Kurt Faber
Unter Eskimos und Walfischfängern
Kurt Faber

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Im Wilden Westen

Ankunft in Edmonton. – Der »Grüne Shamrock«. – Im Schnellzug. – Der überlistete Expreßzug. – Abenteuerliche Fahrt. – Die verlockenden 30 Silberlinge. – Wieder am Meer. – Neue Reisegelüste. – Ankunft bei »Onkel Sam«. – Die neueste Sensation. – Nach Kalifornien.

So sind wir endlich wieder angelangt am Anfang der zivilisierten Welt, und damit von Rechts wegen auch am Ende dieser Erzählung. Nach so vielen Erlebnissen inmitten der großen und freien Natur will es mir fast wie eine Versündigung erscheinen, wenn ich noch ein wenig von dem erzähle, was ich im weiteren Verlauf der Reise inmitten eines Landes der Autos und Straßenbahnen erlebt habe. Indes, die Versuchung ist groß.

Wir hatten die Gefahren der Wildnis überwunden. Hinter uns lagen die wüsten Wälder und um uns breiteten sich viele Felder von reifem Korn, das sich leise wiegte im Winde der weiten Prärie. Gegen Mittag rumpelte unser Wagen durch die breiten, staubigen Straßen der Vorstadt Edmontons. Wir fuhren in einen Farmhof, wo der Fuhrmann seine Pferde ausschirrte.

»Da wären wir!« sagte er. »Wenn Sie geradeaus weitergehen, kommen Sie nach der Hauptstraße. Es gibt dort ein gutes Gasthaus: »the green shamrock (»Das grüne Kleeblatt«). Dort sind Sie gut aufgehoben.«

Mein erster Gang war nach dem Bahnhof. Ihn mußte ich zuerst sehen! Wohl eine Stunde lang stand ich auf der Brücke, die über die Bahn hinwegführte, und schaute hinunter auf das stählerne Meer der blanken Schienen und auf die langen düsteren Wagenreihen, die darauf umherstanden, und hörte auf das Rumpeln der rollenden Räder und das Klirren der Ketten der aufeinanderstoßenden Wagen und auf das grelle Pfeifen der Lokomotive, das in meinen Ohren klang wie die süßeste Musik. So erfüllt war ich von diesen Bildern, daß ich darüber ganz vergaß, mich nach einem Unterkommen für die Nacht umzusehen; eine Unterlassung, die ich nachher sehr bereute, denn als ich mich endlich dazu aufraffte, war es bereits zu spät.

In der Hauptstraße brannten die elektrischen Bogenlampen. Die Heilsarmee kam mit fliegenden Fahnen und großem Halleluja heranmarschiert. Eine Gesellschaft von Mormonen in langen Bratenröcken predigte zu den »Heiden«. Irgendein Weltverbesserer stand an der Straßenecke auf einer Seifenkiste, und unter dem Scheine einer qualmenden Pechfackel, die lebhaft an die »Cressets« des »Bowhead« erinnerte, verkündete er dem umherstehenden Publikum seine neue Lehre. – Wie närrisch diese Menschen waren! Wie kalt und herzlos! War es nicht empörend, wie gleichgültig, beinahe feindselig, sie aneinander vorübergingen! Wie mißtrauisch diese Wirtsleute mich begafften, mich, den armen Teufel mit den verstaubten Kleidern, dem verbrannten Gesicht und dem Arm in der Binde! Diese unerhörte Interesselosigkeit! Da war es dort oben in der Wildnis doch anders gewesen!

Unsagbar niedergeschlagen, mit heißem, fieberndem Kopf und mit Gliedern, die sich wie Bleigewichte anfühlten, schleppte ich mich durch die Straßen, bis ich auf einmal im matten Schein einer Straßenlaterne eine Inschrift las, die mir bekannt vorkam. Ja, richtig, es war das »Grüne Kleeblatt«, von dem mir der Fuhrmann so viel Gutes erzählt hatte – anscheinend ein Gasthaus letzter Güte. In seinem Äußeren hatte es viel Ähnlichkeit mit dem »Blauen Anker« unseligen Angedenkens.

Auch drinnen im Lokal sah es nicht gerade vielversprechend aus. Man war beim Nachtessen. An den langen, wachstuchüberzogenen Tischen reihten sich, Kopf an Kopf, die wettergebräunten Gesichter unter den breitkrämpigen Cowboyhüten. Es war ein großes Geklapper von Messern und Gabeln. Ein Kellner in ehemals weißer Jacke rannte geschäftig hin und her. Alle Augenblicke hielt er in seinem eilenden Lauf inne, und von der Mitte des Saales brüllte er mit dröhnender Stimme eine Bestellung nach der Küche.

»Ja, Sie können hier übernachten,« sagte die wohlbeleibte Dame, die hinter der Bar ihres Amtes waltete, »aber erst will ich den Dollar sehen!«

Ich tat sogar noch ein Übriges und bezahlte gleich sechs Dollars voraus für die ganze Woche, denn so lange wollte ich hier in Edmonton bleiben und mich von den Anstrengungen der Reise erholen. Das hatte ich mir längst vorgenommen. Überhaupt, was hatte ich mir nicht alles versprochen von diesen ersten Tagen in Edmonton! Wie wollte ich mich da schadlos halten für alles, was ich in den letzten Jahren entbehrt hatte! Und nun war ich angelangt in diesem Mekka aller meiner Träume, und obendrein noch mit einer Anzahl Dollars, die mir diesen Luxus in greifbare Nähe rückten, und dennoch fühlte ich mich so unglücklich wie noch nie. Am Tage irrte ich plan- und ziellos durch die Straßen, und in der Nacht verscheuchte ein heißes Fieber den Schlaf. Richtig krank war ich.

Gepeinigt von Fieber und Unruhe, war mir schon nach drei Tagen das Leben in Edmonton derart zur Qual geworden, daß ich die im Reiseplan vorgesehene Ruhewoche mitsamt dem vorausbezahlten Kostgeld im Stich ließ und mich wieder auf die Reise machte: Nach Süden! Vorerst wollte ich die Stadt Calgary erreichen, wo die Edmontonlinie von der Hauptlinie der kanadischen Pazifikbahn abzweigt.

So saß ich denn nach langer Zeit zum ersten Male wieder in dem ledernen Polstersessel eines Pullmanwagens. Ich kam mir ganz sonderbar vor: Wie das alles vorüberhuschte! Der graugrüne Buschwald, die weite Prärie, das wogende Meer der reifen Roggenfelder. Und längs der Bahnlinie die breite, staubige, endlos lange Landstraße, umsäumt von ebenso endlosen Stacheldrahtzäunen. – Ich mußte an Roxys Schlitten denken, hinter dem wir so langsam und bedächtig durch die Wildnis gewandert waren.

Nicht satt sehen konnte ich mich an diesen ungewohnten Bildern, bis schließlich die Nacht herbeikam und mit ihr die gräßlichen Fieberschauer, die mir in den letzten Tagen so sehr zugesetzt hatten. Das ungewohnte Rütteln und Schütteln des Zuges tat noch ein übriges, um meinen Kopf in einen wüsten Zustand zu versetzen. Immer bösartiger wurde das Fieber. Heftig preßte das Blut nach dem heißen, trockenen Kopf. Wütend hämmerte es gegen die Schläfen und zermarterte das Gehirn mit tausend zerrissenen Bildern, die ich längst vergessen glaubte.

»Klar von der Jolle! Seid ihr des Teufels, Kerle?« hörte ich den Steuermann aussingen.

Dann sah ich mich auf dem Eisfeld hinter dem Hundeschlitten; dann wieder in Roxys Zelt bei der kargen Mahlzeit von Moschusratten und Renntiersehnen – –

»Calgary! Calgary!« Eine rauhe Stimme brüllte mir diese Worte ins Ohr, und die kräftige Faust des Schaffners schüttelte mich gewaltig. »Sind Sie taub, Mann?«

Mechanisch tappte ich hinaus ins Freie, wo mich der kalte Wind überfiel wie ein wildes Tier. Das trug auch nicht zur Besserung meines Zustandes bei. Der ganze Bahnhof begann sich vor meinen Augen im Kreise zu drehen, der Boden wurde unsicher unter den Füßen, und nur mit Mühe konnte ich mich an einem Pfeiler festhalten.

»Was wollen Sie hier?« fuhr mich die rauhe Stimme eines martialischen Schutzmannes an.

»Ich – ich bin krank,« brachte ich mühsam hervor.

»Ja, ja, das kennt man schon!« sagte der Schutzmann und schob mich nicht eben sanft auf die Straße.

Mit dem besten Willen kann ich nicht sagen, was weiter in jener Nacht mit mir geschehen ist. Jedenfalls bin ich viel und lange umhergeirrt, denn als ich wieder zur Besinnung kam, war es heller Tag. Die Morgensonne lachte am Himmel und spiegelte sich in den dicken Tautropfen, die von den Grashalmen und Blumenkelchen der städtischen Anlagen herunterhingen. Hinter grünen Büschen, in denen muntere Vögel sangen, schaute ein stattliches Denkmal hervor. Wenn ich mich recht erinnere, war es Königin Viktoria, die von dem hohen Marmorsockel auf diesen geringsten der Gäste im Reiche ihrer Untertanen herabschaute. Mein erster Griff war nach dem Gelde. Es war glücklicherweise noch da! Man vermutet keine Schätze bei Leuten, die auf Denkmalsstufen schlafen. Im übrigen war das Fieber und das häßliche Kopfweh verschwunden, und ich fühlte mich wieder so wohl, wie nur je in Roxys Iglu, wenn die Wahini die Mukpowders buk.

Eine Weile wanderte ich ziellos durch die breiten, staubigen Straßen der Stadt, bis ein schreiendes Wirtshausschild an einem schmutzigen Hause meine Aufmerksamkeit erregte.

Ah Sing, Chinese restaurant
meals 25 Cents.

Das sah gar verlockend aus. Eine Mahlzeit 25 Cents. Hier kehrte ich ein und ließ mir von dem bezopften Sohn des Himmels chinesischen Tee und beste chinesische Nudeln vorsetzen. Es geht nichts über echten chinesischen Tee, um den gesunkenen Lebensgeistern wieder auf die Beine zu helfen. Nun fühlte ich mich mit einem mal wieder als zivilisierter Mensch, und aufgelegt zu jedem Abenteuer in jeglicher Gestalt. Warum sollte ich bis morgen aufschieben, was ich heute tun konnte? Sogleich machte ich mich auf den Weg nach dem Bahnhof, um einen westwärts fahrenden Frachtzug zu erwischen.

»Due here at eighteentwenty,« hatte mich der Stationsbeamte mit offizieller Grobheit angefahren, als ich mich nach der Abfahrt des Zuges erkundigte. Also um sechs Uhr zwanzig! Etwas früh vor Dunkelwerden, aber bei der üblichen Verspätung –

Endlich – mir war, als ob ich eine halbe Nacht darauf gewartet hätte – brauste das eiserne Ungetüm heran und kam mit krachendem Getöse vor dem Stationsgebäude zum Stillstand. Ungeduldig wartete ich in meinem Versteck auf den Augenblick der Abfahrt – lange, bange Minuten. Der grelle Lichtkegel des Scheinwerfers an der Lokomotive warf ein geisterhaftes, übernatürliches Licht auf die Schienen. Auf dem Eisenkoloß der Maschine huschten die rußigen Heizer wie die leibhaftigen Teufel umher.

Schwerfällig setzte sich der Zug in Bewegung. Mit einem Satz war ich auf dem Bahndamm und rannte neben der Lokomotive her, mitten durch den zischenden Wasserdampf, der dick wie ein Walfischspaut dem Auspuffrohr entfuhr. Mit einem schnellen Griff erfaßte ich das Geländer des hinter der Lokomotive angekoppelten Packwagens, worauf ich durch die Bewegung des vorwärtseilenden Zuges ganz von selbst auf die Plattform gehoben wurde.

Einen Augenblick wartete ich in atemloser Spannung, denn mir war, als ob das Gefühl der verletzten Autorität schon allein genügen müßte, um die Räder auf den Schienen festzubannen. Doch es geschah nichts dergleichen. Keine Unterbrechung in der gleichmäßigen, klappernden, puffenden Melodie, die in immer schnelleres Tempo überging. Bald sausten wir mit 60–70 Kilometer Geschwindigkeit durch die Prärie. Ein schneidender Westwind, der durch die Bewegung des Zuges bis zum Sturm aufgepeitscht war, wirbelte Wolken von Rauch und Asche und kleinen Kohlenstückchen gleich Schneeflocken und Hagelkörnern durch die Luft.

Solange der Zug in Bewegung war, brauchte ich mich um meine Sicherheit nicht zu sorgen, denn man ist geborgen auf der Plattform und sicher vor neugierigen Blicken. Erst beim Herannahen einer Station wurde die Sache ungemütlich. Dann hieß es, entweder beizeiten abspringen, oder sich auf dem Dach zu verkriechen. Beides trug nicht zur Erhöhung der Gemütlichkeit bei. Meist waren es nur sehr hinterwäldliche Haltestellen, an denen der Zug kaum richtig zum Stillstand kam. Nur einen Augenblick setzte das rumpelnde Getöse aus.

Es dauerte nicht lange, ehe die hohen Schneeberge des Felsengebirges auftauchten, die sich wie riesige Kulissen vom nächtlichen Himmel abhoben. Immer unregelmäßiger wurde der Atem der Maschine. Die flachen Höhenzüge wurden zu finsteren Felsenwänden, an denen der Schienenstrang nur mühsam in langen Schlangenwindungen seinen Weg finden konnte, und wo die Stationsgebäude in schwindelnder Höhe wie richtige Schwalbennester klebten.

Bereits begannen sich die ersten Schimmer des hereinbrechenden Tages mit dem Mondlicht zu vermischen, als wir an einer großen Station namens Golden ankamen. Hier mußte ich die Reise unterbrechen, denn es geht natürlich nicht an, bei hellichtem Tage »schwarz zu fahren«.

Schon kam die Sonne hinter den Bergspitzen hervor, und im Lichte des frühen Tages offenbarten sich die Schönheiten der Gebirgslandschaft, die man bisher nur ahnen konnte. Ringsum türmten sich steile Berge, deren weiße Kuppen in tausend Farben sprühten, wenn die Sonnenstrahlen darauf fielen. Wo aber das helle Tageslicht noch nicht hingekommen war, da standen sie finster drohend wie versteinerte Riesen und schauten mürrisch hinab in einen großen See, an dessen Ufer geschäftige Sägemühlen klapperten.

Auf einem Nebengleise stand eben ein Güterzug zur Abfahrt nach Westen bereit. Die Wagen waren mit roten Schildern versehen; also ein durchgehender Eilfrachtzug! Das Ideal eines schwarzfahrenden Hobos.hobo = eine Abart der amerikanischen Tramps; zumeist Wanderarbeiter, die, vorwiegend in Güterzügen, als blinde Passagiere, von Ort zu Ort reisen. Dennoch bot er keine gute Fahrgelegenheit. Alle Wagen waren verschlossen und versiegelt bis auf einen mit Zementröhren gefüllten Flachwagen, auf dem eine Anzahl Indianer hockten, die auf Regierungskosten nach einem anderen Reservatorium gebracht wurden. Eine üble, verlotterte Gesellschaft, an der John Fenimore Cooper wohl kaum seine Freude gehabt hätte. Die Männer liefen vor dem Wagen auf und ab und schlugen vor Kälte mit den Armen um sich wie die Vogelscheuchen, indes die Weiber auf den Zementröhren hockten und ihre verwitterten Gesichter so tief in die bunten Schlafdecken einwickelten, daß man ihre Schönheit nur ahnen konnte. Dennoch beneidete ich die Leute, denn sie hatten wenigstens freie Reise, wo immer sie hin wollten. Ach, wer es doch auch einmal so weit bringen konnte!

Noch war ich ganz in diese verlockenden Gedanken vertieft, als eine alte Dame, die lebhaft an Roxys Wahini erinnerte, mit einem gefüllten Wassereimer vorüberhumpelte. Der Anblick der bunten Decke, die sie malerisch um den Kopf geschlungen hatte, brachte mich, wenigstens einmal im Leben, auf eine geniale Idee.

»Wieviel?« fragte ich, indem ich ihr die Decke halb vom Kopf zog.

»Oh! Nix verkaufen! Nix verkaufen!« kreischte die Alte mit ängstlicher Miene. »Gehört nicht mir, gehört Onkel Sam!«

»Fünfzig Cents,« fuhr ich unbeirrt fort, indem ich ihr das Silberstück unter die Nase hielt.

Die pechschwarzen Augen der alten Dame funkelten, doch sie blieb standhaft. »Nix verkaufen,« wiederholte sie mit zitternder Stimme.

Nun holte ich einen ganzen blanken Silberdollar hervor.

»Den sollst du haben,« sagte ich mit der Miene eines Mannes, der ein Königreich zu verschenken hat, »und dazu noch eine Pfeife und ein Pfund Kautabak, wenn du mir sogleich eine Decke aus dem Wagen bringst.«

Das war zu viel der Versuchung. Mit ein paar grunzenden Tönen rannte sie nach dem Wagen, um gleich darauf mit einer nagelneuen Decke zurückzukehren. Mit einem schnalzenden Laut der Befriedigung quittierte sie für das Pfund Tabak.

Möge mir der Himmel verzeihen, daß ich eine ehrbare Dame auf ihre alten Tage in Versuchung geführt habe. Aber Not kennt bekanntlich kein Gebot. Nun war der Weg frei. Die Decke war so gut wie eine Fahrkarte nach Vancouver. Man brauchte sich bloß nach Indianerart damit zu vermummen, und kein Mensch – am wenigsten ein Zugführer oder ein Bremser – konnte in dieser Verkleidung einen Kabeluna von einem Indianer unterscheiden. Und so geschah es. Ich bestieg ungehindert den Zug, und weiter ging die Reise. –

Das war ein anderes Reisen als in der Nacht zuvor. Weniger abenteuerlich zwar, aber um so unterhaltender. Immer weiter ging es in das wilde Gebirge hinein und dann wieder abwärts durch grüne Täler mit üppigen Matten und fruchtbeladenen Bäumen. – Dann kam noch einmal die Nacht mit ihrem kalten Hauch, und als das Tageslicht wieder dämmerte, da rauchten in der Ferne die Schornsteine von Vancouver, und noch ein Stück weiter draußen, dicht unter dem Horizont, zog sich ein dicker, tintenblauer Streifen hin. Das Meer.

Bald darauf rumpelte der Zug durch die Vorstadt von Vancouver, vorbei an rußigen Fabriken und lärmenden Sägemühlen, bis er schließlich auf dem weiten Güterbahnhof zwischen anderen Wagenreihen zum Stillstand kam. Dicht dabei erstreckten sich die Landungsbrücken der Pazifikbahn. Zahlreiche Schiffe aus aller Herren Länder lagen dort fein säuberlich nebeneinander. Weiter draußen in der Bai lagen still und majestätisch die Segelschiffe, deren stolze Takelage sich mit vollendeter Grazie vom rötlichen Schein des Morgenhimmels abhob. Kurzum, es war wieder alles nach meinem Geschmack, Schiffe und Menschen, Salzwasser und Teergeruch. Bereits hatte ich wieder den Kopf voller Reisepläne, die bis in die fernsten Erdenwinkel führten.

Noch derselbe Abend sah mich an Bord eines Küstendampfers, von dessen Verdeck ich nicht ohne ein gewisses Gefühl der Wehmut nach Osten schaute, wo die Berge von Britisch-Kolumbia langsam in den blauen Fluten verschwanden.

Ja, das vielgerühmte Britisch-Kolumbien! Manches war dort anders als ich mir versprochen hatte. –

Am nächsten Tage kam ich in Seattle, im Staate Washington an. Wenige Tage vorher hatte dort Amundsen auf der Rückkehr aus dem Eismeer Station gemacht und war mit dem den Amerikanern eigenen hysterischen Überschwang gefeiert worden. Meiner Wenigkeit hat man dort einen etwas kühleren Empfang bereitet. Viel hätte nicht gefehlt, und man hätte mich mit Schimpf und Schande als unerwünschten Einwanderer wieder nach Kanada abgeschoben, weil ich nicht im Besitz der von der Einwanderungsbehörde vorgeschriebenen Summe war. Nach langem Hin- und Herreden ließ man mich jedoch passieren, und da stand ich nun wieder mitten im Lärmen und Treiben der Straßen, die sich düster wie nur irgendein Canon im Felsengebirge zwischen den Steinmauern der Wolkenkratzer hinzogen.

»Zeitungen? Stiefelputzen?« schrie mir eine gellende Gassenbubenstimme ins Ohr, als ich mich eben auf eine Bank vor der Stadthalle hingesetzt hatte, und ehe ich mich's versah, hatte der kleine Tausendkünstler meine Stiefel überfallen, während ich mich in die neueste Nummer des »Seattle Post-Intelligencer« vertiefte.

Allerlei Neues gab es in den schreienden Überschriften, die die amerikanischen Zeitungsschreiber mit soviel Geschick zu frisieren verstehen. Roosevelt hatte wieder einmal eine Rede gehalten. Rockefeller hatte 10 000 Dollars für die Heidenmission gespendet. G. Pierpont Morgan hatte die Kontrolle der Pennsylvaniabahn erworben. »Ein Neger gelyncht in Alabama.« »Miß Vanderbilts Hochzeitskuchen kostet 20 000 Dollars.« Doch hier – ja, was war denn das? »Walfischfänger kehrt nach drei Jahren nach San Franzisko zurück. Mannschaft verklagt Kapitän!«

»Bleiben Sie doch sitzen, Boß! So kann ich doch keine Schuhe wichsen!« jammerte der Gassenbube.

Doch ich hörte nur noch halb, was er sagte. Mit einem Satz war ich auf und davon und ließ den armen Jungen zurück in sprachlosem Erstaunen, weniger über meine unmotivierte Eile, als über den halben Dollar, den ich ihm aus Versehen zugeworfen hatte. Im Fortlaufen überflog ich noch einmal den Inhalt des langen Artikels. Ja, es hatte alles seine Richtigkeit! Der »Bowhead« war tags zuvor zurückgekehrt, und es war zu einer Auseinandersetzung zwischen Kapitän und Mannschaft gekommen, und der Staatsanwalt, der mit der Untersuchung beauftragt war – wahrhaftig, der Mann hielt sich zurzeit hier in Seattle auf! Ihn mußte ich sehen ohne Zeitverlust.

In dem Vestibül eines vornehmen Hotels empfing mich ein sechs Fuß langer, wohlgenährter, glattrasierter Diener, der mich mit einem vernichtenden Blick von oben bis unten musterte. Der Herr sei wohl nicht zu sprechen, meinte er. Doch so leicht war ich nicht abzuweisen. Er bequemte sich schließlich doch dazu, mich dem Herrn Staatsanwalt zu melden. Dieser war glücklicherweise nicht so stolz wie der Portier. »Nehmen Sie Platz,« sagte er, indem er auf einen der bequemen Polstersessel deutete, die in dem Vestibül umherstanden. Dann brachte ich ihm mein Anliegen vor. Er machte große Augen, als ich ihm meine Geschichte erzählte, denn er hatte durch die zurückgekehrten Walfischfänger von mir gehört und glaubte nicht anders, als daß ich längst schon in der Wildnis umgekommen wäre. Darum freute er sich über den so plötzlich und unerwartet aufgetauchten Zeugen.

»Höchst merkwürdig,« sagte er einmal, ums andere, und einige Herren, die dabeistanden, sagten es ebenfalls.

»Mister Jones,« wandte sich zum Schluß der Staatsanwalt an den Hotelkassierer, »geben Sie dem jungen Mann fünf Dollars.«

Dann verließ ich das Hotel in dem Bewußtsein, ein gutes Tagewerk vollbracht zu haben.

Am nächsten Morgen, als die schreienden Zeitungsjungen durch die Straßen rannten, erlebte ich eine neue Überraschung.

»Neueste Sensation!
Zu Fuß vom Eismeer nach Seattle.
«

Ganz neidisch wurde ich beim Lesen dieser Überschrift. Da war einer, der hatte mich gründlich übertrumpft! Doch dieses Gefühl verwandelte sich in einen gelinden Schrecken bei der weiteren Lektüre:

»Seltsame Abenteuer eines
jungen, deutschen Seemanns.
«

Es waren wahrhaftig meine eigenen Erlebnisse, wie ich sie am Abend zuvor erzählt hatte, und dazu noch aufgeputzt mit schaurigen Bärenkämpfen, wunderlichen Liebesabenteuern und was sonst noch eine glühende amerikanische Reporterphantasie ersinnen kann.

Von der Stunde an war ich die große Nummer bei den Reportern. Auf dem Büro des Staatsanwalts und wo sonst sie noch meiner habhaft werden konnten, suchten sie mich auf in der Hoffnung auf eine schöne Geschichte, die sich in Dollars umsetzen ließe. Aber ich war spröde wie Glas. Wenigstens einmal in meinem Leben zeigte ich mich als gerissenen Geschäftsmann. »Erst zahlen und dann erzählen,« sagte ich. Und sie zahlten.

Drei Tage später übergab mich der Staatsanwalt einem Dampfer und zahlte die zehn Dollars Reisegeld nach San Franzisko. So ging es denn weiter nach Süden. Bald hatten wir die stillen Gewässer des breiten Puget-Sunds passiert. Die enge Vancouverstraße lag hinter uns, und über die Wasserfläche wehte die scharfe Luft des weiten Ozeans. Gleichmäßig rollte das Schiff in der langen Dünung, und vor dem Bug bildeten sich glitzernde Schaumkämme. Genau wie vor vier Jahren, aber doch viel schöner, denn diesmal ging es nicht hinauf in die ungewisse Zukunft, in die ferne Eiswüste, sondern nach Süden, nach dem Lande der Sonne – nach Kalifornien!

 


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