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Geranien im Luftschutzkeller und die ollen Römer

Seit den ersten Kriegsmonaten schon war mit Sybille eine gewisse Veränderung vorgegangen, über deren eigentliche Ursachen sie sich selbst nie recht hatte klar werden können. Sie war bis dahin, im Guten und im Bösen, ein Mädel gewesen wie ihre ganzen Spiel- und Klassenkameradinnen auch, mal faul und mal fleißig, ein bißchen sprunghaft, wo es um die Erfüllung von Pflichten und Aufgaben ging, aber gut zu leiden, mit vielen Freundinnen, aufgelegt zu jedem lustigen Streich. Der Krieg hatte natürlich auch die Leichtsinnigsten und Oberflächlichsten gepackt, er hatte niemanden unberührt gelassen, man wußte um den Ernst der Zeit oder man ahnte ihn wenigstens dunkel, und man wußte von der Größe und Schwere der Entscheidungen, um die es ging. Da wurde man natürlich selbst etwas ernster, etwas nachdenklicher.

Aber für Sybille bekam diese Kriegszeit ihr eigenes Gesicht. Irgendwie fühlte sie sich ausgeschlossen von dem Erlebnis der anderen. Denn hatte nicht jede ihrer engsten Kameradinnen, hatten nicht Inge und Ursula, Hanni und Rita irgend jemanden, der ihnen sehr, sehr nahe stand, draußen im Feld? Einen älteren Bruder die einen, den Vater gar die anderen. Ursel zum Beispiel – deren Vater hatte den ganzen Polenfeldzug mitgemacht, und er war dann mit seinem Bataillon in Dänemark einmarschiert, war schließlich irgendwo in Norwegen, sehr hoch im Norden, gelandet. Und Ursel hatte einmal erzählt, vor gar nicht langer Zeit, wie sie und ihre Geschwister mit der Mutter zusammen des fernen Vaters Geburtstag gefeiert hatten – es war eine seltsame und unvergeßliche Feier gewesen, nicht traurig, das war ja nicht nötig, er lebte ja doch noch, es war ihm gut gegangen, und er würde das nicht gern gesehen haben. Aber doch auf irgendeine Art feierlich und schöner, als dieser Tag je gewesen war in sogenannten Friedenszeiten. Jedes der Kinder hatte eine Kleinigkeit für den Vater gekauft oder selbst angefertigt, und das alles war nun auf dem Geburtstagstisch aufgebaut worden. Zum Kaffee hatte es Mohnstritzel gegeben, für den Ursels Vater eine Schwäche hatte, und wenn er auch nicht mehr friedensmäßig war und manche der sonst üblichen Zutaten fehlte, er hatte doch wundervoll geschmeckt. Ja, das Merkwürdige war, er hatte besser geschmeckt als alle seine Vorgänger. Dann hatten sie alle die kleinen Geschenke und Liebesbeweise zusammengepackt, man mußte mehrere Feldpostpäckchen daraus machen, um die Gewichtsgrenze nicht zu überschreiten, und dann hatte sich Ursels Mutter ans Klavier gesetzt und des Vaters Lieblingsstück gespielt, und alle hatten gesungen.

»Und mit einem Male«, hatte Ursel erzählt, »war es mir zumute, als wäre Vater da, als wäre er mitten unter uns und müßte mir im nächsten Augenblick die Hand auf den Scheitel legen, wie er es manchmal tat, wenn er nett sein wollte und wenn er mit mir zufrieden war. Ja – und vielleicht werdet ihr mich auslachen und für närrisch halten, aber es war mir wirklich so: unser Vater, der war hundert oder tausend oder noch mehr Meilen weit weg – was weiß ich, wie weit Drontheim von hier entfernt ist, ich habe immer eine Vier gehabt bei Fräulein Klaaßen in Erdkunde – sehr weit weg jedenfalls, und dabei hatte ich mit einem Male das Empfinden, er sei mir nie so nahe gewesen wie in jenem Augenblick.«

Es hatte keines gelacht von all den Mädeln oder auch nur irgendeine dumme Bemerkung gemacht, es war ihnen allen ganz komisch ums Herz geworden, und besonders, als Ursel sich dann umwandte, um nicht zu zeigen, wie es ihr feucht in den Augen glitzerte. Aber was sie selbst, Sybille, anbelangte, so hatte sie ihre Freundin Ursel richtig beneidet um ein Erlebnis, dessen Besonderheit sie dunkel fühlte.

An dies und vieles andere mußte Sybille jetzt denken. Auch an ein Mädchen aus ihrer Klasse, die einmal ganz verweint und mit blassem, spitzem Gesicht in die Schule gekommen war, in einem schwarzweiß gestreiften, dunklen Kleid. Die war nach der ersten Stunde nach Hause geschickt worden von der Klassenlehrerin, und es hatte sich dann flüsternd herumgesprochen, ihr Bruder Axel sei gefallen als Flieger. Sie hatten ihn alle gekannt und gründlich gehaßt, weil er immer so herablassend und ein bißchen spöttisch mit ihnen sprach, wenn der Zufall sie gelegentlich zusammenbrachte. So, als wären sie kleine Kinder, dumme Gören und nicht junge Mädchen, die verlangen konnten, daß man sie entsprechend behandelte. Aber nun war er tot, nun war das alles vergessen. Was blieb, war das Bild eines jungen, straffen Leutnants mit frischem, braungebranntem Gesicht, den man nun nie wieder durch die Straßen der Stadt spazieren sehen würde, der irgendwo in fremder Erde lag, die blutende Stirn vom Lorbeer des Siegers umwunden. So ungefähr stellten Sybille und die andern sich das vor, und als die Schwester des Gefallenen am nächsten Tag in die Schule kam, da wetteiferten alle, ihr irgendeine kleine Freude zu bereiten. Sie ließ sich das dankbar, mit einem dünnen Lächeln gefallen, und alle fanden es nur selbstverständlich, daß man sie in den Pausen allein gehen ließ, die erste Zeit, sie selbst hatte das wohl nicht anders erwartet, und daß man sie von ferne mit scheuen Blicken beobachtete, wie einen Menschen, der vom Schicksal ausersehen ist, etwas besonders Schweres zu tragen.

Sybille hatte niemanden draußen, der ihr auf diese Art nahe stand. Der Vater war seit langem tot, ihr Bruder Peter war nichts weiter als ein »kleiner Junge mit großer Schnauze«, wie sie ihn schalt, wenn er sie wieder einmal bis aufs Blut gepeinigt hatte und sie ernsthaft böse mit ihm war.

Aber jetzt bekam alles mit einem Male ein anderes Gesicht. Jetzt konnte sie mitreden. Sie brauchte nicht mehr von irgendwelchen Vettern zweiten oder dritten Grades zu erzählen, die da und dort, am Rande der deutschen Welt, im grauen Ehrenkleid des Soldaten auf Wache standen. Pah, mit einem Vetter konnte man keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken, und mit einem Vetter, den man etwa nur dem Namen nach kannte, den man nie oder höchstens ein- oder zweimal gesehen hatte, schon gar nicht.

Jetzt plötzlich wurde alles anders und besser. Sybille hatte einen Brief, einen richtigen Feldpostbrief, und sie würde ganz sicher noch viele andere Briefe bekommen. Sie ließ ihre Freundin Hanni den Umschlag in die Hand nehmen, nicht ohne eifersüchtig darauf zu achten, daß sie ihn auch sofort wieder zurückbekam. Und Carola, die dicke, stämmige Carola, die auch jetzt, wo man sich doch manches verkneifen mußte, was früher fast als selbstverständlich galt, Monat für Monat rundlicher und wohlgenährter wurde, bei der alles anschlug, sogar das Marmeladenbrot und der Malzkaffee, die durfte den ersten Satz aus dem Brief anhören – nur den ersten Satz natürlich, aber auch das war schon eine hohe Auszeichnung. Alles geschah natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, doch war Sybille keineswegs böse und empört, als sie erfahren mußte, daß sehr bald die ganze Klasse von diesem Brief wußte. Im Gegenteil – das stärkte ihr Selbstbewußtsein, und wenn jetzt irgend jemand erzählte: »Mein Vater denkt auch, daß er vielleicht bald auf ein paar Tage Urlaub nach Hause kommen wird« oder »Mein Bruder ist vorige Woche zum Gefreiten befördert worden«, dann konnte Sybille mit betonter Gleichgültigkeit einwerfen: »Mein Soldat schreibt in seinem letzten Brief ...«

Ja, der Soldat Ludwig Zelter, den sie doch nie gesehen hatte, der wurde von ihr restlos als ihr ganz persönliches Eigentum mit Beschlag belegt. Er war ihr Soldat, er gehörte ihr, wie andern ihr Vater gehörte oder ihr Bruder. Und sie hatte auch nicht die geringsten Gewissensbisse, wenn sie von seinem letzten Brief sprach. Freilich: sie hatte erst einen einzigen Brief von ihrem Soldaten, aber bis ein weiterer kam, war dieser erste vorläufig natürlich auch der letzte, und wenn die andern aus solcher Redewendung schlossen, sie schreibe sich schon lange mit ihm – lieber Gott, ihre, Sybilles Schuld, war es doch nicht, wenn ein solcher Irrtum entstand!

Sie wollte ihm auch gleich, am besten sofort und heute abend schon, antworten. Wenn er auch geschrieben hatte, daß alle Soldaten dort, im Bereich des unüberwindlichen Westwalls, den Winter über die hohe Kunst des Wartenkönnens gründlich und bis zum [???] gelernt hatten, so würde er es um so dankbarer begrüßen, meinte Sybille, wenn er wenigstens in dem Briefverkehr mit ihr nicht gezwungen war, diese Kunst anzuwenden.

Aber sie kam nicht dazu, ihren guten Vorsatz in die Tat umzusetzen. Erst trödelte sie nach dem Abendessen herum, machte dies und jenes und lauter Unwichtiges, und als sie schließlich am Tisch vor dem weißen Bogen Papier hockte und nachdenklich in den Federhalter biß – weil doch dieser lange Brief ihres Soldaten eine wohlüberlegte und mindestens ebensolange Antwort verlangte –, da kam plötzlich der Alarm. Und man mußte Hals über Kopf in den Keller. Noch im Treppenhaus hörten sie den Lärm der Flak und irgendwo, ziemlich weit weg, das Bellen eines Maschinengewehrs.

»Die Tommies haben uns diesmal ziemlich lange mit ihrem Besuch verschont«, meinte Sybille sachlich, während sie die Treppen herunterhasteten.

»Dafür kommen sie jetzt um so früher«, grinste Peter. »Wollen wohl dadurch das Versäumte nachholen. Man gut, daß wir noch nicht ausgezogen waren, das erspart doppelte Arbeit.«

Aber merkwürdig – so sehr sich die drei Beises beeilt hatten – es war ihr Ehrgeiz, daß der Laden bei ihnen immer fehlerlos klappte – es war wie immer: das ältliche, spillerige Fräulein Schümmel, das saß schon da, als erste. Mit ihr erging es den andern Hauseinwohnern wie dem Hasen in der Fabel, der mit dem Igel um die Wette lief. Da mochte man sich noch so eilen und abhetzen, da mochte selbst Peter mit seinen strammen jungen Beinen herunterrasen und das letzte Ende der Treppe sogar, zum Entsetzen der Mutter, wo doch alles so dämmerig dunkel war, bei den abgeblendeten Lampen, auf dem Geländer herunterrutschen – immer, wenn man in den Luftschutzkeller kam, saß da das Fräulein Schümmel und rief triumphierend wie die Frau des Swinegels: »Ich bin schon da!«

Das war ein Wunder, das man sich nie recht würde erklären können. Fräulein Schümmel nämlich wohnte ganz oben im vierten Stock des Hauses, sie hatte da eine winzige Mansardenwohnung inne, sie war so zwischen sechzig und siebzig und sonst durchaus nicht schnell auf den Füßen. Und sie hatte doch viel zu tun eigentlich: sie kam nämlich immer mit einem mächtigen Aluminiumtopf, den sie wie einen Stahlhelm auf den Kopf gestülpt hatte – »wegen der Splitter« erklärte sie stolz, als sie einmal von Sybille ein bißchen spöttisch ausgefragt wurde, was wohl der Topf auf diesem Platz zu bedeuten habe – und sie vergaß nie ihr Sparkassenbuch, das sie die ganze Zeit über krampfhaft an sich preßte. Sie vergaß auch nie den kleinen Blumentopf mit einer winzigen, kümmerlichen Geranie, den sie jeweils vor sich auf den Tisch stellte und wie hypnotisiert mit herausquellenden Augen anstarrte. Diese Geranie würde sie niemals oben in ihrer Wohnung zurücklassen, das war ganz und gar ausgeschlossen. »Dies Töpfchen«, meinte sie wichtig, »das kann einmal unser aller Leben retten.« Sie hielt nämlich irgendeine Zeitschrift, ein Groschenheft, das hatte den vielversprechenden Titel »Tausend Ratschläge«, und darin hatte sie einmal gelesen, daß die Blätter einer Geranie gelb werden, wenn Giftgas in der Luft ist, und seitdem schwor sie auf diesen Blumentopf. »Sie können ebensogut auch eine Zimmerlinde oder ein Alpenveilchen oder sonst einen Pott runterbringen«, hatte ihr einmal der graunzige Doktor Eisele gesagt, der gerade unter ihr wohnte. »Sie würden dieselben Dienste tun. Keine Pflanze verträgt nämlich giftige Gase, da bedarf es nicht erst einer Geranie.« Er war Diplomingenieur und Chemiker und arbeitete in einer großen kriegswichtigen Fabrik, er mußte es also wohl wissen. Aber Fräulein Schümmel hatte ihn nur herablassend und verächtlich durch ihre großen Brillengläser, die ihrem Gesicht etwas Eulenartiges gaben, angeschaut und war ihrer Geranie treu geblieben ...

Fräulein Schümmel also war da, wie immer, mit Kochtopf und mit Blumentopf – es war ein heiliges Wunder, über das man sich besser nicht mehr den Kopf zerbrach. Es gab keine Erklärung dafür – oder nein, es gab wohl eine, aber um die wußten nur der Hausmeister und die Luftschutzwartin, und denen machte es einen unbändigen Spaß, ihr Geheimnis zu hüten und sich an dem Staunen der anderen zu weiden. Dies Fräulein Schümmel, das erfüllte ja gerade durch ihr frühes, pünktliches Erscheinen wundervoll die Aufgabe, allen andern als leuchtendes Vorbild gelten zu können. Daß sie Abend für Abend, und unzählige Male allerdings völlig unnötigerweise, unmittelbar nach dem Abendbrot den Keller aufsuchte und ihn erst gegen zwei oder drei Uhr früh verließ, das brauchte man schließlich niemandem zu verraten ...

Die unerwartete »nächtliche Ruhestörung«, wie Peter den englischen Fliegerbesuch nannte, hatte Sybille die Möglichkeit genommen, ihren Brief auch nur anzufangen. Dafür setzte sie sich nun am nächsten Tag gleich nach der Schule hin, und diesmal flog die Feder nur so über das Papier. Sie hatte ja auch Stoff genug, sie mußte sich zunächst einmal ausführlich bedanken für den wundervollen langen Brief ihres Soldaten, und dann konnte sie auch gleich von der letzten Nacht erzählen und von Fräulein Schümmel und alldem. »Als sie so vor mir saß, an der anderen Seite des Tisches«, schrieb Sybille, »da mußte ich an Dich denken. Aber ich bin gewiß, daß Du nicht so maßlos komisch aussiehst unter Deinem Stahlhelm, lieber Ludwig, wie dieses Fräulein Schümmel unter ihrem Kochtopf. Nein, das ist ja wohl ganz anders – die Soldaten mit dem Stahlhelm, die sehen alle aus wie mittelalterliche Helden, und sie sind ja auch Helden, und es wäre schön, wenn ihr immer, auch nach dem Kriege, einen Stahlhelm trüget. Aber auf die Dauer ist das vielleicht ein bißchen unbequem und man kann das nicht verlangen, nicht wahr? Wie Du in Wahrheit aussiehst, das wüßte ich gern. Was mich selber anbelangt, so lege ich Dir mein Bild ein – ich bin neugierig, was Du dazu sagst. Ich trage noch Hängezöpfe, aber ich mag sie gar nicht, weil die Jungens mich immer daran reißen, wenn wir spielen, und weil so viele Leute so verzückt tun, wenn sie mich sehen, und immer quatschen ›Was das Mädel für prächtige Zöpfe hat!‹ Das kann ich gar nicht leiden, und ich liege meiner Mutter in den Ohren, daß sie mir erlauben soll, sie abschneiden zu lassen. Aber sie will nicht recht, und ich werde also noch warten müssen. Na, macht nix, ich kriege Mutti schon weich. Übrigens ist es ein altes Bild von mir, es stammt aus dem Januar, und nun ist bald Mai, da sehe ich inzwischen schon ganz anders aus. Hast Du auch ein Bild von Dir! Das hätte ich gern!«

Sybille überflog das Geschriebene. Nein, der Brief war noch nicht lang genug – sicher hatte ihr Soldat dort, im Westen, Zeit genug zum Lesen, er würde sich freuen, wenn er noch mehr erfuhr, und da schrieb man wohl am besten von der Schule. In der Schule geschah immer irgend etwas, und vielleicht machte es ihm Spaß, darüber zu lesen.

»In Latein«, fuhr Sybille fort, »in Latein habe ich heute eine Sechs bekommen. Die erste Sechs, die ich überhaupt je bekommen habe, das mußt du mir glauben. Aber ich war gar nicht traurig darüber, wirklich nicht. Ich mag Latein nicht, und es ist auch wahlfrei bei uns, und ich habe es nur genommen, weil Mutti es so wünschte. Warum, weiß ich nicht. Es ist eine greuliche Sprache, und sie ist zu nichts nütze. Die ollen Römer, die sie sprachen, die sind alle tot, und die jetzigen Römer, das sind ja gar keine, sie sind Italiener, und das ist eine ganz andere Sprache. Italienisch, das würde mir vielleicht mehr Spaß machen, dann könnte ich mich doch, wenn eine Gelegenheit kommt, mit den Kindern unserer Bundesgenossen unterhalten – das wäre fein. Und sicher hat Italienisch auch nicht soviel Ausnahmen wie die lateinische Grammatik, die ich nie, nie, nie begreifen werde. Wir haben Latein bei einem Professor Müller, der ist schon ein ganz alter Herr, den man wieder hervorgeholt hat, weil doch so ein Lehrermangel ist. Mutti sagt, schon mein verstorbener Vati hat bei ihm Unterricht gehabt, und so sieht er auch aus. Er ist sehr komisch, und wir haben ihm schon manchen Streich gespielt. Einen, den muß ich Dir erzählen. Weißt Du, unsere Klasse liegt im Erdgeschoß, und außen, an der Wand, da läuft ein breites Sims entlang, auf dem kann man stehen, ganz bequem sogar. Und einmal, da haben wir uns alle verabredet, und gleich nach dem zweiten Läuten sind wir aus den Fenstern herausgeklettert, haben uns auf das Sims gestellt und zusammengeduckt, so daß wir gar nicht zu sehen waren vom Klassenraum aus. Da kam der Professor rein, und als er sah, daß die Klasse leer war, machte er ein maßlos ulkiges Gesicht – ganz verwirrt sah er aus, und er raste gleich wieder, mit wehenden Rockschößen, hinaus. Das hatten wir erwartet ... eins eins waren wir wieder durch die Fenster hineingeklettert und saßen still und lautlos und artig auf unsern Plätzen. Dann, nach gar nicht langer Zeit, kam der Professor wieder zurück, und diesmal mit unserm Direx, und als er uns jetzt so alle sitzen sah, da wurde sein Gesicht noch drolliger. Richtig rot wurde er und verlegen. Der Direx wußte sich auch nicht zu helfen, aber er mußte natürlich etwas sagen, und deshalb fragte er Ella Holtz: ›Was war denn hier los?‹ Ella Holtz ist unsere Beste, sie ist ein bißchen putterig und schrecklich ehrgeizig. Aber Du mußt nicht denken, daß es unter uns Mädeln keinen Korpsgeist gibt, wenn es drauf ankommt, dann schließt sich niemand aus, und keine verrät einen andern. Nicht mal die Holtz würde das fertig kriegen – es würde sie ja auch niemand mehr ansehen, wenn es anders wäre. Sie stand also auf und sagte: ›Ich weiß nicht, Herr Direktor – Herr Professor kam vor wenigen Augenblicken in die Klasse, wir saßen da wie eben, er guckte uns alle ganz wild an, so, als sehe er uns überhaupt nicht, und lief hinaus.‹

›Gut – setzen‹ sagte der Direktor nur. Und dann ging er weg, aber in der Tür flüsterte er noch mit Professor Müller, und einige von uns wollen gehört haben, daß er sagte, es wäre doch wohl besser, wenn sich der Herr Professor einmal ärztlich untersuchen lasse. Er sei doch schon sehr alt und vielleicht doch nicht mehr den Beanspruchungen dieser Zeit und den Aufgaben, die er freiwillig übernommen habe, gewachsen. Was sagst du nun zu dieser Sache? Ist sie nicht furchtbar drollig und zum Lachen?«

Uff ... nun war es doch ein sehr langer Brief geworden. Und man hatte ein Recht, ihn zu schließen. Aber gerade als Sybille einen herzlichen Gruß angebracht und unter das Ganze ihren Namen gesetzt hatte, fiel ihr noch etwas ein.

»Nachschrift« schrieb sie. »Weißt Du, Ludwig, ich muß noch etwas hinzusetzen. Ich möchte nämlich nicht, daß Du uns falsch beurteilst. Und in Wahrheit war es so, daß wir dieses Streiches gar nicht recht froh wurden. Erst fanden wir, es sei eine gelungene Sache. Aber dann sahen wir auf das Gesicht des Professors, und wie es darin zuckte und arbeitete, und er tat uns leid. Sicher hat er was geahnt, wie alles zusammenhing. Aber er hat es nicht gesagt, er hat uns nicht verraten, und das war hochanständig von ihm, nicht wahr? Das werden wir ihm nie vergessen. Trotzdem: Latein ist eine greuliche Sprache – aber dafür kann ja unser Professor nichts! Nochmals: Sybille!«


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