Kurt Faber
Unter Eskimos und Walfischfängern
Kurt Faber

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Durch die Beringstraße

Sibirien – Unerwarteter Besuch. – Alte Erinnerungen. – Die Beringstraße. – Verhexte Walfische. – Gedrückte Stimmung im Achterteil – Allerlei Vermutungen. – Johnny Cook macht gute Geschäfte. – Wunderliche Erdenwinkel. – Unglücksboten. – Schneeball in Nöten. – Desertierungsfieber.

Die Segel blähten sich vor einem heulenden Nordost, der mit wildem Ungestüm über das Wasser fegte. Weiter nach Westen ging die Reise, bis langsam und fast unmerklich eine flache Küste auftauchte, die sich quer vor dem Bug unseres Schiffes in endlose Fernen nach Norden und Süden erstreckte. Sibirien!

In der Tat: sibirisch genug sah es aus, dieses endlose Land unter der einförmig weißen Schneedecke und dem düsteren, bleigrauen Himmel, der sich darüber wölbte. Nirgendwo in der weiten Runde ein fester Punkt, der dem irrenden Auge einen Ruhepunkt gewährt hätte. Öde und Einsamkeit überall. Hier in dieser weltverlassenen Gegend – so dachte ich mir – da ist die Einsamkeit zu Hause. Vielleicht auf hundert Meilen im Umkreis gibt es hier keinen Menschen, der sich vorwitzig in das tiefsinnige Zwiegespräch mischt, das schon seit undenklichen Zeiten die rauschenden Winde mit den einsamen Felsenklippen führen.

Aber siehe da: wir hatten kaum an dem breiten Eisfeld festgemacht, das dem Lande vorgelagert war, als sich des langen Sam gewichtige Stimme aus dem Krähennest vernehmen ließ: »Sail O!«

»Schiff in Sicht!« Wäre eine Seeschlange aufgetaucht, so hätte sie mich nicht mehr in Erstaunen versetzen können, als das Erscheinen eines Schiffes in dieser menschenleeren Gegend. Neugierig schaute ich nach Osten, wo eben das fremde Fahrzeug, auch vom Verdeck aus sichtbar, aus den Fluten aufgetaucht war. Es war eine stattliche Bark, deren schlanke feine Linien sich scharf vom abendlichen Himmel abhoben. Vom Heck wehten die Sterne und Streifen. Es war, wie unsere Bootsteurer, die jedes hier verkehrende Schiff an der Bauart kannten, schon von weitem feststellten, der Walfischfänger »Belvedere« aus San Franzisko. Dicht neben uns machte er im Eise fest und sandte ein Boot herüber mit dem Kapitän.

Während nun die beiden Schiffsgewaltigen sich in der Kajüte einen steifen Grog zusammenbrauten und dann wie zwei Halbgötter – die sie ja auch waren – auf dem Achterdeck auf und ab schritten, suchten wir anderen, so gut es unsere bescheidenen Mittel erlaubten, die Leute der Bootsmannschaft zu unterhalten. Sie waren Grünhörner wie wir selbst, und ihre Begeisterung für den Walfischfang war, genau wie bei uns, schon längst auf den Gefrierpunkt herabgesunken.

Am nächsten Morgen in aller Frühe ging die Reise weiter nach Norden durch das große Tor der Beringstraße, das in die unendliche Einöde des Nördlichen Eismeers führt. Dabei hielten wir uns immer in Sicht der sibirischen Küste, die wir nun gebührend bewundern konnten. Anfangs war sie flach wie eine Dreschtenne, bald aber wurden in der Ferne blaue Bergzüge sichtbar, die immer näher und näher heranrückten, bis sich ihre Ausläufer schroff und unvermittelt, in einer ausgeprägten Steilküste, nach dem Meere abstürzten. Zuweilen stiegen sie zu großer Höhe beinahe senkrecht vom Meere auf, und wenn in den Nachtstunden der rote Ball der Mitternachtsonne die dunkeln Schatten darauf warf, da sahen sie finster und abschreckend aus. Bei Tage aber, wenn die Sonne hoch oben am Himmel stand und alles ringsum mit dem für jene nordischen Gegenden so eigentümlich weichen Licht übergoß, zeigte das Land zuweilen ein freundliches Gesicht. Da glitzerten und funkelten die Schneefelder im Scheine der hellen Sonne, und wo der Sommer bereits seine Arbeit getan hatte, da lachte er über weiten Strecken von kurzem, schilfartigem Gras und über Feldern von grünem Moos, von Veilchen und Vergißmeinnicht und anderen bunten Blumen in leuchtenden, satten Farben.

Es war schon Juni, und die Sonne zog bei Tag und Nacht ihre Kreise. Die Mitternachtsonne. Etwas wunderbar Eigenartiges liegt über solch' arktischer Sommernacht, eine stille, verträumte Stimmung, wie sie zuweilen, kurz vor dem Einbruch des rauhen Winterwetters, über einem deutschen Herbsttag ruht. Gar manchmal habe ich dort oben in später Stunde der nächtlichen Sonne zugesehen, wie sie, blutig rot und übernatürlich groß, über dem fernen, einsamen Lande hing, wie im Westen, weit, weit im Hintergrund die sibirischen Berge in dunkelvioletten Farben glühten, wie die schwarzen Felsen der steilen Küste sich scharf abhoben von dem flammenden Rot des nächtlichen Himmels und wie die unruhigen Schatten des dämmernden Zwielichts über die spiegelglatte Fläche des weiten Meeres huschten. Aber sie sind dünn gesät, diese schönen Sommertage. Das Normalsommerwetter dort oben ist vielmehr der Nebel. Ein kalter, rauher, unfreundlicher Nebel. Ganz unvermutet kommen diese Nebel wie eine kalte, nasse Decke vom Himmel herunter, mit einem rauhen, frostigen Hauch, der die Glieder bis aufs Mark erstarrt. Sie sind – um mit Schneeballs bilderreicher Sprache zu reden – so dick, daß man sie essen könnte. Die Toppen der Masten sind in ihrer grauen Masse aufgesogen, und wenn man nach unten über die Seite blickt, da kann man vor Nebel die Wasserfläche nicht mehr erkennen. Alles ringsum ist grau und verschwommen, als ob das Schiff, losgelöst von allen irdischen Zusammenhängen, durch ein Nebelmeer schwebe.

Da das Eis weiter im Norden noch nicht aufgebrochen war, kreuzten wir mehrere Wochen lang in der Beringstraße. Es waren lange, trübsinnige Wochen, in denen sich unsere Beute an Tran und Fischbein nicht vermehrte. Dennoch war an Walfischen kein Mangel. Oftmals trieben sich ganze Schulen in nächster Nähe des Schiffes umher, und ich wunderte mich, warum man nicht mit diesen sein Glück versuchte. Aber Nick, dem ich einmal diesen Vorschlag machte, bekehrte mich bald zu anderer Ansicht.

»He, was sagst du da?« meinte er sprachlos vor Entrüstung, »meinst du, du verrücktes Grünhorn, wir seien den ganzen Weg von San Franzisko hier heraufgekommen, um jedem Humzback, Finnback und Teufelsfisch nachzulaufen, keins von dem Viehzeug ist wert, daß man sein Eisen daran schmutzig macht, und außerdem – hier wurde er ganz vertraulich – außerdem sind sie verhext und des Teufels eigene Kinder und bringen Unglück über jede Menschenseele an Bord, wenn man sie nicht in Ruhe läßt. »Willst du uns denn mit aller Gewalt den ›davy Jones‹ (den leibhaftigen Teufel) auf den Hals hetzen?«

Nein, das wollte keiner von uns, und darum nahmen sich die Leute, die oben im Krähennest auf Ausguck standen, wohl in acht, einen andern Walfisch auszusingen, als unseren lieben Bowhead oder Grönlandwal, der an seinem runden Kopf und dem dicken, buschigen Spaut leicht von seinen Stammesgenossen zu unterscheiden ist. Der aber war nicht alle Tage zu sehen, und wenn einmal einer in Sicht kam, so war er nur sehr schwer zu erreichen. Denn die Beringstraße wird von ihm nur in schneller Fahrt als Durchgangsstraße von den südlichen Gründen im Beringmeer nach den nördlichen bei Banksland benutzt.

Selbst Mr. Lee, der sonst so schweigsame, hatte etwas von seiner unerschütterlichen Gemütsruhe verloren. Wenn man achtern am Ruder stand, dann konnte man ihn beobachten, wie er stundenlang mit hoher Fahrt auf dem Achterdeck auf und ab lief und grimmige Verwünschungen zwischen den fest aufeinander gepreßten Zähnen hervorstieß. »Der Freitag ist schuld an allem,« murmelte er vor sich hin, »nichts anderes als der verfluchte Freitag. Mußte dieser gottverlassene Johnny alle guten Geister herausfordern und am Freitag segeln, wo's doch so viele andere Tage in der Woche gibt!«

»Es sind die Grünhörner, die uns verhext haben,« meinte dagegen Mr. Jaslin, ein kleiner, quecksilbriger französischer Kreole von der Insel Reunion, der als zweiter Steuermann amtierte, »die Grünhörner! Wer denn sonst? Das Volk hat keinen Verstand. Setzt sich auf die Back und pfeift, bis ein Gegenwind kommt; spaziert querschiffs über das Verdeck und wischt mit den ungeschickten Pfoten das ganze Glück von den Gaffhooks. Kann da etwas Vernünftiges dabei herauskommen?«

Nur einen gab es in jenen Tagen an Bord des »Bowhead«, der seine Ruhe noch nicht verloren hatte, und das war Johnny Cook selber. Er war noch immer der Alte mit dem runden, wohlgenährten Gesicht von krebsroter Farbe, mit der scheinenden Glatze und dem ewigen boshaften Lächeln, das mir schon längst zuwider war. Stolz und selbstbewußt schritt er einher und erteilte seine Befehle mit rauher, bellender Stimme, die bis in die hinterste Koje des Mannschaftslogis drang.

Er hatte auch bisher keinen Grund zur Unzufriedenheit mit dem Verlauf der Reise. Wenn wir auch vorderhand wenig Fischbein zu sehen bekamen, so war doch der Handel mit den Eingeborenen auch ein einträgliches Geschäft. Schmunzelnd konnte er zusehen, wie ein elfenbeinerner Walroßzahn nach dem andern in die Achterluke wanderte, wie die Reihe der kostbaren roten, weißen, schwarzen und silbergrauen Fuchsfelle, die zum Trocknen an den in der Takelage ausgespannten Leinen hingen, immer länger wurde, und wie all' die anderen Schätze des Eismeers: die Eisbärfelle, die Marder-, Luchs- und Zobelpelze und allerlei wunderliche Eskimokuriositäten sich zu Haufen türmten.

Denn jene fernen Gegenden sind durchaus nicht so arm und so öde, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Kaum einen Platz längs der Küste konnten wir anlaufen, ohne von einer Horde Wilder heimgesucht zu werden, die es sich ohne viel Umstände an Deck bequem machte. Vor den Künsten der »Kabeluna« hatten sie einen gewaltigen Respekt. Stundenlang konnten sie, während sie lang ausgestreckt auf der Back, ihre Siesta hielten, in die Takelage hinauf stieren und mit Blicken der heiligsten Scheu das unentwirrbare Mysterium der Taue und Blocke mustern. Andererseits verstehen sie sich aber auch auf allerlei Künste, die jedem Nichteskimo zeitlebens ein Buch mit sieben Siegeln bleiben müssen. Schon die Kinder von kaum zehn Jahren vollführen z. B. in den Kajaks allerlei atemberaubende Künste, die selbst in einem Barnumzirkus eine Sensationsnummer wären.

Gar manchen wunderlichen Erdenwinkel haben wir in jenen Wochen aufgesucht. Da ist vor allem das sibirische Ostkap, das, nebenbei bemerkt, einer der westlichsten Punkte des asiatischen Festlandes ist, da es unter 179° westlicher Länge von Greenwich liegt. Am Nordende der Straße, dort, wo diese in das Eismeer mündet, erhebt es sich steil und unvermittelt aus dem Wasser, gleich einer gewaltigen Faust, die das alte Asien seinem stolzen Konkurrenten drüben auf der anderen Seite der Straße entgegenstreckt. Nicht weit östlich von dem Ostkap, gerade mitten in der Straße, liegen die beiden Diomedesinseln. Wenn das Wetter klar ist, kann man von dort aus, wie zwei riesige Pfeiler zu einem Eingangstor ins Eismeer, im Westen das asiatische Ostkap, im Osten das noch weit höhere und massigere Kap Prince of Wales an der amerikanischen Küste erkennen. Abgesehen von ein paar vereinzelten Flecken mit einer kümmerlichen Vegetation von Moosen und Flechten, untermischt mit verblaßten Veilchen und einigen, von der Natur mehr als stiefmütterlich behandelten Stiefmütterchen, besteht die größere Diomedesinsel, die wir des öfteren anfuhren, nur aus einer kahlen Kuppe mit vielen parallel nach dem Meere abfallenden Erdfalten, in denen selbst im Hochsommer dicke Schneemassen liegen. Wenn man, von Süden kommend, zuerst jene einsame Bergkuppe aus den Fluten auftauchen sieht, so will einem der Gedanke, daß in solch' majestätischer Einsamkeit auch lebende Wesen hausen können, fast wie eine Entweihung erscheinen. Ist man aber erst etwas näher herangekommen, so merkt man, daß die ganze Kuppe lebendig ist von unzähligen schreienden, flatternden, gackernden Seevögeln, die sich hier ein Stelldichein geben, »einesteils der Eier wegen« – und dann auch noch für andere, weniger idyllische Geschäfte.

Sie sitzen in frommer Beschauung,
Kein Einz'ger versäumt seine Pflicht,
Gesegnet ist ihre Verdauung
Und flüssig als wie ein Gedicht.

Fast noch eigentümlicher wie die Diomedesinsel ist die, etwa halbwegs zwischen dieser und der St.-Lorenz-Insel gelegene Königsinsel. Sie ist nicht leicht zu finden, denn sie besteht nur aus einem einzigen kleinen Felsen, der zahnartig, etwa so wie die drei St.-Pauls-Felsen im südatlantischen Meere, aus dem Wasser aufragt. Gerade hier, wo man mitten unter den Seehunden und Walrossen ist, hat ein volkreicher Stamm sich häuslich niedergelassen. Wie die Schwalbennester kleben ihre primitiven, roh aus Treibholz gezimmerten Hütten an dem steilen Abhang, und wenn man von der Wasserfläche zu ihnen hinaufschaut, so kann man sich einer gewissen Bangigkeit nicht erwehren, als ob die ganze Herrlichkeit eines Tages herunter rutschen würde. Unten auf dem kiesigen Ufer stehen große Holzgerüste, an denen schwarze, vermoderte Fische zum Trocknen aufgehängt sind. Aus der Ferne sehen sie unheimlich aus; wie richtige Galgen. Ringsum im Wasser aber ist es ein beständiges Kommen und Gehen von flinken Kajaks, die von den doppelendigen Paddels in den Händen ihrer behenden Führer schnell wie der Blitz durch das Wasser getrieben werden. Es gab also, wie man sieht, allerlei Interessantes zu sehen; aber dennoch waren es keine schönen Wochen, die wir dort in der Beringstraße verbrachten, denn über ihnen brütete der Schatten einer bösen Ahnung, die sich mehr und mehr zu einer traurigen Gewißheit verdichtete.

Als erster Unglücksrabe kam ein Hund an Bord, den der Kapitän am sibirischen Ostkap gegen zwei Pfund Tabak eingetauscht hatte. Bald bekam er Gesellschaft, und ehe wir die Beringstraße hinter uns gelassen hatten, war das Verdeck bevölkert von einer nahezu fünfzigköpfigen Hundemeute, die es sich überall nach Möglichkeit bequem machte. Kaum einen Schritt konnte man tun, ohne über einen Hundekörper zu stolpern.

Das waren die ersten Unglücksraben. Aber es kamen bald noch andere. So vor allem die drei Eskimos Jimmy, Johnny und Diomedes; letzterer nicht so genannt wegen seiner göttlichen Schönheit – denn er war ein ganz gewöhnlicher, kleiner, krummbeiniger Eskimo, sondern wegen seiner Abstammung von den Diomedesinseln. Wir hatten unsere liebe Not mit den neuen Kostgängern, denn sie stellten sich bei allen Schiffsarbeiten so unbeholfen an wie nur möglich. Trotzdem bekamen sie nicht so viele Grobheiten zu hören, wie wir anderen.

»Man muß die Kerle bei Laune halten,« brummte Mr. Lee, »sonst laufen sie uns von heute auf morgen weg, und wir brauchen sie doch zur Jagd und zum Fischfang im nächsten Winter.«

Im nächsten Winter! Mich überlief es kalt und heiß, wenn ich davon hörte. War es denn wirklich wahr – konnte es denn möglich sein, daß wir über den kommenden Winter – das wäre ja fast noch ein ganzes Jahr, – auf diesem abscheulichen Schiffe in diesem ungastlichen Lande festgehalten würden? Nein, das konnte, das durfte nicht sein! Das war ein roher Scherz, den man mit uns treiben wollte!

Aber von Tag zu Tag mehrten sich die üblen Anzeichen. Der nächste Winter ging um wie ein Gespenst.

Warum verstauten wir all' das stinkige alte Walfischfleisch in den Fässern unten im Laderaum? Als Futter für die Schlittenhunde natürlich!

Warum hockten die vielen alten Eskimoweiber auf dem Achterdeck und nähten Pelzkleider aus Renntier- und Seehundfell? Pelzkleider! Für wen? Für uns! Für uns natürlich! Für den nächsten Winter!

Warum lag der große Bretterstoß seit unserer Ausreise von San Franzisko auf dem Dach der Kochapparate? Weil man damit bei Anbruch des Winters, nach dem Einfrieren des Schiffes ein Haus über dem Verdeck errichten wollte! Warum – warum – ja, warum fiel uns jetzt erst so vielerlei auf, was wir vorher garnicht beachtet hatten? Kein Zweifel: ein langer, böser Winter stand uns bevor.

Das alles war natürlich nicht zum Vorteil der allgemeinen Stimmung an Bord des »Bowhead«. Uns Grünhörnern war es ja nicht geraten, auch nur mit bösen Blicken unserem Mißfallen mit der Lage Ausdruck zu geben, aber die Bootsteurer, denen die Sache auch schon längst zuwider war, waren weniger zurückhaltend. In den langen Nachtwachen, wenn sie sich unbemerkt glaubten, erzählten sie uns unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit gar manches über den »Bowhead« und seinen Ruf. Er sei das schlechteste Schiff, das je ins nördliche Eismeer gekommen wäre, und Johnny Cook sei der Teufel selber. Und gar seine »Alte« – na, darüber wolle man schon lieber gar nicht reden. Es war allenthalben eine gute Portion Bosheit aufgestapelt. Böen lagen voraus. Das fühlte jedermann unwillkürlich. Und eines Tages brach eine solche Böe los mit elementarer Gewalt, und Schneeball war es, der die Kosten dafür tragen mußte. Das trug sich so zu:

Schon seit längerer Zeit mußten wir mit wachsender Besorgnis bemerken, daß unsere ohnehin schon karg bemessenen Portionen immer kleiner wurden, und es kam deshalb täglich zu hitzigen Zwiegesprächen vor der Tür der Kombüse.

»Schneeball, warum gibt es jetzt nicht mehr so viel Salzfleisch wie früher?«

»Ihr denkt auch nur ans Fressen und Saufen.«

»Schneeball, die Kartoffelrationen sind verdammt schmal geworden.«

»Viel zu groß für euch Kartoffelwürmer!«

»Schneeball, die Würmer und Maden in den Biskuits kannst du gefälligst selber essen.«

»Laßt mich in Ruh', ihr hungrigen Tagdiebe, und beklagt euch bei Johnny Cook! Der ist an allem schuld!«

Natürlich! Recht hatte er! Wie konnte er etwas Vernünftiges kochen, wenn der Kapitän ein Geizhals war? Merkwürdig war es aber doch, daß der alte Schneeball, in demselben Maße, wie unsere Rationen abnahmen, Persona grata bei den Eskimodamen wurde. Das war verdächtig und verlangte nach einem näheren Einblick in den inneren Zusammenhang der Dinge. Es dauerte auch gar nicht lange, ehe der Steward, ein rothaariger Irländer mit kleinen, boshaften Augen, den alten Sünder auf frischer Tat ertappte, als er nächtlicherweile einer jungen Eskimoschönen einen Teller voll duftendem Salzfleisch zuschob. Das forderte Rache, und der Irländer war gerade der Mann, um die Exekution auf der Stelle vorzunehmen. Ohne sich lange zu besinnen, stürzte er dem Sünder einen Eimer voll siedend heißem Wasser, den er gerade in der Hand trug, über den Kopf. Viel hätte nicht gefehlt, und der arme Schneeball hätte auf der Stelle Abschied genommen von dieser bösen Welt, die ihn in seinem langen Leben schon so viel mißhandelt hatte. Tagelang lag er unter furchtbaren Schmerzen in seiner Koje, und als er endlich wieder, mit einem verbundenen Kopf, aus dem kaum die Augen heraussahen, an Deck erschien, da mußte er zu dem Schaden auch noch den Spott der anderen tragen. Das empfand er als bittere Kränkung.

»Was die Kerle nur gegen mich haben?« meinte er wehleidig, »habe ich denen etwas zu leide getan? Bin ich etwa nicht die Gutmütigkeit selber? Hab' ich nicht tagaus, tagein diesen schmutzigen Vagabunden alles getan, was ich ihnen von den nichtsnutzigen Augen ablesen konnte?«

»Ich hätt' es mir aber auch schon vorher denken können,« fuhr er fort mit bitterer Miene, »ein farbiger Gentleman hat nirgends kein Glück, – brauchst mich nicht so anzusehen, du verfluchtes Grünhorn, – glaubst du, daß ich nicht Bescheid wüßte? Auf Yankees und auf DutchmansDutchman – Holländer, aber von Amerikanern als eine etwas geringschätzige Bezeichnung auf die Deutschen und nicht selten auch auf Skandinavier, sowie alle Arten nicht englischer Germanen angewandt. Schiffen habe ich gefahren in diesen letzten fünfzig Jahren. Schwarze, weiße, braune und gelbe Menschen sind meine Schiffskameraden gewesen. Mord und Totschlag und Meuterei habe ich erlebt. Ich habe Messer fliegen sehen und das Verdeck rot von Blut, und was sonst noch, aber noch nie hab' ich gesehen, daß bei allen diesen Dingen ein farbiger Gentleman nicht zu kurz gekommen wäre.«

In jenen Wochen spukte das Desertionsfieber in allen Köpfen. Jeder hatte seinen eigenen Desertionsplan und lauerte nur noch auf die Gelegenheit, um ihn in die Tat umzusetzen.

Der dicke Jim Mackenzie wollte fünf Pfund Tabak wetten, daß er in vier Monaten wieder in Frisco wäre. Ihn könnte niemand festhalten, denn er sei ein freier amerikanischer Bürger. Auch ich habe damals Tag und Nacht vom Desertieren geträumt. Mir wurde übel zumute, wenn ich an die langen, traurigen Monate dachte, die uns noch bevorstanden. Oft war es mir, als könnte ich es keinen Augenblick länger aushalten. Eine brennende Ungeduld verzehrte meine unruhige, abwechslungslustige Seele. Jedesmal, wenn ich oben im Krähennest nach Walfischen Ausschau halten sollte, blickte ich sehnsüchtig hinüber nach der sibirischen Küste. Mit dem scharfen Glas konnte man dort drüben jedes Steinchen erkennen, aber kein Baum, kein Strauch war zu sehen, nichts, das ein anständiges Versteck gewährt hätte, sondern nur kahle Berge, wilde Felsen und blendende Schneefelder – eine trostlose Einöde, deren Anblick jeden Fluchtgedanken im Keime erfror.

Als aber eines Tages die Kunde durchsickerte, daß wir demnächst nach der anderen Seite der Straße hinüberkreuzen würden, da stieg das Desertionsfieber zur Siedehitze. Dort drüben war ja Amerika, das Land der Freiheit –!


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