Kurt Faber
Unter Eskimos und Walfischfängern
Kurt Faber

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Wieder in den Walfischgründen

Abschied von der Herschelinsel, – Auf der Holzexpedition. – Eis voraus. – Durchs Packeis. – Es fängt an »fischig« zu riechen. – Das zerschmetterte Boot. – Rauch im Westen! – Alte Bekannte. – Bankslandpech. – Die traurige Gewißheit: Noch ein Winter!

Es war Anfang Juli, als wir von neuem die Ausreise nach den Walfischgründen antraten.

Über Nacht war das Eis in der Bai gebrochen und von der Flut in die offene See hinausgefegt worden. Wo gestern noch Eis gewesen, da waren jetzt nur noch graues Wasser und weißköpfige Wellen. Die beiden Barken rollten in der Dünung und rissen und zerrten an den Ankerketten gleich ungeduldigen Pferden, die den Zeitpunkt zum Aufbruch nicht erwarten können. Schwarze, qualmende Rauchwolken entstiegen den Schornsteinen.

Es war ein ganz feierlicher Augenblick, wie wir langsam die flache Landzunge umschifften. Dreimal ertönte zum Abschied die tiefe Stimme der Dampfsirene, und dreimal senkte sich an dem hohen Flaggenmast vor dem Hause des Missionars die rote Flagge Old-Englands. Schnell entschwand das altgewohnte Bild unseren Augen, und bald war nur noch der Gipfel des hohen Hügels wie ein flimsiges Wölkchen in der Ferne zu sehen. Etwas wehmütig war mir doch zumute, als diese kleine Welt mit ihren tausend Erinnerungen so schnell – und vielleicht für immer – in der dunstigen Luft über dem westlichen Horizont in ein Nichts zerfloß.

Eine Weile noch hatten wir mit den schweren Eismassen zu kämpfen, die der Ostwind gegen die Insel herangetrieben hatte, aber dann gelangten wir in offenes Wasser, wo wir Kurs auf Kap Kay Point hielten, dessen Umrisse sich fern im Osten wie eine Insel aus dem Wasser abhoben, und von dort ging es entlang einer hohen, jäh nach dem Meer abfallenden Küste nach dem weiter östlich gelegenen Kap King Point. Von hier läuft die Küste in weitem Bogen nach dem undeutlich in der Ferne erkennbaren Kap Sabine. Die Berge treten hier weiter zurück und machen einem flachen, sumpfigen Ufer Platz, das der natürliche Ablagerungsplatz ist für alles, was der nur wenige Meilen weiter östlich mündende Mackenziestrom aus den Urwäldern, die seinen Oberlauf umsäumen, herunterführt.

Hier nahmen wir eine Holzladung an Bord, denn der Kohlenvorrat, dessen unsere Maschine in den bevorstehenden Kämpfen mit dem Eis so sehr bedurfte, war beinahe erschöpft. So nahe der Küste, wie das bei dem seichten Wasser möglich war, gingen wir vor Anker und machten dann die Boote klar. In der Mündung eines kleinen Flusses lief unser Boot auf den knirschenden Sand.

Es war ein idyllisches Plätzchen; ringsum grünes Moos und bunte Blumen, und etwas abseits, mitten zwischen den umherliegenden Holzstämmen, stand ein Eskimozelt, vor dem ein lustiges Lagerfeuer unter einem riesigen Kochtopf brannte. Eine Schar Wildenten, die es sich an dem sumpfigen Ufer bequem gemacht hatte, flog schnatternd und schreiend davon. Unser Sinnen stand indes nicht nach Wildenten, sondern nach den hier aufgestapelten Holzvorräten, denn Mr. Johnson hatte erklärt, daß er die volle Ladung noch vor Abend an Bord haben wollte. Und er pflegte solche Erklärungen nicht zum Vergnügen abzugeben.

Bald war jedes verfügbare Plätzchen im Schiffsraum mit Holz gefüllt, und selbst auf dem Verdeck türmte sich eine riesige Deckslast, deren Umfang weit über die von Lloyds internationalem Büro vorgeschriebenen Maße hinausging. Indes: Wo kein Kläger, da ist auch kein Richter. Hier war niemand, der so etwas nachmessen konnte.

Noch waren die letzten Boote nicht ausgeladen, als schon der Anker gelichtet wurde zur Weiterreise. Die Aussichten für ein weiteres Vordringen schienen die allerbesten. Überall nur offenes Meer bis weit, weit nach Norden, wo sich das Blau des Himmels mit dem des Meeres vermischte. Nach übereinstimmender Aussage der Bootsteurer hatte man noch nie zuvor um diese Jahreszeit so wenig Eis gesehen. Jedermann war deshalb bei bester Laune.

»Weiß der Teufel!,« sagte Schneeball zu mir, »du hast eine gute Nase gehabt, wie du im »Blauen Anker« an Bord des »Bowhead« gemustert hast! Du wirst noch in diesem Herbst nach Frisko kommen mit so viel Dollars in der Tasche, daß du sie gar nicht alle wieder los werden kannst!«

Aber alle diese Träume hatten – wie das im Leben meistens so geht – ein kurzes Leben. Kaum hatten wir Kap Sabine passiert, als von oben die Stimme des Mannes auf Ausguck ertönte: »Sail O!« Schiff in Sicht!

Da zogen sich die hoffnungsfreudigen Gesichter sehr in die Länge, denn das Schiff konnte nur der »Narwal« sein, der einen Tag vor uns von der Herschelinsel ausgereist war und sich außerdem nicht mit Holzholen aufgehalten hatte. Wenn wir ihn trotz des Vorsprungs so schnell wieder einholen konnten, so gab es hierfür nur eine Erklärung: das Eis. Bei näherem Herankommen stellte sich die Vermutung als nur allzu begründet heraus. Das Schiff hatte an einem Eisfeld festgemacht, das sich quer zur Fahrtrichtung von Norden nach Süden in unabsehbarer Länge ausbreitete.

Unter diesen Umständen blieb uns nichts übrig, als neben unserem alten Wintergenossen anzulegen und in Geduld den Aufbruch des Eises abzuwarten. Wann dieser Zeitpunkt eintreten würde, das konnte niemand voraussehen; der Kapitän am allerwenigsten. Vielleicht konnten Wochen darüber hingehen.

Dieser Meinung waren wir Grünhörner, aber die beiden Kapitäne, die mit großen Schritten auf dem Achterdeck auf und ab schritten, schienen anderer Ansicht zu sein, denn plötzlich ertönte das helle Signal für die Maschine, und Mr. Johnsons mächtige Stimme hallte über das Verdeck: »Haul in your lines!« – »Los die Leinen!«

Da wir in gerader Richtung nicht weiter konnten, sollte offenbar versucht werden, das Eisfeld in nördlicher Richtung zu umgehen. Es blieb nichts anderes übrig, als durch das Labyrinth der offenen Rinnen, die die Eisfläche wie blaue Adern durchzogen, die Weiterreise nach Osten fortzusetzen. Anfangs folgten wir im Kielwasser des »Narwal« einer in nordöstlicher Richtung verlaufenden Rinne. Bald aber verengerte sie sich, bis schließlich die Spitzen der beiden Eiskanten zusammenliefen und quer über den Lauf der Rinne eine Eisbarriere bildeten. Der »Narwal«, der sich offenbar die Durchbrechung des Hindernisses nicht zutraute, wartete hier unsere Ankunft ab. Nun war der Augenblick gekommen, wo der »Bowhead« seine Künste zeigen konnte. Drei-, viermal rannte er mit Volldampf dagegen, bis er siegreich durch das Eistor jenseits der Barriere ankam. Keinen Augenblick zu früh. Hinter uns hörten wir das Knirschen der gewaltigen Schollen, wie sie sich fester als je aufeinanderschoben und während wir in der offenen Rinne die Reise wieder aufnahmen, beobachteten wir mit nicht geringer Schadenfreude unseren Gefährten, wie er mit erneuten Angriffen, aber immer gleichbleibendem Mißerfolg die stets breiter werdende Eisbarriere bearbeitete. Der »Bowhead« hatte seinen Konkurrenten glänzend aus dem Feld geschlagen.

In den folgenden Tagen habe ich zum erstenmal das kennen gelernt, was nur wenige Menschen zu sehen bekommen: das richtige Packeis. Ja, das war nicht mehr der morsche, brüchige Stoff, mit dem wir es bisher zu tun hatten; das waren Gebilde, denen man ansehen konnte, daß sie nicht von heute auf morgen von der See zerborsten und von der Sonne zerschmolzen werden, sondern daß sie mit all ihren verwitterten und zerklüfteten Kanten schon seit Jahrzehnten über das Eismeer segelten, und daß sie sich fühlten als Teile einer Masse, die dort seit Urzeiten das Regiment führte. –

Es war in den ersten Tagen des Monats August, als wir endlich wieder offenes Wasser antrafen. Die gewaltige Deckladung von Treibholz war inzwischen den Weg alles Brennbaren gewandert, und es fing an, wieder einigermaßen »ship shape« auszusehen. Niemand schien befriedigter darüber als Mr. Johnson. Gravitätisch wie immer schritt er auf dem Achterdeck auf und ab. »Es riecht fischig!« sagte er zu Mr. Lee, der als minder großer Sterblicher auf der Leeseite promenierte. Dabei musterte er mit kritischem Blick die weite Wasserfläche.

»Yes, sir,« antwortete der Angeredete nach einer Weile, »es riecht fischig.«

Die geübten Nasen der alten Seebären hatten sich nicht getäuscht. Kaum eine halbe Stunde nach dieser einsilbigen Unterhaltung ertönte der alte Schlachtruf: »Blo–o –-o–ow!« aus dem Krähennest. Schon waren wir ganz nahe an eine große Kuh herangetrieben, und Sam wiegte die Harpune in der Hand, als in diesem Augenblick höchster Erwartung in nächster Nähe die Bombe eines anderen Bootes explodierte. Das wirkte auf »unseren« Walfisch wie ein elektrischer Schlag. Mit einem einzigen Hieb seiner gewaltigen Fluke zerbrach er den langen Steuerriemen, als ob er ein Streichholz wäre, machte Kleinholz aus dem Tiller, schleuderte den Bootshaken weg, daß er wohl fünfzig Meter weit wie ein Pfeil durch die Luft schoß, und schlug obendrein noch ein klaffendes Leck durch die Planken im Achterende, von wo das Wasser in einem dicken Strom hereingerauscht kam. Gemäß unserer für solche Fälle schon längst beigebrachten Instruktionen legten wir die Riemen quer über das Boot und laschten sie fest mit eigens dafür angebrachten Schnallen. Da standen wir nun mitten im Wasser in hilflosem Wrack und nicht viel besser dran, als ob wir im offenen Meere trieben. Es war ein Glück, daß das Unglück zwischen Eisschollen geschah, denn draußen auf der offenen See hätten die Wellen den gebrechlichen Bau unseres Bootes vollends auseinandergerissen.

Noch hatten wir uns nicht von dem ersten Schrecken erholt, als ein anderes Boot, getaut von dem Walfisch, der – für uns sehr zur Unzeit – harpuniert worden war, in rasender Eile gerade auf unser gänzlich manövrierunfähiges Wrack herangestürmt kam. »Look out!« (»Achtung!«) schrie der Steuermann.

Ja, hier half kein Aufpassen mehr, weder bei uns, noch bei dem herankommenden Boote. Ob es einen Zusammenstoß geben würde, das lag nur beim Walfisch allein. Schnell wie der Blitz war das wilde Heer über uns. Gleich einer grünen Wand tauchte eine hohe Welle auf und rauschte über uns weg. Mir war, als ob der ganze Ozean über mich gefallen wäre. Mechanisch klammerte ich mich noch fester an den Riemen, während um mich her alles erfüllt war von den grünen Fluten, die sausend und brausend vorüberrauschten. Tiefer und tiefer glaubte ich zu sinken bis zum Grunde des Meeres. In jenen Sekunden habe ich die ganze Skala der Empfindungen eines Ertrinkenden durchlebt.

Aber auf einmal, wie ich schon alles verloren glaubte, da kehrten Licht und Sonnenschein und frische Luft – köstliche frische Luft! – zurück. Und die Trümmer des Bootes hielten immer noch zusammen! Und wir lebten alle noch! Es war wie ein Wunder.

Lange noch mußten wir in unserer ungemütlichen Lage aushalten, ehe uns die anderen Boote zu Hilfe kamen. Glücklicherweise trieben wir gegen eine Eisscholle, wo wir aufs Trockene gelangen konnten; aber ach, dort draußen im Freien und in der wieder aufgefrischten Brise, die durch Mark und Bein ging, war es fast noch kälter als im Wasser.

Unterdessen konnten wir von unserm windigen Beobachtungsplatz aus zusehen, wie den Walfisch allmählich sein Schicksal ereilte und wie er längsseit festgemacht wurde. Viel zu langsam ging uns diese Arbeit vor sich, denn ehe der Walfisch gut und fest war – das wußten wir ganz genau – würde sich drüben keine Seele um uns kümmern, sintemalen Menschen lange nicht so wertvoll sind wie Walfische.

Aber schließlich nimmt alles einmal ein Ende, selbst eine Stunde auf einer Eisscholle. Wir waren alle froh, als wir wieder die festen Decksplanken des alten »Bowhead« unter den Füßen spürten. Die Havarie des Bootes stellte sich als nicht so gefährlich heraus, wie man zuerst annehmen konnte. Mit Ausnahme einer zerschmetterten Planke an der Steuerbordseite war es unversehrt davongekommen. Bis der Schaden behoben war, blieben wir allerdings außer Gefecht gesetzt, zum großen Kummer Mr. Lees, der nach neuen Lorbeeren dürstete. Wir andern dachten anders. Was z. B. mich anbetrifft, so hatte ich schon wieder genug und übergenug der Walfischjagden für die ganze Saison. Wie bei dem vorhergehenden Walfisch nahmen wir auch diesmal nur den Kopf. Es war ein kleines Exemplar, das kaum 1500 Pfund Fischbein lieferte.

Mit dem schönen Wetter der beiden letzten Tage war es nun auf einmal vorbei. Ein dicker, undurchdringlicher Eismeernebel begann aus dem Wasser aufzusteigen, sehr zur Freude unseres Steuermanns, dem sich – wie er glaubte – dadurch eine günstige Gelegenheit bot, um ungestört sein Boot auszubessern. Aber der arme Mr. Lee hatte offenbar kein Glück in diesem Sommer. Gerade als die neue Planke soweit war, daß man sie in die Bootsseite einsetzen konnte, wurden schon wieder Walfische gemeldet, die man in dem dicken Nebel zwar nicht sehen, aber sehr gut hören konnte. In ohnmächtiger Wut schleuderte er den Hammer in die Ecke und machte seinem gepreßten Herzen Luft mit einem gewaltigen »God damn!«

Doch alles Fluchen half hier nichts. Untätig mußte er zusehen, wie die andern ihre Boote klarmachten und fast, ehe sie das Wasser berührten, mitsamt der Mannschaft in dem Nichts verschwunden waren. Es war das erstemal, daß ich von der Perspektive des Schiffsverdecks einer Walfischjagd beiwohnte.

Ringsum lag der schwere, graue Nebel in der beklemmenden Stille, in der nur da und dort – manchmal dumpf dröhnend aus weiter Ferne, manchmal laut röchelnd aus nächster Nähe – das Geräusch eines Spauts widerhallte. Plötzlich aber vernahm man deutlich zweimal schnell hintereinander den scharfen Knall der explodierenden Bomben.

»Fast boat!« – »Fest Boot!« sang der Kapitän aus und während er eilends an den Wanten der Vortakelage herunterkam, erteilte er die Befehle. Um die Verbindung mit den Booten herzustellen, wurden Signale mit dem Nebelhorn gegeben, die sich nach einem für solche Fälle vorausbestimmten Code in gleichen Abständen wiederholten. Die Boote antworteten mit Schüssen aus dem Bombengewehre, dessen heller Feuerstrahl, der selbst durch den dicken Nebel deutlich erkennbar war, die Richtung angab. Aber die Entfernung war hier nicht abzuschätzen, und so kam es, daß wir fast auf den toten Walfisch aufliefen. Viel hätte nicht gefehlt, und wir hätten bei der Gelegenheit auch noch zwei der Boote über den Haufen gerannt. Wieder waren wir längsseit einer Beute im Werte von mehr als 10000 Dollars. Wenn das so weiterginge –

Doch man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Der Nebel war nur der Vorläufer eines jener heulenden Südwester gewesen, die dem Schiffer in den Eisregionen so gefährlich sind. Schon begannen sich dicke Wolken am Horizont zu ballen und die ersten Windstöße heulten durch die Takelage. Mit fieberhaftem Eifer wurde daher die Beute in Sicherheit gebracht, dann die Rahen angebraßt, und fort ging es vor der steifen Brise, um womöglich noch vor dem Hereinkommen der Hauptmassen des Packeises unter den Schutz der Küste zu kommen. Eine abenteuerliche Sturmfahrt! Die schwarzen Wolkenschatten jagten einander wie ein wildes Heer von finsteren Gespenstern, und der Wind zerrte an den Tauen, rasselte mit den Schotketten und blähte die Segel bis zum Zerspringen, während der Bug des davoneilenden Schiffes eine breite weißschäumende Straße durch die tintenschwarzen Fluten zog.

Land! Fast unnatürlich plötzlich tauchte es aus dem Meere auf, eine lange, dunkle Linie, die sich am südlichen Horizont hinzog. Geradevoraus lag die hohe, massige Kuppe von Kap Dalhousie und weiter im Osten war Kap Bathurst zu erkennen, vor dem sich, flach wie ein Pfannkuchen, die uns allen noch wohlbekannte Baillyinsel ausbreitete.

Dorthin hielten wir Kurs, denn dort in der kleinen Bai befindet sich der einzige gesicherte Ankergrund im weiten Umkreis. Und siehe da! Kaum war unser Anker gefallen, als auch schon der lange vermißte »Narwal« in Sicht kam. Er hatte eine weniger abenteuerliche, aber auch nicht so erfolgreiche Reise hinter sich. Er hatte die Vorsicht als den besseren Teil der Tapferkeit erwählt und war nach dem mißglückten Durchbruchsversuch nach Kap Sabine zurückgekehrt, um dort den Aufbruch des Küsteneises abzuwarten.

Wieder vergingen lange und langweilige Tage des Wartens auf das Verschwinden des Eises, das der Nordweststurm wieder hereingetrieben hatte. Abscheuliche Tage! Man konnte glauben, daß jetzt, zu Anfang August, der Winter schon wieder seinen Einzug halten wolle.

Das Erstaunen war daher groß, als eines Abends, kaum drei Tage nach unserer Ankunft, der willkommene Ruf ertönte: »Smoke to the westward!« »Rauch im Westen!«

Schnell wurde die Rauchwolke größer, und hinter ihr zeichneten sich die Masten und Rahen eines Schiffes ab, von dessen Gaffel die Sterne und Streifen wehten. Der »Alexander«, dem ich im vergangenen Herbst so sehnsüchtig nachgeblickt hatte, kam in Sicht. Kaum hatte er neben uns Anker geworfen, als man ein Boot zu Wasser ließ, das den Kapitän an Bord brachte. Neugierig betrachteten wir die Leute der Bootsmannschaft. Weiße Menschen in europäischen Kleidern! Es gab also doch noch auf dieser Erde eine gesittete Welt mit gesitteten Menschen! Und was diese Leute alles zu erzählen wußten! Von den Heuerbaasen und den Strandläufern an der Wasserfront des alten Frisko, von der hohen Politik, von Teddy Roosevelt, von MacKinleys Ermordung, von John D. Rockefeller und von Jim Jeffries, der aus dem letzten großen Boxkampf um die Weltmeisterschaft als neuer Stern am Sporthimmel hervorgegangen war. Und dann brachten sie gar noch Briefe aus der fernen Heimat. – Zuviel der wirren, widersprechenden Empfindungen sind in jenen Stunden auf meine arme Seele eingestürmt, als daß ich davon erzählen könnte.

Bald nach dem »Alexander« kamen auch, eins nach dem andern, die übrigen Schiffe an und gingen in Lee der Insel vor Anker; im ganzen etwa zehn Fahrzeuge.

Wie der Westwind abflaute und das Eis langsam wegzutreiben begann, nahmen wir die Weiterreise wieder auf in der Richtung nach Banksland, dessen Südspitze, das hohe Vorland von Nelsonhead, wir etwa am 1. September in Sicht bekamen.

Aber es dauerte auch diesmal nicht lange, ehe wir wieder mitten drin waren im typischen Bankslandwetter. Wilde Böen, die der Ostwind wie schwarze, phantastische Schleier über den Himmel hinjagte; eisige Regenschauer, prasselnde Hagelwetter und tolle Schneegestöber. Grau und düster war alles ringsum, der Himmel, die Wolken, das Wasser, das Land und die Menschen.

Wohl vierzehn Tage kreuzten wir vor jener fernen Küste, ohne durch die Anwesenheit eines der andern Schiffe gestört zu sein, und wären wir auch nur einigermaßen vom Glück begünstigt gewesen, so hätten wir hier einen großen Fang gemacht, denn an Walfischen war kein Mangel. Fast kein Tag verging, der nicht unsere Boote im Wasser gesehen hätte; aber keinen einzigen Walfisch haben wir in jenen Tagen längsseit gehabt. Es war, als ob wir das letzte bißchen Glück dort draußen im Packeis zurückgelassen hätten. So war es für uns alle wie eine Erlösung, als wir nach langem, fruchtlosen Umherkreuzen endlich die Rahen Vierkant braßten und mit voller Leinwand vor dem Oststurm davonjagten. Westwärts – heimwärts!

Schon nach drei Tagen waren wir wieder an unserm alten Liegeplatz vor der Baillyinsel angelangt, der sich inzwischen nicht zu seinem Vorteil verändert hatte. Nicht, als ob er je einen einladenden Eindruck gemacht hätte, aber jetzt, wo die weiße Schneedecke über dem flachen Lande lag, wo die stille Wasserfläche in der Bucht mit einer Haut von jungem Eis überzogen war und der niedrige, blaugraue Himmel sich darüber wölbte, da sah es gar öde und traurig aus.

Ein einziges Schiff – der »Alexander« – lag in der Bucht, offenbar in Erwartung unserer Ankunft. Kaum hatten wir Anker geworfen, als er Boote herüberschickte, um unser Fischbein abzuholen, während wir die unsrigen klarmachten, um – Proviant von dem andern Schiff zu übernehmen. Proviant? Wozu? Mich überlief es kalt und wieder heiß dabei, denn wenn diese Arbeit überhaupt einen Sinn hatte, so konnte es nur der eine sein: Noch ein Winter! So war es also zur Wirklichkeit geworden das bange Gespenst, das in all den langen Monaten über uns gebrütet hatte; der Teufel, der schon lange umgegangen war und den doch keiner an die Wand zu malen wagte. Noch ein weiteres kostbares Jahr verloren in dieser Eiswüste!

Kaum war das letzte Pfund Fischbein an Bord gekommen, als der »Alexander« die Leinen loswarf und mit vollen Segel davon eilte nach jener großen, lebendigen Welt, die irgendwo dort unten im Süden lag.

Bald waren die obersten Mastspitzen des heimwärts reisenden Schiffes unter den westlichen Horizont hinuntergetaucht, und wir waren wieder einmal allein im weiten Eismeer. –

Ungewöhnlich früh brach in diesem Jahr der Winter herein. Die Luft war klar und kalt, und das junge Eis in der Bucht wurde immer dicker. Wir mußten deshalb ebenfalls an die »Heimreise« – nach der Herschelinsel – denken.

Vorerst kreuzten wir aber noch in den Gewässern westlich der Baillyinsel, in der Hoffnung, an einen der westwärts ziehenden Walfische heranzukommen, denn da wir von den drei erbeuteten Walfischen nur den Kopf genommen hatten, gebrach es sehr an Tran für unsere Lampen und an Muktuk für die Hunde. Das Versäumte mußte daher noch im letzten Augenblick nachgeholt werden, und die Befriedigung war groß, als auf der Höhe von Kap Dalhousie noch ein solcher Nachzügler in Sicht kam, der trotz hochgehender See in kurzer Zeit längsseit gebracht wurde.

Der Bursche verursachte uns ein paar Stunden der Aufregung, da er in der hohen See gewaltig in den Talljen riß, aber trotz Sturm und Wetter wurde nicht geruht, bis das letzte Pfund Speck an Bord war. Dann ging es ans Kochen und Sieden, und während die flackernden »Cressets« einen blutroten Schein auf die weißen Segel und über die wilden Wellen des sturmgepeitschten Meeres warfen und die rußigen Rauchwolken wie schwarze Schleier hinter uns her zogen, hielten wir von neuem unseren Einzug im alten Winterhafen auf der Herschelinsel.


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