Kurt Faber
Unter Eskimos und Walfischfängern
Kurt Faber

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Eine denkwürdige Begegnung

Der zweite Winter. – Neue Ausfahrt. – Das gekenterte Boot. – Kritische Lage. – Ungnädiger Empfang an Bord. – Ein seltsames Fahrzeug kommt in Sicht. – Ein historischer Augenblick: die vollendete nordwestliche Durchfahrt, – Eis überall. – Noch ein Winter!

Soll ich nun auch noch von den Ereignissen dieses zweiten Winters berichten? Soll ich davon erzählen, wie abermals unter seinem kalten Hauch das weite Meer zu einer kalten, toten Eismasse erstarrte; wie langsam und stetig die lange Nacht wieder herangekrochen kam; wie in den endlosen Nächten die funkelnden Sterne immer größer und glänzender leuchteten, während die liebe Sonne schnell und ruhmlos ihre Gastrolle auf dieser Erde zu Ende spielte? Oder soll ich noch einmal erzählen von der langen Winternacht, von dem Haus, das wir aus den alten Brettern über dem Verdeck aufbauten, und von dem Schneewall, den wir ringsum auftürmten? Oder von Schlitten und Hunden und Eskimos? Oder von Hunger und Kälte, von Krankheit und Wahnsinn, von Not und Tod? Ach! Dann müßte ich ja die vorhergehenden Kapitel noch einmal erzählen! Das ist es ja gerade, was den Eismeerwinter für den zivilisierten Menschen so unerträglich macht, daß sich die Tage und die Jahre alle einander gleichen wie ein Ei dem anderen! Und daß doch ein jeder Tag seine eigene Plage hat.

Es genüge daher, festzustellen, daß dieser zweite Winter verlaufen ist wie der erste, nur noch eintöniger, weil uns alles nicht mehr neu gewesen ist, und noch etwas hungriger, denn drunten bei den Proviantvorräten begann es bedenklich leer auszusehen. –

Es war kein schöner Sommer, der auf diesen zweiten Winter folgte. Während im vergangenen Sommer fast stets milder Ostwind wehte, der draußen auf dem Meere das Eis offen hielt, herrschten diesmal milde, naßkalte Hagelböen aus Nordwesten vor, die das Packeis hart gegen die Küste preßten. So oft wir auch auf den nahen Hügel hinaufkletterten, um nach den blauen Wasserstreifen Ausschau zu halten, die uns im vorigen Jahr so viel Freude gemacht hatten, wir sahen immer nur Eis und wieder Eis. Schließlich unterließen wir diese Kletterpartien und räsonierten noch mehr, als wir es während des ganzen Winters getan hatten, und bildeten uns ein, von allen guten Geistern verlassen zu sein.

Trotzdem konnten wir noch einige Tage früher als im vergangenen Jahre die Ausreise nach den Walfischgründen antreten. In dem seichten Fahrwasser, das sich als enger Kanal zwischen dem Festland und der endlosen Masse des Meereises hinzog, tastete das Schiff seinen Weg vorwärts bis zu unserem alten Holzladeplatz bei Kap Sabine, wo wir programmäßig eine gewaltige Ladung an Bord holten. Immer längs der Küste segelnd, erreichten wir die Baillyinsel und sogar das Kap Parry, wo auch schon unser alter Leidensgefährte, die »Bonanza«, vor Anker lag. Aber in der Kursrichtung nach Banksland, dem gelobten Land der Walfischfänger, lag immer noch dickes Packeis, und da zudem eine steife Brise aus Nordwesten das Eis noch mehr hereintrieb, blieb nichts anderes mehr übrig, als die Rückreise nach der Baillyinsel. Dort lagen wir wochenlang untätig, denn außer dem seichten Küstengewässer, wo es keine Walfische gibt, war und blieb alles mit Eis bedeckt.

Wir freuten uns, als die mit Sehnsucht erwarteten Schiffe aus San Franzisko wieder anlangten und mit ihnen frischer Proviant und Nachrichten von den Dingen, die sich im Laufe des letzten Jahres dort draußen in der Welt zugetragen hatten. Viel Denkwürdiges hatte sich ereignet. Der Russisch-Japanische Krieg war begonnen und beendet, ohne daß wir davon erfahren hatten, und man munkelte bereits davon, daß die kleinen gelben Kerle nächstens mit Onkel Sam anbandeln würden. Das alles schien mir ganz unverständlich. Längst schon hatte ich mich daran gewöhnt, die zivilisierte Welt als unerreichbares Paradies anzusehen, und konnte mir nicht vorstellen, wie Menschen, die in solchem Schlaraffenland leben durften, sich in einem anderen Zustand als dem der vollsten Glückseligkeit befinden konnten.

»Deutscher, was?« redete mich ein rothaariger Irländer vom »Alexander« an, »kannst froh sein, daß du jetzt nicht in Deutschland bist, denn der Kaiser würde dich holen. Der braucht Soldaten für den großen Krieg.«

»Krieg?« fragte ich bestürzt.

»Natürlich ist Krieg!« antwortete der andere mit Seelenruhe, »will's dir gleich mal zeigen.«

Und dann wühlte er aus seinem Seesack einen Pack Zeitungen hervor – weiß Gott, die ersten, die ich zu Gesicht bekam seit jener Unglücksnummer mit der Anzeige des Thomas Murray in der Batteriestraße! – Ja, das mußte wohl seine Richtigkeit haben mit dem großen Krieg! Da waren sie abgebildet auf der ersten Seite des »San Franzisko Examiner«, die Schlachtfelder von Südwestafrika! Blut in Strömen und auf dem weiten Kampfplatz die Leichen wie Sand am Meer.

Es war ein unglückseliger Sommer. Das Eis verhinderte jedes Vordringen, und erst ganz spät in der Saison bahnte uns ein starker Ostwind den Weg nach Banksland. Bei Tagesanbruch bekamen wir die Südspitze des Landes in Sicht, und fast zu gleicher Zeit wurden vom Krähennest aus die ersten Walfische entdeckt, die dicht unter dem hohen Lande in spieliger Beschaulichkeit kreuzten. Es war nichts weniger als ein idealer Tag zum Walfischfangen. Ein feiner, durchdringender Regen rieselte vom düsteren, gleichmäßig bewölkten Himmel, und dazu wehte ein eisiger Nordost in launischen Böen, die den salzigen Wasserstaub über die Kämme der Wellen fegte. Über die Back und Luvreel brachen boshafte Sturzseen und ließen nach ihrem Verlaufen auf dem Verdeck schlüpfriges Glatteis und an den Decksaufbauten lange, glitzernde Eiszapfen zurück.

Es wäre unter diesen Umständen ein Gebot der Vorsicht gewesen, wenn wir in unserem Boote das kleine, dreieckige Sturmsegel beigesetzt hätten. Aber unser ungeduldiger Steuermann, der schon allzulange vergeblich auf Walfische gewartet hatte, fürchtete durch das Beisetzen des Segels kostbare Minuten und damit auch die in Aussicht stehende Beute zu verlieren. Sam murmelte zwar allerlei Respektwidriges, als er das doppelt gereffte Großsegel heißen mußte, aber als Seemann, dem das Gehorchen in Fleisch und Blut übergegangen, tat er doch wie ihm geheißen. Es war eine tolle Fahrt. Unter dem Druck des Windes lag das Segel hart über dem Wasser und die Spritzer der überschlagenden Seen benetzten die weiße Leinwand. So jagten wir in rasender Eile über die Kämme der Wellen und klammerten uns dabei krampfhaft an die Luvreel, um das Boot vor dem Kentern zu bewahren.

»Da ist er!« sagte Sam mit unterdrückter Stimme, während er mit der Hand über den Kopf des Steuermanns weg nach einem Walfisch deutete, der hinter uns auftauchte, »hol durch die Schot!«

Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, riß mir der Steuermann die Schot aus der Hand und holte durch mit beiden Händen. Das Segel flatterte im Winde, sausend flog der Baum nach der anderen Seite. Der ganze Druck einer vorüberbrausenden Bö legte sich auf das scharf angeholte Segel. Über und über ging das Boot, und – das Unglück war geschehen.

Wieder einmal wie schon vor Jahresfrist, befand ich mich hilflos und verlassen mitten im weiten Meere. Im Augenblick war ich gänzlich rat- und fassungslos. Was nun? Von irgendwoher hörte ich laute Hilferufe, aber sehen konnte ich nichts. Wohin ich blickte, überall türmte sich vor mir die gleiche grüne Wasserwand. Wasser überall! Nase, Mund, Augen, Ohren, alles war voll von der salzigen Flut.

Mit einemmal tauchte vor mir ein Tauende auf, offenbar die Wurfleine des Bootes. Sie war ein Rettungsanker in der höchsten Not. An ihr holte ich mich Hand über Hand entlang, bis ich gegen die Seite des gekenterten Bootes anrannte. Der weißglänzende gerundete Kiel wiegte sich auf dem Wasser wie der Körper eines toten Walfisches. In der Mitte ragte noch immer wie eine mächtige Flosse das »centre board« hervor, eine Art gleitender Kiel, den man bei seitlichem Wind durch den Boden des Bootes hinunterschiebt, um das Kentern zu verhindern; eine entsetzlich plumpe Vorrichtung, die überall im Wege ist. Oft schon hatte ich das Ding verwünscht, aber in jenem Augenblick erschien es mir als eine rettende Insel, denn es war inmitten der weiten Wasserwüste der einzige solide Gegenstand, an den man sich anklammern konnte. Gerade hatte ich mich dort oben festgesetzt, als dicht neben mir, puffend und fauchend wie ein Seehund, der Kopf des langen Sam auftauchte. Mit seiner katzenartigen Gewandtheit hatte er sich bald in Sicherheit gebracht, und mit Hilfe des langen Bootshakens, den er aus dem Wasser aufgefischt hatte, machte er sich daran, die übrigen Schwimmer aus dem Wasser zu ziehen. Er machte seine Sache so gut, daß bald alle – naß und kalt natürlich und etwas außer Atem, – aber sonst mit heiler Haut im Trocknen angelangt waren, und an dem kleinen centre board kaum mehr Platz war für die vielen Zaungäste. Es war ein Wunder, daß alles so glimpflich abging, denn das Umhertreiben in dem eisigen Wasser bei solcher See ist keine Kleinigkeit, zumal wenn man durch dicke Kleider und Ölzeug am Schwimmen behindert ist.

Nur mit dem kleinen, dicken Jimmy verlief die Sache nicht so glatt. Wie alle seine Eskimolandsleute war auch er ein Nichtschwimmer und würde untergesunken sein wie ein Bleigewicht, wenn ihn nicht der vorübertreibende große Steuerriemen, an dem er sich festklammerte mit der letzten Kraft der Verzweiflung, vor diesem Schicksal bewahrt hätte. Und der gute Jimmy verlor keine Zeit, sich auf dem gekenterten Boot nach einem sicheren Plätzchen umzusehen. Voller Ungestüm drückte er jedoch den centre board hinunter, und wie auf Kommando glitten wir alle ins Wasser. Es gab ein großes Strampeln und Suchen nach neuen Plätzen zum Festhalten, aber die glatte Bootseite bot keinen Stützpunkt mehr außer der dünnen Kielleiste entlang des Rückens. Da hingen wir nun, einer neben dem anderen, mit den Fingerspitzen unserer halberfrorenen Hände, naß und durchfroren, wie eine Gesellschaft von Vogelscheuchen. Nie wieder in meinem Leben der Wanderungen und Abenteuer bin ich in so kritischer Lage gewesen. Ringsum heulte der Wind und tobte die See. Von Zeit zu Zeit wurden wir hinaufgerissen in scheinbar schwindelnder Höhe, und im nächsten Augenblick brachen die Fluten sausend und brausend über uns zusammen. Kreischende Möwen segelten über das Wasser, und manchmal schossen sie so nahe vorüber, daß man den Luftzug ihres Flügelschlages spüren konnte. Deutlich konnte man dann den krummen Schnabel erkennen, man konnte das glimmernde Feuer in ihren gierigen Augen sehen, und ihr krächzender Schrei klang schauriger als das Heulen des Windes.

Das schlimmste aber war, daß man kein Gesichtsfeld hatte. Nichts war zu sehen als die Wellenköpfe. Wie, wenn man an Bord unseren Unfall gar nicht bemerkt hatte und uns nun elend ertrinken ließ? Später habe ich erfahren, daß höchstens 5 Minuten vergangen waren von dem Kentern des Bootes bis zu dem Augenblick, wo wir von den anderen Booten aufgelesen wurden. Aber wie lang waren jene fünf Minuten! Mir war, als ob eine Ewigkeit vergangen wäre, als mit einemmal fast direkt über uns ein flatterndes Bootsegel auftauchte. Nur noch dunkel entsinne ich mich, wie ich damals wieder an Bord des Schiffes gekommen bin, aber soviel weiß ich noch genau, daß wir als Dank für die ausgestandenen Gefahren mit einem fürchterlichen Donnerwetter bedacht wurden. »Immer wieder diese Steuerbordbugbootsmannschaft!« schimpfte der Kapitän. »Sie haben wohl geschlafen, Mr. Lee, wie die letzte Bö gekommen ist? Ich werde meinen Kajütsjungen zum Steuermann machen und Ihnen Wachspuppen als Mannschaft geben! Mehr wie kentern können die auch nicht.«

»Allright, sir!« antwortete der dienstfertige Steuermann.

Auf die Ereignisse der nächstfolgenden Tage will ich nicht näher eingehen. Es waren wieder die üblichen Bankslandtage mit Regen, Schnee, Hagel, Nebel und allem anderen Zubehör. Aber nachdem das Packeis endlich gewichen war, stand das Meer überall weit offen, und wir konnten ungehindert bis Prinz-Albert-Land vordringen, an dessen Küste wir drei weitere Walfische fingen.

Das Schiff hatte auf der Herreise sehr viel Eis angetroffen, darum entschloß sich unser Kapitän jetzt schon zur Rückkehr, ehe ihn die Tücken dieses ungewöhnlich eisreichen Sommers daran verhindern würden. Die Rückreise! Diesmal sollte sie auch die Heimreise sein! Nicht nur nach der verwünschten Herschelinsel, sondern nach dem sonnigen Kalifornien. Nun mochten wir meinetwegen jeden Tag einen Walfisch, oder auch keinen fangen, wenn er uns nur einen Schritt näher brachte dem ersehnten Ziel! Wie, wenn aber nun wieder –? Nein, das wäre zu ungeheuerlich, als daß man es ausdenken könnte!

Wieder war es ein trüber Herbsttag mit unruhiger See und heulendem Nordostwind. Im Osten, über den Bergkuppen des wilden Landes, hatte schon während des ganzen Tages ein Wetter gebrütet, dessen schwarze Massen die sinkende Sonne zu verfolgen schienen und mit finster drohender Stetigkeit das Tageslicht verscheuchten. Fern im Westen aber, dort, wo jetzt der Bug unseres tapferen Fahrzeuges hindeutete, lag noch immer ein breiter Streifen von hellem Licht.

Bei günstigen Wind- und Eisverhältnissen hatten wir bald wieder die Baillyinsel erreicht, die wir diesmal ohne anzulegen passierten. Trotzdem noch alles frei von Eis war, schienen auch die andern Schiffe dem Frieden nicht zu trauen, denn von Eskimos, die an Bord kamen, um Fische zu verkaufen, erfuhren wir, daß das letzte Schiff bereits vor einer Woche nach Westen abgedampft sei. Es war also wenig Aussicht, daß wir diesseits von Point Barrow noch mit den Schiffen zusammentreffen würden. Um so größer war das Erstaunen, als bald darauf Joe, der Kanakabootsteurer, seine mächtige Stimme aus dem Krähennest vernehmen ließ: »Sail O!«

Der Alte fuhr förmlich zusammen bei dem Ruf. »What's that – was gibt's da oben?« sang er aus mit Stentorstimme.

»Segel gerade voraus, ein Strich vor Luvbug, Sir!« kam die Antwort von oben.

Mit ungläubiger Miene ging der Kapitän in die Kajüte, um sein Fernglas zu holen.

»Kannst du ihn ausmachen?« schrie er hinauf, nachdem er längere Zeit das Glas auf das Segel gerichtet hatte, das, nunmehr auch von dem erhöhten Achterdeck aus sichtbar, über dem westlichen Horizont aufgetaucht war.

»No!« antwortete der Kanake, »ich habe das Schiff noch nie zuvor gesehen. Scheint mir ein kleiner Kutter zu sein. – Eben geht die Flagge hoch! Hol mich der Teufel: eine Dutchmansflagge! Verflucht will ich sein, wenn ich jemals – – –«

Nun war die Reihe zu reden an Mr. Johnson, der schon lange genug auf eine Gelegenheit zur Betätigung gewartet hatte.

»Will der Kerl dort oben uns zum Narren halten, oder ist er selber verrückt? Kutter! Gibt's ja gar nicht! Und gar eine Dutchmansflagge! Seit zwanzig Jahren fahre ich hier im Eismeer und habe noch nie etwas anderes gesehen als die Sterne und Streifen!«

»Aber sagen Sie, Mr. Johnson,« unterbrach ihn der Kapitän, über den eine plötzliche Eingebung gekommen war, »wenn's gar der Dutchman wäre, der nächstens von der anderen Seite herüberkommen soll? Wie heißt er doch nur? – ja, richtig! Amundsen!«

»Mag schon sein,« antwortete Mr. Johnson, »so wird der wohl heißen, Amundsen, Petersen, Jansen, Hansen – der Teufel mag die Namen auseinanderhalten! Die Kerle heißen ja alle gleich.«

Obwohl das fremde Fahrzeug alle Leinwand beigesetzt hatte, liefen wir ihm schnell genug auf, so daß es bald auch vom Großdeck aus sichtbar war. In der Tat ein winziges Ding – nicht viel größer als einer der Fischkutter, wie man sie auf der Unterelbe sehen kann. Von der Gaffel wehte die rote Flagge mit dem schwarzen Kreuz – die Flagge Norwegens.

Bald hatten wir das Fahrzeug eingeholt und fuhren dicht im Luv vorbei, so daß wir es genau besehen konnten. Der Eindruck war nicht sonderlich imponierend. Es war klein und plump, mit gelben, geflickten Segeln und schwarzgeteerten Planken. An dem breiten Heck stand in großen Buchstaben zu lesen: »Gjöa – Kristiania.« Auf dem Achterdeck standen Männer in Fellkleidern von merkwürdig frackartigem Zuschnitt.

»Hallo!« sang Kapitän Cook aus, als wir nahe genug herangekommen waren, »sind Sie Kapitän Amundsen?«

»Yes!« antwortete drüben ein schlanker Mann mit blondem Spitzbart.

Der Kapitän stierte eine Weile vor sich hin. Was, zum Teufel, sollte er jetzt sagen? Das altgewohnte Schema bei der Begegnung in jenen Gewässern »Hallo captain, how many whales have you got?« – »Wie viele Walfische habt ihr gefangen?« konnte man doch unmöglich auf diesen Fall anwenden.

»Wie lange schon unterwegs?« brüllte er endlich durchs Sprachrohr.

Keine Antwort.

»Wie lange Sie schon unterwegs sind?«

»Allright!« kam von drüben eine dünne, kaum hörbare Stimme.

»Was ich noch sagen wollte, Kapitän Amundsen, brauchen Sie vielleicht frischen Proviant, einen Sack Kartoffeln oder dergleichen?«

»Yes, allright!«, war wieder die einzige verständliche Antwort und dazu noch eine lange Rede in unverständlichem Englisch mit stark skandinavischem Akzent.

»Vielleicht verstehen Sie nicht United States,« warf Mr. Johnson ein. »Du da,« wandte er sich an mich, der ich gerade dabei war, die Achterbrassen aufzuschießen, »bist ja auch ein Dutchman und kannst deine Zunge nach allen Richtungen drehen. Kannst mal hier den Dolmetscher machen.«

»Aber von der Sprache verstehe ich nichts,« wagte ich schüchtern einzuwenden.

»Was!?« zischte er mich an, »du willst den Dienst verweigern?«

Meine vermeintliche Halsstarrigkeit hatte ihn in größte Wut versetzt. Für ihn gab es nur eine Sorte »Dutchman«, ob sie nun Holländer, Deutsche, Skandinavier, Finnländer oder gar Polacken waren. Wer weiß, wie die Sache ausgegangen wäre, wenn sich nicht der Mann am Ruder, ein kleiner Holländer namens Arnold, ins Mittel gelegt hätte.

»Ich kann diese Sprache sprechen, Herr,« sagte er mit phlegmatischer Höflichkeit, »ich habe drei Jahre auf norwegischen Schiffen gefahren.«

»Hätt'st das auch vorher sagen können.«

So wurde denn Arnold zum Dolmetscher ernannt. Aber, sei es, daß der Wind die Verständigung mit dem weit im Lee liegenden Schiffe unmöglich machte, sei es, daß Arnolds Norwegisch doch nicht mehr auf der Höhe war, Tatsache ist, daß die kleine »Gjöa« allmählich achteraus verschwand, ohne daß wir ein vernünftiges Wort von drüben gehört hätten. Langsam, wie ein Geist aus einer anderen Welt, war das seltsame Fahrzeug wieder weit hinter uns in den Nebeln des trüben Herbsttags verschwunden.

Wir aber standen eine Weile sprachlos. So war sie endlich doch gefunden, die langgesuchte nordwestliche Durchfahrt, und wir waren Zeuge gewesen des historischen Ereignisses! Wir, die wir die großen Begebenheiten immer erst zu erfahren pflegten, wenn schon das Gras eines ganzen Jahres darüber gewachsen war, wir wußten nun auf einmal um eine richtige Sensation, lange ehe der geschäftige Draht die Kunde in alle Winde verbreitete!

Wenige Tage nach dieser denkwürdigen Begegnung bekamen wir fern im Westen das wohlbekannte Kap Sabine in Sicht. Dort trafen wir wieder auf größere Eismassen; schweres, altes Packeis, das in großen Feldern das offene Meer bedeckte, und wir mußten, genau wie bei der Ausreise, in der engen Rinne des seichten Uferwassers den Weg nach dem weiter westlich gelegenen Kap King Point suchen.

Schon am 10. September lag eine Schicht von jungem Eis auf dem Wasser. Einmal noch machten wir den Versuch, entlang der Küste nach Westen vorzudringen, aber wir waren noch nicht am Westende der Insel angelangt, als bei dem Zusammenstoß mit einem Eisberg der Klüverbaum zerbrach, der zugleich die Vormarsstenge mit über Bord nahm. Damit war unser Schicksal besiegelt, und was wir bisher kaum zu denken wagten, das war nun zur traurigen Gewißheit geworden: der dritte Winter.


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