Herzenslust darin zu wehren.

Einmal trat ein kritischer Moment ein: alle Hunde durcheinander, ein wimmelnder Haufe von Pfoten, Beinen, Schwänzen und Ohren, der in der Arena umherschwankte, ohne sich zu lösen, tobten gegen die Balustrade, zerbrachen sie und drohten, die beiden jungen Phänomene in ihrem Winkel zu beschädigen. Ihr Herr erblaßte, tat einen Sprung, und der Teilhaber kam herbeigelaufen. Da biß man die Schwänze! da gab man Faustschläge und Fußtritte! da eilte und lief man! Gepackt, einerlei wo, aus der Gruppe gezerrt und über die Schulter geworfen, flogen die Hunde wie Heubündel, die man aufmietet, durch die Luft. Es war ein Blitz; aber ich habe den Moment gesehen, in welchem die beiden jungen Phänomene würden im Zustand von Beefsteaks verzehrt werden, und ich habe für den Arm gezittert, den sie auf dem Rücken tragen.

Ohne Zweifel durch diesen Angriff aufgeregt, machten sie Umstände, sich sehen zu lassen. Die Kuh wich zurück, der Hammel stieß mit den Hörnern; schließlich hob man ihre grüne Decke mit den gelben Franzen ab; ihr Anhängsel wurde gezeigt und so schloß die Vorstellung.

Auf dem Leuchtturm von Brest: – Hier endet die alte Welt; dies ist ihr äußerster Punkt, ihr letzter Markstein. Hinter einem liegt ganz Europa, ganz Asien; vor einem liegt das Meer, und das ganze Meer. So groß für unsere Augen die Räume sind, sind sie nicht immer begrenzt, sobald wir ihnen einen Markstein wissen? Sieht man nicht von unsern Küsten aus jenseits des Kanals die Trottoirs von Brighton und die Landhäuschen der Provence, umfaßt man nicht das ganze Mittelmeer wie ein ungeheures Azurbecken in einer Felsenmuschel, die am Rande mit einsinkendem Marmor bedeckte Vorgebirge, gelber Sand, hängende Palmen, Sand und Golfe, die sich erweitern, ziselieren? Aber hier hält nichts mehr auf. Schnell wie der Wind kann der Gedanke lausen, und wenn er sich ausbreitet, hinschweift, sich verliert, er trifft nur Wogen; dann hinten freilich, ganz hinten, da unten, auf dem Horizont der Träume, das unbestimmte Amerika, vielleicht namenlose Inseln, irgendein Land mit roten Früchten, mit Kolibris und Wilden, oder die stumme Dämmerung der Pole mit dem Wasserstrahl der blasenden Wallfische, oder die großen hellen Städte aus farbigem Glas, Japan mit den Dächern aus Porzellan, China mit den durchbrochenen Treppen in Pagoden mit goldenen Glocken.

So bevölkert und belebt der Geist dies Unendliche, um es einzuengen, weil er seiner unaufhörlich müde wird. Man denkt nicht an die Wüste ohne die Karawanen, an den Ozean nicht ohne Schiffe, an den Schoß der Erde nicht ohne die Schätze, die man darinnen annimmt.

Wir kehrten über die Klippe nach le Conquet zurück. Die Wogen sprangen an ihrer Basis. Aus der Weite herbeijagend stießen sie gegen die großen regungslosen Blöcke und bedeckten sie alsbald mit ihrer zitternden Decke. Eine halbe Stunde darauf kamen wir, in unserm Bankwagen von zwei kleinen, fast wilden Pferden gezogen, nach Brest zurück, von wo wir am zweiten Tage daraus mit vielem Vergnügen aufbrachen. Wie sie sich vom Gestade entfernt und zum Kanal hinaufsteigt, wechselt die Gegend den Charakter, sie wird weniger rauh, weniger keltisch, die Dolmen treten seltener auf, die Heide verschwindet in dem Maße, wie das Korn sich ausdehnt, und allmählich kommt man so in jenes fruchtbare und flache Land um Léon, das, wie M. Pitre-Chevalier es so liebenswürdig ausgedrückt hat, das »Attika der Bretagne« ist.

Landerneau ist ein Ort, wo es am Ufer des Flusses eine Ulmenpromenade gibt, und wo wir in den Straßen einen geängstigten Hund laufen sahen, dem man eine Kasserolle an den Schwanz gebunden hatte.

Um zum Schloß de la Joyeuse-Garde zu kommen, muß man zunächst dem Ufer des Eilorn folgen, dann lange in einem Hohlwege, den niemand beschreitet, durch einen Wald marschieren. Bisweilen lichtet sich das Buschholz; dann erscheint durch die Zweige die Weide oder das Segel eines Fahrzeugs, das den Fluß hinauffährt. Unser Führer war uns voraus, weit, in der Ferne. Allein zusammen traten wir jenen guten Boden der Wälder, wo die violetten Büschel des Heidekrauts unter den abgefallenen Blättern im zarten Grase wachsen. Man roch die Erdbeeren und Veilchen; über den Stümpfen der Bäume streckten die langen Farren ihre schlanken Wedel aus. Es war drückend; das Moos war lau. Unter dem Laub verborgen stieß der Kuckuck seinen langen Schrei aus; auf den Lichtungen summten die Mücken, indem sie mit den Flügeln schwirrten.

Seelenruhig und vom Marsch ins Gleichgewicht gebracht, ergossen wir ungehindert unsere Plauderphantasien, die wie die Flüsse aus großen Mündungen strömten; wir plauderten von den Tönen, den Farben, wir sprachen von den Meistern, von ihren Werken, von den Freuden des Denkens, wir träumten von Stilwendungen, von Bildecken, von Kopfhaltungen, von Faltenwürfen; wir sagten uns ein paar gewaltige Verse her, eine für andere unbekannte Schönheit, die uns unaufhörlich erfreute, und wir wiederholten den Rhythmus, wir grübelten über seine Worte, wir kadenzierten so stark, daß er gesungen war. Dann rollten sich ferne Landschaften auf, irgendeine prachtvolle Gestalt kam daher, Liebesschauer tauchten auf für einen Mondschein Asiens, der sich auf Kuppeln spiegelte, Rührungen der Bewunderung bei einem klangvollen Namen, oder das naive Auskosten einer plastischen Phrase aus einem alten Buch.

Und im Hofe der Joyeuse-Garde gelagert, nahe beim eingestürzten Keller, unter dem Rundbogen ihrer efeubekleideten einzigen Arkade, plauderten wir von Shakespeare, und wir fragten uns, ob die Sterne Bewohner hätten.

Dann brachen wir auf, ohne dem verfallenen Wohnsitz des guten Lancelot, den eine Fee seiner Mutter raubte, und den sie auf dem Grunde eines Sees in einem Palast aus Juwelen aufzog, mehr als kaum einen Blick zu gönnen. Die Zauberzwerge sind verschwunden; die Zugbrücke ist davongeflogen, und die Eidechse schleicht, wo die schöne Genofefa spazieren ging und von ihrem Geliebten träumte, der nach Trapezunt gezogen war, die Riesen zu bekämpfen.

Wir kehrten auf denselben Pfaden in den Wald zurück; die Schatten wurden lang, das Gesträuch und die Blumen erkannte man nicht mehr, und die niederen Berge vor uns streckten ihre bläulichen Gipfel in den erblassenden Himmel. Der bis zu einer halben Stunde diesseits der Stadt in künstlichen Ufern gehaltene Fluß läuft von da an wie er will und tritt frei auf die Wiesen über, die er durchschneidet; seine lange Krümmung breitete sich in der Ferne aus und die Wasserlachen, die die untergehende Sonne färbte, glichen großen Goldplatten, die auf dem Grase vergessen waren.

Bis la Roche-Maurice schlängelt der Eilorn sich neben der Straße hin, die die felsigen Hügel umzieht, deren unregelmäßige Brüste ins Tal einspringen. Wir durcheilten es im Trab in einem friedlichen Wägelchen, das ein Kind, auf der Deichsel sitzend, führte. Sein Hut, der keine Bänder hatte, flog im Wind davon, und auf den Stationen, die es machen mußte, um abzusteigen und ihn wieder zu holen, hatten wir alle Muße, die Landschaft zu bewundern.

Das Schloß von la Roche-Maurice war ein echtes Burggrafenschloß, ein Geiernest auf dem Gipfel eines Berges. Man steigt auf einem fast senkrechten Hang hinauf, an dem entlang eingefallene Mauerwerkblöcke als Stufen dienen. Von ganz oben sieht man durch ein Mauerstück, das aus flachen, aufeinander gelegten Blöcken besteht, und in dem noch weite Fensterbogen erhalten sind, das ganze Land; Wälder, Felder, den Fluß, der zum Meer strömt, das weiße Band der Straße, die sich dehnt, die Berge, die ihre ungleichen Kämme zacken und die große Wiese, die sie trennt, indem sie sich mitten drin ausstreckt.

Ein Treppenfragment führt zu einem verfallenen Turm. Hier und dort ragen Steine aus dem Gras empor, und der Fels zeigt sich zwischen den Steinen. Es scheint bisweilen, daß er von selber künstliche Formen hat, und daß vielmehr die Ruine, je mehr sie zerbröckelt, sich mit natürlichem Schein überkleidet und in die Materie zurücktritt.

Über ein großes Mauerstück steigt von unten ein Efeustamm herauf; schmal an der Wurzel, erweitert er sich zu einer umgekehrten Pyramide, und in dem Maße, wie er steigt, wird seine grüne Farbe, die unten hell und am Gipfel schwarz ist, dunkler. Durch eine Öffnung, deren Ränder im Laub verborgen waren, drang das Blau des Himmels durch.

In dieser Gegend lebte der berühmte Drache, den einst der Chevalier Derrieu getötet hat, als er mit seinem Freunde Neventer aus dem heiligen Lande zurückkam. Er begann ihn anzugreifen, nachdem er zuvor den unglücklichen Eilorn aus dem Wasser gezogen hatte, der sich selber, nachdem er nacheinander hatte seine Sklaven, seine Vasallen, seine Diener hergeben müssen (ihm blieb nur noch seine Frau und sein Sohn), von der Höhe seines Turms kopfüber in den Fluß gestürzt hatte; aber das Ungeheuer, tödlich verwundet und mit der Schärpe seines Siegers gebunden, ertränkte sich bald zu Poulbeunzual im Meere, wie es auch auf Befehl des heiligen Pol de Léon das Krokodil der Insel Batz getan hatte, das mit der Stola des bretonischen Heiligen gebunden war, wie es später dem Drachen von Rouen mit der des heiligen Romanus geschah.

Wie schön sie waren, diese alten grausigen Drachen, denen die Zähne bis hinten in den Rachen hinein standen, die Flammen spieen, eine Schuppenhaut, einen Schlangenschweif, Fledermausflügel, Löwenklauen, einen Pferdeleib, einen Hahnenkopf hatten und dem Basilisken glichen! Und auch der Ritter, der sie bekämpfte, war ein ungestümer Herr! Erst bäumte sich sein Pferd und hatte Angst, seine Lanze brach an den Schuppen des Tieres in Stücke, und der Dampf aus seinen Nüstern machte ihn blind. Schließlich stieg er ab, und nach einem langen Tage faßte er ihn mit einem tüchtigen Stoß des Schwertes, das bis zum Heft eingebohrt blieb, unterm Bauch. Ein schwarzes Blut sprang in dicken Sprudeln hervor, und das Volk führte den Ritter, der später der König des Landes wurde und eine schöne Dame zur Gattin nahm, im Triumph zurück.

Aber sie, woher kamen sie? wer hat sie geschaffen? War es die dunkle Erinnerung an die Ungeheuer vor der Sündflut? Wurden sie einst auf dem Skelett der Ichthyosauren und der Pteropoden erträumt und hat das Grauen der Menschen den Schall ihrer Schritte im weiten Schilf gehen zu hören und das Seufzen des Windes zu vernehmen geglaubt, wenn ihre Stimme sich in den Höhlen verlor? Stehen wir nicht übrigens im Lande der Ritter von der Tafelrunde, in der Gegend der Feen, in Merlins Heimat, an der mythologischen Wiege verschwundener Epen? Ohne Zweifel offenbarten sie diese alten, phantastisch geworbenen Wellen, sagten sie uns etwas über verschlungene Städte. Is, Herbadilla, prachtvolle und wilde Städte, voll von der Liebe königlicher Zauberinnen, die das Meer, das darüber gestiegen ist, und die Religion, die ihr Gedächtnis verflucht hat, auf ewig doppelt verlöschten.

Darüber ließe sich vieles sagen. Aber worüber ließe sich nicht vieles sagen! Freilich, wenn es sich nicht um Landivisiau handelt, denn der geschwätzigste Mensch ist gezwungen, konzis zu sein, wo der Stoff fehlt.

Ich bemerke, daß die guten Länder im allgemeinen die häßlichsten sind; sie gleichen den tugendhaften Frauen; man achtet sie, aber man geht vorüber, um andere zu suchen. Hier ist sicherlich der fruchtbarste Winkel der Bretagne; die Bauern sind weniger arm, die Felder besser bebaut, der Raps prachtvoll, die Wege gut gehalten, und all das ist sterbenslangweilig.

Kohl, Wurzeln, viele Rüben und unmäßig viel Kartoffeln, alle regelmäßig in Gräben eingeschlossen, bedecken das Land von Saint-Pol de Léon bis Roscoff. Man verschickt sie nach Brest, nach Rennes, ja, bis nach Le Havre; es ist die Industrie des Landes; man treibt bedeutenden Handel damit. Aber was geht das mich an?

In Roscoff entblößt das Meer vor den Häusern seinen schlammigen Strand, biegt sich dann in einen engen Golf und ist nach draußen ganz gefleckt von schwarzen Inselchen, geschwellt wie Schildkrötenrücken.

Das Land um Saint-Pol ist von kalter Trauer. Der düstere Ton der langsam gewellten Felder stößt ohne Übergang an die Blässe des Himmels, und die kurze Perspektive hat in ihren Verhältnissen keine großen Linien, noch Farbenwechsel an ihren Rändern. Hier und dort trifft man, wenn man in die Felder geht, hinter einer Mauer aus grauen Steinen einen schweigsamen Pachthof, ein verlassenes Herrenhaus, in das die Herren nicht mehr kommen. Auf dem Hofe, auf dem Dunghaufen schlafen die Schweine, zwischen den aus den Fugen geratenen Fliesen, unter dem Rundbogen des Einganges, dessen ziseliertes Wappenschild von der Luft zerfressen ist, picken die Hennen Hafer auf. In den leeren Zimmern, die als Kornboden dienen, fällt der Stuck der Decke mit den Resten der Malereien herab, stumpf geworden durch die Gewebe der Spinnen, die man auf den Balken laufen sieht. Wilder Reseda ist auf der Tür von Kersalion gewachsen, wo noch nahe beim Türmchen ein Spitzsäulenfenster steht, das von einem Löwen und einem Herkules flankiert wird, die wie Wasserspeier aus der Mauer springen. Zu Kerjean bin ich in der großen Wendeltreppe gegen eine Wolfsfalle gestoßen. Pflugscharen, verrostete Scheiteisen und trockene Kürbiskerne liegen durcheinander auf dem Parkett der Zimmer oder versperren die großen Steinsitze in den Fensternischen.

Kerouséré hat seine drei Pechnasentürmchen erhalten, und im Hofe erkennt man noch die große Furche der Gräben, die sich ganz allmählich füllt und sein Niveau erreicht, wie sich die Spur einer Barke auf dem Wasser glättet und ausgleicht. Von der Plattform des einen der Türme – die anderen haben spitze Dächer – entdeckt man am Ende eines Feldes zwischen zwei niederen, waldbedeckten Hügeln das Meer. Die Fenster des ersten Stockwerks, die zur Hälfte geschlossen sind, damit der Regen nicht einbringt, gehen auf einen von hohen Mauern umschlossenen Garten. Die Distel bedeckt den Rasen, und auf den Beeten hat man Getreide gesät, das Rosenstämme einschließen.

Zwischen einem Felde, wo die reifen Köpfe der Ähren sich im Takte neigten, und einer Ulmenwand, die auf dem Rande eines Grabens gepflanzt war, zog sich durch das Gestrüpp ein schmaler Pfad hin. Im Getreide leuchtete der Feldmohn; von der Böschung der Terrasse hingen Blumen und Ranken herab; Nesseln, wilde Rosen, stachelbesetzte Stengel, dicke Blätter mit glänzender Haut, schwarze Maulbeeren, roter Fingerhut vereinigten ihre Farben, verschlangen ihre Zweige, zeigten ihre verschiedenen Blätter, streckten ihre ungleichen Sprößlinge aus und kreuzten auf dem grauen Staub ihre Schatten gleich den Maschen eines Netzes.

Wenn man über eine Wiese gestreift ist, wo sich, von den Binsen gehindert, das Rad einer alten Mühle dreht, deren Mauer man entlanggehen muß, indem man auf große Steine tritt, die ins Wasser gelegt sind, um als Brücke zu dienen, sieht man sich bald wieder auf der Straße von Saint-Pol, an deren Ende sich, auf allen Seiten durchbrochen, der Helm des Kirchturms von Kreisker erhebt; fein, schlank und gestützt auf einen Turm, der von einer Balustrade überragt wird, macht er von fern den besten Eindruck von der WeIt; aber je mehr man sich ihm nähert, um so kleiner wird er und um so häßlicher, und schließlich findet man nur eine Kirche wie alle Kirchen, mit einer leeren Halle, deren Statuen fort sind. Auch die Kathedrale ist von einer schwerfälligen Gotik, mit Ornamenten überlastet, mit Stabwerk ausstaffiert; aber eins gibt es zu Saint-Pol, und das ist die Table d'hote seines Gasthofes.

Sie wurde freilich von einer artigen Dirne serviert, die einem mit ihren goldenen Ohrringen auf dem weißen Halse, in ihrer Haube mit den wie bei Molières Soubretten aufgestülpten Schleifen, und vor allem mit ihren lebhaften blauen Augen schon hätte Lust machen können, anderes von ihr zu verlangen als Teller! aber die Gäste! Was für Gäste! Alles Stammgäste! Das obere Ende wurde von einem Wesen in Sammetjacke und Kaschmirweste eingenommen. Er wand gern seine Serviette um angebrochene Flaschen, um sie wiederzuerkennen. (Er teilt die Suppe aus. Zu seiner Linken aß, den Hut auf dem Kopfe, ein Herr in hellgrauem Rock, der an den Ärmelaufschlägen und am Hals mit einer nach Pelzmanier gekräuselten Wolle besetzt war; er ist am Kolleg der Stadt Musikprofessor. Aber die Musik ermüdet ihn, er hat genug von ihr, er wünscht, eine Stellung, einerlei welche, von achthundert bis zwölfhundert Franken, mehr nicht, zu erlangen. Er sieht wenig auf Geld, mehr auf das Ansehen; er wünscht nur eine Stellung. Da er stets ankam, wenn man schon begonnen hatte, ließ er sich die Schüsseln wieder heraufkommen, schickte sie wieder fort, nieste dann stark, spuckte weit weg, wiegle sich auf dem Stuhle, trällerte ganz leise, legte sich auf den Tisch und ließ seinen Zahnstocher krachen.

Die ganze Gesellschaft achtet ihn, das Mädchen bewundert ihn, wenn er spricht, und ich bin überzeugt, sie ist in ihn verliebt. Die gute Meinung, die er von sich selber hat, zeigt sich in seinem Lächeln, seinen Worten, seinem Schweigen, seinen Gesten, seinem Hut, und sie rinnt wie Schweiß über seine ganze schmutzige Person.

Uns gegenüber blickte uns ein ergrauendes, gekräuseltes, quabbeliges und untersetztes Individuum mit roten Tatzen, dicken und geifernden Lippen, dessen Stimme kläffte, während er seine Nahrung kaute, derart an, daß wir sehr an uns halten mußten, um ihm nicht die Wasserflasche an den Kopf zu werfen. Der Rest machte die Galerie und trug zur Gesamtwirkung bei.

(Eines Abends drehte die Unterhaltung sich um eine Dame aus der Umgegend, die, einst aus ihrer Wohnung ausgerückt, mit ihrem Geliebten nach Amerika geflohen war und in der Woche zuvor auf der Durchreise durch Saint-Pol, um in ihren Ort zurückzukehren, im Gasthof Halt gemacht hatte. Man wunderte sich über diese Frechheit, und man begleitete ihren Namen mit allerlei Epithetis. Man ging ihr ganzes Leben durch, man lachte vor Verachtung, man beschimpfte sie trotz ihrer Abwesenheit, man redete sich ganz rot, man hätte sie da festhalten mögen, »um ihr ein wenig die Meinung zu sagen und zu sehen, was sie geantwortet hätte«. Reden gegen den Luxus und tugendhafte Entrüstung, Haß gegen die Toilette und moralische Maximen, zweideutige Worte und Achselzucken, alles wurde nach Belieben aufgewandt, um diese Frau niederzuwerfen, die nach der Erbitterung dieser Bauern zu urteilen, vielmehr elegante Manieren, eine verfeinerte Natur, zarte Nerven und ohne Zweifel ein hübsches Gesicht haben mußte. Unwillkürlich pochte uns das Herz vor Zorn, und hätten wir in Saint-Pol nur noch ein Diner mehr eingenommen, so wäre uns unfehlbar ein Abenteuer zugestoßen ...


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